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Uwe Wittstock: Marseille 1940

Die Wehrmacht zermalmte im Frühjahr 1940 ihre Gegner, was viele in Frankreich lebenden Exilanten in eine lebensbedrohliche Lage brachte und zur oft verzweifelten Flucht zwang. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die südfranzösische Stadt Marseille platzte im Sommer 1940 aus allen Nähten. Zu den 900.000 Bewohnern aus der Vorkriegszeit kam noch eine halbe Million Menschen hinzu, die man etwas despektierlich als Treibgut des Krieges bezeichnen könnte: Flüchtlinge aus vielen europäischen Ländern, britische Soldaten, Fremdenlegionäre, Angehörige der französischen Kolonialtruppen (Algerien, Indochina, Marokko), demobilisierte Franzosen.

Es war ein buntes Gewirr des Schreckens, denn das exotische Gemenge der Kleidung überdeckte nicht die pure Not der Gestrandeten, von denen die überwältigende Mehrheit vor allem eines wollte: raus aus Frankreich, weg vom Krieg. Die Wehrmacht hatte Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg innerhalb weniger Wochen überrollt und Millionen fliehende Menschen wie eine Bugwelle vor sich hergetrieben. Aus französischer Sicht hat Pierre Lemaitre diese Zeit in seinem brillanten Roman Der Spiegel unseres Schmerzes beschrieben.

Zu den Flüchtlingen gehörte eine recht kleine Schar deutschsprachiger Literaten, die nach 1933 aus Deutschland (später auch Österreich und der Tschechoslowakei) fliehen mussten, also schon die zweite oder dritte Flucht durchlitten. Ihnen widmet sich Uwe Wittstock in seinem Buch Marseille 1940, ohne dabei zu unterschlagen, dass es sich nur um die sprichwörtliche sichtbare Spitze des Eisbergs handelt: Die prominenten Literaten ließen Spuren in Form schriftlicher Zeugnisse, die überwältigende Mehrheit der vor dem Nazi-Terror Fliehenden nicht.

Vor den Augen Amerikas bricht eine Nation zusammen, die als Inbegriff der Zivilisation, Aufklärung, Eleganz und Lebensfreude gilt.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Es ist gut, dass Wittstock gleich zu Beginn deutlich macht, wem er sich – mangels überlieferter Materialien – zwangsläufig nicht widmen kann (hier sei auf den Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque verwiesen). Der Fokus auf literarische Prominenz kann das Bild durchaus verzerren, denn einige Literaten konnten immerhin auf ihre Bekanntheit, eine gewisse Vernetzung und Hilfe von außen hoffen. Die gewöhnliche Zeitgenossen hatten wenig Aussicht, die Aufmerksamkeit der First Lady in den USA, Eleanor Roosevelts, zu erhalten, wie etwa Lion Feuchtwanger.

Genutzt hat es ihm im gewissen Rahmen, doch die restriktiven Rahmenbedingungen für Fliehende ließen sich selbst in diesem Fall nicht außer Kraft setzten – in allen anderen Fällen auch nicht. Es sind Motive, die auch in der Gegenwart die so genannte Flüchtlingsdebatte beherrschen und schwer erträglich machen. Ganz vorn dabei: Bürokratie. Aber auch einander widersprechende Aktivitäten vor Ort, wenn Botschafts- und Konsulatsangehörige Anträge verschleppen, blockieren, während gleichzeitig andere als hilfreiche Wegbereiter auftreten.

Die Lage im Marseille 1940 war politisch und rechtlich kompliziert. Der größte Teil Frankreichs war von der Wehrmacht okkupiert, bis Ende 1942 blieb ein gewisses Gebiet unter der Kontrolle eines ultrakonservativen, rechten Regimes unter Petain. Von diesen hatten Fliehende, vor allem Kommunisten und Juden, wenig Gegenliebe zu erwarten, dank deutschen Drucks galt das für alle, die in Hitlers Deutschland als Staatsfeinde angesehen wurden. Vichy-Frankreich war bis Ende 1942 eine seltsame Zwischenwelt, nicht frei, aber eben auch noch nicht unter der direkten Zuchtrute des „Dritten Reichs“.

Da Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war und Spanien zwar neutral, aber durch das rechte Franco-Regime nur bedingt eine Fluchtoption, blieb vor allem Portugal als Ziel, das nur unter großen Schwierigkeiten und Gefahren zu erreichen war. Welche haarsträubenden, dramatischen und durchaus tragischen Schicksale diese geopolitische Zwangslage der in Südfrankreichs Metropole angespülten Flüchtlinge heraufbeschwor, schildert Marseille 1940 in einer mitreißenden Weise, die den Leser rasch gefangen nimmt.

Eine ganze Generation europäischer Kulturgrößen droht innerhalb der nächsten Wochen ermordet zu werden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Dazu trägt auch der besondere Montage-Stil bei, den Wittstock bereits in Februar 33 verwendet hat. Neben den stets wechselnden Perspektiven, die insgesamt aber die alles umstürzende Gewalt des „Blitzkrieges“ abbilden, werden einzelne Passagen eingestreut, die schlaglichtartig erhellen, welche Art Krieg von den deutschen bewaffneten Verbänden auch im Westen geführt wurde. Die Erschießung von dunkelhäutigen Soldaten der französischen Streitkräfte nach deren Kapitulation etwa, ein Kriegsverbrechen, das historisch im Schatten der millionenfachen Verbrechen im Osten steht. Durch diese Passagen wird die Lebensgefahr für die vielen Flüchtlinge unterstrichen – das “Dritte Reich“ exekutierte seine Ideologie gnadenlos.

