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Schlagwort: Frontroman

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. 
Buchcover von ‚Die Stalinorgel‘ von Gert Ledig, veröffentlicht in der Bibliothek Suhrkamp, vor einem schwarz-weißen Hintergrund und dem Zitat ‚Es gibt keine Kompanie mehr.‘
Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Krieg ist von zynischer Grausamkeit. Schon im ersten Satz des Frontkriegsromans Die Stalinorgel von Gert Ledig schlägt sie dem Leser entgegen. Der Autor spielt mit der geläufigen Redewendung, jemand würde sich im Grabe herumdrehen. Eine Umschreibung für das Entsetzen der Toten gegenüber dem, was die Lebenden anstellen. Ein namenloser Obergefreiter an der Ostfront würde sich angesichts des Grauens wohl im Grabe umdrehen, wenn er könnte; er besitzt jedoch keines.

Kühl und knapp schildert Ledig, wie der Obergefreite der Wehrmacht in der Nähe eines Ortes namens Podrowa zu Tode kam; der Zufall ließ ihn in eine Salve jenes Raketenwerfers geraten, den die deutschen Soldaten »Stalinorgel« nannten. Eine Anspielung auf die alptraumartigen Töne, die beim Abfeuern einer Lage Raketengeschosse erzeugt wurden und die verheerende, psychologische Wirkung. Die Überreste des Obergefreiten hängen in einem »verstümmelten Baumstamm«, unter dem Leichnam windet sich ein Verwundeter mit Bauchverletzung. Die glücklichen, unverletzt gebliebenen Kameraden laufen weg.

Hilfe für den Verwundeten? Fehlanzeige. Es ist der erste, zarte Hinweis auf den kritischen Zustand einer Armee, die noch wenige Monate zuvor als unbesiegbar galt. Ledigs Tonfall ist ein Echo der zynischen Kriegsgrausamkeit, sie spiegelt die alltägliche Entmenschlichung, ein fast notweniger Zustand der Selbstdistanzierung, um das Grauen an der Front überhaupt auszuhalten. Der Autor verzichtet auf jeden moralischen oder gar pathetischen Kommentar, wie man ihn etwa bei den berühmten Frontkriegsromanen von Remarque oder Jünger findet. Bei Ledig schaut man dem Krieg unverhüllt ins Gesicht; für alles Weitere ist der Leser verantwortlich.

Die Geschichte des toten Obergefreiten ist noch nicht beendet. Eine Maschinengewehr-Garbe holt ihn vom Baum, der Tote ist nur noch ein halber Mann. Die Überreste werden von Panzerketten zermalmt, den Rotarmisten »blieb nicht einmal die Möglichkeit, seine Taschen zu durchsuchen«. Im Gefecht bleibt von Pietät nichts übrig, in diesem Fall auch nicht für uniformierte Leichenfledderer. Ein Schlachtflieger setzt der Leiche noch mit Sprengmunition zu, gibt ihr sozusagen den Rest.

Dann endlich hatte der Obergefreite Ruhe. Er roch vier Wochen süßlich.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Nicht einmal eineinhalb Seiten sind vergangen und der Leser schnappt schon nach Luft. Es ist nur der Auftakt in einem Prolog, wie soll es da fast zweihundert Seiten weitergehen?  Zunächst einmal setzt Ledig den ersten seiner vielen Kontrapunkte: Der tote Obergefreite wird zum bürokratischen Akt, nämlich der Todesmeldung an die übergeordneten Stellen und die Angehörigen. Wegen der hohen Verluste eine abstumpfende Tätigkeit, längst von Gleichgültigkeit überwältigt. Es zählt nur eines – Überleben, notfalls auf Kosten eines anderen.

Die Gedanken der Soldaten, vom einfachen Melder bis zum Hauptmann drehen sich darum, wie man der Hölle lebendig entkommen könne. Gott ist keine Hilfe, die Gebete, eigentlich Bitten um einen Deal, bei denen der Hilfesuchende ein Opfer anbietet, wenn er davonkäme. Einen Fuß etwa oder eine Hand erscheinen ein guter Preis. Aber Gott schweigt. Bliebe Selbstverstümmelung, die aber wie Desertion ein heikles Spiel mit dem Feuer ist;  schnell greifen die »Kettenhunde« der Feldpolizei zu, man steht vor dem Kriegsgericht.

