Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Historischer Roman (Seite 1 von 4)

Am Anfang war – Bornholm

Bornholm 2006. Der Blick aufs Meer.

Bei den meisten meiner noch nicht realisierten Schreibprojekte könnte ich nicht sagen, wo und wann ich die Inspiration bekommen habe. Im Falle meiner Abenteuerreihe um Joshua und Jeremiah schon: Bornholm. Im Sommer 2006 haben wir dort mit unserem Nachwuchs Urlaub gemacht, im Norden dieser ganz wundervollen Insel, mit ihrem ungeheuer schönen Wanderweg von Allinge nach Hammershus.

Wir hatten ein Ferienhaus mit Blick aufs Meer. Wenige Monate später stand der Geburtstag meines ältesten Sohnes an, der Bücher geliebt hat. Also kam mir die Idee: Schreib ihm doch ein Büchlein. Piraten standen hoch im Kurs und das große Piratenschiff von Playmobil war als Geschenk geplant. Natürlich auch ein standesgemäß zugerichteter Kuchen!

Da ich einen Laptop mitgenommen hatte, saß ich nach zwei, drei Urlaubstagen abends am Tisch, den Blick hinaus auf die graue Ostsee, und habe mich gefragt: Was könnte man so erleben? Schreiben mit Blick aufs Meer ist eine wundervolle Angelegenheit – noch einmal, 2016, habe ich das in Frankreich, Bretagne, erleben dürfen.

Einige Dinge sind tatsächlich noch immer genau so, wie ich sie damals geschrieben habe. Spurenelemente im ersten und zweiten Band. Die Namen der beiden Hauptfiguren, Joshua und Jeremiah, zum Beispiel; der Name des Schiffs, mit dem Joshua von London aufbricht: Sturmvogel. Jener Seemann, der ihm im Hafen einige Dinge aus seiner eigenen Vergangenheit berichtet.

Und doch hat sich die Geschichte seitdem mit Siebenmeilenstiefeln von ihren Anfängen entfernt. Dazu werde ich in den nächsten Beiträgen etwas schreiben. Hier bleiben wir bei den Anfängen. Und aus diesen rührt der Name »Piratenbrüder« her.

Bornholm 2006. Die Ostsee kann auch Meer.

Beim Geburtstag einige Monate nach dem Bornholm-Urlaub wartete tatsächlich ein kleines, schwarz gebundenes Büchlein mit dem Titel »Piratenbrüder« mit der Auflage 1 auf seinen ersten Leser. Es war ein mitreißendes Erlebnis, es vorzulesen, für alle Beteiligten. Eine Erinnerung, warm wie Kaminfeuer. 

Der zweite Band ist unmittelbar danach entstanden, ehe sich eine mehrjährige Pause anschloss. Irgendwo (ich weiß natürlich ganz genau, wann und wo) im Roman hält Joshua inne und blickt kurz zurück – fassungslos über den Weg, den er bis zu diesem Punkt zurückgelegt hat. Und so geht es mir in diesem Moment auch ein wenig, wenn ich an die sieben Teile der Abenteuerreihe denke.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Vor Jahren, beim Fußball der Kinder, erzählte ein aus Rumänien Zugezogener, wie schockiert er gewesen sei, als er die ersten Tage in Düsseldorf verbracht habe. Dort habe man in den Straßen ausschließlich Deutsch gehört. In dem Ort, in dem er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, sei alles zu hören gewesen: Rumänisch, Ungarisch, Ukrainisch, Deutsch, Bulgarisch, Slowakisch und so weiter.

Die Worte waren wie das Echo einer vergangenen Welt . In Europa war es vor dem Zweiten und besonders vor dem Ersten Weltkrieg gar nicht so ungewöhnlich, dass mehrere Sprachen das Hörbild der Straßen großer und kleiner Städte, ja auch Dörfer prägten. Wer die Erinnerungen von Soma Morgenstern (In einer anderen Zeit) oder auch Stefan Zweigs (Die Welt von Gestern) gelesen hat, kennt andere Echos dieser Zeit.