„Blitzkrieg“ ist ein wichtiges Stichwort: Wenn wir Bilder vom Krieg sehen, ist es allzu oft Propaganda aus Goebbels Filmschmieden des “Dritten Reichs“. Éric Vuillard hat in seinem Buch Die Tagesordnung darauf hingewiesen, auch gibt es Dokumentationen, die offenbaren, dass in den deutschen Wochenschauen Aufnahmen gezeigt wurden, die vor den Ereignissen (wie dem Angriff auf Frankreich) gedreht wurden. Um Aktualität vorzuschützen, wurden diese in den Kinos mit den entsprechenden Worten umgedeutet; bis heute prägen sie aber unser Bild vom „Blitzkrieg“ im Westen, der mit dem tatsächlichen Krieg wenig zu tun hat.

Bücher wie Marseille 1940 sind auch deswegen so wertvoll, weil sie die sauberen Propaganda-Bilder Lügen strafen und den Blick auf eine ganz andere, brutalere, grausamere Wirklichkeit voller Verzweiflung, Todesnot und tiefer Abgründe freigeben. Das gilt auch für die Behandlung von Flüchtlingen in Frankreich, die dort interniert wurden. Der Zweite Weltkrieg war auch ein Krieg der Lager, in fast jedem Land (selbst den USA, wie David Gutersons Roman Schnee, der auf Zedern fällt am Beispiel japanischstämmiger Amerikaner zeigt) gab es sie.

Zwar sind sie in Frankreich keine Konzentrations- oder gar Vernichtungslager gewesen, doch die haarsträubenden hygienischen Verhältnisse, die unzureichende Versorgung und die bedrückende Unsicherheit machten aus ihnen kleine Höllen für die Insassen. Doch viele Verhaltensweisen der Gefangenen, aber auch des Wachpersonals sind seltsam vertraut aus der vielfältigen Lagerliteratur. Besonders musste ich an Hannah Arendt denken und ihren recht eigenmächtigen Umgang mit der Lage, aber auch an die Franzosen, die sich unter bestimmten Umständen ebenfalls in Internierungslagern wiederfanden.

Ihre Zusammenkünfte wirken dann wie bittere Parodien auf jene Künstlertreffs, die seinerzeit in Pariser Café du Dôme oder in Romanischen Café in Berlin stattfanden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Bemerkenswert ist ein Umstand, den man getrost als Grundkonstante des Fliehens und des Engagements für Flüchtlinge bezeichnen könnte: Illegalität. Man kennt dieses Wort aus zahllosen Politiker-Reden der Gegenwart. Eine der wichtigsten Personen in Marseille 1940, die ich bislang noch gar nicht erwähnt habe, hat im Kern eine Organisation initiiert und vor Ort geführt, die man getrost als illegale Fassadenfirma einer Fluchthilfe-Gesellschaft bezeichnen könnte. Historisch ist diese Form des Gesetzesbruch heroisch, doch wie würde Varian Fry wohl in der Gegenwart gesehen werden?

[Rezensionsexemplar]

Uwe Wittstock: Marseille 1940
Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck-Verlag 2024
Hardcover 351 Seiten
mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-406-81490-7

Volker Kutscher: Olympia

Das Leben Geron Raths hat sich dramatisch gewandelt, er kämpft auf verlorenem Posten. Auch für Chary und Fritze ist im Sommer 1936 der Punkt erreicht, an dem die bisherige Überlebensstrategie nicht mehr trägt. Von ein paar kleinen Wermutstropfen abgesehen, ein großartiger Roman. Cover Piper-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In dem Roman Olympia von Volker Kutscher geht es zu wie in einem Spukschloss, so viele Geister der Vergangenheit treiben ihr Unwesen. Die Geister der Gegenwart, die Rath in einem schaurigen Reigen umtanzen, passen eher zu einem finsteren Horror-Schloss, Folterkeller inklusive. Sie tragen schwarze Uniformen, unterstehen Heinrich Himmler, dem Chef von Polizei und SS im »Dritten Reich«, tanzen nach der Pfeife Reinhold Heydrichs, des Herren über Unrecht und Ordnung.

Am Ende des Vorgängerromans Marlow saß Oberkommissar Gereon Rath in einer Falle, die ihm ein Geist der Vergangenheit namens Sebastian Tornow gestellt hatte. Der ehemalige Polizist, einst von Rath überführt, Mitglied der Verbrecherorganisation »Die Weiße Hand« zu sein, hatte seinen Arm verloren, war ins Ausland geflohen, ehe ihm der Machtwechsel in Deutschland 1933 das Tor zurück geöffnet hatte. Er gehört mittlerweile zum mächtigen Schwarzen Orden der SS.

Der Oberkommissar Gereon Rath ist seitdem ganz vom Wohlwollen des hasserfüllten Tornow abhängig, seine Position in den nationalsozialistischen Institutionen zunehmend unklar: Offiziell gehört er zum Landeskriminalamt, praktisch hängt er am Gängelband seiner Nemesis. Die Frage, ob sich Rath mit seinem Instrumentarium aus (Halb-)Lügen, Lavieren und Tänzeln am Abgrund wieder aus der Affäre ziehen kann, stellt sich kaum, denn schon in den Romanen Lunapark und Märzgefallene hat diese Überlebensstrategie bestenfalls Schlimmeres verhindert.

