Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Buchvorstellung (Seite 16 von 35)

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Der U-Boot-Krieg zwischen 1939 und 1945 war von brutaler Schlichtheit, wie das Zitat zeigt. Eigentlich, denn es gab auch Situationen, in denen die Kommandanten dramatsiche Entscheidungen zu treffen hatten. Von einer erzählt dieser Roman. Cover Zsolnay-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das wunderschöne Cover und der Titel haben meine Aufmerksamkeit sofort geweckt. Comandante von Edoardo De Angelis und Sandro Veronesi erzählt von einem U-Boot-Einsatz der italienischen Marine im ersten Kriegsjahr 1940, der den befehlshabenden Offizier zu einer dramatischen Entscheidung zwang. Nach der Torpedierung eines feindlichen Dampfers ließ er einige Überlebende befehlswidrig aufnehmen.

Das Autorenduo De Angelis und Veronesi schildert die Ereignisse in 45 zumeist recht kurzen Kapiteln, die jeweils eine andere Perspektive einnehmen. Den Anfang macht nicht etwa der Comandante, sondern Rina, die Ehefrau des U-Boot-Kommandanten Salvatore Todaro. Sie bringt dem Leser den Charakter der Hauptfigur ein wenig näher: Eigentlich wäre Todaro infolge eines Unfalls vor dem Kriegseintritt Italiens außer Dienst gestellt, dank einer Art Korsett und Morphium kann dieser jedoch seine Tätigkeit wiederaufnehmen.

Dieser Umstand ist für Rina erwartungsgemäß nicht leicht zu ertragen, denn sie erwartet wie alle anderen, dass Todaro in einen Krieg ziehen müsse, der »früher oder später kommen« werde. Auf ihre Frage nach dem Warum, wo doch der Versehrte schon einmal sein Leben für sein Land hingegeben habe, gibt Salvatore zunächst keine Antwort; stattdessen geht er zu einem griechischen Schneider, einer Art Orakel, der ihm einen ominösen Zettel mit altgriechischen Worten reicht.

In jenen Momenten der Rekonvaleszenz habe ich begriffen, dass mein Zustand als Versehrter von einem schwachen Geist erzwungen und eines Kriegers unwürdig ist.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Spuren seiner Beweggründe für seine Handlungsweise liefert Todaro in einem späteren Kapitel, etwa durch die Eigeneinschätzung als »Krieger«, die in seligen, am 24.02.2022 als blauäugig entlarvten postheroischen Zeiten sicher seltsam anmutete. Dieses ostentative Krieger-Ethos mag abschrecken oder abstoßen, es ist jedoch wichtig, um zu begreifen, welchen Schritt der U-Boot-Kommandant gemacht hat, als er später vor seiner dramatischen Entscheidung stand.

Todaro strebt nach eigenem Bekunden nicht nach Glück, Zufriedenheit hält er für »Stillstand, etwas Bürgerliches.« Bürgerliches Behagen stünde wohl auch im Widerspruch zu seinem Krieger-Dasein, das die Bereitschaft umfasst, für sein Land zu kämpfen, zu töten und zu sterben. Nach außen hin verkörpert Todaro das Ethos, denn für seine Männer ist er eine Art Zauberer, der nie schläft, ungeheuer viel weiß, das Boot beherrscht und mit kniffligsten taktischen Situationen umgehen kann.

Aber der Begriff des Kriegers umfasst eben auch den der Ehre, noch so ein Wort, das dick Staub angesetzt zu haben schien. In zivilen, nicht-kriegerischen, wenn man so will: bürgerlichen Zeiten mag es widersinnig sein, dass der Versenkung eines Dampfers die Rettung von Schiffbrüchigen folgt, denn der erste Schritt schafft erst jene, die im zweiten gerettet werden. In der Kriegssituation ist das aber alles andere als widersinnig.

Wer Krieg und auch den »Krieger« partout verdrängt, der umgeht in Gedanken eine Situation, die jene Notwendigkeit einer Rettung erst heraufbeschwört. Doch diese Abkürzung funktioniert in der Realität nicht, auch wenn sie in der Gegenwart immer wieder gern gegangen wird. Sie ist bequem, denn sie vermeidet die Notwendigkeit sich mit Widersprüchen auseinanderzusetzen. Der Abkürzende zaubert sich eine glatte, einfach zu handhabende Welt, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Am Himmel schwirren die Jagdflieger der Royal Air Force wie die Schmeißfliegen umher.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Der Einsatz führt Todaros U-Boot Cappellini in den Atlantik, wo es auf die Jagd nach britischen Frachtern und Konvois gehen soll, um Großbritannien vom Nachschub abzuschneiden. Die Geographie hat die Meerenge von Gibraltar zwischen Boot und Ziel gesetzt, ein Motiv, das aus Lothar-Günther Buchheims Das Boot hinlänglich bekannt ist; mit dem Unterschied, dass die Cappellini und U96 in die jeweils andere Richtung die Meerenge passieren sollten.

Der Alltag an Bord eines U-Bootes, die Enge, der fürchterliche Gestank, aber auch die Vielfalt der Besatzung, die aus allen Ecken Italiens stammt und – wenn man so will – sich selbst fremd ist, wird in einigen Kapiteln auf originelle und unterhaltsame Weise geschildert. Zu den kuriosen Dingen gehören die Regionalsprachen, etwa das Sardische, das erlaubt, Funksprüche ohne Chiffrierung zu versenden, weil außer den beiden Sprechern niemand versteht, was gesagt wird.

Nach einigen Seetagen wird es dramatisch, erste Verluste durch Mienen, Wasserbomben und Fliegerangriffe sind zu beklagen, die Autoren schildern mit ebenso treffenden wie gelungenen Bildern, wie die Besatzung in der Extremsituation reagiert. Das eigentliche Drama beginnt, als die Cappellini einen Dampfer angreift und versenkt. Die Attacke geschieht nicht mit Torpedos, die Todaro wegen ihrer Zielungenauigkeit nicht mag, sondern ungewöhnlicherweise im Überwasserangriff mit Bordgeschützen.

