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Schlagwort: Politischer Mord

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Der LektĂŒre habe ich mit großer Spannung entgegengesehen, schließlich beschĂ€ftigt mich das Schicksal der Gracchen seit meinem Studium. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Wie konnte es so weit kommen?

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Das zweite Kapitel von Der Tod der Tribune ist mit dieser Frage ĂŒberschrieben. „So weit“ meint dabei die brutale Ermordung des Volkstribuns Tiberius Gracchus im Jahr 133 v. Chr., das erbarmungslose Niederhauen von 300 seiner AnhĂ€nger, die nachfolgende SchĂ€ndung ihrer Leichen. Zehn Jahre spĂ€ter wurde der jĂŒngere Bruder, Gaius Gracchus, ebenfalls auf gewaltsame Weise mit 3.000 Gefolgsleuten getötet.

Der Vorgang ist – bis dahin – einmalig gewesen, die Folgen fĂŒr die Römische Republik werden als verheerend angesehen: Oft wird mit dem Doppelmord ein Anfangspunkt benannt, nach dem die Republik Schritt fĂŒr Schritt in den Abgrund glitt. DafĂŒr kann man GrĂŒnde anfĂŒhren: BeschĂ€digung der Verfassungsordnung, des sakrosankten Amte und des Rechts allgemein. Vor allem aber wurde ein doppelter PrĂ€zedenzfall geschaffen, nĂ€mlich, auf Gewalt zu setzen.

Politisch denkende Zeitgenossen mögen an dieser Stelle vielleicht an den Sturm auf das Capitol denken oder auch an den Angriff auf Robert Habeck, verbunden mit dramatischen BefĂŒrchtungen bezĂŒglich der Aussichten fĂŒr die westliche Demokratie. GrundsĂ€tzlich sind Analogien mit großer Vorsicht zu genießen, Vergleiche, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen, sind aber wichtig, sonst bleibt die LektĂŒre zwangsweise akademisch.

Andererseits tut akademische NĂŒchternheit und eine möglichst sachliche Betrachtung dessen, was ĂŒber die UmstĂ€nde, HergĂ€nge, GrĂŒnde und Folgen ĂŒberliefert ist und in der Forschung diskutiert wird, dem Thema gut. Die Gracchen werden manchmal in ein sozialromantisches Licht getaucht, als tragisch gescheiterte Retter der ins Straucheln geratenen Römischen Republik; eine Art Che Guevara – BrĂŒderpaar der Antike. Ausgerechnet Cicero hat allerdings eine ganz andere EinschĂ€tzung geĂ€ußert.

Tiberius Gracchus der Ältere [d.h. der Vater des ermordeten Volkstribuns] habe, so Cicero spĂ€ter, den Bestand der Republik gerettet, sein Sohn sie zertrĂŒmmert.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Die Autorin Charlotte Schubert widmet sich zunĂ€chst der Mordtat und den nachtrĂ€glichen Versuchen einer Legitimation. Das ist wichtig, denn es zeigt, wie dĂŒnn und lĂŒckenhaft die Überlieferung ist und wie schwierig quellenkritisch tragfĂ€hige Aussagen sind. So steht Ciceros EinschĂ€tzung im Verdacht, weniger die realen Ereignisse zu bewerten, als einen Versuch zu unternehmen, die eigene Missachtung institutionalisierten Rechts zu ĂŒberdecken.

Tiberius und Caius Gracchus haben allein wegen ihrer Herkunft und sozialen Verankerung in der römischen Gesellschaft mehr mit ihren Gegnern als mit »dem Volk« gemeinsam: Sie gehörten zur Elite Roms. Tiberius bekleidete zwar das Amt eines Volkstribuns, er stammte weder aus dem Volk noch sprach er fĂŒr „das Volk“ in einem sozialromantischen Sinne. Noch wichtiger ist ein anderer Punkt: Roms Elite befand sich in einem erbarmungslosen Wettstreit um Macht, Ansehen und Ruhm.

Der Tod der Tribune entfaltet nun ein politisches Panorama, das viele FĂ€den aufzeigt, die zu jenem KnĂ€uel fĂŒhrten, das mittels einer unerhörten Bluttat kurzfristig »gelöst« wurde. Im Kern drehte sich die Auseinandersetzung um die Bodenreform, die Zuteilung von Land an römische BĂŒrger, ein Projekt, das keineswegs nur die Gracchen vertraten und das nach dem Tod von Tiberius und Caius eben auch nicht in der Versenkung verschwand.

