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Schlagwort: Historiographie (Seite 1 von 5)

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Buchcover von Die übersehene Nation von Martin Schulze Wessel vor dem Hintergrund einer zerstörten Stadt. Das Zitat auf dem Bild lautet: ‚Ukrainer, die Juden halfen, riskierten ihr Leben.‘ Das Buch thematisiert die Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine seit dem 19. Jahrhundert.
Das Bild im Hintergrund zeigt die ukrainische Hauptstaddt Kyjiw während des Zweite Weltkrieges. Wird die Zukunft der Millionen-Metropole auch so aussehen? Noch halten sich die Schäden durch die russische Aggression in Grenzen, doch im Osten des Landes sind wie im deutschen Vernichtungskrieg Städte und Dörfer ausgelöscht worden. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen ist bemerkenswert kurz und hat zu Beginn recht karge Wurzeln. Wer sich überhaupt mit der Region befasste, wusste oft gar keinen Namen. Das lag auch daran, dass das Staatsgebiet der heutigen Ukraine vor 1914 zu Russland, Polen, Österreich-Ungarn gehörte; nach einem kurzlebigen ukrainischen Staat zwischen 1918 und 1921 war das Staatsgebiet wieder aufgeteilt, doch hatte sich viel verändert. Keineswegs nur zum Guten.

Die deutsch-ukrainischen Beziehungen waren und sind von Ignoranz geprägt. Das ist übrigens nicht verwunderlich. Wer in den 1970er und 80er Jahren aufwuchs, kannte die Sowjetunion als (auf Karten geographisch verzerrt dargestellten) Riesenklotz; dessen Zusammenbruch und Aufteilung nach 1991 ließ nicht nur die Ukraine aus dem Schatten der Geschichte hervortreten. Doch werden die „ehemaligen Sowjetrepubliken“ weiterhin als Objekte politisches Handelns und weniger als handelnde Subjekte wahrgenommen, also übersehen. Wer weiß schon adhoc, wo Tadschikistan liegt, geschweige denn, welche politischen Ambitionen dort gehegt werden?

Die geographische Zersplitterung der Sowjetunion nach 1991 ist ein treffendes Bild für die Freiheit. Sie ist kompliziert, anstrengend und für viele Menschen überfordernd, so dass der verschlichtende Blick („ehemalige Sowjetrepublik“) bevorzugt wird. Man schaut daher, aber auch aus kühlem Kalkül über das Detail hinweg. Im Extremfall wie Reinhold Heydrich, der in den Ukrainern „ein durchweg als kommunistisch eingestelltes und (…) außerordentlich rückständiges Volk“ sehen wollte, was mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatte, aber vortrefflich in die Weltanschauung passte. Heydrich ist nur der Extremfall in einer langen Linie deutscher Zerrbilder der Ukraine, bis in unsere Gegenwart.

Die deutsch-ukrainischen Beziehungen sind aber für beide Seiten existenziell gewesen.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Diese Einschätzung von Martin Schulze Wessel steht im Kontrast zu der beharrlichen Ignoranz von deutscher Seite gegenüber der Ukraine. In Deutschland machte man sich den imperialen Blick Russlands auf die Ukraine zu eigen, noch Bismarck sprach von „Kleinrussland“, eine Fortsetzung des preußischen Blicks gen Osten. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begann man zu begreifen, dass es eine eigenständige Ukraine gab. Die sich zögerlich entfaltenden Beziehungen mit ihren tiefen Abgründen sind Gegenstand von Die übersehene Nation.

Bei der Lektüre verfestigt sich der Eindruck einer Unstetigkeit und Widersprüchen geprägten Schieflage deutscherseits als Konstante der Ukraine-Politik bis in die Gegenwart. Es gab mehrere Strömungen in der deutschen Politik, doch schien sich immer die schlichteste, dem zeitspezifischen Eigennutz verpflichtete durchzusetzen, die in der Ukraine bestenfalls ein Mittel zum Erreichen der eigenen Ziele sah. Der Reichtum an Ressourcen war ein wesentliches Motiv deutscher Wahrnehmung, mit fatalen Folgen während des Zweiten Weltkrieges. Bis heute ist dieser Aspekt in der Weltpolitik lebendig, wie der gescheiterte Versuch der ukrainischen Führung zeigt, Donald Trump auf ihre Seite zu ziehen.  

Gewalt ist seit 1918 ein weiteres Motiv. Im letzten Kriegsjahr besetzten deutsche und österreich-ungarische Truppen die Ukraine, Belarus und die baltischen Staaten. Im Gegensatz zu den Verwüstungen auf den Schlachtfeldern im Westen verlief dieser Vormarsch glimpflich. Da kein tragfähiges Konzept für die Ukraine vorhanden war, zeigte sich die kaiserliche Politik jedoch sprunghaft, widersprüchlich und letztlich erfolglos. Der kurzlebige ukrainische Staat überlebte den Rückzug der deutschen Truppen nur kurz, im Bürgerkrieg folgte die erste Welle entgrenzender Gewalt. Betroffen davon waren auch die jüdischen Bewohner des Landes, die Opfer von Pogromen wurden.

Insgesamt gab es in der Ukraine nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches über 1000 Pogrome mit weit über 100.000 Opfern.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Der amerikanische Historiker Jeffrey Veidlinger hat diese Pogrome in Mitten im zivilisierten Europa behandelt und sieht darin einen Auftakt für den Holocaust. Mit seiner Kritik an der Arbeit Veidlingers berührt Schulze Wessel einen sensiblen Punkt: den Historikerstreit um die Thesen Ernst Noltes, denen im Kern völlig zurecht die „Relativierung der deutschen Verbrechen“ attestiert wird. Die Diagnose, Veidlinger bewege sich in ähnlichen Argumentationsbahnen wie die Verharmloser und Relativierer, deckt sich nicht mit meinem Leseeindruck. Ich meine, Veidlinger stellt zwei Dinge nebeneinander, die für kurze Zeit Hand in Hand gingen.

So entlastet Veidlinger weder Wehrmacht noch SS, noch stellt er den deutschen Vernichtungswillen infrage. Er bekräftigt die Verantwortung für den Holocaust „durch Kugeln“ durch die deutschen Einsatzgruppen und ergänzt sie durch einen zeitlich befristeten Vorgang, der an die Pogrome Anfang der 1920er Jahre erinnert. Die langfristigen Wurzeln des deutschen und ukrainischen Antijudaismus werden davon nicht gar nicht berüht. Vor allem gilt: Der Kampfbegriff des „jüdischen Bolschewismus“ war ein gern gesehenes Propaganda-Instrument, das die bestehende Verschwörungserzählung gegen die jüdische Bevölkerung erweiterte.

