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Schlagwort: Historischer Roman (Seite 1 von 7)

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der Roman wurde 2022 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und weithin gelobt. Für mich eher eine Enttäuschung. Cover Hanser, Bild mit Canva erstellt.

Die ersten achtzig Seiten war meine Lektüre von mehr oder weniger lautlosen Seufzern begleitet, ehe der preisgekrönte Roman seine Qualitäten entfaltet. Danach nimmt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Leser gefangen und hält ihn fest umschlungen, auch wenn der Inhalt von den Pageturner-Niederungen weit entfernt ist, möchte man unbedingt weiterlesen. Der letzte Romanteil ist bedauerlicherweise eine Enttäuschung und so bleibt ein zwiespältiger, tendenziell negativer Eindruck zurück.

Romane mit Ich-Perspektive oder Schriftstellern als Protagonisten bereiten mir immer Mühe, tritt beides in Kombination auf und drehen sich Gedanken und Gespräche der Handelnden um die Schreiberei, Literatur und den Buchmarkt, wird es zäh. Diese Dreifaltigkeit ist meine literarische Nemesis und in Moahamed Mbougar Sarrs Roman tritt sie dem Leser entgegen. Tatsächlich habe ich an manchen Stellen sogar erwogen, die Lektüre einzustellen.

Doch sind Sprache und Inhalt von Anbeginn an auf einem recht hohen Niveau, die Erzählung geht flott voran und touchiert bereits das, was nach rund einem Fünftel anhebt: Die Suche nach T.C. Elimane, dem verschollenen und von Rätseln umwirkten Schöpfer eines skandalträchtigen Romans. Der ist 1938 unter dem Titel Das Labyrinth des Unmenschlichen erschienen und wurde gefeiert und angefeindet, wie es zum – nun, ja: guten Ton der Literaturszene gehört.

Ich sage es dir noch einmal: Das Ganze ist nichts weiter als eine Komödie. Eine finstere Komödie.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der junge Schrifsteller Diégane, senegalesischer Herkunft wie Elimane und wohnhaft in Paris (wo auch sonst), gehört zu einer Generation von Schreibenden, die noch auf der Suche sind und sich dabei gern in worthülsige Debatten um „die Literatur“ und ihre Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Sinn, Unsinn und allerlei andere unlösbare, daher unendlich ergiebige Themen ergehen. Um es vorwegzunehmen: In ähnlich schwergängigem Gelände endet der Roman auch wieder.

Diégane ist mit dem geheimnisvollen Buch Elimanes in Berührung gekommen, obwohl es wegen Plagiatsvorwürfen vom Verlag zurückgezogen werden musste. Eigentlich gibt es keine Exemplare mehr, doch wird Diégane überraschenderweise mit einem beschenkt – ein zweischneidiges Schwert, denn die Schenkerin beneidet und bemitleidet den Beschenkten zugleich. Ominöse Prophezeiungen dieser Art haben immer etwas Stiefeliges, leider bleibt es nicht die letzte im Romanverlauf.

Elimanes Roman wohnt ein Zauber inne, der seine Leser in Bann schlägt. Zumindest die Schriftsteller-Peer von Diégane kann sich diesem nicht entziehen, auch die Hauptfigur nicht. Dergleichen Geniales etwas ist immer etwas problematisch in Romanen (oder Filmen), denn ausgedachte Genialität kann immer nur behauptet und nicht gezeigt oder erzählt werden. Passagen, die über die Brillanz des jeweiligen Werkes Auskunft geben sollen, wirken rasch aufgeblasen.

Ja, sagte ich, ja, in diesem Land will ich Bürgerin sein, diesem Königreich will ich Treue schwören, dem Königreich der Bibliothek.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Das kann man nicht von den Rezensionsschnipseln sagen, die Sarr in seinen Text einstreut. Das Feuilleton ist begeistert, neidisch, beleidigt, misstrauisch, vorwurfsvoll und rassistisch und auch vernichtend. Dem Autor ist es gelungen, diese Einschübe (und viele andere) organisch mit seiner Erzählung zu verweben, gleichzeitig den Fluss des Erzählens zu brechen – als handelte es sich um Steine in einem Strom.

Sarr spielt mit der Sprache und den Erzählperspektiven, der Leser darf sich immer wieder auf Neues einstellen, der gewohnte Gang des Erzählens wechselt, Perspektiven lösen sich auf, geschickt eingeflochten in die Handlung durch Erscheinungen und Assoziationen, wodurch die zeitlich und örtlich weit voneinander entfernt liegenden Ereignisse unmittelbar miteinander verknüpft werden. Als Leser ist man gut beraten, aufmerksam zu sein, sonst überhuscht man leicht jene kleinen Hinweise darauf, wer eigentlich spricht.