Das jugoslawische Königreich wirkte bisweilen wie ein Umschlagplatz, auf dem keine Handelswaren, sondern politische Ideen, nationale Spinnereien, Abenteurer, Agenten und Flüchtlinge verladen wurden.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Split, in dem Alida Bremers Roman »Träume und Kulissen« spielt, ist auch so ein Echo, ein besonderes. Ich gestehe, dass ich erst einmal eine Karte konsultieren musste, um herauszufinden, wo dieser Ort überhaupt liegt. Dalmatien, eine historische Region, die bereits seit zweieinhalbtausend Jahren immer wieder im Fokus politischer Umwälzungen gelegen hat. Hier hat Bremer die Handlung ihres Romans angesiedelt.

Dessen erster Satz ist eine Irreführung, zugleich der eiserne Faden der Handlung, der genug kriminalistische Motive aufgreift und ausführt, dass man ihn auch als Krimi lesen könnte. Allerdings gehört „Träume und Kulissen“ zu jenen kriminalistisch angehauchten Geschichten, die ganz etwas anderes erzählen möchten. Split ist 1936 ein Tummelplatz unterschiedlicher Kräfte aus vielen Nationen und politischer Ideologien, mit widersprüchlichen Zielen, die Konflikte entfachen.

Irgendwann um die Mitte des Buches findet sich eine sehr stimmungsvolle Szene, die auf den ersten Blick idyllisch wirkt. Wer je eine Reise in die mediterrane Welt unternommen hat, kann das Geschilderte nachempfinden. Die Atmosphäre täuscht.

Zu dieser Stunde kehrten die Bauern von den Feldern zurück, ihre Frauen tischten Makkaroni oder Polenta mit heißem brudet auf, man schnitt dicke Scheiben von den Brotlaiben und füllte Wein in Glaskaraffen, während die Kinder noch durch die Gassen liefen, die Fischer sich vor ihren Barken versammelten, um den Himmel zu begutachten und sich über den Fischfang der bevorstehenden Nacht auszutauschen. Die Fensterläden, die tagsüber vor der Sonne schützten, wurden aufgerissen. Mit der Dunkelheit stieg vom Meer ein zarter Luftstrom auf.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Im gleichen Kapitel wird ein Gespräch geführt, das die antimoderne Strömung Mitte der 1930er Jahre schmerzhaft offenlegt: Rassismus, antimodernes Frauenbild, gerade der italienischen Faschisten, ideologisch Hand in Hand mit der katholischen Kirche, Kriegsträumerei, Imperialismus, um nur einige zu nennen.

Dieses Neben- und Gegeneinander vor politischen Ansichten, die so gar nichts mit dem »zarten Luftstrom« gemeinsam haben, sondern menschenverachtend und in einem atemberaubenden Maße rückwärtsgewandt sind, und Idylle gehört zu den großen Vorzügen des Romans.

Die Abgründe werden beim Namen genannt, wenn ausgerechnet jener Mann, der sich mit den neuen Ideologien nicht anfreunden will und auch die herabwürdigende Verachtung gegenüber den Frauen ablehnt, die Opfer des Abessinienkrieges als minderwertige Untermenschen ansieht. Sie verstünden ohnehin niemals Dante Alighieri – was also wollte Italien mit den »Negern«?

Spätestens an dieser Stelle verweht auch der letzte Hauch Idyll. Der Leser weiß, was die handelnden Figuren nicht wissen, einige von ihnen argwöhnen oder unken: Blutige Jahre, mit brutalsten Gewalttaten, hunderttausenden Toten liegen vor dem zerrissenen Land namens Jugoslawien. Und wie bei einem nur mühsam abgedichteten, nicht erloschenen Vulkan sollten fünfzig Jahre später die Gewalttaten noch einmal aufflammen.

»Es würde mich nicht wundern, wenn wieder ein Krieg ausbrechen würde. Und ich könnte mir vorstellen, dass der neue Krieg noch schlimmer sein wird als der letzte.«

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Das Split dieser Erzählung ist nicht umsonst »Kulisse« mehrerer Filme, die von einem deutschen Filmteam gedreht werden sollen. Die Schatten von Hitlers Deutschland und Stalins UdSSR liegen auch auf diesem Landstrich, aus der Ferne treibt die ideologische Frontstellung die innere Spaltung voran, denn es gibt Anhänger des Ante Pavelić, des späteren faschistischen Führers Kroatiens, und solche des Josip Broz Tito, einem Revolutionär mit kommunistischen Neigungen. Das kommende Drama in zwei historischen Figuren konzentriert.

