Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

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Christian Grataloup: Geogeschichte

Buchcover von 'Geogeschichte: Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte' von Christian Grataloup, veröffentlicht bei C.H.Beck. Im Hintergrund ist ein mystischer Wald mit Nebel zu sehen. Über dem Bild steht das Zitat: 'Wir leben in Geisterwäldern´.
Mein Lieblingszitat aus dem Buch. Die passende Karte veranschaulicht, wie sehr sich das Gesicht unserer Welt verändert hat. Mensch und Baum standen schon immer in Konkurrenz. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer sich mit Geschichte befasst, stellt unvermeidlich irgendwann die Frage nach einem alternativen Verlauf der Entwicklung. Die Antwort fällt zwangsläufig spekulativ aus, denn so wenig sich die Zukunft in der Gegenwart vorhersagen lässt, so wenig lässt sich die »Zukunft von Gestern« prognostizieren. Zu komplex sind die Entwicklungen, wie Stig Förster in seiner voluminösen Deutschen Militärgeschichte betont. Zur Illustration dessen, was tatsächlich stattfand, und den Folgen, ist ein Gedankenexperiment jedoch gelegentlich hilfreich.

Ein Beispiel findet sich in Christian Grataloups Geogeschichte. Was wäre, wenn das Pferd in Amerika nicht um 30.000 vor Christus ausgestorben wäre? Oder etwas weiter gefasst: Was, wenn nicht alle domestizierten Großsäuger aus Europa, Afrika und Asien (Eufrasien) stammten? Das klingt wenig spektakulär, war für die historische Entwicklung gerade auch der Neuzeit von geradezu dramatischer Bedeutung.

Grataloup zeigt, dass die Abwesenheit von Zug- und Reittieren in den Amerikas tiefgreifende Folgen für die Entwicklung – oder ausbleibende Entwicklung der Regionen hatte. Die Landwirtschaft in Eufrasien war durch Zugtiere intensiviert worden, was eine Zunahme der Bevölkerung nach sich zog. Ohne Wasserbüffel kein intensiver Reisanbau; ohne Pferd und Ochsen kein intensiver Ackerbau; und das Rad wäre – wie in den Amerikas – zwar bekannt gewesen, aber ohne die Bedeutung geblieben, die es tatsächlich hatte.

Wie schnell und hoch effizient diese Großsäuger hätten in die bestehenden Lebensweisen integriert werden können, zeigt sich am Pferd. Als die spanischen Eroberer in Südamerika eintrafen, sorgte der Anblick der Berittenen (neben ihren Feuerwaffen und Rüstungen sowie der taktischen Organisation) für Schockwellen bei den Einheimischen, wie bei Camilla Townsend in Die fünfte Sonne nachgelesen werden kann. Später aber konnten indianische Gemeinschaften Nordamerikas verwilderte Pferde redomeszieren und sowohl für die Jagd als auch Kriegszüge verwenden. Die Frage nach einem alternativen Verlauf der Geschichte zeigt vor allem, was in der tatsächlichen fehlte.

Die  Polygenese der Agrargesellschaften ist unbestreitbar.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Unweigerlich wird die Sicht auf die Welt, auf die Gegenwart durch die Lektüre von Büchern wie Geogeschichte verändert. Das geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So gibt es auch hier Beispiele für den schamlosen Missbrauch von Wörtern wie »Völkermord«, wenn etwa der (wiederlegten) Ausrottung des Neandertalers durch den Homo Sapiens das Wort geredet und das als »erster Völkermord der Geschichte« eingestuft wird. Diese Form der Marktschreierei entwertet einen Begriff und richtet Schaden an.

Etwas weniger drastisch, dafür sehr wichtig ist die Frage nach dem Konzept des »Fortschritts«. Geschichte wird oft als lineare Abfolge von Verbesserung geschrieben, eine Art Kausalkette des Fortschritts. So wurde die Sesshaftigkeit des Menschen als eine Folge der Landwirtschaft angesehen. Grataloup zeigt, dass diese Betrachtungsweise hinkt. Auch Jäger- und Sammler waren bereits sesshaft, vor allem in Küstenbereichen.