Maschinen. Das ist ein Krieg der Maschinen.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Das Motto des U-Boot-Krieges lässt sich knapp zusammenfassen: »angreifen, versenken, verschwinden.« Nach kurzem Gefecht mit der Cappellini sinkt der feindliche Dampfer namens Kabalo, wie sich herausstellt, ein belgisches Schiff. Belgien ist zu diesem Zeitpunkt noch neutral, allerdings hat das Schiff britische Militärtechnik an Bord und fährt ohne Licht, wie es für ein neutrales Schiff untersagt ist.

Der Angriff ist also militärisch gerechtfertigt, ein Torpedo lässt die Kabalo in den Fluten verschwinden. Die Cappelini kommt aber nicht so einfach davon, denn Überlebende des gerade versenkten Schiffes machen sich bemerkbar, ein Rettungsboot sowie einige Schwimmer bitten um Hilfe. Der »Krieg der Maschinen«, U-Boot gegen bewaffnetes Frachtschiff, Kanonen, die auf Distanz feuern und ein Torpedo für den Todesstoß – an diesem Punkt endet er, denn der Feind bekommt ein Gesicht.

Der »Befehl 154« des deutschen Admirals Dönitz war unmissverständlich: keine Überlebenden aufnehmen. Todaro weiß das, und er weiß, dass die Befehle auf englischer Seite »von Lord Cunningham und auch von Churchill« genauso lauten. Eigentlich hat der Comandante kein Recht, die Schiffbrüchigen aufzunehmen, tut er es trotzdem, verstößt er gegen einen ausdrücklichen Befehl; eine vertrackte Lage für ihn, den Krieger, dessen Verhältnis zum Krieg eindeutig ist. 

Wir befinden uns im Krieg, Rina, und du weißt, wie sehr ich den Krieg respektiere, du weißt, wie sehr mein ganzes Sein auf den Krieg ausgerichtet ist, und du weißt, wie viel ich dem Krieg zu opfern bereit bin. […] Wir sind auf See. Und wir sind Menschen. Und auch die See hat ihre Gesetze, so wie der Mensch, ob im Krieg oder im Frieden.

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante

Todaro nimmt die Überlebenden auf und behilft sich damit, dass er sie als »Schiffbrüchige« bezeichnet. Damit ist einerseits dem Befehl Dönitz’ Genüge getan, andererseits aber auch ein anderes Rechtsgebiet betreten: Das Recht des Krieges wird durch das Recht der See abgelöst, das immer gilt, unabhängig von Krieg und Frieden. Ein kluger, taktischer Kniff Todaros, um die unlösbare Situation zu bewältigen.

Wie die sehr informative Einleitung zu diesem Roman zeigt, hat Dönitz den Italiener einen »Don Quijote des Meeres« genannt, was seine Verärgerung über dessen Verhalten in einem unsinnigen sprachlichen Bild zeigt.  Der Konter Todaros, man sei Italiener, Teil einer zweitausend Jahre alten Zivilisation, man mache das einfach, wirkt bis in die Gegenwart, etwa, wenn es um die Frage geht, ob Patrouillenboot der italienischen Marine Schiffbrüchige vor der libyschen Küste retten dürften oder nicht.

Der Rest des Romans schildert die dramatischen Umstände der Rettungsaktion, die von unerwarteten Unbilden begleitet wurde. Auch das Retten hat seine Tücken, wie andere Beispiele der Zeit, etwa der berühmt Laconia-Zwischenfall zwei Jahre später zeigte. Für mich liegt hier der größte Vorzug dieses schönen, spannenden und den Leser ein wenig piesackenden Romans: eine Anregung zum Nachdenken, ohne den Weg allzu schlichter »Lösungen« einzuschlagen, wenn es um Fliehende geht oder um den wiedergekehrten Krieg.

[Rezensionsexemplar]

Edoardo De Angelis, Sandro Veronesi: Comandante
Aus dem Italienischen von Anna Leube, Wolf Heinrich Leube
Zsolnay Verlag 2024
Gebunden 160 Seiten
ISBN : 978-3-552-07389-0

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion

Andrej Kurkows Aufzeichnungen gehen weit über ein gewöhnliches Tagebuch hinaus, sie bringen dem Leser den Krieg auf nachdrückliche Weise näher, lassen ihn die ungeheuren Verluste spüren, die Russlands Angriffskrieg zeitigt. Cover Haymon Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Gleich mehrere Sätze aus diesem Tagebuch einer Invasion haben mich lange beschäftigt. Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow bringt an einer Stelle auf den Punkt , was ein Frieden á la Putin für die Ukraine bedeuten würde. Ein Frieden, von dem in Deutschland Briefeschreiber und Petitions-Signierer sprechen, über die Köpfe der Betroffenen hinweg, die – man muss es so deutlich sagen – die Friedensbewegten kein Stück interessieren.

Statt [der Ukraine] wird es hier einen Friedhof geben mit einer Friedhofswärterhütte, in der eine Art Generalgouverneur hocken wird, den man aus Russland geschickt hat, um die Gräber zu bewachen. 08.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Das ungeheuerliche Bild, das Andrej Kurkow hier malt, ist erschütternd, hellsichtig und leider nicht überzogen, wie man spätestens seit Butscha wissen müsste. Russland führt gegen die Ukraine einen Vernichtungskrieg und ein Frieden mit dem Segen des Kreml gibt es nur, wenn die Auslöschung von Staat und Volk vollendet wäre. Es wäre ein Siegfrieden, dem Friedhofsruhe folgen würde. Alle anderen Annahmen sind bloße Augenwischerei.

Kurkows Satz ist entlarvend. Jene, die im friedlichen Deutschland sitzen, und ihre »Vorschläge« unterbreiten, tun dies in einer kolonialistischen, menschenfeindlichen Haltung, es geht um ihren eigenen Frieden, den hilflosen Versuch, ein Weltbild zu retten, das Schiffbruch erlitten hat, und ihre eigene Ohnmacht zu überdecken. Es ist durchaus menschlich, das Überwältigende wegzudrücken, aber nicht auf Kosten anderer, die ihren Kopf dafür hinhalten müssen. Das wird durch Kurkows Tagebuch deutlich.

