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Schlagwort: Prix Goncourt (Seite 2 von 2)

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Dieser Roman hat mir erstmals eine Enttäuschung bereitet, trotz des Prix-Goncourt konnte er mich nicht überzeugen. Cover btb, Bild mit Canva erstellt.

Der Roman Dann schlaf auf du, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, hat mich enttäuscht. Er fängt geradezu billig an, ein schockierender Moment, auf den die retrospektiv gestrickte Handlung zuläuft. Mit diesem Kniff wird der Leser bei der Stange gehalten wie ein Esel, der hinter einer Möhre vor seiner Nase hertappt. 

Leider ist auch die Auflösung einigermaßen misslungen. Das Motiv der Täterin wirkt konstruiert und sachlich zweifelhaft, ihr tödlicher Akt übertrieben und aus dem, was im Roman beschrieben wird, nicht vollständig nachzuvollziehbar.

Zum Glück bleibt es zwischen dem blutigen Bug und Heck des Romans interessant. Slimani hat keinen Psychothrillers im Stile des Films Die Hand an der Wiege von 1992 geschrieben, sondern ein karstiges, sprachlich erstaunlich schlichtes Sammelsurium an Handlungen, eingeflochtenen Rückblenden und Abfolgen grenzwertiger bzw. übergriffiger Aktionen.

Stärken zwischen blutigem Bug und Heck

Und doch hat der Roman seine Stärken, die ihn trotz der vorgebrachten Kritik lesenswert machen. Wer einmal angefangen hat, kann sich der Sogwirkung der Handlung nicht entziehen. Wir sind eben doch alle Lesel (Leser + Esel) und folgen brav den Verlockungen der Möhre. Doch gibt es noch viel mehr. 

Slimani zeigt am Beispiel von Myriam und Paul Massé, was unter hochglänzenden Lügen über erfolgreiche Jungfamilien steckt, die ihr Leben zwischen Beruf, Ehe und Erfolg im Griff haben und nichts anderes als glücklich zu sein scheinen. Es geht unter die Haut, allerdings keineswegs überemotional oder schwärmerisch, sondern nüchtern und oft abstoßend.

Die Akteure machen viel richtig. Sie reflektieren ihre Handlungen und Fehler, sprechen miteinander und versuchen, Lösungen zu finden. Und doch verstricken sie sich immer stärker in das nahende Unheil, das Schatten wirft, die bagatellisiert oder ignoriert werden.

Den Erfolgreichen zur Seite und auch gegenüber stehen jene, deren Leben dazu dienen, den Bessergestellten die Steine aus dem Weg zu räumen, der zum beruflichen Erfolg führt. Sie haben viele Gesichter und werden von Slimani mit der gleichen Distanz und präzisen Beobachtung geschildert, wie die Erfolgreichen.

Louise, die Kinderbetreuerin (und Mädchen für alles) der Massés, ist weiß und damit eine Ausnahme unter den Nounous, die Wurzeln in vielen Ländern außerhalb Frankreichs haben. White Trash, könnte man sagen, denn sie gehört zu jenen Existenzen, die als »sozial schwach« gelten.

Slimani mischt noch eine weitere Kehre in die Personen hinein, denn die Myriam hat nordafrikanische Wurzeln und ist – im Gegensatz zum gängigen Weltbild – in diesem Buch die erfolgreiche Aufsteigerin.

Keine Problemlösung

Niemand kann eigentlich genau sagen, woher die Probleme kommen, geschweige denn, wie sie sich lösen ließen. Darum geht es in „Dann schlaf auch du“ nicht, sondern um die (Selbst-)Lügen, die alles verschärfen. Und darum, dass selbst gut gemeinte Hilfsangebote ins Leere laufen können. So wie Louise, die Kinderhüterin und selbstherrliche Herrin über deren Leben, in diesem Fall.

Es gibt in diesem Buch keine einzige durchweg positive Figur, Rettung naht von nirgends. Slimani lässt zum Beispiel eine Schwiegermutter der Massés sich einmischen, in himmelschreiend bigotter Manier, zum Teil motiviert durch eigene (unerfüllte) Wünsche, Pläne und Vorstellungen. Konsequenzen werden nicht gezogen, bestenfalls angedroht, aus einer spontanen, schnell verlöschenden Neigung heraus.

Um ihre Schwiegertochter auf die Palme zu bringen, nennt sie die Kinder „meine aus dem Nest gefallenen Vögelchen“. Sie bemitleidet sie gerne dafür, dass sie in der Stadt leben, inmitten von Schmutz und Achtlosigkeit. Sie möchte den Horizont dieser Kinder erweitern, die dazu verdammt sind, korrekte Leute zu werden, zugleich unterwürfig und autoritär. Hosenscheißer.