Es verbietet sich, hier auch nur den Versuch zu unternehmen, die komplexe und durchaus widersprĂŒchliche Entwicklung, immer ĂŒberschattet von der schwierigen Quellenlage, auch nur halbwegs adĂ€quat zu skizzieren. Das bleibt der LektĂŒre des ausgesprochen interessanten und sehr gut informierenden Buches vorbehalten. Der Leser wird Zeuge eines sich dramatisch zuspitzenden Machtkampfes, in den zufĂ€llig Ă€ußere EinflĂŒsse hineinspielten.

Wieder einmal – wie so oft in der Geschichte – stellte sich das Geld als der entscheidende Punkt heraus: Tiberius brauchte fĂŒr die Verwirklichung seiner Reform die materiellen Mittel, und die Mehrheit des Senats wollte ihm nichts bewilligen.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Die so genannte Schenkung durch Attalos III. von Pergamon etwa, mit der Rom als Erbe eines Königreichs im Osten wurde, war dabei wohl entscheidend. Um sich aus dem finanziellen WĂŒrgegriff des Senats zu befreien, versuchte Tiberius Gracchus per Gesetz den »Schatz« des verstorbenen Königs zur Finanzierung seines Vorhabens zu nutzen. Das dĂŒrfte der Schritt ĂŒber die »rote Linie« des Senats sein, wie Schubert meint, denn außenpolitische Angelegenheiten gehörten in dessen Verantwortungsbereich.

Entscheidend ist aber nach EinschĂ€tzung der Autorin das Verhalten des Volkstribuns wĂ€hrend seiner letzten Volksversammlung, das sie als unklug und wohl missverstĂ€ndlich beschreibt und fĂŒr seine Gegner nicht tolerierbar gewesen sei. Das ist durchaus nachvollziehbar. MachtkĂ€mpfe sind immer auch ein Ringen um HandlungsspielrĂ€ume inmitten der institutionalisieren und formalrechtlich festgelegten Grenzen, die dabei gedehnt und auch ĂŒberschritten werden.

TatsĂ€chlich haben das vor den Gracchen andere Mitglieder der Elite ebenfalls getan, ohne getötet zu werden. Umgekehrt bleibt aber die Frage, warum sich der Senat nicht nur mit bemerkenswerter Kompromisslosigkeit gegen das Reformvorhaben wandte, die Reformer brĂŒskierte, bloßstellte und diskreditierte. Scheinbar waren Tiberius und spĂ€ter auch Caius so weit gegangen, dass sie von den Senatoren als grundlegende Gefahr fĂŒr deren Macht angesehen und ausgeschaltet wurden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Gegner der Gracchen und ihres mit Tiberius’ Tod nicht beendeten Reformwerks Scipio Aemilianus zum Diktator ernennen wollten, um den immer höher kochenden Aufruhr in Rom zu bekĂ€mpfen. Scipio war mit Tiberius verwandtschaftlich verbunden, aber politisch verfeindet. Er hatte Karthago und Numantia dem Erdboden gleichgemacht, es erscheint keineswegs ĂŒbertrieben, wenn Schubert meint, dass Sullas Handlungsweise zwei Generationen spĂ€ter als Blaupause dienen könnten fĂŒr das, was Rom bereits nach 129 v. Chr. hĂ€tte blĂŒhen können.

Der Tod Scipios löste zumindest dieses Problem. Nach seinem Tod unterblieben weitere Attacken gegen die Bodenreform und die Gefahr eines Aufruhrs war vom Tisch.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Das ist ein bemerkenswerter Hinweis. Der Tod eines Gegners und entschiedenen BekĂ€mpfers der Reformen war der Grund fĂŒr die ersterbenden Flammen der Empörung. Das gibt einen wichtigen Hinweis, wo der Unruheherd zu suchen ist. Das schwelende Feuer erlosch jedoch nicht, denn mit dem Volkstribunat des jĂŒngeren Gracchen-Bruders ging das Spiel in verschĂ€rfter Form weiter. Caius Gracchus entfaltete ein Feuerwerk an ReformaktivitĂ€ten, seine Gegner griffen zu neuen, durchaus perfiden Mitteln, um ihn zu stoppen.

