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Schlagwort: Politik (Seite 9 von 12)

Maxim Znak: Zekamerone

Buchcover von 'Zekamerone' von Maxim Znak mit orange-schwarzem Design; der Titel 'Zekamerone' und der Autor 'Maxim Znak' sind auf dem Cover hervorgehoben. Das Buch ist eine Kurzrezension der 'edition suhrkamp'.
Gefängnisliteratur gegen das Vergesen der mutigen Demokraten in Belarus: 100 Impressionen aus den Abgründen des politischen Strafsystems unter Lukashenka. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

In der Literatur kommt es manchmal vor, dass der Autor seinen Erzähler bzw. seine Erzählstimme in den Knast versetzt. Günter GrassBlechtrommel oder Max Frischs Stiller gehören in diese Kategorie, aber auch Jean-Paul Dubois mit Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Manchmal sitzt der Autor selbst im Gefängnis und schreibt von diesem Ort aus seine Werke. Peter-Paul Zahl wäre ein Beispiel, der sich unter anderem mit dem Hitler-Attentäter Johann Georg Elser befasst hat.

Noch etwas anders geartet liegt der Fall bei Maxim Znak. Zwar verbrachte auch Zahl seine Zeit keineswegs freiwillig hinter Gittern, doch konnte und durfte er schreiben und publizieren. Dem Belarussen Znak ist das verwehrt, hier ist das Schreiben aus dem Knast kein literarisches Mittel oder gar Attitüde, sondern bitterer Ernst. Er ist politischer Gefangener in einem diktatorischen System und sein Zekamerone ist nur realisiert worden, weil die Texte auf Zettelchen aus Gefängnis und Land geschmuggelt wurden.

Maxim Znak ist im Zivilberuf Anwalt und bekannt durch seine Verteidigung von Maria Kalesnikava. Er wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Zekamerone schildert eine ganze Reihe von Impressionen aus der Haft, die dem Leser einen Eindruck davon verschaffen, wie es in der Gefängniswelt von Belarus zugeht. Die kurzen Texte widmen sich alltäglichen Themen, sie zeigen, wie das Regime mit seinen Gegner umgeht, wie es sie drangsaliert, erniedrigt, mit bürokratischer Willkür erstickt und im Albtraum überfüllter Zellen in Unsicherheit vegetieren lässt.

Manchmal wird Znak heiter und bringt den Leser auch zum Lachen. Ein Raureif-Lachen ist es, denn aus den erbärmlichen Umständen der Gefangenschaft kann man sich nicht lösen. Soll man sich nicht. Kaufen und lesen sollte man dieses Büchlein aber, um wenigstens lesend hinter die Kulissen des belarussischen Regimes unter Diktator Lukaschenka zu schauen, wo jene sitzen, die wir im Westen nicht vergessen sollten, die mutigen Bürgerrechtler von Belarus.

Maxim Znak: Zekamerone
Geschichten aus dem Gefängnis
aus dem Russischen von Henriette Reisner und Volker Weichsel
mit einem Nachwort von Valzhyna Mort
Edition Suhrkamp 2023
Taschenbuch 242 Seiten
ISBN: 978-3-518-12804-6

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Manche Kapitel lassen den Leser fassungslos zurück. Martin Sabrows detaillreiche Studie vermeidet glücklicherweise Gleichsetzungen mit der Gegenwart. Cover Wallstein-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In der vierten Staffel der Spielfilmserie »Babylon Berlin« findet ein Gerichtsprozess statt, der die Veröffentlichung von Details über die geheime, vertragswidrige und das Völkerrecht brechende Aufrüstung Deutschland behandelt. Ein Unrechtsprozess, entwürdigend für die angeklagten Journalisten, empörend für deren Verteidiger und die Zuschauer vor dem Bildschirm; ja, auch ein wenig stiefelig in seiner grobgezeichneten Art.

Die Meinung über die zunächst holzschnittartige Darstellung des Richters und der Prozessumstände relativiert sich auf eine – ja, man kann es nicht anders nennen – dramatische Weise bei der Lektüre von Martin Sabrows ausgezeichnetem Buch Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution. Die historische Wirklichkeit war in monströser Weise grotesk; zugleich wird die Motivation von Zeitgenossen wie dem Film-Richter aus »Babylon Berlin« von dem Vorwurf, nur ein vergröbernder Holzschnitt zu sein, freigesprochen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt stand der Republik ein Gegner gegenüber, der nach Stärke und Taktik für einen neuen Anlauf zum Kampf um die Macht im Land ungleich besser gerüstet war als beim ersten Putschversuch vom März 1920.