Der Hinweis auf Polen, wo der Vernichtungskrieg schon 1939 begann, unterstützt mit Blick auf die Ereignisse, die Jan T. Gross in Nachbarn am Beispiel von Jedwabne beschrieb, eher die Sichtweise eines Nebeneinanders von Vernichtungskrieg und „indigener Gewalt“ gegen die jüdische Bevölkerung in den ersten Kriegstagen 1941. Der Hinweis auf die Gewalttaten der Bolschewiki in der Ukraine Anfang der 1920er Jahre gegen die jüdische Bevölkerung widerlegt Veidlingers Ansatz auch nicht. Sachlich widerlegen die Untaten der Roten Armee gegen die jüdische Bevölkerung zwar das Verschwörungsraunen vom „jüdischen Bolschewismus“, doch liegt es in der Natur von Verschwörungs-Erzählungen, über alle Fakten hinwegzusehen. Flat-Earther oder Impfgegner seien meine Zeugen.

Die deutschen Diplomaten erkannten die genozidale Konsequenz des Holodomor.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Besonders interessant ist Schulze Wessels Hinweis auf den Lerneffekt, den man auf deutscher Seite durch den Holodomor gewann. Stalin ließ Anfang der 1930er Jahre Millionen Menschen in der Ukraine verhungern, indem er das Korn mit Gewalt nehmen und exportieren ließ, um an dringend benötigte Devisen zu kommen. Nach Schulze Wessel hätten die Deutschen aus diesem genozidalen Massenmord gelernt, dass sich mit entgrenzter Gewaltanwendung nationale Bestrebungen brechen ließen. Die Nationalsozialisten hätten diese Erkenntnis in ihre eigenen Eroberungs- und Herrschaftspläne integriert, die in den berüchtigten Generalplan-Ost einflossen. Das ist nicht nur eine für mich ganz neue Facette des Holodomor, sondern auch kurios, denn damit hätte der „Bolschewismus“ eine Art Handlungsanweisung für die bereits vorhandene nationalsozialistische Vernichtungspläne geliefert.

Wie das deutsche Vernichtungshandeln in den Jahren 1941 bis 1945 aussah, behandelt Die übersehene Nation in einem düsteren Kapitel. Nach der Lektüre von Die Schlafwandler und Auf Messers Schneide hege ich Zweifel, dass Deutschland 1914 nach der Weltmacht griff, auch wenn es griffig klingt, für das Jahr 1941 muss man das aber so formulieren. Der Weg zur Weltmacht führte über ein Massengrab, über dem das Banner des „Generalplans Ost“ flatterte, der den millionenfachen Tod der jüdischen und slawischen Bevölkerung einkalkulierte.

Eindrücklich schildert Schulze Wessel, wie die ukrainischen Nationalisten (OUN-B) um Stephan Bandera in ihrem Bestreben, den Krieg für die Wiederbelebung der Ukraine zu nutzen, einem Fehlschluss über die Ziele der deutschen politischen Führung aufsaßen. Die Nähe zum Totalitarismus der OUN-B wird beleuchtet, aber auch die gleichzeitige Distanz zum Nationalsozialismus wie auch zu Adolf Hitler. Das sind heute noch wichtige Aspekte, denn Bandera ist und bleibt ein Beelzebub der russischen Propaganda.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Ukrainer und ihr Land mit einem rein kolonialen Blick wahrgenommen wurden. Kolonialismus wird oft genug nur auf die so genannte Dritte Welt wahrgenommen, auf überseeische Gebiete westlicher Nationen; der nationalsozialistische Kolonialismus wird als solcher nicht benannt, wie auch der russische Kolonialismus in Moskaus Imperium bis heute einfach übergangen wird. Es ist sehr zu begrüßen, dass Schulze Wessel mit dem Zitat des General-Kommissars Erich Koch den kolonialen Blick deutscherseits auf den Punkt bringt: „Weiße Neger“ seien die Ukrainer.

Stellt man fest, dass Mitglieder der Hilfspolizei und der OUN am Holocaust „beteiligt“ waren, so ist es wichtig, die Art dieses Anteils genau zu betrachten.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Bis in die Gegenwart ist das Motiv der ukrainischen Beteiligung am Holocaust virulent. Schulze Wessel zeigt das an einem Youtube-Interview des Bloggers Thilo Jung und dem damaligen Botschafter Andrij Melnyk. Beide leisteten sich „eine starke Reduktion des Sachverhaltes und damit eine Verfälschung“; in der Öffentlichkeit wurde nur Melnyk skandalisiert, nicht aber die Behauptungen Jungs. Ein Beleg für den bis heute herrschenden schiefen Blick auf die Umstände des Vernichtungskrieges 1941 und den darin eingebetteten Holocaust.

Entscheidend ist, dass die Deutschen die „Tathoheit“ hatten, wie Schulze Wessel es nennt, und nicht etwa die Ukrainer. Das ist wesentlich, wenn man von einer ukrainischen Beteiligung am Holocaust spricht, denn der Anteil an den Untaten ist extrem ungleich verteilt. In der Ukraine verfolgten Wehrmacht und SS die Ermordung der jüdischen Bevölkerung als „Kernziel der deutschen Besatzung“, die Ukrainer waren – wie oben gezeigt – an einem eigenen Staat interessiert.

Bandera versuchte sich durch scharfe antijüdische Agitation und das Befeuern von Pogromen den Deutschen zu empfehlen; die Nationalsozialisten wollten die Ukrainer zu Komplizen machen, ohne an Zugeständnisse zu denken. Entsprechend sah die Reakton auf den Versuch aus, einen Staat Ukraine auszurufen. Bandera (OUN-B) und Melnyk (OUN-M), die Führer der Nationalisten, wurden kaltgestellt und im KZ inhaftiert. Die Kollaborateure unter den Ukrainern wurden oft zwangsrekrutiert und besaßen nur minimale Handlungsspielräume, während sie Beihilfe am Holocaust leisteten.

Ukrainer, die Juden halfen, riskierten ihr Leben.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Wie sehr die ukrainische Bevölkerung Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges wurde, skizziert Schulze Wessel in Abschnitten, die sich mit der Realität der Besatzungsherrschaft, dem brutalen Umgang mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, militärischer Kooperation und Widerstand beschäftigen. Den ukrainischen Hilfen für jüdische Mitbürger wird ebenfalls eine Passage gewidmet, so entsteht ein eindeutiges Bild: In der überwältigenden Mehrheit waren die Ukrainer Opfer, nicht Täter. Tragischerweise setzte sich nach dem Krieg der Leidensweg für viele Ukrainer fort. Sie fanden sich als „Verräter“ gebrandmarkt im Gulag wider, wenn sie nicht gleich getötet wurden.  