Caius Gracchus kam am Ende im Rahmen einer brachialen Bluttat mit mehr als 3.000 Toten um. Charlotte Schubert skizziert den zeitlichen Ablauf: ZunĂ€chst habe sich der vormalige Volkstribun mit seinen bewaffneten AnhĂ€ngern auf den Aventin versammelt, erst danach sei diese bar jeglicher LegitimitĂ€t zusammengerottete Truppe AufstĂ€ndischer mit »umstĂŒrzlerischer« Absicht attackiert und niedergehauen worden. Kann man Caius tatsĂ€chlich unterstellen, er plante eine Aktion, die in einen BĂŒrgerkrieg gefĂŒhrt hĂ€tte? 

Es erscheint  richtig, dass die Morde von 133 und 121 v. Chr. »kaum zu vergleichen« (im Sinne von gleichzusetzen) sind, doch kann man in der Betrachtung der Ereignisfolge die Tötung des Tiberius nicht ĂŒbergehen. Sie war die erste Gewalttat, initiiert und ausgefĂŒhrt von Reformgegnern aus dem Senat. Allein die Überlieferung von Caius’ Traumgesicht, das ihm seinen Tod vorausgesagt haben soll, unterstreicht die Bedeutung des Mordes von 133 fĂŒr die Handlungsweise von Caius und seinen AnhĂ€ngern zwölf Jahre spĂ€ter. Der vielzitierte Traum wirkt eher wie ein illusionsloser Blick auf das besiegelte Schicksal des ehemaligen Volkstribuns.

Vielleicht war die Zusammenkunft auf dem Aventin eine letzte heroische Geste oder ein Akt der Verzweiflung, um das verwirkte Leben zu retten? Sie wirkt tatsĂ€chlich eher defensiv. 3.000 AnhĂ€nger des Gracchen wurden niedergemacht; auch wenn sie bewaffnet waren, mĂŒssen sich gegenĂŒber den KrĂ€ften des Opimius (»Schwerbewaffnete und BogenschĂŒtzen«) dramatisch unterlegen gewesen sein. Auch aus diesem Grund frage ich mich, ob  CaiusÂŽ Absicht tatsĂ€chlich »umstĂŒrzlerisch« im Sinne eines bewaffneten Aufstandes war, insbesondere angesichts der erbarmungslosen SchlĂ€chtermentalitĂ€t ihres Gegners.

Dreitausend Menschen haben die Widersacher des Volkstribunen Caius Gracchus niedergemacht; deren Vermögen zog die Staatskasse ein.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Selbst der Hinweis auf den rechtlichen Status von Caius als Privatmann zum Zeitpunkt seines Todes hilft nur bedingt weiter, denn die Ermordung seines Bruders hat gezeigt, dass auch ein Amt keinen Schutz mehr bot. Nicht umsonst versuchte Caius den Schutz gegen gewalttĂ€tige Übergriffe wiederherzustellen und zu erhöhen, gerade auch fĂŒr PrivatmĂ€nner, die oft dem Machtmissbrauch der Elite ausgesetzt waren; auch die Volkstribunen sollten vor Attacken nach Beendigung ihres Amtes geschĂŒtzt werden.

Vor allem aber ist augenfĂ€llig, dass die Reformgegner eine zutiefst destruktive Verhaltensweise an den Tag legten. Neben der schon aus den Zeiten des Tiberius bekannten Blockade sah sich Caius einer perfiden Taktik seiner Gegner gegenĂŒber: Die ÜberflĂŒgelung der Reformgesetze durch viel weiter reichende, die zwar von der Volksversammlung abgesegnet wurden, aber in keiner Weise finanzierbar waren und nicht umgesetzt wurden; ja, niemals umgesetzt werden sollten. Parallel wurden auf diese Weise Vorhaben des Caius abgeschwĂ€cht.

Charlotte Schubert ist in jedem Fall zuzustimmen, dass diese Vorgehensweise geschickt und sehr effektiv gewesen ist. Offen bleibt fĂŒr mich aber die Frage, woher dieser fundamentale, extrem aggressive und schließlich in dem sehr zwiespĂ€ltigen und rechtlich obskuren Senatus Consultum Ultimum mĂŒndende Widerstand eigentlich rĂŒhrte. Naheliegend wĂ€re die Vermutung, dass der Senat das Volkstribunat einhegen oder gar beseitigen wollte, mithin also eine institutionelle Umformung der Republik, die man den Gracchen und ihren AnhĂ€ngern unterstellte.

