Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Buchvorstellung (Seite 27 von 35)

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Das ist keine Erzählung über den Fußball, obwohl ihm eine große Rolle zukommt. Mein Lesetipp anlässlich der der schwer erträglichen WM unserer Tage. Titel Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Spät erst, auf Seite 88 von knapp 120 dieser Erzählung, rollt der Ball. In Bern, Schweiz, den Nachgeborenen vielleicht nicht geläufig als jener Ort der Wiederauferstehung des durch verheerenden Vernichtungskrieg und schulderdrückte Niederlage zermalmten Deutschland. Dort ereignet sich etwas, das als Wunder von Bern in die Geschichte eingehen wird, ein banales Fußballspiel, zwar um die Weltmeisterkrone, aber eben doch ein Spiel, das überhöht wurde zu einem befreienden Akt eines ganzen Landes.

Der 2022 verstorbene Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat mit seiner Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, dieses kollektive Wunder für eine einzelne Person in Anspruch genommen und eine ganz wunderbare Geschichte um eine ganz besondere Form der Emanzipation gestrickt. Denn an diesem Tag ereignet sich in einem Pastoren-Arbeitszimmer auch ein Wunder – ganz anderer Art, versteht sich.

Der Ich-Erzähler, ein Junge im dumpf-drückenden Nachkriegsdeutschland, geplagt vom Pastoren-Elternhaus, persönlichen Maleschen á la Stottern und Hautkrankheit, notorischen Schul- und Sportversagens im Stile des Hochbegabten, eingesperrt im »Vaterkäfig« und leidend unter der Gefühlskälte des Großvaters, eines ehemaligen U-Boot-Kapitäns, konvertiert von »Kaisertum zu Christentum«, vor allem aber unter der Zuchtrute des »Foltergottes«, erlebt knapp zwei Stunden der Befreiung.

Früh um sieben wurde der Sonntag eingeläutet, fünfzehn lange Minuten war ich den Glocken ausgeliefert.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Der Sonntag beginnt übergriffig. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, begleitet den Ich-Erzähler täglich, sonntags jedoch ganz besonders. Dem »alles überragenden, allgegenwärtigen Auge Gottes« kann er nicht entkommen. Es ist eine hoffnungslose Lage, Glaube und Kirche des frömmelnden Konvertiten-Opas, des Pastoren-Vaters und der gutmütigen Mutter lassen ihn von Lebensmitteln träumen, die »nicht von Gottes Gnade vergiftet waren«.

Delius hält für seinen Leser jedoch eine Überraschung bereit. Anders als in vielen anderen Büchern mit ähnlichem Grundansatz geht es dem Ich-Erzähler im Dorf, also außerhalb des Elternhauses, durchaus gut. Er mag die Leute, die einfachen Bauern mit ihrem derb-freundlichen Humor, hat schöne Erlebnisse und Freunde.

Als Sohn und Enkel im eigenen Haus musste ich stottern und bangen, als Kind des Dorfes litt ich nicht.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Geradezu brillant wird der Kirchgang geschildert. Hier darf ich selbst einmal einmischen, denn das Gefühl zwischen den dicken Kirchenmauern dem Schauspiel des Gottesdienstes mit gedankenfliegendem Interesse und einer gewissen inneren Wärme zu folgen, ohne selbst auch nur im Entferntesten an einen Gott zu glauben, ist mir aus meiner eigenen Kindheit vertraut. Genauso die alberne Fremdheit der Erzählungen, mit denen man im Schul- und Konfirmandenunterricht behelligt wurden.

Diese Bibelgeschichten erscheinen als eine elende, billige, schwer erträgliche und vor allem sterbenslangweilige Ausgeburt von mythengeschwängerter Einfalt, denn »anders als in Märchen siegte das Gute sofort«. Der Ich-Erzähler durchschaut die Masche, die den Religionsunterricht in jeder Form zur Tortur macht, denn man kann sich tatsächlich »nicht in den biblischen Geschichten und Deutungen verlieren wie in einem Buch, sie waren nur der sprachkräftige Ausschmuck einer Vorschrift«.

