Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Historischer Roman (Seite 15 von 18)

Erzählfluss statt stehendes Gewässer

George R.R. Martins »Lied von Eis und Feuer« ist ein prominentes Beispiel für die Schwierigkeiten episch angelegter Buchreihen: Der Fantasy-Welterfolg hat sich im dichten Gestrüpp zahlloser Personen und Schauplätze verheddert. Bild Canva.

Im November 2017 hat sich der Blogger Der Wortvogel parallel zum Beginn der sechsten Staffel der überaus erfolgreichen HBO-Serie Game of Thrones zum Thema vertikales Storytelling geäußert. Ich habe einen etwas anders akzentuierten Beitrag von ihm damals in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er hat mich sehr lange beschäftigt. Denn: Ich hatte gerade begonnen, selbst eine Buchreihe mit dem Titel Piratenbrüder zu verfassen.

Buchreihen können tückisch sein. George R.R. Martin hat aus meiner Sicht eine großartige Fantasy-Reihe geschrieben, mit leicht abfallender Qualität. Der erste Band (die ersten beiden in der deutschen Ausgabe) gefallen mir jedoch ganz besonders gut. Der strukturelle Ansatz ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, die Torsten Dewi in seinem allgemeinen Beitrag Kaugummi TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings schön aufgezeigt hat.

Großer Beginn, leicht abfallendes Niveau

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erzählfluss in Das Lied von Eis und Feuer mehr und mehr zu einem stehenden Gewässer wurde. Die Erzählung verhedderte sich immer mehr im vielbeinigen Gestrüpp zahlloser Figuren und Schauplätze, dabei hätte die Neigung des Autors, seine Charaktere ins Reich des Jenseits zu schicken, durchaus Abhilfe schaffen können. Nicht jedoch, wenn diese teilweise wieder als Untote oder Wiederauferstandene zurückkehren.

Martin sah sich auch gezwungen, die ständig wechselnden Perspektiven in zwei dicke Stränge zu bündeln und auf zwei (in der deutschen Ausgabe vier) Bücher zu verteilen. Das macht alles noch komplizierter, zumal mir beim Lesen recht oft Redundanzen und wiederkehrende Erzähl-Muster aufgefallen sind. Die Romanreihe verliert, je weiter sie voranschreitet, ein Absturz wie bei der Film-Serie bleibt bislang aus.

Die Filmserie The Game of Thrones ist ja – gottlob – beendet, wenngleich mit einem grauenerregenden Qualitätseinbruch. Das Buch verharrt seit langem an der gleichen Stelle, obwohl der Autor nach eigenem Bekunden an dem vorletzten Band arbeitet. Sicherlich ist die immense Komplexität ein wesentlicher Faktor für die lange Pause. Das wirft Fragen auf, etwa: Wie lassen sich die vielen offenen Erzählstränge wieder zusammenfügen, um die gesamte Geschichte voranzutreiben?

Wie ein Crescendo in der Musik

Ich bin gespannt. Die Wartezeit habe ich mir damit vertrieben, selbst eine Buchreihe mit etwas mehr als zweitausend Seiten zu verfassen. Auf der Basis des Artikels, der Lektüre und einiger Binge-Watch-Tage in der Welt von Eis und Feuer habe ich irgendwann die Entscheidung getroffen, mit der Erzählung der Abenteuer von Joshua und Jeremiah sehr schmal anzufangen und dann Stück für Stück aufzufächern.

Es kam mir vor allem darauf an, am Ende der siebenteiligen Reihe noch genug Spielraum zu haben, einen effektvollen Showdown zu schaffen, ohne völlig zu überziehen. Das ist mir, denke ich, durchaus gelungen. Alles, was im Schlussband namens Opfergang geschieht, ist rein fiktional, aber nicht undenkbar; und es ist ein grandioses, spannendes Spektakel.