Leïla Slimani: Dann Schlaf auch du

So treibt die Handlung auf das bereits im ersten Kapitel geschilderte Fiasko zu, das in einiger Hinsicht überflüssig wirkt, denn es bringt über die Bluttat hinaus nichts Wesentliches. Die Polizistin, die verstehen will und hartnäckig forscht, könnte als Aufforderung zum genauen Hinsehen verstanden werden. Als Weckruf für eine Nation, deren Eliten es sich bequem gemacht haben, wie ein Säugling eingelullt von einem Wiegenlied.

Der Titel lautet im Original Chanson Douce, also Wiegenlied. Die deutsche Übersetzung verzichtet auf dieses Wort, was wohl zu bieder und nicht verkaufsträchtig genug erschien; stattdessen greift man einen Uralt-Wiegen-Schlager von Heino Gaze, den Heinz Rühmann berühmt machte. Die letzte Verszeile »drum schlaf’ auch du« liefert die Vorlage für den zurechtgeschliffenen Buchtitel.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du
btb 2018
TB 224 Seiten
ISBN: 978-3-442-71742-2

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Der Auftakt seiner Trilogie beginnt in den letzten Kriegstagen 1918 und schildert die Nachkriegszeit in Frankreich auf boshafte, komische und tragische Weise. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Les Enfants du désastre Teil 1

Der Erste Weltkrieg nimmt in Frankreich einen bedeutenden Platz in der Erinnerungskultur ein. Nicht umsonst spricht man im Nachbarland vom »Grande Guerre«, dem Großen Krieg. Ganz anders der Zweite Weltkrieg, was sicherlich daran liegt, dass Frankreich 1940 eine katastrophale Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht hinnehmen musste und gegenüber den anderen Siegermächten mit einem Minderwertigkeitskomplex belastet war.

Im Ersten Weltkrieg hat Frankreich trotz eines Beinahe-Zusammenbruchs 1917 standgehalten und stand am Ende in der Sicht von Politik, Militär und weiter Teile der Bevölkerung unzweifelhaft auf der Siegerseite. Das sollte vor Augen haben, wer den Reihentitel der Trilogie liest: Les Enfants du désastre. Die Kinder des Desasters.

Sie gibt die Marschordnung für den Roman Wir sehen uns dort oben vor. Das nachfolgende Zitat zeigt exemplarisch, wie Lemaitre zur Desillusionierung und Entglorifizierung des Grande Guerre beiträgt. Lakonisch stellt er eine dramatische Untertreibung gegen die ungeheuer brutale Realität: ein bisschen Ordnung versus unzählige Opfer standrechtlicher Erschießungen.

Es war oft die Rede vom Kriegsgericht, vor allem 1917, als Pétain wieder ein bisschen Ordnung in all das Chaos gebracht hatte. Es gab standrechtliche Erschießungen, keiner weiß wie viele.

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Es kommt in bestimmten Kreisen sicher noch immer einem Sakrileg gleich, das Wort Desaster nicht mit 1940, sondern dem Großen Krieg und den ihm nachfolgenden Jahren in Verbindung zu bringen. Tatsächlich verblasst die Gloire des siegreichen Krieges mit jeder Seite dieses Buches. Dabei ist der Roman weit entfernt von einer blutdruckgeschwängerten Anklageschrift.

Ganz im Gegenteil. Wir sehen uns dort oben ist eine bitterböse Tragikkomödie, die mit zum Teil tiefschwarzem Humor die Grenze zur Groteske überschreitet und selbstverständlich politisch absolut unkorrekt ist. Das Antlitz französischer Kriegsheroen ausgerechnet mit dem Ludendorffs zu vermischen, ist nur eine der vielen, bissigen Ungeheurlichkeiten.

General Morieux schien sehr betagt, er sah aus wie einer von diesen alten Kerlen, die ganze Generationen von Kindern und Kindeskindern in den Tod geschickt hatten. Man nehme das Portrait von Joffre und Pétain zusammen und vermische das Resultat noch mit Nivelle, Gallieni und Ludendorff, dann hat man Morieux, […]

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Die drei Hauptfiguren, die einfachen Soldaten Albert Maillard und Édouard Péricourt, sowie der zynische Offizier Henri d’Aulnay-Pradelle, sind keine Lichtgestalten. Entsprechend entwickelt sich die Handlung entlang mehrerer haarsträubender Betrügereien, einer aus Geldgier, die andere aus Geldnot, weil die aus dem Feld zurückgekehrten Soldaten ihre Drogensucht bedienen müssen. Gemeinsam ist beiden Erzählfäden der unsentimentale Umgang mit den Kriegstoten und dem Gedenken an sie.

