Spätestens beim Besuch Annalena Baerbocks in Charkiw dürfte hierzulande klargeworden sein, dass es sich um eine Frontstadt handelt. Über das Leben in den ersten Kriegsmonaten berichtet der ukrainische Auto in zahlreichen Impressionen. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.
Mit wuchtigem Pathos zieht der Autor Serhij Zhadan am Tag eins des russischen Vernichtungskrieges gegen die Ukraine ins Feld der Sozialen Medien:
„Freunde, vergesst nicht: Dies ist ein Vernichtungskrieg und wir haben nicht das Recht, ihn zu verlieren. Wir müssen ihn gewinnen.“ Serhij Zhadan am 24. Februar 2022.
Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw
Ein Tagebuch ist eine Art Resonanzboden, der wiedergibt, was von den großen Ereignissen, den politischen, wirtschaftlichen oder natürlichen beim Einzelnen ankommt und wie er oder sie das verarbeitet. Schon das Zitat zeigt eine ungeheure Entschlossenheit angesichts des russischen Angriffskrieges und eine hellsichtige Klarheit, die man hierzulande so lange vermisst hat.
Mit dieser Klarheit wird gerade Deutschland einige Wochen später ein Spiegel vorgehalten, Zhadans Worte sind sehr unangenehm, aus meiner Sicht aber völlig angemessen. Leider werden sie von jenen, die sie betreffen, nie gelesen werden. Ebensowenig die übrigen Impressionen aus dem Augenblick heraus, die einen unmittelbaren Eindruck verschaffen, wie es sich in einer Frontstadt lebt.
Nach Butscha verändert sich der Tonfall, er wird ernster, düsterer. Die Appelle an den Westen klingen dringend: Waffen! Waffen, um Leben zu retten, denn den Russen ist es ernst mit der Vernichtung von Staat und Volk. Die Massaker an Zivilisten, die riesige Zahl an Kriegsverbrechen und gravierenden Menschenrechtsbrüchen lassen keinen Raum für Zweifel – auch nicht an der Berechtigung, Waffenlieferungen zu fordern.
Beeindruckend auch, wie sehr sich Zhadan um Kultur, Bildung und Soziales Gedanken macht. Es klingt so lakonisch, wenn er immer wieder von Beschuss durch Raketen spricht; ja, es ist in Charkiw Alltag, trotzdem ist es keine Kleinigkeit, wie man ja auch beim Besuch Annalena Baerbocks in der Stadt gesehen hat. Und trotzdem diese energiegeladene Empathie!
Gern würde ich wissen, was Zhadan jetzt denkt, ob und was sich verändert hat; der Blick für die Dinge und die Fähigkeit, diese in Worte zu fassen, hat mich schon bei seinem brillanten Roman Internat beeindruckt. Leider sprengt die Weiterführung des Tagebuchs die Grenzen eines Buches.
„Der Himmel über Charkiw ist heute tief und aufmerksam wie ein Auge.“
Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw
Himmel über Charkiw ist ein Motiv, das Zhadan immer wieder aufgreift, wie auch jenes, dass die ukrainische Fahne über der Stadt weht. Mögen sie das bald auf der Krim, in Mariopol und allen Orten von Luhansk und Donezk.
Serhij Zhadan: Himmel über Charkiw Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Juri Durkot und Claudia Dathe Suhrkamp 2022 Fester Einband 239 Seiten ISBN: 978-3-518-43125-2
Gefängnisliteratur gegen das Vergesen der mutigen Demokraten in Belarus: 100 Impressionen aus den Abgründen des politischen Strafsystems unter Lukashenka. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.
In der Literatur kommt es manchmal vor, dass der Autor seinen Erzähler bzw. seine Erzählstimme in den Knast versetzt. Günter Grass’ Blechtrommel oder Max FrischsStiller gehören in diese Kategorie, aber auch Jean-Paul Dubois mit Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Manchmal sitzt der Autor selbst im Gefängnis und schreibt von diesem Ort aus seine Werke. Peter-Paul Zahl wäre ein Beispiel, der sich unter anderem mit dem Hitler-Attentäter Johann Georg Elser befasst hat.