Für die gegenwärtige deutsche Politik gegenüber der Ukraine sind diese Einsichten von einer Wichtigkeit, die kaum überschätzt werden kann. Noch immer wird in weiten Kreisen vom Volk von Kollaborateuren geraunt, noch immer werden die Millionen Opfer übersehen, die Zerstörungen durch die Taktik der „verbrannten Erde“ seitens der Roten Armee 1941 und der Wehrmacht 1943/44 sowie die stalinistischen Gewalttaten, sei es der Holodomor, seien es die Deportationen, sei es der Bürgerkrieg. Überwehen wird die Traumatisierung der ukrainischen Augenzeugen deutschter Gewalttaten.

Aus diesen historischen Abgründen resultiert eine tiefe Verantwortung seitens Deutschlands gegenüber der Ukraine und ihrer Bevölkerung. Ist die demokratische Bundesrepublik, insbesondere in seiner vergrößerten Gestalt seit 1990 dieser Verantwortung gerecht geworden? Schulze Wessel zeichnet den Weg ins Desaster nach, das bereits Anfang der 1990er Jahre (!) durch Äußerungen der russischen Seite absehbar war, und in einen vollumfänglichen Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine führte. Die Invation 2014/2022 ist mit zunehmender Sicherheit nicht etwa das Ende dieses Weges, sondern der Anfang einer blutigen Renaissance des Landkrieges in Europa. Hätte es sich auch durch eine andere deutsche Politik verhindern lassen? Zumindest hätte man nicht Vorschub leisten sollen. 

Die machtpolitische Lösung der deutschen Frage hing mittelbar damit zusammen, das die ukrainische ungelöst blieb.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Die Ausführungen über die politischen Entscheidungen nach 2004 lassen gerade mit Blick auf die Gegenwart frösteln. Allerdings überzeugen die Einlassungen über die Gründe für die merkwürdig passive, inkonsequente, ja, geradezu janusköpfige Ukraine-Politik der Merkel-Regierung nicht in allen Punkten. Schulze Wessel arbeitet sich an den negativen Auswirkungen der Rückbesinnung auf den Ersten Weltkrieg unter besonderer Einflussnahme von Christopher Clarks Die Schlafwandler ab. Zu viele westliche Politiker, besonders in Deutschland, hätten sich von der Vorstellung beeindrucken lassen, man könne wie vor 1914 in einen großen Krieg hineinschlittern. Dabei betont Schulze Wessel, dass Clarks Erklär-Ansatz überholt sei.

Die verhängnisvolle Zögerlichkeit steht außer Frage, ebenfalls die allzu offene Furcht vor den russischen Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen. Doch wirkt der direkte und fast exklusive Bezug, insbesondere bei Angela Merkel, auf die Wirkung von Christopher Clarks Schlafwandler nicht recht nachvollziehbar. Zunächst einmal zeigt Clark die dramatischen Fehlurteile und -einschätzungen der handelnden Akteure im Sommer 1914 in ganz Europa auf und entlarvt die fehlende Wachheit der Eliten in dieser kritischen Situation, verbunden mit mangelnden Handlungsspielräumen.

Es war doch eher der Missbrauch des Titels »Schlafwandler« als enorm verkürzender Kampfbegriff, um die eigene Ohnmacht, den Handlungsunwillen und die jahrelangen Irrtümer bei der Einschätzung Putins zu bemänteln. Das eigentlich Problem lag in der falschen historischen Analogie. Treffender als der Rückgriff auf 1914 wäre das Münchener Abkommen von 1938 gewesen, denn in einem Punkt hat Schulze Wessel völlig recht. Es ist ein Aggressor mit imperialen Absichten am Werk, der nicht in der Ukraine anhalten wird. Dank Donald Trump kommt für Deutschland und Europa noch schlimmer. Neben vielen anderen klugen Gedanken und Einsichten gibt der Autor von Die übersehene Nation dem Leser eine ebenso düstere wie wahrscheinliche Zukunftsoption mit auf den Weg.

Überlegenen Mächten allein gegenüberzustehen – die Grunderfahrung der Polen seit dem 18. Jahrhundert, der Ostdeutschen, Ungarn und Tschechoslowaken im Kalten Krieg – droht heute auch den einst weltbeherrschenden Nationen Europas.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Ich bedanke mich beim C.H.Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation
Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert
C.H.Beck 2025
Gebunden 288 Seiten
ISBN: 978-3-406-821745

Zu Beginn ein hilfreicher Reinfall

Auf das Buch habe ich mich lange gefreut und es auch in mein Lesevorhaben 12für2025 aufgenommen. Leider entpuppte es sich als Enttäuschung. Hilfreich war es dennoch.

Die erste Lektüre, die sich mit Knut dem Großen und der Eroberung Englands befasst, ist ein Reinfall. Von der reinen Abfolge der Ereignisse abgesehen, bietet sie nicht viel Brauchbares. Historiographisch ist King Cnut von W.B. Bartlett ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten. Darstellung und Rückschlüsse reizen zum Kopfschütteln, der Umgang mit den Quellen ist keineswegs kritisch. Plattitüden im Stile von man dürfe es nicht wörtlich nehmen, aber auch nicht alles verwerfen, öffnen Willkür bei der Auswahl und Auslegung Tür und Tor.

Gruselig sind die Bewertungen und Gegenwartsbezüge. Einen Adeligen um die Jahrtausendwende ausgerechnet als „Quisling“, also Nazi-Statthalter, zu bezeichnen, ist unseriös und irreführend. Bartlett nimmt grundsätzlich eine unangemessene „nationale“ Position ein, ein Herrschaftsgebilde wie das angelsächsische um 1000 n. Chr. darf aber nicht einfach mit modernen Kategorien beschrieben und bewertet werden. Das gilt auch für die Handlungs- und Denkweisen der historischen Akteure.

Abstrus wird es, wenn Bartlett das berüchtigte St. Brice´s Massacre allen Ernstes als Beleg für einen „failed atempt of multiculturalism“ betrachtet. Man ahnt nicht nur die hinter diesen Worten lauernde Geisteshaltung, es ist grundsätzlich unseriös, moderne Weltanschauungen (wie Multikulturalismus) auf die Vergangenheit zu übertragen. Käme irgendjemand auf die Idee, Emma von der Normandie als Feministin zu bezeichnen oder zu dieser Zeit Spuren von Wokeness, Demokratie, Faschismus oder Kommunismus zu erspähen, wäre das ebenfalls absurd.

