
Wie konnte es so weit kommen?
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Das zweite Kapitel von Der Tod der Tribune ist mit dieser Frage ĂŒberschrieben. âSo weitâ meint dabei die brutale Ermordung des Volkstribuns Tiberius Gracchus im Jahr 133 v. Chr., das erbarmungslose Niederhauen von 300 seiner AnhĂ€nger, die nachfolgende SchĂ€ndung ihrer Leichen. Zehn Jahre spĂ€ter wurde der jĂŒngere Bruder, Gaius Gracchus, ebenfalls auf gewaltsame Weise mit 3.000 Gefolgsleuten getötet.
Der Vorgang ist – bis dahin – einmalig gewesen, die Folgen fĂŒr die Römische Republik werden als verheerend angesehen: Oft wird mit dem Doppelmord ein Anfangspunkt benannt, nach dem die Republik Schritt fĂŒr Schritt in den Abgrund glitt. DafĂŒr kann man GrĂŒnde anfĂŒhren: BeschĂ€digung der Verfassungsordnung, des sakrosankten Amte und des Rechts allgemein. Vor allem aber wurde ein doppelter PrĂ€zedenzfall geschaffen, nĂ€mlich, auf Gewalt zu setzen.
Politisch denkende Zeitgenossen mögen an dieser Stelle vielleicht an den Sturm auf das Capitol denken oder auch an den Angriff auf Robert Habeck, verbunden mit dramatischen BefĂŒrchtungen bezĂŒglich der Aussichten fĂŒr die westliche Demokratie. GrundsĂ€tzlich sind Analogien mit groĂer Vorsicht zu genieĂen, Vergleiche, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen, sind aber wichtig, sonst bleibt die LektĂŒre zwangsweise akademisch.
Andererseits tut akademische NĂŒchternheit und eine möglichst sachliche Betrachtung dessen, was ĂŒber die UmstĂ€nde, HergĂ€nge, GrĂŒnde und Folgen ĂŒberliefert ist und in der Forschung diskutiert wird, dem Thema gut. Die Gracchen werden manchmal in ein sozialromantisches Licht getaucht, als tragisch gescheiterte Retter der ins Straucheln geratenen Römischen Republik; eine Art Che Guevara – BrĂŒderpaar der Antike. Ausgerechnet Cicero hat allerdings eine ganz andere EinschĂ€tzung geĂ€uĂert.
Tiberius Gracchus der Ăltere [d.h. der Vater des ermordeten Volkstribuns] habe, so Cicero spĂ€ter, den Bestand der Republik gerettet, sein Sohn sie zertrĂŒmmert.
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Die Autorin Charlotte Schubert widmet sich zunĂ€chst der Mordtat und den nachtrĂ€glichen Versuchen einer Legitimation. Das ist wichtig, denn es zeigt, wie dĂŒnn und lĂŒckenhaft die Ăberlieferung ist und wie schwierig quellenkritisch tragfĂ€hige Aussagen sind. So steht Ciceros EinschĂ€tzung im Verdacht, weniger die realen Ereignisse zu bewerten, als einen Versuch zu unternehmen, die eigene Missachtung institutionalisierten Rechts zu ĂŒberdecken.
Tiberius und Caius Gracchus haben allein wegen ihrer Herkunft und sozialen Verankerung in der römischen Gesellschaft mehr mit ihren Gegnern als mit »dem Volk« gemeinsam: Sie gehörten zur Elite Roms. Tiberius bekleidete zwar das Amt eines Volkstribuns, er stammte weder aus dem Volk noch sprach er fĂŒr âdas Volkâ in einem sozialromantischen Sinne. Noch wichtiger ist ein anderer Punkt: Roms Elite befand sich in einem erbarmungslosen Wettstreit um Macht, Ansehen und Ruhm.
Der Tod der Tribune entfaltet nun ein politisches Panorama, das viele FĂ€den aufzeigt, die zu jenem KnĂ€uel fĂŒhrten, das mittels einer unerhörten Bluttat kurzfristig »gelöst« wurde. Im Kern drehte sich die Auseinandersetzung um die Bodenreform, die Zuteilung von Land an römische BĂŒrger, ein Projekt, das keineswegs nur die Gracchen vertraten und das nach dem Tod von Tiberius und Caius eben auch nicht in der Versenkung verschwand.
Es verbietet sich, hier auch nur den Versuch zu unternehmen, die komplexe und durchaus widersprĂŒchliche Entwicklung, immer ĂŒberschattet von der schwierigen Quellenlage, auch nur halbwegs adĂ€quat zu skizzieren. Das bleibt der LektĂŒre des ausgesprochen interessanten und sehr gut informierenden Buches vorbehalten. Der Leser wird Zeuge eines sich dramatisch zuspitzenden Machtkampfes, in den zufĂ€llig Ă€uĂere EinflĂŒsse hineinspielten.
