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Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Buchcover von ‚Die Abschottung der Welt: Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945‘ von Susanne Heim. Das Cover zeigt eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen auf einer Straße. Im Vordergrund ist ein Zitat zu lesen: ‚Rettung ist nachrangig – bis zuletzt.
Wer dieses vorzügliche Buch aufschlägt, betritt einen Dornwald. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In den folgenden Jahren bis 1937 verließen jährlich zwischen 21.000 und 25.000 Personen Deutschland, die nach den nationalsozialistischen Bestimmungen als jüdisch galten – unabhängig davon, wie sie sich selbst definierten.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Manchmal reicht ein einzelner Satz, um mich für ein Buch einzunehmen. Er klingt wenig spektakulär, zielt jedoch auf einen wichtigen Aspekt von geradezu existenzieller Tragweite. Wenn von »Juden« im Zusammenhang mit der zwölfjährigen NS-Herrschaft in Deutschland die Rede ist, geht es um Menschen, denen von den Nationalsozialisten diese Identität aufgezwungen wurde. Wichtiger noch ist, dass diese Menschen auf jene zugeschriebene Identität reduziert wurden. Das bildete die Basis für die Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung.

Die eigene Identitätssicht spielte überhaupt keine Rolle. Ob sich jemand als säkularer Deutscher oder Orthodoxer sah, machte in der Realität des NS-Staates keinen Unterschied. Das Prinzip derIdentitätszuweisung und -reduktion wurde auch auf andere Gruppen angewandt, gelegentlich mit schwammigen Begriffen wie »Asoziale« oder »Arbeitsscheue«, was Missbrauch Tür und Tor öffnete. Zwangsarbeit konnte so leicht gerechtfertigt werden. Keineswegs nur in Deutschland: Im selbst ernannten »Arbeiter- und Bauerparadies« der Sowjetunion waren die stalinistischen Herrschaftseliten besonders kreativ im Umgang mit dieser Technik, zahllose Gulags mussten schließlich mit Millionen Menschen gefüllt werden.

Der kleine Exkurs soll keineswegs das Schicksal der von den Nazis als Juden definierten Menschen in Deutschland (und Europa) relativieren. Es ist eine Warnung an die Gegenwart, dass wirksame Herrschaftsmechaniken wie die der Identitätszuschreibung und -reduktion unabhängig von Ideologien in Zwangsregimen aller Art angewandt werden können. Bedauerlicherweise wird mit der holzschnittartigen Identitätszuschreibung im 21. Jahrhundert geradezu fahrlässig umgegangen. Es ist also wichtig, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Die Kriegsgegner Deutschlands waren zwar gewillt, dem Terror der Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, doch deren Opfern auf dem eigenen Staatsgebiet dauerhaft Aufnahme und Sicherheit zu gewähren – dazu waren sie nicht bereit.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Wie der Untertitel des Buches zeigt, geht es nicht nur um deutsche Juden. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der gewaltsamen Expansion, die mehrere Millionen Menschen unter die Herrschaft des Hitler-Regimes zwang, die als »Juden« galten, wurden in verschiedenen Staaten Maßnahmen zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in die Wege geleitet, die sich an die im Deutschen Reich anlehnten. Das hatte schwerwiegende Folgen auf diplomatischer Ebene. Bei allen Versuchen, für die Verfolgten in Deutschland Hilfe zu organisieren, blockierte die Befürchtung, die Zahl der Hilfesuchenden könne sich massiv erhöhen, wenn Juden aus Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien usw. ebenfalls berücksichtigt werden müssten.

Dabei reichte die Hilfsbereitschaft längst nicht für die deutschen Juden aus. Susanne Heim schildert mehrere Anläufe, den Betroffenen auf diplomatischer Ebene beizuspringen. Das glich oft einer Mischung aus Drahtseilakt, um die verschiedenen Interessen, Möglichkeiten und Grenzen unter einen Hut zu bekommen, und einem Pokerspiel, bei dem jeder am Verhandlungstisch Sitzende versucht, die anderen zu übervorteilen. In diesen oft langsam mahlenden Mühlen wurden die Flüchtlinge zerrieben. Die Konferenz auf den Bahamas im April 1943, zeitgleich zum Aufstand des Warschauer Ghettos, stellt einen beispiellosen Tiefpunkt dar, dort »spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr.« Die europäischen Juden waren rettungslos verloren.

Die Abschottung der Welt stellt die dramatischen Einzelschicksale, oft Selbstmorde oder wochenlanges Ausharren im sprichwörtlichen Niemandsland zwischen den Staatsgrenzen, den Eiertänzen der großen Politik und Diplomatie gegenüber. Auch die Selbstbehinderung der Hilfsorganisationen, die ebenso zögerlich wie von gegensätzlichen Interessen, strategischen Vorstellungen und Rivalität geprägt waren, bleibt nicht außen vor. Gelegentlich gab tatsächlich sachliche Zwänge, die eine Lösung in größerem Maßstab verhinderten. Ein Beispiel ist Palästina, wo sich der bis in die Gegenwart ziehende gewaltsame Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung schon in den 1930er Jahren abzeichnete und eine Masseneinwanderung von Juden (nicht nur aus britischer Sicht) verbot.

Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Von 1933 bis 1938, der Machtübergabe an Hitler bis zur Einverleibung Österreichs, waren vor allem die deutschen Juden von massiven Repressalien betroffen, die sie letztlich ausplündern und vertreiben sollte. Deren Zahl war klein gemessen an den Juden, die in jenen Gegenden lebten, die bis 1942 von der Wehrmacht erobert wurden; außerdem war der Zeitraum, in dem ihnen hätte geholfen werden können, mit fünf Jahren recht lang. In den darauf folgenden vier Jahren explodierte die Zahl der Betroffenen, während gleichzeitig eine unvorstellbare Eskalation der Repression zur Vernichtung erfolgte.

Die Welt zeigte sich außerstande, den deutschen Juden ausreichend Hilfe in Form einer geordneten Massenauswanderung zukommen zu lassen. Für die Millionen Juden in Europa gab es keine Hoffnung, selbst als die Vernichtung im vollen Gange war. Die Berichte darüber wurden zurückgehalten. Als nach und nach die Gräueltaten durchsickerten, wurden Vorschläge zur Erleichterung der Lage der Juden mit zweifelhaften Argumenten zurückgewiesen. Selbst begrenzte Möglichkeiten, wie etwa jüdisches Kinder-Leben aus Rumänien zu retten, wurden abgewiesen. Bis Kriegsende galt: »Rettung ist nachrangig.«

Zwangsweise wirft das die Frage auf, ob und wie der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden überhaupt hätte Einhalt geboten werden können. Zunächst einmal ist es wichtig, den zuerst Betroffenen keinen Vorwurf zu machen, dass sie nicht früh genug Deutschland verließen. Es gab unzählige persönliche Hürden, die mit der Aufgabe der Heimat verbunden waren, denen die Hoffnung entgegenstand, es könne vielleicht nicht so schlimm werden. Den Zivilisationsbruch konnten sich alle berechtigterweise nicht vorstellen.

Vor allem behinderte die NS-Führung die von ihr gewollte Auswanderung der jüdischen Bevölkerung selbst. Kern des Problems war die Finanzierung der Auswanderung, das jüdische Vermögen sollte im Reich bleiben, Devisenabfluss verhindert werden. Die forcierte Aufrüstung wäre sonst gefährdet gewesen, da die finanziellen Spielräume Deutschlands bereits erschöpft waren. Alle Anstrengungen in den Jahren bis Kriegsausbruch gelangten immer wieder zu diesem unauflöslichen Widerspruch, der das Widerstreben massiv befeuerte, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Grund, die Aufnahme abzulehnen, wurde durch die Armut der Flüchtlinge auf dem Silbertablett geliefert.

Täglich nahmen sich 30 bis 40 Menschen das Leben.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Statt eines geordneten Konzepts der Massenauswanderung jüdischer Bürger aus Deutschland folgte ein groteskes Spiel mit den Flüchtlingen in den kommenden Jahren. Die Passagen in Die Abschottung der Welt, in denen diese abstrusen Maßnahmen geschildert werden, sind schwer erträglich. Flüchtlinge wurden über Ländergrenzen hin- und hergeschoben, gelegentlich dutzendfach. Wie zermürbend und erniedrigend das für die Betroffenen gewesen sein muss, ist schwer in Worte zu fassen. B. Traven hat in seinem 1926 (!) erschienenen Roman Das Totenschiff einen geradezu identischen Umgang mit einem Staatenlosen geschildert, eine literarische Vorausdeutung auf das spätere Unheil.

In diesem niederschmetternden Durcheinander kamen immerhin tausend jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in anderen Staaten unter. Es gehört zu den ironischen Wendungen, dass ausgerechnet einer der »brutalsten und korruptesten Diktatoren Lateinamerikas«, Rafael Trujillo Molina, in der Dominikanischen Republik bis zu 100.000 Flüchtlinge aufnehmen wollte.

Mit den immer höheren rechtlichen Hürden stiegen auch die Versuche, illegal aus Deutschland und Europa zu entkommen. Manche dieser Versuche, wie etwa die Irrfahrt der St. Louis, sind recht bekannt. Dabei war das Schiff nur eines von vielen, die auf den letzten Drücker versuchten, Juden aus Europa herauszuschaffen. Die geschilderten Schicksale sind oft tragisch, Schiffe wurden (versehentlich) von sowjetischen Ubooten versenkt, von Briten aufgebracht und ihre Insassen in Lager gesperrt; oder die Fliehenden saßen während ihrer Balkan-Odyssee auf der Donau fest.

Im Krieg versuchten ganze Netzwerke unter Lebensgefahr zu helfen, selbstverständlich gegen geltendes Recht. Autorin Susanne Heim betont, dass diese Netzwerke gern als Heldenerzählungen von Männern wie Adrian Fry oder Niclas Winton verbreitet werden, während die erzielten Erfolge auf den vielen Schultern namenlos bleibender Frauen ruhten. Beachtenswert ist auch die Rolle von Beamten, Soldaten und anderen, die ihre Handlungsspielräume bei der Pflichterfüllung gegen oder für die Flüchtlinge ausnutzen konnten.