An dieser Stelle sei auch auf die Steppenreitervölker verwiesen, die nach der Sesshaftigkeit erschienen und nicht etwa eine Vorstufe der Agrargesellschaft waren. Mischa Meier weist in seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen nicht umsonst mehrfach auf die hochkomplexe Lebensform der Reiterkriegerverbände hin, was das Motiv des »Fortschritts« als recht einseitiges, zweifelhaftes Konzept erscheinen lässt.

War das Neolithikum eine Katastrophe?

Christian Grataloup: Geogeschichte

Schließlich wirft Grataloup auch die Frage auf, ob man überhaupt von einem Fortschritt sprechen könne. Hier stehen sich zwei Bewertungsansätze diametral entgegen. Galt die Sesshaftigkeit der permanenten Wanderschaft lange Zeit als überlegen, gibt es gegenteilige Auslegungen. Die Sesshaftigkeit habe Zwang statt Freiheit und Kriege gebracht, sei außerdem ein ökologischer Holzweg.

Wie so oft ist ein genauer, differenzierter Blick nötig. Die Jäger- und Sammlergemeinschaften wurden wie später die Sesshaften von tödlichen Krankheiten heimgesucht, die erst in der Moderne medizinisch behandelbar wurden (was ohne Sesshaftigkeit nicht geschehen wäre). Aber Seuchen, Epidemien oder Pandemien setzen Sesshaftigkeit voraus.

Und es geht noch weiter. Die Nahrungsmittelvielfalt schränkte sich ein, Karies kam auf. Die Arbeitsbelastung stieg, mit der Bevölkerungsexplosion erhöhte sich die Ressourcen-Entnahme und die Belastung für die Umwelt – lange vor der industriellen Revolution. Die Agrarrevolution war nicht rückgängig zu machen, ein „Degrowth“ hätte zu einem Massensterben geführt.

Gleichzeitig ist sich die Forschung bewusst, dass diese Dinge für die Regionen gelten, in denen intensive Landwirtschaft betrieben wurde. Sesshaftigkeit und Agrarwirtschaft war auch im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten möglich. Wie so oft ist es die Umsetzung eines „Fortschritts“, der über dessen Charakter entscheidet. Das ist zentral für die großen Debatten der Gegenwart, die vom Fortschritt in „disruptiver“ Gestalt geradezu berauscht zu sein scheint.

Gleichwohl bleibt das Wort „Zivilisation“ behaftet mit dem Geburtsmakel einer wissenschaftlich wie ethisch unhaltbaren Hierarchisierung […]

Christian Grataloup: Geogeschichte

Das Zitat zeigt, wie Grataloup versucht, sprachlich auf der Höhe der Zeit zu sein und diverse Stereotypen und mit Makeln behaftete Formulierung zu ersetzen oder – wie im Falle von »Zivilisation« – ihre Problematik offenzulegen. Seltsamerweise verwendet der Autor trotzdem eine sowjetische Formulierung »kleine Völker des russischen Nordens« für die indigene Bevölkerung am nördlichen Rand Asiens. Haben sie anders als die Bevölkerung Nordamerikas oder Afrikas keine angemessene Begrifflichkeit verdient?

Dieser »Norden« war und ist ebensowenig russisch wie Namibia deutsch, Algerien französisch, der Kongo belgisch oder Ghana englisch waren.  Es handelt sich um ein mit Feuer und Schwert kolonisiertes Gebiet, deren indigene Bevölkerung in ein imperial ausgreifendes Reich gezwungen wurde, das heute Russische Föderation heißt (ohne es zu sein). Auch Sibirien ist nicht »russisch«, wie Grataloup bedauerlicherweise formuliert, aus den gleichen Gründen.

