Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Zweiter Weltkrieg (Seite 1 von 15)

Leonardo Padura: Ketzer

Buchcover von ‚Ketzer‘ von Leonardo Padura mit einem Zitat auf Deutsch über einem Gemälde von Rembrandt: ‚Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.‘ Das Cover zeigt eine historische Szene mit Männern in barocker Kleidung sowie eine Innenansicht mit einem Gemälde und einer Treppe.
Das vielleicht berühmteste Bild von Rembrandt, bekannt als »Die Nachtwache«, spielt im glänzenden Mittelteil des Romans von Leonardo Padura eine wichtige Neben-Rolle; das kleine Bild auf dem Buchcover ist bedeutender, es verbindet die drei, zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Teile von »Ketzer«. In allen drei Teilen geht es um Freiheit und den Preis, der vom Einzelnen dafür zu entrichten ist, frei zu sein. Coverrechte Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ihr habt mich gelehrt, dass frei zu sein mehr bedeutet, als an einem Ort zu leben, an dem die Freiheit proklamiert wird. Dass frei zu sein ein ständiger Kampf ist, den man täglich bestehen muss, gegen  alle Mächte, gegen alle Ängste.

Leonardo Padura: Ketzer

Im spanischen Original heißt der Roman Ketzer des kubanischen Autors Leonardo  Padura Herejes. Häretiker zu Deutsch, was mir besser gefällt, als der für  die Übersetzung gewählte Begriff. Ein Häretiker ist ein Abweichler, beim Begriff Ketzer schwingt etwas Aggressives mit, als würde der Abweichler zum Angriff auf die bestehende Ordnung antreten. Die drei  Nonkonformisten, ein jüdischer Flüchtling auf Kuba in den 1930er Jahren, ein Schüler Rembrandts im 17. Jahrhundert und eine Emo in der tristen Gegenwart der sozialistischen Insel, setzen sich zwar über Grenzen hinweg, die ihnen von totalitären Regimen gesetzt werden, verbinden damit aber nur persönliche, keine politischen oder gar umstürzlerischen Absichten.

Ketzer ist ein Roman über die persönliche Freiheit und den Preis, den derjenige zahlen muss, der nach Freiheit strebt. Man kann nicht frei sein, ohne Anstrengung; die Freiheit kann nicht geschenkt werden, man kann sie nicht per Geburt erhalten oder erben, wie etwa Timothy Snyder (Über Freiheit) dargelegt hat. Leonardo Padura schlägt in die gleiche Kerbe. Die Schicksale seiner wichtigsten Personen weisen in diesem Punkt Ähnlichkeiten auf, trotz der Unterschiede durch Zeit und Umstände. Das gibt dem Roman auf einer übergreifenden Ebene einen inneren Zusammenhang, die Erzählung ist etwas Grundsätzlichem auf der Spur.

Den Anfang bildet eine beschämende Katastrophe: Das Schiff St. Louis liegt im Jahr 1939 mit mehr als 900 deutschen Juden an Bord im Hafen von Havanna. Zum Entsetzen der Angehörigen, die bereits auf Kuba sind, dürfen die Flüchtlinge trotz teuer erworbener Visa nicht an Land. Alle Verhandlungen scheitern, Korruption, Gier und politischer Druck rechter Kreise sowie der USA verhindern das, die St. Louis muss unverrichteter Dinge wieder abfahren. Zeuge des Dramas ist Daniel Kaminsky, der hilflos mitansehen muss, wie seine Familienmitglieder nach Europa zurückkehren müssen, wo sie vom Holocaust verschlungen werden.

Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.

Leonardo Padura: Ketzer

Elias Kaminsky, der Sohn Daniel Kaminskys, beauftragt Jahrzehnte später den ehemaligen Polizisten, Buchhändler und Gelegenheitsermittler Mario Conde damit, einem ominösen Bild nachzuspüren, das Rembrandt oder einer seiner Schüler gemalt haben könnte. Es erscheint bei einer Auktion, wo es vor dem Verkauf als Raubkunst identifiziert wird. Mit diesem wertvollen Gemälde verbindet sich das tragische Schicksal der Familie Kaminsky auf der St. Louis: Ihnen gehörte es, ihnen wurde es 1939 in Havanna durch einen ruchlosen kubanischen Zeitgenossen entwendet, wo es doch durch seinen reinen Wert die Rettung hätte bedeuten können.

Wie dieses Bild entstand, erfährt der Leser im zweiten Teil des Romans. Im relativ freien  Amsterdam des Jahres 1643 setzt sich der  junge Jude Elias Ambrosius Montalbo de Ávila über diverse Dogmen seiner Glaubensgemeinschaft hinweg und folgt seiner Berufung: der Malerei. Geschickt verbindet Padura durch diesen Teil verschiedene, über die Jahrhunderte hinweg ähnliche Motive: Elias ist aus Spanien geflohen, wo die  Inquisition brutal gegen Juden vorging, was auch seinen Namen Montalbo de Ávila erklärt. Als wäre die Vertreibung nicht Belastung genug, sorgen religiöse Eiferer unter den Juden für Unfrieden und gerieren sich so autoritär wie die katholische Inquisition.