Überlaufen zu den Sowjets? Die üble Behandlung deutscher Kriegsgefangener war mehr als bloße Propaganda, trotzdem trägt jeder einen »Passierschein« mit sich herum, der von der Roten Armee über deutschen Stellungen abgeworfen wurde, um die Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Ledig zeigt seinen Lesern diesen Schein wie die berühmte Waffe von Tschechow, von der es heißt, sie müsse später im  Verlauf der Handlung auch abgefeuert werden. Der Passierschein wird also in Die Stalinorgel einer Wirklichkeitsprobe unterzogen, weiter hinten im Romans.

Der Melder lief täglich mehrmals auf einer Art Trampelpfad um sein Leben.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Um die Moral der Truppe ist es im Spätsommer 1942 vor Leningrad schlecht bestellt. Wie brüchig sie ist, zeigt sich an unzähligen Dingen. Ein namenlos bleibender »Melder« durchläuft den Frontabschnitt, auf dem Ledig sein Drama inszeniert. Der Weg von der vordersten Linie zum Befehlsstand weiter hinten ist ein Alptraum, einschließlich Raketenwerferbeschuss, bei dem sich eine »Lähmung über die Front« legt, sich in die Seelen der Männer frisst.

Es sind die einfachen, alltäglichen, wenig dramatischen Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Frontschweine hießen die Soldaten in den vordersten Linien, nach dem Besuch eines Panzervernichtungsstrupps in einem höhlenartigen Unterstand, weiß man auch, warum. Verkotet und verlaust lässt der Melder die beiden Soldaten zurück, die darauf warten, dass man sie ablöst, ehe sich ein sowjetischer Panzer zeigt und sie versuchen müssen, die stählernen Ungetüme zu stoppen.

Ablösung ist das Zauberwort, das alle Soldaten bewegt. Bloß raus aus dem frontnahen Bereich, andere sollen ihren Kopf hinhalten. Wieder ein Bild für die zerbröckelnde Moral. Ledig schildert, dass Ersatzleute nicht etwa begrüßt, sondern gehasst werden. Man gibt den neuen die Hand und wünscht ihnen den Tod, denn ihre Anwesenheit bedeutet eine Verstärkung und verringert die Chance, dass die eigene Einheit vorn an der Front abgelöst wird. Die Erosion der Moral ist weit fortgeschritten.

Wie bei jeder Panik war die Ursache geringfügig.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Die Kern-Handlung des Romans, ein begrenzter Angriff der Roten Armee, entfaltet sich, kaum dass der Melder mit den Ersatzleuten zum vorderen Graben zurückgekehrt ist. Ledig wechselt die Perspektive, schildert die Attacke aus der Sicht von sowjetischen Offizieren. Mehrfach schwenkt die Sicht übergangslos von der sowjetischen zur deutschen Seite, was den Leser verwirrt; das Lesen wird unübersichtlich, wie die blutigen Kampfhandlungen, ein wirres Durcheinander ohne etwas, das man »Frontlinie« bezeichnen könnte.

Ledig verdichtet seinen Roman auf einen scharf begrenzten Raum, ganz vorn ist es nur ein Kompanieabschnitt. Was dort geschieht, hat jedoch Auswirkungen auf die gesamte Division. Ein kleiner Angriffs-Stoß der Roten Armee vervielfacht sich nach hinten und löst eine Panik aus. Mit starken Bildern, die mir seit dem ersten Lesen im Kopf herumgeistern, lässt der Autor den Leser teilhaben, wie eine sieggewohnte, kampferprobte, gefürchtete Armee zu einem kopflosen Hühnerhaufen wird.

Da ist der General, der im Schlafanzug den bereitstehenden Kübelwagen besteigt und sich in Sicherheit bringen lässt. Hinter ihm schwappt eine anschwellende Flutwelle panischer Krieger von der Front heran. Infanterie, Artillerie, Tross, Panzer, Lazarett, Küche, Nachschub – alles rennt vor einer Handvoll sowjetischer Panzer davon. Die kopflosen Soldaten werden niedergemäht oder trampeln einander zu Tode, während sie versuchen, das eigene Leben zu retten.

