Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Thriller (Seite 4 von 4)

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Die große Uhr ist ein sehr spannender, unterhaltsamer Noir-Thriller aus den 1940er Jahren. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer zu einem Klassiker greift, erwartet Patina. Kenneth Fearings Die große Uhr hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Die Technologie der 1940er Jahre und die an die Zukunft geknüpften, einigermaßen ulkig anmutenden Erwartungen etwa; die Drinks und Rauchwaren immer und überall, vom anfangs aufscheindenden Frauenbild einmal ganz zu schweigen.

Im Fremden schärft sich aber auch immer das Bild der eigenen Gegenwart, als blicke man in einen verzerrten Spiegel, der neben den Unterschieden eben auch Bekanntes wiederkennen lässt. Die Medienkritik, die Fearing übt, lässt sich in vielerlei Hinsicht auf die heutige Zeit übertragen, aber auch seine Sicht der problematischen Seiten einer kapitalistischen Gesellschaft.

Im Kern handelt es sich bei dem Roman aber um einen Noir-Thriller, Spannung gibt es eine Menge, nach einer recht ausführlichen Exposition. Man darf dankbar sein, dass Die große Uhr nicht jene im Übermaß anzutreffende Erzähl-Struktur eines kurzen, dramatischen Häppchens zu Beginn mit nachfolgendem Rückblick aufweist, sondern – klassisch – erzählt. Spannungsjunkies, die schon nach einer halben Seite ihren Kick brauchen, sollten vielleicht besser die Finger von dem Roman lassen.

Ich glaube nicht an eckige Pflöcke in runden Löchern. Der Preis ist zu hoch.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Zwielichtig ist es von Anbeginn an. Die Hauptfigur, George Stroud, lebt in scheinbar wohlsituierten Verhältnissen: Frau, Kind, Job als Chefredakteur einer True-Crime-Zeitschrift, ein eigenes Häuschen in Aussicht. Doch das Selbstgespräch vor dem Spiegel im zweiten Kapitel lässt Abgründe erahnen, die Strouds Leben belasten, privat und beruflich.

Nicht nur Tagträume bilden einen illusorischen Weg aus der als unerträglich empfundenen Realität, der Protagonist ist ein notorischer Fremdgänger. Sein sexuelles Begehren wird ausgerechnet von Pauline Delos geweckt, der Geliebten seines Chefs Earl Janoth, beide landen gemeinsam im Hotelbett und das Drama, das sich von der ersten Seite ankündigt, nimmt seinen Lauf.

Ein jäher Wendepunkt setzt Spiel und Gegenspiel in Gang, das den Leser bis zum Ende in Atem hält. Dank der gelungenen Exposition der Handlung befindet sich George Stroud in einer vertrackten Zwangslage, er muss ein Ermittlungsteam auf sich selbst ansetzen – es ist nicht nur für ihn unheimlich, sein Ego Stück für Stück enthüllt zu sehen. Die gesuchte Person, also er selbst, steht unter Mordverdacht, und so muss Stroud alles tun, um den Fortgang der Suche zu behindern.

(…) stand ich vor dem Janoth-Building, das wie eine unsterbliche Gottheit aus Stein inmitten eines Häuserwaldes aufragt.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Sein eigenes (Fehl-)Verhalten zwingt ihn zu diesem Doppelspiel, er will vermeiden, dass er sein Leben oder seine Familie verliert. Welchen Wert diese hat, angesichts seines Lebenswandels, bleibt offen; er könnte nur um die bequeme bürgerliche Fassade besorgt sein oder aber angesichts des drohenden Verlusts ihre tatsächliche Bedeutung für ihn erkannt haben.

In jedem Fall reicht die Motivation, sich dem lebensgefährlichen Drahtseilakt auszusetzen. Gefahr droht, denn in der vom Takt der »großen Uhr« beherrschten Welt ist ein Menschenleben weniger wert als der ungestörte, reibungslose Fortgang der Maschinen.

Fearing erzählt aus wechselnden Perspektiven, was den Romanfiguren eine gewisse Mehrschichtigkeit  verleiht. So ist der Unternehmer Janoth zwar ein kapitalistischer Geschäftsmann, zugleich aber darauf bedacht, Qualitätsjournalismus in seinen Blättern zu fördern. Durch die Perspektivwechsel kommen außerdem Spiel und Gegenspiel zur Geltung, während die Handlung auf ihr Finale  zustrebt.