Es war nicht das Leben, das er sich ausgesucht hatte, aber wer konnte das schon, zumal in diesen Zeiten. Er konnte froh sein, dass er überhaupt noch eines hatte.

Volker Kutscher: Olympia

Da Olympia mit einem kleinen Prolog aus dem Jahr 1937, von der Handlung aus also ein Stück in der Zukunft liegend, beginnt, weiß der Leser schon, dass einiges in die Brüche geht. Die Olympischen Spiele von 1936, die dem NS-Regime einen Propaganda-Triumph bescherten, haben das Leben eines Mannes grundlegend geändert, wie es heißt. Der hat eine neue Identität angenommen, er arbeitet und lebt in bescheidenen Verhältnissen, zurückgezogen und weit weg von Berlin. Man ahnt, von wem die Rede ist.

Die Vergangenheit ruht jedoch nicht, sie ruht nie. Sie holt den Mann in seinem verdeckten Exil ein. Als er nach getaner Arbeit in seine bescheidene Unterkunft zurückkehrt, sitzt ein Toter in seinem Sessel und eine vertraute Frauenstimme begrüßt ihn. Dieser Spoiler verrät faktisch nichts, reißt vielmehr eine baugrubengroße Leerstelle auf, die der Leser unbedingt gefüllt sehen will; die Spannung schießt sogleich nach oben.

Volker Kutscher hat die Vergangenheit schon in den Romanen ab Die Akte Vaterland fabelhaft in seine Handlung integriert, den Mordfall ganz wunderbar aus zurückliegenden Ereignissen hergeleitet und motiviert. Diesmal bündeln sich die von Rath (und dem Leser) erlebte Vergangenheit in der Handlung, treiben sie voran, bremsen sie aus, lenken die Gedanken und Spurensuchen in Sackgassen und vor allem in die finsteren Abgründe des Dritten Reichs.

Nichts hatte sich verändert.

Volker Kutscher: Olympia

Im Sommer 1936 trifft Gereon Rath diese Feststellung im Nassen Dreieck, einer Kaschemme, deren Interieur so wirkt, wie immer schon. »Immer« meint vor allem die Zeit vor 1933, die Zeit der Weimarer Republik, der oft wankenden, stets auf das Heftigste angefeindeten Demokratie, der am Ende vor allem die Demokraten fehlten. Eine Illusion, wie der im Nassen Dreieck sitzende Gereon Rath weiß.

Dreieinhalb Jahre nach der Machtübergabe an Hitler hat sich nämlich alles verändert. Nicht nur draußen, vor den Scheiben des Nassen Dreiecks, sondern auch bei den Personen, die sich drinnen treffen. Reinhold Gräf, ehemaliger Freund, ehemaliger Polizist, ehemaliger Gestapo-Beamter und mittlerweile Untersturmführer im SD ist der Führungsoffizier des Inoffiziellen Mitarbeiters Gereon Rath, offiziell Oberkommissar im Landeskriminalamt.

Gräf ist also auch eine Art Geist der Vergangenheit, der sich in der Gegenwart zu einem Schreckgespenst gewandelt hat. Der eigentliche Unhold ist jedoch Obersturmführer Tornow, ein deutlich ranghöheres Mitglied der SS als Gräf, der Rath unbarmherzig schurigelt. Spurt der nicht, landet er im Konzentrationslager, das im Roman konsequent mit KL abgekürzt wird; das Schicksal blüht auch der unwissenden Charlotte Rath, das Leben der beiden ist das unter einem (für Charly unsichtbaren) Damoklesschwert.

›Und wenn sie nichts sagt, reichst du sie dann zur Folter an die Gestapo weiter.‹

Volker Kutscher: Olympia

Was KL für deren Insassen bedeutet, warum der Name Gestapo oder die Adresse Prinz-Albrecht-Straße bei allen Menschen in Deutschland, selbst SA- und Parteimitgliedern Angst auslösen, wird dem Leser auf recht drastische Weise vorgeführt. Rath, der ewig Lavierende, instrumentalisiert selbst ein wenig diese Angst, als er an seinem neuen Einsatzort zu verdeckten Ermittlungen eingeschleust wird und die widerspenstigen Kollegen bald glauben, er wäre selbst ein Gestapo-Mann.

Rath ermittelt im Olympischen Dorf, wo ein Todesfall geschieht, der aus politischen Gründen kein Mord sein darf. Der Tote ist ein Amerikaner, Funktionär in der Schwimmmannschaft der USA, die – bedauerlicherweise und nicht zur Nachahmung empfohlen – die Spiele nicht boykottierten. Ein Mord würde den für die Nazis so wichtigen Spiele beschmutzen, deren Propagandawert beeinträchtigen, daher sind diese »Ermittlungen« von Anfang an ein groteskes Irrspiel mit der Wahrheit, politischen Interessen, Machtkämpfen und persönlichem Hass.

Die Polizeiarbeit in Deutschland hat sich 1936 dramatisch verändert. Das »Politische« genießt Vorrang, wie in allen totalitären Regimen wird nicht nach der Wahrheit, sondern nach einer passenden Erzählung gesucht – im Falle des Dritten Reichs lautet ein Leitmotiv: kommunistische Verschwörung. Entsprechend wird nach Verdächtigen gesucht, die brutal verhört werden und in Haft bleiben, wenn sie trotz Gewaltanwendung nichts aussagen und ihre Schuld eigentlich widerlegt ist.

