Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Nachkriegsstille (Seite 3 von 3)

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Es ist nicht nur ein Roman über das Leiden in japanischer Kriegsgefangenschaft, aber das Leben und Sterben im Urwald bildet den Kern von allem. Cover: Piper. Bild mit Canva erstellt.

An einer Stelle fragt sich die Hauptfigur des Romans Der schmale Pfad durchs Hinterland, wer »das hier jemals begreifen« solle. »Das hier« meint das Überleben und Sterben in einem japanischen Kriegsgefangenenlager mitten im Dschungel, durch den eine strategisch wichtige Eisenbahn gebaut werden soll. Die Zwangsarbeit führt im Zusammenspiel mit Krankheit, Hunger und brutalen Misshandlungen zum Massensterben unter den Gefangenen.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass die Darstellung der ungeheuerlichen Zustände in japanischen Kriegsgefangenenlagern zwar das Kernmotiv des preisgekrönten Romans ist, Autor Richard Flanagan aber erheblich mehr am Herzen liegt. Es entwickelt sich eine vielschichtige, zeitlich und räumlich multiperspektivische Erzählung mit vielen überraschenden Wendungen in dem falschen Leben des Protagonisten. Selbst dieser Satz greift eigentlich zu kurz.

Die Hauptfigur, der Militärarzt Dorrigo Evans, ist in den Jahren nach dem Krieg zum Helden stilisiert worden, beruflich erfolgreich, verheiratet mit einer schönen, treuen und loyalen Frau, aber unglücklich, nicht zuletzt, weil seine Liebe einer anderen gehört. Sein Leben basiert auf Lügen, Seitensprüngen, persönlichem Unglück und dem langen Schatten der Kriegsgefangenschaft.

Der schmale Pfad ins Hinterland führt den Leser tief hinein in das komplexe Gewirr existenzieller Fragen, auf die das Leben (und Sterben) der handelnden Personen in der Regel von Tragik umwitterte Antworten bereithalten.

Dorrigo wollte nicht zugeben, dass nichts in seinem Leben so viel Sinn gegeben hatte, wie der Tod.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Flanagan erzählt seine Geschichte nicht chronologisch. Er montiert zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Szenen unmittelbar nacheinander. An einer Stelle wird über Seiten geschildert, wie die japanischen Wärter und ihre koreanischen Helfer einen Gefangenen über Stunden misshandeln. Die zum Zusehen gezwungenen Mitgefangenen versuchen, das grausame Geschehen nicht an sich heranzulassen.

Direkt im Anschluss springt die Erzählung um Jahrzehnte in die Zukunft und zeigt, wie das Erlebnis von Krieg und Gefangenschaft, von Grausamkeit, Folter und Tod in einem der Überlebenden auf verstörende Weise fortlebt, wie das Erinnerungsgespinst den Rahmen setzt für das Nachleben im Frieden. Es ist nur eine kurze Szene, die jedoch so eindrücklich belegt, dass Kriege nicht enden, wenn die Waffen schweigen.

Die Japaner waren Monster, sagte Dorrigo Evans, Sie haben ja keine Ahnung.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Von den Brüchen und Niederlagen im Leben Dorrigos sowie dem tiefen Schatten seiner Persönlichkeit, erfährt der Leser bereits auf den ersten Seiten. Flanagan hat seinen Roman selbst vielfach zeitlich und örtlich gebrochen, zwischen den Abschnitten können Jahrzehnte und Zehntausende von Kilometern liegen, dennoch wirkt die Erzählung organisch, zusammenhängend und zu keinem Zeitpunkt zerrüttet oder konstruiert.

Zu seinen großen Stärken gehört, dass auch die japanische Seite zu Wort kommt. Die Weltsicht der japanischen Offiziere, der ihre Gefangenen verständnislos begegnen, entfaltet sich vor den Augen des Lesers in ihrer Fremdheit, wenn diese miteinander über die Notwendigkeiten ihres Handelns, den Dienst für den Kaiser sprechen oder die Geschehnisse aus ihrer Sicht geschildert werden.