Faktisch fehlte „die ĂŒber Jahrhunderte eingeĂŒbten Verfahren der Konsensherstellung“, aus meiner Sicht macht Tod der Tribune deutlich, dass diese vor allem auf Seiten des Senats verschwunden war, und zwar auch gegenĂŒber ganz herausragenden Persönlichkeiten wie Fulvius Flaccus. Aber warum? Wo auf dem Weg vom Sieg ĂŒber Hannibal waren sie verloren gegangen? Einen Ersatz fĂŒr die Konsensherstellung gab es bis zum Ende der Republik nicht.

Das Instrument des Senatus Consultum Ultimum hat 121 keine Eskalation verhindert, spĂ€ter auch nicht. Nach dem Tod des Caius’ begann eine immer dramatischere Zeit der inneren Gewalt in der römischen Republik, endlose, blutige Kriege im Innern, Proskriptionen, Mord und Totschlag. Diejenigen, die Öl ins Feuer gegossen haben, saßen im Senat; dafĂŒr haben nicht nur die Gracchen einen hohen Preis bezahlt:

Mit der Ermordung der Tribunen und der Abschlachtung der Gefolgsleute des Caius hatte sich das senatorische Rom fĂŒr die Zukunft entscheidende Wege zur Konfliktlösung innerer Krisen verlegt – die Eliten fĂŒhrten so die Republik in eine Sackgasse, aus der es einhundert Jahre spĂ€ter endgĂŒltig keinen Ausweg mehr gab.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

So ist es.

[Rezensionsexemplar]

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Leben und Sterben des Tiberius und Caius Gracchus
C.H.Beck 2024
Gebunden 304 Seiten
ISBN: 978 3 40681372 6

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Das wohl wichtigste politische Buch, das ich 2023 gelesen habe. Die Textsammlung bietet eine fabelhafte Möglichkeit, kompetenten Osteuropa-Kennern und vor allem -Bewohnern zuzuhören. Es gibt einen Menge zu lernen, gerade auch fĂŒr den eigenen Standpunkt, die eigene Weltsicht. Cover edition fotoTAPETA, Bild mit Canva erstellt.

Das ganze Elend westlicher Gesinnungsethik und blinder Russophilie wird am Beitrag von Jens Herlth deutlich, der sich gegen einen pointierten Essay der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko zu russischer Literatur und Kriegsverbrechen richtet. Slawist Herlth unternimmt einen hilflosen Versuch, zu verteidigen, was nicht zu verteidigen ist.

In dem fabelhaften Sammelband »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« gibt es – zum GlĂŒck – mehrere weitere BeitrĂ€ge, die Herlth entschieden widersprechen und widerlegen. Das alles muss hier nicht wiederholt werden, stattdessen seien die Aspekte genannt, die am Beispiel eines Einzelnen zeigen, worauf der gesamte Band abzielt.

Bemerkenswert ist vor allem die Argumentationslinie Herlths, die ungewollt jene blinden Flecken offenbart, mit denen viele westliche Blicke gen Osten behaftet sind. Einmal nur gebraucht Herlth in seiner Replik das Wort »menschenverachtend«. Butscha? Folterlager? KindesentfĂŒhrungen? Terrorangriffe? Vergewaltigungen? Die genozidale Propaganda des Putin-Regimes?

Keineswegs. Herlth empört sich darĂŒber, dass fĂŒr russlĂ€ndische Soldaten der Begriff »Ork« verwendet wird und – in den sozialen Medien, also keineswegs offiziell (!) – der Wunsch geĂ€ußert wird, die Invasoren mögen DĂŒnger fĂŒr ukrainische Felder werden. WĂ€re Slawist Herlth auf der Höhe der Zeit, wĂŒsste er, dass selbst russische Regime- und Kriegskritiker ihr Land als »Mordor« bezeichnen.

Das ist in einer erschĂŒtternden Weise erbĂ€rmlich und bezeichnend: Herlth argumentiert »als ob«: Als ob Russland keinen Angriffskrieg fĂŒhren wĂŒrde; als ob es keinen Unterschied zwischen dem Angreifer und dem Angegriffenen gĂ€be; als ob die HerabwĂŒrdigung von Angriffskriegern gleichwertig mit deren verabscheuungswĂŒrdigen Verbrechen an Zivilisten und Kriegsgefangenen wĂ€re.

