Erstmals ermittelt Jim Chee für die Navajo-Police. Das hat rechtliche und keine dramaturgischen Gründe. Joe Leaphorn kehrt in Band 6 zurück und arbeitet dann mit Chee zusammen.
Im Denken der Weißen, die in diese Sache verwickelt waren, spürte er keine solche Harmonie. Für alle Unternehmungen aber war Harmonie unerlässlich. Vor allem für die Jagd. Und hier hatte es sich von Anfang an um eine Jagd gehandelt.
Tony Hillerman: Zeugen der Nacht
Die Kriminalromane von Tony Hillerman sind großartig. Auch der dritte Teil der Reihe um die Navajo-Police hat jenen Charme, der durch die ungewöhnliche Umgebung der Handlung und einige unverwechselbare Zutaten entsteht: Spannung, Spott und eine gut verdauliche Prise Mystik der indianischen Gemeinschaften.
Hillerman hat die spezifischen Aspekte aus der Kultur einer bzw. mehrerer indianischer Gemeinschaften gekonnt in die Handlung seiner Romane eingeflochten; sie sind Teil des Falles, sie erklären Motive, Ursachen und auch den Verlauf der Tat, allerdings aus einer Perspektive, die für Leser, die nicht vertraut sind mit den kulturellen Eigenheiten der Indigenen, übersetzt werden müssen.
Das übernimmt in Zeugen der Nacht Jim Chee, der an die Stelle von Joe Leaphorn, dem Ermittler der ersten beiden Teile der Reihe. Das hat rechtliche, nicht erzählerische Gründe, wenn ich mich recht erinnere. Zu einem späteren Zeitpunkt werden beide gemeinsam ermitteln, was bei mir große Vorfreude auslöst.
Aber die Art, wie die Weißen dachten, verstand Jim Chee nicht.
Tony Hillerman: Zeugen der Nacht
Chee beobachtet die „Weißen“. Das führt zu kuriosen Situationen, wenn er etwa eine »weiße« Frau kennenlernt, die ihn wiederum beobachtet. Beide sind voneinander durchaus persönlich angezogen, im „romantischen“ Sinne, doch auch voller Neugier gegenüber dem Fremden, Anderen. Diese eher unromantische, „anthropologische“ Anziehung hat Hillerman zu einer herrlichen Buddy-Erzähllinie verarbeitet.
Aus dem gegenseitigen Missverstehen ergibt sich eine Spannungsfeld. Wie immer hat das positive und negative Folgen. Chee stellt sich Fragen, auf die er so lange keine Antwort findet, bis ihm dank seiner Bekanntschaft mit einer Weißen eine Verständnis-Tür geöffnet wird, weil er einsichtig ist, um ab einem gewissen Punkt nachzufragen.
Das wirkt recht unspektakulär, ist jedoch ein ganz zentraler Aspekt bei der Aufklärung dieses Kriminalfalles (und darüber hinaus), weil dieser grenzüberschreitend zwischen zwei einander sehr fremden Kulturen stattfindet. Fast unmerklich kommt der Leser durch die Handlung auch in Berührung mit anderen Brennpunkt-Themen der US-Gesellschaft: Armut. Polizeigewalt. Drogen. Wirtschaftliche Ausbeutung. Wohlgemerkt: Der Roman ist Jahrzehnte alt.
Morgensonne fiel durch das Fenster hinter ihrem Schreibtisch und warf flammendes Licht auf ihr kurzes rotes Haar. Sie war jung und hatte diesen rosigen Teint, bei dessen Anblick Chee sich fragte, wieso die Weißen die Indianer Rothäute nannten.
Tony Hillerman: Zeugen der Nacht
Der Ermittlungsanlass, der die Geschichte in Gang setzt, ist auf den ersten Blick nebensächlich: ein eher unwichtiger Gegenstand wurde gestohlen. Aber dieser war seltsamerweise in einem Safe versteckt, dessen Lage nur wenigen bekannt war. Außerdem war der Dieb in seiner Auswahl wählerisch, denn es wurde nur diese eine Sache geklaut, obwohl er reichlich andere Dinge von Wert gab.
Chee muss schnell feststellen, dass eine Reihe von Menschen, einschließlich seines Vorgesetzten, überraschend großes Interesse an dem Diebstahl haben. Wie so oft in derartigen Fällen bricht der Schutzwall um ein längst vergangenes Geschehnis wieder auf und fordert seinen Tribut. Es gibt mehr und mehr Tote, manche sind schon lange tot, andere werden im Laufe der Ermittlungen aus dem Leben gerissen.
Auch der Ermittler gerät ins Fadenkreuz, was Hillerman zu sehr spannenden Passagen nutzt, während die Handlung vor allem durch das sich langsam entfaltende, sich aus dem Nebel mystischer Andeutungen und Rätsel herausschälende Geheimnis lebt. Der jähe Tempo- und Dynamikwechsel gehört zu den charakteristischen Merkmalen der Navajo-Police-Romane.
Ganz besonders gefallen hat mir die Gestaltung des Antagonisten, der Chee töten will. Ein Profi-Killer geht auf die Jagd. Der Attentäter geht mit einer schwärenden Wunde durchs Leben und wird auf diese Weise sehr menschlich, statt nur ein grob geschnitzter Bösewicht zu sein. Er ist – viel gefährlicher – ein verwundeter Mensch.
Tony Hillerman: Zeugen der Nacht Ein Fall für die Navajo-Police Aus dem Englischen von Klaus Fröba Unionsverlag 2022 Taschenbuch 256 Seiten ISBN: 978-3-293-20955-8
Kuba im Ausnahmezustand: 2016 besucht US-Präsident Barack Obama die Insel, auch die Rolling Stones haben sich angekündigt. Die Polizei ist überlastet, Mario Conde soll aushelfen, einen Mord aufzuklären. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.