Zu den unangenehmsten Passagen des Buches gehören jene, in denen Kurkow von westlichen, vor allem deutschen Journalisten und ihre dummen Fragen spricht, Fragen, die selbst jene leeren, formelhaften Interviews von Fußballern nach Ligaspielen unterbieten. Ob man bereit wäre, für die Ukraine zu sterben – die wohl dümmste von allen, denn sie stellt sich jenen nicht, für die es keine Wahl gibt. Fragen, als hätte es Mariupol nicht gegeben.

Umso seltsamer ist es, dass man in einer solchen Situation Fragen wie diese von ausländischen, häufig deutschen Journalisten hört: »Sprechen Sie bereits mit Ihren russischen Schriftstellerkollegen darüber, wie Sie einander nach dem Krieg begegnen werden?« 23. März 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Das ist von atemberaubend ideologischer Verbohrtheit und nicht untypisch für deutsche Medien aller Couleur. An diesem Tag, dem 23. März 2022, hat Kurkow notiert, dass sich alles langsam nach einem »versuchten Völkermord« anfühle. Europa, so seine Diagnose, habe noch nicht das Ausmaß des Schreckens erfasst; viele wollen das nicht, bis heute nicht und stürzen sich in groteske Verschwörungserzählungen.

Der Schriftsteller Kurkow ist von diesem Krieg aus der Bahn geworfen worden, von einem Tag auf den nächsten ist sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, seine Existenz in mehrfacher Hinsicht bedroht und die Zukunft ungewiss. Vor allem aber ging es ihm so, wie es mit Sicherheit vielen anderen in der Ukraine ebenfalls erging: Er habe es »einfach nicht wahrhaben« wollen, dass tatsächlich ein Krieg ausgebrochen war.

Es sind die Tage der Fassungslosigkeit, der Versuch, die neuen Realitäten zu sortieren, jene Bedingungen, unter denen lebenswichtige Entscheidungen  getroffen werden müssen, vor allem jene: Kyjiw verlassen oder nicht. Heute ist die Stadt nicht mehr von russischen Truppen bedroht, wird aber unverändert mit Raketen und Drohnen beschossen. Damals aber dräute eine Einkesselung der ukrainischen Hauptstadt, was das Leben von Millionen in Gefahr gebracht hätte.

Die neue Realität in der Ukraine übertrifft meine schriftstellerische Vorstellungskraft bei Weitem. 23.02. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Wie Millionen andere Ukrainer geht auch der Schriftsteller mit seiner Frau wenige Tage nach dem Angriffsbeginn in den Westen des Landes und kommt dort so lange unter, bis er nach Kyjiw zurückkehren kann. Im Exil angekommen, versucht er, wieder zu schreiben – eigentlich stünde die Arbeit an einem Roman an, doch ging das nicht. Bei einer Lesung hat Kurkow das auch damit in Zusammenhang gebracht, dass er auf Russisch schreibt, der Gebrauch der Sprache des Angreifers im  Vernichtungskrieg aber für einige Zeit unmöglich war.

Stattdessen informiert er sich, folgt dem Geschehen in den Sozialen und herkömmlichen Medien und beginnt selbst, Artikel und Beiträge zu verfassen, Interviews zu geben, zu erklären, erläutern und berichten, insbesondere dem Westen deutlich zu machen, was in der Ukraine tatsächlich geschieht. Sein Tagebuch einer Invasion geht weit über das hinaus, was ein gewöhnliches Tagebuch leistet – es enthält lange, ausgearbeitete Streifzüge und Betrachtungen durch historische Zusammenhänge und Ereignisse, die Gegenwärtiges im richtigen Licht erscheinen lassen.

Da wären zum Beispiel die Deportationen von Ukrainern, die in den von Russland besetzten Gebieten seit Kriegsbeginn wieder im großen Stil durchgeführt werden. Vom Staatsgebiet der Ukraine wurden in der Stalinzeit nicht nur die Krimtataren deportiert, sondern auch viele ukrainische Bauern. Kurkow schildert, dass Stalin zum einen unliebsame Elemente aus der Ukraine entfernen ließ, andererseits das menschenleere und wenig attraktive Sibirien mit dringend benötigten Arbeitskräften versorgte.

In dieser neuen Epoche erleben wir nun, wie sich die Geschichte wiederholt. 05.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Je länger man das Tagebuch liest, desto eindrücklicher wird das Bild vom Krieg, von seinen Widersprüchen, Überraschungen, der unglaublichen Kraft einer Zivilgesellschaft, die sich organisiert und den Widerstand gegen die Invasoren von der Graswurzel aus führt – was im Westen von den selbst ernannten Friedensbewegten überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Besonders beeindruckend ist Kurkows Schreib- und Erzählweise, mit der es ihm gelingt, den Leser die verheerenden Seiten des Krieges nachempfinden zu lassen. Ein schönes Beispiel ist das Kapitel »Brot mit Blut«. Brot ist etwas Alltägliches, was jeder kennt. Zunächst schildert Kurkow das Verhältnis seiner Familie zum Brot, auf dem Dorf habe er mehr davon gegessen als in der Stadt, denn »Dorfbrot war schon immer leckerer als das in der Stadt«.