[…] wenn er das belebende Glück des Lesenden fühlte: im Text eines anderen so viel Eigenes zu finden, sogar auf der Sportseite.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Es geht auch anders, selbst in einer Zeitung – im Grunde genommen ein vernichtendes Urteil über die Bibel und ihre textauslegenden Apologeten. In diesem Motiv fängt Delius jeden Leser, möchte ich jedenfalls behaupten, denn diese Erzählung bietet mit ziemlicher Sicherheit jedem eine Möglichkeit zur Identifikation. Dieser kleine Satz reicht weit über die konkrete Situation hinaus ins Allgemeingültige.

Der Ich-Erzähler pöbelt dabei nicht gegen den »Foltergott«, sondern stellt ihn bloß, seine frommen Eltern und den frömmelnden Großvater gleich mit. Er attestiert Gott eine »Quällust« und fußt dieses dramatische Urteil auf der Geschichte von Abraham, dem dumpf-gehorsamen Erfüllungsgehilfen göttlichen Willens, und seines Sohnes Isaak, der geopfert werden soll – ein blutiges Treue-Spektakel des angeblich gütigen Gottes.

An dieser Stelle bleibt der gedankliche Sprung neun Jahre von der Handlungszeit zurück nicht aus, als der blutigste Krieg der Menschheitsgeschichte endete, ausgetragen von Heerscharen treuer Erfüllungsgehilfen, die weite Teile Europa in Bloodlands verwandelten. Delius spart diesen Part keineswegs aus, lässt jedoch bei der Gelegenheit seinen bissigen Humor von der Leine.

In vielen guten Stuben nistete etwas Dunkles und Dumpfes, […] immer stand da ein gefallener Sohn oder Vater oder Bruder in einer peinlich gewordenen Uniform gerahmt auf einem Häkeldeckchen und schaute den Hinterbliebenen, Besuchern vorwurfsvoll auf den Streuselkuchen.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Und dann – endlich – rollt der Ball. Der Ich-Erzähler verfolgt das Endspiel vor dem Radio. Auch hier erhöht eigenes Erleben den Lesegenuss, denn wer einmal gegen Saisonende, als die Bayern der sterbenslangweiligen Dauermeisterschaft noch fern und letzte Spieltage hochspannend waren, die Konferenzschaltung im Radio verfolgen durfte, in andächtig stiller Gemeinschaft kaffeetrinkender Mitleidender, weiß um die Macht des Wortes ohne Bild.

Es ist ein Sog, der auch den Ich-Erzähler erfasst und mitten in das Spiel hineinzieht, mit ihm verschmelzen lässt. Das Geniale an Delius Erzählung ist die sprachlich-erzählerische Umsetzung, die bei einem im TV erlebten Spiel unmöglich wäre (bei einem Buch aber nicht). Originale Brocken, Sätze aus der Radio-Übertragung montiert der Autor mit dem Erleben des Hörers, seinen Assoziationen, Gedanken, Bildern, Hoffnungen, Ängsten usw.

Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Intensität ist ungeheuerlich, gerade weil man vor dem Radio nichts sieht, sondern die Gedanken unter dem Druck der Ereignisse ihre eigenen Bilder malen müssen.

Man erlebt hautnah mit, wie der Ich-Erzähler aus seiner Situation fortgetragen wird, hinaus aus dem Pfarrer-Arbeitszimmer, in dem die Bibel »schwarz wie ein Kindergrabstein« liegt und alles an den alltäglichen, unentrinnbaren Schrecken gemahnt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Bis der Foltergott Konkurrenz bekommt, von einem Götzen, der – sprachlich, rhetorisch – Teufel(-skerl) und (Fußball-)Gott zugleich ist und die Tür weit aufreißt für den großen Schritt der Emanzipation.

Ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. […] In diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist […]

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Erzählung spielt mit den christlichen und von der Alltagswelt gnadenlos übertragenen Begriffen. Das Wunder von Bern ist eben auch eine ganz wundervolle Gotteslästerung, in diesem Fall für die Lossagung einer gequälten Seele von seinen Peinigern. Von wegen: nur ein Spiel. Wer in der Gegenwart lebt, kann auf so ein Wunder lange warten, der FIFA-Fußball hat sich nicht erst mit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat ins Abseits verdribbelt.

Wer wissen will, wohin das führt, kann Die Göttliche Komödie von Dante, insbesondere den ersten Teil, Inferno, zu Rate ziehen – da findet sich bestimmt ein passendes Plätzchen.