Erfreulicherweise übergeht Flanagan die Koreaner nicht. Korea, jahrzehntelang eine japanische Kolonie, liefert Nachwuchs für die Armee – nicht zum Kämpfen, aber zum Bewachen der Kriegsgefangenen. Die Rekruten werden in den Dienst gezwungen und mit brutalster Härte gedrillt, was ihr eigenes Handeln beeinflusst.

Nach dem Krieg wurden Kriegsverbrechen verfolgt. Wie in Europa galt auch in Fernost: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Flanagan folgt den gewundenen Schicksalen einiger Lageroffiziere und ihrer Untergebenen in den Jahren nach 1945 – auch ein Gewinn für den europäischen Leser.

Es gab keine gesunden Männer mehr, nur noch die Kranken, die Schwerkranken und die Todgeweihten.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Der Roman ist bei der Darstellung der Verhältnisse im Lager sprachlich wie inhaltlich schonungslos. Anders als etwa in dem Film Die Brücke am Kwai breitet Der schmale Pfad durchs Hinterland die schier unglaublichen Leiden der Kriegsgefangenen während der Zwangsarbeit im Urwald und der unmenschlichen Behandlung durch die Japaner nüchtern aus – für alberne heroische Handlungen ist hier kein Platz.

Die Figuren, die vor dem Auge des Lesers entstehen, erinnern an KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. Flanagan erspart seinem Publikum nicht den Blick auf das Darben und Sterben, es ist die Vorhölle auf Erden, zwischen Erschöpfung, beißendem Hunger, Krankheit und Tod; Worte, die seltsam schal wirken, angesichts dessen, was geschildet wird.

In diesen Passagen wird auch klar, warum sich Dorrigo Evans nicht als Held empfindet. Zwar hat er oft in einem Sinne gehandelt, dem durchaus ein heldenhaften Charakter zugesprochen werden kann, aber  den Verhältnissen, dem grausamen Leiden und Sterben, der Folter und den Misshandlungen steht er hilflos gegenüber.

Er konnte sich weigern, dem Stellvertreter des Todes zu helfen, oder er konnte zu seinem Handlanger werden.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

In beklemmenden Szenen lässt Flanagan den Leser daran teilhaben, wie der Arzt vor fürchterlichen Entscheidungen steht, Zwangslagen aushalten muss, aus denen es kein Entkommen gibt. Er muss beispielsweise auf Befehl der japanischen Offiziere unter den Gefangenen eine bestimmte Anzahl Männer auswählen, etwa für den Arbeitseinsatz oder einen Todesmarsch durch den Dschungel.

Verweigert er sich, werden die Männer von den Japanern wahllos bestimmt, sie würden die Schwächsten und Anfälligsten auswählen und in den sicheren Tod führen – das spare dem Kaiser Reis. Hilft er, macht er sich zum Handlanger, auch wenn er in diesem Fall wenigstens die Möglichkeit hat, jene zu erwählen, die eine Chance haben, die Tortur zu überstehen.

Wer Stiefel hat, überlebt den Marsch durch den Dschungel eher, als jene, die mit bloßen Füßen durchkommen müssten. Das sind angesichts des körperlichen Zustands nur theoretische Erwägungen; auch für die, deren Füße in Stiefeln stecken, wartet auf dem Marsch durch den Dschungel nur der Tod.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Piper Verlag 2017
448 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-492-30999-8

Wer wissen will, wo und wie die »Bahnlinie des Todes« verlief, kann zum tollen Atlas Die Geschichte der Welt von Christian Grataloup greifen. Dort findet sich diese sehr anschauliche Karte. Die Kwai-Brücke ist auch eingezeichnet.

Ursula Krechel: Landgericht

Die Rückkehr ins besiegte und befreite Deutschland nach 1945 gestaltet sich schwierig, nicht nur für den vertriebenen Juristen, sondern auch für seine Frau, die vor der Nazizeit ausgesprochen selbstständig war. Cover btb, Bild mit Canva erstellt.