Doch die Deutschen kommen keineswegs nur als obskure Mitglieder von Filmteams, denen Spionage und subversive Tätigkeiten unterstellt werden. Es gibt auch jene, die fliehen; jene, die Schlepper brauchen, um eine Passage in die USA zu ergattern.

Hier schlägt der Roman eine Brücke in die Gegenwart, in der Flüchtlinge in vielen Teilen der Welt, gar nicht so weit weg vom ruhigen Zentraleuropa um eine Zukunft und ihr Überleben kämpfen. Wie wahrscheinlich zu jeder Zeit reagieren auch die Menschen im Roman zwiegespalten und widersprüchlich auf die »Reisenden«, wie das Zitat schön zeigt.

Es gibt Menschen, die davon träumten auszuwandern, und zugleich argwöhnisch die Reisenden beäugten, die in letzter Zeit durch die Gassen der Stadt schlichen.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Im Laufe der Handlung werden auch Antworten auf die kriminalistischen Fragen gefunden, die den Leser durch die überhitzten Tage begleiten. Eine Vielzahl von Personen ist mehr oder weniger in den Fall verwickelt, einige werden von den mit verschiedenen politischen Zielen verfolgenden Behörden hineingezogen. Im Laufe der Romanhandlung nehmen Lärm, Willkür und Gewalt in kleinem Rahmen das voraus, was noch folgen wird.

Insgesamt bleibt »Träume und Kulissen« seltsam unscharf, als läge die geschilderte Hitze auch über den Worten. Der Leser wird nicht an die Hand genommen und im Sinne des um sich greifenden betreuten Lesens durch das Buch geleitet, Perspektiv- und Ortswechsel, Sprünge, Handlungen ohne explizite Erläuterung oder Motivation machen das Lesen spannend; man kann das Buch auch als Krimi zum Schmökern lesen, sich des Essens und der Wärme erfreuen und warten, bis der Mörder enthüllt wird. Doch das Ende holt jeden Leser irgendwann ein.

Literarische Begegnung mit F.C. Delius

Ende Mai 2022 ist der Schriftsteller Friedrich Christian Delius verstorben. Im Netz gibt es so viele Nachrufe, dass ich keinen hinzufügen möchte, stattdessen will ich meine Begegnungen mit seiner Literatur schildern. Der Grund ist: Delius hat einige sehr interessante, unterhaltsame und vor allem inhaltlich gewinnbringende Romane und Erzählungen verfasst, die »Birnen von Ribbeck« einmal ausgenommen.

Ich war selbst ein wenig überrascht, wie viele Bücher ich von ihm gelesen habe. In meinem Regal nehmen sie nur einen vergleichsweise geringen Raum ein, denn ich besitze nur Taschenbücher, außerdem fallen die Werke zum Teil recht schmal aus. Das ist aber kein Nachteil, denn Delius hat etwas zu sagen, wofür er eben nicht episch ausholen muss.

Das gilt für mein Lieblingsbuch von ihm: »Die linke Hand des Papstes«. Es ist ein perfekter Reisebegleiter für einen Trip nach Rom. Dort habe ich es mit großen Vergnügen ein weiteres Mal gelesen, abends, wenn es frisch geworden war und ich davor in meiner kleinen Unterkunft Schutz gefunden hatte. Tagsüber habe ich die üblichen Stätten der Stadt besucht und bin immer wieder auf einen caffé al banco irgendwo eingekehrt. Merke: Ein mürrischer Barista zaubert bisweilen tollen caffé.

Es geht um die Hand dieses Papstes namens Benedikt.

Das Buch über die linke Hand des Papstes reicht weit über Rom hinaus. Delius, der in dieser Stadt 1943 das Licht der Welt erblickte, hat mit Italien einige Rechnungen zu begleichen, die sich als Gegenpart der unerträglichen Schwärmerei gegenüber diesem Land lesen. Gesellschaftlich, politisch und religiös herrschen unappetitliche Zustände, die der Autor wunderbar boshaft und mit sehr spitzer Feder zu Papier bringt.