Brutales, unheroisches Kriegsende

Die Erzählung des Auftaktbandes setzt im November 1918 ein, wenige Tage vor dem Waffenstillstand. Was geschildert wird, ist alles, außer heroisch. Offizier Pradell erzwingt aus persönlichem Ehrgeiz einen militärisch sinnlosen Angriff gegen die bereits passiven Deutschen und ergreift verbrecherische Mittel, um ihn bei den unwilligen Mannschaften durchzusetzen.

Er schickt einen Spähtrupp aus, zwei französische Soldaten, die er selbst niederstreckt und den Deutschen in die Schuhe schiebt, um das kriegsmüde Kriegsvolk zu einem letzten Angriff zu bewegen. Die blutige List gelingt, begleitet von einem wütendem Artilleriefeuer gehen die französischen Soldaten vor.

Albert bemerkt während des Angriffs die von Pradelle begangene Untat, der Offizier wiederum erkennt, dass er ertappt wurde, und befördert den Zeugen in eine lebensbedrohliche, ja faktisch tödliche Lage. Édouard eilt Albert unverhofft zu Hilfe, wird bei seiner verzweifelten Rettungstat getroffen und für den Rest seines Lebens fürchterlich entstellt.

Pradelle kommentiert das wie folgt:

Eine Granate mit den Zähnen auffangen zu wollen, ist eben ein wenig unvernünftig, da hätte er eben mal lieber mich um Rat fragen sollen.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns Dort Oben


Das Trio geht nach dem Waffenstillstand unterschiedliche Wege, trotzdem bleiben die Männer wie durch unsichtbare Bänder miteinander verbunden. Der Krieg bleibt zentrales Thema, allerdings immer weniger von Gloire umwittert: Es wird betrogen, gelogen, intrigiert, Geschäfte werden mit und auf den Gräbern der Gefallenen gemacht und die Moral bleibt auf allen Seiten auf der Strecke.

Das kriegstriumphale Frankreich präsentiert sich als verrotteter Morast, voller Korruption und Falschheit, das seine Frontkämpfer mit einer Kälte empfängt und im Stich lässt, die allen geschraubten Reden und Ankündigungen Hohn spricht. Der Autor lässt seine Helden mitmischen, sie versuchen, in dem gruseligen Spiel um Geld und Macht ihren Schnitt zu machen, fern jeder moralischen Reinheit.

Pierre Lemaitre ist untadelig boshaft, bisweilen sehr lustig in seiner ungeheuer tempo- und abwechslungsreichen Erzählung, seine Figuren haben Tiefe, Charakter und handeln wunderbar motiviert und nachvollziehbar. Sein Buch ist völlig zurecht mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, denn das ist es: ausgezeichnete Literatur!

Einen interessanten Leseansatz hat Uwe Kalkowski auf seinem wunderbaren Blog Kaffeehaussitzer zu Lemaitres großartigem Buch veröffentlicht: Er sieht darin einen Schelmenroman und geht etwas ausführlicher auf den Inhalt ein als ich.

Der zweite Teil der Trilogie heißt Die Farben des Feuers, der dritte Spiegel unseres Schmerzes.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben
Aus dem Französischen von Antje Peter
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 528 Seiten
ISBN: 978-3-608-98016-5

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Die dem Roman zugrundeliegende Idee ist spektakulär, die literarische Umsetzung sehr spannend und anregend. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Zu Beginn des Romans blickt der Leser in eine Art zerbrochenen Spiegel: Die Scherben zeigen den schmalen Ausschnitt eines Lebens, zunächst einer Person, die ihren Weg als professioneller Killer geht. Das überrascht, klingt dieser Auftritt doch mehr nach einem Thriller als nach dem Werk eines Prix Goncourt Preisträgers.

Es bleibt nicht bei einer Scherbe, eine ganze Reihe von menschlichen Daseinsformen wird ausgebreitet. Naturgemäß ist dieser Romanabschnitt eine nahezu plotfreie Zone, was manchen Leser erschöpft, einige zum Aufgeben zwingt. Und doch ist es nötig für das Vorhaben von Hervé Le Tellier, der mit diesem bunten Strauß eine erzählerische Reise antritt, die eine enorme Flughöhe erreicht.