Inhaltlich hat mich ein Aspekt besonders beeindruckt. Die Geschichte, die mir in Studium und Lektüre so vertraut geworden ist, wird in diesem Roman aus einer ganz anderen Sichtweise geschildert, nämlich der mehrerer Senegalesen. Kolonialismus, kulturelle Assimilation und die Liebe zu einem Land, das als Beherrscher auftritt, für das der Beherrschte dennoch in den Krieg zieht. Einfach ist hier gar nichts, denn dieses Handlungsmotiv führt zu einem Kern von Die geheimste Erinnerung der Menschen.

»Mit Hilfe seiner afrikanischen Söhne und Brüder wird Frankreich den Krieg schnell gewinnen.«

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Die Spurensuche, die Sarr in bemerkenswert abwechslungsreicher Weise ausführt, ist spannend, trägt kriminalistische bzw. allgemeiner formuliert investigative Züge. Die Hauptfigur jagt einem Phantom nach, das nicht gefunden werden will; ihm begegnet man, wenn er es will. Leider dichtet Sarr seinem Elimane intellektuelle und körperliche Eigenschaften an, die man ihm ab einem gewissen Punkt nicht mehr abnehmen möchte.

Sarr scheut sich nicht, die Grenzen zwischen Realität und Mystik verschwimmen zu lassen, das funktioniert zumeist, weil er diese Übertritte auf erklärbaren Ursachen fußen lässt – etwa Drogen, Fieber und natürlich Träume. Weniger fundamentiert sind die Äußerungen derjenigen, die sich mit dem Buch und seinem Urheber befassen, Elimane Wirkung und die seiner Schrift, die seine Leser wie ein Zauberelexir in – man muss es leider so deutlich sagen – schwülstige Verzückung versetzt.

Das Ende erscheint mir schwach, der letzte Satz regelrecht banal. Das ist immens schade, denn auf dem langen Weg dahin touchiert Sarrs Erzählen eine ganze Reihe hochspannender Aspekte, etwa die Erlebnisse seines Freundes Musimbwa, der über ein immens beklemmendes und bedrückendes Kindheitserlebnis berichtet und lang langem Kampf mit sich selbst eine radikale Abkehr von der europäischen Literatur-Kultur hin zu einer eigenen Tradition vollzieht. Das bleibt aber bloße Episode, wie viele andere Dinge, etwa den – scheinbar obligatorischen – Nazi-Auftritt und eine Halbsatz-Jagd nach selbigen Schurken im Nachkriegssüdamerika.

So bleibt ein zwiespältiges Empfinden zurück, auch wenn ich Die geheimste Erinnerung der Menschen insgesamt für durchaus lesenswert halte. Der Roman hat unbestreitbar Stärken, ist ungewöhnlich vielfältig in Stil und Form, die nicht zu Fingerübungen verkommen, sondern mit dem Inhalt verwoben bleiben, der überwiegend mit einer schönen Sprache dargeboten wird. Trotzdem bleibt der Eindruck, einen schwächeren Preisträgerroman des Prix Goncourt gelesen zu haben.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen
aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hanser Verlag 2022
Hardcover 448 Seiten
ISBN: 978-3-446-27411-2

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Ein schönes, stimmungsvolles Cover, mit dem Haus Vaterland, gelungen wie der ganze Roman. Cover Kiepenheuer und Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Buchreihen sollten sich steigern. Volker Kutscher ist das mit seiner Reihe um Gereon Rath gelungen. Der vierte Band, Die Akte Vaterland, in der Reihe um den in Berlin tätigen Kommissar hat mir deutlich besser gefallen als die ohnehin guten Vorgänger. Das liegt an der größeren Vielschichtigkeit, sowohl der Handlungsstränge als auch der Themen. Die Handlung setzt im Sommer 1932 ein, die Weimarer Republik lauscht dem Lied vom Tod.

Rath, der Unpolitische, wird Zeuge von tiefgreifenden Veränderungen. Die Regierung Brüning ist gestürzt und ersetzt durch eine unter der Leitung von Papens. Die SA, Hitlers braungewandete Schlägerbande, terrorisiert wieder die Straßen, die Gewalt, die durch das zeitweilige Verbot unter Brüning eingedämmt wurde, schwillt wieder an. Für die Polizei eine zusätzliche Belastung – doch ist schon spürbar, wie die braune Gülle auch in deren Reihen eindringt.

Kutscher verknüpft auf ganz wunderbare Weise die veränderte Stimmungslage mit dem Fall, der Rath beschäftigt. Dieser wehrt sich nach Kräften, sich mit den politischen Verhältnissen auch nur zu beschäftigen, doch die Morde, denen er nachzugehen hat, sind mit Nationalismus, Rassismus und völkischem Gepöbel eng verwoben. Die Wurzeln und Motive der Tat, die nach und nach aufgedeckt werden, reichen in die Vergangenheit, in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, den blutigen Wirren im Osten.