Ich habe eine Anleihe aus der Musik genommen, um die strukturelle Gestaltung der gesamten historischen Abenteuerreihe zu verdeutlichen: ein Crescendo. Wer das zum Beispiel auf dem Klavier erzeugen will, muss keineswegs nur immer lauter spielen – dann brüllt das Klavier am Ende und verursacht Schmerzen.

Piano zu Beginn

Viel wichtiger, ja entscheidend ist: Piano am Anfang. Um ein Crescendo zu erzeugen, muss man unbedingt leise beginnen und – ganz wichtig – nicht linear lauter werden. Im Verlauf sollten kleiner Decrescendi eingebaut werden, Verzögerungen, um den Effekt zu verstärken. Außerdem könnten zu der anfangs einstimmigen Tonfolge weitere Stimmen hinzukommen.

Daher beginnt meine Abenteuerreihe sehr schmal, klein, leise, fokussiert sich auf wenige Personen und Handlungsorte, täuscht manches vor, deutet vieles an und ist keineswegs auf Handlungsspannung oder Action beschränkt. Denn was hilft alles Crescendo, wenn es an der Baisis fehlt, dem Leitmotiv oder Thema? Es wäre ein hohler, langweiliger Effekt.

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Piraterie – im Schlagschatten des Krieges

Piraten fallen nicht vom Himmel, niemand wird als Pirat geboren. Kriege dürften der wichtigste Geburtshelfer der Feinde aller Menschen sein.

Wie wird man eigentlich Pirat? Folgt man populären Filmen, könnte man den Eindruck haben, Piraten wären einfach da. Oft wird ihre Herkunft gar nicht weiter geklärt, man könnte meinen, sie fielen mehr oder weniger vom Himmel. Manchmal wird der Weg zur Piraterie auch als eine Art Vermächtnis geschildert, wenn etwa Henry Morgan Jack Sparrow mit Kompass und Kapitänsamt beglückt. Oder William Turner in die Fußstapfen seines Vaters tritt, als hätte er genetisch – schicksalsträchtig gar keine andere Wahl.

Wenn man einen Blick auf die Biographien historischer Piraten wirft, wie zum Beispiel eben jenen Henry Morgan, ist eine andere Sache recht augenfällig: Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Piraterie und Krieg. Selbstverständlich gab es auch in langen Friedenszeiten Piraterie, doch sorgten Kriege in der Regel für ein massives Ansteigen der Aktivitäten von Piraten.

Piratenrepublik und »Goldenes Zeitalter«

Es ist kein Zufall, dass die so genannte »Piratenrepublik« von Nassau in den Schlagschatten des ersten wirklich weltumspannenden Krieges fiel: Der Spanische Erbfolgekrieg wurde nicht nur in Europa ausgetragen, sondern auch in der Neuen Welt (gemeinsam mit dem teilweise zeitgleich stattfindenden Großen Nordischen Krieg brannte es in ganz Europa).

Das gleiche gilt für das so genannte »Goldene Zeitalter« der Piraterie, das von Historikern zwischen 1714 und 1722 bzw. 1716 und 1726 verortet wird. Der Große Krieg endete in Europa offiziell 1713, doch in der Neuen Welt ging es munter weiter. Ein Teil der Kaperfahrer, sprich: der von der jeweiligen Krone beauftragten oder zumindest geduldeten Seeräuber bekam das Ende der Kampfhandlungen erst mit großer Zeitverzögerung mit und war keineswegs immer begeistert vom Friedensschluss.

Manche haben einfach auf eigene Rechnung weitergemacht. Warum auch nicht? Die Alternativen waren nicht besonders verlockend. Frieden bedeutete nicht für jeden eine Erleichterung, mit dem Ende der Kampfhandlungen verloren viele Seeleute Anstellung und Einkünfte; manche standen einfach vor dem Nichts und die Aussicht auf Einkünfte durch Raub, für dessen Ausführung sie die nötigen Kompetenzen erworben hatten, bot einen Ausweg.