Ich kannte das Riskio und den Preis.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Im Hintergrund aber tickt die »große Uhr«, ein Sinnbild für die nimmermüden, allmächtigen Mühlen der kapitalistischen Welt, in der die Menschen gezwungen sind, ihr Leben dem Takt der Uhr anzupassen und nicht – wie es in der amerikanischen Verfassung heißt – nach Glück zu streben. Die Uhr ist aber zugleich ein Symbol der Sterblichkeit, der Tod liegt über der Existenz wie ein mächtiger dunkler Schatten, eine ewige Winternacht. Noir par excellence!

Die große Uhr ist der dritte Band einer Krimi-Reihe des Elsinor-Verlages, die Klassiker der Genres neu auflegt. Herausgegeben wird sie von Martin Compart, der zu dem Roman ein ausführliches Nachwort mit vielen interessanten Informationen zu Autor und Werk sowie Denkanstößen verfasst hat, die der sehr fesselnden und unterhaltsamen Lektüre rückwirkend noch mehr Tiefe verleihen.

Ebenfalls in der Reihe erschienen & besprochen:
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik.
Richard Hallas: Wer verliert gewinnt.


[Rezensionsexemplar; daher Werbung].

Kenneth Fearing: Die große Uhr
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Klappenbroschur 200 Seiten
Elsinor-Verlag 2023
ISBN 978-3-942788-71-7

Wolfgang Herrndorf: Sand

Ein wilder, brutal-ehrlicher und zielstrebiger »Wüstenroman«, der bar aller Romantisierung den Zufall zum Herrn über Leben und Tod macht. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Alle Menschen müssen sterben. In der Regel liegt der Zeitpunkt des Todes in einer unbestimmten Zukunft. Es gibt Ausnahmen: Freitod; Hinrichtung; Strafbataillon der Roten Armee oder Wehrmacht; Vernichtungslager; eine tödliche, nicht therapierbare Krankheit, wie ein Glioblastom, an dem der Autor Wolfgang Herrndorf litt; Folter. In diesen Fällen nimmt der gewöhnlich nebulöse Tod eine sehr konkrete Gestalt an.

Es handelt sich um unerbittliche, erbarmungslose Situationen. Sie verheeren denjenigen, der ihnen ausgesetzt ist. Es gibt Literatur, verfasst von jenen, die eine Ausnahme dieser Ausnahmen waren und überlebten, was niemand überleben kann; und es gibt Arbeit und Struktur, einen Blog, der als Buch herausgegeben wurde, in dem Herrndorf die Zeit von der Diagnose bis kurz vor seinem Freitod niederlegt.

Der Roman Sand, den der Schriftsteller seinen »Wüstenroman« nennt, ist zumindest in Teilen während dieser Phase verwirklicht worden. Er stellt in gewisser Hinsicht ein Echo dessen dar, was in Arbeit und Struktur dem Leser entgegentritt. Herrndorf ist sprachmächtig gewesen und hat dort die richtigen Worte und Sätze gefunden, um dem, was ihn bewegte, auf eine Weise Ausdruck zu verleihen, die oft genug wie ein durchdringender Speerstoß wirkt. Und genau so ist auch Sand.

Von jeder Romantik, was »die Wüste« anbelangt, allem Märchenhaften ist das Werk weit entfernt. Diestelig wäre ein schönes Attribut, denn es geht zur Sache, bisweilen blutig und brutal, vor allem aber fern aller Heimeligkeit. Dabei hat Herrndorf wunderbar originelle Einfälle und auf eine messerscharfe Weise offen. Der Mensch und das angeblich unteilbare Menschenrecht werden zu einer Zahl degradiert.