Besonders beeindruckt hat mich »Die Frau, für die ich den Computer erfand«. Was für ein Titel! Und was für eine Form! Delius nutzt die Szenerie eines Interviews bzw. Gesprächs, bei der nur der Befragte zu Wort kommt. Ja, so kann man einen ganzen Roman erzählen. Und was für einen. Konrad Zuse hat während des Zweiten Weltkrieges einen Computer gebaut, der tatsächlich funktionierte – 1945, in Göttingen, meiner Wahlheimat. Hier können Sie lange nach einem Hinweis darauf suchen, was sehr viel mehr über diese Stadt, die angeblich »Wissen schafft«, sagt als alle hübschen Fachwerkbauten.

Zuse hat auch gemalt. Seit Protrait von Bill Gates hat er diesem in den 1990er Jahren selbst übergeben.

Richtig gern gelesen habe ich auch »Die Flatterzunge«. Ein Musiker tourt mit seinem Orchester in Israel und unterzeichnet einen Getränkebeleg mit »Adolf Hitler«. Was nach dieser Entgleisung folgt, kann man sich denken, auch wenn die dem fiktionalen Text zugrundeliegende Handlung 1997, also lange vor den so genannten digitalen Scheiterhaufen namens Soziale Medien geschah. Was treibt jemanden zu so einer Tat? Delius gibt eine Art von Antwort.

Das erste Buch des Autors, was mir in die Hände fiel, war »Bildnis der Mutter als junge Frau«. Ein langer Innerer Monolog einer Einundzwanzigjährigen, die im Januar 1943 durch Rom geht, hochschwanger (Delius kam im Februar 1943 in Rom zur Welt), während ihr Mann in Afrika soldatiert. Es ist jene Zeit, als in Stalingrad eine ganze Armee verreckt und das große Sterben auch auf deutscher Seite beginnt; der befremdete Blick auf die scheinfriedliche Umwelt Roms aus einer Frau »in anderen Umständen« heraus ist berührend.

Im Januar 1943 waren Italien und das Deutsche Reich noch verbündet; in Rom war es ruhig. Ein dreiviertel Jahr später hatte sich alles gewandelt.

Ein ganz besonderer Reise-Roman ist »Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, bei der Delius seinen Protagonisten auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (»Spaziergang nach Syrakus«) nachvollziehen lässt. Aber: Die Hauptfigur lebt in der DDR, die sie illegal verlassen muss, um den Lebenstraum einer Reise nach Italien zu verwirklichen.

Besonders schön ist auch »Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde«. Es verknüpft einen der Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland, den WM-Sieg 1954, mit dem Befreiungsschlag eines Kindes, das sich aus dem erstickenden Überbau des heimischen Pastorvaters herauskämpft. Ein Fußballbuch? Nein.

Ein Gründungsmythos der Bundesrepublik; bei Delius Anlass für eine Lossagung.

Der Roman »Mein Jahr als Mörder« dreht sich um die mörderische Wut, die ein ungerechtes Urteil entflammen kann. Der Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse, der während des so genannten Dritten Reichs unter anderem Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt hatte, wird in der Bundesrepublik freigesprochen. Die Empörung lodert hell, ein Student entschließt sich zur Tat. Delius nimmt hier die Nachkriegsjustiz aufs Korn und berührt die uralte Frage nach »Gut« und »Böse«.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Dieser Roman „Propaganda“ von Steffen Kopetzky ist so vielschichtig, dass es schwerfällt, einen geeigneten Zugang für eine Besprechung zu finden. Ein kleines Beispiel: der „Crazy Nigger Highway“. Dieser rassistische Begriff wird im Roman von den Zeitgenossen als Spitzname für ein ebenso gigantisches, wie vergessenes oder missachtetes Logistik-Unternehmen verwendet, dem ein wesentlicher Anteil für den schnellen Vormarsch der alliierten Truppen zugesprochen wird.