Wie man das trotz erbärmlicher Quellenlage besser machen kann, demonstriert etwa Mischa Meier mit seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen. Es gibt Parallelen zwischen Wikingern und Hunnen. Zum Beispiel den Versuch Roms (wie später der angelsächsischen Könige), die Raubzüge durch Geldzahlungen zu beenden. Die Bewertung Meiers ist ausgewogen, während Bartlett verurteilt und klagt, dass die historische Wirklichkeit nicht seinen Wunschvorstellungen entsprach. Er wünscht sich sogar einen Churchill herbei, um „Dünkirchen-Momente“ zu generieren.

Dabei gäbe es reichlich zu überlegen. Die Hunnen waren ein Reiterkrieger-Verband, die Wikinger etwas Ähnliches zur See. Schnelligkeit, Brutalität, fluide Zusammensetzung und Fluktuation waren beiden Raubgemeinschaften gemeinsam. Ihre Anführer hatten auch das Problem, dass zu einem gewissen Zeitpunkt Erfolge bei Raubzügen nicht mehr ausreichten, um die Gefolgschaft zufriedenzustellen und die Herrschaft zu sichern. Ein neues Konzept, nämlich die Landnahme oder -herrschaft wurde versucht – vergeblich bei Attila, teilweise erfolgreich bei den Wikingern, etwa bei Knut dem Großen.

Für meinen Wikinger-Roman ist King Cnut dennoch hilfreich. Es hat mir die Entwicklung der Eroberung Englands vor Augen geführt, viele handelnde Personen vorgestellt, einige überregionale Zusammenhänge aufgezeigt und Leerstellen offenbart, die ich mit fiktionalem Erzählstoff füllen kann.

W.B. Bartlett: King Cnut
And the Viking Conquest of England
Amberley Publishing 2016
Broschur 320 Seiten
ISBN: 978-1-44567714-9

Mischa Meier: Die Hunnen

Sie galten als die Barbaren schlechthin, haben ganze Lanstriche mit ihren aggressiven Raub- und Mordzügen verwüstet und Imperien ins Wanken gebracht: die Hunnen. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Der Untergang des weströmischen Kaisertums war nicht zuletzt auch eine Folge des Zusammenbruchs des hunnischen Machtgebildes gut eine Generation zuvor und des dadurch ausgelösten Westdrifts zahlreicher Krieger.

Mischa Meier: Die Hunnen

Wer waren denn nun eigentlich Die Hunnen? Nach der Lektüre des Buches über die »Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger« lässt sich diese Frage noch weniger als zuvor mit einem kurzen Satz beantworten. Der Begriff »Hunne« bezeichnet (wie etwa auch »Skythe«) ganz unterschiedliche Gruppierungen, deren wesentliche Kennzeichen eine hohe Fluktuation oder Fluidität, eine nomadische Lebensweise, geprägt durch die Steppe, und große Mobilität waren.

In diesen nebeltrüben Annäherungen kann man schon Geheimnisse wittern, was in der Rezeption der Hunnen von den Römern bis Fritz Lang weidlich ausgenutzt wurde. Leichter fällt die Eingrenzung, wenn man sich vergegenwärtigt, was die Hunnen nicht waren. Als Volk, Stamm oder gar »Rasse« kann man die Hunnen nicht bezeichnen, für sie lässt sich auch kein eindeutiger Herkunftsort nennen. So kann man beispielsweise für einen Nordhessen einen Landstrich verorten, ein »Hunnien« wird man jedoch vergeblich suchen.

Große Vorsicht ist auch mit dem Begriff »Barbaren« geboten. Die Römer haben beherzt alles, was nicht-römisch war, als »barbarisch« abgegrenzt. Das Wort sagt wenig über die kulturellen Errungenschaften der jeweiligen »Barbaren« aus. Wer damit zottelige Geschöpfe in Pelzen, die kaum ein klares Wort über die Lippen bekamen, verbindet, denke bitte an die Karthager, die Parther (Sassaniden, Perser), Chinesen und alle anderen im Schatten europäischer Nabelschau verborgenen Hochkulturen.

Die Hunnen gelten als die Barbaren schlechthin.

Mischa Meier: Die Hunnen

Auch mit dem Begriff »Reiterkrieger« oder »Steppennomade« verlässt man das Niemandsland des Unpräzisen nicht, denn – wie etwa auch die Wikinger – haben die Hunnen keineswegs nur (Raub-)Kriege geführt und kein reines Nomadenleben geführt, sondern auch Handel betrieben und in geringem Maße auch Elemente einer sesshaften Lebensweise gezeigt. Autor Mischa Meier betont die hochkomplexe Herausforderung, die eine mobile Existenzform (Pferdezucht, Viehweidewirtschaft) darstellt, nicht umsonst sollen Steppennomaden nicht etwa der Sesshaftigkeit vorangegangen, sondern erst danach aufgetreten sein. 

Vor allem aber verbirgt sich hinter diesen Begriffen der gescheiterte Versuch Attilas, das hunnische Fundament der Machtausübung grundsätzlich zu wandeln, was letztlich zum Verschwinden der Hunnen führte. Was Meier in seinem Buch über das Ende der Hunnen unter Attila darstellt, berührt aus meiner Sicht mehrere der ganz grundlegenden Fragen an die Vergangenheit. Etwa: Warum scheitern Gesellschaften?

Gleich mehrere Staaten und sich in Ansätzen verstaatlichende, also in den römischen Kosmos integrierende Gruppierungen, sowie die Reiterverbände selbst scheiterten bzw. gerieten unter existenziellen Druck. Die Hunnen zeigt gleich mehrere grundverschiedene Beispiele für die Handlungsweisen von (staatlichen) Eliten in Extremsituationen. West- und Ostrom, Sassaniden, Goten, Burgunder, Franken, Hunnen usw. versuchten sich an ganz unterschiedlichen taktischen und strategischen Wegen, um zu überleben.

Auch in der Spätantike […] hingen große Teile der (römischen A.P.) Eliten an den überkommenen Vorstellungen eines permanent expandierenden Reiches an, dessen Grenzen letztlich mit den Rändern der bewohnten Welt identisch waren […] und dessen militärische Überlegenheit über jeden Zweifel erhaben sei.

