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Schlagwort: Kolonialismus (Seite 3 von 3)

Volker Kutscher: Marlow

Ein großartiger Kriminalroman vor einer bedrückenden historischen Kulisse ist Volker Kutscher mit »Marlow« gelungen, dem siebten Fall von Gereon Rath. Cover Piper, Bild mit Canva erstellt.

Den Lesern der Romanreihe um den Kriminalkommissar Gereon Rath ist der Name Marlow natürlich bekannt. Dr. M, Unterweltboss in Berlin, undurchsichtig, durchtrieben, gnaden- und gewissenlos agierend, wobei er sich korrupter Polizisten bedient, um seine Ziele zu erreichen. Eines seiner besonderen Kennzeichen ist jener Chinese, der ihm als Chauffeur dient.

Wenn der siebte Teil der Reihe nun den Namen des Gangsters als Titel trägt, weckt das einige Erwartungen. Aus dem Vorgängerband klingt noch das Echo der Ereignisse nach, die Rath an und über seine Grenzen gebracht haben, ein erbarmungsloses und brutales Machtspiel hat ihn in die Enge getrieben, aus der er nur mit Mühe herausgekommen ist.

Rath hat beruflich und privat Federn gelassen und feststellen müssen, dass seine Beziehungen zur Unterwelt mindestens ebenso problematisch sind wie die neuen Spielregeln unter dem Hitler-Regime. Andere kommen mit den politischen Umwälzungen unter den Nazis besser zurecht. Johann Marlow beispielsweise scheint tatsächlich noch nicht aus dem Spiel zu sein.

Ist er auch nicht, so viel darf an dieser Stelle wohl verraten werden. Um den Namen „Marlow“ hat Kutscher eine wirklich schöne Geschichte gesponnen, die zurückreicht in den Ersten Weltkrieg und die koloniale Zeit davor, als Deutschland in Afrika, dem Pazifik und eben auch China koloniale Gebiete besaß. Der Chinese in Marlows Fahrdienst ist nicht vom Himmel gefallen, das „Doktor“ vor dem »M« auch nicht.

Bei den Sanitätern kennt man den Tod nur als den der anderen.

Volker Kutscher: Marlow

Jeder habe seine Geschichte, heißt es immer, wenn es darum geht, eine Erklärung für Verhaltensweisen von Menschen zu finden. Das gilt auch für Romanfiguren wie Marlow, dessen Härte auf Zeiten zurückgeht, die im historischen Bewusstsein der Gegenwart gar keine Rolle mehr spielen. Wer weiß denn noch, wie deutsche Freikorps im Baltikum nach 1918 wüteten?

Es gehört zu den wunderbaren Eigenschaften der Romane um Gereon Rath, dass der Leser immer wieder mit diesen halb vergessenen historischen Umständen konfrontiert wird, ohne dass der Kriminalroman zu einer drögen Geschichtsstunde ausartet. Marlow erzählt davon, wie jemand in der Schmiede aus Krieg, Landsknechtdasein, grausamer Disziplin und emotionaler Kälte zu einem brutalen Ganoven wird.

Aus den vielschichtigen Spiel und Gegenspiel des Vorgängerbandes Lunapark ist die Hauptfigur Rath nicht unbeschadet hervorgegangen, das gilt auch für seine Frau Charlotte und in gewisser Hinsicht auch für ihren Pflegesohn Friedrich. Erfreulicherweise ist es Kutscher gelungen, das fortzuschreiben.

Ein subalterner Kollege blafft Rath ungewohnt offen wegen seiner Art an, seine Sekretärin sagt ihm daraufhin die Meinung, was bislang vor allem seine eigene Frau getan hat. Das setzt sich in Marlow auch fort, allerdings nimmt die Schärfe zu. Deutschland ist ein Unrechtsstaat, gelenkt von Verbrechern, viele suchen das Weite, andere beginnen, die Möglichkeit zu erwägen, um der sich ausbreitenden Dunkelheit zu entfliehen.

Einer musste es Ihnen ja mal sagen.

Volker Kutscher: Marlow

Rath wird am Anfang der Erzählung zu einem Verkehrsunfall gerufen, eigentlich ein Fall für weniger qualifiziertes Polizeipersonal, doch ein Unfallzeuge behauptet, es habe ein Mordversuch auf ihn stattgefunden. Zur Klärung wird der in Ungnade gefallene Kommissar Rath ausgewählt, eine undankbare Aufgabe.

Dank leichtfertiger Neugier unterläuft ihm jedoch ein Lapsus, denn der angebliche Unfall war keiner, wie der Leser schon im Prolog erfährt, aber auch nicht der vom übereifrigen Zeugen vermutete Mordanschlag, sondern eine gezielte Tötung. Ein Zufallsfund brisanter Dokumente im schrottreifen Auto bringt Rath in eine unschöne Lage, die er zunächst einmal mit einem Trick bereinigen kann.

