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Schlagwort: Historischer Roman (Seite 14 von 18)

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Das ist keine Erzählung über den Fußball, obwohl ihm eine große Rolle zukommt. Mein Lesetipp anlässlich der der schwer erträglichen WM unserer Tage. Titel Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Spät erst, auf Seite 88 von knapp 120 dieser Erzählung, rollt der Ball. In Bern, Schweiz, den Nachgeborenen vielleicht nicht geläufig als jener Ort der Wiederauferstehung des durch verheerenden Vernichtungskrieg und schulderdrückte Niederlage zermalmten Deutschland. Dort ereignet sich etwas, das als Wunder von Bern in die Geschichte eingehen wird, ein banales Fußballspiel, zwar um die Weltmeisterkrone, aber eben doch ein Spiel, das überhöht wurde zu einem befreienden Akt eines ganzen Landes.

Der 2022 verstorbene Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat mit seiner Erzählung Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, dieses kollektive Wunder für eine einzelne Person in Anspruch genommen und eine ganz wunderbare Geschichte um eine ganz besondere Form der Emanzipation gestrickt. Denn an diesem Tag ereignet sich in einem Pastoren-Arbeitszimmer auch ein Wunder – ganz anderer Art, versteht sich.

Der Ich-Erzähler, ein Junge im dumpf-drückenden Nachkriegsdeutschland, geplagt vom Pastoren-Elternhaus, persönlichen Maleschen á la Stottern und Hautkrankheit, notorischen Schul- und Sportversagens im Stile des Hochbegabten, eingesperrt im »Vaterkäfig« und leidend unter der Gefühlskälte des Großvaters, eines ehemaligen U-Boot-Kapitäns, konvertiert von »Kaisertum zu Christentum«, vor allem aber unter der Zuchtrute des »Foltergottes«, erlebt knapp zwei Stunden der Befreiung.

Früh um sieben wurde der Sonntag eingeläutet, fünfzehn lange Minuten war ich den Glocken ausgeliefert.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Der Sonntag beginnt übergriffig. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, begleitet den Ich-Erzähler täglich, sonntags jedoch ganz besonders. Dem »alles überragenden, allgegenwärtigen Auge Gottes« kann er nicht entkommen. Es ist eine hoffnungslose Lage, Glaube und Kirche des frömmelnden Konvertiten-Opas, des Pastoren-Vaters und der gutmütigen Mutter lassen ihn von Lebensmitteln träumen, die »nicht von Gottes Gnade vergiftet waren«.

Delius hält für seinen Leser jedoch eine Überraschung bereit. Anders als in vielen anderen Büchern mit ähnlichem Grundansatz geht es dem Ich-Erzähler im Dorf, also außerhalb des Elternhauses, durchaus gut. Er mag die Leute, die einfachen Bauern mit ihrem derb-freundlichen Humor, hat schöne Erlebnisse und Freunde.

Als Sohn und Enkel im eigenen Haus musste ich stottern und bangen, als Kind des Dorfes litt ich nicht.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Geradezu brillant wird der Kirchgang geschildert. Hier darf ich selbst einmal einmischen, denn das Gefühl zwischen den dicken Kirchenmauern dem Schauspiel des Gottesdienstes mit gedankenfliegendem Interesse und einer gewissen inneren Wärme zu folgen, ohne selbst auch nur im Entferntesten an einen Gott zu glauben, ist mir aus meiner eigenen Kindheit vertraut. Genauso die alberne Fremdheit der Erzählungen, mit denen man im Schul- und Konfirmandenunterricht behelligt wurden.

Diese Bibelgeschichten erscheinen als eine elende, billige, schwer erträgliche und vor allem sterbenslangweilige Ausgeburt von mythengeschwängerter Einfalt, denn »anders als in Märchen siegte das Gute sofort«. Der Ich-Erzähler durchschaut die Masche, die den Religionsunterricht in jeder Form zur Tortur macht, denn man kann sich tatsächlich »nicht in den biblischen Geschichten und Deutungen verlieren wie in einem Buch, sie waren nur der sprachkräftige Ausschmuck einer Vorschrift«.