Man kann aber auch Delius Erzählung lesen und den Gedanken freien Lauf lassen, Erinnern oder Erträumen, einen Götterfunken-Moment im Stadion, etwa auf der Südtribüne des Westfalenstadions, wenn ganz am Ende, jenseits aller Hoffnung, wie aus dem Nichts zwei Treffer erzielt werden – und man emporgeschleudert wird inmitten eines gewaltigen Bebens, ein einziger wogender, donnernder, tobender Rausch.  

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Erzählung
Taschenbuch 120 Seiten
rororo 9. Auflage 2011
ISBN 978 3 499 23659 4

Gert Ledig: Vergeltung

Was für eine Zuschreibung ganz am Anfang des Romans von Gerd Ledig. Was folgt, ist ein Höllenritt. Cover: Suhrkamp. Bild erstellt mit Canva.

Ein radikaler Roman. Wer ihn liest, behält Bilder zurück. Jahre, Jahrzehnte habe ich sie nach der ersten Lektüre mit mir herumgetragen, sie sind beinahe unauslöschlich. Fast bin ich versucht, die martialische Sprache zu verwenden, mit der oft beschrieben wird, was Bomben mit einer Stadt anrichten, auf die sie fallen. Doch das würde diesem Roman nicht gerecht, der gerade durch seine karge, knappe und kommentarlose Sprache nachwirkt.

Am Ende von Gert Ledigs Vergeltung bleibt der Leser in gewisser Hinsicht atemlos zurück. Hinter ihm liegt ein Höllenritt. Sommer 1944. Deutschland im Bombenkrieg. Eine Stunde aus diesem Gemetzel, dem hunderttausende Zivilisten, Soldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und alliierte Luftwaffenangehörige zum Opfer gefallen sind.

Formulierungen wie diese wirken nach der Lektüre hohl. Phrasen. Auch die Zahlen scheinen nichts mehr auszusagen, sondern Fakten verbergen, wie ein Schleier vor der Wahrheit. Denn Ledig lässt den Leser mit den Opfern leiden, wenn diese verbrennen, verglühen, von herumfliegenden Splittern getroffen, unter Trümmern begraben, von Bordwaffen und Explosionen zerfetzt werden und sterben. Oft ganz beiläufig – plötzlich sind sie tot.

Fiel mit ausgebreiteten Armen vom Gehweg. Auf die Fahrbahn. In den flüssigen Asphalt.
Es zischte. Der Teer warf Blasen.
Von Schmerz gepeinigt, wälzte er sich als schwarzer Klumpen in zäher Masse.
Er schrie nicht, kämpfte nicht. Seine Bewegungen dirigierte die Hitze.
Sie krümmte ihn zusammen, warf seinen Kopf hoch. Sie breitete seine Glieder auseinander, als umarmte er die Erde. Er glich keinem Menschen mehr, er glich einem Krebs.
Er starb nicht nach einer Todesart, die bereits erfunden war. Er wurde gegrillt.

Gert Ledig: Vergeltung

Die  Schilderungen sind schwer erträglich, die völlig unberechenbare und absurde Auswahl jener, die sterben, macht fassungslos. Der Tod selbst scheint den Verstand verloren zu haben, wie die Personen in diesem Buch – die handeln, reden, Entschlüsse fassen und fallen lassen, aber auf eine zerrüttete, aus den Fugen geratene Weise. Es gibt absolut nichts Heroisches, nichts Sentimentales, nichts Verklärendes.

Gott ist da. Er wird ganz am Anfang erwähnt, durch einen Bibelvers; und auch am Ende, wenn das von Gustav Adolfs Schweden ins Reich gebrachte und von der Wehrmacht aufgegriffene Motto »Gott mit uns« genannt wird. Das wirkt angesichts dessen, was den Menschen widerfahren ist, was sie einander angetan haben, wie purer Hohn. Ganz am Ende heißt es noch, die Vergeltung, deren man Zeuge geworden ist, wäre nicht das Jüngste nicht gewesen. Dabei ist eine Steigerung schwerlich vorstellbar.

Sie rannten durch Vorhänge aus Asche, sprangen über Flammen und wateten durch Glasscherben wie durch zersplittertes Eis.

