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Schlagwort: Drittes Reich (Seite 4 von 6)

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Ein fabelhafter Roman über einen Film-Regisseur, der sich nolens volens in den Abgrund des nationalsozialistisch beherrschten Europas begibt und der Verlockung folgt, unter Zuhilfenahme der Nazi-Ressourcen Meisterwerke zu drehen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

›Eigentlich hat nicht Hitler regiert. Und auch nicht Goebbels oder Göring oder wie sie alle heißen. Eigentlich war es immer er.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

»Er«? Wer ist »er«? Bei diesem Zitat drängt sich diese Frage auf. Wenn der Leser von Daniel Kehlmanns Roman Lichtspiel diese Worte liest, hat er die letzten Meter schon erreicht, das Ende  ist zum Greifen nahe. Die Hauptfigur, der Regisseur W.G.Pabst, und seine Frau Trude befinden sich tief unter der Erde in einer Höhle und betrachten eine uralte Wandmalerei.

»Er« ist dort abgebildet, zwischen »anstürmenden Tieren« und »Männchen mit Speeren«, die sich vor einem »verkrümmten Wesen« beugen, ihm »Opfergaben hinstrecken«. Der Rücken dieses Wesens ist schief, ein paar rote Flecken ersetzen den Kopf, der auf einer schiefen Schulter sitzt; zwei »starr glotzende Augen« sind zu sehen, ein »brutales und böses Geschöpf«, das nicht zu den Menschen und Tieren gehört.

Das ist »er«, der immer schon das Szepter geschwungen hat, die Personifikation des Bösen – der Teufel vielleicht?

Mehrfach berührt die Romanhandlung jene Grenze, an der die Konturen der Wirklichkeit verwischen. Kehlmann lässt in diesen Passagen seine Figuren die fassbare Wirklichkeit verlassen, es bleibt unklar, ob es sich um Albträume, Visionen oder tatsächlich übersinnliche Dinge handelt. Das verstärkt den Schauder ebenso wie die Irritation.

So entsteht eine der stärksten und eindrücklichsten Szenen des Romans, wenn der aus dem Exil ins Nationalsozialistische Deutschland (nolens volens) zurückgekehrte W.G. Pabst bei »dem Minister«, also Dr. Joseph Goebbels, vorspricht. Eigentlich hat dieser ihn zu sich zitiert, was so jedoch nicht sein darf, denn es muss den Anschein erwecken, als handele es sich um den Canossa-Gang eines reumütigen Regisseurs.

Kehlmann spielt mit dem Leser, er überzeichnet die Szene ins Groteske, lässt den Raum (und die Macht) endlos erscheinen, wodurch der Regisseur schrumpft; er überspitzt den Dialog zwischen Goebbels und Pabst, lässt die Adjutanten auftreten, als handelte es sich Kleindarsteller aus einem Marx-Brothers- oder Chaplin-Film, dann aber plötzlich betritt Goebbels den Raum ein zweites Mal und verschmilzt mit dem bereits sitzenden zu einer einzigen Figur.

Das also ist »er«.

Pabst wird auf den ersten Blick die Wahl gelassen, eigentlich hat er längst keine mehr. Die hatte er, so lange er außerhalb des Machtbereiches der Nazis war. Eigentlich. Denn in Hollywood ist Pabst, der auf einer Höhe mit den Regie-Weltberühmtheiten Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang stand, nicht angekommen, er prallt an den ungeschriebenen Gesetzen ab wie eine Arkebusenkugel am Harnisch eines Kürassiers.

Metropolis ist der beste Film, der je gedreht wurde‹, sagte Pabst.
›Ich weiß‹, sagte Lang.
Beide schwiegen.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Pabst hätte bleiben können, wäre Pabst eben nicht Pabst. Die Sucht, die ihn bis zum Äußersten und ein Stück darüber hinaus treibt, ist der Film, das ewige Meisterwerk. In Hollywood wird er das nach seinem anfänglichen Scheitern nicht mehr schaffen, also geht er zurück nach Europa und dann auch ins Reich: vorgeblich wegen seiner kranken Mutter, aber auch, weil er in Frankreich ebenfalls nicht reüssieren kann.

Der Grenzübertritt ist beklemmend und gespenstisch, die Ankunft im Zuhause Schloss Dreiturm nicht minder, der Regimewechsel macht sich mit brutaler Gewalt und verkehrten sozialen Verhältnissen bemerkbar, die ehemaligen Hausmeister sind die neuen Herren. Pabst sitzt mit Frau und Sohn in der Falle, Dreiturm hat sich in ein Spukschloss mit ruchlosem SA-Gespenst verwandelt. Hat er in dieser Lage eine Wahl, als den Kotau zu unternehmen? Kann man dem Teufel etwas abschlagen?