Grauzonen

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. In Europa mag für einige Jahre Frieden geherrscht haben, in der Neuen Welt jedoch nicht. Die Kaperfahrerei bot eine großartige Möglichkeit, einen verdeckten Krieg zu führen, ohne ihn offen erklären zu müssen. Man konnte seine Feinde schwächen, ohne einen unpopulären Waffengang vom Zaun zu brechen.

Außerdem gab es eine Grauzone. Wer mochte verhindern, dass Kaperfahrer die »falschen« Schiffe auf ihrem Weg nicht einfach auch aufbrachten? Wenn ein englischer Kapitän auf der Suche nach spanischen und französischen Schiffen lange ohne Beute blieb, was aber essentiell für die Loyalität der Mannschaft war, würde er nicht auch ein englisches Handelsschiff überfallen?

Doch die Grauzone reicht noch weiter. Mancher für die Piratenjagd ausgesandte Kapitän konnte der Verlockung des scheinbar schnellen Geldes ebenfalls nicht widerstehen und hat sich entsprechend an friedlichen Kauffahrern vergriffen. Diese verschwommene Grenzlinie zwischen Kapern, Piraterie und Piratenjagd wurde gelegentlich mehrfach überschritten.

Gnade und Blutbad

Letzten Endes haben sich die europäischen Großmächte England, Frankreich, Spanien, die Vereinigten Niederlande und auch Portugal irgendwann aufgerafft und mit dem Piratenproblem gründlich aufgeräumt. Neben der Möglichkeit, der Piraterie abzuschwören und auf friedlichem Wege das blutige Handwerk hinter sich zu lassen, wurde auch zu brutaler Gewalt gegriffen.

Am Ende des »Goldenen Zeitalters« der Piraterie stand ein Blutbad, das entschlossene Vorgehen dämmte das Piratenunheil massiv ein und machte die Seefahrt wieder sicherer. Doch der verdeckte Kaperkrieg war ein viel zu verlockendes Mittel, um darauf zu verzichten, im Grunde herrschte in der Karibik über Jahrzehnte ein kaum bemäntelter Waffengang.  Mit den bekannten Folgen. 

Das ist die Lage, als die Hauptfigur meiner Abenteuerreihe, Joshua, 1732 aus London aufbricht. Er kann eigentlich darauf setzen, dass Piraten kein großes Problem mehr darstellen, zumal sein Schiff, die Sturmvogel, in einem Konvoi fährt, was Überfälle gewöhnlich erheblich erschwert – so lange die Schiffe zusammenbleiben.

Eine Leseprobe gefällig? Hier entlang: Eine neue Welt.

Bisher erschienen

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Mannes in historischer Militäruniform mit dem Zitat ‚Dann werden wir eben Lügen in Wahrheit verwandeln.‘ neben dem Buchcover von Leonardo Paduras Roman ‚Der Mann, der Hunde liebte‘, das eine Silhouette von zwei Hunden und zwei Personen am Strand bei Sonnenuntergang zeigt.
Der Roman des Cubaners Leonardo Padura gehört zu den drei besten, die ich je gelesen habe. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Wie bringt man jemanden dazu, einen Menschen zu töten? Auf diese Frage gibt es unzählige Antworten, abhängig davon, unter welchen Umständen der Tötungsakt vollzogen werden soll. Der cubanische Schriftsteller Leonardo Padura führt in seinem großen Roman vor, welchen Weg Ramón Mercader, der Mörder von Leo Trotzki, gegangen ist; oder besser: entlang getrieben wurde, denn erst eine massive Manipulation unter anderem seitens der eigenen Mutter sowie Mitarbeitern von Stalins Geheimdienst hat ihn zu der Bluttat befähigt.