Die Kinder lieben das Brot, insbesondere das der Lieblingsbrotmarke Makariw, ein »weiches Kastenweißbrot«, das in der Makariw-Bäckerei im Ort gleichen Namens gebacken wurde. In Kyjiw gebe es diese Kostbarkeit nur vereinzelt in kleinen Läden, nicht im Supermarkt. Die Erinnerung an den Geschmack ist jedoch von dem nach Blut unterlegt, als habe ihm jemand die Lippe blutig geschlagen. Denn:

Am Montag wurde die Makariw-Bäckerei von Russlands Truppen bombardiert. Die Bäcker waren bei der Arbeit. Ich kann mir den Duft vorstellen, der sie in dem Moment umgab, als der Angriff stattfand. Von einem Augenblick zum nächsten wurden dreizehn Bäckereimitarbeiter getötet und neun weitere verletzt. Die Bäckerei gibt es nun nicht mehr. Makariw-Brot gehört der Vergangenheit an. 08.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Eine Bäckerei, ein Lieblingsbrot kennt jeder. Wer könnte diesen Verlust nicht nachempfinden, wer nicht das brillante und nahegehende Bild des nach Backstube duftenden Ortes, der von einer Rakete in einen Ort des Todes verwandelt wurde? Solche Passagen bringen den Kriegschrecken dem Leser näher, sie verbinden ihn mit dem Denken und Fühlen, reißen ihn aus der Grauzone des Abstrakten.

Kurkow macht auf diese Weise deutlich, was Sätze, wie etwa jene über die Kriegsziele Putins in der Ukraine in der Lebenswirklichkeit der Menschen bedeuten – nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, wenige Flugstunden von Deutschland entfernt. Es ist ein abstraktes Ziel, die UdSSR oder das Zarenreich wieder errichten zu wollen, dessen versuchte Verwirklichung durch Krieg sehr blutige, schmerzhafte und irreversible Folgen in der Realität der Menschen zeitigt.

Zu den Kuriositäten, ja grotesken Dingen des Krieges gehört, dass zerstört wird, was angeblich geschützt werden soll. Die vorgeschobene Begründung Putins, die Russen und ihre Sprache schützen zu wollen, ist eine Lüge. Das Gegenteil ist der Fall, wie Kurkow am eigenen Leib erfahren muss, denn er ist ethnischer Russe mit Russisch als Muttersprache, die ebenfalls unter Feuer gerät.

Putin zerstört nicht nur die Ukraine, er zerstört Russland und damit auch die russische Sprache. 13.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Wer es im Westen einfach mag, und das gilt durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten, ordnet gern zu: Russischsprachig ist gleichzusetzen mit »nach Russland orientiert«. Der Osten der Ukraine wäre demnach eher russlandfreundlich, der Westen eher Europa zugeneigt. Das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als naseweiser Nonsens, der Sprachgebrauch ist viel flexibler gewesen, als es diese Zweiteilung nahelegt, vor allem hat die Sprache nichts mit der politischen Orientierung gemein.

Von den Anfängen des Krieges folgt das Tagebuch einer Invasion dem Lauf der Ereignisse bis in den Sommer hinein und hinterlässt ein sehr eindrückliches Bild von dem, was Kurkow wahrnimmt und einordnet. Deutschland kommt dabei nicht gut weg, es hat vielmehr einen verheerenden Eindruck hinterlassen, der angesichts der zögerlichen, aber dann doch umfangreichen Hilfe auch in militärischer Hinsicht nicht ganz fair ist. Die Kommunikation, das wird auch in diesem Fall deutlich, ist ein einziges Desaster gewesen.

Viele hoch interessante Themen berührt der Autor in seinen Beiträgen, darunter auch wenig rühmliche, die aber zu jedem Krieg gehören. Kollaboration etwa oder auch Verbrecher, die aus der Kriegssituation Kapital schlagen wollen. In manchen Dingen irrt Kurkow, etwa in der Annahme, Russland würde den Informationskrieg in Europa verlieren – das wäre schön, entspricht aber nicht den Realitäten. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, in denen jene ausführlich zu Wort kommen, die von Putins Vernichtungskrieg betroffen sind und um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen müssen.

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion
Aus dem Englischen von Rebecca DeWald
Haymon-Verlag 2022
Klappenbroschur 352 Seiten
ISBN 978-3-7099-8179-5

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen

Der letzte und beste Teil des Havanna-Quartetts um Teniente Mario Conde. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Während der Lektüre habe ich mir oft die Frage gestellt, warum dieser Kriminalroman so viel charmanter, tiefgründiger und unterhaltsamer ist als seine deutschen Pendants, die ich zuletzt gelesen habe. Eine Antwort darauf ist, dass es sich gar nicht um einen Krimi handelt, obwohl die Hauptfigur Teniente Mario Conde als Polizist arbeitet und einen Mordfall aufzuklären hat. Das Meer der Illusionen ist vor allem Literatur, die sich mit grundlegenden Fragen des Lebens befasst.

Ein Toter wird aus dem Meer gefischt, er wurde mit einem Schlag auf den Kopf getötet und obendrein kastriert. Bei dem Mann handelt es sich um einen Rückkehrer, einst ein hohes Tier der kubanischen Elite hat er sich bei einem Aufenthalt in Spanien abgesetzt und der Insel eigentlich für immer den Rücken gekehrt. Eine der wesentlichen Fragen, denen der Ermittler Conde nachgehen muss, ist das Motiv der Rückkehr nach Kuba, eine sehr ungewöhnliche Handlungsweise.

Kuba ist ein Land, das – im Gegensatz zum Mauer- und Todeszaun-Staat DDR – eine natürliche Umzäunung hat: das Meer. Trotz gewaltiger Gefahren machten und machen sich Menschen auf, um die Insel zu verlassen, alle in irgendeiner Form von der Idee beflügelt, es anderswo besser zu treffen als im nicht enden wollenden Mangel. Wie bereits der Buchtitel andeutet, trifft diese Absicht auf Hindernisse, die nicht einfach und manchmal auch gar nicht überwindbar sind.

Das Motiv des Fortgehens durchzieht mehr oder weniger intensiv alle Romane Paduras, kein Wunder, ist es doch ein ganz wesentliches Element des Lebens auf Kuba, spätestens seit der Revolution. Diese hat viele Begüterte aus dem Land getrieben, selbstverständlich konnten diese nicht alles mitnehmen in ihr neues Leben; umfangreiche Enteignungen folgten und da autoritäre Regimes generell anfällig für Korruption sind, tat sich ein weites, kriminelles Feld auf.