Mario Conde nimmt im Erzähluniversum von Leonardo Padura eine ganz besondere Stellung ein. Im Havanna-Quartett ist Conde als Ermittler der kubanischen Polizei tätig, gibt diese Tätigkeit im letzten Band jedoch auf. Er begegnet dem Leser in zahlreichen späteren Romanen wieder, als Buchhändler etwa, vor allem jedoch als ein Bewohner der Insel Kuba, der versucht, am Leben zu bleiben und irgendwann einen Zugang zum Schreiben zu finden. Selbst in jenen Erzählwerken, die nichts mit Conde zu tun haben, wird er wenigstens erwähnt, sogar im Opus Magnum Paduras, Der Mann, der Hunde liebte.
Der Leser von Paduras Romanen erlebt einen wesentlichen Teil der jüngeren Geschichte Kubas an der Seite Mario Condes mit, unternimmt jedoch immer wieder weite Ausflüge in die Vergangenheit. Die Insel in der Karibik ist auf überraschend vielfältige Weise direkt oder indirekt mit der Geschichte anderer Welt-Regionen verbunden. So lebt und stirbt der Mörder Leo Trotzkis dort; Hemingway war dort, natürlich, aber auch zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Dinge im Erzählwerk Paduras werden motivisch miteinander verknüpft: Rembrandts Schüler in Amsterdam 1648, das Drama um jüdische Flüchtlinge auf der St. Louis 1939 und ein verschwundenes Mädchen im Jahr 2007 im Roman Ketzer.
Kuba ist seit Jahrzehnten ein wenigstens autoritär geführtes Land, das den Sozialismus als ideologisches Aushängeschild führt. Leonardo Paduras Romane beschreiben viel der Lebenswirklichkeit auf Kuba, ohne politisch in dem Sinne sein zu wollen, dass sie dieser oder jener politischen Richtung, Ideologie, Partei das Wort reden. Selbstverständlich bleibt alles dennoch stets politisch. Der jeweilige Fingerzeig ist auch ohne pathetisches J´accuse …! offenkundig. Wozu auch, denn Padura hat einen ganz eigenen Weg gefunden, sich zu den Dingen zu äußern.
Italien ist von hier aus mindestens so weit weg wie der Mond.
Leonardo Padura: Anständige Leute
Zu Beginn des Romans Anständige Leute ist Mario Condes Leben wieder einmal in Aufruhr. Seine Freundin Tamara steht davor, das Land zu verlassen, sie will nach Italien, wo Verwandte leben. Ihre Rückkehr ist ungewiss. Die Flucht aus den bedrückenden Umständen Kubas gehört auch zu den wiederkehrenden Motiven von Paduras Romanen, etwa Wie Staub im Wind. Diesmal kehren einige im Ausland lebende Kubaner zurück, darunter Freunde Condes, aber auch zwielichtige Gestalten mit unredlichen Absichten.
Obendrein stehen große Ereignisse an, denn Barack Obama und die Rolling Stones wollen die Insel besuchen. Ich erspare mir zeitgeschichtliche Erklärungen, warum Obamas Visite eine andere Qualität hatte, als der Besuch eines deutschen Regierungschefs in Frankreich. Conde hat einen für ihn überlebenswichtigen Nebenjob angenommen, als Aufpasser in einer hippen Lokalität hat er ein Auge auf Drogenkonsum. Er wird dort Zeuge, dass Ausländer, Touristen und manche Einheimische abendlich so viel Geld auf den Kopf hauen, wie gewöhnliche Inselbewohner über Wochen zum Leben ausgeben. Kuba wandelt sich, zumindest teilweise weht eine frische Brise, und die Frage stellt sich, wie weitgehend oder dauerhaft der Wandel sein werde.
Eine kleine Pause zwischen einer dunklen und einer düsteren Zeit.
Leonardo Padura: Anständige Leute
Die Antwort, die Conde auf die Frage gibt, ist pessimistisch, in seiner Eigensicht aber realistisch. Der Grund für diese Haltung liegt in der Vergangenheit, der eigenen wie auch der weiter zurückliegenden Kubas. Folgerichtig springt die Handlung des Roman zurück in die Zeit des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, den Jahren des Befreiungskampfes und der Selbstbehauptung gegen die Spanier und die USA. Erzählt wird von einer »verrückten und schmerzhaften Zeit, die in gewisser Hinsicht immer noch anzudauern schien.«
Padura spannt den erzählerischen Bogen weit und nutzt die unerfüllten schriftstellerischen Neigungen seiner Hauptfigur, um eine Verbindung herzustellen. Conde beschäftigt sich nämlich mit den Herren Arturo Saborit und Alberto Yarini, einem Polizisten, »der sich für anständig hielt«, und einem Zuhälterkönig, der zum Mythos geworden ist. Auf Yarinis Grab liegen noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts frische Blumen, wie Conde erzählt.
Das ist nur eine Verbindung von der Gegenwart in die Vergangenheit. Yarini, der Zuhälter, will hoch hinaus in der Politik, die bereits von jenen Übeln befallen ist, die auch über einhundert Jahre später auf Kuba vorherrschen. Allgegenwärtige Korruption und Misswirtschaft, begangen auch von den Helden des Befreiungskrieges, die zu Blutsaugern an jenem Staat wurden, für den sie gekämpft hatten. Polizist Saborit ist gegen die Verlockungen keineswegs gefeit, trotz seiner Eigensicht, »anständig« zu sein.
Die Parallelen zu den sozialistischen Revolutionären Kubas des 20. Jahrhunderts liegen auf der Hand, die Vergangenheit ist ein Schwarzer Spiegel für die Gegenwart. Man kann das sehen, etwa am Nebeneinander von bitterster Armut und Reichtum in Gestalt von Häusern und Wohnungen. Für das Kuba Mario Condes gilt, was Arturo Saborit in einen Erinnerungen über die eigene Zeit zu berichten wusste.
Sein Heimatland bestand in Wirklichkeit aus mehreren Ländern, deren Lebensqualität sich stark voneinander unterschied.