Warum fehlt hier sonst anzutreffende sprachliche Sorgfalt? Zeigt sich hier der blinde Fleck gen Osten? Während die Seeimperien als solche bezeichnet und kritisiert werden, während Grataloup einen sprachlichen Eiertanz aufführt, um den Begriff »Afrika« zu entkolonisieren und – durchaus berechtigt – auf die Zweiteilung des Kontinents durch die Sahara verweist, wird »Russland« seiner kolonialen Historie entkleidet und ausgespart. Die aufwendigen Bemühungen um eine korrekte Sprache werden so konterkariert.

Das gilt in gewisser Hinsicht auch für China, bei dem von Tibet, Xinjang und der Unterdrückung nur am Rande Rede ist. Sprachliche Awareness darf aber nicht an den Grenzen der ehemals westlich kolonialisierten Gebieten enden. Ebensowenig darf der fortgesetzte kriegerische Expansionismus Russlands und Chinas übersehen oder gar die imperialistische Stoßrichtung mit einem Fragezeichen abgeschwächt werden. Vielmehr wäre die Frage zu stellen, ob das imperial Expansive nicht Teil der (politischen) Zivilisation Chinas und Russlands ist.

(Ex?)-Imperien.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Grataloup verwendet den Begriff »Welten«, um das Wort  Zivilisationen zu vermeiden. In seinen Augen existierte China »in einem räumlichen Rahmen, der variieren mochte, aber doch starke Konstanten aufweist». Andere, namentlich das Römische Reich, »zerfielen».  Hier kehrt Grataloup nicht nur den brutalen, bis in die Gegenwart andauernden expansiven Imperialismus Bejings unter den Teppich, sondern wird seiner eigenen Marschroute untreu.

Denn »Zivilisation« oder »Welt« soll ja eben nicht nur deckungsgleich mit einem beherrschten Terrritorium, einem »Reich«, »Imperium« oder »Staat« sein. Die  römische Welt wirkte über ihre Grenzen weit hinaus, der von Grataloup in überkommener Tradition attestierte »Untergang« bestand in einer gewaltsamen Teil-Transformation, bei der wesentliche Bestandteile der römischen »Welt« von den Eindringlingen übernommen wurden. Bestimmte zivilisatorische Elemente wirken bis heute grundlegend nach.

Vor allem aber ist »Rom« nicht einfach untergegangen. Der oströmische Teil bestand noch fast ein Jahrtausend weiter, wird von Grataloup in unseliger Tradition hinter dem Begriff »Byzanz« versteckt. Im Westen standen alle entstehenden Herrschaften in zivilisatorischer Tradition Roms, etwa das Heilige Römische Reich, das erst 1806 das Zeitliche segnete. Nimmt man die römisch-katholische Kirche (und die orthodoxe für Ostrom) mit ins Boot, wirkt heute in einem Drittel der Welt die römische Zivilisation fort. 

Insgesamt hat der Sklavenhandel, besonders der atlantische von 1720 bis 1830, Afrika in eine Situation gebracht, von der er sich nie wieder erholen würde.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Problematisch erscheint mir der Umgang mit dem Thema Sklavenhandel. Ausführlich schildert Grataloup den Transatlantikhandel mit versklavten Menschen aus Afrika. Am Rande wird auch der innerafrikanische Sklavenhandel nach Norden erwähnt, allerdings heruntergespielt: In der Antike habe der nur eine geringe Rolle gespielt, im Mittelalter habe dieser »zugenommen«. Erwähnt werden sollte, dass das Volumen der verschleppten Menschen Schätzungen zufolge wenigstens fast das Niveau des Atlantikhandels erreichte, wahrscheinlich aber sogar deutlich darüber lag.