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Den Leser von Sabrows detailreicher und umfassender Darstellung beschleicht recht bald ein Frösteln, das sich spätestens bei dem Kapitel über den Prozess gegen die »Organisation Consul« in großes Frieren verwandelt hat. Das, was dort geschildert wird, war kein Justizversagen; es war der gelungene Versuch, über eine Terror- und Umsturzorganisation einen Schleier zu werfen. Die Gegner agierten taktisch und strategisch vor Gericht gut, trotzdem: ohne den Beistand der Anklage (!) hätte auch das nicht gereicht.

Natürlich liest man aus der Sofaperspektive des Jahres 2023 in der Retrospektive mit, was seither geschah, den Untergang der Weimarer Republik und den Zivilisationsbruch, der Europa in den Abgrund stürzte und Millionen in den Tod riss. Die Zeitgenossen wussten das alles nicht, trotzdem waren sie hellsichtig genug, den Prozess richtig einzuordnen. Genutzt hat es nichts.

Das ist keine schlechte Justiz. Das ist keine mangelhafte Justiz. Das ist überhaupt keine Justiz.

Kurt Tucholsky, zitiert nach Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Timothy Snyder hat völlig zurecht darauf verwiesen, wie viele kluge Leute zur Zeit der Weimarer Republik lebten, wie viele von ihnen treu zur Verfassung standen, ihre Ansichten in dem breiten Spektrum an Medien kundtaten, in zum Teil herausragender Weise, sprachlich und analytisch die Abgründe ausleuchteten und aufzeigten. Das reichte nicht, um die Republik zu retten; sicher auch, weil es eine breitenwirksame Presse gab, der die Republik verhasst war. 

Zu den wirklich kuriosen Dingen gehört, dass sich der Staat in Gestalt der verfassungstreuen Parteien der Gefahr wohlbewusst war; um den schädlichen Einfluss der Justiz, die schon 1921 als fürchterlich antidemokratisch galt, einzudämmen, wurde ein Staatsgerichtshof in Leipzig gegründet, der sich mit staatsgefährdenden Umtrieben befassen sollte – ausgerechnet dort kam es zu der absurden Verkehrung von Anklage und Verteidigung.

Martin Sabrow schildert die Gegebenheiten und Entwicklungen mit nüchternem und kühl-analytischem Tonfall, die regelmäßig eingestreuten Pressezitate reichen neben den reinen Fakten völlig aus, den Leser unter Spannung zu halten. Ein großer Wert dieses Buches liegt darin, einmal genau zu zeigen, was es tatsächlich bedeutete, wenn eher allgemein von einer rechtslastigen Justiz die Rede ist; und wie sehr der Versailler Vertrag auch hier eine bedeutende Rolle bei der Handlungsmotivation spielte.

Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts. Joseph Wirth, Reichskanzler

Reichskanzler Wirth, zitiert nach Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Außerdem werden generelle Aspekte der Weimarer Republik deutlich. Einmal bestand eine tiefe Kluft zwischen Stadt und Land, während die urbanen Zentren von großen Wogen der Empörung über die Attentate durchwogt wurden, blieb die Provinz im dumpfen Zustand von Ignoranz und Gleichgültigkeit. Mancher lokale Mandatsträger wusste nichts von einem Außenminister Rathenau, geschweige denn von seiner Ermordung; die Flüchtigen erhielten trotz massiver Strafandrohung Unterstützung, keineswegs nur aus den Reihen der »Organisation Consul«.

Zweitens gelang es den demokratischen Kräften nicht, die strukturellen Defizite der Republik abzumildern. Weder die Justiz noch die Reichswehr noch die vielfältigen völkisch-rassistischen Verbände noch Verweigerer- und Rechtsbruchstaaten wie Bayern sowie erzkonservative Kräfte der Wirtschaft konnten auf einen verfassungsmäßigen Kurs gebracht werden.