Der Kleinmut obsiegt.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Die Massentötung im Krieg hätte wohl nur eine Aufgabe der Appeasement-Politik nach 1933 bewirken können. Ohne die Eroberungen der Wehrmacht wären Millionen Juden niemals unter deutsche Herrschaft gekommen, die Vernichtungslager wären ebensowenig errichtet worden wie der Holocaust durch Gewehre in der Ukraine und Belarus nicht stattgefunden hätte.

Wie sich die von Antisemitismus geprägten Gesellschaften entwickelt hätten, bleibt selbstverständlich offen, der Antijudaismus wäre auch mit einer konsequenten Politik gegenüber Deutschland nicht aus der Welt geschafft worden. In Deutschland hätte die jüdische Bevölkerung für ein Nicht-Appeasement vermutlich als Sündenbock den Kopf hinhalten müssen. Doch gilt für die Deutschland-Politik der 1930er Jahre, was Autorin Heim der Flüchtlingspolitik attestiert: Der Kleinmut obsiegt.

Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945
C.H. Beck 2026
Gebunden 384 Seiten
19 Abbildungen, zwei Karten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-84301-3

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis

Buchcover ‚Die Irrfahrt der St. Louis‘ mit Illustration eines Schiffes in Händen und historischem Foto eines Passagierschiffs auf dem Meer. Textzitat: ‚Überall behandelt man uns wie Aussätzige´.
Das Schicksal der St. Louis steht beispielhaft für den Umgang mit Flüchtlingen in Zeiten von Krieg und Krise. Viele Staaten schließen ihre Grenzen, oft auch aus innenpolitischen Gründen, weil Populisten die Gelegenheit nutzen, um zu agitieren. In Havanna zerschellten 1939 die teuer erkauften Träume von einem Leben in Freiheit für mehr als 900 Juden. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es war eine Flucht auf den letzten Drücker, als das Schiff St. Louis am 13. Mai 1939 von Hamburg Richtung Kuba aufbrach. Vernichtungskrieg und Holocaust, die weitgehende Zerstörung Europas mit rund sechzig Millionen Toten waren nur noch wenige Monate entfernt, da öffnete sich für 937 meist jüdische Deutsche eine Tür. Sie hofften, nach Bezahlung einer hohen Summe nach Kuba ausreisen zu können. Das war ein tragischer Irrtum, wie die Graphic Novel Die Irrfahrt der St. Louis zeigt.

Zu diesem Zeitpunkt erschien die Fahrt der St. Louis wie eine Gunst des Schicksals. Das Leben in Deutschland war für jene, die von den Nationalsozialisten als Juden angesehen wurden, fast unmöglich geworden. Die Pogrome vom November 1938 zeigten, dass es nicht bei Ausgrenzung, Entrechtung und Ausplünderung bleiben würde, unmenschliche, staatlich gedeckte Gewalt wurde gegenüber den Juden angewendet.  Zu dem Zeitpunkt war Auschwitz undenkbar, doch reichte den Betroffenen die Erfahrung, um alles aufzugeben, wenn sich die Möglichkeit einer Flucht bot.

Obwohl das nationalsozialistische Deutschland die Bürger jüdischen Glaubens loswerden wollte, verschloss es zugleich die Möglichkeiten zur Flucht. Gerade totalitäre Systeme sind geprägt von Widersprüchen, die bisweilen aberwitzig, fast immer unmenschlich sind. Auf der anderen Seite konnten und wollten viele Zeitgenossen nicht gehen. Vor allem wurden die Türen von jenen Staaten, die als Zielorte einer Migration infrage kamen, geschlossen. Die Konferenz von Evian ist ein entlarvendes Beispiel dafür, die Konsequenz für die Betroffenen waren jahrelange, oft vergebliche Odysseen.

Die Irrfahrt der St. Louis war eine solche Odyssee. Sie endete am 17. Juni 1939 in Antwerpen und nicht wie erhofft in Havanna auf Kuba. Die für viel Geld erworbenen Visa wurden zwischenzeitlich für ungültig erklärt, Korruption und politischer Druck der auf der Insel sorgten dafür, dass die St. Louis für einige Zeit vor dem Hafen der Stadt lag und unverrichteter Dinge wieder abfahren musste. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura hat im ersten Teil seines Romans Ketzer die Ereignisse aus der Sicht von Juden, die bereits auf der Insel leben, geschildert. Die Irrfahrt der St. Louis widmet sich den Menschen an Bord.

Jeden Abend wird getanzt, aber mit der gezwungenen Leichtigkeit eines Festes, das bald zu Ende gehen wird und als würde sich das Schiff auf den Abgrund der Welt zubewegen.

