"Luftaufnahme des Brocken-Gipfels im Harz mit dem markanten Brockenhaus und dem Sendemast. Im Vordergrund ein Zitat von Steffen Kopetzky aus dem Buch ‚Die Harzreise‘: ‚Aber da müssen wir durch, müssen unsere Harzreise antreten, auch wenn der Himmel Regen schickt.‘ Rechts im Bild das Cover des Buches ‚Die Harzreise – Eine Deutschlanderkundung‘ mit einer Illustration von Felsformationen und Wald."
Der Brocken im Harz-Gebirge, das Steffen Kopetzky auf den Spuren Heinrich Heines durchwandert hat und seine Erlebnisse und Gedanken in diesem wunderbaren Buch mit dem Leser teilt. Coverrechte Rowohlt Berlin, Bild mit Canva erstellt.

Niemand wird kommen, uns zu retten, niemand wird uns etwas schenken, nicht die Amerikaner und die Russen schon ganz bestimmt nicht.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Ein wenig erstaunt war ich schon, als ich beim Durchblättern der Verlagsvorschauen dieses Buch entdeckte: Die Harzreise. Was treibt einen Schriftsteller wie Steffen Kopetzky dazu, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine mehrtägige Wanderschaft durch den Harz zu unternehmen? Ausgerechnet der Harz? Eine Deutschlanderkundung soll es sein, heißt es im Untertitel. Will Kopetzky im Kleinen das Große Ganze erkennen? Am Schreibtisch erahnen Schriftsteller noch ganz andere Dinge, was werden frische Luft und Bewegung erst anrichten?

Eines war mir vorher klar: Wie eine mehrtägige Wanderschaft der körperlichen Konstitution mit Schmerzen und anderen Zudringlichkeiten zu Leibe rückt, würde die Lektüre meinen Vorurteilen gegenüber dem Harz ans Leder gehen. Ich kenne die Erhebung nur aus der Literatur, von einigen Orten wie Goslar, Osterode oder Quedlinburg einmal abgesehen; und als Fernansicht. Vom Schreibtisch bräuchte ich die Zeitspanne eines Fußballspiels für einen Fußmarsch zum Aussichtsturm »Harzblick«, von dem aus man über idyllisch rotierende Windräder hinweg zum Berg schauen kann. Gutes Wetter vorausgesetzt.

Nun werde ich wohl auch einmal in den Harz müssen, vielleicht sogar auf den Brocken, sicher aber nach Wernigerode oder Treseburg mit seinen Villen. Damit bin ich schon weit im Buch gesprungen, es sind Orte der letzten Etappen der Wanderung, die Steffen Kopetzky auf den Spuren Heinrich Heines und seiner berühmten Harzreise unternahm. Möge die 200 Jahre danach unternommene Deutschlanderkundung viele Leser finden, denn die moderne Harzreise mündet in Gedanken und Überlegungen, die weit über persönliches (Wander-)Erleben und die Harz-Region hinausgehen. Eine kämpferische Sicht auf Gegenwart und Zukunft, ohne Gejammer und Untergangsfantasie, aber auch nicht die heute gern gepflegte Flucht in romantische Unwirklichkeiten. 

Aber da müssen wir durch, müssen unsere Harzreise antreten, auch wenn der Himmel Regen schickt. […] Vielleicht werden wir als Deutsche in diese harten nächsten Jahre gehen und als Europäer herauskommen.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Los geht es mit Kopetzkys Harzreise in Göttingen, barmherzig in Heisenbergs Unschärfe gehüllt. Die erste Etappe führt nach Northeim und nicht direkt nach Osterode, wie Heine es getan haben will. Sprachlich tritt Kopetzky von Beginn an in Heines Fußstapfen, fein dosierte Ironie in allen Schattierungen begleitet Wanderer und Leser. So bleibt es heiter, auch wenn von Leerstand in Innenstädten, von Gott und Welt verlassenen Orten, unheimlichen Lost-Places und Zeitgenossen mit kleinkarierten Weltsichten die Rede ist.

Wie immer auf Reisen ergeben sich zufällige Begegnungen, die natürlich nicht zufällig sind, sondern dem zufallen, der aufgebrochen ist. Gerade wenn es sich um Fachleute handelt, gibt es Interessantes mitzuteilen. Ist der Klimawandel für die Zerstörung des Harzwaldes verantwortlich? Ja, unter kräftiger Beihilfe der »Lotterie der Natur« in Gestalt von Regen, Wintersturm und Trockenheit, zeitlich so abgestimmt, dass der Borkenkäfer freie Bahn hatte. Der Anblick des so zerstörten Harzwaldes ist nicht neu, vor 80 Jahren war er als Reparationsleistung abgeholzt worden. Zu Heines Zeiten waren die Bäume ebenfalls abgeholzt, wegen des Bergbaus.