Die Vielschichtigkeit der Charaktere in »Der Mann, der Hunde liebte« gehört zu den Stärken des Romans. Wenn ich Ramóns Mutter und Geheimdienst-Schergen den Schwarzen Peter im einleitenden Absatz zuschiebe, bleibt wenig Raum für Verständnis; ihr Antrieb zum Handeln ist aber ebenfalls vielschichtig, sie haben alle ihre Beweggründe, die sie aber auch als Waffe einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen, oft verstärkt durch Lügen.

»Ich war gläubig, aber ich habe dich gezwungen, an Dinge zu glauben, von denen ich wusste, dass es Lügen waren.«

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Padura hat zum Glück eine brillante Entscheidung getroffen und seinem Roman eine angemessen komplexe Struktur gegeben, statt sich nur auf die Geschichte des Mörders zu beschränken. Wer nun ein zähes Leseerlebnis befürchtet, sei beruhigt: Die Erzählung umschlingt den Leser unmittelbar und lässt ihn bis zum bitteren Ende nicht mehr los. Komplex heißt nämlich, dass schon die drei zeitlich getrennten, inhaltlich aber eng miteinander verwobenen Erzähllinien für eine immense Abwechslung und Spannung sorgen.

Das Endergebnis, der Tod Leo Trotzkis, steht mit der ersten Zeile des Romans fest, denn die ist nichts anderes als eine karge Zeitungsnotiz, gefolgt von dem Auszug eines Verhörprotokolls, in dem der Mörder schildert, wie er – mittels eines Eispickels – die Tat ausführt und wie – sehr wichtig! – Trotzki darauf reagiert. Diesen beiden Anfängen schließt sich die Schilderung einer Beerdigung an, nicht etwa des gemeuchelten Revolutionärs, sondern der nach langer Krankheit verstorbenen Frau des Erzählers namens Iván.

Kaum hatte Ramón Pawlowitsch den Hörer aufgelegt, hörte er wieder den Schrei.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Man stolpert also ein wenig in diese große Erzählung, ist verständlicherweise etwas verwirrt und orientierungslos – ein angemessener geistiger Zustand für diesen Roman. Denn für Iván, den – wie immer bei Padura – unvollendeten Schriftsteller, bricht durch seine Begegnung mit dem »Mann, der Hunde liebte« eine Welt zusammen. Der Zusammenbruch vollzieht sich langsam, streckt sich über Jahre und ist gewissermaßen eine Parallele zur Agonie des Sowjetreiches, ehe es schließlich innerhalb weniger Wochen implodierte.

Im Falle Iváns zerfällt sein Glaube an eine Ideologie zu Staub, während die Erkenntnis reift, über Jahre, Jahrzehnte hinweg belogen und betrogen worden zu sein. Als Kommunist auf der Insel Cuba unter dem Regime von Fidel Castro sah sich Iván als Mitstreiter für eine bessere und gerechtere Welt, was ihn übrigens sowohl mit Trotzki als auch mit dessen Mörder Ramón verbindet.

Ein naiver, zunächst aufstrebender Mitstreiter, dem das Regime auf brutale Weise klarmacht, dass es in Wahrheit um Konformismus geht und jede Form von Abweichung, ob gewollt oder unbewusst, erbarmungslos geahndet wird. Iván wird fast alles genommen, was sein Leben hätte ausmachen können – trotzdem ist die Konfrontation mit der Wahrheit, den unendlich brutalen, erbarmungslosen und zutiefst verlogenen Abgründen des Stalinismus auch für den Geschlagenen und Geprügelten ein tiefer Schock.

Den eigenen Glauben an eine gerechte Welt zu verlieren, ist eine Sache; die kommunistische Wirklichkeit als verlogene Hölle auf Erden zu durchschauen, eine ganz andere. Das verbindet Iván ebenfalls mit Trotzki und dem Attentäter Ramón. Alle drei machen eine Phase der Ernüchterung durch, der schmerzhaften Erkenntnis, dass ihre Träume nur als Alpträume realisiert worden sind.