Noch etwas anders geartet liegt der Fall bei Maxim Znak. Zwar verbrachte auch Zahl seine Zeit keineswegs freiwillig hinter Gittern, doch konnte und durfte er schreiben und publizieren. Dem Belarussen Znak ist das verwehrt, hier ist das Schreiben aus dem Knast kein literarisches Mittel oder gar Attitüde, sondern bitterer Ernst. Er ist politischer Gefangener in einem diktatorischen System und sein Zekamerone ist nur realisiert worden, weil die Texte auf Zettelchen aus Gefängnis und Land geschmuggelt wurden.
Maxim Znak ist im Zivilberuf Anwalt und bekannt durch seine Verteidigung von Maria Kalesnikava. Er wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Zekamerone schildert eine ganze Reihe von Impressionen aus der Haft, die dem Leser einen Eindruck davon verschaffen, wie es in der Gefängniswelt von Belarus zugeht. Die kurzen Texte widmen sich alltäglichen Themen, sie zeigen, wie das Regime mit seinen Gegner umgeht, wie es sie drangsaliert, erniedrigt, mit bürokratischer Willkür erstickt und im Albtraum überfüllter Zellen in Unsicherheit vegetieren lässt.
Manchmal wird Znak heiter und bringt den Leser auch zum Lachen. Ein Raureif-Lachen ist es, denn aus den erbärmlichen Umständen der Gefangenschaft kann man sich nicht lösen. Soll man sich nicht. Kaufen und lesen sollte man dieses Büchlein aber, um wenigstens lesend hinter die Kulissen des belarussischen Regimes unter Diktator Lukaschenka zu schauen, wo jene sitzen, die wir im Westen nicht vergessen sollten, die mutigen Bürgerrechtler von Belarus.
Maxim Znak: Zekamerone Geschichten aus dem Gefängnis aus dem Russischen von Henriette Reisner und Volker Weichsel mit einem Nachwort von Valzhyna Mort Edition Suhrkamp 2023 Taschenbuch 242 Seiten ISBN: 978-3-518-12804-6
Mit großer Spannung habe ich diesen Roman erwartet. Eine großartige politische Erzählung in den Schatten hinter den Kulissen. Cover C.H. Beck. Bild mit Canva erstellt.
Wenn man an einem Lagerfeuer oder vor einem Feuerkorb sitzt, wärmen die Flammen von vorn, am Rücken fröstelt man. So ist es bei mir gewesen, kaum dass ich in die Handlung des Romans Der Magier im Kreml von Giuliano da Empoli hineingezogen wurde. Ich wusste ja, was kommt. Grundsätzlich. So wird es jedem gehen, der die vergangenen 25 Jahre nicht mit fest verschlossenen Augen durchs Leben taumelte.
Der wunderbar politische Roman entfaltet sein Thema gemächlich vor den Augen des Lesers. Er erschafft das Profil einer Persönlichkeit, ihrer Herkunft und en passant die Entwicklung Russlands seit der Zarenzeit: Wadim Baranow, der Magier im Kreml oder – wie es Beresowski an einer Stelle formuliert: »Putins Rasputin«. Ein Berater des Zaren, wie Putin genannt wird, ohne Fachressort, aber mit direktem Zugang zu ihm.
In Russland zählt nur das Privileg, die Nähe zur Macht.
Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml
Baranows Tätigkeit nahe dem Zentrum aller Macht in Russland liefert einen Reiz des Romans, die Hoffnung auf erhellende Blicke hinter die Kulissen. Glücklicherweise vermeidet der Autor effektheischende »Enthüllungen«; entäuscht wird, wer Action oder Handlungsspannung erwartet. Für jene, die sich seit 1998 den Entwicklungen in Russland nicht verschlossen haben, bietet das Buch ein immens spannendes und gleichfalls irritierend gruseliges Leseerlebnis.
Der Magier im Kreml ist eine Fiktion, aber eine klug arrangierte und informierte. Der Tonfall ist nüchtern, in einem überlegenen, von der Arroganz des Machtwissens umflorten Gestus vorgetragen. Baranow gibt vor, genau zu wissen, wie es läuft und gelaufen ist; er lässt seinen Zuhörer (und die Leser) daran teilhaben, eine fürstliche Gunstbezeugung. Er hat nach eigenem Bekunden wesentlichen Anteil daran, dass Russland heute so ist, wie es ist, er ist ein loyaler Zyniker der Macht, machiavellistisch und bigott.
