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Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der Roman wurde 2022 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und weithin gelobt. Für mich eher eine Enttäuschung. Cover Hanser, Bild mit Canva erstellt.

Die ersten achtzig Seiten war meine Lektüre von mehr oder weniger lautlosen Seufzern begleitet, ehe der preisgekrönte Roman seine Qualitäten entfaltet. Danach nimmt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Leser gefangen und hält ihn fest umschlungen, auch wenn der Inhalt von den Pageturner-Niederungen weit entfernt ist, möchte man unbedingt weiterlesen. Der letzte Romanteil ist bedauerlicherweise eine Enttäuschung und so bleibt ein zwiespältiger, tendenziell negativer Eindruck zurück.

Romane mit Ich-Perspektive oder Schriftstellern als Protagonisten bereiten mir immer Mühe, tritt beides in Kombination auf und drehen sich Gedanken und Gespräche der Handelnden um die Schreiberei, Literatur und den Buchmarkt, wird es zäh. Diese Dreifaltigkeit ist meine literarische Nemesis und in Moahamed Mbougar Sarrs Roman tritt sie dem Leser entgegen. Tatsächlich habe ich an manchen Stellen sogar erwogen, die Lektüre einzustellen.

Doch sind Sprache und Inhalt von Anbeginn an auf einem recht hohen Niveau, die Erzählung geht flott voran und touchiert bereits das, was nach rund einem Fünftel anhebt: Die Suche nach T.C. Elimane, dem verschollenen und von Rätseln umwirkten Schöpfer eines skandalträchtigen Romans. Der ist 1938 unter dem Titel Das Labyrinth des Unmenschlichen erschienen und wurde gefeiert und angefeindet, wie es zum – nun, ja: guten Ton der Literaturszene gehört.

Ich sage es dir noch einmal: Das Ganze ist nichts weiter als eine Komödie. Eine finstere Komödie.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der junge Schrifsteller Diégane, senegalesischer Herkunft wie Elimane und wohnhaft in Paris (wo auch sonst), gehört zu einer Generation von Schreibenden, die noch auf der Suche sind und sich dabei gern in worthülsige Debatten um „die Literatur“ und ihre Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Sinn, Unsinn und allerlei andere unlösbare, daher unendlich ergiebige Themen ergehen. Um es vorwegzunehmen: In ähnlich schwergängigem Gelände endet der Roman auch wieder.

Diégane ist mit dem geheimnisvollen Buch Elimanes in Berührung gekommen, obwohl es wegen Plagiatsvorwürfen vom Verlag zurückgezogen werden musste. Eigentlich gibt es keine Exemplare mehr, doch wird Diégane überraschenderweise mit einem beschenkt – ein zweischneidiges Schwert, denn die Schenkerin beneidet und bemitleidet den Beschenkten zugleich. Ominöse Prophezeiungen dieser Art haben immer etwas Stiefeliges, leider bleibt es nicht die letzte im Romanverlauf.

Elimanes Roman wohnt ein Zauber inne, der seine Leser in Bann schlägt. Zumindest die Schriftsteller-Peer von Diégane kann sich diesem nicht entziehen, auch die Hauptfigur nicht. Dergleichen Geniales etwas ist immer etwas problematisch in Romanen (oder Filmen), denn ausgedachte Genialität kann immer nur behauptet und nicht gezeigt oder erzählt werden. Passagen, die über die Brillanz des jeweiligen Werkes Auskunft geben sollen, wirken rasch aufgeblasen.

Ja, sagte ich, ja, in diesem Land will ich Bürgerin sein, diesem Königreich will ich Treue schwören, dem Königreich der Bibliothek.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Das kann man nicht von den Rezensionsschnipseln sagen, die Sarr in seinen Text einstreut. Das Feuilleton ist begeistert, neidisch, beleidigt, misstrauisch, vorwurfsvoll und rassistisch und auch vernichtend. Dem Autor ist es gelungen, diese Einschübe (und viele andere) organisch mit seiner Erzählung zu verweben, gleichzeitig den Fluss des Erzählens zu brechen – als handelte es sich um Steine in einem Strom.