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis

Auf dem Schiff sorgte die Meldung von der Abweisgung für eine kaum vorstellbare Depression. Flüchtlinge sind auf ihrem Fluchtweg oft in einer Art Niemandsland gefangen. Die St. Louis war so ein Niemandsland, wie es heute die vielen Lager sind, manchmal auch ein Stück Land zwischen zwei Ländergrenzen, auf dem die Fliehenden festhängen. Das blühte den meisten Juden an Bord der St. Louis, die auch in den USA und Kanada abgewiesen wurden.

Sara Dellabella und Alessio Lo Manto schildern Die Irrfahrt der St. Louis auf eine besondere und bewegende Weise. Oft sprechen nur die Bildermit knappen, kargen Gesten und Haltungen der Figuren. Eine abweisende Handbewegung, Mimik und Gestik reichen, um die galoppierende Ausgrenzung in der deutschen Gesellschaft zu zeigen. Beklemmend sind die  verzweifelten Bemühungen, Wertgegenstände zu veräußern, um die vermeintlich rettenden Tickets und Visa zu ergattern.

Eine wichtige Gegenfigur zu den Nazis und Mitläufern ist der Kapitän des Schiffes, Gustav Schröder. Er verhält sich gegenüber den Passagieren mit Respekt und Entgegenkommen, versucht in vorbildlich preußischer Manier, seinen Auftrag zu erfüllen und die Fliehenden irgendwo an Land zu bringen. In einem nachgefügten Beitrag ist zu lesen, dass er sogar erwogen hatte, das Schiff bewusst vor Englands Küste auf Grund zu setzen, um eine Lösung im Sinne der Flüchtlinge zu erzwingen. Die Bereitschaft von vier Ländern, die Juden aufzunehmen, machte das Hazard-Spiel unnötig.

Die eigentliche Graphic-Novel wird von gleich drei Vorworten eingeführt, was bei einem Buch, das sich explizit an Jugendliche richtet, gewagt ist. Besonders interessant ist das ausführliche Interview mit Dr. Sol Messinger, einem Überlebenden der St. Louis, das die Graphic Novel wunderbar ergänzt und Teile der fiktiven Geschichte bestätigt. Auch die Entschuldigungs-Rede des kanadischen Premierministers Justin Trudeau ist abgedruckt, sie bietet reichlich Gelegenheit, Wollen und Wirklichkeit im Umgang mit Flüchtlingen in der Gegenwart zu überdenken.

Die Irrfahrt der St. Louis ist gerade wegen ihre Kürze und der Fokussierung auf eine recht überschaubares Ereignis gelungen, die Graphic Novel bietet einen guten Zugang zum Thema und ergänzt wesentlich komplexere Darstellungen. Mit dem deutschen Kapitän Gustav Schröder wird ein Mensch vorgestellt, der seinen Mut aus respektvoller Verantwortung schöpfte und bereit war, Grenzen zu überschreiten, um Leben zu retten.

Gern bedanke ich mich beim Knesebeck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis
Die wahre Geschichte eines mutigen Kapitäns und seiner jüdischen Passagiere
Aus dem Italienischen von Anja Kootz
Knesebeck 2026
Gebunden 112 Seiten
ISBN 978-3-98962-023-0

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Buchcover von ‚Uhr Werke‘ von Rebecca Struthers mit dem Zitat ‚Die Uhr ist das Metronom der westlichen Zivilisation‘, umgeben von antiken Uhren und einem Sanduhr-Desig
Nicht nur der Inhalt des Buches ist großartig, auch das Buch selbst wunderschön. Ich habe es gern zur Hand genommen und die Reise durch die Geschichte der Zeitmessung angetreten. Cover C.Bertelsmann, Bild mit Canva erstellt.

Es ist zutiefst paradox, dass Maria Stuarts Uhr, ein mächtiger religiöser Talisman einer katholischen Frau in einem ungastlichen protestantischen Land, sehr wahrscheinlich von einem protestantischen Kunsthandwerker in einem ebenso feindseligen katholischen Frankreich geschaffen wurde.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Für dieses Buch sollte man sich ein wenig Zeit nehmen. Das ist mehr als ein unbeholfener Versuch, die Buchbesprechung von Uhrwerke von Rebecca Struthers mit einem Wortspiel einzuleiten. Zeit ist die kostbarste aller Ressourcen im Leben des Menschen. Ist der Mensch frei, steht er aber unter dem Entscheidungsdruck, die Zeit, die ihm gegeben ist, sinnvoll zu füllen.

Und schwups – sind wir mitten im Thema. Auf die Frage, wie man seine Zeit »sinnvoll«  füllen kann, gab es zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Seiten recht unterschiedliche Antworten. Uhrwerke spielten dabei eine wichtige Rolle, denn die Geschichte der Zeitmessung ist eng verflochten mit den jeweiligen Zeitläuften und Weltsichten. Die wechselseitigen Einflüsse sind frappierend.

In einem der interessantesten Kapitel erzählt Rebecca Struthers, die als Uhrmacherin ihre Berufung gefunden hat, über den Einfluss, den die religiöse Einstellung auf die Gestaltung einer Uhr hatte. Puritanische Uhren zur Zeit Oliver Cromwells etwa stellten einen krassen Bruch mit den vorherigen Formuhren dar. Sie waren schlicht und bar jeglicher Verzierungen.