Das allerdings würde die Erzählung Grataloups in zwei Punkten beeinträchtigen. Viele der versklavten Menschen wurden durch die Wüste nach Norden verschleppt, die in der Weltsicht der Geogeschichte Afrika in zwei Hälften trennt. Auf diesem Weg durch die Wüsten starb – wie bei den unmenschlichen Überfahrten nach Westen – ein großer Teil der Versklavten. Wohlgemerkt waren an diesem Handel lange Zeit keine Europäer beteiligt, auch nicht als Abnehmer, denn die Verschleppten gingen in die islamischen Reiche.

Die Folgen des Sklavenhandels waren zweifellos verheerend, gerade auch in demographischer Hinsicht. Wie steht es aber mit den gesellschaftlichen Folgen, vor allem wegen der Opfer, aber auch der afrikanischen Täter, den Profiteuren, der gesellschaftlichen MenschjagdInfrastruktur, die über mehrere Jahrhunderte existierte? Sklaverei setzt Gewaltmaßnahmen voraus; wer nur auf den Atlantikhandel schaut, gerät leicht in Versuchung, eine allzu klare Trennung zwischen europäischen Tätern und afrikanischen Opfern zu ziehen, zwischen Norden und Süden. Das entleerte Wort des »globalen Südens« findet folglich leider auch in Geogeschichte seinen Niederschlag.

Weshalb ist es Europa, das zum Hauptakteur bei der Ausweitung der Achse wird?

Christian Grataloup: Geogeschichte

Warum gerade Europa? Letztlich zeigt die Frage nach den Ursachen der globalen Expansion des westlichen Zipfels einer Landmasse, die Grataloup als »Achse« wahrnimmt, die Grenzen einer geogeschichtlichen Herangehensweise. Wenn man den Untertitel des Buches, den Einfluss der Geographie auf den Gang der Geschichte, als alleinige Ressource bei der Suche nach einer Antwort heranzieht, bleibt diese Frage offen. Grataloup verlässt dann auch das Metier und zieht andere Aspekte heran.

Ein Beispiel: Auf der Suche nach Sponsoren für seine Erkundungsreisen klapperten Kolumbus und seine Mitstreiter sämtliche westlichen Herrscherhäuser ab. Am anderen Ende der »Achse«, war für Zeng He undenkbar, nach der Verweigerung weiterer Mittel für Erkundungen in China etwa in Japan nachzufragen, ob man dort vielleicht Interesse hätte. Andere große Seefahrernationen, wie etwa die Osmanen, zeigten kein Interesse an Erkundungen. Warum? Mit Geographie haben die Antworten auf diese Frage herzlich wenig zu tun. Das schmälert den Wert der Geogeschichte keineswegs, im Gegenteil: Die Grenzen einer Herangehensweise zu kennen, ist wesentlich für den Leser.

Geogeschichte bietet ein Füllhorn an Fragen an die Welt und dem Leser zahlreiche Anlässe, über sie nachzudenken, weit über die tagespolitischen Aspekte hinaus. Die langen Linien der Entwicklung verdecken naturgemäß die Details und führen zu Vereinfachungen und Verzerrungen. Das ist der Preis, der gezahlt werden muss, wenn der Blick auf die übergreifenden Linien oder Achsen gerichtet wird. Umgekehrt verschwinden diese Entwicklungslinien im Dickicht der Fakten, wenn das Detail in den Vordergrund rückt. Geogeschichte bietet in diesem Sinne eine herausfordernde Lektüre mit erheblichem Erkenntnisgewinn.

Christian Grataloup: Geogeschichte
Die Macht der Geographie in der Weltgeschichte
Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer
47 schwarz-weiß und 31 farbigen Karten
C.H.Beck 2025
Gebunden
ISBN: 978 3 406 83726 5

Neue Lektüre: Fremde, ferne Welt

Bücherregal mit einer Auswahl an historischen und literarischen Büchern. Im Vordergrund steht das Buch ‚Viking Britain‘ von Thomas Williams, umgeben von weiteren Werken zu Geschichte, Kultur und Literatur.
Schon nach der Lektüre der ersten beiden Kapitel ist klar: Das ist ein gutes Buch. Viking Britain ist Teil meines Lesevorhabens 12für2026. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Die Arbeit am letzten Band meiner Piratenbrüder-Buchreihe liegt in den letzten Zügen, seit Wochen bin ich parallel dazu mit dem nächsten Roman beschäftigt. Der führt mich und die Leser in die Welt der Wikinger, weshalb ich weiter fleißig Bücher über das Sujet lese. Nach einem eher gruseligen Buch über König Knut den Großen von W.B. Bartlett nun ein neues, das sich gezielt mit den britischen Inseln während der Wikinger-Zeit befasst.