Ganz nebenbei erfährt der Leser einiges über die – in der Rückschau – kaum fassbaren Verhältnisse dieser Zeit. Rath muss Berlin verlassen und seine Ermittlungen in Ostpreußen durchführen, genauer gesagt im Grenzbereich zu Polen. Vor Ort wird er mit der heiklen Wirklichkeit konfrontiert, die in einer unerschütterlichen Treue zu Preußen und dem Reich etwa der masurischen Bevölkerung besteht – die trotz ihrer eher dem Polnischen zuneigenden Sprache klar pro-deutsch eingestellt sind.

Sie glauben nicht, wer sich alles in diesem Land unter Preußens Krone eingefunden hat im Laufe der Jahrhunderte: Deutsche, Franzosen, Holländer, Schlesier, Litauer, Juden und natürlich Polen. Und alle verstehen sie sich als Preußen.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Politische Agitatoren nutzen dies aus, schüren den Hass auf die polnischen Nachbarn, gestützt auf braun-uniformierte Schlägertrupps wird jedem Andersdenkenden zugesetzt. Ein Verhalten, das bereits Tradition besitzt, verändert haben sich die Äußerlichkeiten und der verschärfte Revanchismus. Kutscher hat diese Dinge geschickt in die Aufdeckung des Falles eingeflochten, der Leser wird – wie Rath – damit konfrontiert, ohne das Gefühl zu haben, im Geschichtsunterricht zu sitzen.

Was mir besonders gefällt, ist die Figur des Kommissars Gereon Rath, der neben Ecken und Kanten eben auch ganz unverkennbare Schatten in seiner Persönlichkeit hat. Er mag die Braunhemden nicht, ist aber nicht unbedingt ein erklärter oder gar aktiver Demokrat; er liebt seine Charlotte Ritter, bricht jedoch sein Wort und verhält sich in einer Weise, zeitgemäß mit viel Patina bedeckt ist, etwa in seiner ritterlichen Attitüde. Kein einfach gestrickter Held, mir umso lieber. Und so freue ich mich auf den fünften Teil.

Ein kleiner Lese-Tipp noch: Harald Jähners Höhenrausch ist ein perfekter Begleiter für die ersten Teile der Krimireihe von Volker Kutscher. Das Haus Vaterland spielt dort – wie vieles andere – auch eine Rolle, vor allem aber erfährt der Leser eine Menge über Stimmungen, Mentalitäten, Rollen und deren Entwicklung während der Weimarer Republik.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland
Kiwi-TB 2014
576 Seiten
ISBN: 978-3-462-04646-5

Eine Begegnung im Sommer 1944

Im preisgekrönten Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es eine Schlüssel-Szene, die mir seit dem ersten Lesen unvergessen geblieben ist.

Frankreich 1944: Ein französischer Widerstandskämpfer und ein deutscher Offizier stehen sich gegenüber. Zwei Meter trennen sie, unüberwindliche zwei Meter, nicht zuletzt wegen des Stacheldrahts. Der Deutsche ist der Gefangene, der Franzose sein Bewacher. Zwei Antagonisten, wie man sie aus hunderten von Büchern und Filmen kennt, eine saubere Trennung nach Gut und Böse. Einfach und schön.

Doch so einfach ist es nicht, glücklicherweise, sonst wäre der Literatur eine Textstelle entgangen, die für mich ein Schlüsselmoment darstellt. Sie entstammt dem genialen Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni, der den Leser in ein Spiel mit Antagonismen hineinzieht, an dessen Ende diese augenscheinlichen Klarheiten gewichen sind.

Der Franzose und der Deutsche kennen sich von einer Begegnung aus dem Jahr 1943. Der Offizier hat den Vater des Widerständlers, der einen Laden unterhält, trotz seiner Schwarzmarktaktivitätn davonkommen lassen. Warum er das getan habe, erkundigt sich der Franzose. Alle hätten Schwarzhandel betrieben, den einen hätte er bestraft, den anderen eben nicht, meint der Deutsche.

Willkür, mit achselzuckender Gleichgültigkeit eingestanden.

Das ist erst der Auftakt, denn der Offizier war bei einer Aktion beteiligt, bei der ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde. Jedem historisch halbwegs Informierten wird der Name Oradur sûr Glane etwas sagen, diese brutalte Vernichtungsaktion war keineswegs das einzige Verbrechen dieser Art in Frankreich.