Meine Geschichte beginnt auch vor langer Zeit, aber ich kann sie euch erst jetzt erzählen … weil ich nämlich heute bei der Arbeit gesagt habe, dass ich aus Kuba fortgehe.

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen

Leonardo Padura benutzt die Form des Kriminalromans, um seinen eigenen thematischen Interessen nachzugehen: die Schilderung des kubanischen Lebens. Er erlaubt sich stilistische Brüche, Monolog-Passagen, in denen er Personen ausführlich zu Wort kommen lässt. Eine Wortmeldung wirkt wie eine Art Treibanker in der Geschichte der Insel Kuba, die ins 16. Jahrhundert, eigentlich sogar noch einmal eintausend Jahre weiter zurückreicht, in die Zeit des alten China.

Wie das mit dem Kuba Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenhängt, macht deutlich, dass die Insel in der Karibik vielfältig mit der Welt verwoben war, ist und immer sein wird. Kuba gehörte zum spanischen Weltreich, wie ganz Süd- und Mittelamerika, aber auch die Philippinen; Orte, die wichtige Bestandteile im globalen Handel darstellten, eine Art Lieferkette, um die spanische Krone mit dem dringend benötigten Gold und Silber zu versorgen.

Dieser Ausflug in die Geschichte es so typisch für Paduras Romane, in denen Geschichte und Gegenwart unlösbar miteinander verschlungen sind. Das ist auch – gewollt oder nicht – ein Gegenbild zur isolierten Insel unter der Fuchtel der ewigen Castro-Diktatur. Der Monolog-Treibanker liefert dem Roman und der Auflösung des Mordfalles die nötige Tiefe – und das wäre der zweite Grund, warum Paduras Kriminal-Romane so gut erscheinen: Tiefe wird nicht vorgeschützt, sie ist tatsächlich da, für den Leser spürbar.

Das Meer der Illusionen vermittelt dank seiner erzählerischen Qualität eine Menge Atmosphäre. Ein Sturm rast auf Kuba zu, wie jedes Jahr im Frühling und Herbst, was Padura zu schönen, dichten Schilderungen animiert. Überhaupt stößt man immer wieder auf wunderschöne Formulierungen, wenn Conde etwa Bücher über sozialistische Ökonomie erspäht, die im Regal staubbedeckt dösen. Die für mich schönste ist eine Reminiszenz an Kafka und seine Erzählung Die Verwandlung:

El Conde zündete eine Zigarette an, nachdem er seine große Morgentasse Kaffee getrunken hatte, den einzigen Zaubertrank, mit dessen Hilfe es ihm gelang, sich von dem Käfer, der er nach jedem Aufwachen war, wieder in einen Menschen zurückzuverwandeln.

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen

Vor allem aber sind die Personen nicht prätentiös. Sie geben nicht nur nur vor, etwas zu sein, sie sind es. Hauptfigur Mario Conde sitzt in einem falschen Leben als Polizist fest, wäre er doch gern Schriftsteller, der etwas Untergründiges und Berührendes schreibt, eine unerfüllte Sehnsucht, fern der Verwirklichung. Sein Freundeskreis, der familiären Charakter hat, besteht aus Menschen, die jeder für sich eine sehr authentisch wirkende Geschichte hat.

Es sind Menschen, keine Figuren. »Der Dünne« etwa, ein schwer übergewichtiger Mann in einem Rollstuhl, an den er gefesselt ist, seit ihm in Afrika, in Angola eine Kugel das Rückenmark verletzt hat. Kubanische Truppen haben dort, fern der Heimat, einen brutalen Stellvertreterkrieg geführt, der lange nach dem letzten Schuss verheerende Folgen zeitigt.

Kuba ist voll von solchen Geschichten. Die verfluchte Revolution, die in Gestalt von Che Guevara noch immer in linken Kreisen auf naive Weise verherrlicht wird, folgte auf eine ebenso verfluchte Diktatur, der keineswegs weniger verfluchte politische Zustände vorangingen, dieser Umsturz ist bis in die Gegenwart bestimmend. Für jene, die auf der Insel ausharren, wie auch für alle, die gegangen sind.

Das Flucht-Motiv, das Padura in einem eigenen Roman Wie Staub im Wind noch einmal ausführlich und unter andere Vorzeichen durchdekliniert hat, spielt in Das Meer der Illusionen auch eine zentrale Rolle. Hier liegt der Schlüssel für die Lösung des Mordfalles, im Detail, aber auch allgemein, denn viele Gewalttaten auf Kuba gehen auf Folgen des Fluchtdranges zurück.

Das alles ist in diesem wundervollen „vorgeschützten“ Kriminalroman zu einer sehr lesenswerten Geschichte verdichtet worden, spannend, tiefsinnig, wendungsreich, so vertraut und gleichzeitig neu. Literatur im Gewand eines Krimis.

Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2006
Taschenbuch 288 Seiten
ISBN 978-3-293-20374-7

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Das Sachbuch stellt einen vollständigen Bruch mit vielen historiographischen Konventionen dar, das den Leser vor eine ebenso herausfordernde wie erkenntnisreiche Lektüre stellt. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Eine Welt wird neu besichtigt: Eintausend Jahre zwischen 526 und 1535 nach Christus nimmt Bernhard Jussen mit seinem historischen Sachbuch Das Geschenk des Orest in den Blick. Der Zeitrahmen stimmt – eher zufällig – fast mit dem überein, was gemeinhin als »Mittelalter« bezeichnet wird, wenn auch die Zäsuren ein wenig verschoben sind; dabei macht sich Jussen auf, den Epochen-Begriff und -Gedanken abzulösen.

Von »Mittelalter« ist in diesem Buch dann die Rede, wenn es darum geht, seine Sinnhaftigkeit infrage zu stellen; das gilt auch für »Antike« oder »Neuzeit«, aber auch für »Byzanz« oder »Staufer«, »Salier« oder »Karolinger«. Allesamt für historisch Interessierte gewohnte und vertraute Begriffe, die Jussen meidet, denn sie setzen seiner Einschätzung nach einen Deutungsrahmen, der das Verstehen be- und verhindert.

Ein schönes Beispiel ist das Wort »Byzanz«, das im Bereich der Historiographie vor allem der Abgrenzung dient(e) und sogar als Kampfbegriff Verwendung fand, um den lateinischen Westen vom griechischen Osten zu trennen. Interessant sind Jussens Hinweise auf das Nischenschicksal des Oströmischen Reichs in der Byzantinistik, die kurioserweise von der Geschichtswissenschaft getrennt ist.

Die Kaiser am Bosporus bleiben römische Kaiser, ihre Münzen römisch und ihr Imperium auch, bis ins 15. Jahrhundert.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Tatsächlich fristet »Byzanz« in Studium und erst Recht in der Schule ein Dasein unter Alberichs Tarnumhang – Ostrom ist unsichtbar. Das ist insofern hilfreich, weil man nicht in Erklärungsnot gerät, wenn man das Römische Reich 475 n. Chr. untergehen lassen will, obwohl es im Osten noch fast eintausend weitere Jahre existierte, bis zur Eroberung Konstantinopels.

Wird der Deutungsrahmen durch den Gebrauch von Begriffen wie »Antike«, »Mittelalter« und »Neuzeit« gesetzt, passt »Ostrom« nicht, denn bei Verwendung des Begriffes hätte sich die »Antike« in Teilen bis fast zum Ende des »Mittelalters« fortgesetzt. Diese Epochen-Begriffe sind mehr als bloße Worte, die zur Orientierung dienen – sie bestimmen die Orientierung und damit das, was angesehen wird und wie das geschieht.

Das Wort »Deutungsrahmen« bildet das ab: Was außerhalb des Rahmens liegt, weil es nicht passt, kann nicht wahrgenommen werden, ohne den Ansatz der Betrachtung schon infrage zu stellen. »Ostrom« wird auch aus diesem Grund zu »Byzanz« umdefiniert und in ein eigenes, kaum wahrnehmbares Fach abgeschoben oder auf andere Weise aus dem Rahmen gedrängt, damit dieser bestehen bleiben kann.

Die konkrete Forschung ist abhängig vom Rahmen.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Es geht aber noch weit über diese Kategorien und Begriffe hinaus. Jussen beklagt, dass Erkenntnisse von weitreichender Bedeutung (noch) nicht ihren Weg in die einschlägigen historischen Handbücher gefunden haben. Die Verwandtschaftsforschung im Rahmen der Kulturanthropologie hat zum Beispiel herausgearbeitet, dass es bis zum 15. Jahrhundert im lateinischen Europa keine Verwandtschaftsgeschlechter gegeben hat.

Das aber wurde dem »Mittelalter« unterstellt, in der Epoche, was die Allgemeinheit oder zumindest die halbwegs Gebildeten mitbekommen, sind es eben »Staufer« oder andere »Geschlechter«, die bestimmend für ganze Zeitabschnitte gewesen sein sollen. Ehen unter Verwandten sind aber erst seit dem 16. Jahrhundert als soziales Phänomen relevant; erst das 19. Jahrhundert gilt manchen als verwandtschaftsorientierte Gesellschaft.

Folglich:

Wenn überhaupt, dann zeigt erst das 19. Jahrhundert, also die europäische »Moderne«, was als typisch »Mittelalter« gilt.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Das Zitat macht deutlich, wie tiefgreifend anders der Blick ist, den Jussen auf jene Zeit zwischen 526 und 1535 n. Chr. wirft. In dem steht der Zusammenhang von Verwandtschaft und Sakralsystem im Mittelpunkt der Analyse. Das wirft ganz einfach klingende Fragen auf, etwa: Was ist eigentlich »Verwandtschaft« jenseits biologischer Abstammung?

Die Antworten, die vor 526 n.Chr. und danach gegeben wurden, unterscheiden sich beträchtlich voneinander; auch das im lateinischen Bereich etablierte System ist anders geartet als das in ähnlichen großen Kulturen zur gleichen Zeit, aber auch zu anderen kirchlichen Gemeinschaften. Jussen attestiert auf allen Ebenen fundamentale Unterschiede. Allein vor diesem Hintergrund gerät ein Begriff wie »Mittelalter« ins Wanken.

Jussen unternimmt einen Perspektivwechsel und verzichtet auf den klassischen Rahmen aus Epochen. Um zu zeigen, was er als Transformation der römischen Welt bzw. deren revolutionäre Umgestaltung von innen heraus bezeichnet, nutzt er auch andere Medien als die gewohnten Quellen, Schriften und Überlieferungen: Medien, Bilder, Darstellungen von Gräbern – andere Mittel als in der Historiographie üblicherweise im Mittelpunkt stehen.

Der Deutungsrahmen bestimmt das Interesse und trennt das vorhandene Material in »wichtig« und »unwichtig«.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Jussen bedient sich an »historischem Material aus dem Feld ästhetischer Kommunikation« und nimmt eine Umkehrung der üblichen Gewichtung vor. Bilder werden bislang bestenfalls als Zusatz bzw. Bestätigung von dem verwendet, was aus Urkunden und anderen Schriftquellen geschöpft wurde; dabei wurde oft nicht darauf geachtet, wie verbreitet das entsprechende Medium überhaupt gewesen ist; das aber ist ein Kriterium für dessen Aussagekraft.

Diese Bilder usw. waren kein eigenständiges Medium, was Jussen in seinem Buch Das Geschenk des Orest konsequent ändert. Das heißt nicht, dass Texte gar keine Rolle spielen, im Gegenteil. Das Grabmal der »Turteltaube«, einer vermutlich reichen Römerin, ist nämlich in bemerkenswerter Weise beschriftet: »Du warst auch wirklich eine Turteltaube.«

Das Lob des Sohnes auf seine verstorbene Mutter dürfte einigermaßen seltsam wirken, wenn man den massiven Bedeutungswandel des Wortes »Turteltaube« nicht kennt. Gewöhnlich verbindet man mit dem Verb »turteln« einen Flirt, doch bis zum Zeitalter Shakespeares war »Turteltaube« ein großes moralisches Lob, denn dahinter verbarg sich engagiertes Bemühen, soziales Ansehen zu sammeln für bessere Aussichten auf einen »guten Platz im Jenseits«.

