Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Prix Goncourt (Seite 1 von 2)

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Der Erzähler sitzt im Gefängnis. Ein bekanntes Szenario, das mir zuletzt im herausragenden Roman von Steffen Kopetzky »Propaganda« begegnet ist. Und natürlich: »Die Blechtrommel« von Günter Grass. Ein spezieller Ort, der dem Erzähler einerseits eine gewisse Ruhe, weil Abgeschlossenheit von der Außenwelt verschafft; andererseits aber unruhestiftend, denn Gefängnisse sind geprägt von Gewalt, Aufruhr, schlechtem Essen und eben Straftätern.

Anders als Grass und Kopetzky lässt Jean-Paul Dubois in seinem preisgekrönten Roman »Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise« seinen Erzähler nicht schreiben, das wäre unmöglich. Während in der vergitterten Gegenwart die Zeit langsam voranschreitet und der Leser eingeführt wird in die Umstände, die erbärmlichen Verhältnisse innerhalb und extremen Wetterbedingungen außerhalb der Mauern, breitet sich in langen Schleifen und Rückblenden das Leben des Ich-Erzählers aus.

Zunächst ist völlig unklar, warum Paul Christian im Gefängnis sitzt, klar ist nur, dass es zu einem Gewaltausbruch gekommen ist. Seine Strafe sitzt er in einem kanadischen Gefängnis ab, in einer Region, in der es zum Jahreswechsel durchaus achtundzwanzig Grad unter Null sein kann. Ein Teil des Romans beschreibt, wie er das Dasein als Gefangener erlebt, gemeinsam mit einem Gewalttäter namens Patrick in einer Zelle, ohne Privatsphäre und einem Klo.

Die Haft zieht die Tage in die Länge, streckt die Nächte, dehnt die Stunden, verleiht der Zeit eine breiige, angeranzte Konsistenz. Jeder hier hat das Gefühl, sich in einem zähen Schlamm zu bewegen, aus dem er sich bei jedem Schritt herausziehen muss, mit aller Kraft darum kämpfend, nicht im Selbstekel stecken zu bleiben. Das Gefängnis begräbt uns bei lebendigem Leib. Die mit kurzen Strafen können Hoffnung haben, die anderen befinden sich bereits im Massengrab.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Nur ein Beispiel von der erzählerischen Kraft, über die Dubois verfügt. Aus meiner Sicht nimmt der Roman auch in dieser Hinsicht einen recht langen Anlauf, ehe sich der Autor aus dem ihm zu Verfügung stehenden Werkzeugkasten der Sprache bedient. Inhaltlich gerät das Leben der Handelnden zu diesem Zeitpunkt bereits ins Rutschen, das, was die »Röhren des Schicksals« enthalten und ausspeien, lenkt ihre Geschicke.

Paul stammt aus Frankreich. Sein Vater war ein protestantischer Pastor aus Dänemark, seine Mutter betrieb ein Programmkino in der französischen Provinz. Ein sehr ungewöhnliches Paar mit ebensolchen Berufen, deren Zusammenkommen und -bleiben ein Zufall ist. Die Ehe der Eltern, im Grunde ein Unding, zerbricht irgendwann auf ziemlich rabiate Weise, nachdem sie bereits jahrelang vor sich hin siechte.

Pauls Leben ist mehr als ein Vierteljahrhundert geprägt von einem unauffälligem Werdegang, der sich von den besonderen seiner Eltern abhebt. Eine Art Verwalter in einem Wohnkomplex mit vielen Wohneinheiten, in dessen Eingeweiden Paul für einen mehr oder weniger reibungslosen Ablauf der nötigen Dinge zu sorgen hat.

Das auf den ersten Blick kleine Leben kontrastiert mit der Gewalttat, über die der Leser erst lange nach dem Zellgenossen informiert wird. Bis dahin ist allerdings klar, dass Pauls Existenz eben doch nicht so konform ist, wie es zunächst scheint, sondern mit den Widrigkeiten der Welt, ihren Regeln, und schließlich den Zudringlichkeiten eines ganz speziellen Menschenschlags kollidiert.