[…] wenn er das belebende Glück des Lesenden fühlte: im Text eines anderen so viel Eigenes zu finden, sogar auf der Sportseite.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Es geht auch anders, selbst in einer Zeitung – im Grunde genommen ein vernichtendes Urteil über die Bibel und ihre textauslegenden Apologeten. In diesem Motiv fängt Delius jeden Leser, möchte ich jedenfalls behaupten, denn diese Erzählung bietet mit ziemlicher Sicherheit jedem eine Möglichkeit zur Identifikation. Dieser kleine Satz reicht weit über die konkrete Situation hinaus ins Allgemeingültige.

Der Ich-Erzähler pöbelt dabei nicht gegen den »Foltergott«, sondern stellt ihn bloß, seine frommen Eltern und den frömmelnden Großvater gleich mit. Er attestiert Gott eine »Quällust« und fußt dieses dramatische Urteil auf der Geschichte von Abraham, dem dumpf-gehorsamen Erfüllungsgehilfen göttlichen Willens, und seines Sohnes Isaak, der geopfert werden soll – ein blutiges Treue-Spektakel des angeblich gütigen Gottes.

An dieser Stelle bleibt der gedankliche Sprung neun Jahre von der Handlungszeit zurück nicht aus, als der blutigste Krieg der Menschheitsgeschichte endete, ausgetragen von Heerscharen treuer Erfüllungsgehilfen, die weite Teile Europa in Bloodlands verwandelten. Delius spart diesen Part keineswegs aus, lässt jedoch bei der Gelegenheit seinen bissigen Humor von der Leine.

In vielen guten Stuben nistete etwas Dunkles und Dumpfes, […] immer stand da ein gefallener Sohn oder Vater oder Bruder in einer peinlich gewordenen Uniform gerahmt auf einem Häkeldeckchen und schaute den Hinterbliebenen, Besuchern vorwurfsvoll auf den Streuselkuchen.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Und dann – endlich – rollt der Ball. Der Ich-Erzähler verfolgt das Endspiel vor dem Radio. Auch hier erhöht eigenes Erleben den Lesegenuss, denn wer einmal gegen Saisonende, als die Bayern der sterbenslangweiligen Dauermeisterschaft noch fern und letzte Spieltage hochspannend waren, die Konferenzschaltung im Radio verfolgen durfte, in andächtig stiller Gemeinschaft kaffeetrinkender Mitleidender, weiß um die Macht des Wortes ohne Bild.

Es ist ein Sog, der auch den Ich-Erzähler erfasst und mitten in das Spiel hineinzieht, mit ihm verschmelzen lässt. Das Geniale an Delius Erzählung ist die sprachlich-erzählerische Umsetzung, die bei einem im TV erlebten Spiel unmöglich wäre (bei einem Buch aber nicht). Originale Brocken, Sätze aus der Radio-Übertragung montiert der Autor mit dem Erleben des Hörers, seinen Assoziationen, Gedanken, Bildern, Hoffnungen, Ängsten usw.

Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Intensität ist ungeheuerlich, gerade weil man vor dem Radio nichts sieht, sondern die Gedanken unter dem Druck der Ereignisse ihre eigenen Bilder malen müssen.

Man erlebt hautnah mit, wie der Ich-Erzähler aus seiner Situation fortgetragen wird, hinaus aus dem Pfarrer-Arbeitszimmer, in dem die Bibel »schwarz wie ein Kindergrabstein« liegt und alles an den alltäglichen, unentrinnbaren Schrecken gemahnt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Bis der Foltergott Konkurrenz bekommt, von einem Götzen, der – sprachlich, rhetorisch – Teufel(-skerl) und (Fußball-)Gott zugleich ist und die Tür weit aufreißt für den großen Schritt der Emanzipation.

Ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. […] In diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist […]

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Die Erzählung spielt mit den christlichen und von der Alltagswelt gnadenlos übertragenen Begriffen. Das Wunder von Bern ist eben auch eine ganz wundervolle Gotteslästerung, in diesem Fall für die Lossagung einer gequälten Seele von seinen Peinigern. Von wegen: nur ein Spiel. Wer in der Gegenwart lebt, kann auf so ein Wunder lange warten, der FIFA-Fußball hat sich nicht erst mit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat ins Abseits verdribbelt.

Wer wissen will, wohin das führt, kann Die Göttliche Komödie von Dante, insbesondere den ersten Teil, Inferno, zu Rate ziehen – da findet sich bestimmt ein passendes Plätzchen.

Man kann aber auch Delius Erzählung lesen und den Gedanken freien Lauf lassen, Erinnern oder Erträumen, einen Götterfunken-Moment im Stadion, etwa auf der Südtribüne des Westfalenstadions, wenn ganz am Ende, jenseits aller Hoffnung, wie aus dem Nichts zwei Treffer erzielt werden – und man emporgeschleudert wird inmitten eines gewaltigen Bebens, ein einziger wogender, donnernder, tobender Rausch.  

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Erzählung
Taschenbuch 120 Seiten
rororo 9. Auflage 2011
ISBN 978 3 499 23659 4

Steffen Kopetzky: Monschau

Der Roman Monschau spielt im gleichnamigen Ort während einer Pocken-Epidemie Anfang der 1960er Jahre. Vom Cover (Rowohlt) sollte man sich nicht abschrecken lassen, vom Thema auch nicht. Bild mit Canva erstellt.

Zu Beginn ein kleines Geständnis: Fast hätte ich diesen Roman nicht gehört, obwohl ich den Autor ebenso schätze wie den Vortag Johann von Bülows, denn das Cover finde ich einigermaßen schrecklich. Da Monschau auch von einer Epidemie in den frühen 1960er Jahren erzählt, war die Motivation noch einmal getrübt: Corona sei dank.

Dennoch hat Monschau Qualitäten, die den Roman lesenswert machen. Steffen Kopetzky hat die Geschichte eben nicht auf den reinen Umgang mit einer Epidemie beschränkt, sondern fröhlich mäandern lassen. Wie könnte es bei einem Anfang der 1960er Jahre spielenden Roman anders sein – es geht auch um den Zweiten Weltkrieg.

Der Ort Monschau liegt passenderweise nahe des Hürtgenwaldes, der in Kopetzkys Roman Propaganda eine ganz besondere Rolle spielt – mehrere Echos davon grollen auch durch diesen Roman. Aufgegriffen wird aber auch die Rolle großer Konzerne gegenüber Zwangsarbeitern oder die Besatzung Kretas.

Kopetzky berührt eine ganze Reihe von Themen, an manchen Stellen sind es für meinen Geschmack  zu viele. Ein weiterer Kritikpunkt ist die bisweilen etwas zu blumige Sprache, die gemeinsam mit der Vielfalt der Motive hemmend auf den Erzählfluss wirkt und anstrengt.

Positiv bleibt bei mir definitiv die Behandlung einer Epidemie, dem zentralen Thema des Romans – trotz Corona. Vieles entspricht dem, was seit 2020 über die ganze Welt hereingebrochen ist, mit seinen menschlichen Schattenseiten, die Kopetzky gelungen vorführt. Bei mir führte das nicht zum Überdruss, sondern zu einer unterhaltsamen Entlastung.

Steffen Kopetzky: Monschau
Taschenbuch
352 Seiten
Rowohlt
2022
ISBN: 978-3-499-00567-1

Keine Frage der Ehre: Kämpfen bis in den Tod?