Mischa Meier: Die Hunnen

Freunde schlichter Wahrheiten und Erklärungen werden es mit Die Hunnen schwer haben. Die Schilderung, was man aus wissenschaftlicher Sicht sagen kann, ist bei einer seriösen Herangehensweise immer mit der Diskussion darüber verbunden, worauf das Gesagte fußt. Meier stellte auführlich dar, wie weit die Thesen im Falle der Hunnen auseinandergehen, wo die jeweiligen Vorzüge und Nachteile des Erklärungsansatzes liegen und welche er für stichhaltig hält. Daran zeigt sich, wie »Wissen« und »Fakten« auf Konsens bei gleichzeitigem Dissens beruhen und eben nicht auf Eindeutigkeit oder gar Wahrheit.

Das reicht direkt in aktuelle Diskussionen hinein, etwa bei der Frage, ob man der hunnischen Machtbildung den Charakter eines Imperiums zuschreiben kann oder nicht. Zwangsläufig wird man mit Überlegungen konfrontiert, was eigentlich ein Imperium ist oder – wie Meier es im Zusammenhang mit den Hunnen vorzieht – ein Reich. Die dynamische Aggressivität der »Kriegskonföderation« aus Reiterkriegerverbänden beruhte nicht zuletzt auf dem Herrschaftsmodell eines charismatischen Anführers, der unter großem Erfolgsdruck durch seine Gefolgschaft stand und zur Expansion faktisch gezwungen wurde.

Es ist extrem spannend zu verfolgen, wie sämtliche Kontrahenten unter inneren Zwängen litten. Bei den Hunnen setzte der Machtzerfall ein, wenn der Erfolg ausblieb, aber eben auch, wenn der Erfolg zu groß wurde. Ganz praktisch enden die Möglichkeiten räuberischer Kriegszüge, wenn ein blühender Landstrich vernichtet wurde. Daher durfte das Römische Reich als lohnendes Ziel von Raubzügen nicht zerstört werden. Es blieb der Strategiewechsel, nämlich auf den Spuren anderer multiethnischer Gruppen Teil der Römischen Welt zu werden. Das heißt nicht, sich römisches Territorium zu unterwerfen, sondern eher den Versuch der Einbindung beispielsweise durch einen funktionalen Titel, wie magister militum für den Anführer etwa.

Attila wurde allmählich zum Opfer seines eigenen Erfolges.

Mischa Meier: Die Hunnen

Attila versuchte und verhob sich daran. Die Ereignisse um 450 n. Chr. sind in jeder Hinsicht spektakulär. Ausgerechnet auf weströmischem Territorium gelang militärischer Widerstand, der in der dramatischen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern mündete. Der schauerliche Blut-Tag endete unentschieden, doch war der »Hunnen-Sturm« gestoppt. Das erinnert an die Schlacht bei Lützen 1632 und Wallensteins Diktum, was nach einer Schlacht geschehe, sei wichtiger als die Schlacht selbst.

Attila zog nach der Demütigung in Gallien im Folgejahr gen Italien und wurde dort nach Anfangserfolgen von Hunger, Krankheiten und logistischen Problemen abermals gestoppt. Das war der Anfang vom Ende seiner Herrschaft, die »Kriegerkonföderation« brach nach seinem überraschenden Tod rasch zusammen. Der »Sieg« über Attila und dem Zerfall seines Kriegsvolks war laut Meier allerdings ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches. Was kurios anmutet, klingt folgerichtig.

Statt eines großen Verbandes standen plötzlich zahllose kleinere Gruppen bereit, ein riesiger Pool an Kriegern, die bereit waren, sich für Beute und Land (!) in den Kampf zu stürzen. Jeder Warlord im zerrütteten römischen Westen konnte problemlos Kriegshaufen zusammenstellen, während die Zentralmacht um Kaiser Valentian III. ausgerechnet Flavius Aëtius (wie Wallenstein durch Ferdinand II.) beseitigen ließ, den Architekten eines halbwegs geordneten Galliens und der Allianz gegen Attila. Wenige Jahre später war Westrom nicht nur faktisch, sondern auch nominell Geschichte.

Anders als im Fall der gegenwärtigen russischen Aggression gegen die europäischen Demokratien muss aber keineswegs davon ausgegangen werden, dass sich im Fall eines hunnischen Erfolges «ein Leichentuch über das occidentalische Leben» gebreitet hätte.

Mischa Meier: Die Hunnen

Das Zitat ist eine ausgesprochen interessante Antwort auf die Frage, was geschehen wäre, wenn Attila sich militärisch durchgesetzt hätte. Dreimal nimmt Meier Bezug auf den allumfassenden Krieg des Moskauer Diktators gegen die Ukraine und Westeuropa. An einer anderen Stelle heißt es, dass wertvolle kulturelle Güter durch die Taliban aus der Hunnen-Zeit zerstört wurden, wie andere Kulturschätze aktuell in der Ukraine durch »russische Angriffshorden« für immer vernichtet werden.

Das erscheint mir ein sehr passender Gegenwartsbezug, der die menschenverachtende russländische Landnahme in eine lange, unselige Tradition stellt. Denn bei allem anderen haben die Raub- und Kriegszüge der Hunnen unendliches Leid über die Bevölkerung gebracht, ganze Landstriche verwüstet, zerstört und entvölkert. So geschieht es heute. Man kann derlei hinter einem Wort wie »Transformation« verstecken, ich bevorzuge allerdings zur Beschreibung von Vergangenheit und Gegenwart »Vernichtung« und »Untergang«.

Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.

Mischa Meier: Die Hunnen
Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger
C.H. Beck 2025
Gebunden, 534 Seiten
Mit 22 Abbildungen und 11 Karten
ISBN: 978-3-406-82915-4

Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike

Die Römer haben überall in Spanien Spuren hinterlassen. Ihrer Herrschaft widmet das Buch den größten Raum, doch erfährt der Leser auch, wer vor und nach ihnen auf der iberischen Halbinsel das Szepter schwang. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Als Kind bekam ich ein Hörspiel geschenkt: Hannibal. Erzählt wurde von einem der spektakulärsten Feldzüge der Geschichte, der Zug eines karthagischen Heeres einschließlich einiger Kriegselefanten über die Alpen, um Rom zu besiegen. Viele Aspekte, die das Hörspiel vermittelte, werden in der historischen Forschung längst nicht mehr vertreten, einige sind bis in die Gegenwart umstritten. Für mich war es der Beginn des Interesses an Geschichte, einschließlich dem, was man Antike nennt.