›Ich weiß nur, wenn wir unsere Erkenntnisse an die Behörden weitergeben, dann begehen  wir einen Mord.‹

Volker Kutscher: Olympia

Wenn zwingende Gründe auftreten, die der Grundannahme widersprechen, werden diese zurechtgebogen, bis sie mit den Interessen der SS übereinstimmen, oder aber ignoriert bzw. vertuscht, ganz wie es beliebt. So entsteht ein kurioses Hin und Her, das ganz passend den Eindruck einer überwältigenden Willkür und schmerzlicher Ungerechtigkeit erzeugt. Rath ist zu einem Spielball degradiert, obendrein persönlich in das verworrene Mordgeschehen verstrickt.

Sein ehemaliger Ziehsohn Friedrich Thormann (»Fritze«) ist als Ehrendienstler auch im Olympischen Dorf tätig. Sein Interesse gilt einem Autogramm des US-Sprint-Superstars Jesse Owens, dem vierfachen Goldmedaillengewinner bei diesen Spielen, eine Leistung, die angesichts der im Reich gepflegten Lehre von der überlegenen »weißen Rasse« der so genannten »Arier« zu obskuren Lügen und Verschwörungserzählungen zwingt.

Fritze ist Zeuge des Todes, der kein Mord sein darf, und wird in den Fall und dessen lebensgefährlichen Wirrnisse hineingezogen, hinter denen tatsächlich eine Verschwörung steht, aber eine ganz andere, als gedacht. Auch Charly steht unter Druck, sie arbeitet mit Ex-Polizist Böhm heimlich als Fluchthelferin. In Olympia kommen diese Formen des Durchwurstelns im »Dritten Reich« an ihre Grenze, Kutscher zwingt seine Helden dazu, sich den Tatsachen, so schmerzlich sie auch sind, zu stellen.

›Oberkommissar Rath ist zu einem Risiko für Deutschlands Sicherheit geworden. Er muss beseitigt werden.‹

Volker Kutscher: Olympia

Gegen Ende des Romans überspannt Volker Kutscher den Bogen für meinen Geschmack ein wenig. Sowohl die Auflösung der Todesfälle als auch der Showdown sind nicht so gelungen, wie in den anderen Romanen. Gewünscht hätte ich mir auch eine spürbare Entwicklung von Charlotte Rath, die noch immer aus einer sehr spontanen, fast naiven Haltung heraus agiert, was angesichts ihrer Klugheit und des langen Weges, den sie von der Stenotypistin zur Fluchthelferin zurückgelegt hat, nicht recht passen will.

Das ist ein kleiner Wermutstropfen angesichts der großen, sich zuspitzenden Spannung, von der die Handlung in diesem Roman getragen wird. Die vielen Wendungen, groß und klein, die meisten Entscheidungen der Personen, sind sehr gut motiviert. Das Ende oder: die Enden sind wie Türen in den folgenden Band, den man gleich im Anschluss lesen möchte.

Vor allem mochte ich das große Bild, das gezeichnet wird, die Atmosphäre, als läge Berlin unter einer Winternacht: In einem Unrechtsstaat kann niemand anständig bleiben, Wegducken, Mitlaufen, selbst williges Mitschwimmen und Mittun im Strom kann – wenn der Zufall es will – verheerende Folgen zeitigen. Vor derlei Unbill schützt nur das Recht im Rechtsstaat, ist der erst einmal geschleift worden, ist es zu spät.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Olympia
Piper 2020
Gebunden 544 Seiten,
ISBN: 9783492070591

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Ein schlichtes Cover eines Buches, das sich einem dramatischen Thema widmet. Cover Penguin-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Sachbuch Die Verlockung des Autoritären von Anne Applebaum ist ein Augenöffner. Jahrzehnte habe ich eine überregionale Tageszeitung mit hohem eigenen Anspruch gelesen und durch die Lektüre historisch-politischer Bücher ergänzt, das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgt und darüber hinaus mit Analysen vertieft. Trotzdem sind einige Entwicklungen an mir vorübergegangen.

Spätestens mit dem Brexit, der für mich völlig überraschend kam, und der Wahl Donald Trumps war klar, dass etwas nicht stimmte, etwas, das von den mir zugänglichen Informationen und Analysen nicht ausreichend durchleuchtet wurde. Es gab schon vorher Warnsignale: Die Erwartungen an das Wahlverhalten wichen von den tatsächlichen Ergebnissen auch in Deutschland immer weiter ab, offenkundig verhielten sich viele Wähler unvorhersehbar.

Warum war das so? Wie konnte eine Entscheidung von derart gewaltiger Tragweite (Brexit) verloren gehen?  Wie konnte in den USA eine Gestalt á la Donald Trump gewählt werden? Woher kam der scheinbar plötzlich anschwellende Rechtpopulismus, woher Parteien wie Vox in Spanien? Eine Wirtschaftskrise á la 1929 stand als Erklärung nicht zur Verfügung, anders als etwa Reichskanzler Brüning hatten die Staaten auf die schwere Finanz- und Eurokrise angemessen reagiert, zudem waren die Sozialsysteme nicht dysfunktional.