Wieder einmal – wie so oft in der Geschichte – stellte sich das Geld als der entscheidende Punkt heraus: Tiberius brauchte fĂŒr die Verwirklichung seiner Reform die materiellen Mittel, und die Mehrheit des Senats wollte ihm nichts bewilligen.
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Die so genannte Schenkung durch Attalos III. von Pergamon etwa, mit der Rom als Erbe eines Königreichs im Osten wurde, war dabei wohl entscheidend. Um sich aus dem finanziellen WĂŒrgegriff des Senats zu befreien, versuchte Tiberius Gracchus per Gesetz den »Schatz« des verstorbenen Königs zur Finanzierung seines Vorhabens zu nutzen. Das dĂŒrfte der Schritt ĂŒber die »rote Linie« des Senats sein, wie Schubert meint, denn auĂenpolitische Angelegenheiten gehörten in dessen Verantwortungsbereich.
Entscheidend ist aber nach EinschĂ€tzung der Autorin das Verhalten des Volkstribuns wĂ€hrend seiner letzten Volksversammlung, das sie als unklug und wohl missverstĂ€ndlich beschreibt und fĂŒr seine Gegner nicht tolerierbar gewesen sei. Das ist durchaus nachvollziehbar. MachtkĂ€mpfe sind immer auch ein Ringen um HandlungsspielrĂ€ume inmitten der institutionalisieren und formalrechtlich festgelegten Grenzen, die dabei gedehnt und auch ĂŒberschritten werden.
TatsĂ€chlich haben das vor den Gracchen andere Mitglieder der Elite ebenfalls getan, ohne getötet zu werden. Umgekehrt bleibt aber die Frage, warum sich der Senat nicht nur mit bemerkenswerter Kompromisslosigkeit gegen das Reformvorhaben wandte, die Reformer brĂŒskierte, bloĂstellte und diskreditierte. Scheinbar waren Tiberius und spĂ€ter auch Caius so weit gegangen, dass sie von den Senatoren als grundlegende Gefahr fĂŒr deren Macht angesehen und ausgeschaltet wurden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Gegner der Gracchen und ihres mit Tiberiusâ Tod nicht beendeten Reformwerks Scipio Aemilianus zum Diktator ernennen wollten, um den immer höher kochenden Aufruhr in Rom zu bekĂ€mpfen. Scipio war mit Tiberius verwandtschaftlich verbunden, aber politisch verfeindet. Er hatte Karthago und Numantia dem Erdboden gleichgemacht, es erscheint keineswegs ĂŒbertrieben, wenn Schubert meint, dass Sullas Handlungsweise zwei Generationen spĂ€ter als Blaupause dienen könnten fĂŒr das, was Rom bereits nach 129 v. Chr. hĂ€tte blĂŒhen können.
Der Tod Scipios löste zumindest dieses Problem. Nach seinem Tod unterblieben weitere Attacken gegen die Bodenreform und die Gefahr eines Aufruhrs war vom Tisch.
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Das ist ein bemerkenswerter Hinweis. Der Tod eines Gegners und entschiedenen BekĂ€mpfers der Reformen war der Grund fĂŒr die ersterbenden Flammen der Empörung. Das gibt einen wichtigen Hinweis, wo der Unruheherd zu suchen ist. Das schwelende Feuer erlosch jedoch nicht, denn mit dem Volkstribunat des jĂŒngeren Gracchen-Bruders ging das Spiel in verschĂ€rfter Form weiter. Caius Gracchus entfaltete ein Feuerwerk an ReformaktivitĂ€ten, seine Gegner griffen zu neuen, durchaus perfiden Mitteln, um ihn zu stoppen.
Caius Gracchus kam am Ende im Rahmen einer brachialen Bluttat mit mehr als 3.000 Toten um. Charlotte Schubert skizziert den zeitlichen Ablauf: ZunĂ€chst habe sich der vormalige Volkstribun mit seinen bewaffneten AnhĂ€ngern auf den Aventin versammelt, erst danach sei diese bar jeglicher LegitimitĂ€t zusammengerottete Truppe AufstĂ€ndischer mit »umstĂŒrzlerischer« Absicht attackiert und niedergehauen worden. Kann man Caius tatsĂ€chlich unterstellen, er plante eine Aktion, die in einen BĂŒrgerkrieg gefĂŒhrt hĂ€tte?Â
Es erscheint richtig, dass die Morde von 133 und 121 v. Chr. »kaum zu vergleichen« (im Sinne von gleichzusetzen) sind, doch kann man in der Betrachtung der Ereignisfolge die Tötung des Tiberius nicht ĂŒbergehen. Sie war die erste Gewalttat, initiiert und ausgefĂŒhrt von Reformgegnern aus dem Senat. Allein die Ăberlieferung von Caiusâ Traumgesicht, das ihm seinen Tod vorausgesagt haben soll, unterstreicht die Bedeutung des Mordes von 133 fĂŒr die Handlungsweise von Caius und seinen AnhĂ€ngern zwölf Jahre spĂ€ter. Der vielzitierte Traum wirkt eher wie ein illusionsloser Blick auf das besiegelte Schicksal des ehemaligen Volkstribuns.