Die Antwort darauf ist unklar, unscharf. Selbstverständlich kann man, wenn man die Konsequenzen in Kauf nimmt; doch die scheute Pabst schon in den USA und da wurden weder Verhaftung und Konzentrationslager (Peitsche) noch unbegrenzte Ressourcen zum Filmedrehen sowie die Aussicht, Meisterwerke zu drehen (Zuckerbrot) ins Spiel gebracht.

›Mann verkrümmt sich Tausende Male, aber man stirbt nur einmal‹, sagte Wegener fröhlich. ›Es lohnt sich einfach nicht.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Pabst will Meisterwerke, auch wenn die Kosten hoch sind; er verkrümmt sich, um im Bild zu bleiben, die Stärke und Distanz zu sich selbst, wie Wegener, hat er nicht. Wie hoch der Preis ist, wird nicht verraten, der Roman eskaliert über hunderte von Seiten wie auch der Zweite Weltkrieg sich immer weiter aufschaukelte zu einem von grenzenloser Zerstörungswut orchestrierten Massenmord. Pabst und seine Angehörigen können sie dem nicht entziehen.

Parallel erzählt Lichtspiel auch die Geschichte des Filmedrehens. Kehlmann wählt den langen Weg, streut hier und da bereits Informationen ein, erklärt, erläutert das Wie, Warum und Was, beiläufig an positiven wie negativen Beispielen und das so authentisch, dass ich mich an ein Interview mit Christoph Waltz erinnerte, der einige Einblicke in das Filmgeschäft und seine Mechaniken gewährte.

Ganz am Ende erst, als das Reich nach langem Todeskampf endlich zusammenbricht, lässt Kehlmann auch Pabst seinen Film drehen, ein sehr langer Spannungsbogen geht seinem Ende entgegen und ist in mehrfacher Weise dramatisiert und zugespitzt. Die Szenen in Prag, dem letzten Ort im Reich, in dem noch halbwegs unbehelligt von Bombenangriffen gedreht werden konnte, sind eine groteske Götterdämmerung im Kleinformat.

›Du hast recht. Aber nur halb. denn das alles geht vorbei. Aber die Kunst bleibt.‹

Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Was bleibt, wenn der Staub des Untergangs sich legt? Die Selbstbeschwichtigung, die Pabst vorbringt, ist nicht trotz ihrer rechtfertigenden Verwendung eben auch nicht von der Hand zu weisen. Kehlmann hat einen wirklich großartigen Weg gefunden, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Dabei greift er ganz am Ende noch einmal auf den Anfang zurück und schließt sein Lichtspiel mit einem Kniff, der tragisch zu nennen wäre. Oder komisch. Oder beides – ambivalent im besten Sinne, wie dieser ganze Roman und seine Hauptfigur.

Anlässlich des Göttinger Literaturherbstes 2023 hat Daniel Kehlmann aus seinem Roman gelesen und eine ganze Reihe von Dingen geäußert, die sehr spannend und erhellend gewesen sind. Wer während der Lektüre einen szenischen Charakter erkannt haben will, liegt nicht falsch; Kehlmann hat in den vorangegangenen Jahren Drehbücher geschrieben – nebenbei eine Art Recherche in Action. Die Verschränkung dieser Tätigkeit mit seinem Roman liegt auf der Hand.

Lichtspiel ist daher auch ein Spotlight-Roman, der wichtige Stationen auf dem Weg des W.G. Pabst durch die Dunkelheit der Naziherrschaft schlaglichtartig beleuchtet. Auch in dieser Hinsicht also ein Lichtspiel.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel
Rowohlt Buchverlag 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-498-00387-6

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Die Hellsichtigkeit des Tagebuchschreibers Stresau ist frappierend, besonders, weil er seine Rückschlüsse auf der Basis von propagandatriefenden Presseberichten gezogen hat. Seine Äußerungen stellen einen Kontrapunkt zu dem dar, was an propagandistischem Getöse bis heute das Bild der Zeit prägt – etwa zur berühmt-berüchtigten Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels im Februar 1943. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Ist es mutig oder töricht, Adolf Hitler in einem Tagebuch als »Oberidioten« zu bezeichnen? Hermann Stresau hat das getan, am 31.01.1944, dem Jahrestag der so genannten »Machtergreifung«. Als ich diese Passage las, war ich froh, dass niemand die Aufzeichnungen vorzeitig in die Finger bekommen hat, das hätte fatale Folgen für Stresau gehabt. Uns Nachgeborenen wäre ein kleiner Schatz entgangen, denn nicht anderes sich die Tagebücher Als lebe man nur unter Vorbehalt.