Der Ausgangsort von Hannibals Unternehmen war Hispanien, wie das Land in Geschichte Spaniens in der Antike von Pedro Barceló genannt wird. Die Antike endet in diesen Buch erst mit der Errichtung des Kalifats von Cordoba. Lange Zeit galt das formale Ende des (West-)Römischen Reichs 475 n. Chr. als Schlusspunkt antiker Geschichte, was in vielerlei Hinsicht problematisch ist.

Diese eher schlichte und willkürliche Datierung kappt Kontinuitäten wie die Goten-Herrschaft in Spanien, von der fast ein Jahrtausend fortgeschriebenen römischen Geschichte in Gestalt von „Byzanz“ ganz zu schweigen. Allein aus diesem Grund ist das Buch sehr zu begrüßen, es eröffnet in vielerlei Hinsicht eine neue Perspektive auf ein Hispanien, das später zur weltumspannenden Großmacht und noch später beliebtem Reiseland wurde.

So brauchte das übermächtige Rom, die größte Militärmacht des Altertums, schließlich zwei Jahrhunderte, um die Gesamtheit des flächenmäßig beträchtlichen, widerborstigen Landes zu erobern.

Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike

Die Karthager haben Hispanien nach ihrer ersten Niederlage gegen Rom aus dem Halbschatten ins geopolitische Rampenlicht geholt. Bemerkenswert, wie stark verflochten die Mittelmeerwelt bereits war, während die ansässigen Stammesverbände ganz unterschiedlicher Herkunft (Iberer, Kelten, Tartessaner etc.)  gleichzeitig recht abgeschlossen lebten.

Ausgerechnet diese Zersplitterung machte es später den Römern so schwer, Hispanien gänzlich zu erobern, da es keine Möglichkeit  für umfassende Vereinbarungen mit den Besiegten gab. Dem Sieg über die Karthager folgten schier endlose Kriege, die massive Rückwirkungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Rom hatten und mit dazu beitrugen, die Republik zu destabilisieren.

Naturgemäß sind die Möglichkeiten, etwas über die Einwohner Hispaniens vor der römischen Zeit mangels aussagekräftiger Quellen begrenzt. So gibt es zwar ein iberisches Alphabet, das immer noch Rätsel aufgibt, was die Bedeutung der entschlüsselten Worte anbelangt. Hinter dem Schleier des Unwissens liegen zumindest keine „Völker“, sondern – wie in Germanien – locker gefügte Stammesverbände mit einer dynamischen Zusammensetzung.

Die Saguntaffäre war zunächst eine binneniberische Angelegenheit.

Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike

Die schriftlichen Quellen aus römischer Zeit (karthagische gibt es dank der vernichtenden Niederlage nicht) nehmen eine entsprechende Sicht von außen auf Hispanien ein. Es ist ein Schauplatz und die dort Lebenden sind oft auf eine Statisten– oder Zuschauerrolle reduziert, während sich der karthagisch-römische Konflikt, die Eroberung und Romanisierung des Landes entfaltet.

Das kann den Blick auf wichtige Aspekte verstellen, etwa die Wurzeln des Kampfes um Sagunt. Barceló legt die Ereignisse so aus, dass Sagunt, eine mit Rom verbündete Stadt, ihre hispanischen Nachbarn mit Krieg überzog. Die angegriffenen Turboleten waren jedoch mit den Karthagern verbunden, die vor der Wahl standen, zugunsten ihrer Klientel einzugreifen oder zurückzustecken und Rom das Feld zu überlassen. Eine geradezu klassische geostrategische Zwickmühle.

Nicht nur im Hinblick auf die Kriegsursache, die von vielen modernen Historikern und allen römischen Quellen verzerrt dargestellt und ausgewertet wurde, erzählt Geschichte Spaniens in der Antike die Ereignisse auf eine andere Weise. Der gesamte Kriegsverlauf wird nicht – wie üblich – vor allem auf den italischen Schauplatz fokussiert, sondern auf den spanischen. Hier sei die Entscheidung gefallen, meint Barceló und nennt bedenkenswerte Gründe, unter anderem hinsichtlich der Kriegsfinanzierung durch die hispanischen Bodenschätze.

Nach der Niederlage im Teutoburger Wald 9 n. Chr. wurden die Expansionspläne unter Tiberius seit 14 n. Chr. bald aufgegeben nicht nur weil die militärischen Abenteuer des Oberbefehlshabers Germanicus zu riskant sondern wohl vor allem in der Bilanz zu wenig ertragreich waren das Land war schlicht zu arm an Ressourcen um mit der Beute die aufwendigen Militärausgaben zu kompensieren die ihre Eroberung erfordert hätte.

Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike

Besonders gelungen ist die Einordnung der Ereignisse und ihrer Folgen, etwa durch Vergleiche. In Spanien führten die Römer viele Jahrzehnte Krieg bis zur Unterwerfung, in Gallien brauchte Caesar nur weniger Jahre, während Germanien nach der ersten großen Niederlage aufgegeben wurde. Vor allem aber bildete Hispanien Hand in Hand mit dem römischen Krieg gegen Karthago den Anfang eines tiefgreifenden innerrömischen Wandels, an dessen Ende die Republik blutige Bürgerkriege und schließlich ins Prinzipat unter Augustus mündete.

Wie so oft bei der Beschäftigung mit antiker Geschichte berührt die Darstellung grundlegende Fragen. Die innerrömischen Veränderungen zementierten eine kleine Oberschicht, die sich mittels militärischer Unternehmungen und Expansion des Herrschaftsgebietes profilierte und in Form gnadenloser Auspressung der erworbenen Gebiete schamlos bereicherte. Zum Preis tausender Toter Legionäre wurden immer neue Kriege vom Zaun gebrochen, Verträge geschlossen und ignoriert sowie gewaltige Vermögen angehäuft.

Das Verhängnis nahte – verkürzt gesagt – in Gestalt zu großer Vermögen, daraus resultierender militärischer und politischer Macht und einer Gesetzgebung, die sozialen Aufstieg erschwerte. Nun ist Geschichte trotz aller Pfadabhängigkeit immer offen, die römische Gesellschaft musste nicht zwangsläufig untergehen, was sie trotz aller Krisen auch über Jahrhunderte nicht tat. Auch verbieten sich direkte Rückschlüsse oder gar Gleichsetzungen für die Gegenwart. Es sind vielmehr die Fragen, die sich aus der Beschäftigung mit der überlieferten Geschichte ergeben, die einen großen Wert darstellen.

Geschichte Spaniens in der Antike von Pedro Barceló ist in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stifung bei C.H. Beck erschienen. Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich herzlich.

