
Vordergründig geht es in Shanghai der 2020er Jahre um die Vergabe der Olympischen Spiele 2032, hinter den Kulissen wird im Roman Die Spiele von Stephan Schmidt auf vielen Ebenen gespielt. Es geht um Macht, um Chinas Streben nach globaler Vorherrschaft, um Einfluss im vor Reichtum überquellenden Afrika, um geheimdienstliche und polizeiliche Ermittlungen, einschließlich einiger Doppelspiele und nicht zuletzt um persönliche Rache.
Worauf es Stephan Schmidt, der unter dem Namen Stephan Thome einige hervorragende Romane veröffentlicht hat, nicht ankommt, ist Action. Wer einen Polit-Thriller mit Feuerwerk erwartet, wird ebenso enttäuscht wie jene, die sich auf einen WhoDunIt-Kriminal-Roman freuen: Einen Mord gibt es zwar, auch einen ermittelnden Kommissar, doch geht es bei der Klärung des Falles eben nicht um dessen Aufklärung, sondern Instrumentierung im Kampf um Einfluss und Macht. Fast beiläufig erfährt der Leser, wer getötet hat; es zählt das Warum.
Um den Reiz des Ganzen zu verstehen, muss man nah dran gewesen sein – am einzigen Spiel der Welt, das keinen Sieger kennt, weil die Regeln erst feststehen, wenn die Partie vorbei ist. Mit anderen Worten: nie.
Stephan Schmidt: Die Spiele
Die Spannung der Handlung entfaltet sich durch die klassische Struktur eines Enthüllungs-Romans, der erst nach und nach preisgibt, wen was warum antreibt. Famos sind einige Figuren, etwa die Madgermanes, eine Gruppe von Afrikanern aus Mosambik, die in der DDR als Vertragsarbeiter tätig waren, um ihren Lohn geprellt wurden und sich als Erste den Schattenseiten der Wende (brutalem Rassismus) ausgesetzt sahen.
Schmidt lässt einen von ihnen aus der Opferrolle entkommen, als aktiver Akteur mit Einfluss und ehrgeiziger Agenda versucht er sich im Machtspiel. Überhaupt verfolgen alle Personen ihre ganz eigenen Absichten, ihre Persönlichkeiten sind reicher an Schattierungen, als es der erste Eindruck auf den Leser vermuten lässt. Eine Ausnahme sind die Journalisten, die vierte Säule der Gewaltenteilung entleibt sich selbst auf der Jagd nach der Story.
Lustig wird es an einigen Stellen, wenn etwa die Kanzlerin das „Lächeln der deutsch-bayerischen Freundschaft“ auflegt und den Innenminister geschickt aus dem Raum komplimentiert. Die Persönlichkeitsskizzen von real existierenden Zumutungen wie dem ehemaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach sind ganz wunderbar gelungen. Urkomisch ist eines der letzten Kapitel, wenn eine Rollenspiel-Sex-Szene gewürzt wird mit beißendem Spott auf Chinas Partei – um jäh in eine abgründige Bedrohung umzuschlagen.
Nicht nur deshalb bleibt der Leser mit einem diffusen Gefühl des Unbehagens zurück, das in seiner Tiefe der Ohnmacht gegenüber dem nie endenden Spiel ohne feste Regeln geschuldet ist. Da viele Fragen offen bleiben oder die Antworten merkwürdig unscharf und vieldeutig sind, ist die Welt am Ende des Romans so wenig in Ordnung wie am Anfang. Comme il faut in einem guten Noir-Kriminalroman.
Stephan Schmidt ist der bürgerliche Name des bekannten Autors Stephan Thome, dessen historische Romane Gott der Barbaren und Pflaumenregen mich als Leser begeistert haben.
Stephan Schmidt: Die Spiele
Kriminalroman
Dumont 2024
Gebunden 418 Seiten
ISBN: 978-3-8321-6807-0





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