Der Autor Hermann Stresau eignet sich nicht als Heldenfigur des Widerstands, wie etwa Sophie Scholl oder Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Er ist konservativ, wenn die Rede auf die Rolle der Frau (»Weiber«) kommt, muss der moderne Leser tapfer sein; seine Haltung zur Weimarer Republik ist bestenfalls kühl, mit der Parteiendemokratie kann er so wenig anfangen wie mit linken Schriftstellern und dem Vertrag von Versailles.

Und doch hat er 1933 den Kotau gegenüber dem Regime verweigert, erhebliche wirtschaftliche Einbußen inkauf genommen, um sich eine innere Distanz zu wahren gegenüber dem Nazi-Regime. Das ist die Voraussetzung für seinen scharfen, analytischen und oft hellsichtigen Blick auf die Dinge, die schon seine Tagebücher 1933 – 1939 Von den Nazis trennt mich eine Welt auszeichnen. Den Kriegsausbruch 1939 hat er wenigstens befürchtet und doch ist er wie ein Hammerschlag auf ihn niedergegangen.

Morgens müssen wir uns eine Zentnerlast vom Herzen schieben, um aufstehen zu können. Wir erheben uns sonst immer frisch und munter um 6 Uhr, selten später, aber jetzt ist’s das Gegenteil: ein furchtbares Gefühl nach dem Erwachen, ein unbeschreibliches Grauen, ein Alpdruck, man möchte die Welt verfluchen. 05.09.1939

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Das bleibt der Grundtenor während der kommenden fünfeinhalb Jahre, bis das so genannte »Dritte Reich« im Mai 1945 in Schutt und Asche gesunken war und Millionen elendig verreckt, vertrieben oder versehrt waren. Selbst während der Phase, in der die Wehrmacht Sieg an Sieg reihte und auch Stresau mit einer militärischen Eroberung Englands oder der Niederwerfung der UdSSR rechnete, hat er sich von der Siegespropaganda nie anstecken lassen.

Das gehört zu den – ja – Ungeheuerlichkeiten der Tagebucheinträgen. Stresau hat von Anfang an gewusst, dass die USA (»Amerika«) den Ausschlag geben würde und ihm war klar, dass die Entscheidung nicht auf dem Schlachtfeld, sondern danach fallen würde. Frieden gibt es durch Verhandlungen – wohlgemerkt nach der militärischen Entscheidung – und er hat der Reichsführung um Adolf Hitler schlicht und ergreifend die Fähigkeit dazu abgesprochen.

Stresau hat sich von den militärischen Erfolgen beeindrucken, aber nicht blenden lassen; seine Erwartungen an die Wehrmacht waren zu hoch, aber selbst die höchsten Regierungsstellen in England (und den USA) haben es den deutschen Truppen zugetraut, die UdSSR niederzuwerfen und auch deshalb massive Unterstützung geliefert, ohne die die Rote Armee in noch größere Schwierigkeiten geraten wäre. Stresau befand sich also in guter Gesellschaft.

Es ist absolut faszinierend zu lesen, dass jemand derart unabhängig und zutreffende Einschätzungen treffen kann, wenn ihm nur das Propaganda-Geklingel der gleichgeschalteten Presse zur Verfügung steht. Der Schlüssel liegt im Nachdenken über das Geschriebene und Verschwiegene. Wenn berichtet wurde, dass sechzig feindliche Flieger abgeschossen wurden, hat Stresau daraus geschlossen, dass die Zahl der angreifenden Flugzeuge entsprechend hoch sein musste und auf dieser Basis auf die immense, ja übermächtige Leistungsfähigkeit der gegnerischen Wirtschaft rückgeschlossen. Hieß es im Wehrmachtsbericht »planmäßig«, übersetzte er das mit Verlangsamung, Stockung oder Stillstand der Vormarsches.

Lesen allein macht nicht klug, Nachdenken macht klug. Das zeigt sich auch an einer anderen Bemerkung, anlässlich der Feststellung Stresaus, die Zeitungsberichte und Haltung der Zeitgenossen wären unangemessen oberflächlich und unbekümmert. Der Tagebuchschreiber zeigt sich bestürzt darüber, wie Zivilisten begeistert über versenkte Schiffe nach Bombentreffern reden.