»Wir kämpfen bis in den Tod!«

Alexander Preuße: Piratenbrüder – Eine neue Welt

Das Zitat entstammt dem ersten Band meiner Abenteuerreihe um Joshua und Jeremiah. Es ist ein dramatischer Moment, der sich über viele Seiten langsam zugespitzt hat und zu einer heftigen Auseinandersetzung um eine existenzielle Frage führt: Soll man kämpfen oder nicht?

Wie das Drama ausgeht, werde ich hier selbstverständlich verschweigen, es geht mir um etwas anderes.

Schreiben ist ein unbewusster Prozess. Die Gestaltung einer Szene plane ich nie voraus, ich verfolge kein Ziel, schon gar kein programmatisches, um irgendetwas darzulegen oder Leser von meiner Sichtweise zu überzeugen. Das heißt aber nicht, dass Textstellen so etwas enthalten können, im Gegenteil: Unbewusst kann viel Haltung, Meinung und Standpunkt einfließen.

Die Textstelle hat im Rahmen der Korrekturen eine Auseinandersetzung darüber ausgelöst, ob das Verhalten zweier Personen so überspitzt, übertrieben geschildert wird, dass sie lächerlich und unpassend wirken. Darüber war ich einigermaßen verblüfft, denn mir erschien deren Auftreten einfach folgerichtig.

Ich habe aber in einem zweiten Schritt verstanden, dass in dieser Textstelle etwas schlummert, was ich unbewusst hineingeschrieben habe. Die beiden Figuren stehen stellvertretend für eine korrumpierte Form dessen, was man militärische Ehre nennt. Die Textstelle bietet also einen unterschwelligen Hinweis auf meine Haltung dazu.

Korrumpierte Ehre

Am 27. Mai 1941 starben rund zweitausend deutsche Matrosen. Das Schlachtschiff Bismarck wurden von schweren Einheiten der britischen Flotte versenkt, von den Überlebenden konnten einige gerettet werden. Neben den britischen Schiffen nahmen auch ein deutsches U-Boot und ein Hochseetrawler Schiffbrüchige auf.

Der Kapitän des Schlachtschiffes Bismarck, Ernst Lindemann, starb ebenfalls an diesem Tag. Der Militärhistoriker Holger Afflerbach schreibt in einem Artikel der Viertelsjahreshefte für Zeitgeschichte, er habe militärisch salutiert, als er mit seinem Stahlkoloss in den Fluten des Atlantik versank.

Was für ein Bild! Der Kapitän eines Kriegsschiffs lässt selbiges in einer völlig aussichtslosen Situation kämpfend untergehen, reißt damit mehrere tausend Matrosen in den Tod und stirbt selbst in einer heroischen Pose, die auf Nachgeborene eher lächerlich wirkt. Ist ein solches Verhalten wirklich militärische Ehre oder ein spätpubertärer Fiebertraum?

Kämpfen ohne Alternative

Manchmal gibt es keine Alternative. Wenn das Strecken der Waffen einem Selbstmord gleichkommt oder die zu verteidigende Bevölkerung damit einem schrecklichen Schicksal ausgeliefert wird. Sicher – der Kampf geht verloren und damit ist das Schicksal unabwendbar, wenn nicht ein kleines Wunder geschieht; aber dennoch macht man es dem Gegner nicht leicht.

Der Aufstand des Warschauer Ghettos oder ein Jahr später von ganz Warschau gegen die Nazis wäre ein Beispiel. Ein anderes wäre die Verteidigung der Armenier auf dem Berg des Musa Dagh gegen die Türken, die ihnen nach dem Leben trachteten; ihnen kamen in letzter Minute alliierte Schiffe zur Hilfe und retteten die Hoffnungslosen, die den Genozid an ihren Landsleuten überlebten.

Tod trotz Alternative

Im Falle der Bismarck liegt die Sache anders. Hier war das Schicksal des Schiffes besiegelt und der Kapitän sowie seine Offiziere wussten das ganz genau. Sie hatten – anders als die Juden im Ghetto, die Polen in ihrer zertrümmerten Stadt oder die Armenier auf dem Musa Dagh – eine Alternative: Kapitulation.