Der Zusammenhang von Text und Bild des Grabmals […] lenkt den Blick auf eine buchstäblich revolutionäre Transformation des Gesellschaftssystems.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Auf die einzelnen Details des Grabes und deren Bedeutung kann hier unmöglich eingegangen werden, wichtig ist aber, dass Jussen darin ein Beispiel dafür sieht, dass der Umsturz nicht etwa von außen, von den vielbeschworenen »Barbaren«, »Germanen« oder »Völkern«, erzwungen wurde, sondern von innen, von den Römerinnen und Römern selbst. Das ist gemessen am Deutungsrahmen »Völkerwanderung« ein spektakulärer Ansatz.

Der Buchtitel Das Geschenk des Orest lenkt den Blick auf jenen, der für die alte, untergehende Welt steht, für einen der letzten Konsulen des westlichen Reichsteils, der seinen Amtsantritt 530 traditionell mit einem Geschenk an die römische Welt kundtat. Ein Diptychon aus Elfenbein als Teil der bekannten und gewohnten Inszenierung, die allerdings damit im westlichen Reichsteil an ein Ende gekommen war.

Auf eine Bewertung des Ansatzes, den Jussen verfolgt, verzichte ich bewusst, da ich Das Geschenk des Orest als eine Neubetrachtung eines Zeitraumes gelesen habe, der bislang unter dem Label »Mittelalter« geführt wurde. Selbst wenn man Jussens weitreichende Neubewertung – aus welchen Gründen auch immer – nicht teilen möchte, bleibt fraglos der Modernisierungsdruck auf die Geschichtswissenschaft festzustellen.

»Die Suche nach Darstellungsweisen des lateinischen Europa, die nicht auf das alte Epochendenken angewiesen sind und dieses auch nicht unbemerkt mit sich herumschleppen.«

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Ein kritisches Wort erlaube ich mir aber. Man kann das, was über das Römische Reich seit Mitte des dritten Jahrhunderts verstärkt und später unaufhaltsam hereinbrach, vielleicht einer inneren Revolution gegenüberstellen, für die politische, wirtschaftliche und militärische Stabilität des Reiches sind diese Angriffe von erschütternder, vielleicht eben auch vernichtender Bedeutung gewesen – man denke nur an die Infrastruktur, das Finanzwesen etc.

Hinter Begriffen wie »Migrationsbewegungen« sollte man diese Raub-, Plünder- und Kriegszüge nicht verbergen, für die Opfer dieser Züge ist es auch gleichgültig, ob man von Barbaren, Stämmen, Völkern oder – nachvollziehbar – Identifikationsgemeinschaften spricht. Krieg bleibt Krieg, das ist gerade in unserer Zeit wichtig, damit nicht hinter Wortschleiern die brutale Gewalt verschwindet.

Wenn man also feststellt, dass der östliche Teil des Römischen Reiches bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts bestand und erst dann untergegangen ist, bedeutet das eben auch, dass der westliche schon lange vorher unterging. So wichtig und berechtigt Jussens Feststellung bezüglich einer Transformation im Inneren auch sind, bleiben äußere Faktoren á la Krieg, Plünderung, Angriffe, gewaltsame Landnahme bestehen.

Das aber ändert nichts an den Qualitäten des Sachbuchs, das einen tiefgreifenden Bruch mit historiographischen Konventionen darstellt, im Grunde genommen also dem Fach zu Leibe rückt wie die »Turteltaube« dem männlichen Ahnenverband im frühen sechsten Jahrhundert. Neue Deutungsrahmen sind immer spannend, insbesondere wenn sie so klug argumentieren und sich auf originelle Quellen stützen. Das Geschenk des Orest ist für den Leser ein großer Gewinn.

[Rezensionsexemplar]

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest
Eine Geschichte des nachrömischen Europa 526 – 1535
C.H. Beck 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-406-78200-8

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg

Manchmal ist es auch wichtig, was nicht geschrieben steht – Jandls Briefe zeigen indirekt einen Menschen im Tarnkappenmodus, dessen Mission darin besteht, Zeit zu schinden. Cover Luchterhand-Literaturverlag, Bild mit Canva erstellt.

Zigaretten sind eine transnationale Währung. Lange vor den Krypto-Zahlungsmitteln wurde mit ihnen gehandelt, analog, direkt und vor allem dann, wenn gewöhnliche Geldmittel an ihr Ende kamen: entwertet oder wertlos, insbesondere in Zeiten von Krieg und Gefangenschaft. Es überrascht wenig, wie wichtig dem Dichter Ernst Jandl die Glimmstängel waren, ein Blick auf das Cover des Buches genügt; überraschend sind der Nachdruck und die Häufigkeit seiner Bitten in den wenigen, oft knappen Briefen, die in diesem Buch abgedruckt sind.

Es mag ein wenig seltsam klingen, aber das Drängen nach Zigaretten hat den Briefen Jandls etwas unmittelbar Vertrautes und Authentisches verliehen, so oft ist mir das bei meiner extensiven Lektüre von Briefen, Tagebüchern, Berichten, Erinnerungen, Romanen und Erzählungen aus Kriegszeiten begegnet. Und Bilder, natürlich, Soldaten, den Kopf von Mull umschlungen, das Gesicht blutig, erdgrau und gezeichnet von hoffnungsloser Verzweiflung, ziehen mit einer Intensität an der Zigarette, als handelte es sich um den rettenden Atemzug.

Wenn man also eintritt in das Kriegsleben des späteren Dichters, begleitet den Leser der blaue Dunst, nicht in der dramatischen Form, wie geschildert, aber so stetig wie ein treuer Hund. Jandl schildert nur in einem sehr kurzen Brief einige Eindrücke von der Front, doch haben diese Zeilen eine ungeheure Wucht, sie deuten bereits voraus, spiegeln die Fähigkeit wieder, ins (sprachliche) Detail zu schauen – das Wort »Frontschwein« bekommt für den Soldaten an der Front seine wahrhaftige Bedeutung.