Die Sprache sticht. Entweder ins Auge oder ins Ohr, je nachdem, ob man zum Buch oder Hörbuch greift. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Landgericht klingt etwas sperrig, doch hat es nicht lange gedauert, bis mich der Roman für sich eingenommen hat, auch wenn Inhalt und Stil durchaus mit dem Titel harmonieren. Keine Komfortlektüre. 

Die Autorin Ursula Krechel hat eine Sprache gewählt, die zugleich distanziert und ganz besonders nah, unmittelbar, ja intim wirkt. Der Duktus mutete bisweilen kühl, juristisch, formal an, da er mit einer ungeheuer detaillierten Beobachtung einhergeht und zugleich außergewöhnlich präzise Bilder für die Schilderung nutzt, fühlt sich der Leser ganz dicht am Geschehen, am inneren wie äußeren. Diese Kombination sorgt für eine hohe Intensität.

Ich bin in einer Mitläuferfabrik gelandet.

Ursula Krechel: Landgericht

Die Themen machen wütend. Richard Kornitzer, promovierter Jurist, zu Zeiten der Weimarer Republik im Amt eines Richters, kehrt nach dem Krieg aus Cuba nach Deutschland zurück. Der nächste Satz wird schwierig, denn würde ich sagen, Kornitzer wäre Jude, entspräche das nicht der Wahrheit. Die Nazis und ihre antisemitische Vernichtungsideologie haben ihn zum Juden gemacht, obwohl er selbst keiner sein wollte und sogar Protestant geworden ist.

Das mag als kleines Detail erscheinen, ist es allerdings nicht. Die Zuweisung einer einzigen Identität für eine andere Person ist ein signifikantes Merkmal der großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts, nicht nur dem der Nazis. Auch in Stalins und Maos Reichen wurde so verfahren, immer mit dem Ziel, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, ihrer Rechte zu berauben, einzusperren, zu quälen und zu töten.

Die Geschichte war ein Krater.

Ursula Krechel: Landgericht

Es gehört zu den großen Vorzügen dieses Romans, dass Krechel einen Protagonisten gewählt hat, der dem Vernichtungsapparat entkommen konnte und wieder zurückgekehrt ist. Diese Rückkehr nach Deutschland steht am Anfang des Romans, der Weg zu seiner Flucht aus dem so genannten »Dritten Reich« wird als Rückblick im Romanverlauf geschildert. Zunächst einmal geht es um die Ankunft in der ehemaligen Heimat.

Dort hat Kornitzers Frau Claire ausgeharrt. Sie ist aus der Sicht der Nazis „arisch“, durch ihre Heirat mit Kornitzer jedoch belastet, sodass sie keinen Organisationen beitreten kann, was Voraussetzung für ihre Berufsausübung wäre. Claire Kornitzer ist eine sehr moderne Frau, sie leitet eigenständig eine GmbH, ist erfolgreich, selbstständig, stark und dennoch dem Übel der Nazis  hilflos ausgeliefert, denn sie muss Firma und berufliche Tätigkeit aufgeben.

Nach dem Krieg und der Gründung eines demokratischen Deutschlands ändern sich manche Dinge nicht unmittelbar zum Guten. Die während der Weimarer Republik bereits erreichte Modernität war durch die gesellschaftliche Steinzeit im Hitlerregime so weit zurückgedreht worden, dass es lange Jahre dauern sollte, ehe der einmal verlorene Stand wieder erreicht wurde. Das ging ganz erheblich zu Lasten der Frauen. Krechel hat das in ein wunderbares Bild gefasst:

Es schmerzte sie, als wäre sie an einem anderen Zeitufer stehengeblieben und das Schiff wäre ohne sie abgefahren. Ja, hätte ihr den Zutritt verweigert, nur weil sie eine Frau war. Und was hieß nur? Die Frau eines Landgerichtsdirektors. Jetzt klang es in ihren Ohren wie Hohn.