Ein Irrtum, wie sich zeigt, denn der Kommissar wird immer tiefer in eine lebensgefährliche Auseinandersetzung zwischen Himmlers SS / SD und Göring verwickelt. Bei der Ausschaltung der SA zogen die Kontrahenten noch an einem Strang, doch im NS-Deutschland kämpfen die Ränge hinter Hitler um die Macht, ein Konflikt der neuen Eliten, der ohne jede Gnade mit größter Rücksichtslosigkeit geführt wird.

Die erste Ahnung, etwas falsch gemacht zu haben, überkam ihn, als er den Aufdruck »Geheime Reichssache« auf den beiden Aktenmappen las, die er aus dem braunen Umschlag zog.

Volker Kutscher: Marlow

Rath versucht auch hier lange Zeit, sich durchzulavieren, was jedoch schwieriger wird, weil die Skrupellosigkeit seiner Gegenspieler die Spielräume schrumpfen lässt. Nolens volens muss er  nach Nürnberg fahren, der Stadt der Reichsparteitage und pompösen Aufmärsche, um eine haarsträubende Wiederbeschaffung der Akten durchzuführen, notdürftig getarnt vom Besuch seines Sohnes Friedrich, der mit der Hitlerjugend dorthin marschiert ist.

Dabei macht Rath eine erschütternde Erfahrung, als er Zeuge wird, wie Hitler im Auto an Spalier stehenden Volksmassen vorüberfährt und alles in ekstatischen Jubel ausbricht – der eigentlich unpolitische Kommissar wird davon mitgerissen. Eine gespenstische Szene, die so gut gelungen ist, dass der Leser den gewaltigen Sog zu spüren glaubt, dem sich der Protagonist nicht entziehen kann.

Er reißt wie alle anderen den Arm in die Höhe, immer wieder, »und dann hörte er, wie das Wort »Heil!« aus seinem Mund kam.« Rath versteht die Welt und vor allem sich selbst nicht mehr. Niemand hat ihn dazu gezwungen, den blutigen Gruß zu entbieten, niemand auf ihn geachtet, denn der vorüberfahrende Hitler hat alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie ein Schwarzes Loch im Weltall alles Licht. Trotzdem hat Rath sich hinreißen lassen.

Er, Gereon Rath, der in Berlin den Deutschen Gruß verweigerte und verschlampte, wo immer das nur möglich war, stand hier in Nürnberg am Straßenrand und riss getragen von der Masse und ihrem Rhythmus in einem fort den rechten Arm hoch.

Volker Kutscher: Marlow

Der NS-Staat etabliert sich, durchdringt auf propagandistische oder gewaltsame Weise den Alltag der Deutschen, die sich ihm immer schwerer entziehen können. Das ist möglicherweise die eigentliche Geschichte, die Kutscher en passant erzählt. Dabei sind die Ereignisse schwerwiegende genug, denn auch Charlotte Rath ist als Privatermittlerin und Anwaltsgehilfin mit Fällen befasst, die von der dunklen Zeit bestimmt werden.

Vor allem aber holt Charly die eigene Vergangenheit ein, denn die ist mittelbar mit dem Fall Raths eng verwoben, aber auch mit dem, was der ehemalige Oberkommissar und jetzige Privatermittler Böhm mit sich herumträgt – die „Kellergeister“, Fälle, die Polizisten nicht wieder loslassen wollen. Alles verstrickt sich immer weiter ineinander, dank der Umstände und schrumpfenden Spielräume ist eine „Lösung“ ferner denn je.

Auch Gereon Rath hat seine Kellergeister – einer davon ist Johann Marlow, der ihn seit vielen Jahren als nützlichen Polizisten schmiert und für seine Zwecke ausnutzt; davon hat auch Rath etwas, oft war ihm der Kontakt in die Unterwelt hilfreich. Die Nazis haben eigentlich dem Verbrechen den Kampf angesagt, doch kann ein Verbrecherregime, das seine Gegner in Mafia-Manier liquidiert, ernsthaft dieses Ziel verfolgen?

Was Rath da in seinen Händen hielt, war eine akkurat auf den Bügel gehängte SS-Uniform.

Volker Kutscher: Marlow

Das ist die übergeordnete Frage, die sich bei der Lektüre immer wieder stellt. Kann man überhaupt »anständig« bleiben in einem verbrecherischen System? Kann man sich darauf zurückziehen, nur Polizist zu sein, kein Nazi? Rath hat in Nürberg eine erschütternde Antwort bekommen, aber auch Böhm, Gennert und Charlotte müssten sich diese Frage stellen. Geben sie sich nicht einer Illusion hin?

Johann Marlow jedenfalls hat einen sehr konsequenten Weg beschritten, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Kurioserweise war er bereits außer Landes, doch hat er in den USA nicht reüssieren können und ist zurückgekehrt. Auf seine Weise profitiert er vom Unrechtsstaat, gewissen- und skrupellos, wie er ist. Dabei gerät er mit Gereon Rath aneinander, eine Zweckgemeinschaft zerbricht und es wird für den Protagonisten höchst bedrohlich.

Da noch drei weitere Romane folgen, ist es keine Überraschung, dass Rath am Ende davonkommt. Mit heiler Haut? Wohl kaum. Kutscher inszeniert das Finale von Marlow mit einem tollen erzählerischen Kniff, der diebische Freude aufkommen lässt, bis ganz am Ende das böse Erwachen folgt. Eigentlich möchte man nichts mehr, als sofort in den nächsten Band einzutauchen – doch das ist schon der drittletzte und der letzte lässt wohl noch auf sich warten. Also: Geduld.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Olympia.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Marlow
Piper Verlag 2018
Gebunden 518 Seiten
978-3492055949

Djaimilia Pereira De Almeida: Seebeben

Der Krieg schlägt einen langen Schatten und lässt auch nach dem letzten Schuss diejenigen nicht ruhen, die ihn mitgemacht haben. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Der Krieg kommt kaum vor und bestimmt doch alles in dem Roman Seebeben von Djaimilia Pereira De Almeida. Er hat die Hauptfigur namens Boa Morte – »Guter Tod« – in eine Randexistenz verwandelt, hat ihn schuldbeladen ausgespuckt und ans Ufer Portugals geworfen, wo er für den Rest seiner Tage ein geduldetes, wirtschaftlich und psychisch prekäres Leben führt.

Nur ganz wenige Sätze über den Krieg streut die Autorin ein, doch das reicht, um die Last der Schuldgefühle zu ermessen, deren Bewältigung aussichtslos erscheint. Der Kamerad, der durch Boas Feigheit stirbt, die unerträgliche Gewissheit, als Schwarzer andere Schwarze im Namen einer europäischen Macht getötet zu haben; die schiere Zahl der Toten, das durch die eigenen Hände vergossene Blut.

Doch seine Schuld reicht noch viel tiefer. Boa Morte hegte den Traum, Portugiese zu sein; seine Frau bezichtigte ihn, einem Irrtum aufzusitzen. Seine Reaktion besteht in Gewalt, was ihn später dazu bringt, in sich ein Raubtier zu vermuten, eine Hyäne. Er wähnt diese eingesperrt, doch da ist es längst zu spät. Seine Frau ist weg, seine Tochter Aurora auch.

Dein Problem ist, dass du dich auf einem Irrweg befindest, Boa Morte, du wirst nie Portugiese sein, die Weißen haben dich benutzt, so wie sie unsere Landsleute benutzt haben.

Djaimilia Pereira De Almeida: Seebeben

Seebeben handelt davon, wie Boa Morte versucht, trotz des Grauens in jenem Land zu überleben, zu dem er gehören wollte, aber – wie von seiner Frau vorhergesagt – nicht dazugehören kann. Es ist nicht nur die Hautfarbe, es ist nicht nur die Undankbarkeit des Staates gegenüber seinen ehemaligen Kombattanten, die nach dem – verlorenen – Krieg nur noch eine Last sind, wie alle Soldaten in allen Ländern nach allen verlorenen Kriegen.

Die Zerstörungen in seinem Innern, zu dem sich körperliche Gebrechen gesellen, lassen ihn gestaltlos werden. Als ihn das Schiff am Kai abgesetzt hatte, besaß er nur die wenigen Lumpen am Leib, die um einen zerrütteten Körper flatterten; erst durch das Schreiben von Briefen an seine Tochter Aurora glaubt Boa, wieder an Gestalt zu gewinnen, eine Person zu sein, zu leben.

Das Schreiben ist auch eine Flucht vor dem Schlaf, den ihm ein nicht abreißendes Band von Kriegsbildern zur Hölle werden lassen. Ein großer Teil des Romans wird aus der Ich-Perspektive erzählt, wenn Boa seiner Tochter aus seinem Leben berichtet, dabei oft Faden und Form verliert. Boas Schilderungen gehen in freie Assoziationen über, die bei aller Düsternis manchmal auch eine lichte Heiterkeit ausstrahlen.

Vielen Äußerungen merkt man die schiere Verzweiflung der Hauptfigur an, wenn diese etwa postuliert, Heimat wäre jenes Land, in dem ein Mann seinen Boden bestelle und für das er töten würde. Boa, der in einem Garten mit anderen Lebensmittel anbaut und dabei ein gewisses Glück erlebt, errichtet mit solchen Worten eine Schein-Heimat, die eben keine ist. Manchmal bricht die Sehnsucht nach seinem Herkunftsland durch, Angola, eine Maniok-Region; jene typischen Kindheitserinnerungen im Alter.

Meine Freundin wirkt wie eine Frau aus einem anderen Jahrhundert, die vergessen hat zu sterben.

Djaimilia Pereira De Almeida: Seebeben

Seine Gegenwart machen Jardel, eine ihm zugelaufene Flohschleuder, und seine »Freundin« Fatinha erträglich. Doch ist die junge Frau ganz ohne Krieg zerstört. Sie lebt auf der Straße, Alkohol hat ihren Geist und Körper zerrüttet und sie in einen Menschen verwandelt, der andere mit Ekel und Abscheu begegnen. Boa Morte kümmert sich; auch hier regiert die Tragik, denn seine Freundin lebt in einer anderen Welt.

Was mir an dem Roman besonders gut gefallen hat, ist die vielschichtige Gestaltung der Hauptfigur, ihre Selbstbeobachtungen. Neben den bereits geschilderten ist er sich darüber im Klaren, dass es keinen »Ex-Kombattanten« gibt, mit all jenen haarsträubenden Folgerungen, die sich aus dieser Erkenntnis ergeben. Trotz aller Aussichtslosigkeit beharrt er auf seinem Stolz; er fordert seine Tochter auf, »niemals, niemals, niemals Mitleid« mit ihrem Vater zu haben.

Seebeben ist ein kurzer, aber mächtiger Roman, der den Leser durchrüttelt und ihm noch einmal vor Augen führt, dass Kriege nicht enden, wenn die Waffen ruhen; für viele Teilnehmer wüten sie bis ans Lebensende und darüber hinaus, wenn die Schrecken an die nächste Generation vererbt werden.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Djaimilia Pereira de Almeida
aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
Unionsverlag 2023
Gebunden 160 Seiten
ISBN 978-3-293-00595-2

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Das Desaster in Indochina und die unzulänglichen Versuche der französischen Politik, damit umzugehen, stehen im Fokus des Romans. Cover Matthes&Seitz, Bild mit Canva erstellt.

Schon auf der ersten Seite des Romans Ein ehrenhafter Abgang begibt sich der Leser auf eine Reise nach Indochina. Es ist Mitte 1928, der Erste Weltkrieg liegt zehn Jahre zurück, der Zweite zeichnet sich noch nicht ab und jenes Gebilde namens Indochina ist eine französische Kolonie. Éric Vuillard lässt keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Reise handelt, denn die Einheimischen gelten als bloße Befehlsempfänger.

Die Reise geht in den Norden, genauer gesagt zu einer Kautschukplantage, denn die Reisenden sind Gewerbeaufseher. Sie sollen nach dem Rechten sehen und was sie vor Augen bekommen, ist alles, aber nicht recht. Die Vietnamesen werden auf brutale, unmenschliche Weise ausgebeutet. Sofern sie versuchen, ihrem elenden Dasein zu entfliehen, bezeichnet man sie als Deserteure; fürchterliche Strafen folgen, schon das Wort »Justizbalken« lässt den Leser frösteln.

Die Gewerbeaufseher geben sich bürgerlich anständig im Sinne einer spezifischen Gewissenhaftigkeit. Auf ihre Veranlassung werden verschlossene Türen geöffnet, auch wenn der Schlüssel angeblich fehlt, doch nach Drohungen plötzlich wundersam auftaucht. Lügen und menschliches Elend werden aufgedeckt, in Gestalt geprügelter, halb verhungerter Vietnamesen. Doch die Anständigkeit der Gewerbeaufseher versickert folgenlos.

[…] und wie gehabt weiß der Plantagendirektor nichts und wie gehabt wirkt er ausnehmend betroffen […] und wie gehabt äußert der Direktor sein tiefes Bedauern und wie gehabt werden die Misshandlungen als Ausnahmen, als Fehlverhalten eines Aufsehers oder Sadismus eines Untergebenen dargestellt.

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Der Grund der Reise war eine »Selbstmordepidemie«, denn die Vietnamesen erweisen sich als anders, als von den Verfechtern einer auf monotoner Effizienz beruhenden Arbeitsökonomie behauptet: Sie lassen sich nicht »dressieren« haben keine »unterlegene Mentalität« und ertragen den Stumpfsinn ihrer Arbeit nicht. Sie versuchen ihre Haut durch Flucht zu retten oder wählen den Freitod. Später werden sie für den Vîeth Mînh kämpfen. Siegen.

Éric Vuillards Ein ehrenhafter Abgang ist in einer Erzählhaltung verfasst, die am besten mit lakonischer Rage umschrieben ist, man merkt die Empörung, die den Autor – wie in seinen anderen Büchern – antreibt. Er montiert Informationen, stellt sie wirkmächtig einander gegenüber: Den enthüllten Misshandlungen folgen »weder Reform noch Verurteilung«, während die Firma Michelin in jenem Jahr dreiundneunzig Millionen Franc Gewinn meldet. Rekord.

Um die Menschen geht es dem Autor, die Opfer dessen, was der französische Autor Alexis Jenni als »Koloniale Fäulnis« bezeichnet hat: Rassismus. Unterdrückung. Misshandlung. Tod. Man wusste davon, man hätte etwas ändern können, unterließ es aber. Auch als die militärische Niederlage im Indochina-Krieg sichtbar wurde, ergingen sich die französischen Eliten in abwiegelnden und den Realitäten spottenden Absurditäten.

Der Krieg ist praktisch verloren. Das Einzige, was man sich noch erhoffen kann, ist ein ehrenhafter Abgang.

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Den Anfang vom Ende bildete die vernichtende Niederlage von Cao Bang im Herbst 1950. Wie bei allen historischen Ereignissen, Personen, Handlungen usw. erklärt Vuillard fast nichts. Der Leser nimmt sein Unwissen hin oder informiert sich auf eigene Faust. Für ein deutsches Lesepublikum, das mit den personellen Details der vierten oder fünften Republik, geschweige denn mit deren biographischen Verstrickungen, sowie den vielfältigen Andeutungen in diesem Buch nicht vertraut ist, könnte die Lektüre kleinteilig und zäh werden. Die assoziierende Erzählweise in diesen Passagen erleichtert das Verständnis nicht gerade.

Doch muss man diesen Weg nicht gehen, denn die Stoßrichtung der Darstellung liegt auf der Hand. Cao Bang hat den nicht nur mit zurückgelassener Ausrüstung für eine komplette Division versorgt, die Schlacht hat auch offen zutage treten lassen, wie hoffnungslos gefährdet die französische Herrschaft in Indochina war. Vor diesem Hintergrund erscheint die ausführlich geschilderte politische Debatte in Frankreich gespenstisch.

Statt offen über die Frage zu debattieren, wie man aus der Misere wieder herauskommt und ob Waffenstillstandsverhandlungen mit dem auf der Siegesstraße marschierenden Vîeth Mînh zu einem Ausweg führen würden, wird eine politische Parlaments-Komödie aufgeführt, die jeden Gedanken an Verhandlungen auf infame Weise mit der Kapitulation von 1940 und der Kollaboration des Vichys-Regimes mit den Nazis gleichsetzt.

»Er hat Angst, dass ihm ein Sieg durch die Lappen geht. So treiben die Menschen in gigantische Katstrophen.«

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang

Es ist ein Anliegen Vuillards, die Geschehnisse von einer speziellen Warte aus darzustellen. Oft wird er drastisch, sarkastisch oder offen boshaft, wenn er die Protagonisten charakterisiert und die Handlungsweisen der Verantwortlichen schildert. Er versucht zu entlarven. Führende Politiker und Militärs wussten, wie die Lage war, und haben dennoch nicht die nötigen Konsequenzen gezogen, um eine Schande zu vermeiden und einen »ehrenvollen Abgang« aus Indochina zu erzwingen.

Daraus wurde nichts. Dreieinhalb Jahre später, im Herbst 1953, begann das Drama um Dîen Bîen Phu, ein militärisches Desaster der französischen Streitkräfte, das im Frühjahr 1954 nach monatelangem Kampf beendet wurde und  Frankreichs Niederlage besiegelte. Neben Franzosen und den vielen in der Fremdenlegion dienenden Europäern haben in dieser Kesselschlacht zahllose Einheimische und Soldaten aus den französischen Kolonialgebieten ihr Leben gelassen.

Den Toten stellt der Autor die klug agierenden französischen Wirtschaftsunternehmen entgegen, die ihre Investments in Indochina frühzeitig fallenließen, dafür ordentlich an den Belieferungen der Truppen verdienten. Überhaupt arbeitet sich der Autor an der Wirtschaft und ihren Interessen ab, er stellt die provozierende Frage, für wen die Soldaten vor Ort die blutigen Schlachten wirklich fochten: für Frankreich oder für Aktiengesellschaften.

Auf einem Berg von Leichen errangen die Vietnamesen schließlich nach einem weiteren, schier endlosen und äußerst blutigen Krieg den Sieg auch über die Amerikaner. Der Rückzug aus Saigon, 21 Jahre nach dem Fall der Festung von Dîen Bîen Phu, war alles, nur kein ehrenvoller Abgang. Das ist weder den USA noch Frankreich gelungen.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Éric Vuillard: Ein ehrenhafter Abgang
aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz 2023
HC 136 Seiten
978-3-7518-0908-5

Eine Begegnung im Sommer 1944

Im preisgekrönten Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es eine Schlüssel-Szene, die mir seit dem ersten Lesen unvergessen geblieben ist.

Frankreich 1944: Ein französischer Widerstandskämpfer und ein deutscher Offizier stehen sich gegenüber. Zwei Meter trennen sie, unüberwindliche zwei Meter, nicht zuletzt wegen des Stacheldrahts. Der Deutsche ist der Gefangene, der Franzose sein Bewacher. Zwei Antagonisten, wie man sie aus hunderten von Büchern und Filmen kennt, eine saubere Trennung nach Gut und Böse. Einfach und schön.

Doch so einfach ist es nicht, glücklicherweise, sonst wäre der Literatur eine Textstelle entgangen, die für mich ein Schlüsselmoment darstellt. Sie entstammt dem genialen Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni, der den Leser in ein Spiel mit Antagonismen hineinzieht, an dessen Ende diese augenscheinlichen Klarheiten gewichen sind.