Der Deutsche erklärt, das man Terror ausgeübt habe, um gegen den Maquis vorzugehen. Eine »militärische Taktik« sei das, die gezielt die Zivilisten ins Visier nähme, um Schrecken zu erzeugen – allein Maquisarden zu töten würde nicht reichen. Ein »raffiniertes Instrument«, um den Partisanen die Unterstützung zu unterziehen  – durch »unpersönlichen Terror«.

Bis zu diesem Punkt ist alles bekannt und gewöhnlich – doch das ändert sich schlagartig und macht diese Textstelle zu einem Schlüssel des gesamten Buches, für mich auch darüber hinaus.

Der Deutsche erkundigt sich, was der Franzose an seiner Stelle getan hätte. Der wehrt die Frage lakonisch ab, in dem er darauf verweist, das er eben nicht an der Stelle des Deutschen gewesen sei. Er habe alles getan, um nicht an seiner Stelle zu sein.

Eine Haltung, die auch von Nachgeborenen in abgewandelter, angepasster Form vorgetragen wird, sie findet in der Formulierung von der »Gnade der späten Geburt« oder dem briefeschreibenden Sofapazifismus ihren Niederschlag. Mit diesem Kniff ist man auf der Seite der Guten.

»Das Rad dreht sich, junger Mann.«

Alexis Jenni: Die Französische Kunst des Krieges

So lautet die Antwort des Deutschen. Sie ist zunächst einmal nichts anderes als eine bildliche Umschreibung, dass die Geschichte nicht stehenbleibt, sondern weitergeht. Eben noch Herr gewesen, jetzt Gefangener, eben noch derjenige, der über das Schicksal entscheidet, jetzt im Ungewissen über das eigene Schicksal, über das von anderen entschieden wird. Der Franzose hat den Platz des Deutschen eingenommen.

Es ist ein Rollentausch, der – nach Ansicht des Offiziers – durchaus die Möglichkeit beinhaltet, eben auch in anderer Hinsicht an seine Stelle zu treten, wenn der Franzose wie er selbst zuvor »für Ordnung sorgen«, also die gleichen schrecklichen Dinge tun oder anordnen müsse.

Das ist eine Warnung, eine Prophezeiung – wir müssen nicht so tun, als kennten wir nicht den Gang der Geschichte: Indochina. Algerien. Orte des Schreckens, an denen Franzosen fürchterliche Dinge getan und Verbrechen begangen haben. Ihre Gegner, das soll nicht verschwiegen werden, auch.

Der Deutsche hat noch einen Ratschlag parat.

»Das Rad dreht sich. Nutzen Sie Ihren Sieg aus, Ihren noch ganz neuen Sieg, nutzen Sie den schönen Sommer aus. 1940 war das schönste Jahr meines  Lebens. Danach war es nicht mehr so schön. Das Rad dreht sich.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Indochina und Algerien sind die Orte, an denen sich diese Prophezeiung verwirklicht, denn die Ereignisse dort waren alles andere als »schön«. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser des Romans längst, was in Algerien geschehen ist, von jenem Blutzoll unter Zivilisten, er weiß, dass hier tatsächlich eine Art Stabwechsel vollzogen wird.

Eben noch Opfer, dann Sieger und wenig später Täter.

Das Motiv der Ordnung, für die gesorgt werden muss, der Rollentausch von Herr und Knecht, Sieger und Besiegtem ist eine Art Stabwechsel. Interessanterweise ist mir dieses Motiv  jüngst in einem anderen Roman schon einmal begegnet, wenn John Glueck in Steffen Kopetzkys Propaganda die amerikanische Armee durch den Kampfkontakt mit der  deutschen Wehrmacht selbst ein wenig in diese Richtung driften sieht – mit verheerenden Folgen, nämlich in Vietnam.

Was also bleibt von jenem schönen, einfachen, gefälligen und äußerst bequemen Antagonismus, von dem anfangs die Rede war? Er löst sich auf, die klaren Konturen verschwimmen. Die Prophezeihung des deutschen Offiziers, dass die Freude über den militärischen Sieg von kurzer Dauer sein und ein Rollentausch erfolgren könnte, hat sich als richtig erwiesen.

Alexis Jenni geht noch einen Schritt weiter: Er stellt seiner Hauptfigur, dem Franzosen Victorien Salagnon, im Verlauf der Handlung zeitweise einen anderen Deutschen zur Seite, der mit ihm in Indochina  gegen den Vietminh kämpft. Eben noch Feind, nun Waffenbruder in einem brutalen, ungerechten und dummen  Kolonialkrieg, in dem die Franzosen von den Vernichtungskriegern adaptieren, wie man Terror gegen die Zivilbevölkerung einsetzt.