Pedro Barceló: Geschichte Spaniens in der Antike
C.H.Beck 2025
Gebunden 492 Seiten
ISBN: 978-3-406-82898-0

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte

Das Zitat soll zeigen, dass Militärgeschichte keineswegs auf Schlachten, Militärtechnik und Strategien beschränkt ist, sie ist vielmehr ein wichtiger Bestandteil der Allgemeingeschichte. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Einer Mammutaufgabe hat sich Stig Förster mit seiner Darstellung Deutsche Militärgeschichte verschrieben. So stehen ihm für den Zweiten Weltkrieg rund 180 Seiten zur Verfügung, bei anderen Darstellungen, wie etwa der mehrbändigen Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, sind es tausende. Es ist eine Herausforderung, die unübersichtliche Masse an Ereignissen und Entwicklungen zwischen 1939 und 1945 auf eine angemessene Weise zu komprimieren.

Förster weist im Vorwort darauf hin, dass er gerade beim Zweiten Weltkrieg die Darstellung straffen musste, um die Lesbarkeit seines immerhin fast 1.300 Seiten starken Buches zu erhalten. Seine Militärgeschichte sollte kein Handbuch und kein Lexikon werden, sondern eine lesbare Abhandlung für ein möglichst breites Publikum. Zu wichtig ist das Thema, um es im Regal verstauben zu lassen, die interessierte Öffentlichkeit sollte sich damit auseinandersetzen.

Das liegt keineswegs nur an Putins Angriff auf die Ukraine im Jahr 2014 und den vollumfänglichen Vernichtungskrieg Russlands seit 2022, sondern auch daran, dass Militärgeschichte integraler Bestandteil der allgemeinen Geschichte ist. Die vielfältigen Wechselwirkungen zu anderen Forschungsgebieten zeigen sich allein darin, wie viele Fachrichtungen Stig Förster in seiner Darstellung berücksichtigt hat. Schön, dass es keine Berührungsängste und Vorbehalte gab, so dass auch Genderstudies eingeflossen sind, wenn sie etwas zum Thema beitragen konnten.

Militärgeschichte ist zu wichtig, um sie als etwas Unappetitliches abzutun, das man Waffennarren und Lehrstuhlfeldherren überlassen kann.

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte

Es gilt als Binsenweisheit, dass Militär und technologische Entwicklung Hand in Hand gehen. Die bemannte Raumfahrt etwa hat ihre Wurzeln im deutschen Raketenprogramm während des Zweiten Weltkrieges, der Erste Weltkrieg verpasste der Luftfahrt einen immensen Schub. Die Entwicklung wäre in beiden Fällen eher langsamer verlaufen. Zu Beginn der Frühen Neuzeit war das mangels institutioneller und intellektueller „Infrastruktur“ etwas anders, wie die ersten Kapitel des Buches zeigen. Hier liegt der Fokus auf der gesellschaftlichen Veränderung, die sich im Militärischen spiegelt; und auch umgekehrt.

Ansatzpunkt der Darstellung ist eine kleine Schlacht im August 1479 bei Guinegate. Förster entwickelt daran den Übergang vom mittelalterlichen Ritterheer zum komplexer strukturierten Heer mit Gewalthaufen, Handwaffenschützen, leichter Reiterei und Artillerie. Statt adeliger Kriegselite fochten nun einfache Leute, die allerdings langwierig und teuer ausgebildet werden mussten. Mein Eindruck ist, dass in diesem Zeitraum der technologische Fortschritt (Übergang zu Feuerwaffen) eher parallel zu dieser taktisch-gesellschaftlichen Entwicklung lief, ohne ihn in späterer Zeit wie ein Katalysator zu beschleunigen.

Dem frühneuzeitlichen Staat fehlten auf allen Ebenen die nötigen Mittel, um stehende Heere zu finanzieren. Kriegsunternehmer mit Söldnertruppen sprangen in die Bresche, mit vielfältigen, oft unerwünschten Folgen. Der Vergleich mit der Gegenwart (Wagner, Blackwater) drängt sich auf, wenngleich die Beweggründe für den Einsatz nichtstaatlicher Gewaltkräfte ganz andere sind. Die Nebenwirkungen sind es nicht: Kriegsverbrechen, Verheerungen, Staatsstreiche, Putschversuche.

Während der frühneuzeitliche Staat über Jahrhunderte bemüht war, mehr Kontrolle zu erlangen, scheint sich die Entwicklung umzukehren. Warum ist das so? In diesem Fall kommt man aber um die seit mehreren Jahrzehnten propagierte Ideologie des Neo-Liberalismus als Erklärung nicht herum. Sinkende staatliche Budgets lassen sich durch Schattenhaushalte, verdeckte (Privat-)Armeen, die sich – wie bei Wagner in Afrika – selbst finanzieren, ausgleichen; oder durch einen aus geopolitischer Naivität gewebten Schleier namens „Friedensdividende“.

Bei der Besprechung eines inhaltlich weit gespannten Werkes wie Deutsche Militärgeschichte über einen Zeitraum von fünfhundert Jahren läuft man Gefahr, sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Eine davon wäre, dass ein solches Vorhaben zwangsläufig Verkürzungen gegenüber Detail-Darstellungen mit sich bringt. Daher fokussiere ich mich auf einen recht kleinen Ausschnitt, um zu zeigen, wie im vorliegenden Fall mit der Notwendigkeit zur Verkürzung umgegangen wird.

Grundsätzlich bietet ein Längsschnitt durch die Zeit den Vorzug, dass bemerkenswerte Parallelen auffallen. Die Rückkehr der Söldner ist nur ein Beispiel. Dieses Sujet ist eng verbunden mit der Person des Kriegsunternehmers, der in unserer Gegenwart ebenfalls wieder auftaucht. Für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird das Phänomen geradezu personifiziert durch Albrecht von Wallenstein.

Wallenstein war zweifellos der größte Kriegsunternehmer des Dreißigjährigen Krieges und vielleicht sogar aller Zeiten.

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte

Das Zitat zeigt, worauf Stig Förster bei Albrecht von Wallenstein in Deutsche Militärgeschichte den Fokus legt. Ein Kriegsunternehmer, der das im Dreißigjährigen Krieg vorherrschende Prinzip der „Kriegsfinanzierung durch organisierten Raub“ perfektionierte. Der rudimentär ausgebildete Staat konnte und wollte die Truppen nicht auf andere, heute vertraute Weise bezahlen. Es herrschte also eine (zwangsweise) Interessenidentität zwischen Kriegsunternehmer und Herrschenden.