Als Patrick den Grund für meine Inhaftierung erfuhr, interessierte er sich für meine Geschichte mit dem Wohlwollen eines Gildenbruders, der von den ersten ungeschickten Versuchen eines Lehrlings Kenntnis nimmt.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Recht früh wird deutlich, dass es sich um kein kapitales Schwerverbrechen handelt. Eigentlich würde er wegen guter Führung früher entlassen werden, eigentlich weiß Paul darum, wie er sich zu geben hat, um die nötige Empfehlung zu erhalten, eigentlich ist ihm klar, dass jeder im Knast darum weiß – nur tut er es nicht. Im Gegenteil. Die Gewalttat und der bockige Nonkonformismus im Gefängnis überraschen, das reißt eine Leerstelle auf, die im Handlungsverlauf langsam geschlossen wird.

Im Grunde genommen ist das gewöhnliche Leben Pauls in seinem Beruf von einem ungeheuren Druck geprägt. Pauls Job bereitet ihm oft schlaflose Nächte, die Herausforderung, ein 200.000 Liter fassendes Schwimmbad in der notwendige Balance zu halten, ist lange übermächtig. Und ja, ausgerechnet dieses Schwimmbad liefert den Anlass, für eine Handlung, die letztlich in der Gewalttat mündet, alles wird fein vorbereitet und angedeutet.

Bei seinem Lebenslauf lernt Paul eine Reihe seltsamer Orte und Menschen kennen. Ein so genannter »casuality adjuster«, eine Person, die darauf spezialisiert ist, für Versicherungen durch persönliche Nachforschungen oder Gespräche mit Hinterbliebenen die finanzielle Last zu verringern. Das Zitat beschreibt, wie dieser Mann seine eigene Tätigkeit sieht und gegenüber Paul offen beschreibt.

»Ich gehe einer schmutzigen Arbeit nach, mit schmutzigen Methoden inmitten von schmutzigen Leuten.«

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Es ist nicht die einzige Passage im Roman, an der Dubois massive Sozialkritik übt, aber eine der prägnantesten, was sicher daran liegt, dass der Autor die Form eines offenen, selbstanklagenden Geständnisses wählt. Dubois nimmt generell die Auswüchse des kapitalistischen Wirtschaftens in den Fokus, statt des mahnend und oft selbstgefällig in die Höhe gereckten Zeigefingers wählt er den Humor: lakonisch, ironisch oder einfach zum Schreien komisch.

Durch die beinahe gemächliche inhaltliche Zuspitzung wird die Kritik an den dunklen Schatten des Kapitalismus, der glücklicherweise keineswegs per se infrage gestellt wird, immer schärfer. Seine unmenschlichen Seiten geraten in den Mittelpunkt und Dubois bleibt zum Glück bei seiner sehr anschaulichen und unterhaltsamen Art, diese vorzubringen.

Als es beispielsweise um die aberwitzigen Summen geht, die von Bankern während der Finanzkrise vernichtet wurden, lässt er Pauls Mithäftling fragen, ob der ausrechnen könne, wieviel seiner geliebten Harley Davidsons man davon hätte kaufen können – wenn er ihm den Neupreis verriete.

Die Gewalttat, die den Ich-Erzähler ins Gefängnis gebracht hat, fällt überraschend heftig aus, gemessen an dem oft harmlosen, lakonischen, überlegt-zurückhaltenden Verhaltens- und Erzählweisen. Es ist, als wäre der Punkt erreicht, an dem der Wolf aus dem Menschen hervorbricht und seinen Peiniger traktiert. Insofern ist es auch eine Warnung an Politik und Gesellschaft, denn wenn dieser Punkt erst erreicht wird, fließt Blut.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Eric Vuillard mit seinem Buch „Die Tagesordnung“ ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang seines Buches bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

„Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer „Wahrheit“ in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter „Quellen“.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der „Blitzkrieg“ genannt wird.

„Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la „Blitzkrieg“ sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten „Anschluss“ geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von „Blitzkrieg“.

Der „Bluff“, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem Blitzkrieg wie 1940 konnte also gar keine Rede sein.

„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman „Munich“ wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung. Und es hat abermals funktioniert!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

„Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.“

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

„Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.“

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von „Das Boot“ zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk im engeren Sinne auch nicht. Es ist eine historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Der Roman, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, hat mich enttäuscht. Er fängt geradezu billig an, ein schockierender Moment, auf den die retrospektiv gestrickte Handlung zuläuft. Mit diesem Kniff wird der Leser bei der Stange gehalten wie ein Esel, der hinter einer Möhre vor seiner Nase hertappt. 