Der Krieg in der Ukraine war wie alles andere auch. Ich hatte ihn bestimmt nicht gewollt. Ich hatte meine Ablehnung im Übrigen lautstark zum Ausdruck gebracht. Aber dann, als der Zar diesen Krieg beschlossen hatte, tat ich alles in meiner Macht Stehende, ihn zum Erfolg zu führen.
Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml
Da Empoli hat seinen Roman im Wesentlichen als Kaminzimmergespräch in Szene gesetzt, eine großartige Entscheidung, diese Form passt wie angegossen. Der Ich-Erzähler kommt über ein Posting in den Sozialen Medien zu einem sehr speziellen Roman aus den 1920erJahren in Kontakt mit Baranow und wird zu diesem eingeladen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der ehemalige Kremlmagier ist zu einem Gespenst geworden, nach seinem Rücktritt, umwittert von Gerüchten und Vermutungen zu seinem Schicksal.
In dem Gespräch zwischen den beiden Männern verstummt der Ich-Erzähler mehr und mehr, er unterbricht Baranows Erzählfluss nur anfangs ab und zu durch eine Nachfrage. Manchmal spricht dieser seinen Gast direkt an, das wirkt, als wende er sich direkt an den Leser. In diesen Passagen bekommen der Westen und seine Protagonisten oft abfällige Bemerkungen zu lesen, eine tiefgreifende Verächtlichkeit und Abneigung gegen die vermeintliche Schwäche – sehr authentisch, denn die Echos dieses Weltbildes waren tatsächlich den vergangenen Jahren oft in Zeitungen zu lesen.
Baranow ist eine unangenehme Person. Eingebildet. Arrogant. Narzisstisch. Stolz. Selbstgefällig. Er vermittelt gegenüber seinem Gesprächspartner (und dem Leser) das Gefühl der Überlegenheit einer bedeutenden Persönlichkeit, die auf die anderen herabsieht wie auf durcheinanderwirbelnde Ameisen. Menschen sind ihm im Grunde genommen völlig gleichgültig, insbesondere die Russen, denen er attestiert, sie bräuchten Härte, Führung, aber keine Demokratie.
Wer ein wenig in Geschichte bewandert ist, kennt derlei Aussagen auch über »die Deutschen«, etwa von den Reaktionären um 1848 und während des Kaiserreichs, den Völkischen und Nazis; man kennt es auch aus China und hier wie da ist es schlichtweg falsch. Aber nützlich, denn rund um den Erdball wird diese Verschlichtung allzu gern aufgegriffen, wenn andere Erklärungen zu kompliziert oder lästig geraten. So auch, wenn man den Aufbau einer Diktatur rechtfertigen will.
Die erste Regel der Macht lautete, auf Fehlern zu beharren, in der Mauer der Autorität nicht den kleinsten Riss zu zeigen.
Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml
Am Aufstieg Putins und der Errichtung einer Machtvertikale hat Baranow einen gehörigen Anteil. Er weiß darum, wie Dinge inszeniert werden, denn er stammt aus intellektuellen Theaterkreisen und hat im Fernsehgeschäft die wesentlichen Instrumente kennengelernt. Als Beresowski ihn kontaktiert und klar wird, worum es dem einst mächtigen Medienmogul geht, endet alles fröstelige Kaminfeuerbehagen und die Luft scheint zu vereisen.
Es ist wie beim Anschauen der herausragenden TV-Serie Chernobyl, wenn der unverzeihliche und verhängnisvolle Leichtsinn jene dramatische und schreckliche Entwicklung einleitet, der gewöhnlich als GAU bezeichnet wird. Da Empolis Roman erreicht diesen Punkt, wenn die Zauberlehrlinge á la Beresowski im Dunstkreis der Macht ihr Spiel spielen und wie Dr. Frankenstein ein Geschöpf in die Welt setzen, das nicht mehr zu kontrollieren ist. Und seine Schöpfer frisst. Der GAU ist hier ein politischer.
