Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

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Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!

Eine essayistische Streitschrift mit erstaunlich modernen Ansichten und rhetorischen Kniffen. Mit der editorischen Umsetzung, die (wie der Begriff »Feministin«) einer Stilisierung Vorschub leistet, hadere ich. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Erstaunlich modern wirkt die Schrift Louise Dupins, in der sich die Autorin gegen die Vorurteile gegenĂŒber Frauen stemmt. Auf rund 86 Seiten wendet sie sich gegen ĂŒberkommene Ansichten, widerlegt diese rhetorische geschickt, sachlich und gelegentlich mit einer Prise boshaftem Spott gewĂŒrzt. Erstaunlich ist auch, wie manche der Ansichten auf mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod noch kursieren. Allein deswegen ist diese Schrift noch immer lesenswert, auch wenn man sich aufgrund des sozialen Standes der Autorin fragen muss, wen genau sie mit »Wir« eigentlich meint? 

Dupin starb hochbetagt wenige Wochen vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Chenonceau, einem sehenswerten Schloss an der Cher. Bei meinem Besuch im Sommer 2025 betrachtete ich das bekannte Portrait der als betörend schön und intelligent geltenden SaloniÚre. Entsprechend erfreut war ich, als ich das Buch in der Reihe Frauenstimmen im Verlag Wagenbach entdeckte. Hilfreich sind die einordnenden Passagen von George Sand, das Nachwort und die beiden Texte Rousseaus und Voltaires.

Das Chateau de Chenonceau an der Cher.
Schloss Chenonceau an der Cher ist auch an grauen Tagen einen Besuch wert.

Zu fragen ist, ob die Bezeichnung »Feministin« passend ist, ein Begriff, der erst einige Jahrzehnte nach Dupins Tod gebraucht wurde. Die Gefahr einer nachtrĂ€glichen Stilisierung besteht, der auch editorisch Vorschub geleistet wird. So wurden ausfĂŒhrliche Ansichten Dupins zur Antike, »europĂ€ischer LĂ€nder, Chinas, Japans und Afrikas sowie zu wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit, die aber ĂŒberholt sind«, weggelassen. GekĂŒrzt wurde auch in den Abschnitten, in denen es um die Schulbildung und rechtliche Gleichstellung geht.

Das fördert die Lesbarkeit des Textes, leistet aber einem Idealbild der historischen Person Louise Dupins Vorschub. Gerade das Nebeneinander von fortschrittlichen und rĂŒckwĂ€rts gewandten Gedanken ist prĂ€gend fĂŒr alle Zeiten und Denker, man denke nur an den blinden Fleck der AufklĂ€rer bezĂŒglich der Sklaverei oder eben der Frauen. Zur Weltsicht Dupins gehören eben auch Dinge, die ĂŒberholt sind. 

Dann gibt es noch den Sohn, Jacques-Armande Dupin de Chenonceaux, fĂŒr den der Begriff »schwierig« ein Euphemismus darstellt. Rousseaus Worte ĂŒber ihn, vor allem aber die immensen Spielschulden, mit ihren beinahe desaströsen Folgen fĂŒr die Familie, erzwingen fast die Frage nach Wollen und Wirklichkeit, den Absichten und ihrer (missglĂŒckten) Umsetzung. Auch fĂŒr eine Louise Dupin gab es Grenzen.

Eine weitere Frage, die unabhĂ€ngig von der historischen Person der Autorin ist, drĂ€ngt sich auf. Viele der TĂŒren in schulischer Hinsicht, die zur Zeit Louise Dupins noch fest verschlossen waren, stehen heute weit offen. Gehen die MĂ€dchen hindurch oder geschieht in unserer Gegenwart gerade das Gegenteil?

Louise Dupin: Wir sind alle gleich, Monsieur!
Eine Feministin erhebt Einspruch
Aus dem Französischen von Rudolf Bitter
Wagenbach 2025
Gebunden 144 Seiten
ISBN 978-3-8031-1387-0

Frank Verstraete, CĂšline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte

Buchcover von ‚Warum niemand die Quantentheorie versteht‘ mit dem Zitat ‚Symmetrie ist das wichtigste Konzept in der Physik.‘ im Hintergrund einer abstrakten, goldfarbenen Lichtspiral-Visualisierung. Das Cover zeigt die Autoren Frank Verstraete und CĂ©line Broeckaert sowie den Verlag C.H.Beck.
Es ist nicht leicht, in die Welt der Quantenphysik und ihrer Schöpfer einzutauchen. Doch es lohnt sich, denn tatsĂ€chlich sollte jeder etwas darĂŒber wissen. SachbĂŒcher sind nicht nur dazu da, das Wissen zu vergrĂ¶ĂŸern, sondern auch das Unwissen vor Augen zu fĂŒhren. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