Leonardo Padura: Anständige Leute
Das wiederum ist mit den Idealen der kommunistischen oder sozialistischen Ideologie unvereinbar, die Gleichheit, Progressivität und Überlegenheit postuliert. Und doch ist genau das Realität, was angeblich überwunden sein sollte. Paduras Anständige Leute wirf also die ganz große Frage auf, ob es überhaupt so etwas wie einen Fortschritt gibt oder ob (auf Kuba) alles im Kern nicht so geblieben ist, wie es lange vor der Revolution schon war. Die schamlose Selbstbereicherung der Herrschenden auf Kosten des Gemeinwesens ist nur eine Facette, die Abgründe reichen tiefer.
Ein Toter namens Reynardo Quevedo bringt die Handlung in Gang, denn die Suche nach dem Mörder ist selbstverständlich mit dessen Vergangenheit und der Kubas eng verschlungen. Mario Conde wird von seinem alten Kollegen Manolo um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten, weil die Sicherheitsorgane wegen des Besuchs von Obama bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit beansprucht sind. Conde springt in die Bresche und dringt auf der Suche nach dem Täter immer weiter vor, mitten hinein in die – pardon – »Scheiße«.
Das also war der Bluthund, den die, die im Land das Sagen hatten, zur Aufrechterhaltung der ideologischen Reinheit auf die Bewohner der kubanischen Republik der Künste angesetzt hatten.
Leonardo Padura: Anständige Leute
Der ermordete und verstümmelte Quevedo war als »Zensor« oder »Großinquisitor« des Castro-Regimes tätig. Er verfolgte von der Leitlinie abweichende Künstler, stellte sie kalt, demütigte sie und trieb sie sogar in den Tod. Dabei presste er den von ihm Gegängelten ihre Werke ab und häufte ein kleines Vermögen an, denn die Kunst der Verfolgten war – außerhalb Kubas – harte Devisen wert. Gleichzeitig wurde er vom Regime mit Privilegien und Ehren bedacht, äußerliche Loyalität ist nämlich die wichtigste Währung des Totalitarismus.
Quevedo besitzt eine teure Wohnung mitten im Elend des Sozialismus, er hat die »Sonderperiode« (ein verharmlosender Begriff für Knappheit und Hunger) überstanden und lebt gut, trotz der Unfähigkeit des Staates, die Bevölkerung auch nur mit dem Nötigsten zu versorgen und den Verfall der Infrastruktur zu stoppen. Im eigenen Haushalt wird die Bedienstete zwar »Genossin« geheißen, obschon sie nichts anderes als eine Dienerin ist.
Bigotterie und Doppelzüngigkeit gehen noch ein Stück weiter. Totalitäre Regime, auch wenn sie sich progressiv oder sozialistisch oder kommunistisch nennen, sind oft homophob. Schon in seinem Roman Labyrinth der Masken hat Padura das Motiv aufgegriffen. In Anständige Leute nimmt er mehrfach darauf Bezug, eines der Opfer Quevedos, ein Theaterautor namens Marqués, spielte in Labyrinth der Masken eine wichtige Rolle.
Bring den Rum, verdammt, das muss gefeiert werden. Sie haben das Arschloch umgelegt!
Leonardo Padura: Anständige Leute
Angesichts der Schandtaten Quevedos ist diese Reaktion nicht weiter überraschend, eher die Offenheit, mit der die Freude über den Tod des ehemals Mächtigen geäußert wird, denn das Herausposaunen der Zufriedenheit über das gewaltsame Ableben des verhassten Apparatschiks macht verdächtig. Es ist naheliegend, dass die Tat aus dem Motiv der Rache ausgeführt wurde, in dieser Richtung ermittelt Conde selbstverständlich.
Spätestens an diesem Punkt stellt sich ihm und dem Leser die Frage nach der moralischen Bewertung der Mordtat. Ein zutiefst unanständiger Zeitgenosse, der durch seine Tätigkeit das Leben von Künstlern ausgelöscht hat, indem er ihnen die Möglichkeit nahm, ihre Kunst auszuüben und dem Leben den Sinn, die Grundlage raubte, wurde das Opfer einer Gewalttat. Möchte man eigentlich, dass der Mörder gefunden wird?
Anständige Leute ist weniger die Auseinandersetzung mit der Frage, ob man in einem unanständigen, autoritären, menschenverachtenden Unrechtsstaat anständig sein kann oder – etwas weiter gefasst: ob das in einem schwierigen politischen und gesellschaftlichen Umfeld überhaupt möglich ist. Padura zielt eher auf eine Konfrontation des Lesers mit dem Wort »anständig« und seinem Gebrauch ab.
Im lexikalischen Sinne meint »Anstand« ein gutes, vielleicht schickliches Benehmen, mit dem man keinen Anstoß bei anderen erregt. Anstand ist also relativ, abhängig davon, wer das Verhalten eines Menschen wertet. Das gilt für alle Menschen, Gesellschaften und Institutionen, insbesondere jene, die auf einer totalitären Ideologie fußen.
Anstand ist in diesem Fall häufig eine Form des Konformismus, der völlig unmenschliche, ungesetzliche und sogar gegen die eigenen Regeln verstoßende Handlungen aber durchaus duldet, so lange der äußere Schein gewahrt werden kann. Quevedo ist in dieser Hinsicht ein Idealtyp dieses »Anstands«, innerhalb »des finsteren Innenlebens einer inquisitorischen Welt.«
Für viele Künstler war diese Zeit wie ein Aufenthalt in der Hölle, aus der oftmals jede Erlösung zu spät kam.
Leonardo Padura: Anständige Leute
So folgt der Leser also der Handlung in diesem wunderbaren Roman, der auf beiden Zeitebenen unterhaltend, spannend und wendungsreich ist, auch was die Auflösung des Falles oder der Fälle anbelangt. Denn auch in der Vergangenheit, also der Gegenwart von Saborit und Yarini, beschäftigt ein gruseliger Mord mit einer verstümmelten Leiche die Zeitgenossen und die professionellen Ermittler. Auch das ist eines der vielen verbindenden Motive über die Jahrzehnte hinweg.