Kapitän Lindemann hätte seine Männer dem Feind übergeben und vielleicht noch das Schiff versenken können. Wäre das ehrlos gewesen? Er selbst hätte ja an Bord bleiben können, um damit heroisch zu versinken.

Er hat sich anders entschieden. In meinen Augen ein Verbrechen. Nicht ganz untypisch für autoritäre und diktatorische Systeme, bzw. solche, die der Krieg peu á peu in diese Richtung abgleiten lässt. Die Faustregel lautet: Diktaturen scheren sich nicht um Menschenverluste, Demokratien können sich das nicht leisten.

Die beiden Figuren in meinem Roman sind ein Echo dieses aus meiner Sicht korrumpierten Ehrbegriffs. Das mag lächerlich wirken, übertrieben und vielleicht ein wenig unangenehm für den Leser – aber das ist auch gut so.

Karen Duve: Sisi

Schon in Fräulein Nettes kurzer Sommer hat Karen Duve gezeigt, wie sie mit historischen Figuren umgeht. Das war ein Grund für die Lektüre. Cover: Galiani-Berlin. Bild: Canva.

Natürlich habe ich die Filme gesehen, schließlich bin ich Enkel und als solcher dazu verdammt gewesen, manchen Abend vor dem TV zu verbringen; einmal lief auch »Sisi«. Und nein: Ich kann mich nicht erinnern, nicht einmal einzelne Bilder sind hängengeblieben, geschweige denn, etwas von der Handlung. Mit Fug und Recht darf behauptet werden: nicht mein Genre. Kaiserin Elisabeth von Österreich ist mir herzlich egal.

Trotzdem dieser Roman mit dem Titel Sisi. Das liegt vor allem an der Autorin. Duves Schreiben ist wie geschaffen für einen Stoff á la Sisi, was ich schon bei Fraulein Nettes kurzer Sommer erleben durfte. Was allzu leicht in schmierig, schwülstiges, hymnisch-verklärtes Gesülze abgleiten könnte, geht sie mit knarziger Nüchternheit, Distanz und präziser Beobachtung an. Norddeutsche Sachlichkeit trifft Habsburger Schmäh.

Ganz wunderbar boshaft wirken sehr geschickt zusammengestellte Passagen des Romans. Duve enthüllt anlässlich einer Parforcejagd dem Leser allgemeine gesellschaftliche Phänomene, in diesem Fall die absurd-männlichen Attitüden britischer Edelleute, die in Ermangelung militärischer Aufopferungsoptionen den Reitsport wie einen Seiltanz ohne Netz praktizierten.

»Härte, Mut und Todesverachtung. Die Offiziere überschütten das Kriegsministerium mit Ersuchen nach Versetzung in den aktiven Dienst und sie meinen das vollkommen ernst. Aber es gibt nicht genug blutige Feldzüge für alle im Empire, also setzt man seine körperliche Unversehrtheit in den Vorräumen der Offiziersmessen aufs Spiel oder in den Rauchsalons der Familiensitze, wo man nach dem Diner miteinander rangelt. Bärenkämpfe nennt sich das, wenn man seinen besten Freunden die Nasen blutig schlägt und ihnen die Rippen bricht.«

Karen Duve: Sisi

Die Parforcejagden bezeichnet Duve im Roman auch als »Schlachtfeld«, sie werden mit hohem Tempo und ins Absurde gesteigertem Risiko geritten. Kleinigkeiten wie ein Kaninchenloch, ein unsichtbarer Draht oder die Ungeschicktheit eines anderen Reiters reichen, um eine Katastrophe heraufzubeschwören: Stürze mit schwerwiegenden Folgen.