Der moralische Kompass scheint bei Herlth ein wenig durcheinandergeraten, und wer die Welt so verzerrt betrachtet, gerĂ€t recht schnell selbst in Ork-Verdacht. Dabei gĂ€be es an der scharfen Attacke, die Sabuschko gegen die russische Literatur reitet, einiges zu besprechen, wie die BeitrĂ€ge von Karlolina Kolpak & Aleksandra Konarzewska sowie Mathew Omolesky zeigen: Man mĂŒsste nur offen zuhören, statt schnappatmig zurĂŒckzukeifen.

Ukrainische Leben sind weniger wertvoll. Das ist keine SelbstverstÀndlichkeit, sondern eine ethische Wahl.
(Kateryna Mishchenko)

Eine der wesentlichen, in diesem Band immer wiederkehrenden Fragen ist: Soll man trotz des russlĂ€ndischen Angriffskrieges noch russische Literatur lesen oder wegen ihrer imperialen DNA boykottieren? Recht einheitlich ist die Ablehnung, gemeinsam mit russlĂ€ndischen KĂŒnstlern aufzutreten, auch wenn sich diese gegen Putin aussprechen.

Das sorgt in kultur- und ausgleichsbeflissenen westlichen Kreisen fĂŒr NaserĂŒmpfen, ein gutes Zeichen dafĂŒr, dass diese Kreise noch immer nicht begriffen haben. Auf die Frage, ob, was und wie man russische Literatur lesen sollte, gibt es vielfĂ€ltige Antworten; tatsĂ€chlich spricht einiges dafĂŒr, vor allem ukrainische Literatur zu lesen, weil sie gut ist und es ein Akt kultureller Dekolonisation sein kann.

Damit ist das Feld bereitet: »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« bietet dank der FĂŒlle an BeitrĂ€gen eine Menge an Themen und Sichtweisen, ĂŒber die man nachdenken kann, ja sollte, muss. Da wĂ€re jener von Timothy Snyder, der sich mit der fehlgeleiteten, verheuchelten deutschen Erinnerungskultur auseinandersetzt, welche die Ukraine Hand in Hand mit (Sowjet-)Russland ausblendet.

Man reiste nach Moskau, um dort Absolution (und Erdgas) zu bekommen.
(Timothy Snyder)

Noch wichtiger sind aus meiner Sicht jene wĂŒtenden, schonungslosen Auslassungen von Szczepan Twardoch, der gleich zweimal zu Wort kommt. Seine Zeilen sind nicht angenehm zu lesen, aber ungeheuer wichtig, denn fĂŒr die im Westen Geborenen, die in der komfortablen Bequemlichkeit ihrer Wachstums-Demokratie aufgewachsen sind, ist es unangebracht, Osteuropa zu belehren.

Es geschieht dennoch, insbesondere mit Blick auf Russland. Twardoch beschreibt das sehr passend als paternalistisch-herablassend, was bereits vor dem 24. Februar 2022 zu dramatischen Verwerfungen in osteuropĂ€ischen Staaten gefĂŒhrt hat. Der Schock ĂŒber den russlĂ€ndischen Angriffs- und Vernichtungskrieg war dort nicht so groß, weil man sich keinen grotesken Illusionen und Schönrednereien hingegeben hat.

Twardoch ist gnadenlos. Mit Vevre, aber keineswegs blindwĂŒtig zieht er in die Schlacht und unternimmt einen Streifzug durch die russlĂ€ndische Gewaltgeschichte. Dabei macht er auch nicht von SĂ€ulenheiligen ĂĄ la Alexander Solschenizyn halt, der im Westen dank seines »Archipel Gulag« einen besonderen Ruf genießt und mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Liebe westeuropÀische Intellektuelle: Ihr habe keine Ahnung von Russland.
(Szczepan Twardoch)

FĂŒr Twardoch verbindet sich die GrĂ€uel von Butscha mit dem Gesicht Solschenizyns und zwar mit dem des jungen Artilleriehauptmanns, der beim Einmarsch in Ostpreußen dabei gewesen war und – als kommandierender Offizier – zwar nicht an den Vergewaltigungen von Zivilistinnen teilnahm, aber diese eben auch nicht unterbunden hat.

Vor diesen »Befreiern« ist die halbwĂŒchsige Großmutter Twardochs geflohen, der Großvater musste im Januar als desertierter Volkssturmler mit ansehen, wie der sowjetische NKWD wahllos Erschießungen vornahm. Davon zieht Twardoch eine Linie zur Gegenwart und stellt die Frage, was nach Putins Abgang geschehen werde. Tauwetter statt Morgethau-Plan, fĂŒrchtet er.