Gert Ledig: Vergeltung

Es ist nur eine Stunde, die geschildert wird. Dabei springt die Erzählung zwischen mehreren Perspektiven hin und her. Eine amerikanische Bomberbesatzung, Flakbedienungen, Feldpolizei, ein Ehepaar, ein Mann auf der Suche nach seinen Angehörigen, sowjetische Zwangsarbeiter, Zivilisten in Bunkern – manchmal kreuzen sich ihre Wege, oft verhängnisvoll, ebenso oft wirr, gespenstisch und zutiefst verstörend.

Wer vermag sich vorstellen, wie es in einem Bunker zugeht, der zusammenstürzt und die Insassen verschüttet? Und wer, dass ein überlebender Mann die Situation ausnutzt, und eine ebenfalls überlebende Frau vergewaltigt, obwohl beide in einer brenzligen, wie sich herausstellt: aussichtslosen Lage sind?

Wer sich ausmalen, dass auf einen amerikanischen Soldaten am Fallschirm gefeuert wird, viele Soldaten und Zivilisten fordern, ihn zu lynchen – stellvertretend für die Verwüstungen, die von der US-Luftwaffe angerichtet wurden? Und wer, wie sich ein Arzt gegenüber diesem schwer verwundeten Amerikaner verhält?

»Was ich jetzt brauche!« flüsterte der Arzt, »das ist eine Peitsche!«

Gert Ledig: Vergeltung

Die Menschen, Opfer und Täter, bleiben nicht gesichts- und namenlos in diesem Roman. Oft wird nur ihr Rang oder ihre Tätigkeit genannt, doch hat Ledig kurze biographische Skizzen eingefügt, die über eine Person knapp Auskunft geben. Sprachlich brechen diese Abschnitte die atemlose Hatz, sind nüchtern und sachlich gehalten, was die Schicksale noch bedrückender erscheinen lässt.

Vergeltung von Gert Ledig ist ein eindrückliches Buch über die völlige Entmenschlichung des Bombenkrieges. Wer sich diesem kritisch nähert, fragt, ob es für den Kriegsverlauf wirklich nötig gewesen ist, so viele Zivilisten gezielt zu töten, bekommt auch von Historikern sachlich fundierte Antworten, etwa im letzten Band der vorzüglichen Reihe Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Wer diesen Roman liest, macht sich keine Illusionen um den Preis, der von Unschuldigen gezahlt wurde.

Gert Ledig: Vergeltung
Suhrkamp
Taschenbuch
234 Seiten
ISBN 978-3518188514

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ein großer Roman des kubanischen Schriftstellers, der eines der zentralen Themen unserer Zeit berührt: Migration. Cover: Unionsverlag. Bild: Canva.

Dieser Roman ist wie ein Paket, kunstvoll verschnürt, verklebt und darunter viele Schichten, Kartons und Kästchen. Das alles öffnet sich Seite für Seite vor den Augen des Lesers. Ein Enthüllungsroman, der manchmal wirkt, wie ein Krimi ohne Detektiv oder Kommissar, und dabei viele Themen unserer Zeit berührt. Im Mittelpunkt steht eines der ganz großen: Migration.

Der Klappentext von Wie Staub im Wind gibt die Marschrichtung für die Leser vor, indem er auf »Geheimnisse« verweist, die nach langen Jahren ans Licht kämen. Trotz eines Toten, verschiedener Fluchten und einer zerbrechenden Freundesgruppe handelt es sich jedoch nicht um einen Krimi, statt Kommissar und Polizeiarbeit folgt man einem vielfach gewundenen Weg einer Handvoll von Kubanern.

Durch die wirklich bemerkenswerte Struktur des Romans, seine ineinander verschlungene Multiperspektivität und zeitliche Vielschichtigkeit, kann Padura Ursache und Wirkung, Schuld und Folgen wunderbar gegeneinander stellen und den Leser direkt erleben lassen, was die Figuren viele Jahre mit sich herumtragen. Insofern weckt das Wort »Geheimnis« vielleicht Erwartungen, die enttäuscht werden, denn Handlungsspannung ist rar.

Die wichtigsten Personen sind Teil eines »Clans«, eines Freundeskreises, der zersprengt wird. Die Gruppe gehört anfangs eindeutig zur »sozialistischen«, kubanischen Gesellschaft, die jedoch trotz ihres geographisch und politisch insularen Charakters fest verwoben ist mit der globalen Entwicklung. Der Mauerfall von Berlin wirkte dort wie der Einschlag eines Kometen, der Schockwellen ausgelöst und keineswegs überall Begeisterung ausgelöst hat.