Ursula Krechel: Landgericht

Die Kinder der Kornitzers, Georg und Selma, werden gerade noch rechtzeitig nach England geschickt und entgehen so einem schrecklichen Schicksal im Hitlerreich. Auf der Insel haben sie allerdings ebenfalls mit Widrigkeiten zu kämpfen, was den Roman übrigens brandaktuell macht, wenn etwa von „unbegleiteten Minderjährigen“ die Rede ist, die aus Syrien, Afghanistan oder anderen Regionen nach Deutschland fliehen.

In seiner Heimat und sieht sich Kornitzer auf allen Ebenen Widrigkeiten ausgesetzt. Beruflich setzt ihm zum Beispiel die skandalöse Behandlung von Philipp Auerbach heftig zu, privat ist es ein extrem schwieriges Unterfangen, die Familie wieder unter einem Hut zu versammeln. Diese Dinge entwickelt Krechel in ihrem typischen Stil vor den Augen des Lesers, der mitgerissen werden kann, wenn er sich darauf einlässt.

Die »Stunde Null«, der »Neuanfang« ist eben geprägt von vielen Kontinuitäten, die rückwirkend ebenso verblüffen wie auch verstören. Vor allem der latente, unterschwellige oder auch offene Antisemitismus, das Fortdauern von NS-Ideologie und Denkweise in juristischen (und anderen) Bereichen des Staates und die Hilf- und Wehrlosigkeit der Opfer, insbesondere der Juden, sind eigentlich unfassbar.

Es rüttelte an seinem Rechtsempfinden wie eine eisige Sturmböe.

Ursula Krechel: Landgericht

Eine ganz besonders bedrückende Episode ist die so genannte »Irrfahrt der St. Louis«, ein Dampfer, der vollgestopft mit jüdischen Flüchtlingen aus dem Reich Cuba angelaufen hatte. Touristenvisa wurden plötzlich nicht mehr anerkannt, nur wenige der Notleidenden wurden von Bord gelassen, der Rest harrte auf dem Schiff zunächst zwischen Cuba und den USA, später von der Küste Kanadas aus, ehe die St. Louis wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Dieser auch aus der Gegenwart sattsam bekannte Vorgang, der den Eindruck verstärkt, dass manche Dinge sich eben doch wiederholen, ist auch in anderen Werken behandelt worden. Der kubanische Autor Leonardo Padura hat ihn in seinem Roman Ketzer aufgegriffen und aus Sicht von Einwohnern Havannas geschildert. Für Kornitzer wird Cuba aber zum Rettungsanker, eine ihm sehr fremde Welt.

Tage, mit heißer Nadel aneinandergestichelt, sich gegenseitig überlappend. Ein Sandmückenschleier sirrt in der Luft über der dösenden Bucht. Klares, blaues Licht. Licht, von ruhiger Eindringlichkeit, das einen blass und bleich erscheinen ließ.

Ursula Krechel: Landgericht

Mir haben an dem Buch sehr viele Aspekte ganz besonders gefallen. Neben der eindringlichen Sprache vor allem die Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen, die Rückblenden und kurzen Ausflüge in Seitenhandlungen, die zusammengenommen auf nachdrückliche Weise aufzeigen, wie die Opfer des NS-Regimes auf verlorenem Posten kämpften, als es darum ging, angemessen entschädigt und anerkannt zu werden. Der Krieg mochte 1945 beendet worden sein, sein verheerendes Wirken dauerte weit darüber hinaus an.