Ausgehend von lokaler Erfahrung und neu gewonnenem Wissen setzt Kopetzky zu weit reichenden Gedankenflügen an. Er schlägt einen Bogen vom Müllvandalismus im Harz zum gleichsam geplagten Himalaya, stellt Überlegungen darüber an, wie die Früh-Industrialisierung in Gestalt des Bergbaus das soziale Gefüge zunächst punktuell ins Wanken brachte, zugleich den Mythos in Gestalt von düsterer Magie und Hexen beflügelte und ganz nebenbei der Reformation Schwung verlieh. Luther war der Sohn eines Hüttenmeisters, Thomas Müntzer auch. Sie wussten die »Bergfreyheit« auf ihre Weise zu deuten.

Einer der beiden ist ein typischer Pfiffikus unserer Tage – bläulich getönte Designerbrille, Kitzbühelteint von der Sonnenbank, hellblauer Pullover.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Sieht man diese Erscheinung nicht vor sich? Der »Pfiffikus« ist erklärter Antieuropäer und verleiht seinem Unmut ungehemmt Ausdruck. Die Weltverschlichter sind überall am Werk, lautstark und unzugänglich für jede Form von Differenzierung. Dabei bietet auch der Harz Beispiele, dass nichts einfach, sondern alles kompliziert ist, etwa in Gestalt der Brockenbahn. Wirtschaftlich erfolgreich ist die traditionsreiche Einrichtung, aber dank Funkenflug aus den Schornsteinen auch Urheberin von Bränden inmitten eines von Trockenheit und abgestorbenen Bäumen gezeichneten Waldgebietes. Eine Zwickmühle par excellence. 

Als politisch denkender Schriftsteller kann Steffen Kopetzky gar nicht anders, als seine Wanderung auch mit historisch-politischen Überlegungen zu verbinden. Die Balance zwischen dem Erleben, Gesehenen und Gedachten ist in Die Harzreise gelungen. So werden Assoziationen und Gedankenreisen, die auch zunächst abwegig erscheinende Themen wie Perry Rhodan berühren, immer durch konkrete Wahrnehmungen vor Ort ausgelöst und sind mit der Wanderung und dem Wanderer verbunden. Nicht auszudenken, wenn man als Leser von Anfang bis zum Ende mit Naturschilderungen befrachtet würde.

So aber gerät man an der Seite des Wanderers auch in eine AfD-Verantstaltung mit ihren ganz eigenen Abgründen. Kopetzky webt in die Schilderung geschickt Heine und dessen ganz eigene Erfahrungen mit radikaler Deutschtümelei ein, die antisemitisch war, wenn auch noch nicht völkisch, und Expatriierung kannte. Dieses Gespenst kehrt als »Remigration« in verschärfter, gnadenloser Gestalt zweihundert Jahre später wieder. Wie auch der Ungeist imperialistischer Eroberungskriege, die Polen im 19. Jahrhundert in ihren Klauen hielten und heute die Ukraine oder ganz Europa bedrohen.

Weil es mir so vorkam, dass genau das vor uns lag. Das Bittere. Das Herausfordernde. Eher keine Kreuzfahrt. Harz im alten Sinne einer beschwerlichen, teils auch gefährlichen Wanderung über Stock, Stein und Gebirge.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Die Harzreise mündet weder in weltabgewandtem Schwärmen noch Tristesse, verweigert sich dem landauf, landab so verbreiteten Hang zur Unterwerfung, wendet sich gegen die allgegenwärtige, überwältigende Angst. Es ist ein Buch, das Mut machen möchte, ohne zu verharmlosen oder – noch schlimmer – die garstige Wirklichkeit in cozy Scheinwelten zu verplüschen. Es ist ein Buch über die Freiheit, die niemandem geschenkt oder vererbt wird. Man muss sie sich erkämpfen, eine Gewissheit auf Erfolg gibt es nicht. So wie eine Harzreise scheitern kann, ist auch ein Fehlschlag auf anderem Feld nie auszuschließen. Aufbrechen sollte man trotzdem.

Trivia: An einer Stelle musste ich an Moria aus Der Herr der Ringe denken, wo die Zwerge zu tief gruben; dort wurde die Gier mit dem Balrog bestraft, im Harz-Bergbau wartete das Böse, wenn die Regelbrecher »auf Teufel komm raus« gruben.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise
Eine Deutschlanderkundung
Rowohlt Berlin Verlag 2026
Gebunden 240 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0256-8