Klingt brutal? Wer Witold Jurasz’ Beitrag liest, in dem er schonungslos aufzeigt, wie die Hörigkeit gerade deutscher Eliten gegenĂŒber Russlandmythen Europa zerstört, wird eines Besseren belehrt. Das Kind namens europĂ€ische Integration liegt tief im Brunnen und wenn man auf das kommunikative Desaster (!) um die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine schaut, versinkt es Tag fĂŒr Tag weiter.

[
]eine Politik, deren Tenor von deutschen Politikern bestimmt wird, wie sie jahrelang Nord Stream 2 forcierten und Russlandprognosen trafen, von denen keine einzige eingetreten ist. Die Kompromittierung der deutschen Russlandpolitik ist leider kein Argument fĂŒr, sondern gegen die vertiefte Integration.
(Witold Jurasz)

Jurasz legt den Finger in die Wunde, wenn er die DoppelzĂŒngigkeit und das fehlende Augenmaß von Menschenrechtlern kritisch beleuchtet. Diese ĂŒbersehen russlĂ€ndische Verbrechen und gestatten Russland Rechte, die man »den Amerikanern niemals zugestanden hĂ€tte«. Völlig zurecht weißt er daraufhin, dass US-Journalisten fĂŒr ihre Berichte ĂŒber Menschenrechtsverletzungen nicht sterben, russlĂ€ndische von »Unbekannten« ermordet werden.

Aus »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« lassen sich spektakulĂ€re Ideen ziehen. Was soll mit der russischen Sprache in der Ukraine geschehen? ZunĂ€chst einmal sollte klar sein, dass die Ukraine zweisprachig ist, Gwendoly Sasse hat das »kontextabhĂ€ngige BilingualitĂ€t« genannt. Russisch wird aus dem Alltag nicht komplett verschwinden. Oleksiy Radynski unterbreitet den Vorschlag, sie in Ostukrainisch umzubenennen, was aus unterschiedlichen GrĂŒnden eine Menge Charme hat.

Damit verbindet sich eine sehr weitgehende Idee, nĂ€mlich die russische Kultur zu dekonstruieren. Radynski meint damit, dass etwa deren »Pantheon« neu gestaltet gehört; statt ihn »Tolstojewski« zu ĂŒberlassen, sollte man Schriftsteller wie Nikolaj Leskow aufnehmen, der eine ganz andere Perspektive in und aus Russland gibt.

Die russische Sprache gehört uns, wir geben sie Putin nicht her.
(Oleksiy Radynski)

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Das ist ein schönes Beispiel dafĂŒr, auf welch’ eingedampften Niveau im Westen oft Diskussionen gefĂŒhrt werden – die Basis der Argumentation ist dĂŒnn, trotzdem werden weitreichende Aussagen getroffen. DafĂŒr gibt es den Begriff des »Westplaining«, der von Aliaksei Kazharski beleuchtet wird. Es ist eben nicht ein geographischer Ausschluss von Meinungen, sondern bezĂŒglich der fachlichen Kompetenz.

Auch in diesem Beitrag geht es differenziert zu, denn Kazharski erweitert »Westplaining« durch »Russosplaining« und »Ukrosplaining«. Der erste Begriff zeigt, wie fatal uninformiertes Urteilen sein kann, denn die russische Sicht vor dem Angriffskrieg projizierte Annahmen und Ideologien auf die Ukraine, wodurch der Blitzkrieg scheiterte.

Klar formulierte Kritik ist zugegebenermaßen unangenehm, doch wann ist es das nicht, wenn einem ein Spiegel vorgehalten wird? Dieser hier hat vielfĂ€ltige Facetten und ist umso wertvoller. Am Ende nĂ€mlich, wenn alle BeitrĂ€ge gelesen und reflektiert sind, bleibt die Erkenntnis, dass Oksana Sabuschko mit ihrer fulminanten Attacke vielleicht in der Wahl der Worte, doch nicht im Kern ihrer Aussage ĂŒberzogen hat. Eine Neubewertung des imperialen Russland ist dringend nötig. Bis dahin heißt die Devise: Fack ju, Puschkin.