Leider ist auch die Auflösung einigermaßen misslungen. Das Motiv der Täterin wirkt konstruiert und sachlich zweifelhaft, ihr tödlicher Akt übertrieben und aus dem, was im Roman beschrieben wird, nicht vollständig nachzuvollziehbar.

Zum Glück bleibt es zwischen dem blutigen Bug und Heck des Romans interessant. Slimani hat keinen Psychothrillers im Stile des Films „Die Hand an der Wiege“ von 1992 geschrieben, sondern ein karstiges, sprachlich erstaunlich schlichtes Sammelsurium an Handlungen, eingeflochtenen Rückblenden und Abfolgen grenzwertiger bzw. übergriffiger Aktionen.

Stärken zwischen blutigem Bug und Heck

Und doch hat der Roman seine Stärken, die ihn trotz der vorgebrachten Kritik lesenswert machen. Wer einmal angefangen hat, kann sich der Sogwirkung der Handlung nicht entziehen. Wir sind eben doch alle Lesel (Leser + Esel) und folgen brav den Verlockungen der Möhre. Doch gibt es noch viel mehr. 

Slimani zeigt am Beispiel von Myriam und Paul Massé, was unter hochglänzenden Lügen über erfolgreiche Jungfamilien steckt, die ihr Leben zwischen Beruf, Ehe und Erfolg im Griff haben und nichts anderes als glücklich zu sein scheinen. Es geht unter die Haut, allerdings keineswegs überemotional oder schwärmerisch, sondern nüchtern und oft abstoßend.

Die Akteure machen viel richtig. Sie reflektieren ihre Handlungen und Fehler, sprechen miteinander und versuchen, Lösungen zu finden. Und doch verstricken sie sich immer stärker in das nahende Unheil, das Schatten wirft, die bagatellisiert oder ignoriert werden.

Den Erfolgreichen zur Seite und auch gegenüber stehen jene, deren Leben dazu dienen, den Bessergestellten die Steine aus dem Weg zu räumen, der zum beruflichen Erfolg führt. Sie haben viele Gesichter und werden von Slimani mit der gleichen Distanz und präzisen Beobachtung geschildert, wie die Erfolgreichen.

Louise, die Kinderbetreuerin (und Mädchen für alles) der Massés, ist weiß und damit eine Ausnahme unter den Nounous, die Wurzeln in vielen Ländern außerhalb Frankreichs haben. White Trash, könnte man sagen, denn sie gehört zu jenen Existenzen, die als „sozial schwach“ gelten.

Slimani mischt noch eine weitere Kehre in die Personen hinein, denn die Myriam hat nordafrikanische Wurzeln und ist – im Gegensatz zum gängigen Weltbild – in diesem Buch die erfolgreiche Aufsteigerin.

Keine Problemlösung

Niemand kann eigentlich genau sagen, woher die Probleme kommen, geschweige denn, wie sie sich lösen ließen. Darum geht es in „Dann schlaf auch du“ nicht, sondern um die (Selbst-)Lügen, die alles verschärfen. Und darum, dass selbst gut gemeinte Hilfsangebote ins Leere laufen können. So wie Louise, die Kinderhüterin und selbstherrliche Herrin über deren Leben, in diesem Fall.

Es gibt in diesem Buch keine einzige durchweg positive Figur, Rettung naht von nirgends. Slimani lässt zum Beispiel eine Schwiegermutter der Massés sich einmischen, in himmelschreiend bigotter Manier, zum Teil motiviert durch eigene (unerfüllte) Wünsche, Pläne und Vorstellungen. Konsequenzen werden nicht gezogen, bestenfalls angedroht, aus einer spontanen, schnell verlöschenden Neigung heraus.

„Um ihre Schwiegertochter auf die Palme zu bringen, nennt sie die Kinder „meine aus dem Nest gefallenen Vögelchen“. Sie bemitleidet sie gerne dafür, dass sie in der Stadt leben, inmitten von Schmutz und Achtlosigkeit. Sie möchte den Horizont dieser Kinder erweitern, die dazu verdammt sind, korrekte Leute zu werden, zugleich unterwürfig und autoritär. Hosenscheißer.“

Leïla Slimani: Dann Schlaf auch du

So treibt die Handlung auf das bereits im ersten Kapitel geschilderte Fiasko zu, das in einiger Hinsicht überflüssig wirkt, denn es bringt über die Bluttat hinaus nichts Wesentliches. Die Polizistin, die verstehen will und hartnäckig forscht, könnte als Aufforderung zum genauen Hinsehen verstanden werden. Als Weckruf für eine Nation, deren Eliten es sich bequem gemacht haben, wie ein Säugling eingelullt von einem Wiegenlied.

Der Titel lautet im Original Chanson Douce, also Wiegenlied. Die deutsche Übersetzung verzichtet auf dieses Wort, was wohl zu bieder und nicht verkaufsträchtig genug erschien; stattdessen greift man einen Uralt-Wiegen-Schlager von Heino Gaze, den Heinz Rühmann berühmt machte. Die letzte Verszeile „drum schlaf´ auch du“ liefert die Vorlage für den zurechtgeschliffenen Buchtitel.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Les Enfants du désastre Teil 1

Der Erste Weltkrieg nimmt in Frankreich einen bedeutenden Platz in der Erinnerungskultur ein. Nicht umsonst spricht man im Nachbarland vom „Grande Guerre“, dem Großen Krieg. Ganz anders der Zweite Weltkrieg, was sicherlich daran liegt, dass Frankreich 1940 eine katastrophale Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht hinnehmen musste und gegenüber den anderen Siegermächten mit einem Minderwertigkeitskomplex belastet war.

Im Ersten Weltkrieg hat Frankreich trotz eines Beinahe-Zusammenbruchs 1917 standgehalten und stand am Ende in der Sicht von Politik, Militär und weiter Teile der Bevölkerung unzweifelhaft auf der Siegerseite. Das sollte vor Augen haben, wer den Reihentitel der Trilogie liest: Les Enfants du désastre. Die Kinder des Desasters.

Sie gibt die Marschordnung für den Roman „Wir sehen uns dort oben“ vor. Das nachfolgende Zitat zeigt exemplarisch, wie Lemaitre zur Desillusionierung und Entglorifizierung des Grande Guerre beiträgt. Lakonisch stellt er eine dramatische Untertreibung gegen die ungeheuer brutale Realität: ein bisschen Ordnung versus unzählige Opfer standrechtlicher Erschießungen.

Es war oft die Rede vom Kriegsgericht, vor allem 1917, als Pétain wieder ein bisschen Ordnung in all das Chaos gebracht hatte. Es gab standrechtliche Erschießungen, keiner weiß wie viele.

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Es kommt in bestimmten Kreisen sicher noch immer einem Sakrileg gleich, das Wort Desaster nicht mit 1940, sondern dem Großen Krieg und den ihm nachfolgenden Jahren in Verbindung zu bringen. Tatsächlich verblasst die Gloire des siegreichen Krieges mit jeder Seite dieses Buches. Dabei ist der Roman weit entfernt von einer blutdruckgeschwängerten Anklageschrift.

Ganz im Gegenteil. „Wir sehen uns dort oben“ ist eine bitterböse Tragikkomödie, die mit zum Teil tiefschwarzem Humor die Grenze zur Groteske überschreitet und selbstverständlich politisch absolut unkorrekt ist. Das Antlitz französischer Kriegsheroen ausgerechnet mit dem Ludendorffs zu vermischen, ist nur eine der vielen, bissigen Ungeheurlichkeiten.

General Morieux schien sehr betagt, er sah aus wie einer von diesen alten Kerlen, die ganze Generationen von Kindern und Kindeskindern in den Tod geschickt hatten. Man nehme das Portrait von Joffre und Pétain zusammen und vermische das Resultat noch mit Nivelle, Gallieni und Ludendorff, dann hat man Morieux, […]

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Die drei Hauptfiguren, die einfachen Soldaten Albert Maillard und Édouard Péricourt, sowie der zynische Offizier Henri d’Aulnay-Pradelle, sind keine Lichtgestalten. Entsprechend entwickelt sich die Handlung entlang mehrerer haarsträubender Betrügereien, einer aus Geldgier, die andere aus Geldnot, weil die aus dem Feld zurückgekehrten Soldaten ihre Drogensucht bedienen müssen. Gemeinsam ist beiden Erzählfäden der unsentimentale Umgang mit den Kriegstoten und dem Gedenken an sie.