Diese Uhren waren ein Spiegelbild puritanischer Weltsicht, die sich auch in anderer Hinsicht niederschlug, etwa der Mode. Wichtiger noch als das Äußere ist der ideelle Wert von Zeit (und damit auch eines mechanischen Zeitmessers). Für Müßiggang war kein Platz in Gottes Welt, die geschenkte Zeit musste genutzt werden. Alles andere galt als Laster und Sünde mit Folgen im Jenseits. (Was die Herrschaften wohl zu Instagram und anderen modernen Zeit-Fallen zu sagen hätten?)

Zu den großen Stärken von Uhrwerke gehört, dass die Autorin Brücken von der Uhrmacherkunst im Laufe der Jahrhunderte zu ihrer eigenen Person schlägt. Sie schildert beispielsweise jene obskuren Schuldgefühle, wenn sie »zu wenig gearbeitet oder zu lange geschlafen« habe. Uhrwerke befasst sich also keineswegs nur mit der Mechanik, sondern auch damit, wie diese den Menschen prägen kann und das über Jahrhunderte.

When I think of all the good time that′s been wasted having good times

(Eric Burdon and the animals)

Ich musste an diese Liedzeile denken, die zwar anders gemeint sein dürfte, für mich aber genau dieses Verschwender-Gefühl ausdrückt. Das erste »good times« könnte das puritanische sein, das zweite für die verschwendeten Stunden des Müßiggangs stehen. Anregende Gedanken, denn die Frage stellt sich, ob der Geist des puritanischen Arbeitseifers in Form eines preußischen Ablegers etwa auch in mir wirkt (obendrein klischeehaft) oder nicht.

Mehrfach wird deutlich, wie sehr Begebenheiten, die Jahrhunderte zurückliegen, bis in die Gegenwart wirken. Da wären die Hugenotten, die nach endlosen Kriegen und Massakern, einem Toleranzedikt, das immer mehr aufgeweicht und schließlich 1685 brutal aufgehoben wurde, vor der Wahl standen, Katholiken zu werden oder auszuwandern.

Einige davon sind nach Preußen gezogen, die Mehrheit in die Vereinigten Niederlande, aber auch auf die britischen Inseln und die Schweiz. Zu ihnen gehörten viele Uhrmacher, die in ihrer neuen – nun, ja – Heimat ihrer Tätigkeit nachgingen. Sie spielten eine »zentrale Rolle bei der Entwicklung der britischen und Schweizer Uhrenindustrie«.

Gedankt wurde es vielen jedoch nicht, ein Schicksal, von dem bis in die Gegenwart Migranten aller Art ein Lied singen könnten. Das nachfolgende Zitat über den hugenottischen Uhrmacher David Bouguet, der aus Frankreich nach London geflohen war, verdeutlich beispielhaft die seltsame Zwitterexistenz als geachteter Könner und angefeindeter Fremdling.

In der einen Minute war er für reiche Gönner tätig, die sein Werk bewunderten, respektierten und schätzten, in der nächsten wurde er auf der Straße als „französischer Hund“ (oder übler) beschimpft.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Auch der hellste Stern am Firmament der Uhrmacherei, Abraham-Louis Breguet, musste Frankreich für einige Jahre verlassen. Er floh allerdings vor dem Terror unter den Jakobinern. Die Flucht gelang dem Genie unter Mithilfe von Jean-Paul Marat, dem er selbst einmal zu Hilfe geeilt war. Für einige Jahre musste der brillante Uhrmacher in der Schweiz arbeiten, ehe er zurückkehren konnte.

Brequet hat der Anfertigung von Uhren eine ganze Reihe von technologischen Impulsen gegeben. Wie groß Brequets Einfluss war, zeigt die Tatsache, dass bis heute einige von seinen Fortschritten unverändert zur Anwendung kommen. Auch beim Thema Innovation ist die Geschichte der Uhrmacherei brandaktuell.

Die ersten Uhrwerke mussten in Türmen untergebracht werden. Der Weg zur Armbanduhr mit vielen zusätzlichen Funktionen (Komplikationen) war entsprechend weit; analog ist die Entwicklung von den Computern zum Smartphone gewesen und wird auch bei weiteren technologischen Erfindungen sein – Batteriespeicher, Elektromotoren, medizinische Geräte etc.  Uhrwerke ist auch ein Anlass für ein wenig Vertrauen in die menschliche Schöpfungskraft.

Sie [die Nachbauten und Fälschungen] leisteten einen großen Beitrag dazu, dass Uhren bezahlbar wurden, und ebneten damit nachfolgenden Unternehmen den Weg, sie wirklich allen Menschen zugänglich zu machen.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Die Verbreitung von Uhren hat Begehrlichkeiten geweckt. Taschendiebe und Fälscher tieben ihr Unwesen. Struthers geht den Fälschungen in einem eigenen Kapitel nach und kommt zu einem recht überraschenden Ergebnis. Es ist die Schattenseite der leuchtenden Innovationen des 18. Jahrhunderts, zu denen auch die Schiffschronometer gehörten. Doch hatten die Fälschungen einen ungewollt positiven Effekt, wie das Zitat zeigt.