Rund 6.000 Lastwagen betrieben den „Red Ball Highway“ oder „Red Ball Express“, eine Nachschublinie quer durch Frankreich, eine Art Nabelschnur zwischen den wenigen großen Häfen am Atlantik und der nach Osten vorrückenden Front. Die LKW wurden zu drei Vierteln von Afroamerikanern gesteuert, die unmenschliche Belastungen auf sich nahmen, damit der Express nicht zum Stocken kam. Die deutsche Luftwaffe war deren geringstes Problem; Schlamm, Treibstoffverbrauch und Materialermüdung neben der immer weiter reichende Strecke schon eher.

Die Hauptfigur in Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, der US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln (fragt ihn bloß nicht…!), John Glueck, macht sich eines Nachts auf den Weg in den Hürtgen-Wald, dem mythischen, verlustreichen Schlachtfeld der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Wehrmacht, auch „Fleischfabrik“ geheißen. Sein Taxi: Ein Truck auf dem „Red Ball Highway“, gesteuert von einem Afroamerikaner. Dem ersten, dem Glueck in seinem Leben die Hand reicht, obwohl es ihm leicht gefallen wäre, das vorher zu tun.

Vom Hürtgen-Wald nach Vietnam

Es ist eine lehrreiche Nacht. Glueck lernt den Rassismus und die großen Gefahren kennen, die davon für die USA ausgehen, ihre Demokratie und Freiheit. Und den kuriosen Widerspruch, dass diese Armee in den Kampf zieht, um die Freiheit gegen ein zutiefst rassistisches Regime zu erzwingen. Den Rassismus ist die Armee nicht losgeworden, auch im unseligen Vietnam-Krieg war dieser virulent, wie zum Beispiel im Sachbuch „Krieg ohne Fronten“ dargestellt.

Damit ist die Verbindung zum zweiten, wichtigen Erzählmotiv geschaffen: Vietnam. „Propaganda“ wird auf zwei Zeitebenen erzählt, was mich immer für einen Roman einnimmt. Der Erzähler selbst sitzt im Knast, spätestens seit der Blechtrommel ein vertrautes literarisches Motiv, dem Kopetzky glücklicherweise eine sehr eigenständige, amerikanische und erfreulich abwechslungsreiche Note verleiht.

Der Anlass seiner Einbuchtung ist banal, der Grund hingegen etwas, das die amerikanische Gesellschaft in ihren Fundamenten erschütterte: die Pentagon-Papers. Wie der Autor das einflicht und mit seinem Helden verknüpft, bleibt an dieser Stelle ungenannt, doch soviel darf gesagt sein: Das Thema ist bis in unsere Zeit hochsensibel und brandaktuell, eigentlich Grund genug, einen Roman wie „Propaganda“ zu lesen.

Erzählen ist niemals unschuldig

Der zweite, große Erzählstrang in diesem Buch ist die Erzählkunst, ihre Irrungen, Wirrungen und Untiefen. John Glueck ist selbst Autor, er sitzt ja an seinem ersten Roman, hat als junger Mann an Sommercamps über literarisches Schaffen teilgenommen und läuft während der sich entfaltenden Handlung einer ganzen Reihe amerikanischer Autoren über den Weg: Bukowski, Salinger und natürlich Ernest Hemingway.

Bei der Lektüre habe ich immer wieder an ein Büchlein aus der Feder des französischen Autors Eric Vuillard gedacht. In seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk „Die Tagesordnung“ heißt es, nichts sei unschuldig in der Kunst des Erzählens. Ein Brückenschlag zu dem, was „Propaganda“ erzählt, ist einfach, denn unschuldig ist auch hier wenig bis gar nichts, wie Glueck selbst an einer Stelle sehr treffend reflektiert.

Amerikanisch im besten Sinne

Der Erzählstil, den Kopetzky gewählt hat, mutet sehr amerikanisch an, im besten Sinne. Zu meiner großen Erleichterung hat er sich nicht wie so mancher hochgelobter Autor aus den USA in den Sümpfen erzählerischer Selbstgefälligkeit verirrt und seinen Roman mit weitschweifigem Geschwafel überladen.

Von einer einzigen, typisch amerikanischen Szene (Gerichtsmonolog) einmal abgesehen, ist der Roman abwechslungsreich und voller Überraschungen, lang angelegten und exekutierten Verknüpfungen und rasanten Wendungen, die Kopetzky in den historischen Kontext eingebettet hat. Die Hauptfigur ist wunderbar vielgestaltig, Offizier, Schreiber, Liebhaber, mitgenommen vom Leben, deutsch und amerikanisch – ja, ein Gluecksfall.