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] ergab sich, dass die Erde etwa 4,5 Milliarden Jahre alt sein muss (der Urknall liegt 13,8 Milliarden Jahre zurĂŒck). Daran wird nicht mehr ernsthaft gezweifelt. Außer vielleicht in den LehrplĂ€nen von Wisconsin.

Frank Verstraete, CĂšline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte

Gleich zwei Vorworte empfangen den Leser, ergĂ€nzt durch eine Art Kurzanleitung fĂŒr das Lesen. Das unterstreicht, welch’ schwergewichtigem Thema sich das Buch widmet: Quantentheorie. Der Begriff allein dĂŒrfte die Mehrzahl der Leser in die Flucht schlagen, keineswegs nur die Konsumenten schluckgerecht pĂŒrierter Trivialliteratur. Dabei sind nun schon  mehr als einhundert Jahre vergangen, seit die Welt »unscharf« wurde, was eigentlich dramatische Folgen fĂŒr sĂ€mtliche Wissenschaften und selbst den Alltag hat.

Wie sollte Quantentheorie interessieren, wenn schon vergleichsweise zugĂ€ngliche ZusammenhĂ€nge wie Elektromotoren, WĂ€rmepumpen oder Impfungen in AbgrĂŒnde an MissverstĂ€ndnissen fĂŒhren, zufĂ€lligen wie auch gezielt herbeigefĂŒhrten? Nichtwissen ist nicht schlimm, der falsche Umgang damit kann verheerend sein. Ich bin weit entfernt davon, Quantenphysik zu verstehen, obwohl ich bereits mehrere BĂŒcher ĂŒber das Thema gelesen habe, die auf möglichst schonende, weil oft biographischanekdotische Weise versuchen, die Leser  heranzufĂŒhren. Irgendwann steige ich immer aus.

Entpsrechend gefĂ€llt mir der sperrige Titel des Buches von Frank Verstraete und CĂšline Broeckhaert ganz wunderbar: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte. Man darf also beruhigt kapitulieren, man ist in allerbester Gesellschaft, man darf, man sollte sogar das eigene UnverstĂ€ndnis eingestehen; das alles ist wohltuend weit von Schule entfernt. Ein wichtiger Grund, das Buch zu lesen, besteht darin, mein eigenes Unwissen zu vergrĂ¶ĂŸern; nach der LektĂŒre ist mir wieder etwas klarer, was ich alles nicht weiß, verstehe, ja nicht einmal ahne.

Die Schrödingergleichung gehört ebenso zum Kanon unserer Kultur wie Beethovens 9. Sinfonie.

Frank Verstraete, CĂšline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte

Wer nun die Augenbrauen hebt und ein wenig brĂŒsk denkt, wie man denn meinen könnte, jeder wĂŒrde mit dem Wort Schrödingergleichung etwas anfangen können, dabei vielleicht die Ode an die Freude summt, um die Distanz zwischen dem schnöden Begriff »Gleichung« und dem genialisch-eingĂ€ngigen Motiv zu unterstreichen: Wer die paar Takte summen und die Musik genießen kann, hat von dem Werk genauso viel oder wenig verstanden, wie von Schrödinger und seiner berĂŒhmten Gleichung.

Wer ein Buch ĂŒber Musiktheorie liest (und versteht), wird die 9. Sinfonie Beethovens mit anderen Ohren hören und vielleicht sogar anders verstehen. Das ist auch eine Begleiterscheinung eines Buches ĂŒber Quantenphysik: der Weltsicht des Lesers eine neue Perspektive hinzufĂŒgen, eben der »frischen Quantenperspektive«. Das ist rundherum gelungen, auch wenn ich schon im ersten Kapitel das weiße VerstĂ€ndnis-FĂ€hnlein schwingen musste.