In Algerien haben sie dann eine eigene Kunst des Krieges entwickelt; Krieg und Kolonie gehen dennoch verloren. Alexis Jenni betreibt damit keineswegs eine Form der Verharmlosung von Verbrechen, die in der NS-Zeit in den von der Wehrmacht eroberten und besetzten Ländern verübt wurden; ganz im Gegenteil. Er verweist darauf, dass Geschichte nichts Statisches ist, die Rollen werden immer wieder neu verteilt.

Deutsche im Indochina-Krieg

Einige Impressionen zu diesem Thema. Man beachte die Fahrräder auf dem linken oberen Bild, sie waren im Indochina-Krieg Frankreichs kriegsentscheidend. Recht unten Soldaten der Waffen-SS, in der Mitte Fallschirmjäger in Indochina. Cover jeweiliger Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Tausende Deutsche haben in Indochina gegen den Vietminh gekämpft. Während der amerikanische Vietnamkrieg gut dokumentiert und vielfach in Romanen und Filmen erzählt worden ist, gibt es recht wenig über den französischen, gar nicht zu reden von der deutschen Beteiligung.

Als ich ein Kind war und in einem kleinen Dorf lebte, ging über einen Außenseiter das Gerücht um, er wäre »bei der SS« gewesen und in »Indochina«. Ich wusste bereits, welcher Landstrich sich hinter dem Namen Indochina verbirgt und wo der weiteste Vormarsch der Wehrmacht endete – es musste also Nonsens sein, was man sich erzählte.

Letztlich ist es ein einziger Satz in dem Roman Der stille Amerikaner von Graham Green  gewesen, der mich eines Besseren belehrte, mindestens zehn, vielleicht fünfzehn Jahre später. Der Erzähler ist in Indochina mit einem Boot an der Front unterwegs, man überquert ein Gewässer, jeden Augenblick in Gefahr, vom Vietminh attackiert zu werden. (In der hervorragenden Verfilmung mit Michael Caine bleibt dieses Motiv übrigens unerwähnt.)

»Ich hörte, wie hinter mir jemand mit feierlichem Ernst auf deutsch sagte »Gott sei dank«. Abgesehen vom Leutnant bestand fast die ganze Gruppe aus Deutschen.«

Graham Green: Der Stille Amerikaner

Es ist die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Frankreich versucht, seine zwischenzeitlich von den Japanern besetzten Kolonien in Asien zurückzuerobern. Der Indochina-Krieg, der erste oder – wenn man die japanische Besatzung miteinrechnet – der zweite, in jedem Fall die verhängnisvolle Ouvertüre zum amerikanisch Vietnam-Desaster. Er wurde von französischen Truppen, der Kolonialarmee und der Fremdenlegion ausgefochten. In deren Reihen kämpften tausende Deutsche.

Es war also möglicherweise keine Lüge, die mir aufgetischt worden ist. Es wäre durchaus denkbar, dass dieser Mann während des Zweiten Weltkrieges bei der Waffen SS gedient und sich nach Kriegsende in der Fremdenlegion Frankreichs verdingt hat. Über die genaueren Umstände weiß ich mittlerweile einiges, wenn die Informationen auch unbefriedigend und unzureichend sind.

Ein für mich faszinierender Umstand, dass Kriegsgegner plötzlich Seite an Seite kämpften, fern von Europa, fern von der Heimat. Seither habe ich immer wieder Bücher gelesen, um ein Bild von jenen zu bekommen, die in der Fremdenlegion gekämpft haben. L´ennemie util – der nützliche Feind (Bericht im Der Spiegel), wie ein französisches Buch zu diesem Thema heißt.

Das Engagement von Deutschen in der Fremdenlegion ist auch insofern interessant, weil während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS kämpften. Manche davon gehörten zu den letzten Verteidigern in Berlin 1945, es gehört zur Ironie von Geschichte, dass sie ausgerechnet am Belle-Alliance-Platz kämpften, jenem Ort, der an Napoleons finale Niederlage gedenkt.

Die Dokumentation ist auf Französisch, allerdings mit englischen Untertiteln.

Warum haben sie für den jeweils anderen gekämpft? Nicht nur die Franzosen für die Wehrmacht und die Deutschen für die Legion, sondern hunderttausende, ja Millionen  Europäer? Was motiviert jemanden dazu, eine »fremde« Uniform anzuziehen und mit der Waffe in der Hand ins  Feld zu ziehen?

Die Antworten sind vielfältig, absonderlich und klingen oft nach einer Ausrede – kann  man ernsthaft in der Wehrmacht gedient haben und behaupten, man  habe es für die Zukunft der eigenen Kinder getan? So hat es ein Veteran in der obigen Dokumentation geäußert. Vielleicht wollten einige auch schlicht etwas vom Kuchen abhaben, den die Wehrmacht erobert hatte; zu den Siegern gehören.