Unter den passenden Bedingungen kann sich jede Gesellschaft von der Demokratie abwenden. Und wenn man überhaupt etwas aus der Geschichte lernen kann, dann vielleicht, dass alle unsere Gesellschaften dies früher oder später einmal tun werden.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Die Antworten, die mir präsentiert wurden, griffen zu kurz, sie berührten die Ursachen nur und waren fragmentiert. Ja, es wurde darauf hingewiesen, dass die Brexiteers auf unlautere Mittel zurückgegriffen hatten, vor und insbesondere nach der Wahl ein politische Klima geschürt, gelogen, aufgehetzt und auch Gesetze gebrochen. Aber wie weit das ging und welche konkreten Mittel verwendet wurden, ist mir erst durch Die Verlockung des Autoritären begreiflich geworden.

Ein Punkt ist sicherlich, dass ich erst 2020 mit der Nutzung der so genannten Sozialen Medien begonnen habe und seitdem aus eigener Erfahrung einige bekannte Mechanismen der Manipulation selbst kennengelernt habe und richtig begreifen konnte. Vielleicht ging das den Journalisten meiner überregionalen Zeitung ja auch so, vielleicht haben sie die Tragweite auch unterschätzt – Mutmaßungen, die bei der Lektüre von Die Verlockung des Autoritären unweigerlich aufkommen.

War das Phänomen überhaupt in vollem Ausmaß begreiflich? Viele Dinge schienen sich aus dem Nichts zu entwickeln, dabei haben sie einen langen Vorlauf gehabt und sich in einem Maße und Tempo (man könnte fast den »Blitzkrieg« als Begriff exhumieren) entwickelt, das vielleicht auch für kluge Beobachter wirklich unverständlich war.

Die Vernetzung von moderner Technologie, politischem Interesse sowie jener Gefühlslage in manchen gesellschaftlichen Kreisen, ausgeschlossen und zurückgesetzt zu sein, mit dem ruchlosen Gegenangriff autoritärer Regime á la Russland und China auf kommunikativem, technologischem Feld  war zumindest für mich in dem Ausmaß überraschend.

Ein gravierender Fehler war sicherlich, 1989 an einen Sieg und einen Automatismus zu glauben, der die Welt demokratischer machen würde, quasi von allein. Es gab auf dem langen Weg in die Finsternis, die nun herandräut, einige Momente des Lichts, etwa das Friedensabkommen um Nordirland, mit dem ein Schlusspunkt, ein vorläufiger Schlusspunkt unter einen Alptraum gesetzt wurde. Dem optimistischen Glauben an ein fortschreitendes Ausgreifen dessen, was ich als »Freien Westen« begreife, habe ich allzu gern nachgegeben.

Anne Applebaum liefert eine Menge Hinweise, die Antworten und weitergehende Fragen liefern. Ist dem Homo Sapiens überhaupt zu trauen? Die klugen Schöpfer der amerikanischen Verfassung, attestierten dem Menschen üble Grundneigungen, aus denen heraus immer wieder die Gefahr entspringen könnte, dass freie Gesellschaften den Weg zur Tyrannei beschreiten. Nach 1990 gab es auch Ansätze, doch haben sie sich als zu schwach erwiesen, um Putin, Orban, Kaczyński, Trump, Bolsonaro, Maduro und viele mehr zu verhindern.

Bei dieser Veränderung ging es nicht darum, den Staatsapparat zu optimieren, sondern ihn auf Parteilinie zu bringen und die Gerichte gefügig zu machen.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Warum das so ist und wie sich die Entwicklung vollzogen hat, werde ich hier nicht im Detail aufführen. Dazu lese man dieses vorzügliche Buch einer in Amerika geborenen, seit 1988 in Polen lebenden, polyglotten und scharf analysierenden Autorin. Deutschland kommt in dem Buch nicht vor, es konzentriert sich auf Polen, Ungarn, England und die USA, mit einigen Abstechern nach Spanien (sehr spannend!), Italien und Frankreich.

Für deutsche Leser ist das durchaus ein Glücksfall, sofern man nicht alles in Form von weichgekochtem politischen Haferbrei verköstigen möchte. So kann man selbst überlegen, welche der genannten Faktoren, Entwicklungen, Entscheidungen und Zufälle zu dem Aufstieg der autoritären Rechten und Linken kommen konnte. Tatsächlich lässt sich einiges ablesen, übertragen und den Leser schaudern.

2010 waren weder die Tories noch die US-Republikaner so radikal dem Brexit- und MAGA-Abgrund verfallen, wie in der Gegenwart. Die CDU/CSU und die FDP waren es bis 2021 auch nicht; seitdem gibt es in diesen Parteien Entwicklungen, die Sorgen bereiten. Eines jedenfalls hat den anderen Parteien nicht geholfen, nämlich dass die Mehrheit das so nicht wollte, zum Beispiel einen harten Brexit. Eine Lehre aus Die Verlockung des Autoritären ist, dass es für eine Katastrophe keine Mehrheit, sondern nur eine zu allem entschlossene Minderheit braucht.

Sehr spannend sind die Erklärungsansätze, derer sich Applebaum bedient. Grundsätzlich verortet sich Autoritarismus unabhängig von politischen Schubladen á la »rechts« und »links«; es handelt sich um Menschen, die »grundsätzlich antipluralistisch« denken, die keine »Komplexität aushalten«. Linke Ideologen des Totalitarismus finden sich nach Applebaum vor allem an Unis, Rechte hingegen in Regierungen. Das mag man mit Blick auf Cuba, Venezuela, Lulas Brasilien, Parteien wie Die Linke und BSW nicht recht unterstützen, zumal die Autorin selbst auf haarsträubende Ansichten linker Totalitärer in der Labour Party verweist.