»Schau doch, was in Berlin passiert ist. Wir haben geglaubt, den Deutschen dort ginge es gar nicht so schlecht. Weißt du, dass sie nicht bloß die Mauer eingerissen haben? Sie haben auch die Stasiarchive gestürmt, und jetzt kann jeder nachlesen, von wem er bespitzelt und verpfiffen wurde.«

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Auf Kuba wurde Fidel Castros Herrschaft nicht gebrochen. Da die Insel aber nach dem Fall der Sowjetunion allein im Weltgeschehen bestehen musste, gelang das nur auf Kosten gewaltiger Entbehrungen für die Bevölkerung und unter Einsatz repressiver Mittel. Die Kubaner gehören in gewisser Hinsicht zu den Verlierern, ja: Opfern des Mauerfalls.

Selbstverständlich ist Wie Staub im Wind eine scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen auf der Insel, die – ideologisch betoniert – für die Bevölkerung Jahre an Elend und Leid mit sich brachten. Hunger, schlechte medizinische Versorgung, grassierende Korruption, wirtschaftliche Stagnation, Verfall, Auswanderungs- und Fluchtwellen – alles wird anhand der Lebensläufe der Protagonisten hautnah erfahrbar.

Warum verließ jemand sein Heimatland, ohne es zu verlassen?

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Und doch geht Padura gleich mehrere Schritte weiter, manchmal mit haarsträubend direkten Äußerungen seiner Figuren, die aufgrund ihrer Schroffheit zum Nachdenken veranlassen. Es sei zu einfach, alles auf den Kommunismus zu schieben, meint eine von ihnen, denn die Menschen blieben unabhängig vom System immer die gleichen. Die Kubaner seien der größte Fluch des verfluchten Kuba.

Jene, die es schaffen, das Land zu verlassen, werden keineswegs automatisch zu glücklichen Menschen; Flüchtlinge stehen unter Druck und sind ungleich. Wenn sich etwa ein Kubaner in Florida bewusst wird, dass er im Gegensatz zu einem Flüchtling aus Haiti Glück gehabt hat, weil er aus Kuba kommt, wird deutlich, dass auch das Elend Hierarchie kennt.

Anderes kommt bekannt vor, ähnelt jenem, das etwa Deniz Ohnde oder Nina Haratischwili in ihren Büchern schildern. Der Flüchtling, der in seinem neuen Heimatland wirtschaftlich Fuß fasst, die Sprache sehr gut bis perfekt beherrscht, heiratet und so augenscheinlich ein Musterbeispiel von Integration sein sollte, ist und bleibt fremd (und wird so wahrgenommen), trotz seiner geradezu absurden Mühen.

»Katalanischer als die Katalanen sein und die eigene schäbige Herkunft vor sich selbst verstecken. Sich bei alledem niemals eingestehen, dass er nie ein echter Katalane sein würde, weder für sich selbst noch für die radikalen Rebellen, mit denen Montse verkehrte.«

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Diese Dinge sind nicht nur in Deutschland so, sie betreffen nicht nur die Einwanderer mit türkischen oder russischen Wurzeln hierzulande, sondern beschreiben ein globales Phänomen der Migration. Vielleicht ein guter Anlass, die Debatten um diese Frage aus der deutschtümelnden Sonderwegs-Befangenheit zu lösen.

Padura stellt gleich am Anfang Fragen, die möglicherweise Beifall von der falschen Seite auslösen könnten, wenn diese denn solche Romane läsen. Warum jemand sein Heimatland überhaupt verlasse, ohne es zu verlassen? An seinem neuen Lebensort, Florida, ausschließlich die Gesellschaft von Kubanern, kubanische Kultur, Sprache usw. suche, in einer Art Parallelgesellschaft lebe, wie das Phänomen in Deutschland genannt wird.

So kamen sie letztlich nie endgültig im Exil an, blieben für immer auf der Flucht. Sie nährten sich von gehätschelten Erinnerungen und träumten das süße Trugbild einer Rückkehr, sei es tot oder lebendig. […] Wer hierher floh, wollte Flüchtling bleiben.