Aber wenn man sich da so in Norwegen vorstellt: ein Truppentransporter auf hoher See von schwersten Bombenkalibern getroffen, in Brand geraten, und man denkt an die Scenen, die sich dabei abspielen, und sieht dazu die vergnügten Gesichter auf der Straße – dann merkt man, in welcher Unwirklichkeit der Durchschnittsmensch lebt […], ohne zu spüren, daß dies alles des Teufels ist und vielleicht in einem allgemeinen Grauen enden wird. 30.04.1940

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Der alltäglichen Propaganda begegnet Stresau mit beißendem Spott, insbesondere den wissenschaftlich haarsträubenden, von den Nationalsozialisten zusammenphantasierten Germanenkult nimmt er genüsslich aufs Korn. Er würde gern wissen, warum alle kurze Haare trügen, denn als »alte Germanen müßten wir freien deutschen Männer nicht nur den Hut abnehmen, sondern auch die entsprechenden Locken ums arische Antlitz flattern lassen.«

Doch gibt es noch eine andere Ebene, die Stresaus Tagebücher wertvoll machen. Am 18. Februar 1943 hielt Joseph Goebbels im Sportpalast zu Berlin jene berühmte Rede, in der er die Frage in den Saal rief: »Wollt ihr den totalen Krieg?« Der Saal echote stürmische Begeisterung, man kann es sich auf Youtube heute noch ansehen – die Propaganda (!), die bis heute unser Bild prägt.

Stresau charakterisiert ähnliche Reden als »fiebrig« und konstatiert nüchtern: »Im Volk doch starke Beunruhigung zu bemerken.« Dieser kühle Kontrapunkt ist gar nicht zu überschätzen. Éric Vuillard hat in seiner mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Schrift Die Tagesordnung nachdrücklich darauf verwiesen, wie sehr die Gegenwart von Propaganda-Bildern aus der NS-Zeit geprägt ist – ein giftiger Nachhall der Vergangenheit. Stresaus klärende Worte bilden eine Art Gegengift dazu.

Ich wünsche nicht, daß wir den Krieg verlieren. Ich wünsche eher, daß wir ihn gewinnen, uns jedenfalls behaupten, und uns unsere verrückt gewordenen Führerbande entledigen. 29.5.43

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Natürlich ist Stresau auch Kind seiner Zeit. Dem Rassenwahn der »Nasolisten« steht er ablehnend gegenüber, die »Rasse« ist für ihn aber eine gewöhnliche Denkkategorie. Man stehe mit Artverwandten (England und Amerika) im Krieg, während die Verbündeten (Italiener, Japaner) einem so fremd wären. Wenn sich Stresau über Juden abfällig äußert, dann nicht wegen der »Rasse«, sondern weil ihm an einer Einzelperson etwas Konkretes missfällt, etwa Stefan Zweigs Essay über Hölderlin.

Der nächste große Schock ist der Überfall auf die Sowjetunion, in mehrfacher Hinsicht. Der »Alpdruck« der sich anbahnenden Niederlage, weil Deutschland »alles über den Kopf wachsen« werde, weicht bis Kriegsende nicht, allen zwischenzeitlichen Erfolgen zum Trotz. Wie betäubt sei man, angesichts des ins Endlose sich dehnenden, den ganzen Erdball umspannenden Krieges, der nicht – wie von Hitler behauptet – 1941 enden werde, sondern »nach 10 Jahren vielleicht.«

Von den Kriegsverbrechen, dem Genozid, dem sich anbahnenden Holocaust und dem drakonischen Gebahren in den besetzen Gebieten weiß Stresau recht früh. Interessant sind seine Quellen. Ein Arzt berichtet ihm von einem Offizier, der wegen »Kopfschmerzen« behandelt werden will. Es stellt sich heraus: Dieser Offizier hat mehr als 800 Zivilisten, Frauen und Kinder erschossen – das halte er nicht mehr aus. Stresau weiß obendrein um den Hunger der ausgeplünderten Gebiete (auch im Westen), um die »renitente« Bevölkerung und die »Widerspenstigkeit der Besiegten« überall.

Die ›Freiheit‹, die wir bringen, wäre ihnen alles andere als erwünscht.« 6.7.41

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Spektakulär sind die Schlussfolgerungen, die Stresau daraus zieht, die wichtigste: Der Krieg ist nicht zu gewinnen. Anders als jene Zeitgenossen, die sich von den militärischen Erfolgen in dieser Zeit haben blenden lassen, wusste der Tagebuchschreiber ganz genau, dass selbst bei einem umfassenden Sieg der Wehrmacht der Krieg noch lange nicht siegreich beendet werden könnte – ein Frieden erschien ihm völlig unmöglich.

Doch selbst die militärischen Aussichten beurteilt er nüchtern. Angesichts der größten Kesselschlacht an der Ostfront mit gewaltigen Verlusten für den Gegner macht er eine einfache Rechnung auf: Die Rote Armee habe vier Millionen Mann verloren, blieben noch sechszehn Millionen, die Industrie wäre hinter dem Ural, und die Versenkung alliierter Handelsschiffe im Nordmeer bedeute eine auf massive materielle Unterstützung für die UdSSR. Mit einem Wort: militärisch sei noch lange nichts gewonnen.