Der Franzose und der Deutsche kennen sich von einer Begegnung aus dem Jahr 1943. Der Offizier hat den Vater des Widerständlers, der einen Laden unterhält, trotz seiner Schwarzmarktaktivitätn davonkommen lassen. Warum er das getan habe, erkundigt sich der Franzose. Alle hätten Schwarzhandel betrieben, den einen hätte er bestraft, den anderen eben nicht, meint der Deutsche.

Willkür, mit achselzuckender Gleichgültigkeit eingestanden.

Das ist erst der Auftakt, denn der Offizier war bei einer Aktion beteiligt, bei der ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde. Jedem historisch halbwegs Informierten wird der Name Oradur sûr Glane etwas sagen, diese brutalte Vernichtungsaktion war keineswegs das einzige Verbrechen dieser Art in Frankreich.

Der Deutsche erklärt, das man Terror ausgeübt habe, um gegen den Maquis vorzugehen. Eine »militärische Taktik« sei das, die gezielt die Zivilisten ins Visier nähme, um Schrecken zu erzeugen – allein Maquisarden zu töten würde nicht reichen. Ein »raffiniertes Instrument«, um den Partisanen die Unterstützung zu unterziehen  – durch »unpersönlichen Terror«.

Bis zu diesem Punkt ist alles bekannt und gewöhnlich – doch das ändert sich schlagartig und macht diese Textstelle zu einem Schlüssel des gesamten Buches, für mich auch darüber hinaus.

Der Deutsche erkundigt sich, was der Franzose an seiner Stelle getan hätte. Der wehrt die Frage lakonisch ab, in dem er darauf verweist, das er eben nicht an der Stelle des Deutschen gewesen sei. Er habe alles getan, um nicht an seiner Stelle zu sein.

Eine Haltung, die auch von Nachgeborenen in abgewandelter, angepasster Form vorgetragen wird, sie findet in der Formulierung von der »Gnade der späten Geburt« oder dem briefeschreibenden Sofapazifismus ihren Niederschlag. Mit diesem Kniff ist man auf der Seite der Guten.

»Das Rad dreht sich, junger Mann.«

Alexis Jenni: Die Französische Kunst des Krieges

So lautet die Antwort des Deutschen. Sie ist zunächst einmal nichts anderes als eine bildliche Umschreibung, dass die Geschichte nicht stehenbleibt, sondern weitergeht. Eben noch Herr gewesen, jetzt Gefangener, eben noch derjenige, der über das Schicksal entscheidet, jetzt im Ungewissen über das eigene Schicksal, über das von anderen entschieden wird. Der Franzose hat den Platz des Deutschen eingenommen.

Es ist ein Rollentausch, der – nach Ansicht des Offiziers – durchaus die Möglichkeit beinhaltet, eben auch in anderer Hinsicht an seine Stelle zu treten, wenn der Franzose wie er selbst zuvor »für Ordnung sorgen«, also die gleichen schrecklichen Dinge tun oder anordnen müsse.

Das ist eine Warnung, eine Prophezeiung – wir müssen nicht so tun, als kennten wir nicht den Gang der Geschichte: Indochina. Algerien. Orte des Schreckens, an denen Franzosen fürchterliche Dinge getan und Verbrechen begangen haben. Ihre Gegner, das soll nicht verschwiegen werden, auch.

Der Deutsche hat noch einen Ratschlag parat.

»Das Rad dreht sich. Nutzen Sie Ihren Sieg aus, Ihren noch ganz neuen Sieg, nutzen Sie den schönen Sommer aus. 1940 war das schönste Jahr meines  Lebens. Danach war es nicht mehr so schön. Das Rad dreht sich.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Indochina und Algerien sind die Orte, an denen sich diese Prophezeiung verwirklicht, denn die Ereignisse dort waren alles andere als »schön«. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser des Romans längst, was in Algerien geschehen ist, von jenem Blutzoll unter Zivilisten, er weiß, dass hier tatsächlich eine Art Stabwechsel vollzogen wird.

Eben noch Opfer, dann Sieger und wenig später Täter.

Das Motiv der Ordnung, für die gesorgt werden muss, der Rollentausch von Herr und Knecht, Sieger und Besiegtem ist eine Art Stabwechsel. Interessanterweise ist mir dieses Motiv  jüngst in einem anderen Roman schon einmal begegnet, wenn John Glueck in Steffen Kopetzkys Propaganda die amerikanische Armee durch den Kampfkontakt mit der  deutschen Wehrmacht selbst ein wenig in diese Richtung driften sieht – mit verheerenden Folgen, nämlich in Vietnam.

Was also bleibt von jenem schönen, einfachen, gefälligen und äußerst bequemen Antagonismus, von dem anfangs die Rede war? Er löst sich auf, die klaren Konturen verschwimmen. Die Prophezeihung des deutschen Offiziers, dass die Freude über den militärischen Sieg von kurzer Dauer sein und ein Rollentausch erfolgren könnte, hat sich als richtig erwiesen.