Wie alle gute Literatur hat „Propaganda“ auch etwas Sperriges, was gemäß literaturbürokratisch orientierten Schreibtipps nie hätte geschrieben, geschweige denn gedruckt werden dürfen. Denn es fordert den Leser, manchen überfordert es auch, doch was macht das schon? Denn unter dem Strich bleibt so viel, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Propaganda im Internet-Dschungel-Krieg

Die Propaganda mag im Ersten Weltkrieg ihre Geburtsstunde gehabt haben, seitdem bilden Propaganda und Krieg ein untrennbares Paar. Beide entwickeln sich weiter, das Bild hat das Wort längst an Bedeutung überflügelt. Dank Apples iPhone ist ein nichtstaatliches Element hinzugekommen, das eine Flut an Bildern liefert und den Wahrheitsgehalt von Information für die Unbeteiligten noch weniger durchschaubar macht.

Der Krieg im Roman wurde 1944 im Wald gefochten, in Vietnam war es der Dschungel, der die Amerikaner so überforderte, dass ihnen wahnsinnige Ideen sinnvoll erschienen (Agent Orange). Die Gegenwart hat ein virtuelles Dickicht gebildet, und aus dem Dunkel dieses Dschungels, in dessen so genannten Sozialen Medien ein ewiger Krieg geführt wird, klingt geschickt gemachte Propaganda besonders schaurig.

Kopetzkys „Propaganda“ auf dem sehr schönen Literaturblog von Kaffeehaussitzer besprochen. Seine treffende Rezension hat einen etwas anderen Schwerpunkt und verrät ein wenig mehr von der Handlung.

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Les enfants du désastre Teil 3

Im dritten und letzten Teil seiner Trilogie aus der Zeit zwischen dem siegreichen Ende des Ersten Weltkrieges und dem desaströsen Beginn des Zweiten lässt der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre abermals das offizielle Frankreich in einem Licht erscheinen, das wenig bis nichts von der klischeehaften Gloire aus der Nationalhymne aufweist.

Der Autor arbeitet sich in „Spiegel unseres Schmerzes“ an der ebenso überraschenden wie verheerenden Niederlage Frankreichs (Belgiens, der Niederlande und dem britischen Expeditionsheer) gegen die Wehrmacht im Mai/Juni 1940 ab. Er setzt auf den Kontrast, der für den Leser umso größer ausfällt, je mehr dieser über den Feldzugverlauf, den Vorbereitungen und den Ersten Weltkrieg weiß.

„Der Staatssekretär war ein Mann um die sechzig. Sein pausbäckiges Gesicht und die schmollenden Lippen vermittelten den Eindruck, er würde gleich losschluchzen.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Es ist eine gängige Erkenntnis, dass Kriege immer mit Blick auf den vorangegangenen geplant würden und es daher kein Wunder sei, wenn kein Plan die erste Gefechtsberührung überlebe. Frankreich hat sich eingemauert, einen starken Befestigungsgürtel gebaut und zugleich seine defensive Strategie auf die Erkenntnisse aus dem deutschen Angriff 1914 ausgerichtet.

Die Wehrmacht ist 1940 erwartungsgemäß wie im Ersten Weltkrieg in Belgien, Luxemburg (und den Niederlanden) eingerückt, doch handelte es sich „nur“ um ein Lockmanöver, um die Franzosen sowie das britische Expeditionsheer nach Norden zu locken. Dort angekommen, wurden den Armeen die rückwärtigen Verbindungen gekappt, weil die Wehrmacht durch die Ardennen Richtung Ärmelkanal vorgestoßen ist.

Der Krieg 1940 endete mit einer ungeheuren Niederlage für Frankreich, das nach nur sechs Wochen besiegt, gedemütigt und für Jahre besetzt worden ist. Man sollte sich das vor Augen führen, wenn heute französische Politiker von Deutschland höhere Ausgaben für die Verteidigung fordern – wie unvorstellbar doch die Entwicklung gegenüber der Zeit vor einhundert Jahren gewesen ist.