Es ist angesichts der Traumtänzerei in den hohen Stäben von Militär und Verwaltung, der braunen Partei und ihren Organisationen, der Presse und Wirtschaft geradezu bestürzend, wie ein Einzelner auf der Basis kümmerlicher, propagandatriefender Informationen durch kluges Nachdenken realitätsnahe Schlussfolgerungen zieht. Vor allem ist ihm klar, dass ein »Sieg« keineswegs glanzvoll ausfallen würde, im Gegenteil.

Grete und ich waren heute zwei Juden begegnet, mit ›Sternchen‹, und hatten uns schämen müssen. Darauf die Frage: wozu das alles, Kriege, Staaten usw., dieser ganze furchtbare Unsinn, wenn das zu nichts führt als solchen Lumpereien. 19.10.41

Was diesem Krieg zur Zeit eine besondere Note gibt, sind die systematischen Judendeportationen mit dem ausgesprochenen Zweck der Vernichtung der Unglücklichen. 18.11.41

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Nach der Niederlage bei Stalingrad verändert sich alles. Die Stimmung in der Bevölkerung sinkt drastisch, die Versorgungslage wird schlechter, die Vernichtung der deutschen Städte durch den Bombenkrieg schreitet immer schneller voran, während die gesamte Bevölkerung begleitet von fanatischen Worten in den Dienst des längst verlorenen Krieges gepresst wird.

Stresau muss zwangsweise in einer Fabrik arbeiten. Seine Beobachtungen und Betrachtungen sind erhellend, denn auch hier klaffen Propaganda und Wirklichkeit weit auseinander. Die Produktion leidet unter vielerlei Dingen, Chaos, Materialmangel, unqualifizierten Arbeitern, dem Auftreten des Sicherheitspersonals, das die ausländischen Arbeiter drangsaliert, und den ständigen Alarmen, die jede Nachtruhe über Monate und Jahre unmöglich machen.

Man müsse gar keine Sabotage üben, konzediert der Tagebuchautor, das erledige sich ganz von allein. Doch ist Stresau keineswegs zum Spott zumute, er ist innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, das Desaster möge sich noch abwenden lassen und der Einsicht, dass Deutschland und Europa immer weiter in den Abgrund rutschen. Für eine Zukunft nach dem Kriegsende sieht er schwarz, rechnet mit Jahrzehnten bitterer Lebensverhältnisse.

Ein besonderer Wert der Tagebücher liegt darin, dass sie zeigen, wie sehr sich der Krieg in den Alltag hineindrängt, während sich die Menschen bemühen, ihn zu verdrängen. Die Fluchten sind vielfältig, Literatur, Musik, Gespräche, abendliche Runden mit kulturellen Gesprächen, Affären, Alkohol bieten immer wieder eine Möglichkeit, dem alltäglichen Grauen zu entfliehen, ohne ihm zu entkommen.

Manche Schilderung aus den letzten Kriegsmonaten ist haarsträubend, etwa von Göttingen aus den Rauchturm der im März 1945 zerstörten Stadt Hildesheim zu beobachten: eine »riesige Rauchwolke, wie von einem Vulkan«. Nach der Befreiung Tage später folgen peu á peu die Nachrichten von den NS-Gräueltaten, noch nicht von der Massenvernichtung im Osten, sondern aus dem KZ Sachsenhausen. Diese sind so schauerlich, dass selbst ein kluger, aufmerksamer Beobachter wie Hermann Stresau notiert: »Kaum glaublich, aber es muß wahr sein.«

[Rezensionsexemplar]

Die Tagebücher 1933 – 1939 habe ich auch besprochen:
Von den Nazis trennt mich eine Welt

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt
Klett-Cotta 2021
Gebunden 594 Seiten
ISBN 978-3-608-98472-9

Fabrice Le Hénanff: Wannsee

Anlässlich der so genannten »Wannsee-Konferenz« am 20. Januar 1942 wurde die Tötung von mehreren Millionen Menschen in Todeslagern beschlossen. Cover Knesebeck, Bild mit Canva erstellt.

In der an Konferenzen nicht eben armen Geschichte Deutschlands nimmt die so genannte »Wannsee-Konferenz« vom 20. Januar 1942 einen ganz besonderen Platz ein; zumindest dürfte sie eine der folgenreichsten sein, denn bei dieser Zusammenkunft wurde nicht weniger als der Tod von rund elf Millionen Menschen beschlossen.

Diese Menschen stellten aus der Sicht des verbrecherischen Nazi-Regimes eine Gefahr dar, weil sie in den Augen der NS-Ideologie »Juden« waren. Ich formuliere bewusst so verwunden, um deutlich zu machen, dass diesen Menschen die Identität »Jude« aufgezwungen wurde, völlig unabhängig davon, ob sie sich als solche empfanden oder nicht; ob sie überhaupt jüdischen Glaubens sein wollten – oder nicht. Sie wurden auf diese eine, übergestülpte Identität reduziert.

An einer Stelle der Graphic Novel Wannsee von Fabrice Le Hénanff wird das deutlich, wenn in der Diskussion behandelt wird, wer denn überhaupt als Jude gelte. Die Antwort ist nicht eine Frage des Glaubens der Betroffenen, sondern dessen, was von den Nazis als »Rasse« bezeichnet wird. Die Nürnberger Gesetze hatten 1935 Vorarbeit geleistet, der Irrwitz des Rassenkatalogs, nach dem bestimmt wurde, wer als »Halb-« oder »Vierteljude« angesehen wurde, wird im Verlauf der Graphic Novel vollendet vorgeführt.

Das ist einer der Gründe, warum die Wannsee-Konferenz vielleicht die deutscheste aller deutschen Konferenzen war, zumindest hat sie den Grundstein gelegt für ein völlig wahnwitziges Unternehmen, nämlich die industriell organisierte Massentötung; in den eigens errichteten Vernichtungslagern wurden außer »Juden« auch andere Gruppen umgebracht.

Wannsee offenbart das bürokratische Vorspiel dieses in der Geschichte solitären Massenmordes. So klar dargestellt ist, auf welchen Weg sich das Reich im Januar 1942 begab, so verwaschen sind die Zeichnungen: Sie wirken, als würde man durch ein regennasses Fenster schauen. Das sorgt für Distanz, gleichzeitig verstärkt es die alptraumhafte Atmosphäre dieses Ereignisses, das von den maßgebenden Personen selbst verschleiert werden sollte.

Nach dem Sieg sollte niemand von dem Massenmord erfahren. Der britische Romancier Robert Harris hat das in seinem brillanten Dystopie-Thriller Vaterland umgesetzt und eine ungeheuer dramatische Geschichte um die Geheimhaltung der Wannsee-Konferenz in einem Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte, gesponnen.

Die reale militärische Lage hatte in Wirklichkeit bereits den Kipppunkt Richtung Niederlage überschritten. Vor Moskau war die Wehrmacht unter immensen Verlusten zurückgeschlagen worden, vor allem befanden sich die USA im Krieg, die entscheidende Macht in beiden großen Kriegen bis 1945. Das gibt dieser Zusammenkunft einen besonders grotesken Zug.

Manchmal ist auch wichtig, was nicht geäußert wird: Kritik. Widerstand gegen die Pläne kommt im Verlauf der Konferenz wenig auf, wenn, dann eher aus Kompetenz- und anderen Bedenken, die nichts mit einer Form des Mitgefühls mit den Opfer zu tun hat. Empathie haben die Konferenzteilnehmer nur mit den uniformierten Tätern, die in den Einsatzgruppen die blutige Tötungsarbeit hinter der vorrückenden Front verrichten und psychisch aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Graphic Novel Wannsee endet übrigens mit einem – irrtümlichen – Paukenschlag. Viele Teilnehmer der Konferenz werden kurz vorgestellt und ihr Werdegang dargelegt. Einer von ihnen, Dr. Georg Leibbrandt, gehört zu jenen, die nach dem Krieg eine neue politische Karriere durchliefen – er soll 1966 mit dem Bundesverdienstkreuz bedacht.

Das geht auf einen Irrtum zurück, der sich mittlerweile aufgeklärt hat, wie auch nachfolgender Tweet zeigt.

Fabrice Le Hénanff: Wannsee
Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
Knesebeck 2019
Gebunden, 88 Seiten
ISBN 978-3-95728-304-7

Marie Benedict: Die einzige Frau im Raum

Hedy Lamarr, geborene Kiesler, ist eine faszinierende Person, deren Spuren die amerikanische Schiftstellerin in ihrem Roman folgt. Cover KiWi, Bild mit Canva erstellt.

Hedy Lamarr ist eine faszinierende Persönlichkeit. Schönheit und hohe Intelligenz, ein bewegtes Leben voller Brüche, Rückschläge und Erfolge, umflort von Tragik – es gibt eine Reihe von Gründen, sie aus dem Schatten treten zu lassen. Vor Jahren habe ich einmal eine Dokumentation gesehen, die den sehr treffenden Titel »Geniale Göttin« trug; entsprechend gespannt war ich darauf, wie die Schriftstellerin Marie Benedict versucht, sich ihr zu nähern.