Wichtiger als ein Menschenleben? […] Nichts ist wichtiger als ein Menschenleben. […] Auch wenn es das Leben eines Lügners ist, das Leben eines Schmugglers, eines Idioten und Berufsverbrechers. Jedes Leben ist unbezahlbar, einzigartig und schützenswert – sagt der Jurist. Das Problem ist, wir sind keine Juristen. Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, dass man das Leben nicht gegen andere Güter oder andere Leben abwägen kann. Wir sind eher so die Statistikabteilung und Statistikabteilung bedeutet, es besteht eine einprozentige Wahrscheinlichkeit, dass es so ist, wie du sagst. […] Es besteht aber auch eine neunundneunzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass das nicht der Fall ist. […] Neunundneunzig Prozent, dass wir hier den Weltfrieden sichern. […] Und nur ein Prozent, dass unser peinliches Verhör einen Rückfall ins Mittelalter darstellt.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Nur ein Zitat in der Buchvorstellung diesmal, dafür eines mit Wucht. Ein anachronistisches Echo auf 9/11 und was sich die USA herausgenommen haben, als sich die Menschenrechte doch als teilbar erwiesen. Willkommen in der Wirklichkeit. Denn die wiedergegebenen Worte stammen aus der Romanzeit im Jahr 1972 und könnten eben auch begründen, warum die USA den Weg in die Dunkelheit eingeschlagen haben.

Ein Alptraum, dem der Leser nicht entkommt. Wann immer es scheint, als würde sich endlich etwas zum Guten wenden, dreht und wendet und windet sich alles wieder und die wilde, nicht enden wollende Jagd geht weiter. Erschöpft wie die Hauptfigur, die übrigens keineswegs am Anfang eingeführt wird – ätsch, ihr Schreibratgeber! – taumelt man Seite für Seite voran, die Glieder schwer, der Kopf erschöpft und das Gemüt von schwindender Hoffnung auf ein Happy-End getrübt.

Schon der Weg ins Buch ist verworren. Wer gewöhnlich durch sauber geflieste, geputzte und barrierefreie literarische Flure schreitet, behütet von Triggerwarnungen und austarierter Diversität, und alles darüber hinaus als unerträgliche Zumutung betrachtet, sollte diesen Roman besser meiden. Sand schmerzt. Wer einmal einen Sandsturm erlebt hat, weiß, wie schräg ins Gesicht gefegter Sand sticht. Man muss dazu keine Wüste aufsuchen, ein stürmischer Nachmittag an der dänischen Nordsee reicht. Und so ist dieser Roman.

Langsam und auf verschlungenen Wegen entblättern sich die Hinter- und Abgründe der Figuren in diesem Drama. Herrndorf inszeniert das als wildes, brutales Puzzle scheinbar sinnloser Schnipsel, Fetzen einer gemarterten Erinnerung. Dabei kommt es zu grotesken Begegnungen, etwa mit potenziellen Informanten, mehr oder weniger organisierten Verbrechern, der Staatsmacht und Geheimdiensten.

Wer schon eine Weile lebt und seine Zeit mit Büchern und Filmen gefüllt hat, wird unweigerlich einmal, wahrscheinlich recht oft mit der Situation konfrontiert worden sein, die für die meisten Menschen großen Horror beinhaltet. Jemand will etwas von einer anderen Person und setzt diese unter Druck indem er die Angehörigen bedroht, sei es direkt oder indirekt, durch das Ankündigen von Gewalttaten.

Eine brillante Idee findet sich im fortgeschrittenen Teil des Buches, wenn Herrndorf diese geradezu klassische Szenerie durch die Beigabe einer Zutat namens Amnesie zu etwas Neuem, beunruhigend Spannendem und Verstörendem aufwertet. Was, wenn derjenige, der durch Drohungen gegenüber seinen Verwandten gebeugt werden soll, sich nicht mehr an sie erinnert? Was, wenn die Befrager das nicht wissen können und das Verhalten falsch einschätzen?

Herrndorf hat in seinem »Wüstenroman« das Szenario integriert und gekonnt bis zum Äußersten exekutiert. Es verbietet sich, es hier aufzulösen, ja wie an meinen windigen Formulierungen zu sehen, auch jede Kleinigkeit, die darauf hindeutet, wem es widerfahren wird und was sich daraus entwickelt. Und doch zeigt diese Neuerung, was der leider früh verstorbene Autor für ein literarisches Potenzial mitgebracht hat.

Sand ist ein spektakuläres Buch, voller Verwicklungen, Knoten, die sich nicht lösen lassen, Fäden, die im Nichts zu beginnen scheinen und sich mit anderen verschlingen und wieder in der Luft flattern. Und im Hintergrund schimmert die Zeitgeschichte, wenn etwa abends die Nachrichten im TV gesehen werden und man hört: Olympia. München. Jüdische Sportler. Palästinensisches Volk. 50 Jahre sind vergangen und was hat sich eigentlich geändert?