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind

Ganz ähnliches kann man bei Haratischwili nachlesen. Faszinierend, dass etwas, das als typisch deutsch (und Versagen) wahrgenommen wird, im angeblichen Melting Pot USA ebenfalls anzutreffen ist. Und die Frage, früh im Roman gestellt, bekommt eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Antworten, die allesamt menschlich sind und damit zwingend unbefriedigend.

Apropos unbefriedigend: Zu den wenigen Kritikpunkten an Wie Staub im Wind gehört ausgerechnet der »Clan«. Die Gruppe, die an mehreren Stellen als verschworener Haufen bezeichnet wird, habe ich dem Autor nicht wirklich abgenommen. Eigentlich sind die Fliehkräfte von Anbeginn an klar, ebenso die Bruchlinien, während das Verbindende seltsam unscharf bleibt. Das ist angesichts der großen Stärken des Romans aber zu verschmerzen.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Leonardo Padura: Wie Staub im Wind
aus dem kubanischen Spanisch von Peter Kultzen
Unionsverlag 2022
Hardcover 528 Seiten
ISBN 978-3-293-00579-2

Karen Duve: Sisi

Schon in Fräulein Nettes kurzer Sommer hat Karen Duve gezeigt, wie sie mit historischen Figuren umgeht. Das war ein Grund für die Lektüre. Cover: Galiani-Berlin. Bild: Canva.

Natürlich habe ich die Filme gesehen, schließlich bin ich Enkel und als solcher dazu verdammt gewesen, manchen Abend vor dem TV zu verbringen; einmal lief auch »Sisi«. Und nein: Ich kann mich nicht erinnern, nicht einmal einzelne Bilder sind hängengeblieben, geschweige denn, etwas von der Handlung. Mit Fug und Recht darf behauptet werden: nicht mein Genre. Kaiserin Elisabeth von Österreich ist mir herzlich egal.

Trotzdem dieser Roman mit dem Titel Sisi. Das liegt vor allem an der Autorin. Duves Schreiben ist wie geschaffen für einen Stoff á la Sisi, was ich schon bei Fraulein Nettes kurzer Sommer erleben durfte. Was allzu leicht in schmierig, schwülstiges, hymnisch-verklärtes Gesülze abgleiten könnte, geht sie mit knarziger Nüchternheit, Distanz und präziser Beobachtung an. Norddeutsche Sachlichkeit trifft Habsburger Schmäh.

Ganz wunderbar boshaft wirken sehr geschickt zusammengestellte Passagen des Romans. Duve enthüllt anlässlich einer Parforcejagd dem Leser allgemeine gesellschaftliche Phänomene, in diesem Fall die absurd-männlichen Attitüden britischer Edelleute, die in Ermangelung militärischer Aufopferungsoptionen den Reitsport wie einen Seiltanz ohne Netz praktizierten.

»Härte, Mut und Todesverachtung. Die Offiziere überschütten das Kriegsministerium mit Ersuchen nach Versetzung in den aktiven Dienst und sie meinen das vollkommen ernst. Aber es gibt nicht genug blutige Feldzüge für alle im Empire, also setzt man seine körperliche Unversehrtheit in den Vorräumen der Offiziersmessen aufs Spiel oder in den Rauchsalons der Familiensitze, wo man nach dem Diner miteinander rangelt. Bärenkämpfe nennt sich das, wenn man seinen besten Freunden die Nasen blutig schlägt und ihnen die Rippen bricht.«

Karen Duve: Sisi

Die Parforcejagden bezeichnet Duve im Roman auch als »Schlachtfeld«, sie werden mit hohem Tempo und ins Absurde gesteigertem Risiko geritten. Kleinigkeiten wie ein Kaninchenloch, ein unsichtbarer Draht oder die Ungeschicktheit eines anderen Reiters reichen, um eine Katastrophe heraufzubeschwören: Stürze mit schwerwiegenden Folgen.