Doch war meine erste Reaktion die, dass ich mir leidtat, ich und all jene, die an die in der damals untergegangenen Sowjetunion erreichte Utopie geglaubt hatten.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Padura doziert nicht. Er lässt den Leser miterleben, wie sich die drei Protagonisten Stück für Stück inmitten dieser grausamen Flut bewegen, abstrampeln und von ihr mitgerissen werden. Es ist auch ein Roman über mein ganz persönliches Herzensthema, wie der Einzelne  dem Phänomen namens Macht gegenübersteht. In Stalins Reich spielte das Individuum keine Rolle, auch wenn es sich mit vielen anderen zu Millionen aufsummierte; alles wurde dem Machterhalt untergeordnet, der vorgeblich dem Erreichen einer besseren Welt diente.

Während Iván und mit Abstrichen auch Ramón tatsächlich keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge hatten, gilt das nicht für Leo Trotzki. Der ist selbst ein Massenmörder gewesen, ein roter Blutsäufer in himmelschreiendem Ausmaß. Auf sein Konto gehen – zum Erhalt der Macht – Entscheidungen, die Millionen Menschen in den Tod gerissen haben. Lange vor Stalins unmenschlichem Regime ist das (Lenins und) Trotzkis nichts anderes gewesen als eine erbärmlich verbrämte Schreckensherrschaft.

[…] und ohne Gesetz und Gnade eine rote Schreckensherrschaft zu installieren und mit Feuer und Schwert eine dahintaumelnde Revolution zu retten, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Wie kann man einem solchen Monster anders als mit tiefgreifender Antipathie folgen? Paduras Kniff ist, dessen Geschichte in dem Augenblick beginnen zu lassen, da er selbst zum ohnmächtigen Opfer wurde und vor ihm ein langer, qualvoller Weg in Bedeutungslosigkeit und Tod lag. Vor allem aber dessen hellsichtige Klarheit über das Stalinregime und dessen irrsinnige politische Manöver, die mithalfen, Hitler an die Macht zu bringen und Franco den Sieg in Spanischen Bürgerkrieg einzufahren, wecken ein gewisses Maß an Respekt.

Ramóns Weg beginnt später, in jenem Spanischen Bürgerkrieg. Zwischen seiner und der Erzähllinie Trotzkis liegen zunächst Jahre, der zeitliche Abstand schmilzt peu á peu dahin, je näher sich die Handlung dem Attentat nähert. Padura hat keinen Thriller verfasst, obwohl die Spannung über das »Wie« des Tötungsaktes bleibt; es geht ihm um eine Entzauberung, die der Mord für Ramón, aber auch für die gesamte Sowjetideologie bedeutet. Pars pro toto – ein Akt stellvertretend für ein ganzes Weltbild, das von Menschenfeinden bis in die Gegenwart verfochten wird.

Iváns Perspektive, die sich immer wieder in diesen tödlichen Paartanz zwischen Trotzki und Ramon, Opfer und Mörder, (Massen-)Mörder und Opfer, hineinwindet, füllt die öde Polit-Phrase vom Lernen aus der Geschichte mit Leben. Schmerzhafte Entscheidungen und Prozesse sind unvermeidlicher Teil dieses Lernens, das sonst keins ist. Es verlangt Taten, die sich mit der gepflegten Ideologie nicht vereinbaren lassen.

Padura führt seinen Leser durch Szenen von abgründiger Beklemmung, er braucht die Folterkeller in Stalins Reich nicht zu betreten, es reicht, einem der Schauprozesse beizuwohnen. Besondere Intensität wohnt der letzten Wegstrecke inne, die der Mörder zurücklegt, ehe er das Attentat ausführt. Zu den Kuriositäten der Literatur gehört, dass Spoiler die Spannung keineswegs zerstören (müssen), im Gegenteil: Jeder weiß, dass der Mord gelingt, dennoch ist die einengende Spannung schwer erträglich.