Man muss dem Roman Die Anomalie entsprechend Zeit geben.

Die Spiegel-Scherben-Personen haben nämlich eine Gemeinsamkeit: Sie fliegen mit einem Air France Flieger von Europa in die USA. Unterwegs gerät die Maschine in ein dramatisches Unwetter und dadurch geschieht etwas absolut Unglaubliches, worüber die Käufer des Buches schon durch den Klappentext informiert werden: Der Flieger erreicht die USA zweimal mit einem Zeitabstand von mehrere Monaten.

Klappentext verringert Schockwirkung

Voilà! Die Kulisse für eine atemberaubende Geschichte ist aufgestellt. Durch die geschickte Strukturierung seiner Erzählung gelingt es dem Autor, den Leser einige Zeit an der Nase herumzuführen, trotz des stark spoilernden Klappentextes. Es ist fast ein wenig schade, dass dieser so gefasst wurde – die Wirkung ohne diese Vorabinformation würde eine gewaltige Wucht entfalten.

Doch auch so lässt Le Tellier sein Publikum erschaudern. Die lakonische, detailreiche, dabei zu keinem Zeitpunkt barock-überladen wirkende Erzählweise lässt niemanden entkommen, der sich durch das fast stehende Gewässer am Anfang hindurchgekämpft hat. Die Personen des zerbrochenen Spiegels verbindet nämlich, dass sie in diesem Flugzeug saßen und nun fast alle zweimal auf Erden weilen.

Platzierte Hiebe in alle Richtungen

Was auf den ersten Blick wie Science Fiction wirkt und durchaus mit Action hätte ausgeführt werden können, ist vielmehr ein multiperspektivisches Kammerspiel mit Niveau. Le Tellier lässt es sich nicht nehmen, Hiebe auszuteilen, die einen zeitkritischen Charakter haben: Trump, Frankreich, Nachrichtendienste, nerdige Wissenschaftler, Soziale Medien, US-TV-Show, fanatische Christen werden mit einer feinsinnigen Gnadenlosigkeit seziert.

Und im Herzen dieses endlosen Brandes, der Amerika seit jeher verzehrt, in diesem Krieg, den die Finsternis gegen den Verstand führt, in dem die Vernunft Schritt für Schritt vor der Ignoranz und dem Irrationalen zurückweicht, legt Jacob Adams die dunkle Rüstung seiner primitiven wie absoluten Hoffnung an.

Hervé Le Tellier: Anomalie

Vor diesem Hintergrund erleben die Protagonisten ihr Schicksal, der Leser folgt ihren Versuchen, mit dem Undenkbaren fertigzuwerden. An manchen Stellen ist der Roman ungeheuer komisch, an anderen von bitterböser Klarheit und das Echo eines Pessimismus, das die Überlebensfähigkeit der Menschheit infrage stellt.

Eine Warnung

Und ja. Insofern ist es ein Science Fiction. Immer schon waren Autoren des Genres darauf bedacht, Warnungen zu verbreiten. Diese Fingerzeige kamen oft in düsterem Gewand der Dystopie daher. Die Anomalie ist überwiegend heiter, grotesk, witzig, aber auch brutal, grausam und niederschmetternd. Und sie trifft tief, wenn dem Leser klar wird, dass er tatsächlich in einen Spiegel schaut, den seiner eigenen Existenz.

Ein wundervolles, großartiges Buch. Es passt sehr gut zu den bisherigen Erfahrungen, die ich mit Prix Goncourt-Preisträgern gemacht habe. Dabei enthält es Bestandteile, die ich überhaupt nicht mag. Bücher mit einem Titel, der im Buch selbst als Buchtitel vorkommt, schrecken mich gewöhnlich ab. In diesem Fall habe ich das sehr gern inkauf genommen.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie
Aus dem Französischen von Romy Ritte und Jürgen Ritte
Rowohlt 2022
TB 352 Seiten
ISBN: 978-3-499-00697-5

Lydie Salvayre: Weine nicht

Ein seltsam klingendes Zitat aus dem preisgekrönten Roman, doch hat der Krieg für die Hauptfigur die Tür aufgestoßen, durch die sie ihren Verhältnissen entkommen konnte. Kurzzeitig. Cover Blessing, Bild mit Canva erstellt.

Der Spanische Bürgerkrieg ist in der Literatur vielfach thematisiert, berühmte Schriftsteller wie George Orwell („Mein Katalonien“) oder Ernest Hemingway („Wem die Stunde schlägt“) haben über ihre Erlebnisse berichtet, es gehören literarische Perlen wie das Buch von Almudena Grandes („Der Feind meines Vaters“) und viele andere dazu. Auf dem vorzüglichen Literaturblog Kaffeehaussitzer findet man ein Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg, das eine anregende Buchliste enthält.