[Sie] stürzten sich sinnlos auf einen Zug ohne Lokomotive. Hunderte kämpften um einen Platz in Waggons die nicht zusammengekoppelt waren.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Es ist das stärkste Bild einer dem Untergang geweihten Armee, das ich kenne. Die Stalinorgel spielt im Sommer 1942, nicht etwa 1944. Der Südabschnitt der Ostfront erreichte Stalingrad und stieß in den Kaukasus vor. Die Wehrmacht galt immer noch als siegreiche Armee, die in diesem Jahr die Entscheidung erzwingen sollte. Gert Ledig, der selbst in dieser Zeit vor Leningrad kämpfte, nimmt in seinem Roman das Desaster der folgenden Jahre bereits vorweg. Wie soll eine Armee siegen, deren Soldaten um einen Platz in einem Zug ohne Lokomotive kämpfen?

Ledig treibt die Handlung auf die Spitze, indem er inmitten dieser lokalen Apokalypse einen bürokratischen Kontrapunkt setzt. Mit maliziöser Ironie lässt er einen Gerichtsoffizier auftreten, der einen Deserteur aburteilen soll, damit dieser als abschreckendes Beispiel für die Truppe hingerichtet werden kann. Eine groteske Versinnbildlichung des Wehrmachts-Terrors gegen die eigenen Soldaten, die bis Kriegsende zu Tausenden hingerichtet wurden.

Inmitten einer ganzen Division von Desertierenden führt der Gerichtsoffizier ein schauerliches Bürokratie-Spektakel auf, während die sowjetischen Angriffsspitzen bereits den Ort erreichen. Der Irrsinn dieses Krieges verdichtet sich in dem Vorgang  auf kaum zu ertragende Weise, wenn die Wirklichkeit die Befehle längst sinnlos gemacht hat und diese trotzdem ausgeführt werden. Hier streift Ledigs Erzählung auch die nach dem Krieg so oft bemühte Phrase vom »Befehlsnotstand«, den der Autor auf seine Weise kommentiert.

Kein Soldat darf einen Befehl verweigern, aber er kann ihn vergessen.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Gert Ledig hat seinen Roman eine wirksame Struktur gegeben, nicht nur durch diese Kontrastierungen oder die jähen Perspektivwechsel im Stil scharfer Filmschnitte. Durch Einschübe, die kursiv von der Erzählhandlung abgesetzt sind, erzählt er von der Vergangenheit, Gedanken oder fiebertrunkenen Assoziationen der Soldaten beider Seiten. Die entmenschlichte Distanz bricht auf, der Mensch wird hinter dem namenlosen Uniformierten sichtbar, was die Intensität von Szenen wie dem Sturmangriff sowjetischer Soldaten noch einmal verstärkt.

Schlachtszenen haben in vielen Romanen notgedrungen etwas Voyeuristisches und Mechanisches, manchmal klingen sie hölzern wie eine Gebrauchsanweisung, wenn geschildert wird, was geschieht. Die Stalinorgel von Gert Ledig zeigt einen gelungenen Ausweg, einen ebenso radikalen wie sein Luftkriegsroman Vergeltung. Für ein Publikum, das durch bauschig-sanfte Lesegewohnheiten des 21. Jahrhunderts sozialisiert wurde, mag das regelrecht verstörend sein. Für die Lebenswirklichkeiten unserer Tage jedoch ist Die Stalinorgel siebzig Jahre nach ihrem Entstehen passend. Auch in diesem Sinne hat Gert Ledig den besten Frontkriegsroman verfasst, den ich kenne.

Gert Ledig: Die Stalinorgel
Suhrkamp Verlag 2000
Gebunden 240 Seiten
ISBN: 3-518-22333-x

Neue Lektüre: Fiktionaler Rant und Stalinorgel

Rom. Bei meinem letzten Besuch in Italiens Hauptstadt hatte ich Die linke Hand des Papstes von Friedrich-Christian Delius im Gepäck. Gibt es einen besseren Ort, um dieses Buch zu lesen? Nein. Es war die zweite Lektüre und sie hat mir noch mehr Freude bereitet als der erste Durchgang. Gleich auf der ersten Seite sitzt man mit dem Erzähler in einer evangelischen Kirche, wenige Meter entfernt hat der Papst mit zwei Begleitern Platz genommen. Es handelt sich um die Christuskirche in der Via Sicilia, die ich selbstverständlich in Augenschein genommen habe.