»[…] und deswegen habe ich euch, meine Kinder, zu dem gemacht, was ihr seid: Kinder des Hasses.«

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Ramón Mercader ist zu einem Killer ausgebildet worden, angefüllt mit Hass und auf vielfältige Weise manipuliert. Dennoch nagt der Zweifel an ihm wie eine gefräßige Ratte an einem Kadaver; er weiß, dass er eine Marionette geworden ist, er weiß, dass ihm der Tod droht, er spürt die Schwäche seiner Beweggründe und das knackende Eis unter seinen Füßen und trotzdem schreitet er zur Tat. Es mag sein, dass Wissen Macht ist; doch schützt es weder vor Ohnmacht noch vor Verbrechen.

Der letzte Teil des Romans trägt – anders als die ersten beiden – einen Titel: Apokalypse. Er trägt ihn zurecht, denn wie ein Hammer trifft auch den Mann, der Hunde liebte, die Erkenntnis vom tiefen Verrat an allem, was er geglaubt hat. Man stelle sich vor: Das gesamte Leben, alle Träume von einer gerechteren Welt, der Glaube an die Sowjetunion und ihre Führer zerfallen zu Asche, aus der wie ein Phönix eine blutgetränkte Wahrheit emporsteigt, die alle eigenen Opfer in Mittäterschaft verwandeln. Folgerichtig trägt das finale Kapitel den Titel: Requiem.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2012
Broschiert 736 Seiten
ISBN 978-3-293-20579-6

Seefahrerlatein oder: das Poop-Deck

Na, schon erraten, um was es sich beim »Poop-Deck« wohl handeln könnte?

»William erzählte ihm, dass die Seeleute zu dem Achterdeck boshaft Poop-Deck sagten, weil sich dort der Abort befand und sie so ungestraft zum Ausdruck bringen konnten, was sie von den bevorrechtigten Menschen hielten, die dort ihre Tage müßig verbrachten.«

Alexander Preuße: piratenbrüder – Eine Neue Welt

Als Schriftsteller steht man immer vor der Frage, wie viel man von seinem Wissen in einen Roman hineinschreibt. Wie ein Schatten steht dahinter oft die Frage, was dem Leser gefällt oder eben nicht. Niemand hat darauf eine seriöse Antwort, denn »den Leser« gibt es nicht. Egal, was man schreibt, immer wird es jemanden geben, dem es nicht gefällt.

Das gilt insbesondere für die harten Fakten, die in einem Buch aufgeführt oder weggelassen werden: dem einen Leser ist es zu viel, dem anderen zu wenig und dem dritten genau recht. Eine der wichtigsten Lehren des Schreibens ist, dass man es nicht allen recht machen kann – und besser gar nicht den Versuch unternimmt.

Schon bei der Handvoll Testlesern ist es für mich zu äußerst überraschenden Rückmeldungen gekommen. Man wundere sich über das seefahrerische Fachwissen, das ich in die Romane hätte einfließen lassen; eine ganze Menge Fachbegriffe wären zu erfahren, von denen man nie gehört hätte. Das würde der Handlung ein gutes Stück Authentizität verleihen, ohne zu ermüden.

Meine Befürchtung war eher, dass zu wenig in das Buch eingeflossen sein könnte. Mir ist die Seefahrt völlig fremd, ich bin ein eingefleischtes Landei und werde nie im Leben die Bereitschaft aufbringen, mich in die Details einzufuchsen. Mir persönlich ist das Seefahrerlatein egal und für das, was ich in meiner Abenteuerreihe vermitteln wollte, spielt Fachwissen über die Seefahrt keine Rolle.

Ich habe also einen Pinsel genommen und die Kulissen meines historischen Spiels ein wenig gestaltet. Ein Paar Begriffe wie Bug, Heck, Achterdeck hielt ich für absolute Selbstverständlichkeiten (sind sie nicht), angereichert mit Begriffen wie Wanten oder Krähennest, selten einmal verziert mit dem Namen eines Masts. Macht es für die Handlung einen Unterschied, ob man allgemein »Mast« sagt oder jedem den korrekten Namen gibt (Fock-, Besan- und was weiß ich noch für Masten)? In meiner Abenteuerreihe: nein!