Alexis Jenni geht noch einen Schritt weiter: Er stellt seiner Hauptfigur, dem Franzosen Victorien Salagnon, im Verlauf der Handlung zeitweise einen anderen Deutschen zur Seite, der mit ihm in Indochina  gegen den Vietminh kämpft. Eben noch Feind, nun Waffenbruder in einem brutalen, ungerechten und dummen  Kolonialkrieg, in dem die Franzosen von den Vernichtungskriegern adaptieren, wie man Terror gegen die Zivilbevölkerung einsetzt.

In Algerien haben sie dann eine eigene Kunst des Krieges entwickelt; Krieg und Kolonie gehen dennoch verloren. Alexis Jenni betreibt damit keineswegs eine Form der Verharmlosung von Verbrechen, die in der NS-Zeit in den von der Wehrmacht eroberten und besetzten Ländern verübt wurden; ganz im Gegenteil. Er verweist darauf, dass Geschichte nichts Statisches ist, die Rollen werden immer wieder neu verteilt.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Der preisgekrönte Roman des Franzosen Alexis Jenni führt uns mitten hinein in den Indochina- und Algerienkrieg, zielt aber auf die Gegenwart Frankreichs. Bild mit Canva erstellt, Cover Luchterhand.

Nein, das ist kein Roman über den Krieg, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Alexis Jenni erzählt von der Gegenwart Frankreichs. Er legt tief in der Geschichte verborgene Wurzeln offen, die bis in die Zeit der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht zurückreichen, und über den Indochina-Krieg und den Algerienkrieg jenes Unheil heraufbeschworen haben, das trotz aktiver Verdrängung nicht verschwunden ist und die Gegenwart prägt.

Koloniale Kriege sind rassistische Kriege. Rassismus spielt eine wichtige Rolle in dem Roman. Jenni nimmt eine sehr pointierte Haltung zur Kategorie Rasse ein, denn er sagt, dass Rasse nur existiere, wenn man davon spreche. Sie sei keine Naturgegebenheit. Viele Motive, die das gegenwärtige Leben und die politische Diskussion prägen, werden in Die französische Kunst des Krieges aufgegriffen und durchdekliniert. Polizeikontrollen etwa, die bei der Auswahl der Kontrollierten auf deren Aussehen zurückgreifen.

In Kolonialkriegen zählt man nicht die Toten der Gegner, denn sie sind weder Tote noch Gegner: Sie sind ein Geländehindernis, das man überwindet, wie spitze Steine, Mangrovenwurzeln oder Mücken. Man zählt sie nicht, weil sie nicht zählen.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Durchdekliniert klingt trocken. Gemeint ist, dass Jenni sich herausnimmt, den Leser ins Detail zu verstricken. Den Schreibstil des Autors prägt eine beeindruckende Beobachtungsgabe, er seziert wie ein Wissenschaftler Dinge und rückt sie in ein neues Licht. Dabei geht er nicht gerade bürgerlich-rücksichtsvoll vor. Der Ich-Erzähler gehört in der bürgerlichen Sozialmoral zu den Versagern, Drückebergern, Arbeits- und Leistungsverweigerern.

In einem für mich sehr unangenehmen Kapitel stößt sich diese Person selbst aus dem wohlsituierten Gesellschaftskreis aus und beginnt einen Sinkflug in die untere soziale Schicht. Ein hübscher literarischer Kniff, denn nur durch das Verlassen der Blase beginnt das nötige Wahrnehmen. Auf seinem Weg kommt er in Kontakt mit einem ehemaligen französischen Offizier der Luftlandetruppen namens Victorien Salagnon. Dieser lehrt ihn die Kunst des Malens, im Gegenzug hört der  Ich-Erzähler die Geschichte des Soldatenlebens an, die Geschichte von zwanzig Jahren Krieg.

Zwanzig Jahre lang folgte ein Krieg auf den anderen, und jeder tilgte die Spuren des vorherigen, die Mörder des einen Krieges tauchten im folgenden unter.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die Französische Kunst des Krieges ist ein fesselnder Roman, der auch auf jene Leser ohne besondere Affinität zu (Kriegs-) Geschichte seinen Reiz ausübt, ihn wie ein Sog erfassen und mitreißen kann. Zumutungen sind Teil des Erzählens, wie jene Passagen, die entlang der Grenze zum Essay oder Bericht verfasst sind, emotionale, wütende Ausbrüche, aber auch detaillierte Beobachtungen und Verfremdungen, einige Male von atemberaubender Klarheit, manchmal auch verstörend.

Jenni hat seinen Roman als Wechselspiel inszeniert. Sieben Kapitel sind mit »Kommentar«, sechs mit  »Roman«  überschrieben. Dass an einer Stelle explizit auf Julius Caesars Commentarii de bello gallico verwiesen und dessen geniales Kommunikationsinstrument der literarischen Lüge, die er auf diese Weise in die Welt gesetzt hat, diskutiert wird, dürfte das kein Zufall sein. Der Autor will etwas mit seinem Werk, wenn auch das Gegenteil von dem, was Caesar (und de Gaulle) vorhatten: enthüllen statt bemänteln.