Uhrwerke erzählt auch von den Schattenseiten, die mit den Uhren im Frühkapitalismus Einzug hielten. Die gnadenlose Ausbeutung der Fabrikarbeiter in den Produktions-Höllen des beginnenden Industriezeitalters ab 1760 lässt schaudern. Erstaunlich auch, wie sehr die Art der Zeitmessung peu á peu die gesamte Welt strukturierte, wie sehr Moden (Radfahren!) oder Entdeckungsfahren/-flüge/-reisen auf Zeitmesser angewiesen waren. Das Schicksal der Uhrmacherei auf den britischen Inseln kann als Warnung gelesen werden – etwa für die deutsche Autoindustrie.

Bei allem anderen, was mir an Uhrwerke von Rebecca Struthers so gut gefallen hat, ist das Buch auch eine Augenweide. Zur Gestaltung kann man Verlag und Autorin nur gratulieren, wie natürlich auch zum Inhalt, der einen weiten Bogen schlägt vom ersten Zählinstrument zu Atomuhren. Wie immer nach der Lektüre eines klugen, gut informierten und schön erzählten Sachbuchs ist der Leser hinterher ein bisschen klüger. Das gilt besonders auch für Uhrwerke.

*Rezenstionsexemplar

Rebecca Struthers: Uhrwerke
Eine Uhrmacherin erzählt die Geschichte der Zeitmessung
Aus dem Englischen von Christiane Wagler
C.Bertelsmann 2024
Gebunden 336 Seiten
ISBN: 978-3-570-10549-8

James Clavell: Shōgun

Ein großes Epos hat James Clavell geschrieben. Cover Knaur, Bild mit Canva erstellt.

Endlich bin ich einmal dazu gekommen, Shōgun von James Clavell zu lesen. Das hatte ich mir bereits in den frühen 1980er Jahren anlässlich der schönen Verfilmung mit Richard Chamberlain vorgenommen, einige Jahrzehnte später hat mir die erneute Umsetzung im Rahmen einer Serie den nötigen Motivationsschub gegeben, zu Buch / Hörbuch zu greifen. Dieser wunderbare historische Schmöker hat mich in den Bann geschlagen.

Karma, hatte er sich gesagt, ohne dass es schmerzte.

James Clavell: Shōgun

Das Wort »Karma« wird im Verlauf der Handlung oft benutzt, reicht aber weit über eine bloße (achselzuckende) Phrase hinaus. Wie der englische Pilot / Navigator (Anjin) Blackthorne nähert sich der Leser der anfangs fremden Welt peu á peu an. Worte, die auch als hohle Hülsen im Stile von »Gott sei mit dir!« gebraucht werden könnten, entpuppen sich als Teil einer spezifischen Lebenshaltung. Es ist ein weiter Weg, bis die Hauptfigur nicht nur „Karma“ sagt, sondern auch meint, weil er dessen Bedeutung verinnerlicht hat und fühlt.

Die Fremdheit und der sich langsam, aber unvollständig lüftende Schleier über der Kultur des Inselreiches Japan wird durch die epische Geschichte sehr schön eingefangen, die gegenseitigen Missverständnisse sind lustig, lebensgefährlich, grotesk und tatsächlich auch lehrreich. Die Handlung bleibt auch deswegen so spannend, weil der Umgang mit den Verständnisgräben immer wieder für Überraschungen sorgt.

Der Umgang mit den Sprachen hat mir besonders gut gefallen. Blackthorne ist ein hochgebildeter Mann, er spricht neben Englisch auch Niederländisch, Portugiesisch, ein paar Brocken Spanisch (»¡cabron!«) und Latein. Für die meisten Japaner ist Latein „die Geheimsprache der Priester“, die sie nicht verstehen. Clavell nutzt das, um ausgerechnet Latein zur Sprache der Liebe zu machen, die der Anjin und Mariko benutzen, um sich heimlich zu verständigen. Für Schul-Lateiner ist es äußerst faszinierend, dass etwas so Dröges, Totes sehr lebendig sein kann.

Die inhaltlichen Wendungen sind eine der ganz großen Stärken von Shōgun. Clavell hat ein dichtes Netz an Antagonismen, geheimen und offenen Bündnissen, Interessen, Verrat und individuellen Strategien und Taktiken geschaffen, das weit über das hinausgeht, was die beiden Serien zu bieten haben. Alles ist in die geopolitische Lage des Jahres 1600 eingebettet, die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten sowie der ewige Krieg zwischen Spaniern / Portugiesen und Engländern / Niederländern bilden eine aktive Kulisse der Handlung.