»[…], man bricht sich den Rücken oder gleich das Genick. Jeder weiß das. Das House of Lords ist voller Rollstühle, alles Jagdunfälle. In den vornehmen Sanatorien vegetieren die Jagdreiter mit irreparablen Hirnschäden vor sich hin.«

Karen Duve: Sisi

Elisabeth von Österreich, »Sisi«, kann auf diesem ersatzweisen Feld der Ehre nicht nur mitmischen, sie ist eine dermaßen herausragende Reiterin, dass nur ganz wenige mit ihr mitzuhalten vermögen. Mutig, entschlossen und selbstbewusst stürzt sich die Kaiserin in das lebensgefährliche Abenteuer, fegt mit der Jagd dahin, stürzt, rappelt sich wieder hoch, reitet weiter. Wie alle anderen ist sie am Ende völlig ausgepumpt, dreckig und glücklich.

Diese lange Einführung sei verziehen, aber Duve hat ihren Roman nicht ohne Grund mit dem Reitvergnügen Sisis in England begonnen, denn dort lässt sich diese ganz spezielle Seite der historischen Persönlichkeit ganz wunderbar entfalten. Es ist Glück. Freiheit, ohne Kopfschmerz und Melancholie, ohne Launen und Schläge für die Bediensteten.

Im Falle einer Kaiserin absehbar nur eine Episode. In scharfem Kontrast steht das Leben am Hof, das Zeremoniell, die Ehe mit dem untadeligen und unerträglichen Kaiser dazu. Umgekehrt hat auch Elisabeth von Österreich ihre abgründigen Schattenseiten, das Verhältnis zu ihrer ältesten Tochter etwa oder die Neigung, ihren Geschwistern jeden Wunsch – auf Kosten anderer – zu erfüllen.

Die Autorin verzichtet gänzlich darauf, offen zu kommentieren oder zu urteilen; zwischen den Zeilen kommt genug Haltung zum Vorschein. Mit kühlem Scharfblick schildert Duve das Leben in Wien und den anderen Aufenthaltsorten Elisabeths; dem Hofleben und seinen tückischen Gewässern wird immer mehr Raum eingeräumt. Manchmal wird es handfest sarkastisch.

»Die Damen sind verwirrt. Wenn man schon einmal sechszehn uradelige Vorfahren vorweisen kann, will man sich ja eigentlich nicht mit der Tochter einer bürgerlichen Schauspielerin abgeben. Mit Dünkel hat das gar nichts zu tun.«

Karen Duve: Sisi

Früher hätte man von einem Sittengemälde gesprochen, und die Sitten am Hofe, empfindet die Kaiserin wie einen Sarkophag, in dem sie sich fühlt, als wäre sie lebendig begraben. Ihre Ausbrüche werden im sittlichen-moralischen Rahmen der Zeit zu Skandalen aufgebauscht, es wird getratscht, geflüstert und gelästert, dass sich die Balken biegen – an dieser unseligen Neigung hat sich in der Moderne nichts geändert.

Das Titelbild ist übrigens großartig. Auf den ersten flüchtigen Blick zeigt es zwei steigende Pferde, eine ungeheuer dynamische und kraftvolle Bewegung, voller Leben, Wildheit und Freiheitsdrang. Doch sind es keine gewöhnlichen Pferde, sondern dressierte, die – man erkennt auf den zweiten Blick den Herrn mit der Peitsche im Hintergrund – nur auf Befehl agieren, gegen ihren Willen.

Karen Duve: Sisi
416 Seiten
Galiani-Berlin 2022
Hardcover
ISBN: 978-3-86971-210-9

Verdeckter Krieg

Zu den spannendsten Erkenntnissen während meiner Recherche gehörte jene, dass in der Karibik über Jahre hinweg ein unerklärter Krieg zwischen den Großmächten schwelte. Kaperfahrten und Piraterie gehörte mit dazu.