Rezensionsexemplar.
Leonardo Padura: Anständige Leute Aus dem Spanischen von Peter Kultzen Unionsverlag 2024 Gebunden 400 Seiten ISBN: 978-3-293-00621-8
Das Leben Geron Raths hat sich dramatisch gewandelt, er kämpft auf verlorenem Posten. Auch für Chary und Fritze ist im Sommer 1936 der Punkt erreicht, an dem die bisherige Überlebensstrategie nicht mehr trägt. Von ein paar kleinen Wermutstropfen abgesehen, ein großartiger Roman. Cover Piper-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
In dem Roman Olympia von Volker Kutscher geht es zu wie in einem Spukschloss, so viele Geister der Vergangenheit treiben ihr Unwesen. Die Geister der Gegenwart, die Rath in einem schaurigen Reigen umtanzen, passen eher zu einem finsteren Horror-Schloss, Folterkeller inklusive. Sie tragen schwarze Uniformen, unterstehen Heinrich Himmler, dem Chef von Polizei und SS im »Dritten Reich«, tanzen nach der Pfeife Reinhold Heydrichs, des Herren über Unrecht und Ordnung.
Am Ende des Vorgängerromans Marlowsaß Oberkommissar Gereon Rath in einer Falle, die ihm ein Geist der Vergangenheit namens Sebastian Tornow gestellt hatte. Der ehemalige Polizist, einst von Rath überführt, Mitglied der Verbrecherorganisation »Die Weiße Hand« zu sein, hatte seinen Arm verloren, war ins Ausland geflohen, ehe ihm der Machtwechsel in Deutschland 1933 das Tor zurück geöffnet hatte. Er gehört mittlerweile zum mächtigen Schwarzen Orden der SS.
Der Oberkommissar Gereon Rath ist seitdem ganz vom Wohlwollen des hasserfüllten Tornow abhängig, seine Position in den nationalsozialistischen Institutionen zunehmend unklar: Offiziell gehört er zum Landeskriminalamt, praktisch hängt er am Gängelband seiner Nemesis. Die Frage, ob sich Rath mit seinem Instrumentarium aus (Halb-)Lügen, Lavieren und Tänzeln am Abgrund wieder aus der Affäre ziehen kann, stellt sich kaum, denn schon in den Romanen Lunaparkund Märzgefallenehat diese Überlebensstrategie bestenfalls Schlimmeres verhindert.
Es war nicht das Leben, das er sich ausgesucht hatte, aber wer konnte das schon, zumal in diesen Zeiten. Er konnte froh sein, dass er überhaupt noch eines hatte.
Volker Kutscher: Olympia
Da Olympia mit einem kleinen Prolog aus dem Jahr 1937, von der Handlung aus also ein Stück in der Zukunft liegend, beginnt, weiß der Leser schon, dass einiges in die Brüche geht. Die Olympischen Spiele von 1936, die dem NS-Regime einen Propaganda-Triumph bescherten, haben das Leben eines Mannes grundlegend geändert, wie es heißt. Der hat eine neue Identität angenommen, er arbeitet und lebt in bescheidenen Verhältnissen, zurückgezogen und weit weg von Berlin. Man ahnt, von wem die Rede ist.
Die Vergangenheit ruht jedoch nicht, sie ruht nie. Sie holt den Mann in seinem verdeckten Exil ein. Als er nach getaner Arbeit in seine bescheidene Unterkunft zurückkehrt, sitzt ein Toter in seinem Sessel und eine vertraute Frauenstimme begrüßt ihn. Dieser Spoiler verrät faktisch nichts, reißt vielmehr eine baugrubengroße Leerstelle auf, die der Leser unbedingt gefüllt sehen will; die Spannung schießt sogleich nach oben.
Volker Kutscher hat die Vergangenheit schon in den Romanen ab Die Akte Vaterland fabelhaft in seine Handlung integriert, den Mordfall ganz wunderbar aus zurückliegenden Ereignissen hergeleitet und motiviert. Diesmal bündeln sich die von Rath (und dem Leser) erlebte Vergangenheit in der Handlung, treiben sie voran, bremsen sie aus, lenken die Gedanken und Spurensuchen in Sackgassen und vor allem in die finsteren Abgründe des Dritten Reichs.
Nichts hatte sich verändert.
Volker Kutscher: Olympia
Im Sommer 1936 trifft Gereon Rath diese Feststellung im Nassen Dreieck, einer Kaschemme, deren Interieur so wirkt, wie immer schon. »Immer« meint vor allem die Zeit vor 1933, die Zeit der Weimarer Republik, der oft wankenden, stets auf das Heftigste angefeindeten Demokratie, der am Ende vor allem die Demokraten fehlten. Eine Illusion, wie der im Nassen Dreieck sitzende Gereon Rath weiß.
Dreieinhalb Jahre nach der Machtübergabe an Hitler hat sich nämlich alles verändert. Nicht nur draußen, vor den Scheiben des Nassen Dreiecks, sondern auch bei den Personen, die sich drinnen treffen. Reinhold Gräf, ehemaliger Freund, ehemaliger Polizist, ehemaliger Gestapo-Beamter und mittlerweile Untersturmführer im SD ist der Führungsoffizier des Inoffiziellen Mitarbeiters Gereon Rath, offiziell Oberkommissar im Landeskriminalamt.
Gräf ist also auch eine Art Geist der Vergangenheit, der sich in der Gegenwart zu einem Schreckgespenst gewandelt hat. Der eigentliche Unhold ist jedoch Obersturmführer Tornow, ein deutlich ranghöheres Mitglied der SS als Gräf, der Rath unbarmherzig schurigelt. Spurt der nicht, landet er im Konzentrationslager, das im Roman konsequent mit KL abgekürzt wird; das Schicksal blüht auch der unwissenden Charlotte Rath, das Leben der beiden ist das unter einem (für Charly unsichtbaren) Damoklesschwert.