Die offene Auseinandersetzung scheuten die Republikaner oft mit ängstlichem Blick auf die öffentliche Ordnung, Aufstände, wilde Streiks, Gewalt gegen Rechts und natürlich die immer beschworene Gefahr eines bolschewistischen Umsturzes waren diesen Kräften ein Gräuel; ihre Gegner hatten diese Skrupel nicht, ein Strukturmerkmal, das schon 1848 geprägt und für großes Unheil gesorgt hat. In diesem Fall hätte es vielleicht den Absichten der Putschisten in die Hände gespielt.

So ergibt sich am Ende ein ambivalentes Fazit: Die vom Weimarer Rechtsputschismus gelegte Spur der Gewalt reichte weit über 1921/22 hinaus, aber in einer ungebrochenen Kontinuitätslinie zum Rechtsterrorismus nach 1945 steht sie nicht.

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Die größte Stärke von Martin Sabrows Buch bildet zugleich die größte Herausforderung für den Leser: Detailreichtum und Vielschichtigkeit der einander überlappenden Themenbereiche aus unterschiedlichen Perspektiven entreißen dem Zwielicht eine umfassende rechtsgerichtete Verschwörung gegen die junge Republik und grenzen sie gegenüber der – letztlich siegreichen – nationalsozialistisch-völkischen ab. Hier die überkommene putschistische Hermann Ehrhardts, dort die populistische Adolf Hitlers.

Ganz besonders segensreich an diesem sehr lesenswerten Buch ist, dass der Autor der Verlockung entgegentritt, die Morde der 1920er Jahre mit denen der Gegenwart gleichzusetzen; er vergleicht, nennt Gemeinsamkeiten und weist nachdrücklich auf die Unterschiede der Mordserie in der frühen Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland vor und nach 1990 hin. Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution bildet eine wunderbare Grundlage dafür, um über Rechtsterrorismus und Rechtsstaat in unserer Zeit nachzudenken.

Verwiesen sei in diesem Zusammenhang noch auf den Roman von Das Spinnennetz von Joseph Roth, der von Oktober bis November 1923 als Fortsetzungsroman erschien und in seiner abrupten, temporeichen Form geradezu wie ein literarisches Echolot der rechten Gewalt wirkt – wenige Tage von Hitlers Novemberputsch. Auch die Verfilmung des Romans mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle des Weltkriegsleutnants Theodor Lohse ist sehenswert. 

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution
Wallstein-Verlag 2022
Gebunden 334 Seiten
ISBN: 978-3-8353-5174-5

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Das Desaster in Indochina und die unzulänglichen Versuche der französischen Politik, damit umzugehen, stehen im Fokus des Romans. Cover Matthes&Seitz, Bild mit Canva erstellt.

Schon auf der ersten Seite des Romans Ein ehrenhafter Abgang begibt sich der Leser auf eine Reise nach Indochina. Es ist Mitte 1928, der Erste Weltkrieg liegt zehn Jahre zurück, der Zweite zeichnet sich noch nicht ab und jenes Gebilde namens Indochina ist eine französische Kolonie. Éric Vuillard lässt keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Reise handelt, denn die Einheimischen gelten als bloße Befehlsempfänger.

Die Reise geht in den Norden, genauer gesagt zu einer Kautschukplantage, denn die Reisenden sind Gewerbeaufseher. Sie sollen nach dem Rechten sehen und was sie vor Augen bekommen, ist alles, aber nicht recht. Die Vietnamesen werden auf brutale, unmenschliche Weise ausgebeutet. Sofern sie versuchen, ihrem elenden Dasein zu entfliehen, bezeichnet man sie als Deserteure; fürchterliche Strafen folgen, schon das Wort »Justizbalken« lässt den Leser frösteln.

Die Gewerbeaufseher geben sich bürgerlich anständig im Sinne einer spezifischen Gewissenhaftigkeit. Auf ihre Veranlassung werden verschlossene Türen geöffnet, auch wenn der Schlüssel angeblich fehlt, doch nach Drohungen plötzlich wundersam auftaucht. Lügen und menschliches Elend werden aufgedeckt, in Gestalt geprügelter, halb verhungerter Vietnamesen. Doch die Anständigkeit der Gewerbeaufseher versickert folgenlos.

[…] und wie gehabt weiß der Plantagendirektor nichts und wie gehabt wirkt er ausnehmend betroffen […] und wie gehabt äußert der Direktor sein tiefes Bedauern und wie gehabt werden die Misshandlungen als Ausnahmen, als Fehlverhalten eines Aufsehers oder Sadismus eines Untergebenen dargestellt.