Wolfgang Herrndorf: Sand
Rowohlt 2013
Taschenbuch 480 Seiten
ISBN: 978-3-499-25864-0

John le Carré: Der Nachtmanager

Die Romane von John le Carré vereinen Tiefgang mit Thriller und sprachlich hohem Niveau. So auch dieser. Cover List-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Romane von John le Carré haben (oft) kein Happy-End. Wenn ein totales Desaster vermieden worden ist, hat der Leser einen blutigen Sumpf aus Verschwörungen, Machtkämpfen und üblen Folgen für einzelne Beteiligte hinter sich. Keine Kleine Nacht-Musik, eher Gustav Mahler.

Es gibt für den Roman Der Nachtmanager eine ganze Reihe von Zugängen für interessierte Leser, aber auch Hindernisse, vor allem die hohe literarische Qualität. Die schlägt sich nicht nur in tollen sprachlichen Bildern und einem sehr solide geschmiedeten Plot nieder, sondern auch in mehreren Ebenen, auf denen sich die Erzählung entwickelt. Und – soviel darf man sagen, ohne zu spoilern – auch verwickelt.

Die Hauptfigur, Jonathan Pine, die zu Beginn als Nachtmanager eines gehobenen Hotels in das Leben des Lesers tritt, ist nicht immer im Blick, ganz im Gegenteil. Fern von Pine, geographisch, sozial und bezüglich der Macht, geraten Menschen und Apparate in Gang und beeinflussen zum Teil unheilvoll den Gang des Geschehens, das in einem lebensgefährlichen Geheimauftrag besteht.

Der Protagonist ist nur eine Wolke in der äußerst vielschichtigen Atmosphäre.

Wer so etwas mag, sich darauf einzulassen vermag, dass die Figur des Nachtmanagers zwar weit über das Hotelfach hinausragende Fähigkeiten verfügt, zugleich aber im Gegensatz zu James Bond & Co. sehr verletzlich ist und im Konzert der Stürme, Orkane und Zyklone manchmal ohnmächtig wie ein Nebelfetzen, kommt auf seine Kosten.

Für Thrill ist gesorgt, so viel sei versprochen, bis zur drittletzten Seite. Wenn der Leser die erreicht, hat er eine wilde Jagd durch so unendlich viele ganz unterschiedliche Landschaften (auch politische und moralische) hinter sich, dass sich ein Hauch von Verständnis bildet, warum die Dinge sind, wie sie sind – und sich nur sehr langsam ändern. Oder eben bleiben, wie sie sind.


In seinem Vorwort macht sich der Autor auf seine Weise über den Literaturbetrieb lustig:

In der überschaubaren Welt des Literaturbürokraten muss jeder Schriftsteller seine Schublade haben.

john le Carré: Der Nachtmanager, Vorwort.

Mittlerweile habe ich die Verfilmung des Buches angesehen. Sie ist großartig. Natürlich liegt der Fokus etwas anders, das Publikum hat weniger Zeit für die im Roman subtil ausgeführten Mechanismen der Macht. Entsprechend sind sie gröber, die Drahtzieher unzweifelhaft als intrigante, kalte Technokraten ohne Gewissen dargestellt.

Doch das wird alles überstrahlt von einer brillanten Schauspielleistung, insbesondere der beiden Kontrahenten. Mir ist beim Anschauen erst wieder bewusst geworden, wie geschickt Le Carré Paine und Roper zeichnet, sie haben Schattierungen, sind fern von einfältiger Schwarz-Weiß-Malerei.

Im Gegenteil: Der Nachtmanager, der Roper hasst und aus persönlichen Motiven (und eigenem Versagen) diesem an den Kragen will, mag ihn eben auch und ebenso seine Rolle, die dieser ihm zuweist.

Das ist wunderbar in Szene gesetzt. Die Besetzung ist insgesamt sehr gut gelungen, gerade auch die Helfer Ropers, sind großartig. Tom Hollander zuallererst, aber auch Alistair Petrie. Sie verkörpern ihre Rollen nahezu perfekt. Mit der Besetzung von Elizabeth Debicki als Jemima „Jed“ Marshall bin ich nicht recht warmgeworden.

Alles in allem ist Der Nachtmanager ein doppelter Glücksfall, als Buch und als Film.