›Und wenn sie nichts sagt, reichst du sie dann zur Folter an die Gestapo weiter.‹
Volker Kutscher: Olympia
Was KL für deren Insassen bedeutet, warum der Name Gestapo oder die Adresse Prinz-Albrecht-Straße bei allen Menschen in Deutschland, selbst SA- und Parteimitgliedern Angst auslösen, wird dem Leser auf recht drastische Weise vorgeführt. Rath, der ewig Lavierende, instrumentalisiert selbst ein wenig diese Angst, als er an seinem neuen Einsatzort zu verdeckten Ermittlungen eingeschleust wird und die widerspenstigen Kollegen bald glauben, er wäre selbst ein Gestapo-Mann.
Rath ermittelt im Olympischen Dorf, wo ein Todesfall geschieht, der aus politischen Gründen kein Mord sein darf. Der Tote ist ein Amerikaner, Funktionär in der Schwimmmannschaft der USA, die – bedauerlicherweise und nicht zur Nachahmung empfohlen – die Spiele nicht boykottierten. Ein Mord würde den für die Nazis so wichtigen Spiele beschmutzen, deren Propagandawert beeinträchtigen, daher sind diese »Ermittlungen« von Anfang an ein groteskes Irrspiel mit der Wahrheit, politischen Interessen, Machtkämpfen und persönlichem Hass.
Die Polizeiarbeit in Deutschland hat sich 1936 dramatisch verändert. Das »Politische« genießt Vorrang, wie in allen totalitären Regimen wird nicht nach der Wahrheit, sondern nach einer passenden Erzählung gesucht – im Falle des Dritten Reichs lautet ein Leitmotiv: kommunistische Verschwörung. Entsprechend wird nach Verdächtigen gesucht, die brutal verhört werden und in Haft bleiben, wenn sie trotz Gewaltanwendung nichts aussagen und ihre Schuld eigentlich widerlegt ist.
›Ich weiß nur, wenn wir unsere Erkenntnisse an die Behörden weitergeben, dann begehen wir einen Mord.‹
Volker Kutscher: Olympia
Wenn zwingende Gründe auftreten, die der Grundannahme widersprechen, werden diese zurechtgebogen, bis sie mit den Interessen der SS übereinstimmen, oder aber ignoriert bzw. vertuscht, ganz wie es beliebt. So entsteht ein kurioses Hin und Her, das ganz passend den Eindruck einer überwältigenden Willkür und schmerzlicher Ungerechtigkeit erzeugt. Rath ist zu einem Spielball degradiert, obendrein persönlich in das verworrene Mordgeschehen verstrickt.
Sein ehemaliger Ziehsohn Friedrich Thormann (»Fritze«) ist als Ehrendienstler auch im Olympischen Dorf tätig. Sein Interesse gilt einem Autogramm des US-Sprint-Superstars Jesse Owens, dem vierfachen Goldmedaillengewinner bei diesen Spielen, eine Leistung, die angesichts der im Reich gepflegten Lehre von der überlegenen »weißen Rasse« der so genannten »Arier« zu obskuren Lügen und Verschwörungserzählungen zwingt.
Fritze ist Zeuge des Todes, der kein Mord sein darf, und wird in den Fall und dessen lebensgefährlichen Wirrnisse hineingezogen, hinter denen tatsächlich eine Verschwörung steht, aber eine ganz andere, als gedacht. Auch Charly steht unter Druck, sie arbeitet mit Ex-Polizist Böhm heimlich als Fluchthelferin. In Olympia kommen diese Formen des Durchwurstelns im »Dritten Reich« an ihre Grenze, Kutscher zwingt seine Helden dazu, sich den Tatsachen, so schmerzlich sie auch sind, zu stellen.
›Oberkommissar Rath ist zu einem Risiko für Deutschlands Sicherheit geworden. Er muss beseitigt werden.‹
Volker Kutscher: Olympia
Gegen Ende des Romans überspannt Volker Kutscher den Bogen für meinen Geschmack ein wenig. Sowohl die Auflösung der Todesfälle als auch der Showdown sind nicht so gelungen, wie in den anderen Romanen. Gewünscht hätte ich mir auch eine spürbare Entwicklung von Charlotte Rath, die noch immer aus einer sehr spontanen, fast naiven Haltung heraus agiert, was angesichts ihrer Klugheit und des langen Weges, den sie von der Stenotypistin zur Fluchthelferin zurückgelegt hat, nicht recht passen will.
Das ist ein kleiner Wermutstropfen angesichts der großen, sich zuspitzenden Spannung, von der die Handlung in diesem Roman getragen wird. Die vielen Wendungen, groß und klein, die meisten Entscheidungen der Personen, sind sehr gut motiviert. Das Ende oder: die Enden sind wie Türen in den folgenden Band, den man gleich im Anschluss lesen möchte.
Vor allem mochte ich das große Bild, das gezeichnet wird, die Atmosphäre, als läge Berlin unter einer Winternacht: In einem Unrechtsstaat kann niemand anständig bleiben, Wegducken, Mitlaufen, selbst williges Mitschwimmen und Mittun im Strom kann – wenn der Zufall es will – verheerende Folgen zeitigen. Vor derlei Unbill schützt nur das Recht im Rechtsstaat, ist der erst einmal geschleift worden, ist es zu spät.
Der letzte und beste Teil des Havanna-Quartetts um Teniente Mario Conde. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.