Sie heißen »imaginĂ€re« oder »komplexe« Zahlen und stehen in einem mir nur schemenhaft begreiflichen Zusammenhang mit Matrizen. Von denen wusste ich immerhin noch, dass sie in Göttingen in den 1920er Jahren Rahmen der quantenphysikalischen Forschung Verwendung fanden (und moderne Informatik-Studenten behelligen). Auch die Anwendungsbeispiele, Smartphones, VR, Suchmaschinen oder ChatBots ĂĄ la ChatGPT lassen nur erahnen, wie Matrizen eine zentrale Rolle in der Datenverarbeitung spielen.

Symmetrie ist das mÀchtigste Konzept in der Physik.

Frank Verstraete, CĂšline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte

Besonders zu loben ist die Struktur des Buches. Jedes Kapitel wird mit einigen Stichworten eingeleitet, eine  Art motivischer Leitfaden fĂŒr die nachfolgenden Seiten. Das vorherige Zitat steht am Beginn des zweiten Abschnitts, der sich mit der Symmetrie befasst. Man sollte ihn nach Beendigung des Kapitels ruhig noch einmal lesen, um zu rekapitulieren, womit man sich auseinandergesetzt hat.

Der Fließtext wird durch eingeschobene Abschnitte unterbrochen, die – wie andere BĂŒcher ĂŒber Quantenphysik – biographisch-zeitgeschichtlich-anekdotische Informationen ĂŒber die Protagonisten der Forschung bieten. Das verknĂŒpft die fachlichen Erkenntnisse mit historischen Personen und dabei treten gelegentlich auch Unbekannte aus dem Schatten des Vergessens.

Emmy Noether etwa, eine geniale Mathematikerin, die nicht mehr und nicht weniger als einen »GeneralschlĂŒssel« fĂŒr die physikalische Forschung bereitstellte. Sie hat die Symmetrie als Ordnungsprinzip hinter den Entdeckungen und physikalischen Gesetzen ausgemacht. Wie so oft in Kreisen von Wissenschaft, Kunst und Kultur, ist auch ihre Biographie von der MachtĂŒbertragung an Adolf Hitler 1933 ĂŒberschattet, sie emigrierte in die USA und verstarb bereits zwei Jahre spĂ€ter.

Frank Verstraete, CĂšline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte

Immer wieder wird der Text durch Skizzen bereichert, was nicht nur das Lesen erleichtert, sondern den  Leser mit bemerkenswerten Erkenntnissen konfrontiert. So ist der recht abtstrakt wirkende Begriff »kontraintuitiv« auf einmal sehr konkret. Gefragt, welches der drei Bilder die grĂ¶ĂŸte Symmetrie darstellt, hĂ€tte ich intuitiv auf das rechte obere getippt und damit falschgelegen. Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, zu erklĂ€ren, warum Intuition und Wirklichkeit so deutlich auseinanderklaffen.

Stattdessen möchte ich noch auf das letzte Kapitel des Buches verweisen, das sich der zweiten Quantenrevolution widmet, die seit rund dreißig Jahren im Gange ist. Die Schilderungen verlangen dem Leser einiges an Gedankenakrobatik ab. Auch wenn man nicht versteht, warum Energie und Information das Gleiche sein könnten und die Unterschiede zwischen einem herkömmlichen und einem Quantencomputer unbegreiflich bleiben, spĂŒrt man, wie sehr unser „Wissen“, insbesondere das intuitive, den neuen Erkenntnissen nicht standhĂ€lt. Ein schmerzlicher Prozess, der nie an sein Ende kommt.

Das ist ein weiterer Grund, fĂŒr mich vielleicht der wichtigste, warum jeder etwas ĂŒber die Quantentheorie wissen sollte: Man versteht die Vergangenheit besser. Vierhundert Jahre vor den ErkenntnisstĂŒrmen der neuen Physik zerbrach schon einmal ein festgefĂŒgtes Weltbild. Der Vorgang mutet heute wie eine VerĂ€nderung in Zeitlupe an, aber die Parallelen sind unĂŒbersehbar. Es dauerte lange, ehe die grundsĂ€tzlichen Erkenntnisse allgemein anerkannt waren, Allgemeinwissen wurden, wenn man so will; wobei ich Zweifel hege, wer heute wirklich die klassische Physik in ihren Grundlagen versteht.