Der zweite Teil ist der stärkste Part des Buches, auch wegen des Themas Malerei und der ganz wunderbar umgesetzten historischen Einbettung. Padura folgt dem Weg des Künstlers, der dem Ruf der Kunst folgt und den Umständen trotzt; Kompromisse schmerzlicher Natur, um nicht von den aggressiven Konformisten vernichtet zu werden, sind nötig. Selbst ein Maler-Star und Genie wie Rembrandt muss schmerzliche Rückschläge hinnehmen, sich oft genug den Zwängen des Marktes unterwerfen, um zu überleben. Der Konformismus, insbesondere in Gestalt des fanatisch Gläubigen, erweist sich allzu oft als stärker als der nach Freiheit Strebende.

Vielleicht wäre es das Beste, dachte Elias Ambrosius, jene Hirngespinste, die bisher zu nichts geführt hatten, zu vergessen und ein größeres Unglück zu verhüten, solange noch Zeit dazu war. […] Wäre das ganz gewöhnliche Leben eines ganz gewöhnlichen Mannes nicht vielleicht besser?

Leonardo Padura: Ketzer

Im dritten, meiner Wahrnehmung nach schwächsten Teil sucht Mario Conde nach einer siebzehnjährigen Schülerin, die auf mehrere Weise eine Abweichlerin ist. Hier steht das Kuba der jüngeren Vergangenheit im Fokus der Erzählung, dessen Regime über Jahrzehnte das Land  wirtschaftlich und sozial, aber auch kulturell auf gnadenlose Weise in bittere Armut getrieben hat.

Judith, genannt Judy, bricht auf  vielfache  Weise mit dem vorgegebenen Leben, sie stammt aus einer Familie,  die Teil des Systems ist und daher privilegiert lebt; trotzdem bereichert sich ihr Vater durch korrupte Handlungen noch, was die intelligente und moralisch denkende Judy zum Bruch mit ihren Eltern treibt. Die Figur ist leider überfrachtet, weniger wegen der zweifelsfrei vorhandenen Widersprüchlichkeit zwischen Wirklichkeit und ideologischer Rhetorik des herrschenden Regimes, sondern weil in die Person eine Menge philosophischer und ideeller Gedanken gepresst wird; Judy wirkt idealisiert und wesentlich ferner als Daniel Kaminsky oder Elias Ambrosius aus Teil eins und zwei.

Padura verzichtet darauf, aus ihrer Perspektive zu erzählen, was die Distanz noch vergrößert. Die Dinge werden von Conde und anderen in die Figur Judy hineingelesen, kommen nicht aus ihr; damit fehlt ihr, was vor allem der Maler Elias Ambrosius vorzuweisen hat, ein schöpferisches Talent, das nach außen  drängt. Vor allem aber ist es jener Teil, der am stärksten nach Kriminal– oder Detektivroman klingt. Obwohl der innere Zusammenhang der der drei Teile geschickt hergestellt wird, verliert die Erzählung an Wucht.

Der Ex-Polizist und Gelegenheitsermittler Mario Conde ist im literarischen Universum Leonardo Paduras der Fixstern, eine Figur, die fast immer in Erscheinung tritt. Das hat Vorteile, die über die Buchmarkt-Tendenz zu Serien-Figuren hinausgehen. An einer immer wieder auftretenden Figur lässt sich eine lange Entwicklung der gesellschaftlichen Gegebenheiten aufzeigen. Umgekehrt engt es die erzählerischen Möglichkeiten ein. Es ist kein Zufall, dass in Paduras Opus Magnum, Der Mann, der Hunde liebte, Conde keine Rolle spielt.

Ketzer ist auch nach meiner zweiten Lektüre der zweitbeste Roman von Leonardo Padura, bei dem vor allem der mittlere Teil glänzt und strahlt. Das Thema Freiheit ist obendrein aktueller als je zuvor. Der Roman ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.

Leonardo Padura: Ketzer
Aus dem  Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2015
Taschenbuch 656 Seiten
ISBN: 978-3-293206960

Neue Lektüre: Sturz-Kampf-Fliegerin

Fliegerin, Ingenieurin, »Halbjüdin«, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, rund 2.500 Sturzflüge zur Erprobung, Tod nach dem Abschuss durch einen amerikanischen Kampfflieger Anfang April 1945. Was für ein Leben. Coverrechte Rowohlt, Bild eigene Aufnahme.

Sturz-Kampf-Bomber gehören zu den merkwürdigsten Phänomenen des Luftkrieges. Wozu wird ein Flugapparat in den Sturzflug gebracht, um eine schwere Bombe oder mehrere kleinere ins Ziel zu bringen? Dank moderner Zielapparate war es auch während des Zweiten Weltkrieges möglich, auf ganz normalem Wege Bomben ins Ziel zu bringen. Selbst Ansätze zu einer Gleitbombe gab es.