Vielleicht war die Zusammenkunft auf dem Aventin eine letzte heroische Geste oder ein Akt der Verzweiflung, um das verwirkte Leben zu retten? Sie wirkt tatsĂ€chlich eher defensiv. 3.000 AnhĂ€nger des Gracchen wurden niedergemacht; auch wenn sie bewaffnet waren, mĂŒssen sich gegenĂŒber den KrĂ€ften des Opimius (»Schwerbewaffnete und BogenschĂŒtzen«) dramatisch unterlegen gewesen sein. Auch aus diesem Grund frage ich mich, ob CaiusÂŽ Absicht tatsĂ€chlich »umstĂŒrzlerisch« im Sinne eines bewaffneten Aufstandes war, insbesondere angesichts der erbarmungslosen SchlĂ€chtermentalitĂ€t ihres Gegners.
Dreitausend Menschen haben die Widersacher des Volkstribunen Caius Gracchus niedergemacht; deren Vermögen zog die Staatskasse ein.
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Selbst der Hinweis auf den rechtlichen Status von Caius als Privatmann zum Zeitpunkt seines Todes hilft nur bedingt weiter, denn die Ermordung seines Bruders hat gezeigt, dass auch ein Amt keinen Schutz mehr bot. Nicht umsonst versuchte Caius den Schutz gegen gewalttĂ€tige Ăbergriffe wiederherzustellen und zu erhöhen, gerade auch fĂŒr PrivatmĂ€nner, die oft dem Machtmissbrauch der Elite ausgesetzt waren; auch die Volkstribunen sollten vor Attacken nach Beendigung ihres Amtes geschĂŒtzt werden.
Vor allem aber ist augenfĂ€llig, dass die Reformgegner eine zutiefst destruktive Verhaltensweise an den Tag legten. Neben der schon aus den Zeiten des Tiberius bekannten Blockade sah sich Caius einer perfiden Taktik seiner Gegner gegenĂŒber: Die ĂberflĂŒgelung der Reformgesetze durch viel weiter reichende, die zwar von der Volksversammlung abgesegnet wurden, aber in keiner Weise finanzierbar waren und nicht umgesetzt wurden; ja, niemals umgesetzt werden sollten. Parallel wurden auf diese Weise Vorhaben des Caius abgeschwĂ€cht.
Charlotte Schubert ist in jedem Fall zuzustimmen, dass diese Vorgehensweise geschickt und sehr effektiv gewesen ist. Offen bleibt fĂŒr mich aber die Frage, woher dieser fundamentale, extrem aggressive und schlieĂlich in dem sehr zwiespĂ€ltigen und rechtlich obskuren Senatus Consultum Ultimum mĂŒndende Widerstand eigentlich rĂŒhrte. Naheliegend wĂ€re die Vermutung, dass der Senat das Volkstribunat einhegen oder gar beseitigen wollte, mithin also eine institutionelle Umformung der Republik, die man den Gracchen und ihren AnhĂ€ngern unterstellte.
Faktisch fehlte âdie ĂŒber Jahrhunderte eingeĂŒbten Verfahren der Konsensherstellungâ, aus meiner Sicht macht Tod der Tribune deutlich, dass diese vor allem auf Seiten des Senats verschwunden war, und zwar auch gegenĂŒber ganz herausragenden Persönlichkeiten wie Fulvius Flaccus. Aber warum? Wo auf dem Weg vom Sieg ĂŒber Hannibal waren sie verloren gegangen? Einen Ersatz fĂŒr die Konsensherstellung gab es bis zum Ende der Republik nicht.
Das Instrument des Senatus Consultum Ultimum hat 121 keine Eskalation verhindert, spĂ€ter auch nicht. Nach dem Tod des Caiusâ begann eine immer dramatischere Zeit der inneren Gewalt in der römischen Republik, endlose, blutige Kriege im Innern, Proskriptionen, Mord und Totschlag. Diejenigen, die Ăl ins Feuer gegossen haben, saĂen im Senat; dafĂŒr haben nicht nur die Gracchen einen hohen Preis bezahlt:
Mit der Ermordung der Tribunen und der Abschlachtung der Gefolgsleute des Caius hatte sich das senatorische Rom fĂŒr die Zukunft entscheidende Wege zur Konfliktlösung innerer Krisen verlegt – die Eliten fĂŒhrten so die Republik in eine Sackgasse, aus der es einhundert Jahre spĂ€ter endgĂŒltig keinen Ausweg mehr gab.
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
So ist es.
[Rezensionsexemplar]
Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Leben und Sterben des Tiberius und Caius Gracchus
C.H.Beck 2024
Gebunden 304 Seiten
ISBN: 978 3 40681372 6






