Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Biographie (Seite 3 von 3)

Jürgen Kaube: Hegels Welt

Ein perfektes Buch für einen Zaungast der Philosophie. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

In der Philosophie bin ich nur Zaungast. Für mich ist das Buch Hegels Welt von Jürgen Kaube perfekt geeignet, um mich an und über meine Grenzen des Verständnisses hinauszuführen, gleichzeitig einen umfassenden Einblick in Zeit und Welt des Gelehrten zu erhalten. 

Hegel lebte in einer Zeit tiefgreifender Umwälzungen. Die Aufklärung sorgte für beträchtliche Unruhe, ehe die Französische Revolution ganz Europa in Aufruhr versetzte. Hegel hat das nicht vor Ort in Frankreich, wie manch anderer flammender Geist, sondern aus der Ferne verfolgt. Ebenfalls die Entartung dieser Revolution zum jakobinischen Terror und ihre Häutungen hin zur Alleinherrschaft Napoleon Bonapartes.

Dessen Kriegszüge führten auch nach Deutschland, mitten hinein in Hegels Welt, der realen wie gedanklichen. Davon erfährt man viel, auch welchen Einfluss beides auf den Denker und seine Anhänger und Gegnerausübte; aber auch hier gilt, was eingangs bereits gesagt wurde: Ich bin bei den ausführlich geschilderten philosophischen Gedankengängen an meine Verstehensgrenzen gestoßen.

Besonders interessant war für mich der berufliche und private Weg Hegels. Das akademische Leben zu dieser Zeit unterschied sich dramatisch von dem der Gegenwart, daher sind die Ähnlichkeiten bemerkenswert, etwa wie sich erste Netzwerke bildeten, die zur gegenseitigen Unterstützung fungierten. Bis er einen bezahlten Posten zu erhielt, musste Hegel als Hauslehrer und Schulmeister arbeiten, als Leser erhält man auf diesem Wege erhellende Einblicke in die Lebensumstände dieser Zeit.

Wirklich überrascht hat mich, wie Hegel über Schule nachgedacht hat. Sein Ansatz und der seiner Gegner stehen sich bis in die Gegenwart gegenüber, zumindest im Grundsätzlichen. Autor Jürgen Kaube schildert ausführlich, wie Hegel sich schulisches Lernen vorstellt – man kann das auf die Gegenwart übertragen und zum Beispiel anhand der Frage, ob Latein oder lieber Informatik bzw. Wirtschaft Schulfach sein sollte, durchdeklinieren.

Ein tiefer Schatten liegt über Hegels Sicht von und Handeln gegenüber Frauen, insbesondere seiner Schwester. Schaudernd möchte man sich angesichts des Unheils abwenden, dem diese – auch dank ihres gedankenlos agierenden Bruders – ausgesetzt war. Das aber gehört genauso zu „Hegels Welt“ wie jene Gedanken und Werke sowie das akademische Wirken des Philosophen und findet zum Glück angemessene Beachtung in diesem vorzüglichen Sachbuch.

Jürgen Kaube: Hegels Welt
Rowohlt Berlin 2020
Gebunden 592 Seiten
ISBN: 978-3-87134-805-1

Alexander Demandt: Diokletian

Die Biographie über einen Kaiser in Zeiten größter Not für das Römische Reich. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Das dritte Jahrhundert nach Christus gilt als Zeit einer tiefgreifenden, ja existenzbedrohenden Krise des Römischen Imperiums. Lange Kriege im Osten, weitreichende Überfälle und Raubzüge germanischer Völker auf Reichsterritorien, Bürgerkrieg wegen zahlloser Kaiser und Gegenkaiser in wenigen Jahren, Sonderreiche und Usurpatoren – die Bedrohungen waren umfänglich. 

Diokletian gilt als jener Kaiser, dem es gelang, die Krise halbwegs zu bändigen. Vor allem aber verfolgte er eine Politik, die möglicherweise das Zeug hätte haben können, dem Reich ein stabileres Fundament zu geben. Die Tetrarchie, die geplante Herrschaft mehrerer Männer, wäre vielleicht ein Weg gewesen, dem Elend blutiger Bürgerkriege im Innern ein Ende zu setzen.

Meine Erwartung an die Biographie ist durchaus gewesen, in dieser Hinsicht mehr zu erfahren. Das leistet Alexander Demandts Diokletian bedauerlicherweise nicht. Der Autor setzt auf eine paraphrasierende Nacherzählung dessen, was die Überlieferung hergibt. Die Quellenlage wird beleuchtet, sie ist dünn, das setzt selbstverständlich Erkenntnisgrenzen; dennoch wäre ein wenig übergreifende Interpretation wohltuend gewesen.

Demandts Vorgehensweise liefert aber eine Menge interessanter Detailinformationen, darunter einige Perlen. Etwa die »Usurpation aus Notwehr« durch Carausius, der sich in zeitüblicher Weise von seinem Heer zum Kaiser erheben ließ, allerdings aus einem besonderen Grund: Ihm hing ein Todesurteil durch Verleumdung an. Carausius unternahm die Flucht nach vorn, zog nach Britannien und etablierte sich dort als Herrscher.

Interessant sind auch einige der vielfältigen Rechtsentscheidungen Diokletians. Es gilt als Binsenweisheit, dass Urteile und Gesetze einen Fingerzeig auf Missstände darstellen, weil es sie sonst nicht gäbe. Wenn also Inzest explizit  verboten wird, kann man davon ausgehen, dass es in der historischen Wirklichkeit beachtlichen Raum einnahm.

Nicht verboten war Inzest in Persien und Ägypten unter den Ptolemäern. Wenn Demandt von einer »Kulturkonstante« spricht, bleibt die Frage, ob diese beiden Gesellschaften von Kultur ausgeschlossen sind?

Überhaupt enthält die Schrift fragwürdige Wertungen. Den von Demandt bekräftigten Sittlichkeitsdrang der Spätantike mag man mit Blick auf das Christentum als Leitidee mancher Kreise noch nachvollziehen, doch sein Postulat, Diokletian hätte eine Rückkehr zu altrömischer Zucht angestrebt, befremdet. Dieser Begriff dürfte doch eher Ausgeburt einer phantasierten Vergangenheit sein; vor allem stellt sich die Frage, was Zucht überhaupt sein soll, ob das ein Wert an sich ist und einen relevanten Beitrag zur Überwindung der existentiellen Krise Roms hätte leisten können.

Der Leser bleibt am Ende bezüglich der großen Fragen recht ratlos zurück. Diokletians Idee, das Reich durch eine Tetrarchie zu stabilisieren, ist zweifelsfrei positiv zu werten. Doch warum funktionierte sie nicht? Lag es allein an Constantin und seinem Machtdrang? Oder einer generellen Machtsucht der Eliten? Ist Rom bezüglich seiner Sozialstruktur zum Untergang verdammt gewesen? Warum dauerte es dann so lange, bis das Reich zumindest im Westteil tatsächlich zerbrach?

Insgesamt wirkt die Biographie über Diokletian ein wenig aus der Zeit gefallen. Trotz aller Detailfülle und dem Reichtum an Informationen sowie dem sicherlich verdienstvollen Einblick in die dünne Quellenlage bietet das Buch zu wenig für den Leser zu Beginn des 21. Jahrhunderts, dazu fehlen die übergreifenden Gedanken und Ideen, während gleichzeitig viele mittelbare und unmittelbare Wertungen unzeitgemäß wirken.

[Rezensionsexemplar]

Alexander Demandt: Diokletian
C.H.Beck 2022
Gebunden 434 Seiten
ISBN: 978-3-40678731-7

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