John le Carré: Der Nachtmanager
List 2006
TB 560 Seiten
ISBN: 978-3548606293

Arturo Pérez-Reverte: Der Schlachtenmaler

Ein brillanter Roman, leider nur noch antiquarisch erhältlich. Cover btb, Bild mit Canva erstellt.

Wenn sich der Leser dem Ende dieses Romans nähert, jene finalen Twists nicht mehr fern sind, die den Schleier endgültig lüften , weiß man bereits, dass Arturo Pérez-Reverte mit seinem Der Schlachtenmaler ein ganz besonderes Buch gelungen ist. Es hängt nach. Wie jedes gute Buch.

Dabei hätte es vom Grundansatz auch ein einfaches sein können, auf pure Spannung ausgerichtetet. Verrät doch schon der Klappentext , dass die Hauptfigur, der ehemalige Kriegsfotograf Faulques, in einem einsamen Turm ein großes Wandgemälde erschafft und von einem zunächst Fremden ganz offen mit dem Tode bedroht wird.

Klingt zunächst nach einem Psycho-Thriller.

Tatsächlich bleibt die Todesdrohung während der gesamten Erzählung präsent, wie ein Generalbass untermalt sie die Handlung, ohne sie zu überlagern. Faulques ist Jahrzehnte als Beobachter in die Kriegsgebiete der Welt gereist und hat mit seinen Fotos Preise und einigen Ruhm errungen.

Das Gemälde an der Wand des Turms hat wenig überraschend den Krieg zum Thema. Der ehemalige Fotograf greift nach der Aufgabe seiner Tätigkeit eine Leidenschaft aus seiner Zeit vor dem Fotografendasein auf und bricht zugleich mit seinem Beruf. Und er distanziert sich von seinen Fotos, denn das Wandgemälde zeigt den Krieg in einer ahistorischen Gleichzeitigkeit: ein groteskes Monster entsteht.

Das Medium Bild – gemalt oder fotografiert – stellt das zentrale Symbol des Romans dar. Wieder und wieder wird über Bilder gesprochen oder reflektiert, wer mag, kann im Internet die Werke selbst betrachten, versuchen, die Empfindungen und Gedanken nachzuvollziehen. Manchmal entfalten die Beschreibungen und die Reflexionen der Hauptfigur ein besonderes Maß an Authentizität.

… dass er in den vielen selbst erlebten Kriegen nie jemanden gesehen hatte, der mit einem derart tadellos sauberen Hosenknieteil und Hemd im Kampf starb.

ARturo Pérez-REverte: Der Schlachtenmaler
Das berühmte Bild des Kriegsfotografen Robert Capa.
Der Augenblick des Todes im Spanischen Bürgerkrieg am 5. September 1936.

Faulques weiß , dass Capa zu einer anderen, fast unschuldigen Zeit gehört, denn in der Gegenwart haben Bilder viel von ihrem ursprünglichen Wert verloren. Bilder, auch die bewegten, sind Teil des Krieges, Teil der Propaganda geworden, die jeden mit Waffen ausgefochtenen Konflikt umweht wie der Leichengeruch.

Doch das Buch geht in seinem Kern darüber weit hinaus. Die entscheidende Frage lautet: Kann man in einem Krieg unbeteiligt bleiben, ein bloßer Beobachter, neutraler Fotograf – oder aber ist man nicht automatisch Teil der Kampfhandlungen und trägt Verantwortung, ja lädt sogar Schuld auf sich?

Die zentrale Frage wird kurioserweise im Buch anhand der Physik ins Feld geführt und diskutiert. Mich hat schon immer die so genannte Unschärferelation von Heisenberg (dem deutschen Physiker, nicht Walter White) fasziniert. Grob gesagt kann man ab einer bestimmten Größe bzw. »Kleine« eines Teilchens dessen Position bzw. Geschwindigkeit nicht mehr bestimmen, ohne diese selbst zu beeinflussen.

Je genauer man versucht zu  messen, desto größer wird die Störung. In diesem Sinne verändert der Beobachter die Wirklichkeit. Wenn man will, erschafft er sie tatäschlich, wie ein Bekannter dem Schlachtenmaler erläutert und daraus eine weitreichende Schlussfolgerung zieht:

Es sei ein grundlegendes Element der Quantenmechanik, dass der Mensch die Wirklichkeit schaffe, wenn er sie beobachte. […] Der Mensch sei […] beides zugleich: sowohl Opfer als auch Schuldiger.