Hundert Jahre nach dem Beginn der Quantenrevolution ist unsere Wirklichkeit weit davon entfernt, dass die Erkenntnisse in Alltags- oder Allgemeinwissen auch nur in Spurenelementen einfließen. Man könnte sogar meinen, beide Welten, die der Wissenschaft und der Allgemeinheit, entfernen sich. Wie vor einhundert, wie vor fĂŒnfhundert Jahren wĂ€chst nicht nur das Wissen, sondern auch die Dummheit (Wisconsin!). Und das ist noch eine Antwort auf die Frage, warum man etwas ĂŒber Quantenphysik wissen sollte; zum Beispiel durch die LektĂŒre dieses herausfordernden Buches.

Beim Verlag C.H.Beck bedanke ich mich fĂŒr das Besprechungsexemplar.

Frank Verstraete, CĂšline Broeckaert: Warum niemand die Quantentheorie versteht, aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte
Aus dem NiederlÀnischen von BÀrbel JÀnicke.
C.H. Beck Verlag 2025
Gebunden 351 Seiten
ISBN: 978-3-406-83622-0

Neue LektĂŒre: Versager oder ein König seiner Zeit

Buchcover von 'Aethelred II: King of the English' von Ryan Lavelle, das vor einem BĂŒcherregal steht. Das Cover zeigt eine mittelalterliche Illustration von gekrönten Personen in traditioneller Kleidung.
Der König Æthelred II. kommt nicht gut weg in der Wertung spĂ€terer Autoren. Kein Wunder, hat er doch kein Mittel gegen die endlosen Wikinger-Raids gefunden und ist im Kampf gegen den dĂ€nischen Erobererkönig Sven Gabelbart unterlegen.

Mehr als 35 Jahre lenkte der angelsĂ€chsische König Æthelred II. die Geschicke Englands. Dieser Satz ist in verschiedener Hinsicht problematisch, weil es eine MachtausĂŒbung suggeriert, die kein Herrscher dieser Zeit realisieren konnte. Das oströmische Reich, »Byzanz«, war in seiner Staatlichkeit wohl am weitesten fortgeschritten, weil der Zivilisationsbruch des westlichen Teils ab dem fĂŒnften Jahrhundert nicht stattfand.

Die Monarchen in den Herrschaftsgebilden, die alles Mögliche waren, aber kein Staat, mussten sich mit den regionalen Herren arrangieren. Schriftlichkeit, Recht, Verwaltung spielte um 1000 n. Chr. eine marginale Rolle. Es verbietet sich, diese Vergangenheit an der Moderne zu messen, was manche Historiker nicht davon abhĂ€lt, FĂŒrsten als VerrĂ€ter und »Quislinge« zu bezeichnen: eine Anspielung auf den norwegischen Nazi-Kollaborateur gleichen Namens.

Das ist vielfacher Hinsicht absurd. Alle FĂŒrsten zu der damaligen Zeit verfolgten ihre eigenen Interessen. Im Ostfrankenreich war es ĂŒblich, Dienste fĂŒr den König mit Gegenleistungen zu begleichen; eine moderne Pflicht, dem Herrscher zu helfen, wĂ€re damals ein abwegiger Gedanke gewesen. Heute klingt das wie Korruption, aber fĂŒr das Geschehen um die erste Jahrtausendwende hilft dieser Begriff nicht weiter.

Wer also ĂŒber König Æthelred II. urteilt, muss das mit großer Vorsicht tun. Ich bin sehr gespannt, wie der Autor meiner aktuellen LektĂŒre die historische Persönlichkeit wertet. Unbestreitbar steht am Ende des Lebens von Æthelred II. eine Niederlage gegen den dĂ€nischen Erobererkönig Sven Gabelbart; auch nach dessen Tod konnte er sich gegen Knut (spĂ€ter »der Große«) nicht durchsetzen.

Das Land war in den Jahren zuvor von schweren Raub- und -plĂŒnderzĂŒgen der Wikinger geplagt worden, Æthelreds Gegenmaßnahmen halfen nicht. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist eine Person namens Eadric Streona, ein Adeliger, der mehrfach die Seiten wechselte. Ein »VerrĂ€ter« oder vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher lokaler Großer seiner Zeit? Die Quellenlage ist mĂ€ĂŸig, die Autoren (oft Kirchenleute) verfolgten ihre eigenen Absichten.