Ein Reiseführer ist das Buch tatsächlich, in einem speziellen Sinne. Delius hat einen fiktionalisierten Rant geschrieben und in seinem typischen Stil insbesondere die doppel- und dreifachgesichtige italienische Politik unter Silvio Berlusconi sowie der katholischen Kirche aufs literarische Korn genommen. Unvergessen werden jedem Leser jene Pferde sein, ein Sinnbild des absurden Polit-Theaters, über das gut ein Jahrzehnt später keiner mehr richtig lachen mag.

In jener Zeit, die ein ganzes Zeitalter zurückzuliegen scheint, wurde das Fundament für die Großkatastrophe gelegt, die Europa zu zermalmen droht. Jenes Europa, das auf Werten basieren will, die von Geschöpfen wie Berlusconi und dem Schweif an Gefolgsleuten mit Füßen getreten wurden und noch immer werden. Ein ukrainischer Beobachter hat sinngemäß gesagt, Putin habe gelernt, dass viele westliche Politiker Werte sagen und Selbstbereicherung meinen. Leichtes Spiel für den imperialistischen Diktator.

Der zweite Roman, den ich zeitgleich lesen werde, führt mitten hinein in die letzte Katastrophe, die in ihrem Ausmaß die  aktuelle – noch – weit übertraf, aber die Richtschnur setzte. Vernichtungskrieg. Stalinorgel von Gert Ledig ist der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Ja, besser noch als Im Westen nichts Neues von Erich-Maria Remarque oder In Stahlgewittern von Ernst Jünger. Moral und Pathos fehlen bei Ledig, man steht bloß im heulenden Toben der sowjetischen Raketenwerfer.

Sie heulen heute wieder, wenige Flugstunden von Berlin entfernt ist ein Gemetzel im Gange, das seit 1945 nicht mehr für möglich gehalten wurde. Ist das unsere Zukunft? Niemand kann diese voraussagen, rückblickend mag man im vielstimmigen Gewirr einige heraushören, die richtig lagen; doch in der Gegenwart ist das unmöglich. Die Zukunft ist offen, aber abhängig von »Pfaden«, die eine gewisse Richtung einschlagen. Tag für Tag wendet sich der unsere Pfad einem neuen Landkrieg entgegen. Fällt die Ukraine, wird dieser bald ausbrechen.

Mit Ledig zieht der Leser in das Jahr 1942, mitten hinein in die Kämpfe vor Leningrad. Wie in seinem brillanten Luftkriegsroman Vergeltung schildert der Roman den Frontalltag mit schonungsloser Offenheit, die schnörkellose, knapp gehaltene Sprache lässt keinen Raum für Milderung. Einige Sätze und Handlungsmotive haben sich mir eingeprägt, sie entfalteten bei der ersten Lektüre eine unwiderstehliche Wucht.

Beide Bücher sind Teil meines  Lesevorhabens Wiedergelesen – 4 für 2025.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Dem Roman Im Frühling sterben von Ralf Rothmann stand ich vor der Lektüre skeptisch gegenüber. Das lag an einer Lesung des Autors beim Göttinger Literaturherbst 2023, bei er Passagen aus Theorie des Regens vorgetrug. Trotz des vielversprechenden Titels haben mir die gelesenen Teile des Buches nicht besonders zugesagt, weder inhaltlich noch sprachlich. Nach der Lesung habe ich Autor Rothmann zunächst einmal in die Kategorie nicht lesenswert einsortiert.

Trotzdem habe ich nun die Lektüre seines Romans in Angriff genommen, was weniger an einigen positiven Besprechungen auf Literatur-Blogs lag, als an der schnöden Tatsache, dass ich das Buch bereits im Regal stehen hatte. Vor allem aber wegen des Themas: Erzählt wird die Geschichte von Walter, einem einfachen Melker, der im Frühling 1945 zur Waffen-SS zwangsgezogen wird und auf dem Balkan in die Blutmühle des untergehenden Hitlerreiches gerät.