Die Ju 87, auch Stuka genannt, gehört zu den bekanntesten (und hässlichsten) Flugzeugen des Krieges. Wenn von Sturzkampf die Rede ist, wird das oft mit der Ju 87 gleichgesetzt; dabei gab es noch andere Modelle. Typisch war das so genannte »Lärmgerät« (fälschlich oft als Jericho-Sirene bezeichnet), das während des Sturzfluges aktiviert wurde, um einen infernalischen, hohen, kreischenden, pfeifenden Ton zu erzeugen. Ein Terror-Instrument, um am Boden Angst und Schrecken zu verbreiten.

Wie alle Flugzeuge wurden die Sturzkampfbomber getestet und eingeflogen, schließlich auch überführt. An diesem Punkt wird es interessant: Im so genannten Dritten Reich übernahmen diese Tätigkeit auch Frauen. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Nationalsozialisten Frauen eher in häuslicher Umgebung als Hausfrau und Mutter sahen; im Krieg gab es wegen des Arbeitskräftemangels immer mehr Ausnahmen, im geringen Umfang auch beim Militär, etwa Nachrichten- oder Flakhelferinnen.

Aber eine Frau im Cockpit eines Kampfflugzeuges der deutschen Luftwaffe?

Drei Stuka in der Luft

Bekannt sind Hanna Reitsch oder Beate Uhse, im Zusammenhang mit der Stuka fällt ein anderer Name: Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg. Sie hat mehr als 2.200 Sturzflüge mit verschiedenen Modellen zwecks Erprobung und Verbesserung absolviert und liegt damit vermutlich für alle Zeiten an der Spitze. Angesichts der immensen körperlichen Belastung durch den Sturzflug ist das eine geradezu fantastische Zahl. Sie war aber nicht nur Fliegerin, sondern auch Ingenieurin – noch eine Männerdomäne, in der sie sich behauptete.

Damit nicht genug. Melitta war eine geborene Schiller, den Rassengesetzen der Nazis zufolge »jüdischer Mischling ersten Grades«; trotzdem bekam sie das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse EKII verliehen (kurioserweise durften Frauen keine Uniform tragen, daher ist sie auf Bildern in einer Art Kostüm zu sehen, mit dem rotweißen Band des Eisernen Kreuzes) und durfte ihre Tätigkeit fortsetzen. Auch nach dem 20. Juli 1944. Am 08. April 1945 wurde sie von einem amerikanischen Flieger abgeschossen und starb an ihren Verletzungen.

Wer, wenn nicht Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg darf als»starke Frau« gelten? Grund genug, sich dieses Leben von Thomas Medicus erzählen zu lassen, dessen Biographie zu Klaus Mann ganz vorzüglich gelungen ist. Interessant auch, dass die beiden Personen, denen sich Medicus biographisch nähert, zur gleichen Generation gehörten, persönlich kaum unterschiedlicher sein könnten.

Melitta von Stauffenberg . Ein deutsches Leben ist Teil meines Lesevorhabens 12für2026

Zwölf Bücher, sechs Romane, sechs Sachbücher, die schon mehr oder weniger lange in meinem Regal lauern, habe ich mir für 2026 vorgenommen. Drei davon habe ich mittlerweile gelesen.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Buchcover von ‚Die Abschottung der Welt: Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945‘ von Susanne Heim. Das Cover zeigt eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen auf einer Straße. Im Vordergrund ist ein Zitat zu lesen: ‚Rettung ist nachrangig – bis zuletzt.
Wer dieses vorzügliche Buch aufschlägt, betritt einen Dornwald. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In den folgenden Jahren bis 1937 verließen jährlich zwischen 21.000 und 25.000 Personen Deutschland, die nach den nationalsozialistischen Bestimmungen als jüdisch galten – unabhängig davon, wie sie sich selbst definierten.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Manchmal reicht ein einzelner Satz, um mich für ein Buch einzunehmen. Er klingt wenig spektakulär, zielt jedoch auf einen wichtigen Aspekt von geradezu existenzieller Tragweite. Wenn von »Juden« im Zusammenhang mit der zwölfjährigen NS-Herrschaft in Deutschland die Rede ist, geht es um Menschen, denen von den Nationalsozialisten diese Identität aufgezwungen wurde. Wichtiger noch ist, dass diese Menschen auf jene zugeschriebene Identität reduziert wurden. Das bildete die Basis für die Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung.

Die eigene Identitätssicht spielte überhaupt keine Rolle. Ob sich jemand als säkularer Deutscher oder Orthodoxer sah, machte in der Realität des NS-Staates keinen Unterschied. Das Prinzip derIdentitätszuweisung und -reduktion wurde auch auf andere Gruppen angewandt, gelegentlich mit schwammigen Begriffen wie »Asoziale« oder »Arbeitsscheue«, was Missbrauch Tür und Tor öffnete. Zwangsarbeit konnte so leicht gerechtfertigt werden. Keineswegs nur in Deutschland: Im selbst ernannten »Arbeiter- und Bauerparadies« der Sowjetunion waren die stalinistischen Herrschaftseliten besonders kreativ im Umgang mit dieser Technik, zahllose Gulags mussten schließlich mit Millionen Menschen gefüllt werden.