Das Reich des Zaren wurde aus dem Krieg geboren, und es war nur folgerichtig, dass es am Ende wieder zum Krieg zurückkehrte.
Guliano da Empoli: Der Magier im Kreml
Je näher das Romanende kommt, desto deutlicher wird, wie gefestigt Weltbild und Macht des Zaren sind. An einer Stelle lässt da Empoli jemanden zu Wort kommen, der sich über einen Exit des Machthabenden auslässt – genauer gesagt: einen Bogen zur Mafia schlägt und die Meinung vertritt, in beiden Fällen sei ein Abgang unmöglich. Das aber hieße, nach allem, was vorher zu lesen war, dass mit Putin kein Frieden möglich wäre. Schöne Aussichten!
Da Empoli lässt seinen Roman in schauderhaft dystopischen Äußerungen münden, die inhaltlich überraschend sind und dennoch in gewisser Hinsicht zu dem ganzen Vorangehenden sehr gut passen, obwohl sie über Putin hinausreichen. Die düstere Prophetie aus dem Munde Baranows hinterlässt ein Gefühl nachdenklichen Grauens, das den Leser noch einige Zeit begleitet, wenn er Der Magier im Kreml zugeschlagen hat.
Guiliano da Empoli: Der Magier im Kreml aus dem Französischen von Michaela Meßner C.H. Beck 2023 Hardcover 265 Seiten ISBN 978-3-406-79993-8
Die Tagebucheinträge geben sehr eindrücklich wider, wie es ist, wenn man vom Krieg überrollt wird. Cover Edel Books, Bild mit Canva erstellt.
Zwei- oder dreimal wird Deutschland in spezifischer, schwer erträglicher Weise erwähnt, während die Autorin Julia Solska vom Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands gegen ihre Heimat buchstäblich überrollt wird. Mit einer gewissen Fassungslosigkeit und Empörung reagiert sie auf die befremdlichen Diskussionen in Europas größter, wirtschaftlich stärkster Nation. Die Realitätsverschiebung, die diesen weltfremden Debatten zugrunde liegt, ist greifbar.
Realität ist nämlich das, was über die Autorin aus – nein, nicht heiterem, aber lange ausgeblendetem, düsterem Himmel hereinbricht, als das Damoklesschwert über den Köpfen der Ukrainer schließlich doch fällt. Das Erwachen im Krieg ist wörtlich gemeint. Kann man sich hierzulande wirklich vorstellen, wie es ist, wenn man morgens geweckt wird von den Worten »Es geht los.«? Nein. Ebensowenig, wie man darauf reagieren würde.
Julia Solska erlebt den ersten Tag von Putins Griff nach der Weltmacht in Kyjiw. Der Krieg ist hörbar: »Ein seltsames Krachen, brachial und metallisch, als würde ein Riese etwas schmieden.« Damit beginnt die Höllenfahrt, der Kampf darum, sich auf die neue Lage einzustellen, was vor allem bedeutet, unter immensem Stress stehend zu deuten, was die »neue Lage« überhaupt ist.
Ein Kreisel aus Angst und Panik kommt in Gang, in diesem Karussell muss Solska eine wichtigen Entscheidung treffen – bleiben oder gehen. Sie entscheidet sich zum Gehen, zunächst aus Kyjiw weg, später zur Flucht nach Deutschland. Für den Leser eine fesselnde Lektüre, auch wenn der Krieg ihr nur nahekommt, in Gestalt von Rauchtürmen, Sirenen, Gefechtslärm und dem, was man überall im Fernsehen bzw. den Sozialen Medien sehen konnte.
Das aber betrifft Solskas eigene Familie! Das Grauen ist nicht fern, nicht vorgeschoben, wie bei selbstgerechten Realitätsverweigerern hierzulande, die Ukrainer gar nicht für voll nehmen, geschweige denn für mündig halten. Es sind die eigenen, geliebten Menschen, die erleben, was russische Besatzung heißt. Das Tagebuch lesen heißt eben auch, die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Mehr Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen, braucht es nicht.