[Rezensionsexemplar]

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«
Aleksandra Konarzewska, Schamma Schahadat, Nina Weller (Hrsg.)
edition fotoTAPETA 2023
Broschur 272 Seiten
ISBN: 978-3-949262-29-6

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Manche Kapitel lassen den Leser fassungslos zurĂŒck. Martin Sabrows detaillreiche Studie vermeidet glĂŒcklicherweise Gleichsetzungen mit der Gegenwart. Cover Wallstein-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In der vierten Staffel der Spielfilmserie »Babylon Berlin« findet ein Gerichtsprozess statt, der die Veröffentlichung von Details ĂŒber die geheime, vertragswidrige und das Völkerrecht brechende AufrĂŒstung Deutschland behandelt. Ein Unrechtsprozess, entwĂŒrdigend fĂŒr die angeklagten Journalisten, empörend fĂŒr deren Verteidiger und die Zuschauer vor dem Bildschirm; ja, auch ein wenig stiefelig in seiner grobgezeichneten Art.

Die Meinung ĂŒber die zunĂ€chst holzschnittartige Darstellung des Richters und der ProzessumstĂ€nde relativiert sich auf eine – ja, man kann es nicht anders nennen – dramatische Weise bei der LektĂŒre von Martin Sabrows ausgezeichnetem Buch Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution. Die historische Wirklichkeit war in monströser Weise grotesk; zugleich wird die Motivation von Zeitgenossen wie dem Film-Richter aus »Babylon Berlin« von dem Vorwurf, nur ein vergröbernder Holzschnitt zu sein, freigesprochen.

SpĂ€testens zu diesem Zeitpunkt stand der Republik ein Gegner gegenĂŒber, der nach StĂ€rke und Taktik fĂŒr einen neuen Anlauf zum Kampf um die Macht im Land ungleich besser gerĂŒstet war als beim ersten Putschversuch vom MĂ€rz 1920.

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Den Leser von Sabrows detailreicher und umfassender Darstellung beschleicht recht bald ein Frösteln, das sich spĂ€testens bei dem Kapitel ĂŒber den Prozess gegen die »Organisation Consul« in großes Frieren verwandelt hat. Das, was dort geschildert wird, war kein Justizversagen; es war der gelungene Versuch, ĂŒber eine Terror- und Umsturzorganisation einen Schleier zu werfen. Die Gegner agierten taktisch und strategisch vor Gericht gut, trotzdem: ohne den Beistand der Anklage (!) hĂ€tte auch das nicht gereicht.

NatĂŒrlich liest man aus der Sofaperspektive des Jahres 2023 in der Retrospektive mit, was seither geschah, den Untergang der Weimarer Republik und den Zivilisationsbruch, der Europa in den Abgrund stĂŒrzte und Millionen in den Tod riss. Die Zeitgenossen wussten das alles nicht, trotzdem waren sie hellsichtig genug, den Prozess richtig einzuordnen. Genutzt hat es nichts.

Das ist keine schlechte Justiz. Das ist keine mangelhafte Justiz. Das ist ĂŒberhaupt keine Justiz.

Kurt Tucholsky, zitiert nach Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Timothy Snyder hat völlig zurecht darauf verwiesen, wie viele kluge Leute zur Zeit der Weimarer Republik lebten, wie viele von ihnen treu zur Verfassung standen, ihre Ansichten in dem breiten Spektrum an Medien kundtaten, in zum Teil herausragender Weise, sprachlich und analytisch die AbgrĂŒnde ausleuchteten und aufzeigten. Das reichte nicht, um die Republik zu retten; sicher auch, weil es eine breitenwirksame Presse gab, der die Republik verhasst war. 

Zu den wirklich kuriosen Dingen gehört, dass sich der Staat in Gestalt der verfassungstreuen Parteien der Gefahr wohlbewusst war; um den schĂ€dlichen Einfluss der Justiz, die schon 1921 als fĂŒrchterlich antidemokratisch galt, einzudĂ€mmen, wurde ein Staatsgerichtshof in Leipzig gegrĂŒndet, der sich mit staatsgefĂ€hrdenden Umtrieben befassen sollte – ausgerechnet dort kam es zu der absurden Verkehrung von Anklage und Verteidigung.

Martin Sabrow schildert die Gegebenheiten und Entwicklungen mit nĂŒchternem und kĂŒhl-analytischem Tonfall, die regelmĂ€ĂŸig eingestreuten Pressezitate reichen neben den reinen Fakten völlig aus, den Leser unter Spannung zu halten. Ein großer Wert dieses Buches liegt darin, einmal genau zu zeigen, was es tatsĂ€chlich bedeutete, wenn eher allgemein von einer rechtslastigen Justiz die Rede ist; und wie sehr der Versailler Vertrag auch hier eine bedeutende Rolle bei der Handlungsmotivation spielte.