De Gaulle war der größte Lügner aller Zeiten, aber Romantiker sind nun einmal Lügner.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die sieben Kommentare widmen sich vor allem dem Leben und der Erfahrungswelt des Ich-Erzählers, seinen Eindrücken von der Gesellschaft und die Wahrnehmung und Einordnung der Ereignisse. Eine immer stärkere Rolle spielen Victorien Salagnon, seine Ehefrau, eine Algerien-Französin, und ehemalige Kriegskameraden, die den Krieg, die »koloniale Fäulnis« in die Gegenwart der französischen Republik getragen haben.

Die mit »Roman« überschriebenen Teile erzählen vom Werdegang Salagnons, beginnend im Spätherbst 1943, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war. Zwar wendet sich Salagnon auf Weisung seines Onkels der Resistance zu, doch wird deutlich, dass eine Kriegsteilnahme an deutscher Seite durchaus nicht ausgeschlossen war. Die glorifizierte Resistance umflort ein frostiges Zwielicht. Nicht ohne Grund ist dieser Onkel, der wie ein Gespenst immer wieder auftaucht, am bitteren Ende Teilnehmer des missglückten Staatsstreichs gegen de Gaulle.

Salagnon nimmt an den Kämpfen gegen die Deutschen teil, wie alle Kriegsszenen in dem Roman sind sie von einer eigentümlichen Intensität bei gleichzeitiger Nüchternheit und Distanz geprägt. Heroisch ist wenig bis gar nichts an den Schilderungen, weder 1944/45 noch später, in Indochina oder Algerien. Konservativen Geistern dürften sich die Haare sträuben, Linken die Fußnägel krümmen, denn Jenni verlegt sich nicht auf dumpfbackiges Verteufeln; er seziert, diskutiert und lässt dem Leser Raum zum denken. 

Wir bemühten uns, in den heutigen Problemen die gestrigen zu sehen und sie so zu lösen, wie wir sie damals vergeblich zu lösen versucht haben.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

In einer für mich ganz besonders einprägsamen Szene trifft Salagnon auf einen deutschen Offizier. Zwei Meter trennen sie, und doch eine ganz Welt, denn zwischen ihnen ist Stacheldraht gespannt. Es handelt sich um eine Art prophetischen Stabwechsel zwischen der untergehenden Wehrmacht und den Franzosen – eine Vorausdeutung auf das Unheil, das naht. Das Trennende erweist sich als Augenwischerei.

Frankreich, 1940 in demütigender Weise besiegt, schlüpft wieder in die Rolle der Sieger- und Ordnungsmacht und führt zwei hoffnungslose, brutale, menschenverachtende Kriege in seinem Kolonialreich. Die Deutschen sind zumindest in Indochina mit von der Partie, im Rahmen der Fremdenlegion. Jenni räumt ihnen in seinem Roman etwas Raum ein, bedeutsamen, denn die im Vernichtungskrieg erlernten Terror-Taktiken kommen wieder zur Anwendung – und werden von den Franzosen adaptiert. Der Stabwechsel in der Praxis.

Nicht nur die Techniken, sondern auch die Einteilung der Menschen nach  Rassen, eine Kategorisierung, an der sich der Autor durch seine Personen über die gesamte Handlung hinweg abarbeitet. Der Rassismus ist die wichtigste Quelle von dem, was Jennis Protagonist die »koloniale Fäulnis« nennt, die wie Gülle in das politisch-soziale Erdreich des modernen Frankreich eingesickert ist und es zu vergiften droht.

An einer Stelle fragt der Ich-Erzähler Victorien Salagnon entsetzt, was denn schlimmer sein könne, als Folter. Dieser antwortet, die Menschen in »wir« und »sie« zu unterteilen. Das ist – aus meiner Sicht – eine konsequente Absage an identitäres Denken jeglicher Couleur, das immer damit verbunden ist, anderen eine Identität zuzuschreiben; meist Hand ind Hand mit der Reduktion auf eine (erfundene) Identität.

Die Rasse ist ein Furz der Gesellschaft.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die französische Kunst des Krieges ist ein Fingerzeig, ohne pädagogischen Imperativ, der in weiser Lehrermanier Lösungen bietet. So etwas haben Jennis Figuren nämlich nicht, auch nicht der Ich-Erzähler, dem im Laufe der Erzählung peu á peu die Augen geöffnet werden, der beginnt, sich Zusammenhänge des Begreifens zu konstruieren und seine eigenen, durchaus pointierten und radikalen Vorstellungen entwickelt.  Am Ende findet er sein kleines Glück im Privaten.

Ganz nebenbei ist der Roman auch ein Antikriegsroman, der wie kaum ein anderer deutlich macht, dass Kriege weit über die Waffenruhe hinaus nachwirken. Wie Alexis Jenni es ausdrückt: »Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges
aus dem Französischen von Uli Wittmann
Luchterhand 2012
Hardcover 768 Seiten
ISBN: 978-3442747702

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