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Der Grund der Reise war eine »Selbstmordepidemie«, denn die Vietnamesen erweisen sich als anders, als von den Verfechtern einer auf monotoner Effizienz beruhenden Arbeitsökonomie behauptet: Sie lassen sich nicht »dressieren« haben keine »unterlegene Mentalität« und ertragen den Stumpfsinn ihrer Arbeit nicht. Sie versuchen ihre Haut durch Flucht zu retten oder wählen den Freitod. Später werden sie für den Vîeth Mînh kämpfen. Siegen.

Éric Vuillards Ein ehrenhafter Abgang ist in einer Erzählhaltung verfasst, die am besten mit lakonischer Rage umschrieben ist, man merkt die Empörung, die den Autor – wie in seinen anderen Büchern – antreibt. Er montiert Informationen, stellt sie wirkmächtig einander gegenüber: Den enthüllten Misshandlungen folgen »weder Reform noch Verurteilung«, während die Firma Michelin in jenem Jahr dreiundneunzig Millionen Franc Gewinn meldet. Rekord.

Um die Menschen geht es dem Autor, die Opfer dessen, was der französische Autor Alexis Jenni als »Koloniale Fäulnis« bezeichnet hat: Rassismus. Unterdrückung. Misshandlung. Tod. Man wusste davon, man hätte etwas ändern können, unterließ es aber. Auch als die militärische Niederlage im Indochina-Krieg sichtbar wurde, ergingen sich die französischen Eliten in abwiegelnden und den Realitäten spottenden Absurditäten.

Der Krieg ist praktisch verloren. Das Einzige, was man sich noch erhoffen kann, ist ein ehrenhafter Abgang.

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Den Anfang vom Ende bildete die vernichtende Niederlage von Cao Bang im Herbst 1950. Wie bei allen historischen Ereignissen, Personen, Handlungen usw. erklärt Vuillard fast nichts. Der Leser nimmt sein Unwissen hin oder informiert sich auf eigene Faust. Für ein deutsches Lesepublikum, das mit den personellen Details der vierten oder fünften Republik, geschweige denn mit deren biographischen Verstrickungen, sowie den vielfältigen Andeutungen in diesem Buch nicht vertraut ist, könnte die Lektüre kleinteilig und zäh werden. Die assoziierende Erzählweise in diesen Passagen erleichtert das Verständnis nicht gerade.

Doch muss man diesen Weg nicht gehen, denn die Stoßrichtung der Darstellung liegt auf der Hand. Cao Bang hat den nicht nur mit zurückgelassener Ausrüstung für eine komplette Division versorgt, die Schlacht hat auch offen zutage treten lassen, wie hoffnungslos gefährdet die französische Herrschaft in Indochina war. Vor diesem Hintergrund erscheint die ausführlich geschilderte politische Debatte in Frankreich gespenstisch.

Statt offen über die Frage zu debattieren, wie man aus der Misere wieder herauskommt und ob Waffenstillstandsverhandlungen mit dem auf der Siegesstraße marschierenden Vîeth Mînh zu einem Ausweg führen würden, wird eine politische Parlaments-Komödie aufgeführt, die jeden Gedanken an Verhandlungen auf infame Weise mit der Kapitulation von 1940 und der Kollaboration des Vichys-Regimes mit den Nazis gleichsetzt.

»Er hat Angst, dass ihm ein Sieg durch die Lappen geht. So treiben die Menschen in gigantische Katstrophen.«

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Es ist ein Anliegen Vuillards, die Geschehnisse von einer speziellen Warte aus darzustellen. Oft wird er drastisch, sarkastisch oder offen boshaft, wenn er die Protagonisten charakterisiert und die Handlungsweisen der Verantwortlichen schildert. Er versucht zu entlarven. Führende Politiker und Militärs wussten, wie die Lage war, und haben dennoch nicht die nötigen Konsequenzen gezogen, um eine Schande zu vermeiden und einen »ehrenvollen Abgang« aus Indochina zu erzwingen.

Daraus wurde nichts. Dreieinhalb Jahre später, im Herbst 1953, begann das Drama um Dîen Bîen Phu, ein militärisches Desaster der französischen Streitkräfte, das im Frühjahr 1954 nach monatelangem Kampf beendet wurde und  Frankreichs Niederlage besiegelte. Neben Franzosen und den vielen in der Fremdenlegion dienenden Europäern haben in dieser Kesselschlacht zahllose Einheimische und Soldaten aus den französischen Kolonialgebieten ihr Leben gelassen.

Den Toten stellt der Autor die klug agierenden französischen Wirtschaftsunternehmen entgegen, die ihre Investments in Indochina frühzeitig fallenließen, dafür ordentlich an den Belieferungen der Truppen verdienten. Überhaupt arbeitet sich der Autor an der Wirtschaft und ihren Interessen ab, er stellt die provozierende Frage, für wen die Soldaten vor Ort die blutigen Schlachten wirklich fochten: für Frankreich oder für Aktiengesellschaften.

Auf einem Berg von Leichen errangen die Vietnamesen schließlich nach einem weiteren, schier endlosen und äußerst blutigen Krieg den Sieg auch über die Amerikaner. Der Rückzug aus Saigon, 21 Jahre nach dem Fall der Festung von Dîen Bîen Phu, war alles, nur kein ehrenvoller Abgang. Das ist weder den USA noch Frankreich gelungen.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang
aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz 2023
HC 136 Seiten
978-3-7518-0908-5

Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Mit großer Spannung habe ich diesen Roman erwartet. Eine großartige politische Erzählung in den Schatten hinter den Kulissen. Cover C.H. Beck. Bild mit Canva erstellt.

Wenn man an einem Lagerfeuer oder vor einem Feuerkorb sitzt, wärmen die Flammen von vorn, am Rücken fröstelt man. So ist es bei  mir gewesen, kaum dass ich in die Handlung des Romans Der Magier im Kreml von Giuliano da Empoli hineingezogen wurde. Ich wusste ja, was kommt. Grundsätzlich. So wird es jedem gehen, der die vergangenen 25 Jahre nicht mit fest verschlossenen Augen durchs Leben taumelte.

Der wunderbar politische Roman entfaltet sein Thema gemächlich vor den Augen des Lesers. Er erschafft das Profil einer Persönlichkeit, ihrer Herkunft und en passant die Entwicklung Russlands seit der Zarenzeit: Wadim Baranow, der Magier im Kreml oder – wie es Beresowski an einer Stelle formuliert: »Putins Rasputin«. Ein  Berater des Zaren, wie Putin genannt wird, ohne Fachressort, aber mit direktem Zugang zu ihm.

In Russland zählt nur das Privileg, die Nähe zur Macht.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Baranows Tätigkeit nahe dem Zentrum aller Macht in Russland liefert einen Reiz des Romans, die Hoffnung auf erhellende Blicke hinter die Kulissen. Glücklicherweise vermeidet der Autor effektheischende »Enthüllungen«; entäuscht wird, wer Action oder Handlungsspannung erwartet. Für jene, die sich seit 1998 den Entwicklungen in Russland nicht verschlossen haben, bietet das Buch ein immens spannendes und gleichfalls irritierend gruseliges Leseerlebnis.

Der Magier im Kreml ist eine Fiktion, aber eine klug arrangierte und informierte. Der Tonfall ist nüchtern, in einem überlegenen, von der Arroganz des Machtwissens umflorten Gestus vorgetragen. Baranow gibt vor, genau zu wissen, wie es läuft und gelaufen ist; er lässt seinen Zuhörer (und die Leser) daran teilhaben, eine fürstliche Gunstbezeugung. Er hat nach eigenem Bekunden wesentlichen Anteil daran, dass Russland heute so ist, wie es ist, er ist ein loyaler Zyniker der Macht, machiavellistisch und bigott.

Der Krieg in der Ukraine war wie alles andere auch. Ich hatte ihn bestimmt nicht gewollt. Ich hatte meine Ablehnung im Übrigen lautstark zum Ausdruck gebracht. Aber dann, als der Zar diesen Krieg beschlossen hatte, tat ich alles in meiner Macht Stehende, ihn zum Erfolg zu führen.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Da Empoli hat seinen Roman im Wesentlichen als Kaminzimmergespräch in Szene gesetzt, eine großartige Entscheidung, diese Form passt wie angegossen. Der Ich-Erzähler kommt über ein Posting in den Sozialen Medien zu einem sehr speziellen Roman aus den 1920erJahren in Kontakt mit Baranow und wird zu diesem eingeladen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der ehemalige Kremlmagier ist zu einem Gespenst geworden, nach seinem Rücktritt, umwittert von Gerüchten und Vermutungen zu seinem Schicksal.

In dem Gespräch zwischen den beiden Männern verstummt der Ich-Erzähler mehr und mehr, er unterbricht Baranows Erzählfluss nur anfangs ab und zu durch eine Nachfrage. Manchmal spricht dieser seinen Gast direkt an, das wirkt, als wende er sich direkt an den Leser. In diesen Passagen bekommen der Westen und seine Protagonisten oft abfällige Bemerkungen zu lesen, eine tiefgreifende Verächtlichkeit und Abneigung gegen die vermeintliche Schwäche – sehr authentisch, denn die Echos dieses Weltbildes waren tatsächlich den vergangenen Jahren oft in Zeitungen zu lesen.

Baranow ist eine unangenehme Person. Eingebildet. Arrogant. Narzisstisch. Stolz. Selbstgefällig. Er vermittelt gegenüber seinem Gesprächspartner (und dem Leser) das Gefühl der Überlegenheit einer bedeutenden Persönlichkeit, die auf die anderen herabsieht wie auf durcheinanderwirbelnde Ameisen. Menschen sind  ihm im Grunde genommen völlig gleichgültig, insbesondere die Russen, denen er attestiert, sie bräuchten Härte, Führung, aber keine Demokratie.

Wer ein wenig in Geschichte bewandert ist, kennt derlei Aussagen auch über »die Deutschen«, etwa von den Reaktionären um 1848 und während des Kaiserreichs, den Völkischen und Nazis; man kennt es auch aus China und hier wie da ist es schlichtweg falsch. Aber nützlich, denn rund um den Erdball wird diese Verschlichtung allzu gern aufgegriffen, wenn andere Erklärungen zu kompliziert oder lästig geraten. So auch, wenn man den Aufbau einer Diktatur rechtfertigen will.

Die erste Regel der Macht lautete, auf Fehlern zu beharren, in der Mauer der Autorität nicht den kleinsten Riss zu zeigen.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Am Aufstieg Putins und der Errichtung einer Machtvertikale hat Baranow einen gehörigen Anteil. Er weiß darum, wie Dinge inszeniert werden, denn er stammt aus intellektuellen Theaterkreisen und hat im Fernsehgeschäft die wesentlichen Instrumente kennengelernt. Als Beresowski ihn kontaktiert und klar wird, worum es dem einst mächtigen Medienmogul geht, endet alles fröstelige Kaminfeuerbehagen und die Luft scheint zu vereisen.

Es ist wie beim Anschauen der herausragenden TV-Serie Chernobyl, wenn der unverzeihliche und verhängnisvolle Leichtsinn jene dramatische und schreckliche Entwicklung einleitet, der gewöhnlich als GAU bezeichnet wird. Da Empolis Roman erreicht diesen Punkt, wenn die Zauberlehrlinge á la Beresowski im Dunstkreis der Macht ihr Spiel spielen und wie Dr. Frankenstein ein Geschöpf in die Welt setzen, das nicht mehr zu kontrollieren ist. Und seine Schöpfer frisst. Der GAU ist hier ein politischer.

Das Reich des Zaren wurde aus dem Krieg geboren, und es war nur folgerichtig, dass es am Ende wieder zum Krieg zurückkehrte.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Je näher das Romanende kommt, desto deutlicher wird, wie gefestigt Weltbild und Macht des Zaren sind. An einer Stelle lässt da Empoli jemanden zu Wort kommen, der sich über einen Exit des Machthabenden auslässt – genauer gesagt: einen Bogen zur Mafia schlägt und die Meinung vertritt, in beiden Fällen sei ein Abgang unmöglich. Das aber hieße, nach allem, was vorher zu lesen war, dass mit Putin kein Frieden möglich wäre. Schöne Aussichten!

Da Empoli lässt seinen Roman in schauderhaft dystopischen Äußerungen münden, die inhaltlich  überraschend sind und dennoch in gewisser Hinsicht zu dem ganzen Vorangehenden sehr gut passen, obwohl sie über Putin hinausreichen. Die düstere Prophetie aus dem Munde Baranows hinterlässt ein Gefühl nachdenklichen Grauens, das den Leser noch einige Zeit begleitet, wenn er Der Magier im Kreml zugeschlagen hat.

Guiliano da Empoli: Der Magier im Kreml
aus dem Französischen von Michaela Meßner
C.H. Beck 2023
Hardcover 265 Seiten
ISBN 978-3-406-79993-8

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Vor 175 Jahren entfachte die Französische Februarrevolution auch in Deutschland eine revoultionäre Stimmung. Cover Kiepenheuer&Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Wem die Sympathien des Autors gehören und auf wessen Seite er sich stellt, erschließt sich schon aus dem Titel Die Flamme der Freiheit. Letzte Zweifel räumt der Blick in die Würdigung aus, die den frühen Demokratinnen und Demokraten der Jahre 1848/49 gilt. Entsprechend ist dieses Buch gehalten, eine engagierte Streitschrift für die demokratischen, republikanischen und sozialen Bestrebungen im Gefolge der Februarrevolution in Frankreich 1848.

175 Jahre ist es nun her, dass in Paris innerhalb dreier Tage die Regierung des französischen Königs Louis-Philippe hinweggefegt und das Tor zu Freiheit aufgestoßen wurde. Mit auf den Barrikaden dabei sind deutsche Exilanten, denn Paris ist zu diesem Zeitpunkt die achtgrößte deutsche Stadt. Mehr als 60.000 leben dort, keineswegs nur politische Flüchtlinge á la Heine, sondern auch aus dem Nordhessischen stammende Straßenfeger.

Die Erzählung hebt dort an und endet nur wenige Wochen später, als alles östlich des Rheins in einem schauderhaften Gemetzel, einer ungeheuren Bedrückung endet, begleitet von brutalen Übergriffen gegenüber Unschuldigen und für schuldig Erklärten. Den Exildeutschen kommt in diesem Drama eine tragische Rolle zu, sie werden zum Gegenstand einer wüsten Propagandaschlacht reaktionärer Kräfte, über ihnen geht ein Sturzbach erfundener Vorwürfe und Verunglimpfungen nieder – ein bis in die Gegenwart probates Mittel, um Erhebungen aller Art zu desavouieren.

Die Feinde der Demokratie, gleich welcher Couleur, haben meist keine Probleme, skrupellos zu sein, jedes Mittel ist recht – wohingegen die Demokraten sich schwertun, ihre Feinde zu bekämpfen.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Jörg Bong widmet der medialen Dreckschleuder der so genannten Liberalen bzw. Ordnungspartei bzw. Konstitutionellen viel Raum, völlig zu recht, denn eine der Schwächen auf Seiten der Demokraten bestand darin, sich gegen die Lügenpropaganda nicht zu Wehr setzen zu können. Überhaupt ist Die Flamme der Freiheit für verträumte Revolutions-Schwärmer eine bedrückende Lektüre.

Denn skrupulöse Demokratie stößt hier auf brutalen, gut geführten, strategisch und taktisch sachverständigen Widerstand, den Bong gekonnt nachzeichnet. Selbstverständlich seitens der Fürsten, die – wie in Berlin – den Aufruhr auf brutalste Weise niederschießen lassen, Kreide fressen, zum Schein entgegenkommen und im Geheimen die Reaktion vorbereiten.

Schlimmer noch: Die Liberalen, die eine konstitutionelle Monarchie anstreben, von Sozialpolitik ebenso wenig wissen wollen wie von breiter Demokratie und Republik, geschweige denn Frauenrechten, erweisen sich als die schamlosesten Gegner der Demokraten. Lieber keine Freiheit als keine Ordnung, notfalls eine deutsche Einheit auch ohne Freiheit. Die Konstitutionellen wissen genau, was sie tun.

Das Vivat auf die Ordnung steht vor dem auf die Freiheit.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Sie werfen ihre Medienmaschine an, lassen sich mit Pöstchen abfinden und werden zum Büttel des überkommenen Systems aus Eigeninteresse. Sie fechten mit großem Geschick und einer bemerkenswerten Ruchlosigkeit, manövrieren die Demokraten nach Strich und Faden aus, bis das Momentum der Revolution verflogen ist. Bis zum bitteren Ende sind viele Meilensteine vorübergezogen, an denen hätte eine schärfere Gangart eingeschlagen werden können. Die Ausrufung der Republik begleitet von einem frühen bewaffneten Aufstand.

Hätte. Wäre. Schreckliche Worte, denn sie suggerieren oft Optionen, die nur vom Ende her besehen »besser« erscheinen. Für die von Skrupeln gebremsten Demokraten gab es gute Gründe für ihre Zurückhaltung. Die Französische Revolution watete durch Blut und mündete in einer Gewaltherrschaft, die Europa mit einem verheerenden Dauerkrieg überzog.

Umgekehrt wäre Louis-Phillippe ohne das Wissen um die potenzielle Gefahr, die von dem Umsturz für ihn persönlich ausging, nicht ohne Weiteres gewichen; hätten die deutschen Fürsten nicht solche Angst vor der Revolution gehabt. Im Wissen um das, was auf 1848/49 folgte, Bismarck, drei Kriege, Erster und Zweiter Weltkrieg, ehe endlich die Demokratie von den USA nach Deutschland gebracht wurde, ist es leicht, die Zögerlichkeit der Demokraten zu rügen.

Man hat die Revolution abermals vorbeiziehen lassen.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Die entscheidende Frage ist ohnehin eine ganz andere: Hätte es wirklich etwas geändert? Die Gegner wären auch dann skrupellos, klug, heimtückisch und im Besitz der militärischen Macht gewesen, insbesondere die Liberalen fehlten in den Reihen der Revolution. Die Demokratie-Gegner hatten auch noch Beistand von ganz Links, denn die Kommunisten waren ein dankbares Schreckgespenst, um die Demokraten als Aufrührer, Umstürzler, Gewalttäter zu brandmarken.

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob Deutschland überhaupt bereit gewesen wäre, eine Revolution durchzuziehen. »Die Revolution begann systemkonform«, sie bediente sich vieler Petitionen, der Fokus ihrer Anführer liegt auf Ruhe und Ordnung. Man kann darüber spotten, doch das war auch ein – letztlich ungenügender – Versuch, den Gegnern den Wind aus den Propagandasegeln zu nehmen. Von den Gefahren wusste man auf Seiten der Republikaner ebenso wie von den revolutionären Abgründen.

Es wäre viel zu einfach, den Demokraten die alleinige Schuld zuzusprechen. Trotzdem ging ihnen auch die nötige Wehrhaftigkeit ab, um das Ziel zu erreichen. So folgt Rückschlag auf Rückschlag, Niederlage auf Niederlage, denn der Versuch, statt eines bewaffneten, allgemein revolutionären Aufstands einen ruhigeren, legitimierenden Weg einzuschlagen, spielte den Gegnern in die Karten. Als endlich zu den Waffen gegriffen wurde, war es zu spät, der April brachte ein dramatisches, tragisches Ende.

Das ist der Kern der demokratischen Ideen 1848/49: eine demokratische Bundesrepublik, eine verfassungsmäßige Herrschaft des Volkes.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Die Flamme der Freiheit ist ein sehr wichtiges und zeitgemäßes Buch. Es führt ein in die bedrückenden Umstände des von Metternich und Konsorten geprägten Europas, die sozialen Verwerfungen der anbrechenden industriellen Revolution und die vielen großartigen, hochmodernen Ideen, die bereits damals formuliert wurden.

Schön ist auch, dass Bong die Marginalisierung der ebenso engagierten wie klugen Frauen thematisiert und sie zu Wort kommen lässt, statt sie nur zu bedauern. Die hellsichtigen und klaren Äußerungen sind sehr interessant, zum Beispiel die entschiedene Ablehnung von Karl Marx’ Weltverbesserungsreligion durch Demokratinnen wie Emma Herwegh, was ihnen scharfe Anfeindungen des brausebärtigen Kommunisten einträgt.

Jörg Bong bezieht klar Position, stellt sich auf die Seite der Demokraten. Und er legt mit seinem Buch den Finger in jene Wunde, die bis in die Gegenwart schwärt, sich bereits in der kurzen Zeit der Weimarer Republik als verheerend erwiesen hat, auch im besonders schrecklichen Jahr 1923 und nach 1929, gleichermaßen in der von Putin und antidemokratischen Populisten geprägten Gegenwart:

»Eine reale Demokratie fußt auf wacher Wehrhaftigkeit und unbedingter Parteiname – mit klar begrenzter Toleranz für ihre Feinde.«

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit.
unter redaktioneller Mitarbeit von Simon Elson
Kiepenheuer&Witsch 2022
Gebunden 560 Seiten
ISBN: 978-3-462-00313-0

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