Während meiner Recherche für meine Abenteuerreihe bin ich auf eine interessante Sichtweise gestoßen. Sinngemäß hieß es, dass in Europa zwar nach Beendigung des Spanischen Erfolgekrieges Frieden herrschte, in der Karibik jedoch fortlaufend militärische Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten ausgetragen wurden. Kern dieser Aktivitäten waren Kaperfahrten, aber auch Schmuggel und Zollkontrollen.

Möglicherweise spielten die Sklavenaufstände auch eine Rolle, wenn ich auch keinen Beleg dafür gefunden habe. Für meine Romanreihe habe ich mir jedoch die Freiheit genommen, diese als Teil des unterschwelligen Krieges zu betrachten. Was läge näher, als über provozierte und heimlich unterstützte Aufstände den Gegner empfindlich zu treffen?

Verdeckter Krieg

Aus meiner Sicht war das alles nichts anderes als ein verdeckter Krieg, wie ihn Putins Russland seit vielen Jahren führt. Damals wie heute wird er auf verschiedenen Ebenen ausgetragen, in der Ukraine über Jahre hinweg durch einen als »Bürgerkrieg« zwischen angeblichen »Separatisten« und den Ukrainern verbrämten Angriff; die eingefrorenen, aber nicht gelösten Kriege in Georgien, Moldau, flankiert von destabilisierenden Maßnahmen gegenüber den westlichen Demokratien.

Der Vorzug des verdeckten Krieges liegt darin, dass man offiziell gar keinen Krieg führt. Wer die letzten Jahre Revue passieren lässt, wird unschwer feststellen, wie wirkungsvoll dieses Mittel ist. Politik geht ungern unbequeme Wege (Sanktionen, Waffenlieferungen etc.) und lässt sich allzu oft von den verheißungsvollen Honigtöpfen wie billigem Gas verlocken.

Offene Kriege sind ein ungeheures Risiko, weil sie unglaublich teuer sind, nicht leicht beendet werden können und am Ende zumindest auf wirtschaftlicher Ebene alle verlieren. Von der Verelendung der Bevölkerung durch Nebeneffekte (Teuerung, Seuchen, Verwundete, entlassene Soldaten) einmal ganz abgesehen. Außerdem kann man militärisch unterliegen.

Vorteile und Nachteile

Ganz anders der verdeckte Krieg, der nicht begonnen wird und gleichfalls nicht beendet werden muss. Außerdem unterhält er eine gewisse Kriegsinfrastruktur. Als in den 1720er Jahren ein kurzer Krieg zwischen England und Spanien aufflammte, viel kleiner und letztlich folgenloser als der große um die spanische Erbfolge, konnte in der Karibik rasch operiert werden, wenn auch ohne Fortune.

Ein Nachteil dieser Art der Kriegführung besteht darin, dass sich die Kämpfenden von der Leine lösen und ihren Kampf auf eigene Rechnung weiterführen. Damals waren die Grenzen zwischen Kaperfahrern, Piraten und Piratenjägern (!) fließend; die Folgen für die zivile Schifffahrt, auch des eigenen Landes, verheerend.

Prägend für die Abenteuerreihe

Alle genannten Aspekte spielen für meine Romanreihe eine zentrale Rolle. Meine Protagonisten, Joshua und Jeremiah, werden in eine Auseinandersetzung zweier ehemaliger Kaperfahrer hineingezogen, die jedoch eng mit dem globalen Machtkampf zwischen England und Spanien (und Frankreich) verknüpft ist.

Damit bot sich die Möglichkeit, die Romanreihe wachsen zu lassen. Während der Fokus in den ersten Teilen noch stark auf der persönlichen und individuellen Ebene liegt, erweitert sich dieser von Band zu Band und wird immer stärker mit dem verflochten, was das Zeitalter geprägt hat: Piraterie, Verdeckter Krieg, globaler Machtkampf, Sklaverei, Handel mit Genussmitteln (Zucker, Tabak, Kaffee).

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