Da steht der Feind – und darĂŒber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts. Joseph Wirth, Reichskanzler

Reichskanzler Wirth, zitiert nach Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Außerdem werden generelle Aspekte der Weimarer Republik deutlich. Einmal bestand eine tiefe Kluft zwischen Stadt und Land, wĂ€hrend die urbanen Zentren von großen Wogen der Empörung ĂŒber die Attentate durchwogt wurden, blieb die Provinz im dumpfen Zustand von Ignoranz und GleichgĂŒltigkeit. Mancher lokale MandatstrĂ€ger wusste nichts von einem Außenminister Rathenau, geschweige denn von seiner Ermordung; die FlĂŒchtigen erhielten trotz massiver Strafandrohung UnterstĂŒtzung, keineswegs nur aus den Reihen der »Organisation Consul«.

Zweitens gelang es den demokratischen KrĂ€ften nicht, die strukturellen Defizite der Republik abzumildern. Weder die Justiz noch die Reichswehr noch die vielfĂ€ltigen völkisch-rassistischen VerbĂ€nde noch Verweigerer- und Rechtsbruchstaaten wie Bayern sowie erzkonservative KrĂ€fte der Wirtschaft konnten auf einen verfassungsmĂ€ĂŸigen Kurs gebracht werden.

Die offene Auseinandersetzung scheuten die Republikaner oft mit Ă€ngstlichem Blick auf die öffentliche Ordnung, AufstĂ€nde, wilde Streiks, Gewalt gegen Rechts und natĂŒrlich die immer beschworene Gefahr eines bolschewistischen Umsturzes waren diesen KrĂ€ften ein GrĂ€uel; ihre Gegner hatten diese Skrupel nicht, ein Strukturmerkmal, das schon 1848 geprĂ€gt und fĂŒr großes Unheil gesorgt hat. In diesem Fall hĂ€tte es vielleicht den Absichten der Putschisten in die HĂ€nde gespielt.

So ergibt sich am Ende ein ambivalentes Fazit: Die vom Weimarer Rechtsputschismus gelegte Spur der Gewalt reichte weit ĂŒber 1921/22 hinaus, aber in einer ungebrochenen KontinuitĂ€tslinie zum Rechtsterrorismus nach 1945 steht sie nicht.

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution

Die grĂ¶ĂŸte StĂ€rke von Martin Sabrows Buch bildet zugleich die grĂ¶ĂŸte Herausforderung fĂŒr den Leser: Detailreichtum und Vielschichtigkeit der einander ĂŒberlappenden Themenbereiche aus unterschiedlichen Perspektiven entreißen dem Zwielicht eine umfassende rechtsgerichtete Verschwörung gegen die junge Republik und grenzen sie gegenĂŒber der – letztlich siegreichen – nationalsozialistisch-völkischen ab. Hier die ĂŒberkommene putschistische Hermann Ehrhardts, dort die populistische Adolf Hitlers.

Ganz besonders segensreich an diesem sehr lesenswerten Buch ist, dass der Autor der Verlockung entgegentritt, die Morde der 1920er Jahre mit denen der Gegenwart gleichzusetzen; er vergleicht, nennt Gemeinsamkeiten und weist nachdrĂŒcklich auf die Unterschiede der Mordserie in der frĂŒhen Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland vor und nach 1990 hin. Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution bildet eine wunderbare Grundlage dafĂŒr, um ĂŒber Rechtsterrorismus und Rechtsstaat in unserer Zeit nachzudenken.

Verwiesen sei in diesem Zusammenhang noch auf den Roman von Das Spinnennetz von Joseph Roth, der von Oktober bis November 1923 als Fortsetzungsroman erschien und in seiner abrupten, temporeichen Form geradezu wie ein literarisches Echolot der rechten Gewalt wirkt – wenige Tage von Hitlers Novemberputsch. Auch die Verfilmung des Romans mit Ulrich MĂŒhe in der Hauptrolle des Weltkriegsleutnants Theodor Lohse ist sehenswert. 

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Martin Sabrow: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution
Wallstein-Verlag 2022
Gebunden 334 Seiten
ISBN: 978-3-8353-5174-5

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