ARturo Pérez-REverte: Der Schlachtenmaler

Verhält es sich mit der Kriegsfotografie auch so? Greift jemand, der nur fotografiert, direkt ins Geschehen ein, beeinflusst die Handelnde und wird Partei? Der Roman gibt darauf unterschiedliche, kontroverse Antworten, die den Leser aus seiner Komfortzone scheuchen. Denn das vorgeblich neutrale Beobachten, Nichthandeln, Zögern kann ebenfalls beeinflussen – mit fatalen Folgen.

Der Ausgangspunkt der Handlung, die Todesdrohung gegenüber dem Schlachtenmaler, ist mit dieser Frage verknüpft. Faulques hat auf während des Balkankrieges das Foto eines kroatischen Kämpfers geschossen: Ivo Markovic, der nolens volens in die Kampfhandlungen hineingezogen wurde.

Die Aufnahme wurde prämiert und hat nicht nur ihren Urheber, sondern auch ihr Motiv bekannt gemacht, was für den Kroaten und seine Angehörigen tragische Konsequenzen hat. Das Foto ist auf seine Weise Teil des Krieges geworden. Markovics Absicht, Faulques zu töten, erscheint auf Anhieb wie ein Racheakt – doch das würde viel zu kurz greifen. Seine Absicht geht darüber hinaus:

›Sie sollen verstehen‹, sagte der Kroate. ›Manche Antworten haben Sie ebenso nötig wie ich.‹

ARturo Pérez-REverte: Der Schlachtenmaler

Auch der Leser braucht Antworten. Der Balkankrieg ist bedauerlicherweise schon wieder in Vergessenheit geraten. Europa hat seinerzeit darin versagt, diese unfassbar brutalen Kampfhandlungen einzudämmen und die Zivilisten im Stich gelassen, und sich auf bequeme »Neutralität« zurückgezogen. Ein Muster, das in den folgenden Jahren andernorts immer wieder auftrat: Russlands Kriege gegen Georgien und die Ukraine, sowie der Bürgerkrieg in Syrien.

Die Grausamkeiten auf dem Balkan waren ein Echo des Gemetzels während des Zweiten Weltkrieges. Bis in die Gegenwart hinein hallen weitere Echos. Als Peter Handke den Literaturnobelpreis erhalten hat, ist darauf mit zum Teil massiver Kritik reagiert worden. Sasa Stanisic hat dem Preisträger vorgeworfen, die serbische Verantwortung für die Bluttaten während des Bürgerkrieges in seinen Texten zu verharmlosen, zu verschweigen, ja zu lügen.

Ich tue es auch deswegen, weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.

Saša Stanišić anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2019

Pérez schweigt nicht. Im Gegenteil.

Die Erzählung entfernt sich kaum von dem Turm, in dem der Schlachtenmaler tätig ist. Hier treffen sich Faulques und Markovic und führen ihre Gespräche. Das Bild, das auf der Innenseite des Gebäudes entsteht, ist oft Quelle der Inspiration für die Gespräche zwischen beiden Männern, es löst Assoziationen aus, die in weite Gedankenschleifen der Hauptfigur münden. 

In diesen Ausflügen in die Vergangenheit tritt eine weitere Person in die Erzählung ein: Olvido, eine Kollegin des Schlachtenmalers, seine verstorbene Geliebte. Olvido ist eine Ableitung vom spanischen Verb olividar, das »ich vergesse« heißt oder eben »das Vergessen«. Wie die Gedankenschleifen zeigen, kann Faulques keineswegs vergessen, ebensowenig Markovic. Eine Folge des Krieges, der selbst die Davongekommenen lebenslang in ihren Erinnerungen heimsucht, ja: gefangenhält.

Olivdo hat als Modell gearbeitet, stand also als Objekt vor der Kamera und hat aus dieser Erfahrung ein eigenes Verhaltensmuster beim Fotografieren entwickelt, das hier nicht verraten wird, weil es zu den Antworten gehört, die der Leser aus diesem Buch erhält. Wenn man so will: ein Gegenentwurf zu Social Media. Sie ist Faulques voraus, hat vor ihm begriffen, was dieser erst durch die Konfrontation mit Makovic durchschaut.