Ursula Krechel: Landgericht
btb 2014
Taschenbuch 512 Seiten
ISBN: 978-3-442-74649-1

Juli 2014

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Der Auftakt seiner Trilogie beginnt in den letzten Kriegstagen 1918 und schildert die Nachkriegszeit in Frankreich auf boshafte, komische und tragische Weise. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Les Enfants du désastre Teil 1

Der Erste Weltkrieg nimmt in Frankreich einen bedeutenden Platz in der Erinnerungskultur ein. Nicht umsonst spricht man im Nachbarland vom »Grande Guerre«, dem Großen Krieg. Ganz anders der Zweite Weltkrieg, was sicherlich daran liegt, dass Frankreich 1940 eine katastrophale Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht hinnehmen musste und gegenüber den anderen Siegermächten mit einem Minderwertigkeitskomplex belastet war.

Im Ersten Weltkrieg hat Frankreich trotz eines Beinahe-Zusammenbruchs 1917 standgehalten und stand am Ende in der Sicht von Politik, Militär und weiter Teile der Bevölkerung unzweifelhaft auf der Siegerseite. Das sollte vor Augen haben, wer den Reihentitel der Trilogie liest: Les Enfants du désastre. Die Kinder des Desasters.

Sie gibt die Marschordnung für den Roman Wir sehen uns dort oben vor. Das nachfolgende Zitat zeigt exemplarisch, wie Lemaitre zur Desillusionierung und Entglorifizierung des Grande Guerre beiträgt. Lakonisch stellt er eine dramatische Untertreibung gegen die ungeheuer brutale Realität: ein bisschen Ordnung versus unzählige Opfer standrechtlicher Erschießungen.

Es war oft die Rede vom Kriegsgericht, vor allem 1917, als Pétain wieder ein bisschen Ordnung in all das Chaos gebracht hatte. Es gab standrechtliche Erschießungen, keiner weiß wie viele.

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Es kommt in bestimmten Kreisen sicher noch immer einem Sakrileg gleich, das Wort Desaster nicht mit 1940, sondern dem Großen Krieg und den ihm nachfolgenden Jahren in Verbindung zu bringen. Tatsächlich verblasst die Gloire des siegreichen Krieges mit jeder Seite dieses Buches. Dabei ist der Roman weit entfernt von einer blutdruckgeschwängerten Anklageschrift.

Ganz im Gegenteil. Wir sehen uns dort oben ist eine bitterböse Tragikkomödie, die mit zum Teil tiefschwarzem Humor die Grenze zur Groteske überschreitet und selbstverständlich politisch absolut unkorrekt ist. Das Antlitz französischer Kriegsheroen ausgerechnet mit dem Ludendorffs zu vermischen, ist nur eine der vielen, bissigen Ungeheurlichkeiten.

General Morieux schien sehr betagt, er sah aus wie einer von diesen alten Kerlen, die ganze Generationen von Kindern und Kindeskindern in den Tod geschickt hatten. Man nehme das Portrait von Joffre und Pétain zusammen und vermische das Resultat noch mit Nivelle, Gallieni und Ludendorff, dann hat man Morieux, […]

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Die drei Hauptfiguren, die einfachen Soldaten Albert Maillard und Édouard Péricourt, sowie der zynische Offizier Henri d’Aulnay-Pradelle, sind keine Lichtgestalten. Entsprechend entwickelt sich die Handlung entlang mehrerer haarsträubender Betrügereien, einer aus Geldgier, die andere aus Geldnot, weil die aus dem Feld zurückgekehrten Soldaten ihre Drogensucht bedienen müssen. Gemeinsam ist beiden Erzählfäden der unsentimentale Umgang mit den Kriegstoten und dem Gedenken an sie.

Brutales, unheroisches Kriegsende

Die Erzählung des Auftaktbandes setzt im November 1918 ein, wenige Tage vor dem Waffenstillstand. Was geschildert wird, ist alles, außer heroisch. Offizier Pradell erzwingt aus persönlichem Ehrgeiz einen militärisch sinnlosen Angriff gegen die bereits passiven Deutschen und ergreift verbrecherische Mittel, um ihn bei den unwilligen Mannschaften durchzusetzen.