Obwohl mir die Grundhandlung durch die beiden Serien bekannt war, fesselte das Buch bis zur letzten Seite. Einige Stellen sind sehr brutal, die mögliche Anwendung von Gewalt liegt stets in der Luft. Und doch sind es die Gedanken und vor allem Gespräche der Handelnden, die Shōgun so interessant machen. Schlachten werden nur im Kopf geschlagen, als Pläne, Optionen oder Erinnerungen, bemerkenswert bei so einem dicken Schinken.

Schwerter und Bögen kommen bei Scharmützeln und Handstreichen, Überfällen und Verrat zum Einsatz. Sie sind aber immer das Mittel zu einem anderen Zweck, oft einem mehrfachen Doppelspiel, mit dem sich die Kontrahenten auszuspielen versuchen. Das wirkt alles sehr durchdacht und hervorragend erdacht. Für mich war die klassische auktorialen Erzählhaltung zudem äußerst angenehm, Clavell hat erzählt, was er zu erzählen hat, und die ihm passende Form gewählt.

James Clavell: Shōgun
Aus dem Englischen von Werner Peterich
Knaur 2024
Taschenbuch 1.280 Seiten
ISBN: 978-3-426-29351-5

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Ein sehr abwechslungsreicher und unterhaltender Roman aus den Niederlanden, der sich dem Thema Massentourismus gekonnt widmet. Cover Elsinor Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Man stelle sich den Bürger von Amsterdam als Frosch in einem Topf vor, in dem Wasser langsam erhitzt wird. Die Hitze steht für den Massentourismus. Einige Zeit merkt der Bürgerfrosch gar nicht, wie sich sein Leben verändert. Die Corona-Pandemie aber unterbricht den Prozess, sie nimmt den Frosch für einige Zeit aus dem Topf. Nach der Corona-Auszeit bzw. der Rückkehr in das sich weiter erhitzende Wasser folgt aber die brutale Erkenntnis, wie es um die Existenz des Froschbürgers inmitten der massentouristischen Lebenswelt tatsächlich bestellt ist.

An diesem Bild, das der niederländische Autor Ries Rowaan in seinem Roman Amsterdam, verlorene Stadt, verwendet, haben mir mehrere Dinge gefallen. Das sich immer stärker erhitzende Wasser, das dem Frosch sein Lebensgrundlage entzieht; die Eigenheit des Menschen, Entwicklungen zu ignorieren und sich so anzupassen, dass der Ursprung der Veränderung vergessen wird; schließlich Corona als Katalysator, Brandbeschleuniger für Erkenntnis und Radikalisierung.

Diese neue Welt machte Jan wütend und traurig zugleich, doch eigentlich vor allem wütend, rasend, furchsteufelswild.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Wer sich mit sozialkritischen Themen im Rahmen eines Erzählwerkes auseinandersetzt, läuft immer Gefahr, sich vom Thema so überwältigen zu lassen, dass es zu einer essayistischen Streitschrift wird. Der kubanische Autor Leonardo Padura hat das einmal so formuliert, dass Literatur, die sich auf das Feld der Politik begebe, drohe, von dieser verschlungen zu werden. Massentourismus ist so ein Thema, Ries Rowaan begegnet diesem mit schwarzem Humor, einer Prise Thriller, viel Sarkasmus und Spott sowie einem ausgefallenen Erzählansatz: Der Erzähler weilt nämlich bereits im Jenseits.

Eine Explosion hat Leo aus dem Leben gerissen, die Beschreibung der Umstände ist großartig; zunächst begreift er gar nicht, was passiert ist. Er schildert die Verwüstungen im Gefolge einer Detonation und bleibt auch bei der Beschreibung der eigenen Verletzungen kühl und sachlich. Dabei handelt es sich um einen dramatischen Moment.

Aufgenommen in Venedig, im Mai 2022. Die Stadt war überraschend leer, Asien noch im Lockdown, in Europa war Corona aber vorüber, eine Situation, wie sie Roowaan auch in seinem Roman für Amsterdam beschreibt.

Wie sich zeigt, war die Detonation Teil eines Terroranschlags: Zwei Bomben und zwei Selbstmordattentäter haben viele Menschen aus dem Leben gerissen. Es handelt sich um einen der größten Anschläge in Europa. Der dabei zu Tode gekommene Leo stellt kritische Fragen, etwa hinsichtlich der Neigung staatlicher Stellen, Täter als psychisch labile Einzelakteure zu verharmlosen.

Die Erzählung soll eine Richtigstellung sein, denn das Attentat berührt auch Leos Umfeld: Sein bester Freund Jan ist nach der Tat verhaftet worden. Er ist der Bürgerfrosch im Topf, der an den Zuständen in Amsterdam fürchterlich leidet und – wie das Zitat weiter oben zeigt – radikale Schlüsse zieht. Er hätte also ein Tatmotiv, trotzdem wird er zu Unrecht verdächtigt, wie Leo findet.