Pérez-Reverte führt seinen Roman erfreulich konsequent zu einem Ende, das zumindest aus meiner Sicht sehr zufriedenstellend ist und ein langes Echo hat

Arturo Pérez-Reverte: Der Schlachtenmaler
btb 2009
TB 288 Seiten
ISBN: 978-3442739356

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Es gab genug Warnungen, seit vielen, vielen Jahren; doch die Lügen waren bequemer. Ein spannender und informierter Roman. Cover Kiepenheuer & Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Die Wahrheit ist kompliziert, die Lüge einfach – das macht sie so gefährlich. Noch gefährlicher allerdings ist die Lüge, die nur scheinbar einfach daherkommt und wie eine Matrjoschka-Puppe ineinandergeschachtelt in die Welt gesetzt wird. Ganz am Ende des unbedingt lesenswerten Romans von Yassin Musharbash bekommt auch der zunächst harmlos wirkende Titel seine tiefgreifende Bedeutung und die Botschaft des Buches entfaltet ihre volle Wirkung.

Der Autor widmet seinen Roman dem unlängst verstorbenen britischen Schriftsteller John le Carré, für den er als Rechercheur gearbeitet hat. Nicht nur in Spurenelementen macht sich das im Verlauf der Erzählung bemerkbar, denn obwohl es sich hier um einen Thriller handelt, gibt es glücklicherweise sehr viele Phasen, in denen es nicht actiongeladenes Gedöns, sondern fast gemächlich sich ent- und verwickelnde Fortschritte bei dem Versuch gibt, ein Rätsel zu lösen.

Die Hauptdarstellerin ist eine investigativ arbeitende Journalistin namens Merle Schwalb. Ihre Persönlichkeit lernt der Leser peu á peu kennen, Musharbash nutzt ihr familiäres Umfeld, sowie einige Begegnungen im Laufe ihrer Recherche, um die Erosion des Vertrauens gegenüber seriösen Medien eindrücklich darzustellen. Wie oben schon gesagt: Das skizzierte Bild ist bekannt, doch wird erst am Ende klar, was das für weitreichende Folgen haben könnte.

Ein plötzlicher Todesfall führt sie ausgerechnet in einem für ihr persönliches Fortkommen entscheidenden Moment auf die Spur einer Verschwörung, deren Wurzeln in Putins Russland zu suchen und finden sind. Sie steht dem – glücklicherweise – nicht allein gegenüber, aus dem eigenen Haus und einer anderen Zeitung stoßen Kollegen zu ihr.

Diese Entscheidung ist nur zu loben. Recherchenetzwerke gibt es wirklich, was die Authentizität des Buches erhöht. Auch die Schilderung der Kooperation journalistischer Alphatiere wirkt sehr wirklichkeitsnah. Das gilt auch für jene Passagen im Roman, in denen Merle (und damit auch dem Leser) die Welt erklärt wird, in diesem Falle die verwickelte, keineswegs leicht durchschaubare Welt der aggressiven russischen Operationen gegen Deutschland (und die Ideen des freien Westens).

Wie le Carré verwendet Musharbash erfreulich viel Mühe darauf, die Kulissen für die Handlung ausführlich zu kreieren. Das geht über den reinen Fall, an dem sich die Hauptperson mit ihren Kollegen abarbeitet, hinaus, wenn es etwa um die vielzitierten »Clans« in Berlin und ihre Wurzeln in einer verfehlten Einwanderungspolitik gegenüber den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon geht. Die selbstgefällige Bigotterie, über das Drogen- und Gang-Problem zu reden und gleichzeitig den Koks zu schnupfen, kommt nicht zu kurz.

Viele Begebenheiten und Motive des Romans wirken wie ein Echo dessen, was in den vergangenen Jahren in der seriösen Presse zu lesen war. Der vielfältige Druck, dem diese Medien ausgesetzt sind, ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass es im Journalismus tatsächlich ein grundlegendes Problem mit der Wahrheit gibt – ganz unabhängig von den unsäglichen Anwürfen, denen sie ausgesetzt ist: »An einer Geschichte kann alles richtig sein – und die Geschichte stimmt trotzdem nicht.«

Ein strategischer Nachteil gegenüber schlichten Lügen und erst recht gegenüber den vertrackten.

Yassin Musharbash: Ruissische Botschaften
Kiepenheuer & Witsch 2021
TB 400 Seiten
ISBN: 978-3-462-00096-2

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