Er schaute nach oben, in das Gewimmel der himmelwärts ragenden Masten. Wie das Netzwerk einer Spinne hingen ungezählte Taue kreuz und quer, Seeleute kletterten darin herum und hantierten an dicken Seilen, Gurten und Segeln.

Alexander Preuße: piratenbrüder – Eine Neue Welt

Das Zitat aus dem Auftaktband meiner Abenteuerreihe zeigt, worauf es mir ankommt. Man hätte den Anblick sehr viel präziser mit Fachworten schildern können. Stattdessen erzähle ich aus Joshuas Perspektive, der kein Seemann ist (und niemals wird), ihm sind die Fachbegriffe fremd. Was er wahrnimmt, drücke ich mit alltäglichen Wörtern aus, was die Textstelle leichter verständlich und stimmungsvoller macht.

Vor allem aber ist sie nicht spröde, wie es manchmal in Romanen vorkommt, die mit Fachbegriffen überladen sind. Ein Beispiel sind die Horatio Hornblower Romane, von denen ich nur einen einzigen gelesen habe, eben weil sie für meinen Geschmack völlig überfrachtet sind. Wer sich für Segelmanöver interessiert oder en détail nachvollziehen will, wie ein Schiff nach einem bestimmten Manöver reagiert, ist hier richtig. Mich langweilt das. »Der Marsianer« gehört auch zu dieser Kategorie, ich fand die ausführlichen Erläuterungen lästig.

William erzählte ihm, dass die Seeleute zu dem Achterdeck boshaft PoopDeck sagten, weil sich dort der Abort befand und sie so ungestraft zum Ausdruck bringen konnten, was sie von den bevorrechtigten Menschen hielten, die dort ihre Tage müßig verbrachten.

Alexander Preuße: piratenbrüder – Eine Neue Welt

Bei dem Begriff »Poop-Deck« konnte ich nicht widerstehen, weil sich eine wunderbare Möglichkeit bot, einen mir wichtigen Aspekt auszudrücken. (»Poop« kann für »kacken«, »Scheiß«, »Trottel« stehen). Das Zitat zeigt, wie der Begriff eingeführt wird. Es enthält einen faktischen Teil, nämlich die Bezeichnung des Ortes, an dem sich der Abort befindet, und einen ausgedachten. Ich weiß nicht, ob irgendein Zeitgenossen wirklich diesen Gedanken hegte, fände es aber fast folgerichtig.

Das Leben auf einem Segelschiff war brutal, die Lebensumwelt um 1730 ebenfalls. Sie war geprägt durch immense gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Unterschiede. William gehört zu den Privilegierten, was immer wieder anklingt. Er darf auf das Achterdeck, ohne sich die Erlaubnis zu holen; er weiß um seinen Status und auch darum, wie er von anderen gesehen und aufgenommen wird. Im Grunde genommen macht er sich mit seiner nüchternen Erläuterung ein wenig über sich selbst lustig.

Wer im Internet sucht, wird unter dem Begriff Poop-Deck eher Hinweise auf einen – bestehenden oder erdichteten – lateinischen Ursprung finden, der mit »Hinterschiff« übersetzt werden könnte. Seefahrerlatein – in diesem Fall ausnahmsweise auch anregend für weiterreichende Assoziationen.

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Der Aussteiger aus einem kriminellen Milieu

Ein beliebtes Thema in Buch und Film, aber nicht unter Piraten: der Aussteiger.

Wer wie ich 1968 geboren und in den siebziger und achtziger Jahren sozialisiert wurde, kennt das Phänomen des sonntäglichen Piraten– und Seefahrerfilms. Ganz unterschiedliche Streifen geistern durch mein löchriges Gedächtnis, vom klamaukischen Roten Korsar über Pippi Langstrumpfs Abenteuer bis hin zu Captain Horatio Hornblower als königlicher Admiral.