Außerdem fehlte wegen unterentwickelter Strukturen eine Alternative. Kriegsunternehmer wie Albrecht von Wallenstein, Ernst von Mansfeld, Christian von Halberstadt und Bernhard von Weimar kamen also nicht aus dem Nichts, wendeten sich dem Feld auch nicht nur aus Ruhmsucht, Bereicherungsstreben oder gar persönlicher Niedertracht zu. Wallenstein erscheint auch in anderen Zusammenhängen: Diplomat; Bauherr; Bildungsmäzen; Herrscher, nicht zuletzt begnadeter Organisator und Feldherr.

Auch Stig Förster weist darauf hin, dass Wallenstein die den kaiserlichen und spanischen Truppen überlegene Schlachttaktik der Schweden durch den Wechsel auf eine andere, weniger anfällige taktische Vorgehensweise konterte, Gustav II. Adolfs Siegeszug bei Nürnberg stoppte und den Schwedenkönig zum Rückzug zwang. Mit Wallenstein verbindet sich obendrein der einzige tragfähige Friedensschluss (mit Dänemark) zwischen 1618 und 1648. Seine Selbstbereicherung war flankiert von modern anmutenden Infrastrukturmaßnahmen (über Kriegsgüter hinaus) in den erworbenen Landen, jener sprichwörtlichen Terra Felix. Die Ermordung kam einer Universitätsgründung zuvor.

Auffallend war, dass die Kriegsherren (Kaiser, Könige und Fürsten) und deren Regierungen zunehmend bestrebt waren, die teuren, schwer kontrollierbaren, eigenmächtigen und oft auch korrupten Kriegsunternehmer, die so viel Schaden anrichteten, auszuschalten.

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte

Wallenstein war selbst Fürst, Herzog und Landesherr, im Kreis dieser Reichselite aber ein Homo Novus mit nicht allzu weit in die Vergangenheit reichenden familiären Wurzeln. Er war dank seiner Nähe zum Kaiser aufgestiegen, hatte sich unentbehrlich gemacht und versuchte sich im Kreis der Hochgestellten zu etablieren. Er „verstaatlichte“ sich in gewisser Hinsicht und wurde (zu) mächtig. Insofern spricht einiges für das Diktum, nicht Wallenstein sei ermordet worden, sondern der Herzog von Friedland.

Dennoch ist der Fokus auf den Kriegsunternehmer eine notwendige und richtige Verkürzung im Rahmen der Darstellung Deutsche Militärgeschichte. Dort geht es um die spezifische Form der Kriegführung und ihre verheerenden Auswirkungen auf Land und Leute. Wallenstein war ja tatsächlich auch Kriegsunternehmer und an den Verheerungen zum eigenen Vorteil abseits der eigenen Länder beteiligt. In den Gebieten der Gegner wüteten auch seine Heere, herumziehende Todeskolonnen mit Truppe, Tross und Schattentross, Plagen in biblischem Ausmaß.

Darauf liegt bei Försters Darstellung des Dreißigjährigen Krieges der Fokus, deshalb ist es – trotz der gezeigten Verkürzungen – notwendig und richtig, die Darstellung einer Person wie Wallenstein auf ihren Anteil am fürchterlichen Geschehen zu fokussieren. Nur so gelingt das Vorhaben, das Militärische in den gesellschaftlichen Rahmen einzubetten und die dramatischen Wechselwirkungen aufzuzeigen. Für den Leser wird erfahrbar, dass Militärgeschichte “immer in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gehört, der die Abläufe wesentlich beeinflusst.“

Die Vorgehensweise kann gar nicht genug gelobt werden. Sie führt auch zu manchen Glanzpunkten in der Darstellung. Dank der Internationalisierung des Krieges, die zu Vielvölker-Truppen führten, wurden spezifische Formen der Kriegführung importiert. Vom Balkan, wo Habsburg und die Osmanen grausamste Kriege führten, kamen die „Kroaten“ zu den kaiserlichen Kriegsvölkern, die gefürchtet waren, weil sie die Unbarmherzigkeit der Gefechte gegen die Osmanen an der Balkangrenze auf den mitteleuropäischen Kriegsschauplatz übertrugen. Förster kommt in diesem Zusammenhang zu einer spektakulären Einsicht.

Hierbei handelte es sich um ein Phänomen, das auch in späteren Kriegen zu beobachten war. Im Zweiten Weltkrieg etwa übertrug die Waffen-SS-Division „Das Reich“ ihre Methoden im Vernichtungskrieg an der Ostfront auf die Verhältnisse in Frankreich im Sommer 1944 – mit furchtbaren Folgen.

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte

Bei der Lektüre von Militärgeschichte fällt ein weiterer Gesichtspunkt auf, der beunruhigend ist. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Heere, die in Kriegen aufeinanderprallten, immer größer. Der Zweite Weltkrieg war sicher der Höhepunkt dieser Entwicklung, danach wurden die Kriege „kleiner“, lokaler und gleichzeitig auch „breiter“, im Sinne eines Krieges ohne Fronten.

So ist das „Karfreitagsgefecht“ der Bundeswehr in Afghanistan gemessen an den Massenschlachten der Weltkriege auf den ersten Blick ein Petitesse, trotzdem ein wichtiges Ereignis, dem Förster einigen Raum einräumt. Seine Darstellung zum Einsatz am Hindukusch ist ebenso knapp wie wertvoll, denn es beleuchtet jene strukturellen Mängel, die für die Bundeswehr seit Jahrzehnten prägend sind. Der Afghanistan-Einsatz scheiterte am »Fehlen einer Gesamtstrategie«, dem »unklaren Auftrag für die Truppe« und der »Verschleierungstaktik« der politischen Führung. Es konnte kein Krieg sein, weil es kein Krieg sein durfte.

Die Schlussfolgerung entlarvt die  vielbeschworene „Friedensdividende“ als eine Form selbstgefälliger Realitätsverweigerung und beharrlichen Klammerns an rostbefallenen geopolitischen Glaubenssätzen, die spätestens 2022 in einen Alptraum mündeten. Russlands allumfassender Eroberungs- und Vernichtungskrieg ist zur wahrhaftigen Zeitenwende geworden, möglicherweise im Sinne eines Trendbruchs, denn erstmals seit 1945 steigt der Umfang eines Landkrieges wieder massiv an.

Das vorzügliche Buch ist Teil der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. Ich bedanke mit für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte
Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart
C.H.Beck 2025
Gebunden 1.296 Seiten
ISBN: 978-3-40682903-1

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