In meinem Roman »Sessrumnir«, der in dieser Zeit spielt, wird Æthelred II. persönlich wohl nicht auftreten, aber natĂŒrlich wird er Teil der Handlung sein. Die Frage ist, wie ich ihn als historische Person gestalte? Was denken meine Protagonisten, ihre VerbĂŒndeten und Gegner ĂŒber ihn? Ich stehe dabei vor einem Dilemma, denn die Leser meines Romans denken und werten modern; ein zu stark historisierender Ansatz könnte als zu fremd, ja falsch empfunden werden und die Grundlage jeden Romans brechen: die GlaubwĂŒrdigkeit.

Thomas Williams: Viking Britain

Buchcover von ‚Viking Britain‘ (Sachbuch) von Thomas Williams: Das Cover zeigt einen stilvollen Ausschnitt eines Wikingerschiffsbugs mit typischen Schnitzereien und Ornamenten. Im linken Bereich des Bildes steht in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund ‚THOMAS WILLIAMS‘, ‚VIKING BRITAIN‘ und ‚Sachbuch‘.
Ein vorzĂŒgliches Buch ĂŒber die Geschichte Britanniens, vor allem des spĂ€teren Englands, mit dem Fokus auf die Wikinger und ihren Einfluss auf den Gang der Dinge. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Zu den VorzĂŒgen des Buches Viking Britain von Thomas Williams gehört der Fokus auf die britischen Inseln, insbesondere auf den Teil, den man heute England nennt. Allzu leicht verirrt man sich in der Welt der Wikinger, die »groß und weit« war (Neil Price), von Vinland bis zum Schwarzen Meer reichte. Es gab kein »Reich« diesen Ausmaßes, die Worte beschreiben den Horizont der Nordleute, ihre Handelsfahrten, Landnahmen und bewaffneten RaubzĂŒge.

Viking Britain erzĂ€hlt, wie sich die Angelsachsen, Keltische Bewohner der Inseln und die Wikinger im Laufe von gut zweihundert Jahren gegenseitig beeinflusst und verĂ€ndert haben. England entstand als politisches Gebilde auf den TrĂŒmmern der kleinen, kriegerischen, angelsĂ€chsischen Königreichen. Diese Einheit dĂŒrfte eine schnelle Eroberung durch William von der Normandie 1066 beflĂŒgelt haben; allerdings auch die durch Knut den Großen fĂŒnfzig Jahre vorher.

Warum die Wikinger ihre anfĂ€nglichen RaubzĂŒge zu EroberungszĂŒgen wandelten, wird nach der LektĂŒre nicht recht klar. Man könnte mit Blick auf die ReiterkriegerverbĂ€nde, wie die Hunnen, spekulieren, dass die maritime Version der Steppenreiter vor einem Ă€hnlichen Problem stand, nĂ€mlich die Gefolgschaft zufriedenzustellen. Das funktionierte einige Zeit mit Beute (insbesonderes Sklaven), dann liegt der Schritt zur Landnahme nahe, so könnte man spekulieren.

Williams gibt seinen Lesern eine Reihe von bemerkenswerten DenkanstĂ¶ĂŸen: Maritimer Handel und KriegfĂŒhrung bildeten die Kernkompetenz der Nordleute. Liegt hier bereits die Wurzel fĂŒr das spĂ€tere britische Empire, in Gestalt einer Mind-Map? Und wer waren diese Wikinger eigentlich? Zeitgenössisch wurde der Begriff selten verwendet, einmal fĂŒr Sklaven, die ihren Herren davonlaufen; oder fĂŒr MĂ€nner (und wenige Frauen), die ein (blutiges) Unternehmen wagten, das ihnen den Tod oder Reichtum und Ruhm bringen konnte.

Ausgesprochen lesenswert, gedankenreich, anregend und gut geschrieben, dabei ĂŒbersichtlich und klar strukturiert. Die LektĂŒre ist Teil meines Lesevorhabens Zwölf fĂŒr 2026.

Thomas Williams: Viking Britain
William Collins 2017
Taschenbuch 410 Seiten
ISBN: 978-0-00-817195-7

Neue LektĂŒre: Ferne Welten – Quantentheorie und Frauenleben

Im SpĂ€tsommer 2025 besuchte ich das Schloss Chenonceau an der Cher, das in ReisefĂŒhrern recht großzĂŒgig zu den »Loire-Schlössern« gezĂ€hlt wird. Das FlĂŒsschen war ab 1940 fĂŒr gut zweieinhalb  Jahre die Grenze zwischen dem besetzten Frankreich und dem von der Petain-Regierung kontrollierten Restgebiet der gedemĂŒtigten Grande Nation. Direkt am Schloss fĂŒhrt eine BrĂŒcke ĂŒber die Cher, darauf wurde eine zweistöckige Galerie gesetzt. Auf diesem Weg konnten einige Juden der Deportations-Gefahr durch die Nazis vorerst entkommen.