Sicher steckten in vielen Fällen auch ganz individuelle Gründe dahinter, etwa Abenteuerlust oder das Bedürfnis, aus engen Verhältnissen auszubrechen. Manchmal auch existenzielle, wenn etwa Ukrainer, Letten, Litauer usw. als Kriegsgefangene vor der Wahl standen, zu verhungern oder sich als Hiwi verdingen.

Und wie steht es mit den Deutschen in Indochina? Im Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es einen bezeichnenden Dialog.

»Aber was tun Sie eigentlich in Indochina?«
»Ich kämpfe wie Sie.«
»Aber Sie sind doch Deutscher.«
»Na und? Sie sind ebenso wenig Indochinese wie ich, soweit ich das beurteilen kann. Sie führen Krieg und ich führe Krieg. Kann man etwas anderes tun, wenn man nur das gelernt hat? […] Alle Leute, die ich in Deutschland kannte, sind  in einer Nacht umgekommen. Die Orte, in denen ich gelebt habe, sind in derselben Nacht ausradiert worden. […]«
»Sie wollen mir doch wohl  nicht  erzählen, Sie seien  ein unschuldiges Opfer des  Krieges. Die größten Sauereien haben  doch Sie begangen, oder etwa nicht?«
»Ich bin  kein  Opfer, Monsieur Salagnon. Deshalb bin ich in Indochina  und nicht Buchhalter in einem wiederaufgebauten Büro in Frankfurt. Ich habe vor, mein Leben als Sieger zu beenden.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des krieges

Ein wenig Remarque, jene Generation, die nichts anderes als das Kämpfen gelernt hat und nicht in ein ziviles Leben zurückkehren kann, allerdings im Schatten von Holocaust und Vernichtungskrieg. Mit dem Sieg wurde es nichts, am Ende standen eine vernichtende Niederlage bei Dien Bien Phu, Kriegsgefangenschaft und Tod.

Die Deutschen in französischen Kriegsdiensten sind eine Art Echo auf die Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Wafen-SS, sie haben am Vernichtungskrieg mitgewirkt und – wie im Roman von Jenni zu lesen – ihre Erfahrungen in Indochina einfließen lassen: zum Beispiel bei brutalen Verhören. Die Franzosen haben davon gelernt, es adaptiert und selbst Hand angelegt, ihre eigene Version dieser »Kunst des Krieges« gepflegt.

Die Kunst des Krieges ändert sich nicht.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Was ist eigentlich Indochina? Eine historisch-geographische Bezeichnung, die nur noch in der Erinnerung existiert, wie etwa Burgund, überlagert von nachfolgenden Ereignissen. In dem genialen Spielfilm Apokalypse Now wurden jene Szenen herausgeschnitten, in denen der Protagonist auf seiner Flussreise in den Irrsinn auf eine Enklave trifft, umnebelt von der Zeit, in der noch Kolonialfranzosen ausharren. In der Redux-Version kann man sie sich ansehen.

Ihr Schicksal ist überlagert von jenem, das danach folgte, jener amerikanische Krieg in Vietnam, als Indochina nicht mehr war, als ein historisches Gespenst auf der Flucht aus der Erinnerung. Immerhin wird der französische Indochinakrieg in manchen ausführlichen Dokumentationen noch erwähnt, ein Vorspiel, das aus französisch-kolonialer Sicht eher ein Nachspiel gewesen ist. Oder im Rahmen der blutigen Dekolonisation ein Auftakt.

Ursprünglich auf arte.tv ausgestrahlt, die amerikanische Dokumentation über den Vietnam-Krieg. Der Indochina-Krieg Frankreichs wird auch thematisiert, mit Fokus auf der Unterstützung durch die USA.

Während es zahlreiche Bücher und Filme über den amerikanischen Vietnamkrieg gibt, sind die Erwähnungen des französischen rar, die deutsche Beteiligung daran noch rarer. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum mich der Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni so angesprochen hat, denn in diesem brillanten Roman ist das ein bemerkenswertes Motiv. Der Deutsche stirbt nach der Kesselschlacht von Dien Bien Phu in einem Gefangenenlager des Vietminh.

Jenni greift in seinem  Roman aber weiter aus, die erzählten Linien jenes Teils, der von der Vergangenheit berichtet, reichen bis in den Zweiten Weltkrieg, als Frankreich besetzt war; in Indochina war es wiederum der Besatzer, wie auch in Algerien, dem Schlussakt jenes zwanzig Jahre währenden Krieges, in den Frankreich verwickelt war, ehe es sich geschlagen, gedemütigt und mit Schuld beladen zurückgezogen hat.