Das Konzept der »clercs«, intellektueller Ideenspender in totalitären Ideologien,  ist hoch spannend, Applebaum beleuchtet das Treiben derartiger Gestalten in der Gegenwart. Ein zentraler Punkt ist auch Lenin und sein 1917 entstandener Mechanismus des Machterhalts, der Links und Rechts verbindet, denn es handelt sich nicht um eine Ideologie, sondern um eine Organisationsform.

Neu im 21. Jahrhundert ist der Wechsel von der großen (Bolschewiki / Nazis) zur mittelgroßen Lüge: Obama wäre nicht in den USA geboren, George Soros wäre ein Verschwörer, der den Austausch der autochthonen Bevölkerung durch eine muslimische betreibe usw. Auf dieser Basis können Menschen ein Bekenntnis abgeben und in den totalitären Kreis eintreten oder werden ausgegrenzt. Einleuchtend ist auch das Konzept des »restaurativen Nostalgikers«, jenes Phänotyps in England, der als Minderheit das ganze Land in das Brexit-Desaster führte.

Ursachen waren auch keine mystischen ›Geister aus der Vergangenheit‹, sondern die konkreten Taten von Menschen, denen die bestehende Demokratie missfiel.

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären

Schließlich widmet sich Applebaum auch den Werkzeugen und Mechaniken in einer Weise, die ebenso erhellend wie erschreckend ist. Lügenkaskaden etwa, die ohne Konsequenzen bleiben; oder jene groteske Ablösung von Wirklichkeit und Ideologie, wenn ausgerechnet Putins Russland als »gottgefälliges Land« besungen wird, wenn also die Realität keine Rolle mehr spielt. Wer wüsste nicht aus dem Stand einige Beispiele dafür zu nennen?

Um zum Anfang dieses Textes zurückzukehren: Welche Rolle nimmt die etablierte Presse in diesem Spiel ein, was ist mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Werden sie ihrer Aufgabe als Korrektiv gerecht oder lassen sie sich dank selbstgefälliger Eigensicht instrumentalisieren und am Nasenring durch die Manege ziehen? Zweifel sind erlaubt. Das Konzept der »Neutralität« und »Ausgewogenheit« der ÖRR wird überwiegend rechnerisch befriedigt und gibt antidemokratischen oder sachlich abwegigen Propagandisten eine Plattform.

Eine Grenze ist auch dann überschritten, wenn eine große, überregionale Tageszeitung im Vorfeld einer Bundestagswahl »Werbung« abdruckt, die nichts als politische Hetze darstellt. Dann ist die Zeitung allen Beteuerungen zum Trotz zum Teil jenes antidemokratischen Treibens geworden, an dessen Ende die Dämmerung der Demokratie und der Schritt in den Totalitarismus stehen kann.

[Rezensionsexemplar]

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären
Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Pantheon Verlag 2022
Klappenbroschur 208 Seiten
ISBN: 978-3-570-55459-3

C. J. Sansom: Feindesland

Ein tolles Thema mit einer großartigen Perspektive und vielen interessanten Figuren; leider überwiegen am Ende doch die Schwächen dieser historischen Dystopie. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Genre lese ich selten, aber gern: eine historische Dystopie, in der das so genannte »Dritte Reich« den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hat. Diese Formulierung ist mit Bedacht gewählt, denn Hitler wollte zwar Krieg, aber nicht unbedingt einen Sieg im Sinne eines neuen Friedens. In seinen Wahnvorstellungen sollte der Deutsche im Osten an einer stetig fechtenden Front sich stählen (sehr verkürzt dargestellt).

Der Roman von C.J. Sansom, der hierzulande unter dem Titel Feindesland vermarktet wird (im Original ein treffenderes Dominion), greift das Motiv ebenso auf wie etwa der brillante Thriller Vaterland von Robert Harris. Die Ostfront ist statt eines Stahlbads zu einer schwärenden Wunde des Reiches geworden, das zwar ganz Europa besiegt, mit England einen Frieden geschlossen und sein rassistisches Vernichtungsprogramm fast ganz durchgeführt hat, aber unter dem Dauerkrieg ächzt.

Mit dem Reich darbt auch ganz Europa, beste Voraussetzungen für das Aufkeimen von Widerstand, zumindest in der Welt, die C.J. Sansom erdacht hat. Auch in England gärt es, Botschafter Erwin Rommel wird anlässlich eines Gedenktages attackiert. Das ist der Ausgangspunkt für eine im Kern spannende und abenteuerliche Geschichte, die bevölkert ist mit vielen sehr interessanten Figuren.

Diese tummeln sich in einem England, das seine eigenen rechten Vorstellungen ebenso verwirklicht hat und in der Ideenwelt eines eigenständigen, mit Nazi-Deutschland verbündeten Großbritannien lebt: Das Empire gibt es Anfang der 1950er Jahre noch, diese Konstruktion ist ein verdeckter Kommentar zu den wirtschaftlichen Ideen eines auf den eigenen Herrschaftsbereich (Dominion!) beschränkten Landes auch in der Brexit-Gegenwart.

Diese Perspektive ist gut gewählt und bietet einen Ausblick auf eine düstere Welt, in der sich die USA dem Isolationismus verpflichtet, Japan in China in einem endlosen Krieg verbissen hat und England seine Kolonien brutal ausbeutet. Auch die durchaus vielschichtigen politischen und diplomatischen Manöver, die Teil des aktiven, d.h. auf das Geschehen einwirkenden Kulissen zählen, sind ein klarer Pluspunkt, sie verleihen dem Roman einen großen Mehrwert. Vor allem aber wird die unfassbare Monstrosität sicht- und fühlbar, die sich hinter bürokratischen Wortschleiern á la „Generalplan Ost“ verbirgt.

Weniger gelungen sind viele Kurzschlüsse in der Thriller-Handlung, allzu oft begreifen Figuren aller Seiten plötzlich etwas auf sehr kurzem Wege, wenn es gerade in den Handlungsverlauf passt; das mindert die Glaubwürdigkeit beträchtlich. Der Dynamik hätten eine konsequente Straffung gutgetan, viele Dialoge sind zu lang, redundant oder einfach unnötig. Manchmal flirren die Konturen der Figuren, wenn sie plötzlich aus der Rolle fallen oder in unangemessene Rührseligkeit ausbrechen – schade, denn die Persönlichkeiten sind grundsätzlich ansprechend.

Leider werden die Schattenseiten des Romans im Verlauf immer dichter, bis es zum Showdown kommt, schleppt sich die Handlung einige Zeit dahin wie ein Fußkranker, ehe der Leser ein groteskes Spektakel und ein fürchterlich naives Ende in Form eines Epilogs präsentiert bekommt. Das ist sehr schade, denn anfangs ist Feindesland ein großer Lesespaß, denn die Welt, die starr und dunkel zu sein scheint, gerät ganz erheblich ins Wanken.

Adolf Hitler ist schwerkrank, seine Umgebung scharrt mit den Füßen, den Machtkampf um die Nachfolge notfalls in einem selbstvernichtenden Bürgerkrieg auszufechten, eng verbunden mit der umstrittenen Frage, wie die Politik fortgeführt werden soll. Und über allem baumelt ein Alptraum namens Atombombe und eröffent eine vorzügliche Aussicht auf eine globale Selbstvernichtung.

C. J. Sansom: Feindesland
Aus dem Englischen von Christine Naegele
Heyne Verlag 2020
Taschenbuch 768 Seiten
ISBN: 978-3-453-43942-9

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Ein fabelhafter Roman über einen Film-Regisseur, der sich nolens volens in den Abgrund des nationalsozialistisch beherrschten Europas begibt und der Verlockung folgt, unter Zuhilfenahme der Nazi-Ressourcen Meisterwerke zu drehen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

›Eigentlich hat nicht Hitler regiert. Und auch nicht Goebbels oder Göring oder wie sie alle heißen. Eigentlich war es immer er.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

»Er«? Wer ist »er«? Bei diesem Zitat drängt sich diese Frage auf. Wenn der Leser von Daniel Kehlmanns Roman Lichtspiel diese Worte liest, hat er die letzten Meter schon erreicht, das Ende  ist zum Greifen nahe. Die Hauptfigur, der Regisseur W.G.Pabst, und seine Frau Trude befinden sich tief unter der Erde in einer Höhle und betrachten eine uralte Wandmalerei.

»Er« ist dort abgebildet, zwischen »anstürmenden Tieren« und »Männchen mit Speeren«, die sich vor einem »verkrümmten Wesen« beugen, ihm »Opfergaben hinstrecken«. Der Rücken dieses Wesens ist schief, ein paar rote Flecken ersetzen den Kopf, der auf einer schiefen Schulter sitzt; zwei »starr glotzende Augen« sind zu sehen, ein »brutales und böses Geschöpf«, das nicht zu den Menschen und Tieren gehört.

Das ist »er«, der immer schon das Szepter geschwungen hat, die Personifikation des Bösen – der Teufel vielleicht?

Mehrfach berührt die Romanhandlung jene Grenze, an der die Konturen der Wirklichkeit verwischen. Kehlmann lässt in diesen Passagen seine Figuren die fassbare Wirklichkeit verlassen, es bleibt unklar, ob es sich um Albträume, Visionen oder tatsächlich übersinnliche Dinge handelt. Das verstärkt den Schauder ebenso wie die Irritation.

So entsteht eine der stärksten und eindrücklichsten Szenen des Romans, wenn der aus dem Exil ins Nationalsozialistische Deutschland (nolens volens) zurückgekehrte W.G. Pabst bei »dem Minister«, also Dr. Joseph Goebbels, vorspricht. Eigentlich hat dieser ihn zu sich zitiert, was so jedoch nicht sein darf, denn es muss den Anschein erwecken, als handele es sich um den Canossa-Gang eines reumütigen Regisseurs.

Kehlmann spielt mit dem Leser, er überzeichnet die Szene ins Groteske, lässt den Raum (und die Macht) endlos erscheinen, wodurch der Regisseur schrumpft; er überspitzt den Dialog zwischen Goebbels und Pabst, lässt die Adjutanten auftreten, als handelte es sich Kleindarsteller aus einem Marx-Brothers- oder Chaplin-Film, dann aber plötzlich betritt Goebbels den Raum ein zweites Mal und verschmilzt mit dem bereits sitzenden zu einer einzigen Figur.

Das also ist »er«.

Pabst wird auf den ersten Blick die Wahl gelassen, eigentlich hat er längst keine mehr. Die hatte er, so lange er außerhalb des Machtbereiches der Nazis war. Eigentlich. Denn in Hollywood ist Pabst, der auf einer Höhe mit den Regie-Weltberühmtheiten Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang stand, nicht angekommen, er prallt an den ungeschriebenen Gesetzen ab wie eine Arkebusenkugel am Harnisch eines Kürassiers.

›Metropolis ist der beste Film, der je gedreht wurde‹, sagte Pabst.
›Ich weiß‹, sagte Lang.
Beide schwiegen.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Pabst hätte bleiben können, wäre Pabst eben nicht Pabst. Die Sucht, die ihn bis zum Äußersten und ein Stück darüber hinaus treibt, ist der Film, das ewige Meisterwerk. In Hollywood wird er das nach seinem anfänglichen Scheitern nicht mehr schaffen, also geht er zurück nach Europa und dann auch ins Reich: vorgeblich wegen seiner kranken Mutter, aber auch, weil er in Frankreich ebenfalls nicht reüssieren kann.

Der Grenzübertritt ist beklemmend und gespenstisch, die Ankunft im Zuhause Schloss Dreiturm nicht minder, der Regimewechsel macht sich mit brutaler Gewalt und verkehrten sozialen Verhältnissen bemerkbar, die ehemaligen Hausmeister sind die neuen Herren. Pabst sitzt mit Frau und Sohn in der Falle, Dreiturm hat sich in ein Spukschloss mit ruchlosem SA-Gespenst verwandelt. Hat er in dieser Lage eine Wahl, als den Kotau zu unternehmen? Kann man dem Teufel etwas abschlagen?

Die Antwort darauf ist unklar, unscharf. Selbstverständlich kann man, wenn man die Konsequenzen in Kauf nimmt; doch die scheute Pabst schon in den USA und da wurden weder Verhaftung und Konzentrationslager (Peitsche) noch unbegrenzte Ressourcen zum Filmedrehen sowie die Aussicht, Meisterwerke zu drehen (Zuckerbrot) ins Spiel gebracht.

›Mann verkrümmt sich Tausende Male, aber man stirbt nur einmal‹, sagte Wegener fröhlich. ›Es lohnt sich einfach nicht.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Pabst will Meisterwerke, auch wenn die Kosten hoch sind; er verkrümmt sich, um im Bild zu bleiben, die Stärke und Distanz zu sich selbst, wie Wegener, hat er nicht. Wie hoch der Preis ist, wird nicht verraten, der Roman eskaliert über hunderte von Seiten wie auch der Zweite Weltkrieg sich immer weiter aufschaukelte zu einem von grenzenloser Zerstörungswut orchestrierten Massenmord. Pabst und seine Angehörigen können sie dem nicht entziehen.

Parallel erzählt Lichtspiel auch die Geschichte des Filmedrehens. Kehlmann wählt den langen Weg, streut hier und da bereits Informationen ein, erklärt, erläutert das Wie, Warum und Was, beiläufig an positiven wie negativen Beispielen und das so authentisch, dass ich mich an ein Interview mit Christoph Waltz erinnerte, der einige Einblicke in das Filmgeschäft und seine Mechaniken gewährte.

Ganz am Ende erst, als das Reich nach langem Todeskampf endlich zusammenbricht, lässt Kehlmann auch Pabst seinen Film drehen, ein sehr langer Spannungsbogen geht seinem Ende entgegen und ist in mehrfacher Weise dramatisiert und zugespitzt. Die Szenen in Prag, dem letzten Ort im Reich, in dem noch halbwegs unbehelligt von Bombenangriffen gedreht werden konnte, sind eine groteske Götterdämmerung im Kleinformat.

›Du hast recht. Aber nur halb. denn das alles geht vorbei. Aber die Kunst bleibt.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Was bleibt, wenn der Staub des Untergangs sich legt? Die Selbstbeschwichtigung, die Pabst vorbringt, ist nicht trotz ihrer rechtfertigenden Verwendung eben auch nicht von der Hand zu weisen. Kehlmann hat einen wirklich großartigen Weg gefunden, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Dabei greift er ganz am Ende noch einmal auf den Anfang zurück und schließt sein Lichtspiel mit einem Kniff, der tragisch zu nennen wäre. Oder komisch. Oder beides – ambivalent im besten Sinne, wie dieser ganze Roman und seine Hauptfigur.

Anlässlich des Göttinger Literaturherbstes 2023 hat Daniel Kehlmann aus seinem Roman gelesen und eine ganze Reihe von Dingen geäußert, die sehr spannend und erhellend gewesen sind. Wer während der Lektüre einen szenischen Charakter erkannt haben will, liegt nicht falsch; Kehlmann hat in den vorangegangenen Jahren Drehbücher geschrieben – nebenbei eine Art Recherche in Action. Die Verschränkung dieser Tätigkeit mit seinem Roman liegt auf der Hand.

Lichtspiel ist daher auch ein Spotlight-Roman, der wichtige Stationen auf dem Weg des W.G. Pabst durch die Dunkelheit der Naziherrschaft schlaglichtartig beleuchtet. Auch in dieser Hinsicht also ein Lichtspiel.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel
Rowohlt Buchverlag 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-498-00387-6

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