Was für eine Wohltat, ein Buch auf so gutem Niveau zu lesen! Thomas Williams hat seinem Viking Britain auch eine interessante Struktur gegeben, in dem er erzählerische Motive einfließen lässt. Das ist keineswegs nur ein Versuch, den Leser an die Zeit heranzuführen, im Gegenteil: Die trennenden, fremden Momente werden so deutlich. Die Welt der Wikinger war voll von mythischen Wesen, Toren in andere Welten, Monstern, Göttern und Vorzeichen.

Für mein Romanprojekt ist das eine Ermahnung. Nicht etwa, Anachronismen zu vermeiden. Das ist unmöglich. Es geht darum, Anachronismen so zu gestalten, dass der moderne Leser einen Zugang findet.  Er soll die Fremdheit der damaligen Welt, so sie für mich erkennbar ist, durchaus spüren, ohne dass die Motive der Personen unverständlich werden. Ein Beispiel ist die Schrift: Wie soll ein Leser (!) im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends nachvollziehen, wie das Leben von Analphabeten in einer Welt fast ohne Schrift aussah? Analphabeten waren beinahe alle, vom Bettler bis zum König. Auch wenn Smartphones eifrig daran mitwirken, den Abgrund zu verringern, ist er riesig und unüberbrückbar.

Manchmal helfen Leerstellen, die wie leere Räume mit zwei Türen sind: von der einen Seite tritt der moderne Leser ein, von der anderen die historische Figur. Wenn im Roman von einer »Karte« die Rede ist, versteht die historische Figur etwas grundsätzlich anderes darunter als der moderne Leser. Dort eine Karte mit Jerusalem als Mittelpunkt von Asien, Europa und Afrika; oder ein Portolan, ein Verzeichnis von Häfen, ohne geographische Genauigkeit; hier eine moderne Karte oder vielleicht eine ältere, historische, aber mit erkennbar modernen Umrissen und geographischen Gegebenheiten.

Im Wikinger-Teil von Vinland – Piratenbrüder Band 4, an den der neue Roman inhaltlich anschließt, habe ich meine Hauptfigur Eillir Valdasson entsprechend gestaltet: Alphabetisiert, mehrsprachig, ein Kartenzeichner, Chronist, Berater eines Jarls, später Königs. Er muss wie alle anderen Personen des Buches vor allem handeln und darf nicht den Leser belehren. Ein Roman ist keine Schulstunde, sondern eine Erzählung inmitten von historischen Kulissen. Niemand hält einen Leser davon ab, hinter diese Kulissen zu schauen, das ist sogar höchst löblich. Wer das möchte, greife etwa zu …