Die Schädeldecke war weggerissen, und ein Teil dessen, was sie hatte schützen sollen, lag auf der Straße. Offenbar braucht der Mensch also kein Gehirn, um denken zu können.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Die Situation an sich ist mehr als grotesk. Touristen, die Amsterdam wie ein echter Amsterdamer erleben wollen und zum Fahrrad greifen, auch wenn sie gar nicht fahren können. Der »Fahrradtourist« ist mit seinem bizarren Verhalten eher ein Fahrradclown, ein gefährdeter Gefährder, wenn schon der Versuch, auf den Drahtesel zu steigen, misslingt.

Diejenigen, die immerhin wissen, wie man fährt, sind nicht besser. Weidlich nutzt der Autor die Gelegenheit, die nationalen Eigenheiten mit genüsslichem Spott auszubreiten. Italiener mäanderten lautstark redend über die Radwege und neigten zu jähen Richtungsänderungen, Deutsche hielten sich an die Regeln, führen jedoch zu schnell, während die Amerikaner gemächlich vor sich hin strampelten und die Franzosen im Pulk unterwegs seien. Das mit dem Smartphone selbstgedrehte Video der Tour hat einen dramatisch höheren Stellenwert als Verkehrssicherheit.

Der Autor nutzt das für eine boshafte Abrechnung, geht jedoch darüber hinaus. Mit Leo Hogeler, einem passionierten Klavierlehrer und Verführer, hat Rowaan eine interessante Figur geschaffen, dessen Handlungsweise immer wieder überrascht. Seine Freundschaft zu Jan Janssen, den er als »Familienvater« bezeichnet, bildet das Fundament für die Erzählung vom Wandel, der aus Amsterdam eine lebensunwerte Stadt werden lässt. Janssen, verheiratet, Haus, Kinder, droht inmitten der touristischen Springflut unterzugehen.

Hier berührt Rowaan ein Motiv, das ich bereits in einem anderen, ganz vorzüglichen Roman (Grand Hotel Europa) kennengelernt habe: der nach vorgeblich authentischen Erfahrungen suchende Reisende, der sich vom gewöhnlichen Touristen abzuheben versucht. Dabei übersieht dieser, wie absurd sein Vorhaben ist. Man ist immer Eindringling – wie der Autor anhand der spezifischen Fahrrand-Sozialisierungen ganz wunderbar gezeigt hat.

Sie wollen der örtlichen Bevölkerung so nahe wie möglich auf den Pelz rücken – der damit allerdings in keiner Weise gedient ist.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Massentourismus durch Amsterdam – verlorene Stadt, die Erzählung ist jedoch auch eng verwoben mit dem originellen Lebenswandel des Erzählers und seines Freundes. Leo und Jan gehen auf grundverschiedenen Pfaden durchs Leben, hier sexueller Hedonismus in einem musikalischen Kokon ohne Ambition, dort pflichtfixierte Rechtschaffenheit in einem kleinbürgerlichen Leben, jedoch getrieben von einem authentischen Interesse an Tätigkeit und Beziehung.

Nach seinem allzu frühen Tod blickt Leo aus dem Jenseits auf sein Leben zurück. Eigentlich ist der Verstorbene für eine derartige Rückschau zu jung, was seinen Worten eine weitere besondere Note verleiht. Wehmütig-profane Dinge stehen neben klugen Beobachtungen.

Die 2020er Jahre werden manchmal unbedacht als neue Roaring Twenties verklärt, dabei gibt es beträchtliche Unterschiede zu den 1920er Jahren: Damals hatten nur sehr wenige Menschen genug Geld für Reisen in fremde Städte, hundert Jahre später sind Millionen dazu in der Lage und nutzen diese Freiheit vor allem zum Partymachen. Die Ausnahmen sind zu einer Flutwelle geworden, einer biblischen Plage gleich.

Der rechtschaffene Jan zieht daraus die Konsequenz, selbst keine City-Touren mehr zu unternehmen. Ein scharfer Kontrast zur Bigotterie mancher Amsterdamer, die über die Touristen in ihrer Heimatstadt herziehen, um im Ausland selbst »die Sau rauszulassen«. Und der Leser, der beifällig nickt, wird er für sein eigenes Leben eine Konsquenz ziehen? Wohl kaum.

Jans Bemühungen gehen sogar über den Selbstverzicht hinaus. Er glaubt, eine einfache Lösung für das Problem gefunden zu haben:

Worin bestand die Lösung? Ganz einfach: Amsterdam musste wieder gefährlicher werden.

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt

Einfache Lösungen sind meist keine, im Gegenteil: Sie führen oft mitten in die Hölle. Schon auf den ersten eineinhalb Seiten erfährt der Leser von der monströsen Gewalttat, dem Anschlag inmitten der Stadt, durch den Leo aus dem Leben gerissen wird. Amsterdam ist also tatsächlich »gefährlicher« geworden. Was es mit dem Attentat auf sich hat und wie Jan darin verwickelt ist, wird hier jetzt nicht verraten, nur soviel: Auch in diesem Punkt steckt eine Warnung.

[Rezensionsexemplar]

Ries Roowaan: Amsterdam, verlorene Stadt
Aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Elsinor Verlag 2024
Klappenbroschur, 176 Seiten
ISBN 978-3-942788-83-0

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