Der Roman Die einzige Frau im Raum stellte die solitäre Erscheinung Hedy Kieslers, wie die Protagonisten bürgerlich hieß, schön heraus. Als die Handlung einsetzt, ist Hedy Schauspielerin und verkörpert auf der Bühne Elisabeth von Österreich, Sissy. Sie hat bereits einen skandalumwitterten Film (»Ekstase«) gedreht, die Nacktszenen darin werden für Hedy zu einem Problem.

Zunächst erzählt der Roman, wie die schöne, kluge und selbstbewusste Hedy in die Ehe mit einem mächtigen Verehrer hineingerät, der sie mit Übermaß umwirbt und den Eindruck erweckt, er würde sie als Person, ihre Eigenständigkeit respektieren. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich herausstellt, denn die Ehe erweist sich als Falle.

Etwas bemüht wirkt, dass die Heirat auch eine Art Schutzschild gegen mögliche Repressalien sein soll, vor denen sich Hedys Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft fürchtet. Das ist durchaus schade, denn gerade die historisch-politischen Hintergründe, mit denen das Leben der Protagonistin wegen der rührigen Tätigkeiten ihres Mannes (Waffenhändler, Mussolini-Vertrauter) verwoben ist, sind sehr interessant.

Richtig in Fahrt kommt Die einzige Frau im Raum, als Hedy in den USA ankommt und ihre Karriere als Schauspielerin fortsetzt. Die Erfahrungen, die sie macht, wirken einerseits wie ein anachronistisches Echo auf MeToo, andererseits entlarven sie die völlige Missachtung von Frauen ihres Formats außerhalb ihres Erscheinungsbildes. Das vorletzte Kapitel lässt wohl jeden Leser mit einer gewissen Fassungslosigkeit zurück.

Kritisch ist allerdings die Wahl der Perspektive, denn trotz der Ich-Erzählhaltung bleibt das Buch recht distanziert. Dagegen ist grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden, wenn eine passende Erzählform gewählt wird; so entsteht gerade im ersten Teil manchmal Eindruck einer formel- und phrasenhaften Oberflächlichkeit. Es ist eine Sache, die Hauptperson von sich behaupten zu lassen, sie wäre stark, eigenständig und klug, eine ganz andere, es zu zeigen – wie es im zweiten Teil auch geschieht.

Trotz dieses Mankos ist Die einzige Frau im Raum lesenswert, wann hat schon eine Film-Diva eine Hochleistungs-Waffentechnologie entwickelt und gleichzeitig die bornierte Engstirnigkeit einer von Männern dominierten Welt entlarvt?

[Rezensionsexemplar]

Marie Benedict: Die einzige Frau im Raum
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
KiWi-Paperback 2023
Paperback 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-00492-2

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Collage mit dem Zitat »Man wird es nie mehr los.« über einem historischen Schwarz-Weiß-Foto mit Opfern eines Massakers in Italien 1944.  SS-Soldaten sind auf einem Comic-Cover mit dem Titel 'Die Reise des Marcel Grob' von Philippe Collin und Sébastien Goethals abgebildet. Es zeigt einen jungen Franzosen, der mit 17 Jahren zur Waffen-SS eingezogen wurde. Das Buch ist im Splitter Verlag erschienen.
Eine Graphic Novel mit einem schwerwiegenden und schwierigen Thema, das Fragen aufwirft, die uns heute direkt betreffen. Cover Splitter Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ist jetzt die richtige Zeit für diese Graphic Novel? Im Osten Europas hat eine brutale Diktatur einen völlig enthemmten Angriffs- und Vernichtungskrieg losgebrochen, der erste, große vollumfängliche Krieg seit 1945 in Europa; Kriegsverbrechen werden verübt, die Invasion trägt die Züge eines Genozids, mit dem Ziel, die Ukraine in jeder Hinsicht auszulöschen.

Damit ist ein möglicher Zugang zu dieser Graphic Novel geöffnet, denn Die Reise des Marcel Grob beginnt in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Die Hauptfigur wird mitten hineingezogen in die Abgründe dieses weltumspannenden Krieges. Unweigerlich werden Fragen aufgeworfen. Kann man, darf man vergleichen? Das Massaker von Marzabotto, das in der Graphic Novel eine zentrale Rolle spielt, mit dem, was die russische Armee etwa in Butscha angerichtet hat?

Wie steht es mit der Schuld des Einzelnen, der vor Ort ist, Kriegsverbrechen ausführt oder ihnen als Teil der Tätergruppe beiwohnt? Gibt es mildernde Umstände, etwa die Drohung des eigenen Todes, durch ein Standgericht wegen Befehlsverweigerung? Heute und damals? Wie geht jemand mit der Schuld um, die ihn persönlich das gesamte Leben lang verfolgt?