„Die in Zwanzigerreihen aufgestellten Filter sahen aus wie dicke Edelstahlfässer oder gutmütige Riesenmilchkannen, was Gabriel nicht im Geringsten beruhigte. Sie sollten vor einem Giftgasangriff schützen, doch für ihn waren sie nichts anderes als ängstliche, versteinerte Wachposten.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Was mit „Schmerz“ gemeint ist, dürfte zumindest im Ansatz deutlich sein, doch der Roman bohrt wie ein garstiger Finger in mehr als einer offenen Wunde: Auf der persönlichen, individuellen Ebene haben die fürchterlichen Fehlentscheidungen der französischen Eliten, ihr Selbstbetrug dafür gesorgt, dass der Feind aus dem Osten erfolgreich sein konnte. Lemaitre lässt die Entzauberung durch seine starken Figuren besorgen.

Sie tragen tadelige Züge. Hochstapler. Diebe. Deserteure. Schieber. Klugschwätzer, die am Tresen ihre angeblichen strategischen Einblicke ausbreiten. Und doch haben sie alle ihre überraschenden Seiten, wenn sie sich unter dem Druck der Ereignisse entscheiden müssen  und das nolens volens tun. Von ihrer Führung sind sie längst im Stich gelassen worden.

Zugleich entlarven sie die absurden Entscheidungen der militärisch-politischen Eliten, die ihrerseits zum Mäntelchen des Pathos und der Lüge greifen, um sich zu schützen. Es sind wundervolle Figuren, die sich im Roman tummeln! Vielschichtig, wankelmütig und zugleich stark, wenn die Lage kritisch wird – auch ein schwarzer Spiegel zur Landesführung.

Lemaitre ist bisweilen atemberaubend boshaft, wenn er seine Sprachkunst in eine scharfklingige Waffe verwandelt und erbarmungslos einsetzt – dabei nie mit dem plumpen Knüppel drischt, sondern gewandt und feinsinnig austeilt. Das etwas längere Zitat zeigt wunderbar, wie der Autor kunstvoll die Hilflosigkeit bloßstellt:

„Doch viel beunruhigender war für ihn die Anwesenheit einer Vielzahl von Militärs in Galauniform. Als er die Spitzen des Generalsstabs erblickte, Marschall Petain, General de Castelnau, General Gouraud und so fort, hatte er sich gefragt, ob diese Männer während der Invasion des Landes durch den Erbfeind nichts Besseres zu tun hatten, als einer Messe beizuwohnen. […] Die Messe zog sich endlos hin. Fernand fragte sich, wie viele Kilometer mochten die Panzerdivisionen von General Guderian in dieser Zeit wohl zurückgelegt haben. Es [..] wurde allen klar, dass Gott gerade zum Oberbefehlshaber ernannt worden war.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Der Roman ist wieder aus mehreren Perspektiven erzählt, deren Handlungsträger anfangs nichts miteinander zu tun haben und die doch alle durch zarte Bande miteinander verbunden sind und im Laufe der Erzählung auf einen Ort zustreben, wo sie sich treffen. Das Elend des Krieges wird auf jeder Seite spürbar. Zu den bedrückendsten Szenen gehört jene, in denen Lemaitre den Angriff deutscher Kampfflugzeuge auf eine Flüchtlingskolonne auf den Straßen nach Süden schildert.

Nur einmal wird so etwas wie eine Kampfhandlung geschildert und Lemaitre bleibt seinem Wesen glücklicherweise treu, weil er darauf verzichtet, auch nur den Hauch pathetischen Weihrauchs zu schwenken, denn die beiden „heldenhaften“ Verteidiger einer Brücke agieren mehr zufällig und willenlos, bewirken zudem mit ihrer Tat rein gar nichts, denn die deutschen Panzer wälzen sich in langen Kolonnen schier unaufhaltsam weiter.

Es ist ein wenig schade, dass die Trilogie zu einem Ende gekommen ist. Dabei sind die Bande der drei Teile untereinander eher lose, in diesem Band übernimmt ein Mädchen aus dem ersten eine tragende Rolle, das zugleich Erinnerungen an einige damalige Protagonisten hegt. Und doch hängt alles miteinander zusammen, eingerahmt von den beiden fürchterlichen Kriegen.

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