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Schlagwort: Politik (Seite 10 von 13)

Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Mit großer Spannung habe ich diesen Roman erwartet. Eine großartige politische Erzählung in den Schatten hinter den Kulissen. Cover C.H. Beck. Bild mit Canva erstellt.

Wenn man an einem Lagerfeuer oder vor einem Feuerkorb sitzt, wärmen die Flammen von vorn, am Rücken fröstelt man. So ist es bei  mir gewesen, kaum dass ich in die Handlung des Romans Der Magier im Kreml von Giuliano da Empoli hineingezogen wurde. Ich wusste ja, was kommt. Grundsätzlich. So wird es jedem gehen, der die vergangenen 25 Jahre nicht mit fest verschlossenen Augen durchs Leben taumelte.

Der wunderbar politische Roman entfaltet sein Thema gemächlich vor den Augen des Lesers. Er erschafft das Profil einer Persönlichkeit, ihrer Herkunft und en passant die Entwicklung Russlands seit der Zarenzeit: Wadim Baranow, der Magier im Kreml oder – wie es Beresowski an einer Stelle formuliert: »Putins Rasputin«. Ein  Berater des Zaren, wie Putin genannt wird, ohne Fachressort, aber mit direktem Zugang zu ihm.

In Russland zählt nur das Privileg, die Nähe zur Macht.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Baranows Tätigkeit nahe dem Zentrum aller Macht in Russland liefert einen Reiz des Romans, die Hoffnung auf erhellende Blicke hinter die Kulissen. Glücklicherweise vermeidet der Autor effektheischende »Enthüllungen«; entäuscht wird, wer Action oder Handlungsspannung erwartet. Für jene, die sich seit 1998 den Entwicklungen in Russland nicht verschlossen haben, bietet das Buch ein immens spannendes und gleichfalls irritierend gruseliges Leseerlebnis.

Der Magier im Kreml ist eine Fiktion, aber eine klug arrangierte und informierte. Der Tonfall ist nüchtern, in einem überlegenen, von der Arroganz des Machtwissens umflorten Gestus vorgetragen. Baranow gibt vor, genau zu wissen, wie es läuft und gelaufen ist; er lässt seinen Zuhörer (und die Leser) daran teilhaben, eine fürstliche Gunstbezeugung. Er hat nach eigenem Bekunden wesentlichen Anteil daran, dass Russland heute so ist, wie es ist, er ist ein loyaler Zyniker der Macht, machiavellistisch und bigott.

Der Krieg in der Ukraine war wie alles andere auch. Ich hatte ihn bestimmt nicht gewollt. Ich hatte meine Ablehnung im Übrigen lautstark zum Ausdruck gebracht. Aber dann, als der Zar diesen Krieg beschlossen hatte, tat ich alles in meiner Macht Stehende, ihn zum Erfolg zu führen.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Da Empoli hat seinen Roman im Wesentlichen als Kaminzimmergespräch in Szene gesetzt, eine großartige Entscheidung, diese Form passt wie angegossen. Der Ich-Erzähler kommt über ein Posting in den Sozialen Medien zu einem sehr speziellen Roman aus den 1920erJahren in Kontakt mit Baranow und wird zu diesem eingeladen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der ehemalige Kremlmagier ist zu einem Gespenst geworden, nach seinem Rücktritt, umwittert von Gerüchten und Vermutungen zu seinem Schicksal.

In dem Gespräch zwischen den beiden Männern verstummt der Ich-Erzähler mehr und mehr, er unterbricht Baranows Erzählfluss nur anfangs ab und zu durch eine Nachfrage. Manchmal spricht dieser seinen Gast direkt an, das wirkt, als wende er sich direkt an den Leser. In diesen Passagen bekommen der Westen und seine Protagonisten oft abfällige Bemerkungen zu lesen, eine tiefgreifende Verächtlichkeit und Abneigung gegen die vermeintliche Schwäche – sehr authentisch, denn die Echos dieses Weltbildes waren tatsächlich den vergangenen Jahren oft in Zeitungen zu lesen.

Baranow ist eine unangenehme Person. Eingebildet. Arrogant. Narzisstisch. Stolz. Selbstgefällig. Er vermittelt gegenüber seinem Gesprächspartner (und dem Leser) das Gefühl der Überlegenheit einer bedeutenden Persönlichkeit, die auf die anderen herabsieht wie auf durcheinanderwirbelnde Ameisen. Menschen sind  ihm im Grunde genommen völlig gleichgültig, insbesondere die Russen, denen er attestiert, sie bräuchten Härte, Führung, aber keine Demokratie.

Wer ein wenig in Geschichte bewandert ist, kennt derlei Aussagen auch über »die Deutschen«, etwa von den Reaktionären um 1848 und während des Kaiserreichs, den Völkischen und Nazis; man kennt es auch aus China und hier wie da ist es schlichtweg falsch. Aber nützlich, denn rund um den Erdball wird diese Verschlichtung allzu gern aufgegriffen, wenn andere Erklärungen zu kompliziert oder lästig geraten. So auch, wenn man den Aufbau einer Diktatur rechtfertigen will.

Die erste Regel der Macht lautete, auf Fehlern zu beharren, in der Mauer der Autorität nicht den kleinsten Riss zu zeigen.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Am Aufstieg Putins und der Errichtung einer Machtvertikale hat Baranow einen gehörigen Anteil. Er weiß darum, wie Dinge inszeniert werden, denn er stammt aus intellektuellen Theaterkreisen und hat im Fernsehgeschäft die wesentlichen Instrumente kennengelernt. Als Beresowski ihn kontaktiert und klar wird, worum es dem einst mächtigen Medienmogul geht, endet alles fröstelige Kaminfeuerbehagen und die Luft scheint zu vereisen.

Es ist wie beim Anschauen der herausragenden TV-Serie Chernobyl, wenn der unverzeihliche und verhängnisvolle Leichtsinn jene dramatische und schreckliche Entwicklung einleitet, der gewöhnlich als GAU bezeichnet wird. Da Empolis Roman erreicht diesen Punkt, wenn die Zauberlehrlinge á la Beresowski im Dunstkreis der Macht ihr Spiel spielen und wie Dr. Frankenstein ein Geschöpf in die Welt setzen, das nicht mehr zu kontrollieren ist. Und seine Schöpfer frisst. Der GAU ist hier ein politischer.

Das Reich des Zaren wurde aus dem Krieg geboren, und es war nur folgerichtig, dass es am Ende wieder zum Krieg zurückkehrte.

Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml

Je näher das Romanende kommt, desto deutlicher wird, wie gefestigt Weltbild und Macht des Zaren sind. An einer Stelle lässt da Empoli jemanden zu Wort kommen, der sich über einen Exit des Machthabenden auslässt – genauer gesagt: einen Bogen zur Mafia schlägt und die Meinung vertritt, in beiden Fällen sei ein Abgang unmöglich. Das aber hieße, nach allem, was vorher zu lesen war, dass mit Putin kein Frieden möglich wäre. Schöne Aussichten!

Da Empoli lässt seinen Roman in schauderhaft dystopischen Äußerungen münden, die inhaltlich  überraschend sind und dennoch in gewisser Hinsicht zu dem ganzen Vorangehenden sehr gut passen, obwohl sie über Putin hinausreichen. Die düstere Prophetie aus dem Munde Baranows hinterlässt ein Gefühl nachdenklichen Grauens, das den Leser noch einige Zeit begleitet, wenn er Der Magier im Kreml zugeschlagen hat.

Guiliano da Empoli: Der Magier im Kreml
aus dem Französischen von Michaela Meßner
C.H. Beck 2023
Hardcover 265 Seiten
ISBN 978-3-406-79993-8

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Vor 175 Jahren entfachte die Französische Februarrevolution auch in Deutschland eine revoultionäre Stimmung. Cover Kiepenheuer&Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Wem die Sympathien des Autors gehören und auf wessen Seite er sich stellt, erschließt sich schon aus dem Titel Die Flamme der Freiheit. Letzte Zweifel räumt der Blick in die Würdigung aus, die den frühen Demokratinnen und Demokraten der Jahre 1848/49 gilt. Entsprechend ist dieses Buch gehalten, eine engagierte Streitschrift für die demokratischen, republikanischen und sozialen Bestrebungen im Gefolge der Februarrevolution in Frankreich 1848.

175 Jahre ist es nun her, dass in Paris innerhalb dreier Tage die Regierung des französischen Königs Louis-Philippe hinweggefegt und das Tor zu Freiheit aufgestoßen wurde. Mit auf den Barrikaden dabei sind deutsche Exilanten, denn Paris ist zu diesem Zeitpunkt die achtgrößte deutsche Stadt. Mehr als 60.000 leben dort, keineswegs nur politische Flüchtlinge á la Heine, sondern auch aus dem Nordhessischen stammende Straßenfeger.

Die Erzählung hebt dort an und endet nur wenige Wochen später, als alles östlich des Rheins in einem schauderhaften Gemetzel, einer ungeheuren Bedrückung endet, begleitet von brutalen Übergriffen gegenüber Unschuldigen und für schuldig Erklärten. Den Exildeutschen kommt in diesem Drama eine tragische Rolle zu, sie werden zum Gegenstand einer wüsten Propagandaschlacht reaktionärer Kräfte, über ihnen geht ein Sturzbach erfundener Vorwürfe und Verunglimpfungen nieder – ein bis in die Gegenwart probates Mittel, um Erhebungen aller Art zu desavouieren.

Die Feinde der Demokratie, gleich welcher Couleur, haben meist keine Probleme, skrupellos zu sein, jedes Mittel ist recht – wohingegen die Demokraten sich schwertun, ihre Feinde zu bekämpfen.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Jörg Bong widmet der medialen Dreckschleuder der so genannten Liberalen bzw. Ordnungspartei bzw. Konstitutionellen viel Raum, völlig zu recht, denn eine der Schwächen auf Seiten der Demokraten bestand darin, sich gegen die Lügenpropaganda nicht zu Wehr setzen zu können. Überhaupt ist Die Flamme der Freiheit für verträumte Revolutions-Schwärmer eine bedrückende Lektüre.

Denn skrupulöse Demokratie stößt hier auf brutalen, gut geführten, strategisch und taktisch sachverständigen Widerstand, den Bong gekonnt nachzeichnet. Selbstverständlich seitens der Fürsten, die – wie in Berlin – den Aufruhr auf brutalste Weise niederschießen lassen, Kreide fressen, zum Schein entgegenkommen und im Geheimen die Reaktion vorbereiten.

Schlimmer noch: Die Liberalen, die eine konstitutionelle Monarchie anstreben, von Sozialpolitik ebenso wenig wissen wollen wie von breiter Demokratie und Republik, geschweige denn Frauenrechten, erweisen sich als die schamlosesten Gegner der Demokraten. Lieber keine Freiheit als keine Ordnung, notfalls eine deutsche Einheit auch ohne Freiheit. Die Konstitutionellen wissen genau, was sie tun.

Das Vivat auf die Ordnung steht vor dem auf die Freiheit.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Sie werfen ihre Medienmaschine an, lassen sich mit Pöstchen abfinden und werden zum Büttel des überkommenen Systems aus Eigeninteresse. Sie fechten mit großem Geschick und einer bemerkenswerten Ruchlosigkeit, manövrieren die Demokraten nach Strich und Faden aus, bis das Momentum der Revolution verflogen ist. Bis zum bitteren Ende sind viele Meilensteine vorübergezogen, an denen hätte eine schärfere Gangart eingeschlagen werden können. Die Ausrufung der Republik begleitet von einem frühen bewaffneten Aufstand.

Hätte. Wäre. Schreckliche Worte, denn sie suggerieren oft Optionen, die nur vom Ende her besehen »besser« erscheinen. Für die von Skrupeln gebremsten Demokraten gab es gute Gründe für ihre Zurückhaltung. Die Französische Revolution watete durch Blut und mündete in einer Gewaltherrschaft, die Europa mit einem verheerenden Dauerkrieg überzog.

Umgekehrt wäre Louis-Phillippe ohne das Wissen um die potenzielle Gefahr, die von dem Umsturz für ihn persönlich ausging, nicht ohne Weiteres gewichen; hätten die deutschen Fürsten nicht solche Angst vor der Revolution gehabt. Im Wissen um das, was auf 1848/49 folgte, Bismarck, drei Kriege, Erster und Zweiter Weltkrieg, ehe endlich die Demokratie von den USA nach Deutschland gebracht wurde, ist es leicht, die Zögerlichkeit der Demokraten zu rügen.

Man hat die Revolution abermals vorbeiziehen lassen.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Die entscheidende Frage ist ohnehin eine ganz andere: Hätte es wirklich etwas geändert? Die Gegner wären auch dann skrupellos, klug, heimtückisch und im Besitz der militärischen Macht gewesen, insbesondere die Liberalen fehlten in den Reihen der Revolution. Die Demokratie-Gegner hatten auch noch Beistand von ganz Links, denn die Kommunisten waren ein dankbares Schreckgespenst, um die Demokraten als Aufrührer, Umstürzler, Gewalttäter zu brandmarken.

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob Deutschland überhaupt bereit gewesen wäre, eine Revolution durchzuziehen. »Die Revolution begann systemkonform«, sie bediente sich vieler Petitionen, der Fokus ihrer Anführer liegt auf Ruhe und Ordnung. Man kann darüber spotten, doch das war auch ein – letztlich ungenügender – Versuch, den Gegnern den Wind aus den Propagandasegeln zu nehmen. Von den Gefahren wusste man auf Seiten der Republikaner ebenso wie von den revolutionären Abgründen.

Es wäre viel zu einfach, den Demokraten die alleinige Schuld zuzusprechen. Trotzdem ging ihnen auch die nötige Wehrhaftigkeit ab, um das Ziel zu erreichen. So folgt Rückschlag auf Rückschlag, Niederlage auf Niederlage, denn der Versuch, statt eines bewaffneten, allgemein revolutionären Aufstands einen ruhigeren, legitimierenden Weg einzuschlagen, spielte den Gegnern in die Karten. Als endlich zu den Waffen gegriffen wurde, war es zu spät, der April brachte ein dramatisches, tragisches Ende.

Das ist der Kern der demokratischen Ideen 1848/49: eine demokratische Bundesrepublik, eine verfassungsmäßige Herrschaft des Volkes.

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

Die Flamme der Freiheit ist ein sehr wichtiges und zeitgemäßes Buch. Es führt ein in die bedrückenden Umstände des von Metternich und Konsorten geprägten Europas, die sozialen Verwerfungen der anbrechenden industriellen Revolution und die vielen großartigen, hochmodernen Ideen, die bereits damals formuliert wurden.

Schön ist auch, dass Bong die Marginalisierung der ebenso engagierten wie klugen Frauen thematisiert und sie zu Wort kommen lässt, statt sie nur zu bedauern. Die hellsichtigen und klaren Äußerungen sind sehr interessant, zum Beispiel die entschiedene Ablehnung von Karl Marx’ Weltverbesserungsreligion durch Demokratinnen wie Emma Herwegh, was ihnen scharfe Anfeindungen des brausebärtigen Kommunisten einträgt.

Jörg Bong bezieht klar Position, stellt sich auf die Seite der Demokraten. Und er legt mit seinem Buch den Finger in jene Wunde, die bis in die Gegenwart schwärt, sich bereits in der kurzen Zeit der Weimarer Republik als verheerend erwiesen hat, auch im besonders schrecklichen Jahr 1923 und nach 1929, gleichermaßen in der von Putin und antidemokratischen Populisten geprägten Gegenwart:

»Eine reale Demokratie fußt auf wacher Wehrhaftigkeit und unbedingter Parteiname – mit klar begrenzter Toleranz für ihre Feinde.«

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Jörg Bong: Die Flamme der Freiheit.
unter redaktioneller Mitarbeit von Simon Elson
Kiepenheuer&Witsch 2022
Gebunden 560 Seiten
ISBN: 978-3-462-00313-0

Julia Solska: Als ich im Krieg erwachte

Die Tagebucheinträge geben sehr eindrücklich wider, wie es ist, wenn man vom Krieg überrollt wird. Cover Edel Books, Bild mit Canva erstellt.

Zwei- oder dreimal wird Deutschland in spezifischer, schwer erträglicher Weise erwähnt, während die Autorin Julia Solska vom Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands gegen ihre Heimat buchstäblich überrollt wird. Mit einer gewissen Fassungslosigkeit und Empörung reagiert sie auf die befremdlichen Diskussionen in Europas größter, wirtschaftlich stärkster Nation. Die Realitätsverschiebung, die diesen weltfremden Debatten zugrunde liegt, ist greifbar.

Realität ist nämlich das, was über die Autorin aus – nein, nicht heiterem, aber lange ausgeblendetem, düsterem Himmel hereinbricht, als das Damoklesschwert über den Köpfen der Ukrainer schließlich doch fällt. Das Erwachen im Krieg ist wörtlich gemeint. Kann man sich hierzulande wirklich vorstellen, wie es ist, wenn man morgens geweckt wird von den Worten »Es geht los.«? Nein. Ebensowenig, wie man darauf reagieren würde.

Julia Solska erlebt den ersten Tag von Putins Griff nach der Weltmacht in Kyjiw. Der Krieg ist hörbar: »Ein seltsames Krachen, brachial und metallisch, als würde ein Riese etwas schmieden.« Damit beginnt die Höllenfahrt, der Kampf darum, sich auf die neue Lage einzustellen, was vor allem bedeutet, unter immensem Stress stehend zu deuten, was die »neue Lage« überhaupt ist.

Ein Kreisel aus Angst und Panik kommt in Gang, in diesem Karussell muss Solska eine wichtigen Entscheidung treffen – bleiben oder gehen. Sie entscheidet sich zum Gehen, zunächst aus Kyjiw weg, später zur Flucht nach Deutschland. Für den Leser eine fesselnde Lektüre, auch wenn der Krieg ihr nur nahekommt, in Gestalt von Rauchtürmen, Sirenen, Gefechtslärm und dem, was man überall im Fernsehen bzw. den Sozialen Medien sehen konnte.

Das aber betrifft Solskas eigene Familie! Das Grauen ist nicht fern, nicht vorgeschoben, wie bei selbstgerechten Realitätsverweigerern hierzulande, die Ukrainer gar nicht für voll nehmen, geschweige denn für mündig halten. Es sind die eigenen, geliebten Menschen, die erleben, was russische Besatzung heißt. Das Tagebuch lesen heißt eben auch, die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Mehr Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen, braucht es nicht.

Einige einleitende Seiten bringen dem Leser die Autorin nahe, das Tagebuch setzt erfreulicherweise am Tag vor dem Überfall ein. Das  verstärkt die Schockwirkung des Kriegsdramas beträchtlich. Ganz am Ende ist noch ein Abschnitt angefügt, der zeigt, unter welchen Bedingungen die Menschen in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten vegetierten und wie knapp sie schließlich entkommen konnten. Dann spätestens ist die Realität auch auf einem Sofa im friedlichen Deutschland spürbar.

Julia Solska: Als ich im Krieg erwachte
Edel Books 2022
Broschiert 192 Seiten
ISBN: 978-3-8419-0828-5

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ein großer Roman des kubanischen Schriftstellers, der eines der zentralen Themen unserer Zeit berührt: Migration. Cover: Unionsverlag. Bild: Canva.

Dieser Roman ist wie ein Paket, kunstvoll verschnürt, verklebt und darunter viele Schichten, Kartons und Kästchen. Das alles öffnet sich Seite für Seite vor den Augen des Lesers. Ein Enthüllungsroman, der manchmal wirkt, wie ein Krimi ohne Detektiv oder Kommissar, und dabei viele Themen unserer Zeit berührt. Im Mittelpunkt steht eines der ganz großen: Migration.

Der Klappentext von Wie Staub im Wind gibt die Marschrichtung für die Leser vor, indem er auf »Geheimnisse« verweist, die nach langen Jahren ans Licht kämen. Trotz eines Toten, verschiedener Fluchten und einer zerbrechenden Freundesgruppe handelt es sich jedoch nicht um einen Krimi, statt Kommissar und Polizeiarbeit folgt man einem vielfach gewundenen Weg einer Handvoll von Kubanern.

Durch die wirklich bemerkenswerte Struktur des Romans, seine ineinander verschlungene Multiperspektivität und zeitliche Vielschichtigkeit, kann Padura Ursache und Wirkung, Schuld und Folgen wunderbar gegeneinander stellen und den Leser direkt erleben lassen, was die Figuren viele Jahre mit sich herumtragen. Insofern weckt das Wort »Geheimnis« vielleicht Erwartungen, die enttäuscht werden, denn Handlungsspannung ist rar.

Die wichtigsten Personen sind Teil eines »Clans«, eines Freundeskreises, der zersprengt wird. Die Gruppe gehört anfangs eindeutig zur »sozialistischen«, kubanischen Gesellschaft, die jedoch trotz ihres geographisch und politisch insularen Charakters fest verwoben ist mit der globalen Entwicklung. Der Mauerfall von Berlin wirkte dort wie der Einschlag eines Kometen, der Schockwellen ausgelöst und keineswegs überall Begeisterung ausgelöst hat.

»Schau doch, was in Berlin passiert ist. Wir haben geglaubt, den Deutschen dort ginge es gar nicht so schlecht. Weißt du, dass sie nicht bloß die Mauer eingerissen haben? Sie haben auch die Stasiarchive gestürmt, und jetzt kann jeder nachlesen, von wem er bespitzelt und verpfiffen wurde.«

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Auf Kuba wurde Fidel Castros Herrschaft nicht gebrochen. Da die Insel aber nach dem Fall der Sowjetunion allein im Weltgeschehen bestehen musste, gelang das nur auf Kosten gewaltiger Entbehrungen für die Bevölkerung und unter Einsatz repressiver Mittel. Die Kubaner gehören in gewisser Hinsicht zu den Verlierern, ja: Opfern des Mauerfalls.

Selbstverständlich ist Wie Staub im Wind eine scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen auf der Insel, die – ideologisch betoniert – für die Bevölkerung Jahre an Elend und Leid mit sich brachten. Hunger, schlechte medizinische Versorgung, grassierende Korruption, wirtschaftliche Stagnation, Verfall, Auswanderungs- und Fluchtwellen – alles wird anhand der Lebensläufe der Protagonisten hautnah erfahrbar.

Warum verließ jemand sein Heimatland, ohne es zu verlassen?

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Und doch geht Padura gleich mehrere Schritte weiter, manchmal mit haarsträubend direkten Äußerungen seiner Figuren, die aufgrund ihrer Schroffheit zum Nachdenken veranlassen. Es sei zu einfach, alles auf den Kommunismus zu schieben, meint eine von ihnen, denn die Menschen blieben unabhängig vom System immer die gleichen. Die Kubaner seien der größte Fluch des verfluchten Kuba.

Jene, die es schaffen, das Land zu verlassen, werden keineswegs automatisch zu glücklichen Menschen; Flüchtlinge stehen unter Druck und sind ungleich. Wenn sich etwa ein Kubaner in Florida bewusst wird, dass er im Gegensatz zu einem Flüchtling aus Haiti Glück gehabt hat, weil er aus Kuba kommt, wird deutlich, dass auch das Elend Hierarchie kennt.

Anderes kommt bekannt vor, ähnelt jenem, das etwa Deniz Ohnde oder Nina Haratischwili in ihren Büchern schildern. Der Flüchtling, der in seinem neuen Heimatland wirtschaftlich Fuß fasst, die Sprache sehr gut bis perfekt beherrscht, heiratet und so augenscheinlich ein Musterbeispiel von Integration sein sollte, ist und bleibt fremd (und wird so wahrgenommen), trotz seiner geradezu absurden Mühen.

»Katalanischer als die Katalanen sein und die eigene schäbige Herkunft vor sich selbst verstecken. Sich bei alledem niemals eingestehen, dass er nie ein echter Katalane sein würde, weder für sich selbst noch für die radikalen Rebellen, mit denen Montse verkehrte.«

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Diese Dinge sind nicht nur in Deutschland so, sie betreffen nicht nur die Einwanderer mit türkischen oder russischen Wurzeln hierzulande, sondern beschreiben ein globales Phänomen der Migration. Vielleicht ein guter Anlass, die Debatten um diese Frage aus der deutschtümelnden Sonderwegs-Befangenheit zu lösen.

Padura stellt gleich am Anfang Fragen, die möglicherweise Beifall von der falschen Seite auslösen könnten, wenn diese denn solche Romane läsen. Warum jemand sein Heimatland überhaupt verlasse, ohne es zu verlassen? An seinem neuen Lebensort, Florida, ausschließlich die Gesellschaft von Kubanern, kubanische Kultur, Sprache usw. suche, in einer Art Parallelgesellschaft lebe, wie das Phänomen in Deutschland genannt wird.

So kamen sie letztlich nie endgültig im Exil an, blieben für immer auf der Flucht. Sie nährten sich von gehätschelten Erinnerungen und träumten das süße Trugbild einer Rückkehr, sei es tot oder lebendig. […] Wer hierher floh, wollte Flüchtling bleiben.

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ganz ähnliches kann man bei Haratischwili nachlesen. Faszinierend, dass etwas, das als typisch deutsch (und Versagen) wahrgenommen wird, im angeblichen Melting Pot USA ebenfalls anzutreffen ist. Und die Frage, früh im Roman gestellt, bekommt eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Antworten, die allesamt menschlich sind und damit zwingend unbefriedigend.

Apropos unbefriedigend: Zu den wenigen Kritikpunkten an Wie Staub im Wind gehört ausgerechnet der »Clan«. Die Gruppe, die an mehreren Stellen als verschworener Haufen bezeichnet wird, habe ich dem Autor nicht wirklich abgenommen. Eigentlich sind die Fliehkräfte von Anbeginn an klar, ebenso die Bruchlinien, während das Verbindende seltsam unscharf bleibt. Das ist angesichts der großen Stärken des Romans aber zu verschmerzen.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind
aus dem kubanischen Spanisch von Peter Kultzen
Unionsverlag 2022
Hardcover 528 Seiten
ISBN 978-3-293-00579-2

Anna Burns: Milchmann

Ein großer Roman, mit dem Booker-Prize ausgezeichnet: Anna Burns, Milchmann.
Cover: Tropen. Bild: Canva.

Anna Burns Roman Milchmann ist im Wortsinne überwältigend. Das fängt mit dem ersten Satz an. Die Autorin spoilert und erzählt, was gewöhnlich erst am Ende des Geschehens offenbart würde. Der Spannung tut das keinen Abbruch, denn zwischen dem, was der Anfang ankündigt, und seiner Vollstreckung liegen viele hundert Seiten, die den Leser in eine Alptraumwelt führen. Zumindest habe ich sie so empfunden: grotesk, gewalttätig, übergriffig, verlogen, kafkaesk und zutiefst deprimierend.

Ein herausragendes Merkmal des preisgekröntem Werks ist seine Sprache, die jene bereits angedeutete Orientierungslosigkeit des Lesers verstärkt. Ich habe lange keinen Zugriff oder Ankerpunkt gefunden, es war mehr das Herumirren in einer gespenstischen. Namen nennt die Autorin selten, die Hauptfigur ist »Mittelschwester«, »Tochter« oder »Vielleicht-Freundin«; viele Personen werden mit dem Verhältnis zu »Mittelschwester« benannt: »Vielleicht-Freund«, »Kleine Schwestern«, »Schwester Eins« und »Schwager Drei«. 

Mit diesem Kniff rückt alles ins Ungefähre, Umnebelte, auch die Handlungsorte, die politischen Verhältnisse, die Gruppierungen und Grüppchen. So entstehen von Beginn an Leerstellen, etwa die Frage, ob die Erzählerin diesen »Irgendwer McIrgendwas« aus dem ersten Satz nicht kennt oder – wenn doch – warum sie ihn so bezeichnet? Und natürlich: Überlebt die Hauptfigur die bedrohliche Lage?

»Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Anna Burns: Milchmann

Ganz besonders auffällig ist, dass bereits im ersten Satz das Schicksal der titelgebenden Figur enthüllt wird. Der »Milchmann« stirbt, genauer gesagt: Er wird getötet. Die Ich-Erzählerin lebt in brutalen, gewalttätigen Verhältnissen. Durch den Kniff, das bereits mit dem Auftakt klarzustellen, wird alles Nachfolgende massiv aufgeladen. Drohungen sind wörtlich und vor allem ernstzunehmen. 

Es ist vor allem die persönliche Konstellation, die der Auftaktsatz ankündigt, die das Buch bis zum Ende trägt. Die ist ungewöhnlich, selbst in einer Welt, in der die sozialen Netze und Kontakte ohnehin absurd ungewöhnlich sind. Schauderhaft, beklemmend und irritierend ungewöhnlich, dazu kalt und lieblos. Ein Nährboden für abgründige Gedanken.

»[…] Erkenntnis, dass man als normaler, gewöhnlicher, sehr netter Mensch den Wunsch hegen konnte, jemanden umzubringen, oder erleichtert war über einen Mord.«

Anna Burns: Milchmann

Trotz der sprachlichen Nebelwerferei ist jedem Leser sehr schnell klar, dass sich das Drama in Irland abspielt, genauer gesagt: Nordirland, jenem blutdurchtränkten Stückchen Erde, das bei Großbritannien blieb, als der Rest Irlands endlich in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Der Fanatismus und die unüberbrückbare Gegnerschaft zwischen den Religionen und den – zumeist entlang der konfessionellen Linie entlanglaufenden – politischen Haltungen prägen das Leben.

Burns bleibt vage und wird in ihrer Kritik dennoch deutlich. Massiv lässt sie ihre Erzählerin auf die Heroen eindreschen, die – wie auf allen Orten unserer Welt – politische Instabilität nutzen, um sich ein kleines Stück Macht zu sichern, unter dem Deckmantel des Kampfes für die Sache. An ihnen lässt sie kein gutes Haar, an ihren Gegnern sowie den englischen Sicherheitskräften und ihren Verbündeten auch nicht. Sie alle werden mit boshafter Komik bloßgestellt.

»[…] ›und es nur drei Optionen gibt – wir überleben, wir sterben, wir werden verwundet, wir scheitern, der Staat erwischt uns.‹
Das waren fünf Optionen.«

Anna Burns: Milchmann

Die Hauptfigur existiert in einer übergriffigen Gesellschaft. Gerüchte, Halbwahrheiten, Lügen gehen Hand in Hand mit bornierter Ignoranz sowie politischem und religiösem Fanatismus. Der Konformitätsdruck ist überwältigend, die Schere im Kopf eifrig beschäftigt, von Freiheit so wenig zu spüren, dass ich oft an die Lebensverhältnisse im Stalinismus erinnert wurde.

Möglicherweise steckt im Menschen doch ein kleiner Blockwart, der Inbegriff des kleinen Mannes, der nach einem Brocken Macht hascht. Burns findet starke Worte und Bilder, die entlarvend sind für die Absurdität der Handlungsweisen. Ein Kompressor (wissen Sie adhoc, was das eigentlich ist?) kann zum Gegenstand von weitreichenden Verdächtigungen bezüglich fehlender Loyalität und potenziellem Verrat werden.

Die Frauenfiguren in »Milchmann« kommen ebenfalls nicht allzu gut weg. Mit Hingabe widmet sich Burns den »Groupies« der stolzen Freiheitskämpfer, jener weiblichen Anhängsel, die voller Stolz zu ihren Heroen aufblicken und gerade von deren Missetaten angezogen werden. Auch die Mutter oder die ältere Schwester, traditionell eher Schutzfiguren in Romanen, sind Teil des immensen Drucks, unter dem die Hauptfigur steht.

»Und erst da erkannte ich, wie sehr ich mich eingeigelt hatte, wie sehr ich mich von diesem Mann in ein sorgfältig konstruiertes Nichts hatte navigieren lassen. Genauso von der Gemeinschaft, vom geistigen Klima, von den vielen kleinen Übergriffigkeiten.«

Anna Burns: Milchmann

Inmitten dieses gesellschaftlich äußerst problematischen Klimas gerät die Hauptfigur besonders unter Druck, weil ein viel älterer Mann ihr nachstellt. »Milchmann« ist nicht Irgendwer, sondern mit einer der politischen Gruppierungen verbunden, ein Machtmensch, der gegenüber der Erzählerin keine Zweifel daran lässt, dass er bekommen wird, was er will. Obwohl der Leser das Schicksal dieses Zudringlings bereits im ersten Satz erfährt, entsteht eine ungeheure Beklemmung über die ganze Handlung hinweg.

Positive Figuren sind rar in diesem Roman. Ein – keineswegs zufällig gewählter – »echter« Milchmann etwa, der sich um die Hauptfigur kümmert, als diese in Schwierigkeiten steckt. Aber auch die Heldin selbst muss sich eingestehen, dass sie im Laufe der Zeit die Fähigkeit eingebüßt hat, anderen zu vertrauen, die grundlegende Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, auf das sie sich stützen könnte; sie hat sich auch selbst isoliert, wie sie irgendwann selbst begreift. Ob und was daraus folgt, erfährt man auf den letzten Seiten des Romans.

Anna Burns: Milchmann
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Taschenbuch
Tropen
ISBN: 978-3-608-50508-5

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