Während der Lektüre habe ich mir oft die Frage gestellt, warum dieser Kriminalroman so viel charmanter, tiefgründiger und unterhaltsamer ist als seine deutschen Pendants, die ich zuletzt gelesen habe. Eine Antwort darauf ist, dass es sich gar nicht um einen Krimi handelt, obwohl die Hauptfigur Teniente Mario Conde als Polizist arbeitet und einen Mordfall aufzuklären hat. Das Meer der Illusionen ist vor allem Literatur, die sich mit grundlegenden Fragen des Lebens befasst.
Ein Toter wird aus dem Meer gefischt, er wurde mit einem Schlag auf den Kopf getötet und obendrein kastriert. Bei dem Mann handelt es sich um einen Rückkehrer, einst ein hohes Tier der kubanischen Elite hat er sich bei einem Aufenthalt in Spanien abgesetzt und der Insel eigentlich für immer den Rücken gekehrt. Eine der wesentlichen Fragen, denen der Ermittler Conde nachgehen muss, ist das Motiv der Rückkehr nach Kuba, eine sehr ungewöhnliche Handlungsweise.
Kuba ist ein Land, das – im Gegensatz zum Mauer- und Todeszaun-Staat DDR – eine natürliche Umzäunung hat: das Meer. Trotz gewaltiger Gefahren machten und machen sich Menschen auf, um die Insel zu verlassen, alle in irgendeiner Form von der Idee beflügelt, es anderswo besser zu treffen als im nicht enden wollenden Mangel. Wie bereits der Buchtitel andeutet, trifft diese Absicht auf Hindernisse, die nicht einfach und manchmal auch gar nicht überwindbar sind.
Das Motiv des Fortgehens durchzieht mehr oder weniger intensiv alle Romane Paduras, kein Wunder, ist es doch ein ganz wesentliches Element des Lebens auf Kuba, spätestens seit der Revolution. Diese hat viele Begüterte aus dem Land getrieben, selbstverständlich konnten diese nicht alles mitnehmen in ihr neues Leben; umfangreiche Enteignungen folgten und da autoritäre Regimes generell anfällig für Korruption sind, tat sich ein weites, kriminelles Feld auf.
Meine Geschichte beginnt auch vor langer Zeit, aber ich kann sie euch erst jetzt erzählen … weil ich nämlich heute bei der Arbeit gesagt habe, dass ich aus Kuba fortgehe.
Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen
Leonardo Padura benutzt die Form des Kriminalromans, um seinen eigenen thematischen Interessen nachzugehen: die Schilderung des kubanischen Lebens. Er erlaubt sich stilistische Brüche, Monolog-Passagen, in denen er Personen ausführlich zu Wort kommen lässt. Eine Wortmeldung wirkt wie eine Art Treibanker in der Geschichte der Insel Kuba, die ins 16. Jahrhundert, eigentlich sogar noch einmal eintausend Jahre weiter zurückreicht, in die Zeit des alten China.
Wie das mit dem Kuba Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenhängt, macht deutlich, dass die Insel in der Karibik vielfältig mit der Welt verwoben war, ist und immer sein wird. Kuba gehörte zum spanischen Weltreich, wie ganz Süd- und Mittelamerika, aber auch die Philippinen; Orte, die wichtige Bestandteile im globalen Handel darstellten, eine Art Lieferkette, um die spanische Krone mit dem dringend benötigten Gold und Silber zu versorgen.
Dieser Ausflug in die Geschichte es so typisch für Paduras Romane, in denen Geschichte und Gegenwart unlösbar miteinander verschlungen sind. Das ist auch – gewollt oder nicht – ein Gegenbild zur isolierten Insel unter der Fuchtel der ewigen Castro-Diktatur. Der Monolog-Treibanker liefert dem Roman und der Auflösung des Mordfalles die nötige Tiefe – und das wäre der zweite Grund, warum Paduras Kriminal-Romane so gut erscheinen: Tiefe wird nicht vorgeschützt, sie ist tatsächlich da, für den Leser spürbar.
Das Meer der Illusionen vermittelt dank seiner erzählerischen Qualität eine Menge Atmosphäre. Ein Sturm rast auf Kuba zu, wie jedes Jahr im Frühling und Herbst, was Padura zu schönen, dichten Schilderungen animiert. Überhaupt stößt man immer wieder auf wunderschöne Formulierungen, wenn Conde etwa Bücher über sozialistische Ökonomie erspäht, die im Regal staubbedeckt dösen. Die für mich schönste ist eine Reminiszenz an Kafka und seine Erzählung Die Verwandlung:
El Conde zündete eine Zigarette an, nachdem er seine große Morgentasse Kaffee getrunken hatte, den einzigen Zaubertrank, mit dessen Hilfe es ihm gelang, sich von dem Käfer, der er nach jedem Aufwachen war, wieder in einen Menschen zurückzuverwandeln.
Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen
Vor allem aber sind die Personen nicht prätentiös. Sie geben nicht nur nur vor, etwas zu sein, sie sind es. Hauptfigur Mario Conde sitzt in einem falschen Leben als Polizist fest, wäre er doch gern Schriftsteller, der etwas Untergründiges und Berührendes schreibt, eine unerfüllte Sehnsucht, fern der Verwirklichung. Sein Freundeskreis, der familiären Charakter hat, besteht aus Menschen, die jeder für sich eine sehr authentisch wirkende Geschichte hat.
Es sind Menschen, keine Figuren. »Der Dünne« etwa, ein schwer übergewichtiger Mann in einem Rollstuhl, an den er gefesselt ist, seit ihm in Afrika, in Angola eine Kugel das Rückenmark verletzt hat. Kubanische Truppen haben dort, fern der Heimat, einen brutalen Stellvertreterkrieg geführt, der lange nach dem letzten Schuss verheerende Folgen zeitigt.
Kuba ist voll von solchen Geschichten. Die verfluchte Revolution, die in Gestalt von Che Guevara noch immer in linken Kreisen auf naive Weise verherrlicht wird, folgte auf eine ebenso verfluchte Diktatur, der keineswegs weniger verfluchte politische Zustände vorangingen, dieser Umsturz ist bis in die Gegenwart bestimmend. Für jene, die auf der Insel ausharren, wie auch für alle, die gegangen sind.