»[…], man bricht sich den Rücken oder gleich das Genick. Jeder weiß das. Das House of Lords ist voller Rollstühle, alles Jagdunfälle. In den vornehmen Sanatorien vegetieren die Jagdreiter mit irreparablen Hirnschäden vor sich hin.«

Karen Duve: Sisi

Elisabeth von Österreich, »Sisi«, kann auf diesem ersatzweisen Feld der Ehre nicht nur mitmischen, sie ist eine dermaßen herausragende Reiterin, dass nur ganz wenige mit ihr mitzuhalten vermögen. Mutig, entschlossen und selbstbewusst stürzt sich die Kaiserin in das lebensgefährliche Abenteuer, fegt mit der Jagd dahin, stürzt, rappelt sich wieder hoch, reitet weiter. Wie alle anderen ist sie am Ende völlig ausgepumpt, dreckig und glücklich.

Diese lange Einführung sei verziehen, aber Duve hat ihren Roman nicht ohne Grund mit dem Reitvergnügen Sisis in England begonnen, denn dort lässt sich diese ganz spezielle Seite der historischen Persönlichkeit ganz wunderbar entfalten. Es ist Glück. Freiheit, ohne Kopfschmerz und Melancholie, ohne Launen und Schläge für die Bediensteten.

Im Falle einer Kaiserin absehbar nur eine Episode. In scharfem Kontrast steht das Leben am Hof, das Zeremoniell, die Ehe mit dem untadeligen und unerträglichen Kaiser dazu. Umgekehrt hat auch Elisabeth von Österreich ihre abgründigen Schattenseiten, das Verhältnis zu ihrer ältesten Tochter etwa oder die Neigung, ihren Geschwistern jeden Wunsch – auf Kosten anderer – zu erfüllen.

Die Autorin verzichtet gänzlich darauf, offen zu kommentieren oder zu urteilen; zwischen den Zeilen kommt genug Haltung zum Vorschein. Mit kühlem Scharfblick schildert Duve das Leben in Wien und den anderen Aufenthaltsorten Elisabeths; dem Hofleben und seinen tückischen Gewässern wird immer mehr Raum eingeräumt. Manchmal wird es handfest sarkastisch.

»Die Damen sind verwirrt. Wenn man schon einmal sechszehn uradelige Vorfahren vorweisen kann, will man sich ja eigentlich nicht mit der Tochter einer bürgerlichen Schauspielerin abgeben. Mit Dünkel hat das gar nichts zu tun.«

Karen Duve: Sisi

Früher hätte man von einem Sittengemälde gesprochen, und die Sitten am Hofe, empfindet die Kaiserin wie einen Sarkophag, in dem sie sich fühlt, als wäre sie lebendig begraben. Ihre Ausbrüche werden im sittlichen-moralischen Rahmen der Zeit zu Skandalen aufgebauscht, es wird getratscht, geflüstert und gelästert, dass sich die Balken biegen – an dieser unseligen Neigung hat sich in der Moderne nichts geändert.

Das Titelbild ist übrigens großartig. Auf den ersten flüchtigen Blick zeigt es zwei steigende Pferde, eine ungeheuer dynamische und kraftvolle Bewegung, voller Leben, Wildheit und Freiheitsdrang. Doch sind es keine gewöhnlichen Pferde, sondern dressierte, die – man erkennt auf den zweiten Blick den Herrn mit der Peitsche im Hintergrund – nur auf Befehl agieren, gegen ihren Willen.

Karen Duve: Sisi
416 Seiten
Galiani-Berlin 2022
Hardcover
ISBN: 978-3-86971-210-9

Uwe Wittstock: Februar 33

Ein großartiges Buch über den Februar 1933 mit dem Schwerpunkt auf Deutschlands Schriftsteller. Nicht alle mussten fliehen, für manche bedeutete die Nazizeit einen Karrieresprung. Foto: Canva. Cover: C.H. Beck

Frappierend, wie ähnlich die Gegenwart der in diesem Buch geschilderten Vergangenheit scheint. Wenn etwa von den Zuständen in der Preußischen Dichterakademie die Rede ist, der Heinrich Mann vorsitzt, glaubt man das aktuelle Zeitgeschehen zu spüren. Die ideologische Spaltung geht wie ein Riss durch die Gesellschaft und spiegelt sich in den unversöhnlichen Lagern der Akademie.

Natürlich ist die Lage heute anders. Nicht unbedingt besser, denn die so genannten Sozialen Medien verschärfen die Situation, sie sind digitale Katalysatoren der Spaltung. Ihr Geschäftsmodell basiert auf der Emotion, denn die weckt Aufmerksamkeit, jenen Rohstoff, den sie benötigen, um Geld zu verdienen. Hass und Wut sind wunderbare Emotionen – in diesem Sinne, denn sie fördern einen unheilvollen Kreislauf, in dem sich die Kontrahenten gegenseitig aufschaukeln.