Viking Britain von Thomas Williams

Die wahre Geschichte der Wikinger von Neil Price

Walküren von Johanna Katrin Friðriksdóttir

Das Jahr 1000 von Valerie Hansen

Spielregeln der Politik im Mittelalter von Gert Althoff

Reisen im Mittelalter von Norbert Ohler

Zeitalter des Nordens von Andreas Winroth

Die Wikinger: Entdecker und Eroberer von Staecker / Toplack

Philip K. Dick: Blade Runner

„Buchcover von ‚Blade Runner‘, einem dystopischen Roman von Philip K. Dick, mit einem markanten Auge und futuristischem Design auf dem Cover.“
Oft im Kino gesehen und nun zum zweiten Mal gelesen: Philip K. Dicks Dystopie. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vor mehreren Jahrzehnten habe ich erstmals den dystopischen Science-Fiction Blade Runner von Ridley Scott gesehen. Ein paar Jahre später griff ich zur Buchvorlage aus der Feder von Philip K. Dick, die den originalen Buchtitel hinter dem des Films verbarg. Wen wundert es: Schon Scotts Werk brauchte einige Zeit, um zum Kultfilm zu werden. Mittlerweile dürfen die Zuschauer sogar die ungeschönte, unkommentierte und am Ende auch nicht verschnulzte Version sehen. Aber mit dem originalen Buchtitel wäre der Film wohl zum Flop geworden.

Ich gehe mal davon aus, dass Leser dieser Zeiten den Film und seine Handlung kennen. Dann wird sie der originale Buchtitel sicher auch irritieren: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? klingt nicht nach der Filmhandlung. Tatsächlich geht das Buch weit über den Blade Runner hinaus. Die Hauptfigur, Rick Deckard, ist zwar auch Kopfgeldjäger, der entflohene Androiden aufspürt und tötet, doch steht im Buch das im Mittelpunkt, was im Film nur angedeutet wird: Die Grenzen zwischen Androide und Mensch sind fließend, die Methoden, um jemanden der einen oder anderen Seite zuzuordnen, sind umstritten.

Was gehört zum Leben? Die Firma, die Androiden erschafft, versucht diese, immer menschlicher zu gestalten. Dieser Prozess ist so weit fortgeschritten, dass komplizierte (und zweifelhafte) Tests nötig sind, um die beiden »Spezies« auseinanderzuhalten. Grenzüberschreitungen, etwa durch sexuelle Kontakte zwischen Mensch und Androide, sind trotz Verboten an der Tagesordnung und führen bei Kopfgeldjägern zu Schwierigkeiten, ihren Job auszuführen.

Ohnehin sind diese keineswegs so coole Einzelgänger, wie im Film. Deckard ist verheiratet, seine Motivation ist der Kauf eines echten, spricht lebenden Tieres. Er muss bislang mit einem künstlichen vorlieb nehmen. Die dystopische Welt nach einer atomaren Katastrophe ist der Grund für dieses seltsam anmutende Motiv, aber das Leben hat in der von giftigem Staub umwallten, sonnenlosen Welt, die weitgehend leer ist, einen hohen Stellenwert.

Philip K. Dicks Parallelwelt ist übrigens auch eine Absage an monströse Träume, die Erde zu verlassen, um auf anderen Planeten zu siedeln. Die Siedler in Blade Runner wollen wieder zur Erde zurück, trotz allem; die Androiden wollen das auch, sie fliehen und nehmen dabei inkauf, Menschen zu töten. Die fehlende Empathie im Verhalten der Androiden ist zugleich eine weiterer Warnung – vor dem allzu blinden Vertrauen in die Segnungen durch Künstliche Intelligenz. Die kann nur nachahmen und nachgeahmt führt zu Verheerungen.

Der Roman ist auf eine nicht actionlastige, tiefgehende Weise spannend und absolut lesenswert. Ein schönes Detail: fliegende Autos in einer zerstörten Welt. Wer denkt da nicht an die Gegenwart.

Philip K. Dick: Blade Runner
Fischer TO
RTaschenbuch 272 Seiten
ISBN: 9783596297702

Neue Lektüre: Erzählungen und epischer Roman

Feinsinnige Erzählungen und ein ausladender Roman – meine aktuelle Lektüre. Die Rechte für die Cover liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.

Meine aktuelle Lektüre könnte inhaltlich und formal kaum unterschiedlicher sein. Hier die feinen Erzählungen von Undine Gruenter, sämtlich im Hafenort Trouville in der Normandie angesiedelt ; dort ein überbordend-epischer Roman, erzählt in einer ungewöhnlichen Erzählhaltung und weit schweifenden Zeit-, Raum- und Themensprüngen von Mircea Cărtărescu.