2014 hat die Verleihung des französischen Literaturpreises Prix Goncourt ein weiteres Buch ins Rampenlicht gestellt: Weine nicht. Deren Autorin, Lydie Salvayre, hat Wurzeln, die nach Spanien reichen. Sie wurde als Tochter einer Frau geboren, die gerade noch vor den siegreichen Streitkräften des faschistischen Diktators Franco fliehen konnte. Ihr Roman nähert sich dem Thema auf besondere Weise.

Der Spanische Bürgerkrieg gilt vielen als Präludium für den Zweiten Weltkrieg. Das ist etwas eurozentrisch gedacht und auf das Deutsche Reich fokussiert, das in Spanien mit der so genannen „Legion Condor“ Franco unterstützte, während die Verteidiger der Republik nur durch die Sowjetunion Unterstützung erhielten – zu einem hohen Preis, was in Weine nicht dankbarerweise nicht verschwiegen wird: Stalin schickte Waffen und Terror nach Spanien, dem mehrere zehntausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Vielfältige Perspektiv- und Zeitwechsel

Selbstverständlich werden auch die Hinrichtungen durch die Franco-Faschisten nicht übergangen. Die Darstellung ist besonders eindrücklich, weil die Autorin dafür die Perspektive des konservativen Katholiken George Bernanos wählt. Erschüttert durch die Brutalität und die ignorante, menschenverachtende Haltung der Katholischen Kirche räumt der Mann seine politische Position und dokumentiert die Gräueltaten in seinem Werk: Die großen Friedhöfe unter dem Mond.

Schlimme Zeiten für die, die Heilslehren aller Art misstrauten und die lieber ihrem Gewissen gehorchten als doktrinären Einpeitschern der einen oder anderen Seite.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

Salvayre lässt Teile daraus und andere Dokumente geschmeidig in ihren Roman einfließen, ihre Erzählung wandelt spielerisch zwischen faktenreicher Darstellung, Erzählung und Erinnerung, Fiktion und Auszügen aus Quellen. Die Handlung spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen, die Autorin mischt kräftig mit, erläutert und kommentiert ihren Schreibprozess, außerdem ist die Interpunktion sehr freizügig gestaltet.

Beeindruckende Leichtigkeit

Der Roman rutscht trotzdem zu keinem Zeitpunkt in ein undurchsichtiges Wirrwarr ab und erzählt mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Das liegt auch daran, dass ihm im Kern eine (tragische) Liebesgeschichte als Leitfaden eingewoben wurde. Die Hauptfigur, Montserrat, schließt sich mit ihrem Bruder den Verteidigern der Republik an. Für kurze Zeit erlebt sie Freiheit und ihre große Liebe.

Der Krieg, meine Liebe, ist genau zum rechten Zeitpunkt gekommen.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

So ist das Zitat auch zu verstehen, dass der Krieg zum rechten Zeitpunkt gekommen wäre. Diese flammende Liebe mündet in ein würgendes Desaster, mit lebenslangen Folgen. Es gehört zu den großen Stärken des Buches, dass es den Leser einmal nachempfinden lässt, wie weit die Schatten eines Krieges reichen, auch wenn die Kampfhandlungen lange beendet sind.

Zum Zeitpunkt dieses persönlichen Liebes-Desasters machen Montserrat und ihr Bruder Erfahrungen mit der grausamen Realität der Kriegführung. Die Ideale sind menschenverachtender Ideologie gewichen, auch die Sache der Verteidiger der Republik hat ihren Glanz eingebüßt. Auch aus diesem Grund kehren beide in ihre Heimat zurück.

Besonders wertvoll macht diesen Roman der Umstand, dass er eindrücklich nacherzählt, wie sich die Haltung der Bevölkerung in Montserrats Heimatort gegenüber Revolution und dem sich abzeichnenden Sieg der Franco-Seite wandelt. Wer von Umstürzen träumt, sollte hier genau lesen und zuhören, denn so einfach ist die Sache nicht, auch wenn zu Beginn einer Umwälzung die Begeisterung groß ist.

Leider ist der Roman nur noch antiquarisch erhältlich.

Lydie Salvayre: Weine nicht
aus dem Französischen von Hanna von Laak
Blessing 2016
Hardcover 256 Seiten
ISBN: 978-3896675644

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