Was hätten Sie an meiner Stelle getan? Versuchen Sie mir diese Frage zu beantworten.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen, auch wenn beide Worte im alltäglichen Sprachgebrauch synonym verwendet werden. Wer etwas vergleicht, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus; wer gleichsetzt, verwischt beides. Vergleichen muss also erlaubt sein, allein, um einen Versuch zu unternehmen, sich dem eigenen Standpunkt in der großen Tragödie unserer Tage anzunähern.

Die Graphic Novel von Philippe Collin & Sébastien Goethals bietet reichlich Möglichkeiten, über diese und andere Fragen nachzudenken. Die Geschichte selbst ist sehr spannend, die Zeichnungen sind großartig und auf eine authentisch wirkende Weise atmosphärisch;  Teile der Handlung spielen in Italien, die vertrauten Bilder (Lago di Garda) stehen in einem krassen Kontrast zu dem, was dort geschieht.

Vor allem sind die Personen gelungen. Die Protagonisten sind so genannte Malgré-nous, zwangsverpflichtete Männer aus Elsass-Lothringen, die überwiegend unfreiwillig in den Krieg gezogen sind. Die verschiedenen Schattierungen ihrer Einstellung werden sehr überzeugend dargelegt, ebenfalls die jähe Desillusionierung, die selbst die Motivierten trifft.

Waffen-SS, das heißt, wir werden den Bolschewiken mal so richtig in den Arsch treten.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Die Reise des Marcel Grob wirkt ungeheuer authentisch. An den geschilderten Kriegshandlungen ist nichts Heroisches. Es ist den Autoren gelungen, diese aus Kriegsromanen bekannte Blindheit der Soldaten einzufangen, die irgendwohin marschieren, ohne eine Ahnung zu haben, was ihnen blüht. Sie bringen Tod und Verderben über Arglose und werden von Tod und Verderben gleichsam aus dem Nichts heimgesucht.

Die Hauptfiguren werden 1944 eingezogen, als der Krieg aus deutscher Sicht militärisch längst verloren war und das NS-Regime Millionen Soldaten und Zivilisten blindwütig in den Tod geschickt hat, um die unabwendbare Niederlage hinauszuzögern. Was heute so offensichtlich erscheint, war es für viele damals nicht. Rückblickend ist man immer klüger – erinnern Sie sich noch, was Sie im Februar 2022 über die Aussichten der ukrainischen Armee dachten?

Als die jungen Männer um Marcel Grob ihren Ausbildungsstandort erreichen, sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer; einige wissen nicht einmal, welches. Wie hätten sie die militärische Lage einschätzen können? Auch hier drängen sich dem Leser Fragen auf. Was wissen wir über den Krieg in der Ukraine? Was die russischen Soldaten? Vor allem: Welche Möglichkeiten, welche Handlungsoptionen stehen ihnen offen?

Die lassen uns krepieren, die Schweinehunde.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Bei aller Nähe zu den historisch überlieferten Wirklichkeiten handelt es sich um ein fiktionales Werk und als solches sollte es auch gelesen werden. Wenn etwa der Untersuchungsrichter den 83 Jahre alten Marcel Grob fragt, warum er nicht Selbstmord begangen hat, statt sich an dem Massaker zu beteiligen, wirkt das abstrus; bis sich auch die Umstände am Ende klären. Ein kleiner Paukenschlag

Zusätzliche Informationen ergänzen die Fiktion. Eine Karte informiert über den Weg, den Marcel Grob zurückgelegt hat, Informationen über die SS, die Waffen-SS, die militärische Formation, das Massaker und die strafrechtliche Verfolgung werden knapp abgehandelt. Einige Literaturempfehlungen runden das Zusatzmaterial ab.

Im Kern hält Die Reise des Marcel Grob auch eine Mahnung an die Gegenwart bereit: Viele Kriegsverbrecher oder (Mit-)Täter kamen nach dem Zweiten Weltkrieg davon, sie traten in alliierte Dienste (Wernher von Braun) oder wurden nach vergleichsweise kurzer Gefängnisstrafe wieder entlassen. Die Toten blieben tot.

Das führt zur letzten Frage. Russlands Krieg gegen die Ukraine wird nicht ewig währen. Wie wird es nach dem Ende des russländischen Vernichtungskrieges sein? Werden die Täter bestraft oder wird »vernünftig« gehandelt und geschont? Wer ein wenig zuhört, ahnt schon, wohin diese Reise gehen wird.

Die Reise des Marcel Grob
Szenario: Philippe Collin
Zeichnungen Sébastien Goethals
Aus dem Französischen von Harald Sachse
Splitter-Verlag 2019
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978-3-96219-320-1

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