Einige einleitende Seiten bringen dem Leser die Autorin nahe, das Tagebuch setzt erfreulicherweise am Tag vor dem Überfall ein. Das verstärkt die Schockwirkung des Kriegsdramas beträchtlich. Ganz am Ende ist noch ein Abschnitt angefügt, der zeigt, unter welchen Bedingungen die Menschen in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten vegetierten und wie knapp sie schließlich entkommen konnten. Dann spätestens ist die Realität auch auf einem Sofa im friedlichen Deutschland spürbar.
Julia Solska: Als ich im Krieg erwachte Edel Books 2022 Broschiert 192 Seiten ISBN: 978-3-8419-0828-5
Essays aus den Jahren 2014 bis 2022, die dem Leser die Ukraine unter dem Eindruck der russischen Aggression näherbringen. Cover Kiwi, Bild mit Canva erstellt.
Essays gehören nicht zu meinen Lieblingstexten. Könnte ich behaupten, denn in meinem Bücherregal steht kein einziges Buch mit Essays. Dennoch ist das die Unwahrheit oder sagen wir: die halbe, denn ich lese seit Jahrzehnten mit einiger Regelmäßigkeit Versuche über irgendetwas. Überregionale Tageszeitungen und Wochenblätter haben im Feuilleton, manchmal auch im Wirtschaftsteil essayistische Texte, die ich wirklich gern und oft mit Gewinn lese.
Aber als Buch?
Der Angriffs- und Vernichtungskrieg von Putins Russland gegen die Ukraine hat dieses Land in den Fokus gerückt. Da ich schon seit zwei Jahrzehnten der Meinung bin, dieser Staat gehöre – anders als Russland – zu Europa, in die EU und Nato, und die politische Entwicklung verfolgt habe, lag es nahe, zum Jahrestag des Großangriffs etwas zu lesen. Romane aus der Ukraine kenne ich ein paar, um etwas anderes kennenzulernen, habe ich zu diesem Essay-Band (und einem Kriegs- und Fluchttagebuch) gegriffen.
Frieden ist eine Vorahnung der Katastrophe, nichts mehr.
Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus
Der Essayband versammelt eine Reihe recht kurzer Beiträge aus den Jahren 2014 bis 2022. Sie sind sehr persönlich gehalten und bringen dem Leser die Ukraine und ihre Menschen nahe. Das ist keine besonders angenehme Lektüre, sie ist von Tragik umwittert. Mich erinnert das etwas an Irland und vor allem an Kurdistan, ein Volk, das einfach negiert und umgedeutet wird, um ihm die Berechtigung einer Nation zu nehmen.
Die Essays reichen oft in das zwanzigste Jahrhundert und weiter zurück; Russland hat seit jeher blutige Kriege und Vernichtungsfeldzüge geführt, den unendlichen Grausamkeiten des Holodomor folgte der deutsche Vernichtungskrieg, ein langer Partisanen-Kampf nach 1945 gegen die Sowjets und schließlich eine Republik, die formal unabhängig, strukturell und mental sowjetische war. Wen wundert es, dass die Essays wenig Sonnenlicht bieten?
»Das Schlimmste am Kommunismus war ebendieser Zwang (oder die besten Bedingungen dafür) gewissenlos, ehrlos zu sein. Wer das nicht konnte, büßte schwer.«
Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus
Interessant ist, dass Nahebringen in diesem Fall eine verstärkte Fremdheit bedeutet. Die Lebenswelt und -wirklichkeit, die Maljartschuk in ihren Texten zum Leben erweckt, unterscheidet sich krass von dem, was man im gemütlich-demokratisch-freien Westen erlebt hat. Manche Sätze sind wie ein Beilschlag für antikapitalistische Träumer und (un-)heimliche Schwenker des Sowjetbanners.
Danach geht es weiter – man atmet aus.
Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus Kiwi 2022 HC 176 Seiten ISBN: 978-3-462-00462-5
Von Leonardo Padura habe ich mittlerweile alles gelesen, was aus dem kubanischen Spanisch ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Opus Magnum ist Der Mann, der Hunde liebte. Das zweitbeste Buch ist Ketzer, das ich aus aktuellem Anlass ein zweites Mal lese. Die Lektüre ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.