Jetzt erst wird mir der Begriff vom »Frontschwein« klar.

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946

Diese konzentrierte Kürze zeichnet die Briefe aus. Die Stationen des 1943 eingezogenen Jandl bis zu seiner Gefangenschaft, zunächst in Frankreich, dann in England, hinterlassen trotzdem ein plastisches Bild. Der Krieg spielt bestenfalls eine Nebenrolle, dort, wo Jandl sich aufhält, findet er nicht statt. Er ist bei seinen Stationen fern der großen Schlachten, der Bombenangriffe, Verheerungen und Vernichtung.

Geschildert werden vorwiegend Kleinigkeiten aus dem Dienstalltag, Bitten um Kleidung, Rauchwerk, einen Koffer, Ankündigungen von Besuchen oder Berichten über dieselben, Wünsche und Hoffnungen, kurze Bemerkungen über den weiteren Gang der Dinge, wohin man versetzt werde und wann der Gang an die Front drohe – Dinge, die heute vor allem in e-Mails oder Messenger-Nachrichten verhandelt werden. Von den inneren Befindlichkeiten Jandls steht dort selten etwas.

Aus dem sehr informativen Vorwort und der Chronik, die wie ein Rahmen die Briefe einfassen, ist zu erfahren, dass Jandl versucht hat, nicht aufzufallen und das in einer spektakulär nüchternen Weise. Weder Innere Emigration noch Aufbegehren, sondern äußerliche Konformität, Anpassen an die Konventionen als Überlebensstrategie. Den Gang zur Front, vor allem zur höllischen Ostfront, vermeiden, aufschieben, hinauszögern – das war Jandls Art, den Krieg zu überleben. Der nachfolgende Satz bekommt so einen anderen Klang.

Nun ist es soweit: Ich bin Grenadier.

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946

Von einer Ausnahme abgesehen, spiegelt sich das in den Briefzeugnissen insofern wieder, dass Jandl diese Dinge konsequent ausklammert und nie erkennen lässt, in irgendeiner Form sich drücken oder den Fronteinsatz herauszögern zu wollen; das aber hat er getan, Zeit geschunden, Zeit gewonnen. In diesem Zusammenhang ist auch der Versuch zu sehen, Offizier zu werden, was letztlich fruchtlos blieb, aber kostbare Zeit verstreichen ließ.

Insbesondere die den Briefen nachgestellte Chronik ist in aufschlussreich, denn sie gibt preis, worum sich die Briefe  herumdrücken, die Ausweichmanöver Jandls, der gleich zweimal versuchte, sich durch Arztbesuche vor dem Fronteinsatz zu retten; er ist sogar ein hohes Risiko eingegangen, eine unerlaubte Entfernung von der – zur Front abrückenden – Truppe hätte ihm auch Standgericht eintragen können. Glück auch, dass ihm die Ostfront erspart blieb und er in den Westen kam, wo er überlaufen konnte.

So bekommen Äußerungen in seinen Briefen im Nachhinein einen Hinter-Sinn. Die Bemerkung, das Karabiner-Schießen oder der Unterricht hätten ihm gefallen, sind zunächst einmal durchaus wörtlich zu nehmen, ein wacher Geist nimmt alles mit, was ihm im eher dumpf-stumpfen Kasernenalltag angeboten wird, aber auch Teil der Taktik, Zeit zu gewinnen. Die Ausbildung zum Scharfschützen kostete wieder drei Wochen; Jandl ist wie jemand, der unter einem Tarnumhang des Mitmachens versucht, durchzukommen.

Heroisch mag das nicht sein, doch was heißt das schon? Im Nachhinein ist es leicht, von den Zeitgenossen der blutigen Jahre einen Mut einzufordern, wenn man nie in die Verlegenheit kommen wird, ihn selbst aufzubringen. Allein gegen das Propaganda-Gedröhn, das so viele erreicht und beeinflusst hat, die verheerende Wirklichkeit des Frontalltags aus den Zeitungen und Wochenschauen herauszufiltern und allem Sozialdruck zum Trotz sich treu zu bleiben, ist bemerkenswert.

Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Eine ganze Reihe von Briefen sind aus der Zeit von Jandls Kriegsgefangenschaft verfasst. Das mag angesichts des Buchtitels seltsam erscheinen, doch ist es sehr passend, denn Kriege enden nicht mit dem letzten Schuss, Waffenstillstand und Friedensschluss. Die Nachkriegsstille ist immer noch erfüllt vom Echo des Kriegsdonners. Im Falle Jandls macht sich das unter anderem darin bemerkbar, dass über Monate hinweg in Unsicherheit ist, wie seine Angehörigen den Untergang des Hitlerreiches erlebt haben. Erst im Februar 1946 erhält er in England Nachricht.

Zum Krieg gehört auch der Schock über die dramatischen Verbrechen, die während des Zweiten Weltkrieges begangen wurden. An einer Stelle in den Texten zu Jandl heißt es, der »Triumph, noch am Leben zu sein«, wäre später dem »schleichenden Gefühl von Schuld« gewichen. Das hat bei mir die Erinnerung an die Aussage eines Wehrmachtssoldaten geweckt, der selbst nie an Kriegsverbrechen teilhatte und trotzdem genau wusste, dass jede seiner (Kriegs-)Handlungen ein Mitmachen, ein Teilhaben an dem verbrecherischen Morden war, was ihn bis an sein Lebensende fürchterlich belastete. Wenn man von schweren Depressionen bei Jandl liest, liegt der Schluss nahe, dass bei ihm Ähnliches im Gang gewesen könnte.

[Rezensionsexemplar]

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946
Hrsg. von Klaus Siblewski
Luchterhand Literaturverlag 2005
Gebunden 178 Seiten
ISBN: 978-3-630-87223-0

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