Er schickt einen Spähtrupp aus, zwei französische Soldaten, die er selbst niederstreckt und den Deutschen in die Schuhe schiebt, um das kriegsmüde Kriegsvolk zu einem letzten Angriff zu bewegen. Die blutige List gelingt, begleitet von einem wütendem Artilleriefeuer gehen die französischen Soldaten vor.

Albert bemerkt während des Angriffs die von Pradelle begangene Untat, der Offizier wiederum erkennt, dass er ertappt wurde, und befördert den Zeugen in eine lebensbedrohliche, ja faktisch tödliche Lage. Édouard eilt Albert unverhofft zu Hilfe, wird bei seiner verzweifelten Rettungstat getroffen und für den Rest seines Lebens fürchterlich entstellt.

Pradelle kommentiert das wie folgt:

Eine Granate mit den Zähnen auffangen zu wollen, ist eben ein wenig unvernünftig, da hätte er eben mal lieber mich um Rat fragen sollen.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns Dort Oben


Das Trio geht nach dem Waffenstillstand unterschiedliche Wege, trotzdem bleiben die Männer wie durch unsichtbare Bänder miteinander verbunden. Der Krieg bleibt zentrales Thema, allerdings immer weniger von Gloire umwittert: Es wird betrogen, gelogen, intrigiert, Geschäfte werden mit und auf den Gräbern der Gefallenen gemacht und die Moral bleibt auf allen Seiten auf der Strecke.

Das kriegstriumphale Frankreich präsentiert sich als verrotteter Morast, voller Korruption und Falschheit, das seine Frontkämpfer mit einer Kälte empfängt und im Stich lässt, die allen geschraubten Reden und Ankündigungen Hohn spricht. Der Autor lässt seine Helden mitmischen, sie versuchen, in dem gruseligen Spiel um Geld und Macht ihren Schnitt zu machen, fern jeder moralischen Reinheit.

Pierre Lemaitre ist untadelig boshaft, bisweilen sehr lustig in seiner ungeheuer tempo- und abwechslungsreichen Erzählung, seine Figuren haben Tiefe, Charakter und handeln wunderbar motiviert und nachvollziehbar. Sein Buch ist völlig zurecht mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, denn das ist es: ausgezeichnete Literatur!

Einen interessanten Leseansatz hat Uwe Kalkowski auf seinem wunderbaren Blog Kaffeehaussitzer zu Lemaitres großartigem Buch veröffentlicht: Er sieht darin einen Schelmenroman und geht etwas ausführlicher auf den Inhalt ein als ich.

Der zweite Teil der Trilogie heißt Die Farben des Feuers, der dritte Spiegel unseres Schmerzes.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben
Aus dem Französischen von Antje Peter
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 528 Seiten
ISBN: 978-3-608-98016-5

Lydie Salvayre: Weine nicht

Ein seltsam klingendes Zitat aus dem preisgekrönten Roman, doch hat der Krieg für die Hauptfigur die Tür aufgestoßen, durch die sie ihren Verhältnissen entkommen konnte. Kurzzeitig. Cover Blessing, Bild mit Canva erstellt.

Der Spanische Bürgerkrieg ist in der Literatur vielfach thematisiert, berühmte Schriftsteller wie George Orwell („Mein Katalonien“) oder Ernest Hemingway („Wem die Stunde schlägt“) haben über ihre Erlebnisse berichtet, es gehören literarische Perlen wie das Buch von Almudena Grandes („Der Feind meines Vaters“) und viele andere dazu. Auf dem vorzüglichen Literaturblog Kaffeehaussitzer findet man ein Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg, das eine anregende Buchliste enthält.

2014 hat die Verleihung des französischen Literaturpreises Prix Goncourt ein weiteres Buch ins Rampenlicht gestellt: Weine nicht. Deren Autorin, Lydie Salvayre, hat Wurzeln, die nach Spanien reichen. Sie wurde als Tochter einer Frau geboren, die gerade noch vor den siegreichen Streitkräften des faschistischen Diktators Franco fliehen konnte. Ihr Roman nähert sich dem Thema auf besondere Weise.