Brutales, unheroisches Kriegsende

Die Erzählung des Auftaktbandes setzt im November 1918 ein, wenige Tage vor dem Waffenstillstand. Was geschildert wird, ist alles, außer heroisch. Offizier Pradell erzwingt aus persönlichem Ehrgeiz einen militärisch sinnlosen Angriff gegen die bereits passiven Deutschen und ergreift verbrecherische Mittel, um ihn bei den unwilligen Mannschaften durchzusetzen.

Er schickt einen Spähtrupp aus, zwei französische Soldaten, die er selbst niederstreckt und den Deutschen in die Schuhe schiebt, um das kriegsmüde Kriegsvolk zu einem letzten Angriff zu bewegen. Die blutige List gelingt, begleitet von einem wütendem Artilleriefeuer gehen die französischen Soldaten vor.

Albert bemerkt während des Angriffs die von Pradelle begangene Untat, der Offizier wiederum erkennt, dass er ertappt wurde, und befördert den Zeugen in eine lebensbedrohliche, ja faktisch tödliche Lage. Édouard eilt Albert unverhofft zu Hilfe, wird bei seiner verzweifelten Rettungstat getroffen und für den Rest seines Lebens fürchterlich entstellt.

Pradelle kommentiert das wie folgt:

Eine Granate mit den Zähnen auffangen zu wollen, ist eben ein wenig unvernünftig, da hätte er eben mal lieber mich um Rat fragen sollen.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns Dort Oben


Das Trio geht nach dem Waffenstillstand unterschiedliche Wege, trotzdem bleiben die Männer wie durch unsichtbare Bänder miteinander verbunden. Der Krieg bleibt zentrales Thema, allerdings immer weniger von Gloire umwittert: Es wird betrogen, gelogen, intrigiert, Geschäfte werden mit und auf den Gräbern der Gefallenen gemacht und die Moral bleibt auf allen Seiten auf der Strecke.

Das kriegstriumphale Frankreich präsentiert sich als verrotteter Morast, voller Korruption und Falschheit, das seine Frontkämpfer mit einer Kälte empfängt und im Stich lässt, die allen geschraubten Reden und Ankündigungen Hohn spricht. Der Autor lässt seine Helden mitmischen, sie versuchen, in dem gruseligen Spiel um Geld und Macht ihren Schnitt zu machen, fern jeder moralischen Reinheit.

Pierre Lemaitre ist untadelig boshaft, bisweilen sehr lustig in seiner ungeheuer tempo- und abwechslungsreichen Erzählung, seine Figuren haben Tiefe, Charakter und handeln wunderbar motiviert und nachvollziehbar. Sein Buch ist völlig zurecht mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, denn das ist es: ausgezeichnete Literatur!

Einen interessanten Leseansatz hat Uwe Kalkowski auf seinem wunderbaren Blog Kaffeehaussitzer zu Lemaitres großartigem Buch veröffentlicht: Er sieht darin einen Schelmenroman und geht etwas ausführlicher auf den Inhalt ein als ich.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Zu Beginn des Romans blickt der Leser in eine Art zerbrochenen Spiegel: Die Scherben zeigen den schmalen Ausschnitt eines Lebens, zunächst einer Person, die ihren Weg als professioneller Killer geht. Das überrascht, klingt dieser Auftritt doch mehr nach einem Thriller als nach dem Werk eines Prix Goncourt Preisträgers.

Es bleibt nicht bei einer Scherbe, eine ganze Reihe von menschlichen Daseinsformen wird ausgebreitet. Naturgemäß ist dieser Romanabschnitt eine nahezu plotfreie Zone, was manchen Leser erschöpft, einige zum Aufgeben zwingt. Und doch ist es nötig für das Vorhaben von Hervé Le Tellier, der mit diesem bunten Strauß eine erzählerische Reise antritt, die eine enorme Flughöhe erreicht.