Insofern ist auch nur konsequent, dass die Unternehmen, sofern sie ihre Geschöpfe überhaupt noch beherrschen, jenen Schattengewächsen des Internets, den Trollen und Bots nicht wirklich Einhalt gebieten. Warum auch? Sie binden Aufmerksamkeit und verleiten dazu, Zeit auf der Plattform zu verbringen. Der Nebeneffekt: Ernsthafte, gelassene und gewinnbringende Diskurse sind fast unmöglich.

Wenn der Satz, Hitlers Verbrechen seien unvorstellbar, einen Sinn hat, dann gilt er zuallererst für seine Zeitgenossen.

Uwe Wittstock: Februar 33

Von der Spaltung profitierten die Nationalsozialisten, vor rund einem Jahrhundert unter fleißiger Mithilfe Stalins. Ausgerechnet, mag man denken, doch der Stalinismus ist einer der Steigbügelhalter des Aufstieg Hitlers zur Macht gewesen. Er hat den deutschen Kommunisten die Rolle der Totalverweigerung aufgezwungen, statt einer Frontbildung gegen die Nazis.

Als Wittstocks großartiges Buch einsetzt, liegt das Kind, die Weimarer Republik, bereits im Brunnen. Hindenburg, jene bis heute verharmloste reaktionäre Schreckensgestalt in der Politik, hat dem irrwitzigen Taktieren realitätsblinder Deutschnationaler um von Papen nachgegeben, und Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Vermutlich gehört es zur Natur eines Zivilisationsbruchs, schwer vorstellbar zu sein.

Uwe Wittstock: Februar 33

Zu den großen Momenten des Buches zählt die Gegenüberstellung einer Hitler-Wahlkampfrede und Thomas Manns Vortrag über Wagner. Die Rede des frisch gekürten Reichskanzlers wird wunderbar seziert und als hohles, sprachlich groteskes Propagandagebell bloßgestellt, während Manns tiefe Zuneigung zu Wagners Werk nicht nur auf hohem Niveau herausgestellt und begründet wird, sondern gleichzeitg ein frontaler Angriff auf die völkische Wagnertümelei der Nazis ist.

Wittstock belässt es glücklicherweise nicht dabei, sondern stellt Manns eigene Widersprüchlichkeit klar heraus. Dessen schauderhafte Ansichten bis 1922, als er schließlich den Weg zur Demokratie fand und von seinem Überlegenheitsdünkel der deutschen Kultur abließ, zeigt er wie das immer noch begrenzte politische Verständnis des Großschriftstellers.

Besonders bedrückend ist das Gefühl der Ohnmacht und Orientierungslosigkeit, das viele der Protagonisten nach der Machtübertragung an Adolf Hitler befallen hat. Wie ein derartiges Ereignis die Lebensentwürfe, Planungen und Hoffnungen von einem Tag auf den anderen vernichten kann und was das konkret für die Menschen bedeutet, ist schwer erträglich.

Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln. Das große Töten begann erst später.

Uwe Wittstock: Februar 33

Das gilt besonders für den letzten Abschnitt des Buches, wenn Wittstock sich den so genannten »wilden« Konzentrationslagern und Gefängnissen unter der Regie der SA widmet. Für diese Schreckensorte gab es keinerlei Regulierung, die Gefangenen wurden über Wochen fürchterlich misshandelt und hungerten zu Tode. Wir reden hier von Berlin im Jahr 1933, nicht den Bloodlands nach 1941.

Das Ungeheuerliche an diesen Zuständen ist, dass sie faktisch übergangslos nach dem Ende der Weimarer Republik begannen. Die unmenschliche Verrohung der SA war längst vollzogen, als zumindest nach außen hin noch ein Rechtsstaat existierte. Für viele war das jedoch nicht mehr als eine billige Kulisse, die in ungeheurer Geschwindigkeit niedergerissen wurde. Das Buch ließ mich zurück in der Hoffnung, dass der Staat, in dem ich lebe, mehr Widerstandskraft zu bieten hat.

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur.
C.H.Beck
Hardcover
288 Seiten
ISBN: 978-3-406-77693-9

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