Der kleine Exkurs soll keineswegs das Schicksal der von den Nazis als Juden definierten Menschen in Deutschland (und Europa) relativieren. Es ist eine Warnung an die Gegenwart, dass wirksame Herrschaftsmechaniken wie die der Identitätszuschreibung und -reduktion unabhängig von Ideologien in Zwangsregimen aller Art angewandt werden können. Bedauerlicherweise wird mit der holzschnittartigen Identitätszuschreibung im 21. Jahrhundert geradezu fahrlässig umgegangen. Es ist also wichtig, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Die Kriegsgegner Deutschlands waren zwar gewillt, dem Terror der Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, doch deren Opfern auf dem eigenen Staatsgebiet dauerhaft Aufnahme und Sicherheit zu gewähren – dazu waren sie nicht bereit.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Wie der Untertitel des Buches zeigt, geht es nicht nur um deutsche Juden. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der gewaltsamen Expansion, die mehrere Millionen Menschen unter die Herrschaft des Hitler-Regimes zwang, die als »Juden« galten, wurden in verschiedenen Staaten Maßnahmen zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in die Wege geleitet, die sich an die im Deutschen Reich anlehnten. Das hatte schwerwiegende Folgen auf diplomatischer Ebene. Bei allen Versuchen, für die Verfolgten in Deutschland Hilfe zu organisieren, blockierte die Befürchtung, die Zahl der Hilfesuchenden könne sich massiv erhöhen, wenn Juden aus Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien usw. ebenfalls berücksichtigt werden müssten.

Dabei reichte die Hilfsbereitschaft längst nicht für die deutschen Juden aus. Susanne Heim schildert mehrere Anläufe, den Betroffenen auf diplomatischer Ebene beizuspringen. Das glich oft einer Mischung aus Drahtseilakt, um die verschiedenen Interessen, Möglichkeiten und Grenzen unter einen Hut zu bekommen, und einem Pokerspiel, bei dem jeder am Verhandlungstisch Sitzende versucht, die anderen zu übervorteilen. In diesen oft langsam mahlenden Mühlen wurden die Flüchtlinge zerrieben. Die Konferenz auf den Bahamas im April 1943, zeitgleich zum Aufstand des Warschauer Ghettos, stellt einen beispiellosen Tiefpunkt dar, dort »spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr.« Die europäischen Juden waren rettungslos verloren.

Die Abschottung der Welt stellt die dramatischen Einzelschicksale, oft Selbstmorde oder wochenlanges Ausharren im sprichwörtlichen Niemandsland zwischen den Staatsgrenzen, den Eiertänzen der großen Politik und Diplomatie gegenüber. Auch die Selbstbehinderung der Hilfsorganisationen, die ebenso zögerlich wie von gegensätzlichen Interessen, strategischen Vorstellungen und Rivalität geprägt waren, bleibt nicht außen vor. Gelegentlich gab tatsächlich sachliche Zwänge, die eine Lösung in größerem Maßstab verhinderten. Ein Beispiel ist Palästina, wo sich der bis in die Gegenwart ziehende gewaltsame Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung schon in den 1930er Jahren abzeichnete und eine Masseneinwanderung von Juden (nicht nur aus britischer Sicht) verbot.

Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Von 1933 bis 1938, der Machtübergabe an Hitler bis zur Einverleibung Österreichs, waren vor allem die deutschen Juden von massiven Repressalien betroffen, die sie letztlich ausplündern und vertreiben sollte. Deren Zahl war klein gemessen an den Juden, die in jenen Gegenden lebten, die bis 1942 von der Wehrmacht erobert wurden; außerdem war der Zeitraum, in dem ihnen hätte geholfen werden können, mit fünf Jahren recht lang. In den darauf folgenden vier Jahren explodierte die Zahl der Betroffenen, während gleichzeitig eine unvorstellbare Eskalation der Repression zur Vernichtung erfolgte.

Die Welt zeigte sich außerstande, den deutschen Juden ausreichend Hilfe in Form einer geordneten Massenauswanderung zukommen zu lassen. Für die Millionen Juden in Europa gab es keine Hoffnung, selbst als die Vernichtung im vollen Gange war. Die Berichte darüber wurden zurückgehalten. Als nach und nach die Gräueltaten durchsickerten, wurden Vorschläge zur Erleichterung der Lage der Juden mit zweifelhaften Argumenten zurückgewiesen. Selbst begrenzte Möglichkeiten, wie etwa jüdisches Kinder-Leben aus Rumänien zu retten, wurden abgewiesen. Bis Kriegsende galt: »Rettung ist nachrangig.«

Zwangsweise wirft das die Frage auf, ob und wie der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden überhaupt hätte Einhalt geboten werden können. Zunächst einmal ist es wichtig, den zuerst Betroffenen keinen Vorwurf zu machen, dass sie nicht früh genug Deutschland verließen. Es gab unzählige persönliche Hürden, die mit der Aufgabe der Heimat verbunden waren, denen die Hoffnung entgegenstand, es könne vielleicht nicht so schlimm werden. Den Zivilisationsbruch konnten sich alle berechtigterweise nicht vorstellen.