Der Spanische Bürgerkrieg gilt vielen als Präludium für den Zweiten Weltkrieg. Das ist etwas eurozentrisch gedacht und auf das Deutsche Reich fokussiert, das in Spanien mit der so genannen „Legion Condor“ Franco unterstützte, während die Verteidiger der Republik nur durch die Sowjetunion Unterstützung erhielten – zu einem hohen Preis, was in Weine nicht dankbarerweise nicht verschwiegen wird: Stalin schickte Waffen und Terror nach Spanien, dem mehrere zehntausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Vielfältige Perspektiv- und Zeitwechsel

Selbstverständlich werden auch die Hinrichtungen durch die Franco-Faschisten nicht übergangen. Die Darstellung ist besonders eindrücklich, weil die Autorin dafür die Perspektive des konservativen Katholiken George Bernanos wählt. Erschüttert durch die Brutalität und die ignorante, menschenverachtende Haltung der Katholischen Kirche räumt der Mann seine politische Position und dokumentiert die Gräueltaten in seinem Werk: Die großen Friedhöfe unter dem Mond.

Schlimme Zeiten für die, die Heilslehren aller Art misstrauten und die lieber ihrem Gewissen gehorchten als doktrinären Einpeitschern der einen oder anderen Seite.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

Salvayre lässt Teile daraus und andere Dokumente geschmeidig in ihren Roman einfließen, ihre Erzählung wandelt spielerisch zwischen faktenreicher Darstellung, Erzählung und Erinnerung, Fiktion und Auszügen aus Quellen. Die Handlung spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen, die Autorin mischt kräftig mit, erläutert und kommentiert ihren Schreibprozess, außerdem ist die Interpunktion sehr freizügig gestaltet.

Beeindruckende Leichtigkeit

Der Roman rutscht trotzdem zu keinem Zeitpunkt in ein undurchsichtiges Wirrwarr ab und erzählt mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Das liegt auch daran, dass ihm im Kern eine (tragische) Liebesgeschichte als Leitfaden eingewoben wurde. Die Hauptfigur, Montserrat, schließt sich mit ihrem Bruder den Verteidigern der Republik an. Für kurze Zeit erlebt sie Freiheit und ihre große Liebe.

Der Krieg, meine Liebe, ist genau zum rechten Zeitpunkt gekommen.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

So ist das Zitat auch zu verstehen, dass der Krieg zum rechten Zeitpunkt gekommen wäre. Diese flammende Liebe mündet in ein würgendes Desaster, mit lebenslangen Folgen. Es gehört zu den großen Stärken des Buches, dass es den Leser einmal nachempfinden lässt, wie weit die Schatten eines Krieges reichen, auch wenn die Kampfhandlungen lange beendet sind.

Zum Zeitpunkt dieses persönlichen Liebes-Desasters machen Montserrat und ihr Bruder Erfahrungen mit der grausamen Realität der Kriegführung. Die Ideale sind menschenverachtender Ideologie gewichen, auch die Sache der Verteidiger der Republik hat ihren Glanz eingebüßt. Auch aus diesem Grund kehren beide in ihre Heimat zurück.

Besonders wertvoll macht diesen Roman der Umstand, dass er eindrücklich nacherzählt, wie sich die Haltung der Bevölkerung in Montserrats Heimatort gegenüber Revolution und dem sich abzeichnenden Sieg der Franco-Seite wandelt. Wer von Umstürzen träumt, sollte hier genau lesen und zuhören, denn so einfach ist die Sache nicht, auch wenn zu Beginn einer Umwälzung die Begeisterung groß ist.

Leider ist der Roman nur noch antiquarisch erhältlich.

Lydie Salvayre: Weine nicht
aus dem Französischen von Hanna von Laak
Blessing 2016
Hardcover 256 Seiten
ISBN: 978-3896675644

Neuere Beiträge »

© 2025 Alexander Preuße

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner