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Schlagwort: Politik (Seite 8 von 12)

Christoph Brumme: Im Schatten des Krieges

Ein Tagebuch aus der Ukraine, verfasst von einem Deutschen, der dort schon sehr lange lebt und – anders als viele selbst ernannte Friedens-Freunde hierzulande – weiß, wovon er redet. Cover Hirzel Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wie wertvoll Tagebuchaufzeichnungen sind, die von den Betroffenen selbst verfasst werden, zeigt sich an Serhij Zhadan oder Julia Solska; im Falle von Christoph Brumme kommt noch hinzu, dass er Deutscher ist und in der Ukraine lebt. Seit vielen Jahren ist er in Poltava ansässig, das nicht allzu weit von der Grenze zwischen Russland und der Ukraine entfernt liegt.

Da er in Ostdeutschland aufgewachsen ist und sich nicht in eine wie auch immer gefärbte Ostalgie geflüchtet hat, sind seine Äußerungen von einer Klarheit, dass manchem selbstgefälligen Zeitgenossen der Atem stockt. In seinem Buch Im Schatten des Krieges gibt es viele solcher Passagen, die ganz besonders den Leser in Deutschland schmerzen dürften.

Brumme beginnt sein Tagebuch im Januar 2022, also bildet die Wochen unmittelbar vor dem Angriff Russlands ab. Man spürt die Unsicherheit der Menschen vor Ort, das Abwiegeln, das Sich-Selbst-in-Sicherheit-Wiegen – was alles mit einem Streich am 24. Februar 2022 hinweggefegt wird. Hellsichtig und offen gibt Brumme wieder, was ihm in den Kriegstagen bis April widerfährt, was er erlebt, sieht, hört, reflektiert und analysiert.

Vieles davon möchte man vielleicht gar nicht hören, sie lassen die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Krieges dahinwelken. Dafür sind solche Passagen von enormer Wichtigkeit, denn sie erweitern die eigene, allein durch die Distanz beengte Sichtweise. So wird in den (Sozialen) Medien gelegentlich auf die immensen russischen Verluste hingewiesen und als Maßstab der mehr als zehn Jahre währende Krieg in Afghanistan herangezogen. Brumme meint, dieser Vergleich hinke gewaltig, denn:

Die sowjetischer Bevölkerung hat diesen Krieg nicht unterstützt, die russische den jetzigen schon.

Christoph Brumme: Im Schatten des Krieges

Überhaupt sind viele Beobachtungen und Meinungen oft sehr unbequem. Zwölf Jahre Krieg sieht Brumme voraus, denn beide Kontrahenten kämpften ums Überleben. Die Ukraine stehe einer unübersehbaren russischen Vernichtungsabsicht gegenüber, Russland würde eine Niederlage mit dramatischen Folgen bezahlen, eventuell mit dem Ende der aktuellen Staatlichkeit.

Zwölf oder weniger Jahre: Der Krieg wird dauern; ob es uns hier im Westen passt oder nicht. Wir müssen entscheiden, wie wir dazu stehen. Wie wir uns stellen müssen? Das ist angesichts unserer historischen Vermächtnisses eigentlich keine Frage – das macht eine Begegnung des Autors mit einer in Poltava ansässigen Bürgerin jüdischen Glaubens deutlich.

Es ist ein Beweis für eine Zeitenwende, dass eine Jüdin zusammen mit einem Deutschen auf den Sieg gegen die russischen Aggressoren trinkt.

Christoph Brumme: Im Schatten des Krieges

So ist es.

Christoph Brumme: Im Schatten des Krieges.
Hirzel Verlag 2022
Kart. 112 Seiten
ISBN: 978-3-7776-3310-7

Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw

Spätestens beim Besuch Annalena Baerbocks in Charkiw dürfte hierzulande klargeworden sein, dass es sich um eine Frontstadt handelt. Über das Leben in den ersten Kriegsmonaten berichtet der ukrainische Auto in zahlreichen Impressionen. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Mit wuchtigem Pathos zieht der Autor Serhij Zhadan am Tag eins des russischen Vernichtungskrieges gegen die Ukraine ins Feld der Sozialen Medien:

„Freunde, vergesst nicht: Dies ist ein Vernichtungskrieg und wir haben nicht das Recht, ihn zu verlieren. Wir müssen ihn gewinnen.“
Serhij Zhadan am 24. Februar 2022.

Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw

Ein Tagebuch ist eine Art Resonanzboden, der wiedergibt, was von den großen Ereignissen, den politischen, wirtschaftlichen oder natürlichen beim Einzelnen ankommt und wie er oder sie das verarbeitet. Schon das Zitat zeigt eine ungeheure Entschlossenheit angesichts des russischen Angriffskrieges und eine hellsichtige Klarheit, die man hierzulande so lange vermisst hat.

Mit dieser Klarheit wird gerade Deutschland einige Wochen später ein Spiegel vorgehalten, Zhadans Worte sind sehr unangenehm, aus meiner Sicht aber völlig angemessen. Leider werden sie von jenen, die sie betreffen, nie gelesen werden. Ebensowenig die übrigen Impressionen aus dem Augenblick heraus, die einen unmittelbaren Eindruck verschaffen, wie es sich in einer Frontstadt lebt.

Nach Butscha verändert sich der Tonfall, er wird ernster, düsterer. Die Appelle an den Westen klingen dringend: Waffen! Waffen, um Leben zu retten, denn den Russen ist es ernst mit der Vernichtung von Staat und Volk. Die Massaker an Zivilisten, die riesige Zahl an Kriegsverbrechen und gravierenden Menschenrechtsbrüchen lassen keinen Raum für Zweifel – auch nicht an der Berechtigung, Waffenlieferungen zu fordern.

Beeindruckend auch, wie sehr sich Zhadan um Kultur, Bildung und Soziales Gedanken macht. Es klingt so lakonisch, wenn er immer wieder von Beschuss durch Raketen spricht; ja, es ist in Charkiw Alltag, trotzdem ist es keine Kleinigkeit, wie man ja auch beim Besuch Annalena Baerbocks in der Stadt gesehen hat. Und trotzdem diese energiegeladene Empathie!

Gern würde ich wissen, was Zhadan jetzt denkt, ob und was sich verändert hat; der Blick für die Dinge und die Fähigkeit, diese in Worte zu fassen, hat mich schon bei seinem brillanten Roman Internat beeindruckt. Leider sprengt die Weiterführung des Tagebuchs die Grenzen eines Buches.

„Der Himmel über Charkiw ist heute tief und aufmerksam wie ein Auge.“

Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw

Himmel über Charkiw ist ein Motiv, das Zhadan immer wieder aufgreift, wie auch jenes, dass die ukrainische Fahne über der Stadt weht. Mögen sie das bald auf der Krim, in Mariopol und allen Orten von Luhansk und Donezk.

Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Juri Durkot und Claudia Dathe
Suhrkamp 2022
Fester Einband 239 Seiten
ISBN: 978-3-518-43125-2

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Eine hochinteressante autofiktionale Erzählung aus den Niederlanden über eine Familie, die tief verstrickt ist in den zweiten Weltkrieg – teileweise auf deutscher Seite wohlgemerkt. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

»Verhältnis« – ein wunderbares, vielschichtiges Wort. Es kann die Beziehung zwischen Menschen bezeichnen, im Plural dient es dazu, die allgemeinen Lebensumstände zu benennen, schließlich steckt noch das Verhalten darin, das mehr oder weniger dazu beiträgt, die Verhältnisse zu beeinflussen und umgekehrt. Außerdem wird es oft mit einer außerehelichen Liebschaft gleichgesetzt.

All das findet sich in diesem Buch von Alexander Münninghoff. Die Verhältnisse sind auf allen Ebenen verwickelt, verworren, atemberaubend wechselhaft und von der ersten bis zur letzten Seite spannend und vor allem dynamisch. Der Stammhalter hält den Leser bei der Stange, es ist ein Pageturner ohne Action, man kann sich nur schwer lösen.

»Schwarz und bedrohlich glänzend, auf der einen Seite ein schwarz-weiß-rotes Emblem und auf der anderen zwei grellweiße Blitze.«

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Ich werde erst gar nicht den Versuch unternehmen, so etwas wie eine inhaltliche Zusammenfassung zu bieten – das bliebe in allen denkbaren Fällen unzulänglich.

Schwerpunkt und Kern ist der Zweite Weltkrieg, denn dieses epochale Gemetzel auf dem europäischen Kontinent hat für die Familie des Autors dramatische Folgen. Sie ist im Baltikum, in Riga ansässig, dort reich geworden und Teil der gehobenen Gesellschaft. Deutsche, Schweden und Niederländer bilden die wirtschaftliche (und politische) Elite, die Letten sind das Fußvolk – wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse stark vergröbert zeichnet.

Dank des Hitler-Stalin-Paktes geraten die baltischen Staaten unter den Einfluss der brutalen Sowjetmacht, die 1940 mit militärischen und polizeilichen Mitteln die Eigenstaatlichkeit der baltischen Länder beendet und jeden, der nicht in ihr politisch-ideologisches Konzept passt, tötet, inhaftiert oder verschleppt. Eine traumatische Erfahrung, bis in unsere Tage wirkt das Echo in den wieder selbstständigen Staaten nach.

Für die Familie des Autors geht die Katastrophe glimpflich aus. Der »Alte Herr« Joannes, also der Großvater von Alexander (Bully), ist weit über die Landesgrenzen hinaus bestens vernetzt, wodurch er drei Tage vor dem Angriff der Wehrmacht auf Polen davon aus Berlin erfährt. Da er auch von Hitlers und Stalins Teufelspakt weiß, kann er Schlimmeres verhindern und die Seinen sowie einen Teil des Vermögens in Sicherheit bringen. Die Niederlande, aus der er ursprünglich ausgewandert ist, wird zur neuen (alten) Heimat auserkoren.

Sehr zum Verdruss von Frans: Der Sohn von Joannes und Vater von Alexander hasst die Niederlande, in die ihn der »Alte Herr« mit brachialen Methoden hineinzwingen will. Das geht gründlich schief, Frans wendet sich Deutschland zu, tritt der Waffen-SS bei, nimmt am Feldzug im Osten teil, wird mehrfach verwundet und ausgezeichnet und überlebt, weil er trotz seiner tief empfundenen Kameradschaft und Treue im Herbst 1944 schließlich desertiert.

»Das wahre Gesicht des Krieges, wie es sich mir in der halbdunklen Diele vor der Treppe in Hans’ Elternhaus zeigte, macht kopflos.«

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Sein Vater laviert zwischen den Fronten. Die SS-Mitgliedschaft seines Sohnes und dessen Kampf an der Ostfront nutzt er während der Besatzungszeit für gute Beziehungen zu den Deutschen, während er gleichzeitig mit dem britischen Geheimdienst und Widerständlern Kontakte unterhält, ja selbst tätig wird; das Geschäft läuft derweil trotz des Krieges weiter – nach dem Krieg nutzt er die schwarzuniformierte Vergangenheit Frans’, um diesen unter Druck zu setzen.

Damit ist nur eine von vielen, einander überlagernden, miteinander verwickelten und nicht enden wollenden Konfliktlinien in dieser Familie genannt, wenn auch eine wesentliche: Die Auseinandersetzung zwischen dem erfolgreichen und völlig skrupellosen bzw. gefühlskalt-egoistisch agierenden Tycoons und seinem Sohn um die gewünschte und passende Identität.

Während Frans durch seine Kollaboration in Schwierigkeiten gerät, wird Enkel Alexander zum Stammhalter erwählt und auf rabiate Weise in Position gebracht. Unnötig zu sagen, dass auch am Ende alles mehr oder weniger scheitert, die hochfliegenden Pläne zerschellen an den Verhältnissen im eingangs genannten Sinne. Es wird geliebt, gehasst, fremdgegangen, geprasst, in großer Not gelebt, geflohen, betrogen und intrigiert – ein turbulenter Strudel an Ereignissen, denen der Leser folgen darf.

»Bei uns wurde ein Deutsch der Höflichkeit und Sanftmut gesprochen, eine Sprache, von der man sich gut vorstellen kann, dass sie sich auch für tiefschürfende Gedanken und Poesie eignet, nicht nur für Kriegshetze und Propagandagedröhn. In meiner Erinnerung ist die deutsche Sprache, die auch meine erste war, ein zärtliches Säuseln, ein leises Flüstern, denn es kam ja aus dem Mund meiner Mutter.«

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Münninghoff zeichnet auch das Bild einer untergegangenen Welt. Eigentlich müsste man Welten sagen, denn der Zweite Weltkrieg hat davon eine ganze Reihe in den Abgrund gestürzt, aus dem sie nie wieder hervorkommen werden. Neben vielem anderen unterscheidet auch das einen Familienroman wie Der Stammhalter von TV-Serien-Schund, denn wie vor 1939 die unwiederbringlichen, heute unvorstellbaren europäischen Verflechtungen aussahen, wird hier auf wunderbare Weise erlebbar. Außerdem gilt für beinahe alle und alles in diesem Buch: »Doch es wurde nichts mehr gut.«

[Rezensionsexemplar]

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
C.H. Beck-Verlag 2023
Taschenbuch 334 Seiten
ISBN: 978-3-406-79624-1

Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Ein sehr guter Roman, dessen Inhalt manchmal schwer erträglich ist. Cover Hanser Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Nach dem grandiosen und völlig zurecht gefeierten Roman Underground Railroad wollte ich unbedingt noch ein weiteres Buch aus der Feder Colson Whiteheads lesen. Die Wahl fiel auf Die Nickel Boys. Schon der Anfang ist schauderhaft, er zeichnet den Weg vor, der hineinführt in eine Hölle aus Rassismus, Erniedrigung und brutalster Gewalt.

Mir kamen Bilder in den Sinn, die auf dem Balkan oder – aktueller – in der Ukraine aufgenommen wurde. Bilder von Exhumierungen rasch und lieblos verscharrter Getöteter, zumeist nach unmenschlichen Folterqualen. Kriegsgebiete. Doch handelt der Roman von Whitehead in den USA, in der Vergangenheit zwar, doch nicht so weit in der Vergangenheit, um das Geschilderte in einen Zusammenhang mit Kriegshandlungen zu setzen.

Oder etwa doch? Der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 liegt noch einmal zehn Jahrzehnte gegenüber der Zeit zurück, in der die Handlung von Die Nickel Boys stattfindet. Ein wesentlicher Anlass bildete die Frage der Sklaverei, die – neben anderen – blutig auf den Schlachtfeldern entschieden wurde. Verfassungsrechtlich mochte die rassistische Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung beendet sein, sozial nicht.

Insofern ist die Frage durchaus berechtigt: Zählt das, was Whitehead in seinem Roman schildert, wie ein Echo oder gar eine Fortsetzung dessen, was der Krieg zwischen Norden und Süden der USA eigentlich ausgefochten und entschieden haben sollte? Der Roman zwingt dem Leser diese Frage regelrecht auf und das gehört für mich zu seinen großen Vorzügen.

In der Anstalt namens Nickel werden nicht nur Schwarze auf unmenschliche Weise traktiert, sondern auch die weißen Insassen, doch gehen die Grausamkeiten gegenüber den Schwarzen weit über das hinaus, was die Weißen zu erdulden haben. Whitehead hat eine großartige Erzählhaltung und -weise gefunden, um die Geschichte zu erzählen, spannend und überraschend in ihren Wendungen ist sie ohnehin. Großartig.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Hanser Verlag 2019
Gebunden 224 Seiten
ISBN: 978-3-446-26276-8

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt

Ein ganz wunderbares Projekt ist dieser Atlas, trotz der kritischen Aspekte, die ich in meiner Besprechung vorbringe, möchte ich ihn nicht missen. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Was für ein wunderbarer Schmöker! Wer in seiner Schulzeit eine Karten-Phobie erworben hat, sollte dennoch einen Blick wagen. Es wird nicht bei einem bleiben, denn hunderte von Karten laden dazu ein, ausgedehnte Streifzüge durch die Geschichte zu unternehmen.

Die Zusammenstellung ist sehr vielfältig, Christian Grataloup folgt dabei dem Weg der Reduktion, damit die großen, langen Linien nicht von zu vielen Details verstellt werden. So entdeckt der Leser sehr interessante Karten, die einen ganz neuen Blick auf die Geschichte der Welt eröffnen, als handelte es sich um frisch eingefügte Fenster, welche die Sicht auf bislang unbekannte Landschaften freigeben. Neben altbekannten, vertrauten Karten gibt es enorm viel Neues zu entdecken.

Ein schönes Beispiel ist Afrika. Eine Darstellung befasst sich mit der »Sahara, bevor sie Wüste wurde«. Der Leser wird auf die Wandlung der Welt aufmerksam, etwa bei der Darstellung des Tschad-Sees, ihm wird bewusst, wie schnell sich ein ehemals feuchtes Gebiet in eine lebensfeindliche Trockenöde verwandeln kann.

Diesem umwelthistorischen Aspekt folgt eine weitere, die sich mit der Metallgewinnung in Afrika in der Zeit vor Christi Geburt befasst. Solche Karten haben einen hohen Wert, denn sie entreißen jene Gebiete, die lange aus europäischer Sicht »unkultiviert« galten, aus dem Schatten des Vorurteils zugunsten eines differenzierteren Bildes.

Neben solchen Fokus-Karten gibt es welche, die globale Zusammenhänge darstellen. Ein schönes Beispiel ist die Antike, etwa um 200 n. Chr. Gewöhnlich wird auf Karten zu dieser Zeit die größte Ausdehnung des abgebildet, man sieht noch die Germanenstämme oder das Parther-Reich im Osten – nicht aber China und die beide Welten miteinander verbindenden Linien. Diese Lücke schließt Grataloups Atlas.

Wunderbarer Lesebegleiter

Für mich als Leser bietet der Atlas noch eine ganz andere, unschätzbare Möglichkeit, nämlich als Lesebegleiter, der einen schnellen Blick auf eine Karte ermöglicht, die das Lesen erleichtern oder bereichern bzw. eine kurze Orientierung ermöglichen, ohne im Internet suchen zu müssen.

Zwei Beispiele: Éric Vuillards jüngster Roman Ein ehrenvoller Abgang schildert die Zustände in Indochina und die Schlacht um Cao Bang mit ihren verheerenden Folgen für die französischen Kolonialtruppen. Der Atlas von Christian Grataloup bietet eine wunderbare Karte zu diesem Thema, man erhält auf einen Blick einen Eindruck davon, worum es sich bei »Indochina« eigentlich handelt, wie die Machtverhältnisse im Jahr 1950 waren und wo Cao Bang eigentlich liegt.

Sicherlich kann man Vuillards Roman auch ohne genauere Kenntnis der Umstände lesen und verstehen, aber mit dieser vertieft sich das Lesen. Das gilt auch für den brillanten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland von Richard Flanagan, der die fürchterlichen Zustände in einem japanischen Kriegsgefangenenlager in Burma schildert. Dort wird eine Eisenbahn durch den Dschungel getrieben, man kann sich auf der Karte »Die Bahnlinie des Todes« auf einen Blick einen Eindruck über das Wo und Wie verschaffen.

Die Liste dieser Beispiele ließe sich problemlos fortsetzen. Natürlich hat ein Atlas im Gegensatz zum Internet Grenzen, dieser ist im Umfang limitiert, jenes zumindest theoretisch grenzenlos. Dafür folgt Die Geschichte der Welt einem klaren und transparent formulierten Konzept, nämlich die langen Linien der historischen Entwicklung der Menschheit darzulegen, ohne in historischen Details zu ersticken. Das Internet ist naturgemäß in dieser Hinsicht nicht aufgearbeitet und angesichts der wirren Überfülle verheddern sich Streifzüge rasch im dichten Informationsgestrüpp.

Einige kritische Anmerkungen

Allerdings darf man die Auswahl der Karten durchaus kritisch hinterfragen. Frankreich spielt in vielen Fällen eine völlig unangemessene prominente Rolle. So werden die Leser recht ausführlich über die Feldzüge Ludwigs XIV. informiert, während der komplette Dreißigjährige Krieg auf einer einzigen Karte abgefertigt wird. Die ist, bei allem nötigen Respekt, bar jeder Aussagekraft, sie verwirrt eher, als sie irgendetwas erklärt.

Der französische Akzent dieser Weltgeschichte ist in vielen Aspekten spürbar (z.B. bei den Indochina-Karten) und steht im Missverhältnis zu der tatsächlichen Relevanz. Zwar lässt sich die recht ausführliche Schilderung der Französischen Revolution sowie Napoleons durchaus rechtfertigen, nicht jedoch die vielen Karten zur (aus deutscher Sicht) westlichen Front im Ersten Weltkrieg.

Geradezu befremdlich ist eine Karte, die sich der französischen Widerstandsaktionen im Zweiten Weltkrieg annimmt. Einmal ist die tatsächliche Bedeutung von Partisanenbewegungen für den Kriegsverlauf generell fraglich, zweitens stellt sich die Frage, warum Frankreich und nicht etwa die Sowjetunion, Polen, die Ukraine oder die Balkanstaaten ausgewählt wurden, die bezüglich ihrer militärisch-politischen Bedeutung eher Beachtung verdienten.

Dieses Ungleichgewicht treibt Blüten bei jener Karte, die sich mit »Afrika im Zweiten Weltkrieg (1940 – 1945)« befasst, was allein wegen der genannten Zeitspanne befremdet, dann nach Mai 1943 befanden sich keine Achsenmächte mehr auf afrikanischem Boden; vor allem ist die große Karte auf Nordafrika beschränkt, die viel interessantere und weitgehend ignorierte personelle Beteiligung von Kolonialtruppen am Krieg bleibt ungenannt.

Grotesk ist, dass Grataloup zwei vernachlässigenswerte Operationen freifranzösischer Truppen eigens aufführt, darunter das Scharmützelchen bei Bir Hakeim. In einem Atlas, der sich mit großen weltgeschichtlichen Linien auseinandersetzt, hat das nun gar nichts zu suchen. Frankreich war nach 1940 militärisch zweitrangig und blieb es defacto bis zum Kriegsende; eine Karte, die über die Kollaboration in Europa während dieser Zeit informiert, wäre für die Nation vermutlich wenig schmeichelhaft.

Unangemessene Begrifflichkeit

Es verwundert, dass noch immer von „polnischen Teilungen“ die Rede ist; die »Teilungen Polens« wäre der korrekte Begriff, denn er unterstreicht, dass der vernichtete Staat das Opfer war. Es wäre zudem wünschenswert gewesen, in diesem Zusammenhang auf die vierte Teilung 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt zu verweisen, entweder durch eine Brechung der Zeitfolge oder einen Verweis auf die entsprechende Karte im Buch.

In Bezug auf die Krim wird eine haarsträubend tendenziöse Formulierung gebraucht. Die Karte ist allen Ernstes mit „Die russisch-ukrainische Krise“ überschrieben, in der Legende heißt es wörtlich „Neue russisch-ukrainische Grenze“. Der Hinweis im Text, dass der Annexion der Krim durch Russland eine „international nicht anerkannte Volksabstimmung“ vorangegangen sei, ist irreführend: Vorausgegangen war eine militärische Angriffsoperation und Besetzung der Krim und damit ein eklatanter Rechtsbruch.

Solche sprachlichen Regelungen trüben den sehr positiven Gesamteindruck des Atlas. Daher sei hier ein Hinweis gestattet: Karten bilden nie so etwas wie Wirklichkeit oder gar Wahrheit ab, sondern immer eine Interpretation, eine Weltsicht. Kritische Lektüre ist immer nötig – aber mündige Leser werden durch einen Atlas wie diesen auch dazu angeregt.

[Rezensionsexemplar]

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas
Aus dem Französischen von Martin Bayer, Katja Hald, Anja Lerz, Reiner Pfleiderer und Albrecht Schreiber
C.H. Beck 2022
Gebunden 642 Seiten
ISBN: 978-3-406-77345-7

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