Das Flucht-Motiv, das Padura in einem eigenen Roman Wie Staub im Wind noch einmal ausführlich und unter andere Vorzeichen durchdekliniert hat, spielt in Das Meer der Illusionen auch eine zentrale Rolle. Hier liegt der Schlüssel für die Lösung des Mordfalles, im Detail, aber auch allgemein, denn viele Gewalttaten auf Kuba gehen auf Folgen des Fluchtdranges zurück.
Das alles ist in diesem wundervollen „vorgeschützten“ Kriminalroman zu einer sehr lesenswerten Geschichte verdichtet worden, spannend, tiefsinnig, wendungsreich, so vertraut und gleichzeitig neu. Literatur im Gewand eines Krimis.
Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein Unionsverlag 2006 Taschenbuch 288 Seiten ISBN 978-3-293-20374-7
Ein großartiger Kriminalroman vor einer bedrückenden historischen Kulisse ist Volker Kutscher mit »Marlow« gelungen, dem siebten Fall von Gereon Rath. Cover Piper, Bild mit Canva erstellt.
Den Lesern der Romanreihe um den Kriminalkommissar Gereon Rath ist der Name Marlow natürlich bekannt. Dr. M, Unterweltboss in Berlin, undurchsichtig, durchtrieben, gnaden- und gewissenlos agierend, wobei er sich korrupter Polizisten bedient, um seine Ziele zu erreichen. Eines seiner besonderen Kennzeichen ist jener Chinese, der ihm als Chauffeur dient.
Wenn der siebte Teil der Reihe nun den Namen des Gangsters als Titel trägt, weckt das einige Erwartungen. Aus dem Vorgängerband klingt noch das Echo der Ereignisse nach, die Rath an und über seine Grenzen gebracht haben, ein erbarmungsloses und brutales Machtspiel hat ihn in die Enge getrieben, aus der er nur mit Mühe herausgekommen ist.
Rath hat beruflich und privat Federn gelassen und feststellen müssen, dass seine Beziehungen zur Unterwelt mindestens ebenso problematisch sind wie die neuen Spielregeln unter dem Hitler-Regime. Andere kommen mit den politischen Umwälzungen unter den Nazis besser zurecht. Johann Marlow beispielsweise scheint tatsächlich noch nicht aus dem Spiel zu sein.
Ist er auch nicht, so viel darf an dieser Stelle wohl verraten werden. Um den Namen „Marlow“ hat Kutscher eine wirklich schöne Geschichte gesponnen, die zurückreicht in den Ersten Weltkrieg und die koloniale Zeit davor, als Deutschland in Afrika, dem Pazifik und eben auch China koloniale Gebiete besaß. Der Chinese in Marlows Fahrdienst ist nicht vom Himmel gefallen, das „Doktor“ vor dem »M« auch nicht.
Bei den Sanitätern kennt man den Tod nur als den der anderen.
Volker Kutscher: Marlow
Jeder habe seine Geschichte, heißt es immer, wenn es darum geht, eine Erklärung für Verhaltensweisen von Menschen zu finden. Das gilt auch für Romanfiguren wie Marlow, dessen Härte auf Zeiten zurückgeht, die im historischen Bewusstsein der Gegenwart gar keine Rolle mehr spielen. Wer weiß denn noch, wie deutsche Freikorps im Baltikum nach 1918 wüteten?
Es gehört zu den wunderbaren Eigenschaften der Romane um Gereon Rath, dass der Leser immer wieder mit diesen halb vergessenen historischen Umständen konfrontiert wird, ohne dass der Kriminalroman zu einer drögen Geschichtsstunde ausartet. Marlow erzählt davon, wie jemand in der Schmiede aus Krieg, Landsknechtdasein, grausamer Disziplin und emotionaler Kälte zu einem brutalen Ganoven wird.
Aus den vielschichtigen Spiel und Gegenspiel des Vorgängerbandes Lunapark ist die Hauptfigur Rath nicht unbeschadet hervorgegangen, das gilt auch für seine Frau Charlotte und in gewisser Hinsicht auch für ihren Pflegesohn Friedrich. Erfreulicherweise ist es Kutscher gelungen, das fortzuschreiben.
Ein subalterner Kollege blafft Rath ungewohnt offen wegen seiner Art an, seine Sekretärin sagt ihm daraufhin die Meinung, was bislang vor allem seine eigene Frau getan hat. Das setzt sich in Marlow auch fort, allerdings nimmt die Schärfe zu. Deutschland ist ein Unrechtsstaat, gelenkt von Verbrechern, viele suchen das Weite, andere beginnen, die Möglichkeit zu erwägen, um der sich ausbreitenden Dunkelheit zu entfliehen.
Einer musste es Ihnen ja mal sagen.
Volker Kutscher: Marlow
Rath wird am Anfang der Erzählung zu einem Verkehrsunfall gerufen, eigentlich ein Fall für weniger qualifiziertes Polizeipersonal, doch ein Unfallzeuge behauptet, es habe ein Mordversuch auf ihn stattgefunden. Zur Klärung wird der in Ungnade gefallene Kommissar Rath ausgewählt, eine undankbare Aufgabe.
Dank leichtfertiger Neugier unterläuft ihm jedoch ein Lapsus, denn der angebliche Unfall war keiner, wie der Leser schon im Prolog erfährt, aber auch nicht der vom übereifrigen Zeugen vermutete Mordanschlag, sondern eine gezielte Tötung. Ein Zufallsfund brisanter Dokumente im schrottreifen Auto bringt Rath in eine unschöne Lage, die er zunächst einmal mit einem Trick bereinigen kann.