Es ist keineswegs das einzige interessante Detail, auf das der Besucher aufmerksam wird. Beim Schlendern durch das schöne GebĂ€ude stieß ich auf ein GemĂ€lde, das eine Frau zeigt, die von ihren Zeitgenossen als bildschön und außerordentlich intelligent beschrieben wird. Eine SaloniĂ©re mit Kontakten zu vielen großen Geistern der Zeit – also der des 18. Jahrhunderts, der AufklĂ€rung und der hartnĂ€ckigen Vorurteile gegenĂŒber Frauen. 1848/49 noch war die ZurĂŒcksetzung der Frauen das beharrlichste gesellschaftliche Element.

Louise Dupin de Chenonceaux war von dieser ZurĂŒcksetzung selbst betroffen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann an diversen Werken gearbeitet, darunter eines ĂŒber die »Verdienste der Frauen«, was nicht fertiggestellt oder gar veröffentlicht wurde. Ein wenig erinnert das an den Roman AufklĂ€rung von Angela Steidele, auch Michael Maar hat in Die Schlange im Wolfspelz am Beispiel Rahel Varnhagens darauf verwiesen, dass Frauen oft auf Briefe als literarischen Ersatz auswichen.

Mit dem schmalen BĂ€ndchen Wir sind alle gleich, Monsieur! kann man ein wenig hineinschnuppern in die Denkwelt der Louise Dupin. Der Untertitel bezeichnet sie als »eine Feministin«, was  zu hinterfragen wĂ€re. Avant la lettre, vielleicht, aber Zuschreibungen moderner  Lebensformen auf Vergangenes sind selten hilfreich. On va voir.

Das Schloss Chenonceau an der Cher.
Ein nebelgrauer Tag in Chenonceau an der Cher. Schön zu sehen ist die BrĂŒcke ĂŒber den Fluss, mit den beiden Galerien darĂŒber. Bild Privatbesitz.

Selten drĂŒckt ein Buchtitel mein Leseinteresse so perfekt aus: Warum niemand die Quantentheorie versteht – Aber jeder etwas darĂŒber wissen sollte*. Es ist immens entlastend bei diesem Thema, dass die Aufforderung zur Kapitulation im Buchtitel schon enthalten ist. Wenn es eh niemand versteht, dann kann ich getrost hineinschnuppern. Mehrfach habe ich in den vergangenen Jahren BĂŒcher ĂŒber das Thema gelesen, ich weiß also, was auf mich zukommt. Und ich weiß, dass ich Quantenphysik nicht verstehen werde. Das ist wichtig. 

SachbĂŒcher lese ich keineswegs nur, um mein Wissen zu erweitern. Ich will auch mein Unwissen erweitern. UnabhĂ€ngig  von der Fachrichtung macht jedes Buch deutlich, wovon ich keine Ahnung habe und auch nie haben werde. Das ist wunderbar weit weg von Schule und dem albernen Unsinn, man könnte etwas als richtig oder falsch bewerten. FĂŒr das Sortierinstrument Schule sind die Kategorien richtig / falsch notwendig,  dabei geht eine wichtige menschliche FĂ€higkeite verloren, nĂ€mlich, die eigene Unwissenheit auszuhalten. 

Quantenphysik ist von zentraler Bedeutung und spielt in der alltĂ€glichen Wahrnehmung keine Rolle. Diese Diskrepanz liegt zweifellos an der Anstrengung, die damit verbunden ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei schildern die meisten BĂŒcher ĂŒber Quantenphysik die zeitgeschichtlichen UmstĂ€nde, erzĂ€hlen von den Physikern und in Maßen von deren  Erkenntnissen. Irgendwann bin ich immer »ausgestiegen«, konnte dem physikalischen Thema nicht mehr folgen.

Macht nichts. Interessant ist es trotzdem. Und auch jetzt freue ich mich auf die UnschĂ€rfe Heisenbergs und viele andere quantenphysikalische Aspekte, die mir auch nach der LektĂŒre dieses Buches rĂ€tselhaft bleiben werden.

*FĂŒr das Rezensionsexemplar bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck.

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