Graham Green: Der stille Amerikaner. dtv 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-13129-2
Karl Marlantes: Matterhorn. Heyne Verlag 672 Seiten.
ISBN: 978-3-045-367657-2
Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Luchterhand HC 768 Seiten.
ISBN: 978-3 442-74770-2
Pierre Thoumelin: L´ennemi utile. Schneider. 2020
ISBN: 978-1-527-27103-6

Der stille Amerikaner. Regie Phillip Noyce. 2002
Apocalypse Now: Regie Francis Ford Coppola. 1979.
The Vietnam War. Regie Ken Burns und Lynn Novick. 2017.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Der preisgekrönte Roman des Franzosen Alexis Jenni führt uns mitten hinein in den Indochina- und Algerienkrieg, zielt aber auf die Gegenwart Frankreichs. Bild mit Canva erstellt, Cover Luchterhand.

Nein, das ist kein Roman über den Krieg, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Alexis Jenni erzählt von der Gegenwart Frankreichs. Er legt tief in der Geschichte verborgene Wurzeln offen, die bis in die Zeit der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht zurückreichen, und über den Indochina-Krieg und den Algerienkrieg jenes Unheil heraufbeschworen haben, das trotz aktiver Verdrängung nicht verschwunden ist und die Gegenwart prägt.

Koloniale Kriege sind rassistische Kriege. Rassismus spielt eine wichtige Rolle in dem Roman. Jenni nimmt eine sehr pointierte Haltung zur Kategorie Rasse ein, denn er sagt, dass Rasse nur existiere, wenn man davon spreche. Sie sei keine Naturgegebenheit. Viele Motive, die das gegenwärtige Leben und die politische Diskussion prägen, werden in Die französische Kunst des Krieges aufgegriffen und durchdekliniert. Polizeikontrollen etwa, die bei der Auswahl der Kontrollierten auf deren Aussehen zurückgreifen.

In Kolonialkriegen zählt man nicht die Toten der Gegner, denn sie sind weder Tote noch Gegner: Sie sind ein Geländehindernis, das man überwindet, wie spitze Steine, Mangrovenwurzeln oder Mücken. Man zählt sie nicht, weil sie nicht zählen.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Durchdekliniert klingt trocken. Gemeint ist, dass Jenni sich herausnimmt, den Leser ins Detail zu verstricken. Den Schreibstil des Autors prägt eine beeindruckende Beobachtungsgabe, er seziert wie ein Wissenschaftler Dinge und rückt sie in ein neues Licht. Dabei geht er nicht gerade bürgerlich-rücksichtsvoll vor. Der Ich-Erzähler gehört in der bürgerlichen Sozialmoral zu den Versagern, Drückebergern, Arbeits- und Leistungsverweigerern.

In einem für mich sehr unangenehmen Kapitel stößt sich diese Person selbst aus dem wohlsituierten Gesellschaftskreis aus und beginnt einen Sinkflug in die untere soziale Schicht. Ein hübscher literarischer Kniff, denn nur durch das Verlassen der Blase beginnt das nötige Wahrnehmen. Auf seinem Weg kommt er in Kontakt mit einem ehemaligen französischen Offizier der Luftlandetruppen namens Victorien Salagnon. Dieser lehrt ihn die Kunst des Malens, im Gegenzug hört der  Ich-Erzähler die Geschichte des Soldatenlebens an, die Geschichte von zwanzig Jahren Krieg.

Zwanzig Jahre lang folgte ein Krieg auf den anderen, und jeder tilgte die Spuren des vorherigen, die Mörder des einen Krieges tauchten im folgenden unter.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die Französische Kunst des Krieges ist ein fesselnder Roman, der auch auf jene Leser ohne besondere Affinität zu (Kriegs-) Geschichte seinen Reiz ausübt, ihn wie ein Sog erfassen und mitreißen kann. Zumutungen sind Teil des Erzählens, wie jene Passagen, die entlang der Grenze zum Essay oder Bericht verfasst sind, emotionale, wütende Ausbrüche, aber auch detaillierte Beobachtungen und Verfremdungen, einige Male von atemberaubender Klarheit, manchmal auch verstörend.

Jenni hat seinen Roman als Wechselspiel inszeniert. Sieben Kapitel sind mit »Kommentar«, sechs mit  »Roman«  überschrieben. Dass an einer Stelle explizit auf Julius Caesars Commentarii de bello gallico verwiesen und dessen geniales Kommunikationsinstrument der literarischen Lüge, die er auf diese Weise in die Welt gesetzt hat, diskutiert wird, dürfte das kein Zufall sein. Der Autor will etwas mit seinem Werk, wenn auch das Gegenteil von dem, was Caesar (und de Gaulle) vorhatten: enthüllen statt bemänteln.