Mit Rothmann als Autor bin ich nach der Lektüre von Im Frühling sterben wieder versöhnt. Der Kriegsroman hat große Stärken, die Sprache steht – wie Autor und Leser als Nicht-Zeitzeuge und erst recht nicht erlebender Augenzeuge – dem Sujet angemessen distanziert, direkt, nüchtern und frei von pathetischem oder gar belehrendem Palaver entgegen. Bei mir blieben einige Szenen unauslöschlich haften.

Zwei Hitlerjungen in einem Nachschubflieger, der beim Landeanflug von einem sowjetischen Flugzeug attackiert und abgeschossen wird. Aus der Sicht Walters wird das Geschehen ebenso knapp wie eindrücklich beschrieben, die Bilder entstehen im Kopf des Lesers. Bei diesem Beispiel wie bei Dutzenden anderen in diesem Buch, am Ende steht ein Panorama des Schreckens, ohne belehrende Nötigung durch den Autor.

Das hat mich enorm beeindruckt und ist eine der großen Qualitäten des Romans. Gelungen finde ich auch den Umgang mit dem Thema »Waffen-SS«, angefangen von der Blut-Gruppen-Tätowierung und ihre bisweilen dramatischen Folgen trotz zwangsweiser Rekrutierung bis hin zum ersten Hinweis auf die spätere Instrumentalisierung, um die Schuld der Kriegsverbrechen auf eine möglichst kleine Gruppe Deutscher zu reduzieren.

Die Zuspitzung der Dramatik durch die sich früh und allzu offen ankündigende Fahnenflucht von Walters Freund Friedrich und seine Erschießung wirken ein wenig aufgesetzt und unnötig im allgemeinen Untergang. Immerhin gelingt es Rothmann, die Szene zu motivieren und mit angemessenen Worten zu schildern. Trotzdem sticht das aus dem insgesamt sehr guten Roman eher negativ heraus.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben
Suhrkamp 2015
Hardcover 234 Seiten
ISBN: 978-3-518424759

Lesevorhaben Wiedergelesen – 4 für 2025

Vier der vielen Bücher aus meinem Regal, die ich bereits kenne, aber unbedingt noch einmal lesen und hier auf dem Blog vorstellen will.

Auch in meinem Regal stehen viele Bücher, die ich gern noch einmal lesen und auf meinem Blog vorstellen möchte. 2024 habe ich das genau einmal gemacht, mehr zufällig, weil ich auf die Umsetzung des genialen Romans Die Straße als Graphic Novel Die Strasse gestoßen bin.

Die Konkurrenz ist groß, Rezensionsexemplare, Geschenke, Spontankäufe (trotz Buchkaufdiät), Buchleihen (Stadtbiliotheken sind ein gefährlicher Ort!) und die vielen Bücher, die bereits gekauft wurden und endlich gelesen werden wollen, rangeln um das knappste aller Güter im menschlichen Leben: Zeit.

So also eine kleine extrinsische Motivation: 4rereadsfür2025. Für jedes Quartal eins, das dürfte zu schaffen sein. Und die Vorfreude ist riesig, denn die vier Bücher sind groß. Historisch-politisch, versteht sich.

Walter Kempowski: Alles umsonst
»Zoffort!« zu lesen, denn es spielt im Januar 1945, im Osten Deutschlands, über dem sich der Sturm der Vernichtung zusammenbraut – perfekt als Januar-Lektüre 2025

Gerd Ledig: Die Stalinorgel
Für mich der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Er schildert die Kämpfe 1942 vor Leningrad und zeichnet in einer Szene ein geniales Bild einer demoralisierten Wehrmacht

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Ein Ausflug nach Rom. Derart sarkastisch und bissig, dass ich das Büchlein zum drittel Mal lese; der Autor begegnet Papst Benedikt in einer evangelischen Kirche, kurz vor dessen Rücktritt

Robert Harris: Vaterland
Das Büchlein wurde bereits mehrfach gelesen, nicht nur von mir. Brillant in einen Thriller gegossene historische Dystopie um den verschwiegenen Holocaust in einer Welt, in der Hitler den Krieg gewonnen hat

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