Man muss dem Roman „Die Anomalie“ entsprechend Zeit geben.

Die Spiegel-Scherben-Personen haben nämlich eine Gemeinsamkeit: Sie fliegen mit einem Air France Flieger von Europa in die USA. Unterwegs gerät die Maschine in ein dramatisches Unwetter und dadurch geschieht etwas absolut Unglaubliches, worüber die Käufer des Buches schon durch den Klappentext informiert werden: Der Flieger erreicht die USA zweimal mit einem Zeitabstand von mehrere Monaten.

Klappentext verringert Schockwirkung

Voilà! Die Kulisse für eine atemberaubende Geschichte ist aufgestellt. Durch die geschickte Strukturierung seiner Erzählung gelingt es dem Autor, den Leser einige Zeit an der Nase herumzuführen, trotz des stark spoilernden Klappentextes. Es ist fast ein wenig schade, dass dieser so gefasst wurde – die Wirkung ohne diese Vorabinformation würde eine gewaltige Wucht entfalten.

Doch auch so lässt Le Tellier sein Publikum erschaudern. Die lakonische, detailreiche, dabei zu keinem Zeitpunkt barock-überladen wirkende Erzählweise lässt niemanden entkommen, der sich durch das fast stehende Gewässer am Anfang hindurchgekämpft hat. Die Personen des zerbrochenen Spiegels verbindet nämlich, dass sie in diesem Flugzeug saßen und nun fast alle zweimal auf Erden weilen.

Platzierte Hiebe in alle Richtungen

Was auf den ersten Blick wie Science Fiction wirkt und durchaus mit Action hätte ausgeführt werden können, ist vielmehr ein multiperspektivisches Kammerspiel mit Niveau. Le Tellier lässt es sich nicht nehmen, Hiebe auszuteilen, die einen zeitkritischen Charakter haben: Trump, Frankreich, Nachrichtendienste, nerdige Wissenschaftler, Soziale Medien, US-TV-Show, fanatische Christen werden mit einer feinsinnigen Gnadenlosigkeit seziert.

Und im Herzen dieses endlosen Brandes, der Amerika seit jeher verzehrt, in diesem Krieg, den die Finsternis gegen den Verstand führt, in dem die Vernunft Schritt für Schritt vor der Ignoranz und dem Irrationalen zurückweicht, legt Jacob Adams die dunkle Rüstung seiner primitiven wie absoluten Hoffnung an.

Hervé Le Tellier: Anomalie

Vor diesem Hintergrund erleben die Protagonisten ihr Schicksal, der Leser folgt ihren Versuchen, mit dem Undenkbaren fertigzuwerden. An manchen Stellen ist der Roman ungeheuer komisch, an anderen von bitterböser Klarheit und das Echo eines Pessimismus, das die Überlebensfähigkeit der Menschheit infrage stellt.

Eine Warnung

Und ja. Insofern ist es ein Science Fiction. Immer schon waren Autoren des Genres darauf bedacht, Warnungen zu verbreiten. Diese Fingerzeige kamen oft in düsterem Gewand der Dystopie daher. Die „Anomalie“ ist überwiegend heiter, grotesk, witzig, aber auch brutal, grausam und niederschmetternd. Und sie trifft tief, wenn dem Leser klar wird, dass er tatsächlich in einen Spiegel schaut, den seiner eigenen Existenz.

Ein wundervolles, großartiges Buch. Es passt sehr gut zu den bisherigen Erfahrungen, die ich mit Prix Goncourt-Preisträgern gemacht habe. Dabei enthält es Bestandteile, die ich überhaupt nicht mag. Bücher mit einem Titel, der im Buch selbst als Buchtitel vorkommt, schrecken mich gewöhnlich ab. In diesem Fall habe ich das sehr gern inkauf genommen.

Auf den Roman bin ich zuerst durch einen Blog-Beitrag auf rezensionsnerdista.de aufmerksam geworden. Eine weitere Buchvorstellung mit einem etwas anderen Blick auf das Buch gibt es auf dem sehr schönen Blog Horatio-Bücher.

« Ältere Beiträge

© 2022 Schreibgewitter

Theme von Anders NorénHoch ↑

Cookie Consent mit Real Cookie Banner