Vor allem behinderte die NS-Führung die von ihr gewollte Auswanderung der jüdischen Bevölkerung selbst. Kern des Problems war die Finanzierung der Auswanderung, das jüdische Vermögen sollte im Reich bleiben, Devisenabfluss verhindert werden. Die forcierte Aufrüstung wäre sonst gefährdet gewesen, da die finanziellen Spielräume Deutschlands bereits erschöpft waren. Alle Anstrengungen in den Jahren bis Kriegsausbruch gelangten immer wieder zu diesem unauflöslichen Widerspruch, der das Widerstreben massiv befeuerte, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Grund, die Aufnahme abzulehnen, wurde durch die Armut der Flüchtlinge auf dem Silbertablett geliefert.

Täglich nahmen sich 30 bis 40 Menschen das Leben.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Statt eines geordneten Konzepts der Massenauswanderung jüdischer Bürger aus Deutschland folgte ein groteskes Spiel mit den Flüchtlingen in den kommenden Jahren. Die Passagen in Die Abschottung der Welt, in denen diese abstrusen Maßnahmen geschildert werden, sind schwer erträglich. Flüchtlinge wurden über Ländergrenzen hin- und hergeschoben, gelegentlich dutzendfach. Wie zermürbend und erniedrigend das für die Betroffenen gewesen sein muss, ist schwer in Worte zu fassen. B. Traven hat in seinem 1926 (!) erschienenen Roman Das Totenschiff einen geradezu identischen Umgang mit einem Staatenlosen geschildert, eine literarische Vorausdeutung auf das spätere Unheil.

In diesem niederschmetternden Durcheinander kamen immerhin tausend jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in anderen Staaten unter. Es gehört zu den ironischen Wendungen, dass ausgerechnet einer der »brutalsten und korruptesten Diktatoren Lateinamerikas«, Rafael Trujillo Molina, in der Dominikanischen Republik bis zu 100.000 Flüchtlinge aufnehmen wollte.

Mit den immer höheren rechtlichen Hürden stiegen auch die Versuche, illegal aus Deutschland und Europa zu entkommen. Manche dieser Versuche, wie etwa die Irrfahrt der St. Louis, sind recht bekannt. Dabei war das Schiff nur eines von vielen, die auf den letzten Drücker versuchten, Juden aus Europa herauszuschaffen. Die geschilderten Schicksale sind oft tragisch, Schiffe wurden (versehentlich) von sowjetischen Ubooten versenkt, von Briten aufgebracht und ihre Insassen in Lager gesperrt; oder die Fliehenden saßen während ihrer Balkan-Odyssee auf der Donau fest.

Im Krieg versuchten ganze Netzwerke unter Lebensgefahr zu helfen, selbstverständlich gegen geltendes Recht. Autorin Susanne Heim betont, dass diese Netzwerke gern als Heldenerzählungen von Männern wie Adrian Fry oder Niclas Winton verbreitet werden, während die erzielten Erfolge auf den vielen Schultern namenlos bleibender Frauen ruhten. Beachtenswert ist auch die Rolle von Beamten, Soldaten und anderen, die ihre Handlungsspielräume bei der Pflichterfüllung gegen oder für die Flüchtlinge ausnutzen konnten.

Der Kleinmut obsiegt.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Die Massentötung im Krieg hätte wohl nur eine Aufgabe der Appeasement-Politik nach 1933 bewirken können. Ohne die Eroberungen der Wehrmacht wären Millionen Juden niemals unter deutsche Herrschaft gekommen, die Vernichtungslager wären ebensowenig errichtet worden wie der Holocaust durch Gewehre in der Ukraine und Belarus nicht stattgefunden hätte.

Wie sich die von Antisemitismus geprägten Gesellschaften entwickelt hätten, bleibt selbstverständlich offen, der Antijudaismus wäre auch mit einer konsequenten Politik gegenüber Deutschland nicht aus der Welt geschafft worden. In Deutschland hätte die jüdische Bevölkerung für ein Nicht-Appeasement vermutlich als Sündenbock den Kopf hinhalten müssen. Doch gilt für die Deutschland-Politik der 1930er Jahre, was Autorin Heim der Flüchtlingspolitik attestiert: Der Kleinmut obsiegt.

Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945
C.H. Beck 2026
Gebunden 384 Seiten
19 Abbildungen, zwei Karten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-84301-3

Neue Lektüre: Verschlossene Türen

Auch im Jahr 2026 beschäftigt mich das Thema Flucht (und Vertreibung). Abseits populistischen Gedröhns und bestenfalls naiver Rhetorik ist und bleibt unfreiwillige Migration ein wesentlicher Aspekt mit vielschichtigen Wirkungen auf die Gesellschaften. Meine neue Lektüre befasst sich mit der historischen Seite von Flucht, genauer gesagt mit dem oftmals gescheiterten Versuch jüdischer und von den Nazis als Juden klassifizierter Deutscher nach 1933 ihre Heimat zu verlassen.

Viele Romane und Sachbücher, Tagebücher und Essays, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, behandeln oder berühren das Thema Flucht. Das Bild zeigt eine nur Auswahl an Titeln.

Gleich drei Bücher werde ich in der kommenden Zeit lesen, die sich sich mit dem Thema befassen: eine neue Graphic Novel von Sara Dellabella und Alessio lo Manto, ein neues Sachbuch von Susanne Heim und ein etwas älterer Roman von Leonardo Padura.

Was hat einen kubanischen Autor dazu bewogen, sich mit der Flucht von Juden aus Deutschland nach der Machtübertragung an Hitler zu befassen? Einige dieser Fliehenden standen in Kuba vor verschlossenen Türen, was Padura im ersten Teil seines Romans Ketzer verarbeitet. Andere hatten mehr Glück, wie etwa die Hauptfigur in Landgericht von Ursula Krechel. Ketzer habe ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen, im Rahmen meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026 werde ich es mir noch einmal vornehmen.

Padura nimmt die Perspektive eines Juden ein, der bereits auf Kuba lebt, während sich Dellabella und Lo Manto in Die Irrfahrt der St. Louis* der Sichtweise der jüdischen Flüchtlinge bedienen. Der Dampfer lag nämlich im Hafen von Havanna, die Insassen hatten eigentlich die nötigen Papier, um an Land zu gehen, doch wurde ihnen das verweigert. Das berührt Paduras Roman direkt, die Irrfahrt ging jedoch noch weiter. Zwar konnten die Juden schließlich nach langem Hick-Hack tatsächlich in europäischen Staaten unterkommen, da jedoch die Wehrmacht Europa unterwarf, dräute vielen ein grausiges Schicksal.

Die St. Louis war eine Art Niemandsland, in dem sich auch in unserer Gegenwart zahlreiche Flüchtlinge wiederfinden, die unwillkommen sind. Ein Schicksal, das viele Juden auf ihrem Leidensweg teilten, wenn die Grenzen verschlossen blieben. Die Monographie Die Abschottung der Welt* von Susanne Heim widmet sich diesem Phänomen. Das Buch bereichert meine kleine Sammlung von Bänden der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

Beim Verlag C.H.Beck und dem Knesebeck Verlag bedanke ich mich für die Besprechungsexemplare*.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. 
Buchcover von ‚Die Stalinorgel‘ von Gert Ledig, veröffentlicht in der Bibliothek Suhrkamp, vor einem schwarz-weißen Hintergrund und dem Zitat ‚Es gibt keine Kompanie mehr.‘
Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Krieg ist von zynischer Grausamkeit. Schon im ersten Satz des Frontkriegsromans Die Stalinorgel von Gert Ledig schlägt sie dem Leser entgegen. Der Autor spielt mit der geläufigen Redewendung, jemand würde sich im Grabe herumdrehen. Eine Umschreibung für das Entsetzen der Toten gegenüber dem, was die Lebenden anstellen. Ein namenloser Obergefreiter an der Ostfront würde sich angesichts des Grauens wohl im Grabe umdrehen, wenn er könnte; er besitzt jedoch keines.

Kühl und knapp schildert Ledig, wie der Obergefreite der Wehrmacht in der Nähe eines Ortes namens Podrowa zu Tode kam; der Zufall ließ ihn in eine Salve jenes Raketenwerfers geraten, den die deutschen Soldaten »Stalinorgel« nannten. Eine Anspielung auf die alptraumartigen Töne, die beim Abfeuern einer Lage Raketengeschosse erzeugt wurden und die verheerende, psychologische Wirkung. Die Überreste des Obergefreiten hängen in einem »verstümmelten Baumstamm«, unter dem Leichnam windet sich ein Verwundeter mit Bauchverletzung. Die glücklichen, unverletzt gebliebenen Kameraden laufen weg.

Hilfe für den Verwundeten? Fehlanzeige. Es ist der erste, zarte Hinweis auf den kritischen Zustand einer Armee, die noch wenige Monate zuvor als unbesiegbar galt. Ledigs Tonfall ist ein Echo der zynischen Kriegsgrausamkeit, sie spiegelt die alltägliche Entmenschlichung, ein fast notweniger Zustand der Selbstdistanzierung, um das Grauen an der Front überhaupt auszuhalten. Der Autor verzichtet auf jeden moralischen oder gar pathetischen Kommentar, wie man ihn etwa bei den berühmten Frontkriegsromanen von Remarque oder Jünger findet. Bei Ledig schaut man dem Krieg unverhüllt ins Gesicht; für alles Weitere ist der Leser verantwortlich.