Auf Undine Gruenter bin ich durch Michael Maars Die Schlange im Wolfspelz aufmerksam geworden, tatsächlich spürt man vom ersten Satz an die literarische Qualität, die stilistisch zurückgenommen, präzise und leicht daherkommt. Gruenter lässt ihre Figuren durch ihr Agieren und ihre Gedanken vor den Augen des Lesers erstehen, statt einfach zu beschreiben.

Ganz anders Cărtărescu, dessen Text wie eine Steinlawine über den Leser hereinbricht. Allein der Tonfall! Halb donnernde Bergpredigt, halb Barden-Gesang, in Zeit und Raum wild springende Handlung, durchmischt mit mystischen, sagenhaften Motiven. Gleichzeitig ist die Schilderung harsch, ohne den zeitüblichen Hang zur Weichzeichnerei.

Theodoros ist die erste Lektüre meines Lesevorhabens 12 für 2026.

Neue Lektüre: China & Geogeschichte

Zwei Sachbücher mit zwei sehr unterschiedlichen Themen. Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.

China greift nach der Weltmacht. Ein Satz, wie man ihn in dieser Deutlichkeit nicht allzu oft hört. Ob ihn die Autorin Lea Sahay in ihrem Buch Das Ende des chinesischen Traums verwendet, weiß ich noch nicht, denn mit meiner Lektüre stehe ich noch ganz am Anfang. Aber Titel und Untertitel geben die Marschroute der Darstellung vor und die ist kritisch. Glücklicherweise, denn bedauerlicherweise wird hierzulande auch gern geträumt, man gewinnt gelegentlich den Eindruck, China wird mit putzigen Panda-Bären gleichgesetzt.

Dabei wächst dort im Osten ein Raubtier heran, das sich anschickt, die Welt zu beherrschen. Ulrich Speck vertritt diese Meinung in seinem Buch Der Wille zur Weltmacht, auch Marcus Keupp findet in Spurwechsel klare Worte über die Bestrebungen Chinas. Dazu reicht eigentlich ein Blick auf das militärisch aggressive Gebaren des Landes, sein harscher Umgang mit westlichen Unternehmen und die offene Unterstützung des Vernichtungskrieges Russlands gegen die Ukraine.

Trotzdem wird hierzulande China ernsthaft als Vermittler ins Spiel gebracht, was eher Ausdruck verzweifelter Ohnmachtsgefühle gegenüber andauerndem Krieg und Donald Trump denn außenpolitischer Realismus zu sein scheint. Wie gefährlich das Leben in Ji Xinpings neuem China sein kann, liest man bei Sahay bereits ganz am Anfang. In einer Diktatur entscheidet das Regime über Leben und Tod, die Beherrschten müssen es dulden.

Bei meinem zweiten Sachbuch hat schon der Titel mein Interesse geweckt: Geogeschichte. Wie schon sein Atlas Die Geschichte der Welt* widmet sich der Autor Christian Grataloup den ganz großen Entwicklungslinien, diesmal allerdings weniger auf die politische Geschichte bezogen, als auf die Einflüsse von Geographie auf die Geschichte des Menschen und umgekehrt.

Das klingt immens spannend, zumal der Leser zu Beginn weit in die Geschichte zurückgeht, nämlich zu den Ursprüngen der Menschheit. Es sind – wie Michael Maar völlig zurecht festgestellt hat – die Details, die haften bleiben. Der Meeresspiegel lag während der letzten Eiszeit einhundertzwanzig Meter unter dem heutigen Niveau, entsprechend gab es Landbrücken, die heute überflutet sind.

Das war eine Voraussetzung für die Expansion menschlichen Lebens, das seinen Ursprung in Afrika hatte und von dort buchstäblich in alle Welt ausschwärmte. Auch hier gibt es Karten, allerdings nur recht wenige, die erläuternd zu dem umfangreichen Fließtext sind.

*Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar

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