Ein Irrtum, wie sich zeigt, denn der Kommissar wird immer tiefer in eine lebensgefährliche Auseinandersetzung zwischen Himmlers SS / SD und Göring verwickelt. Bei der Ausschaltung der SA zogen die Kontrahenten noch an einem Strang, doch im NS-Deutschland kämpfen die Ränge hinter Hitler um die Macht, ein Konflikt der neuen Eliten, der ohne jede Gnade mit größter Rücksichtslosigkeit geführt wird.
Die erste Ahnung, etwas falsch gemacht zu haben, überkam ihn, als er den Aufdruck »Geheime Reichssache« auf den beiden Aktenmappen las, die er aus dem braunen Umschlag zog.
Volker Kutscher: Marlow
Rath versucht auch hier lange Zeit, sich durchzulavieren, was jedoch schwieriger wird, weil die Skrupellosigkeit seiner Gegenspieler die Spielräume schrumpfen lässt. Nolens volens muss er nach Nürnberg fahren, der Stadt der Reichsparteitage und pompösen Aufmärsche, um eine haarsträubende Wiederbeschaffung der Akten durchzuführen, notdürftig getarnt vom Besuch seines Sohnes Friedrich, der mit der Hitlerjugend dorthin marschiert ist.
Dabei macht Rath eine erschütternde Erfahrung, als er Zeuge wird, wie Hitler im Auto an Spalier stehenden Volksmassen vorüberfährt und alles in ekstatischen Jubel ausbricht – der eigentlich unpolitische Kommissar wird davon mitgerissen. Eine gespenstische Szene, die so gut gelungen ist, dass der Leser den gewaltigen Sog zu spüren glaubt, dem sich der Protagonist nicht entziehen kann.
Er reißt wie alle anderen den Arm in die Höhe, immer wieder, »und dann hörte er, wie das Wort »Heil!« aus seinem Mund kam.« Rath versteht die Welt und vor allem sich selbst nicht mehr. Niemand hat ihn dazu gezwungen, den blutigen Gruß zu entbieten, niemand auf ihn geachtet, denn der vorüberfahrende Hitler hat alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie ein Schwarzes Loch im Weltall alles Licht. Trotzdem hat Rath sich hinreißen lassen.
Er, Gereon Rath, der in Berlin den Deutschen Gruß verweigerte und verschlampte, wo immer das nur möglich war, stand hier in Nürnberg am Straßenrand und riss getragen von der Masse und ihrem Rhythmus in einem fort den rechten Arm hoch.
Volker Kutscher: Marlow
Der NS-Staat etabliert sich, durchdringt auf propagandistische oder gewaltsame Weise den Alltag der Deutschen, die sich ihm immer schwerer entziehen können. Das ist möglicherweise die eigentliche Geschichte, die Kutscher en passant erzählt. Dabei sind die Ereignisse schwerwiegende genug, denn auch Charlotte Rath ist als Privatermittlerin und Anwaltsgehilfin mit Fällen befasst, die von der dunklen Zeit bestimmt werden.
Vor allem aber holt Charly die eigene Vergangenheit ein, denn die ist mittelbar mit dem Fall Raths eng verwoben, aber auch mit dem, was der ehemalige Oberkommissar und jetzige Privatermittler Böhm mit sich herumträgt – die „Kellergeister“, Fälle, die Polizisten nicht wieder loslassen wollen. Alles verstrickt sich immer weiter ineinander, dank der Umstände und schrumpfenden Spielräume ist eine „Lösung“ ferner denn je.
Auch Gereon Rath hat seine Kellergeister – einer davon ist Johann Marlow, der ihn seit vielen Jahren als nützlichen Polizisten schmiert und für seine Zwecke ausnutzt; davon hat auch Rath etwas, oft war ihm der Kontakt in die Unterwelt hilfreich. Die Nazis haben eigentlich dem Verbrechen den Kampf angesagt, doch kann ein Verbrecherregime, das seine Gegner in Mafia-Manier liquidiert, ernsthaft dieses Ziel verfolgen?
Was Rath da in seinen Händen hielt, war eine akkurat auf den Bügel gehängte SS-Uniform.
Volker Kutscher: Marlow
Das ist die übergeordnete Frage, die sich bei der Lektüre immer wieder stellt. Kann man überhaupt »anständig« bleiben in einem verbrecherischen System? Kann man sich darauf zurückziehen, nur Polizist zu sein, kein Nazi? Rath hat in Nürberg eine erschütternde Antwort bekommen, aber auch Böhm, Gennert und Charlotte müssten sich diese Frage stellen. Geben sie sich nicht einer Illusion hin?
Johann Marlow jedenfalls hat einen sehr konsequenten Weg beschritten, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Kurioserweise war er bereits außer Landes, doch hat er in den USA nicht reüssieren können und ist zurückgekehrt. Auf seine Weise profitiert er vom Unrechtsstaat, gewissen- und skrupellos, wie er ist. Dabei gerät er mit Gereon Rath aneinander, eine Zweckgemeinschaft zerbricht und es wird für den Protagonisten höchst bedrohlich.
Da noch drei weitere Romane folgen, ist es keine Überraschung, dass Rath am Ende davonkommt. Mit heiler Haut? Wohl kaum. Kutscher inszeniert das Finale von Marlow mit einem tollen erzählerischen Kniff, der diebische Freude aufkommen lässt, bis ganz am Ende das böse Erwachen folgt. Eigentlich möchte man nichts mehr, als sofort in den nächsten Band einzutauchen – doch das ist schon der drittletzte und der letzte lässt wohl noch auf sich warten. Also: Geduld.
Ein wahres Füllhorn ist dieses Buch über die Renaissance. Autor Bernd Roeck greift weit in die Antike aus, schließlich sollte dem Leser auch etwas vermittelt werden, was eigentlich wiedergeboren wurde. Verwoben mit Skizzen des politischen Geschehens, vor allem in Italien, folgt der Autor den ersten, zarten Silberstreifen am mittelalterlichen Horizont. Was nicht alles gedacht, gemalt, geschrieben und gemeißelt wurde! Wie immer bei der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung ein kleiner Schatz.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.