Die Geschichte des toten Obergefreiten ist noch nicht beendet. Eine Maschinengewehr-Garbe holt ihn vom Baum, der Tote ist nur noch ein halber Mann. Die Überreste werden von Panzerketten zermalmt, den Rotarmisten »blieb nicht einmal die Möglichkeit, seine Taschen zu durchsuchen«. Im Gefecht bleibt von Pietät nichts übrig, in diesem Fall auch nicht für uniformierte Leichenfledderer. Ein Schlachtflieger setzt der Leiche noch mit Sprengmunition zu, gibt ihr sozusagen den Rest.

Dann endlich hatte der Obergefreite Ruhe. Er roch vier Wochen süßlich.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Nicht einmal eineinhalb Seiten sind vergangen und der Leser schnappt schon nach Luft. Es ist nur der Auftakt in einem Prolog, wie soll es da fast zweihundert Seiten weitergehen?  Zunächst einmal setzt Ledig den ersten seiner vielen Kontrapunkte: Der tote Obergefreite wird zum bürokratischen Akt, nämlich der Todesmeldung an die übergeordneten Stellen und die Angehörigen. Wegen der hohen Verluste eine abstumpfende Tätigkeit, längst von Gleichgültigkeit überwältigt. Es zählt nur eines – Überleben, notfalls auf Kosten eines anderen.

Die Gedanken der Soldaten, vom einfachen Melder bis zum Hauptmann drehen sich darum, wie man der Hölle lebendig entkommen könne. Gott ist keine Hilfe, die Gebete, eigentlich Bitten um einen Deal, bei denen der Hilfesuchende ein Opfer anbietet, wenn er davonkäme. Einen Fuß etwa oder eine Hand erscheinen ein guter Preis. Aber Gott schweigt. Bliebe Selbstverstümmelung, die aber wie Desertion ein heikles Spiel mit dem Feuer ist;  schnell greifen die »Kettenhunde« der Feldpolizei zu, man steht vor dem Kriegsgericht.

Überlaufen zu den Sowjets? Die üble Behandlung deutscher Kriegsgefangener war mehr als bloße Propaganda, trotzdem trägt jeder einen »Passierschein« mit sich herum, der von der Roten Armee über deutschen Stellungen abgeworfen wurde, um die Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Ledig zeigt seinen Lesern diesen Schein wie die berühmte Waffe von Tschechow, von der es heißt, sie müsse später im  Verlauf der Handlung auch abgefeuert werden. Der Passierschein wird also in Die Stalinorgel einer Wirklichkeitsprobe unterzogen, weiter hinten im Romans.

Der Melder lief täglich mehrmals auf einer Art Trampelpfad um sein Leben.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Um die Moral der Truppe ist es im Spätsommer 1942 vor Leningrad schlecht bestellt. Wie brüchig sie ist, zeigt sich an unzähligen Dingen. Ein namenlos bleibender »Melder« durchläuft den Frontabschnitt, auf dem Ledig sein Drama inszeniert. Der Weg von der vordersten Linie zum Befehlsstand weiter hinten ist ein Alptraum, einschließlich Raketenwerferbeschuss, bei dem sich eine »Lähmung über die Front« legt, sich in die Seelen der Männer frisst.

Es sind die einfachen, alltäglichen, wenig dramatischen Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Frontschweine hießen die Soldaten in den vordersten Linien, nach dem Besuch eines Panzervernichtungsstrupps in einem höhlenartigen Unterstand, weiß man auch, warum. Verkotet und verlaust lässt der Melder die beiden Soldaten zurück, die darauf warten, dass man sie ablöst, ehe sich ein sowjetischer Panzer zeigt und sie versuchen müssen, die stählernen Ungetüme zu stoppen.

Ablösung ist das Zauberwort, das alle Soldaten bewegt. Bloß raus aus dem frontnahen Bereich, andere sollen ihren Kopf hinhalten. Wieder ein Bild für die zerbröckelnde Moral. Ledig schildert, dass Ersatzleute nicht etwa begrüßt, sondern gehasst werden. Man gibt den neuen die Hand und wünscht ihnen den Tod, denn ihre Anwesenheit bedeutet eine Verstärkung und verringert die Chance, dass die eigene Einheit vorn an der Front abgelöst wird. Die Erosion der Moral ist weit fortgeschritten.

Wie bei jeder Panik war die Ursache geringfügig.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Die Kern-Handlung des Romans, ein begrenzter Angriff der Roten Armee, entfaltet sich, kaum dass der Melder mit den Ersatzleuten zum vorderen Graben zurückgekehrt ist. Ledig wechselt die Perspektive, schildert die Attacke aus der Sicht von sowjetischen Offizieren. Mehrfach schwenkt die Sicht übergangslos von der sowjetischen zur deutschen Seite, was den Leser verwirrt; das Lesen wird unübersichtlich, wie die blutigen Kampfhandlungen, ein wirres Durcheinander ohne etwas, das man »Frontlinie« bezeichnen könnte.