Angereichert wurde dieses Fundament durch Polanskis Komödie »Piraten«, die wunderbare Animationsversion von Stevensons Schatzinsel als »Schatzplanet« in ferner Zukunft bis hin zum Zombieschauermärchen um Captain Jack Sparrow.

Vorlagen und Anregungen gab es von dieser Seite eine ganze Menge. Die üblichen Clichés auch – die Frage war nur: Gibt es etwas, das noch nicht erzählt wurde? Zumindest in den Filmen und Büchern, an die ich mich erinnern kann, fehlt ein Motiv, das in anderen Genres außergewöhnlich beliebt ist: der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu.

Demnächst wird es eine Fortsetzung des wunderbaren Action-Klassikers »Heat« geben – in der Kinoversion wollte auch jemand sein Kriminellendasein ablegen; »Narcos« oder »Narcos Mexiko«, »4Blocks«, in den Kartell-Romanen von Don Winslow – überall ist das Motiv eines versuchten Ausstiegs Teil des Geschehens.

Aber Piraten?

»Joshua hatte noch nie gehört, dass ein Pirat von sich aus aufhören wollte, Pirat zu sein. Sie wurden gejagt, gestellt, verurteilt und gehenkt. Aber aussteigen?«

Alexander Preuße: eine neue Welt – Piratenbrüder Band 1

Einem meiner Protagonisten geht es ähnlich wie mir: Er hat noch von keinem Piraten gehört, der sein Handwerk freiwillig aufgeben wollte.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, mir vor dem Schreiben dieses Motiv ausgesucht zu haben. Ich plotte nicht, sondern schreibe mich Schritt für Schritt ins Dunkel hinein. Am Anfang eines Satzes kenne ich nicht einmal dessen Ende. Letztlich folgte ich einer spontanen Regung, als ich – zu welcher Gelegenheit wird nicht verraten – beschloss, jemanden diesen Pfad verfolgen zu lassen.

Während der Recherche in den vergangenen Jahren ist mir vor Augen geführt worden, wie kompliziert und vielschichte, von Grauzonen und Nebelbänken durchzogen dieses Thema wirklich ist. Hier soll jetzt aber eine andere Figur zu Wort kommen und eine naheliegende Frage stellen:

Und für welchen Piraten gilt das nicht, capitán? Welcher Pirat ist jemals dem Galgen entkommen und hat als gewöhnlicher Bürger seine Reichtümer genießen können?

Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7

Die Antwort fällt ernüchternd aus. Ausgerechnet John Avery wird nachgesagt, dass es ihm gelungen sei, in Irland an Land zu gehen und unterzutauchen. Er kann für sich in Anspruch nehmen, den einträglichsten Beutezug unternommen zu haben, begleitet von unsäglichen Torturen, Vergewaltigungen, Überbordwerfen und Aussetzen seiner Opfer, die nicht direkt getötet wurden.

Untertauchen heißt aber, eine Form der Illegalität durch eine andere zu ersetzen. Von bürgerlichem Dasein, wie die Figur mit spanischem Akzent fragt, kann also keine Rede sein. Die Frage ist: Gibt es noch einen anderen Weg? Ein Generalpardon des Königs wäre einer, allerdings ist das mit erheblichen Schwierigkeiten behaftet, wenn der Ruf so ruiniert ist, wie der von Einauge bzw. Elijah O’Stone.

Wer nicht nur aussteigen und verschwinden will, sondern die Rückkehr in die Gesellschaft anstrebt, muss einen langen, harten und mit geringer Aussicht auf Erfolg behafteten Weg zurücklegen. Einauge hat dabei noch mit seinem Erzfeind, John Black, und dessen mächtigen Verbündeten zu kämpfen, die alles daransetzen, ein Generalpardon durch King George zu verhindern.

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