De Gaulle war der größte Lügner aller Zeiten, aber Romantiker sind nun einmal Lügner.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die sieben Kommentare widmen sich vor allem dem Leben und der Erfahrungswelt des Ich-Erzählers, seinen Eindrücken von der Gesellschaft und die Wahrnehmung und Einordnung der Ereignisse. Eine immer stärkere Rolle spielen Victorien Salagnon, seine Ehefrau, eine Algerien-Französin, und ehemalige Kriegskameraden, die den Krieg, die »koloniale Fäulnis« in die Gegenwart der französischen Republik getragen haben.

Die mit »Roman« überschriebenen Teile erzählen vom Werdegang Salagnons, beginnend im Spätherbst 1943, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war. Zwar wendet sich Salagnon auf Weisung seines Onkels der Resistance zu, doch wird deutlich, dass eine Kriegsteilnahme an deutscher Seite durchaus nicht ausgeschlossen war. Die glorifizierte Resistance umflort ein frostiges Zwielicht. Nicht ohne Grund ist dieser Onkel, der wie ein Gespenst immer wieder auftaucht, am bitteren Ende Teilnehmer des missglückten Staatsstreichs gegen de Gaulle.

Salagnon nimmt an den Kämpfen gegen die Deutschen teil, wie alle Kriegsszenen in dem Roman sind sie von einer eigentümlichen Intensität bei gleichzeitiger Nüchternheit und Distanz geprägt. Heroisch ist wenig bis gar nichts an den Schilderungen, weder 1944/45 noch später, in Indochina oder Algerien. Konservativen Geistern dürften sich die Haare sträuben, Linken die Fußnägel krümmen, denn Jenni verlegt sich nicht auf dumpfbackiges Verteufeln; er seziert, diskutiert und lässt dem Leser Raum zum denken. 

Wir bemühten uns, in den heutigen Problemen die gestrigen zu sehen und sie so zu lösen, wie wir sie damals vergeblich zu lösen versucht haben.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

In einer für mich ganz besonders einprägsamen Szene trifft Salagnon auf einen deutschen Offizier. Zwei Meter trennen sie, und doch eine ganz Welt, denn zwischen ihnen ist Stacheldraht gespannt. Es handelt sich um eine Art prophetischen Stabwechsel zwischen der untergehenden Wehrmacht und den Franzosen – eine Vorausdeutung auf das Unheil, das naht. Das Trennende erweist sich als Augenwischerei.

Frankreich, 1940 in demütigender Weise besiegt, schlüpft wieder in die Rolle der Sieger- und Ordnungsmacht und führt zwei hoffnungslose, brutale, menschenverachtende Kriege in seinem Kolonialreich. Die Deutschen sind zumindest in Indochina mit von der Partie, im Rahmen der Fremdenlegion. Jenni räumt ihnen in seinem Roman etwas Raum ein, bedeutsamen, denn die im Vernichtungskrieg erlernten Terror-Taktiken kommen wieder zur Anwendung – und werden von den Franzosen adaptiert. Der Stabwechsel in der Praxis.

Nicht nur die Techniken, sondern auch die Einteilung der Menschen nach  Rassen, eine Kategorisierung, an der sich der Autor durch seine Personen über die gesamte Handlung hinweg abarbeitet. Der Rassismus ist die wichtigste Quelle von dem, was Jennis Protagonist die »koloniale Fäulnis« nennt, die wie Gülle in das politisch-soziale Erdreich des modernen Frankreich eingesickert ist und es zu vergiften droht.

An einer Stelle fragt der Ich-Erzähler Victorien Salagnon entsetzt, was denn schlimmer sein könne, als Folter. Dieser antwortet, die Menschen in »wir« und »sie« zu unterteilen. Das ist – aus meiner Sicht – eine konsequente Absage an identitäres Denken jeglicher Couleur, das immer damit verbunden ist, anderen eine Identität zuzuschreiben; meist Hand ind Hand mit der Reduktion auf eine (erfundene) Identität.

Die Rasse ist ein Furz der Gesellschaft.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die französische Kunst des Krieges ist ein Fingerzeig, ohne pädagogischen Imperativ, der in weiser Lehrermanier Lösungen bietet. So etwas haben Jennis Figuren nämlich nicht, auch nicht der Ich-Erzähler, dem im Laufe der Erzählung peu á peu die Augen geöffnet werden, der beginnt, sich Zusammenhänge des Begreifens zu konstruieren und seine eigenen, durchaus pointierten und radikalen Vorstellungen entwickelt.  Am Ende findet er sein kleines Glück im Privaten.

Ganz nebenbei ist der Roman auch ein Antikriegsroman, der wie kaum ein anderer deutlich macht, dass Kriege weit über die Waffenruhe hinaus nachwirken. Wie Alexis Jenni es ausdrückt: »Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges
aus dem Französischen von Uli Wittmann
Luchterhand 2012
Hardcover 768 Seiten
ISBN: 978-3442747702

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