Ledig verdichtet seinen Roman auf einen scharf begrenzten Raum, ganz vorn ist es nur ein Kompanieabschnitt. Was dort geschieht, hat jedoch Auswirkungen auf die gesamte Division. Ein kleiner Angriffs-Stoß der Roten Armee vervielfacht sich nach hinten und löst eine Panik aus. Mit starken Bildern, die mir seit dem ersten Lesen im Kopf herumgeistern, lässt der Autor den Leser teilhaben, wie eine sieggewohnte, kampferprobte, gefürchtete Armee zu einem kopflosen Hühnerhaufen wird.

Da ist der General, der im Schlafanzug den bereitstehenden Kübelwagen besteigt und sich in Sicherheit bringen lässt. Hinter ihm schwappt eine anschwellende Flutwelle panischer Krieger von der Front heran. Infanterie, Artillerie, Tross, Panzer, Lazarett, Küche, Nachschub – alles rennt vor einer Handvoll sowjetischer Panzer davon. Die kopflosen Soldaten werden niedergemäht oder trampeln einander zu Tode, während sie versuchen, das eigene Leben zu retten.

[Sie] stürzten sich sinnlos auf einen Zug ohne Lokomotive. Hunderte kämpften um einen Platz in Waggons die nicht zusammengekoppelt waren.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Es ist das stärkste Bild einer dem Untergang geweihten Armee, das ich kenne. Die Stalinorgel spielt im Sommer 1942, nicht etwa 1944. Der Südabschnitt der Ostfront erreichte Stalingrad und stieß in den Kaukasus vor. Die Wehrmacht galt immer noch als siegreiche Armee, die in diesem Jahr die Entscheidung erzwingen sollte. Gert Ledig, der selbst in dieser Zeit vor Leningrad kämpfte, nimmt in seinem Roman das Desaster der folgenden Jahre bereits vorweg. Wie soll eine Armee siegen, deren Soldaten um einen Platz in einem Zug ohne Lokomotive kämpfen?

Ledig treibt die Handlung auf die Spitze, indem er inmitten dieser lokalen Apokalypse einen bürokratischen Kontrapunkt setzt. Mit maliziöser Ironie lässt er einen Gerichtsoffizier auftreten, der einen Deserteur aburteilen soll, damit dieser als abschreckendes Beispiel für die Truppe hingerichtet werden kann. Eine groteske Versinnbildlichung des Wehrmachts-Terrors gegen die eigenen Soldaten, die bis Kriegsende zu Tausenden hingerichtet wurden.

Inmitten einer ganzen Division von Desertierenden führt der Gerichtsoffizier ein schauerliches Bürokratie-Spektakel auf, während die sowjetischen Angriffsspitzen bereits den Ort erreichen. Der Irrsinn dieses Krieges verdichtet sich in dem Vorgang  auf kaum zu ertragende Weise, wenn die Wirklichkeit die Befehle längst sinnlos gemacht hat und diese trotzdem ausgeführt werden. Hier streift Ledigs Erzählung auch die nach dem Krieg so oft bemühte Phrase vom »Befehlsnotstand«, den der Autor auf seine Weise kommentiert.

Kein Soldat darf einen Befehl verweigern, aber er kann ihn vergessen.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Gert Ledig hat seinen Roman eine wirksame Struktur gegeben, nicht nur durch diese Kontrastierungen oder die jähen Perspektivwechsel im Stil scharfer Filmschnitte. Durch Einschübe, die kursiv von der Erzählhandlung abgesetzt sind, erzählt er von der Vergangenheit, Gedanken oder fiebertrunkenen Assoziationen der Soldaten beider Seiten. Die entmenschlichte Distanz bricht auf, der Mensch wird hinter dem namenlosen Uniformierten sichtbar, was die Intensität von Szenen wie dem Sturmangriff sowjetischer Soldaten noch einmal verstärkt.

Schlachtszenen haben in vielen Romanen notgedrungen etwas Voyeuristisches und Mechanisches, manchmal klingen sie hölzern wie eine Gebrauchsanweisung, wenn geschildert wird, was geschieht. Die Stalinorgel von Gert Ledig zeigt einen gelungenen Ausweg, einen ebenso radikalen wie sein Luftkriegsroman Vergeltung. Für ein Publikum, das durch bauschig-sanfte Lesegewohnheiten des 21. Jahrhunderts sozialisiert wurde, mag das regelrecht verstörend sein. Für die Lebenswirklichkeiten unserer Tage jedoch ist Die Stalinorgel siebzig Jahre nach ihrem Entstehen passend. Auch in diesem Sinne hat Gert Ledig den besten Frontkriegsroman verfasst, den ich kenne.

Gert Ledig: Die Stalinorgel
Suhrkamp Verlag 2000
Gebunden 240 Seiten
ISBN: 3-518-22333-x

« Ältere Beiträge

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner