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Schlagwort: Venedig

David Hewson: Garten der Engel

Venedig ist der Ort dramatischer Ereignisse im Herbst 1943, als die Deutschen die Macht im Norden Italiens an sich gerissen haben. Cover Folio Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Seit ich zwölf Jahre alt bin, beschäftigt mich der Krieg. Dabei steht »der Krieg« vor allem für den Zweiten Weltkrieg. Es ist ein – etwas seltsames – Vermächtnis, das mich bis an mein Lebensende beschäftigen wird, aber so etwas kann man sich nicht aussuchen. Garten der Engel von David Hewson dreht sich neben allem anderen auch um ein ungewolltes Vermächtnis, auf ganz verschiedenen Ebenen: persönlich, familiär, aber auch ein wenig historiographisch.

David Hewson ist das Kunststück geglückt, dieses Vermächtnis in eine sehr spannende, ja dramatische Geschichte einzuweben; kein zufällig gewähltes Verb, spielt doch das Weben eine wichtige Rolle in der Handlung. Der Ort ist ebenfalls klug gewählt. Venedig, vom Festland abgeschnitten, eine kleine, in sich geschlossene Welt für sich; zumindest können sich das ihre Bewohner einreden.

Es ist 1943, Italien hat nach drei Jahren – äußerst glücklosen Krieges – mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen und das Bündnis mit Deutschland verlassen. Praktisch ist das Land zweigeteilt, denn die amerikanischen und englischen Truppen kommen nur sehr langsam voran, der gesamte Norden ist in deutscher Hand.

Mussolinis Faschisten haben dort unter Nazifuchtel weiterhin das Sagen, es tobt ein blutiger Partisanenkampf im Land. Für jene, die laut Nazi-Ideologie als Juden gelten, brechen schwere Zeiten an, denn jetzt geraten auch sie ins Visier der deutschen Vernichtungskrieger, die Verfolgungen werden wie im übrigen Europa verschärft, Züge voller italienischer Juden rollen Richtung Konzentrationslager.

Wenn die Welt sich verdunkelt, bleibst du dann in deinem Versteck und wartest ab, bis es wieder hell wird? Oder versuchst du selbst, eine kleine Flamme zu entzünden?

David Hewson: Garten der Engel

Das alles schwappt nach Venedig, wo sich die Deutschen eingerichtet haben und auf Mussolinis treue Schwarze Brigaden und Kollaborateure stützen. Man schlägt sich durch, auch der just von alliierten Bomben zum Waisen gemachte Paolo Uccello müht sich, das ins Straucheln geratene Familienunternehmen, eine Seidenweberei, am Leben zu erhalten.

Eine ganze Reihe von Personen gerät durch das Auftauchen zweier jüdischer Partisanenflüchtlinge in eine Lage, Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen treffen zu müssen. Hewson ist es gelungen, die meisten dieser Personen vielschichtig zu gestalten, sie mit ihren Widersprüchen und Schwächen, hanebüchenen Ideen und Ansichten aufeinander loszulassen. Eine Ausnahme bilden die eher schablonenhaften deutschen Besatzern; daran ist nichts auszusetzen, um die geht es in diesem Roman nämlich nicht in erster Linie.

Im Mittelpunkt steht zum Beispiel der Kollaborateur Luca Alberti, ein ehemaliger Polizist, der sprachkundig für die Deutschen in Venedig Ermittlungsarbeiten durchführt. Er versucht sich in der hohen Kunst des Lavierens, redet sich ein, nur das zu tun, was irgendjemand tun müsse und durch sein Handeln das eine oder andere Leben retten zu können. Alberti ist andererseits völlig illusionslos über sein Schicksal, sollte der Krieg für die Achsenmächte verlorengehen. Eine ganz wunderbar widersprüchliche Person.

Ich erledige eine Aufgabe, die irgendjemand erledigen muss.

David Hewson: Garten der Engel

Das gilt auch für viele andere Figuren, die in Garten der Engel ins Geschehen eingreifen und durch ihre Torheiten und klugen Entscheidungen einen Prozess in Gang setzen, der sich immer mehr beschleunigt und auf eine geradezu klassische Tat zuzusteuern scheint – doch Hewson hält für den Leser einige handfeste Überraschungen und Wendungen bereit; man kann das Buch irgendwann nur schwer aus den Händen legen.

Angesichts der zahlreichen, ansprechenden Personen fallen ausgerechnet die beiden Partisanen ab. Insbesondere die handlungsaktive Mika Artom hat bei mir für Stirnrunzeln gesorgt – ganz bewusst formuliere ich etwas gewunden, denn aus meiner langjährigen Beschäftigung mit diesem Krieg weiß ich, dass in dieser Zeit viele Menschen Dinge getan haben, die im Grunde undenkbar waren.

So verhält es sich vielleicht auch mit Mika, die wie ein menschlicher Katalysator für einen wesentlichen Teil der Handlungsdynamik verantwortlich ist. Wie sie geschildert wird, wäre sie – mit Vorbehalt – längst tot, umgebracht von den Deutschen, italienischen Faschisten oder aber den eigenen Leuten, für die sie aufgrund ihrer Querschlägerei eine immense Gefahr darstellt. Kurz hatte ich sogar die Befürchtung, Mika würde mir das Buch insgesamt verleiden – zum Glück unbegründet.

Hewson hat nämlich en passant mit dem Partisanenmythos ein wenig aufgeräumt. Partisanenkrieg wird oft immer noch verherrlicht, dabei handelt es sich um eine brutale, ja oft menschenverachtende asymmetrische Kriegführung, die ganz bewusst die Zivilbevölkerung in die Feuerlinie bringt. Für jeden getöteten Deutschen wird eine Handvoll Zivilisten erschossen – als abschreckende Terrormaßnahme. Auch einige handelnde Figuren fragen sich, ob das Agieren der Partisanen militärisch gerechtfertigt und moralisch gedeckt ist.

Es wird alles zu einer Geschichte. Einem Märchen. Gut und schlecht. Schwarz und Weiß. Nichts dazwischen. Dabei ist es das Dazwischen, auf das es ankommt.

David Hewson: Garten der Engel

Garten der Engel erzählt die Geschichte im Rahmen eines klassischen Sterbebett-Bekenntnisses. Fünf Teile umfasst das, was der verlöschende nonno Paolo seinem Enkel Nico mitgibt, fünf Manuskripte, die jene Ereignisse aus dem Jahr 1943 erzählen. Es ist – wie sich herausstellt – ein echtes Vermächtnis, über das Leser wie Enkel bis zum Ende nicht recht im Bilde sind. Die langsam sich anbahnende Auflösung vieler Fragen gehört wiederum zu den großen Stärken dieses ganz wunderbaren Romans.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

David Hewson: Garten der Engel 
Aus dem Englischen von Birgit Salzmann
Folio Verlag 2023
Hardcover 394 Seiten
ISBN: 978-3-85256-876-8

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Venedig ist in diesem großen, europäischen Roman Sinnbild für die zerstörerische Kraft des Massentourismus und für das erstickende Übermaß an Geschichte, das Europas Weg in die Bedeutungslosigkeit ornamentiert.

Zu den wenigen Dingen, die ich vorbehaltlos verachte, gehört der Drang nach touristischer Authentizität. Wenn in Reiseführern die Rede von authentischen kulinarischen Genüssen, Erfahrungen oder ähnlich abstrusem Krams ist, verspüre ich Brechreiz. Der Grund ist nicht zuletzt Heisenberg: Seine Unschärferelation gilt nicht nur in der Physik, sie gilt überall. Den »neutralen«, erlebenden Beobachter gibt es nicht, die bloße Anwesenheit beeinflusst und verändert bereits. Authentizität ist unmöglich.

Der aus den Niederlanden stammende Autor Ilja Leonard Pfeijffer verschafft in seinem Roman einigen obskuren Authentizitäts-Autisten einen gespenstischen Auftritt, der den Leser in einen Zustand flammender Wut und angeekelter Abscheu versetzt. Es ist eine derart eindrückliche Stelle, dass ich mich beim Wiederhören vor ihr ein wenig gefürchtet habe – völlig zu Recht. Pfeijffer führt vor, erbarmungslos und für den Leser bzw. Hörer in diesem speziellen Fall schwer erträglich.

Aber ich schwieg. Ich hatte die Diskussion bereits in Gedanken gewonnen und es wäre schade, diesen Triumph durch die Konfrontation mit der widerspenstigen Realität zu gefährden.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Zum Glück verfügt der Schriftsteller über ein immenses sprachliches Ausdrucksvermögen, was den Roman ungeheuer unterhaltsam macht. Er bedient sich einer wundervollen Form der Verschleierung, nämlich barocker Höflichkeit, deren manierierter Gestelztheit er mit boshafter Ironie und manchmal deftigen Worten den nötigen Ausgleich verschafft. Besonders gefällt Pfeijffers Hang, sich selbst ohne Scheu zu überheben und wenige Absätze weiter wieder vom Sockel der Selbstgefälligkeit zu stürzen. Er teilt in alle Richtungen aus, auch gegen sich selbst.

Das Reisen der Massen ist nur ein Thema, das in Grand Hotel Europa verhandelt wird, allerdings ein wichtiges. Es geht, wie man am Zitat sieht, um die Selbstzerstörung des Tourismus – und des Menschen an sich. Was gäbe es für einen passenderen Ort als Venedig, um das vorzuexerzieren?

Der Tourismus zerstört, wovon er angezogen wird.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Pfeiffer lässt den Leser leiden, indem er ihm auf schmerzhafte Weise vorführt, was vor Ort schiefläuft. Dazu wählt der Autor ein geschicktes Mittel in Form des Stilwechsels. Individuelle Beobachtungen von – schrecklichen – Touri-Zeitgenossen wechseln mit informativen Passagen, die einen essayistischen Charakter haben und genau ausführen, von was eigentlich die Rede ist. Diese Wechsel verleihen dem Roman einen ganz besonderen Reiz.

Doch ist Tourismus nur eine Facette des gleichen Themas, denn ihm wird die unfreiwillige Migration zur Seite gestellt. Der junge Mann auf dem Titelbild steht für Abdul, den Piccolo des Grand Hotels Europa, in dem der Erzähler sich einquartiert hat. Er ist ein Flüchtling aus der Wüste und hat eine ganz andere Reise hinter sich als die Flip-Flop-Scharen, die aus den Kreuzschiff-Giganten wälzen und den Markusplatz überfluten.

Der Roman bezieht Position. Touristen gelten Pfeijffer gemeinhin als willkommen, sind in Wahrheit jedoch Zerstörer; (fliehende) Migranten werden als unwillkommene Eindringlinge gefürchtet, sind jedoch potenzielle Helfer, die beitragen könnten, Krisen (auch in Venedig) zu bewältigen.

Ich erzählte ihm von meiner Idee, ein Buch über den Tourismus zu schreiben. ›Sie möchten also über die barbarische Invasion schreiben‹, sagte Patelski. ›Man hält den Tourismus im Allgemeinen für ein Geschäftsmodell und stimuliert ihn. Dabei ist er eine Bedrohung. Er bildet eine interessante Parallele zur angeblichen Invasion der Afrikaner, die man für eine Bedrohung hält, obwohl sie eine große Zukunftsperspektive birgt.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Die beiden Formen der Mobilität verbindet Pfeijffer äußerst geschickt mit seinem zweiten Anliegen. Europa wäre ein Ort der Geschichte, einzigartig in der Welt. Während anderswo die Zukunft im Fokus stehe, Altes abfällig betrachtet und gern abgerissen würde, lebe Europa von und in der Vergangenheit. Dank Deindustrialisierung und dem Aufstieg anderer Regionen wäre der Tourismus, befeuert von der musealen Historie des Alten Kontinents, für Staaten wie Italien und Griechenland längst unverzichtbare Lebensader.

Die beiden Hauptfiguren, der Autor selbst, der den Ich-Erzähler mimt, und seine italienische Muse Clio, stecken persönlich in diesem Sumpf aus Gestern. Die Geschichte wird ausgehend vom Grand Hotel Europa retrospektiv erzählt, dabei springt der Roman munter zwischen den Zeitebenen und Stilen hin und her. Der Leser folgt der Geschichte der beiden, die sich durch einen Zufall kennenlernen, ein Paar werden, in einer weiteren Erzähllinie einem hübschen Geheimnis um Caravaggio nachgehen und sich zerstreiten.

Die Stadt wird nur noch von den Geistern der Vergangenheit bewohnt.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Das weiß der Leser bereits am Anfang des Romans, denn der Ich-Erzähler ist im Grand Hotel Europa, um Wunden zu lecken und seine Beziehungs-Bauchlandung zu verarbeiten. Clio ist Kunsthistorikerin, sie entstammt einer sehr alten italienische Familie aus Genua. Sie verkörpert somit einen Teil der Geschichte und steckt wörtlich in ihr fest, denn an ein – für Länder nördlich der Alpen selbstverständliches – berufliches Fortkommen ist im historisch-sozial verkrusteten Italien nicht zu denken. Wohlgemerkt: Norditalien, nicht Mezzogiorno.

Mit dieser Beziehung erhält der Roman etwas Spielerisches, denn Pfeijffer weidet sich daran, sie in Szene zu setzen. Sex-Szenen spielen auch eine Rolle und sind sprachlich ganz wunderbar gestaltet. Es kann dabei schon vorkommen, dass der Autor sich mitten im Geschehen entschuldigend an den Leser wendet und die Örtlichkeit dafür verantwortlich macht, dass er die gewohnte sprachliche Eleganz an dieser Stelle vermissen lässt.

›Glauben Sie, dass Reisen den Horizont erweitert?‹

›Ich glaube, dass Nachdenken den Horizont erweitert.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Vor allem bekommen die Reisefreudigen einen literarischen Schuss vor den Bug. Die Lügen und der Selbstbetrug der so genannten Sharing Economy, wie Airbnb, werden wunderbar an einen sprachlich fein ornamentierten Pranger gestellt.

Die Romanfigur Pfeijffer lebt in Venedig, wo längst alles zu spät ist, eine Stadt zum Museum und ihre Bewohner zu niederen Dienstleistern herabgewürdigt wurden. Doch dabei lässt er es nicht bewenden, er führt andere Beispiel vor, wie Amsterdam, wo er ausgerechnet Nutella zum Sinnbild des globalen Missstands werden lässt.

Ungeheuer boshaft, zum Schreien komisch – manchmal auch nur zum Schreien -, dann wieder sachlich, nüchtern oder handfest wird der Leser in Atem gehalten. Gut unterhalten folgt er dem Pfad, der schließlich ganz tief in die europäische Geschichte führt, hinab in das mystische Fundament, die ganz alten Sagen. Ganz groß ist nämlich jener Moment, an dem klar wird, wie schön das mit dem Flüchtlingsschicksal Abduls verwoben wurde. Das halbe europäische Mittelalter hat sich zwecks Legitimation auf Vergils Aeneis berufen, deren Helden nämlich was sind? Jetzt dürfen alle mal raten und diesen wunderbaren Roman lesen.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Piper 2021
Broschur 560 Seiten
EAN 978-3-492-31858-7

© 2024 Alexander Preuße

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