Sarr spielt mit der Sprache und den Erzählperspektiven, der Leser darf sich immer wieder auf Neues einstellen, der gewohnte Gang des Erzählens wechselt, Perspektiven lösen sich auf, geschickt eingeflochten in die Handlung durch Erscheinungen und Assoziationen, wodurch die zeitlich und örtlich weit voneinander entfernt liegenden Ereignisse unmittelbar miteinander verknüpft werden. Als Leser ist man gut beraten, aufmerksam zu sein, sonst überhuscht man leicht jene kleinen Hinweise darauf, wer eigentlich spricht.

Inhaltlich hat mich ein Aspekt besonders beeindruckt. Die Geschichte, die mir in Studium und Lektüre so vertraut geworden ist, wird in diesem Roman aus einer ganz anderen Sichtweise geschildert, nämlich der mehrerer Senegalesen. Kolonialismus, kulturelle Assimilation und die Liebe zu einem Land, das als Beherrscher auftritt, für das der Beherrschte dennoch in den Krieg zieht. Einfach ist hier gar nichts, denn dieses Handlungsmotiv führt zu einem Kern von Die geheimste Erinnerung der Menschen.

»Mit Hilfe seiner afrikanischen Söhne und Brüder wird Frankreich den Krieg schnell gewinnen.«

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Die Spurensuche, die Sarr in bemerkenswert abwechslungsreicher Weise ausführt, ist spannend, trägt kriminalistische bzw. allgemeiner formuliert investigative Züge. Die Hauptfigur jagt einem Phantom nach, das nicht gefunden werden will; ihm begegnet man, wenn er es will. Leider dichtet Sarr seinem Elimane intellektuelle und körperliche Eigenschaften an, die man ihm ab einem gewissen Punkt nicht mehr abnehmen möchte.

Sarr scheut sich nicht, die Grenzen zwischen Realität und Mystik verschwimmen zu lassen, das funktioniert zumeist, weil er diese Übertritte auf erklärbaren Ursachen fußen lässt – etwa Drogen, Fieber und natürlich Träume. Weniger fundamentiert sind die Äußerungen derjenigen, die sich mit dem Buch und seinem Urheber befassen, Elimane Wirkung und die seiner Schrift, die seine Leser wie ein Zauberelexir in – man muss es leider so deutlich sagen – schwülstige Verzückung versetzt.

Das Ende erscheint mir schwach, der letzte Satz regelrecht banal. Das ist immens schade, denn auf dem langen Weg dahin touchiert Sarrs Erzählen eine ganze Reihe hochspannender Aspekte, etwa die Erlebnisse seines Freundes Musimbwa, der über ein immens beklemmendes und bedrückendes Kindheitserlebnis berichtet und lang langem Kampf mit sich selbst eine radikale Abkehr von der europäischen Literatur-Kultur hin zu einer eigenen Tradition vollzieht. Das bleibt aber bloße Episode, wie viele andere Dinge, etwa den – scheinbar obligatorischen – Nazi-Auftritt und eine Halbsatz-Jagd nach selbigen Schurken im Nachkriegssüdamerika.

So bleibt ein zwiespältiges Empfinden zurück, auch wenn ich Die geheimste Erinnerung der Menschen insgesamt für durchaus lesenswert halte. Der Roman hat unbestreitbar Stärken, ist ungewöhnlich vielfältig in Stil und Form, die nicht zu Fingerübungen verkommen, sondern mit dem Inhalt verwoben bleiben, der überwiegend mit einer schönen Sprache dargeboten wird. Trotzdem bleibt der Eindruck, einen schwächeren Preisträgerroman des Prix Goncourt gelesen zu haben.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen
aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hanser Verlag 2022
Hardcover 448 Seiten
ISBN: 978-3-446-27411-2

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Der preisgekrönte Roman des Franzosen Alexis Jenni führt uns mitten hinein in den Indochina- und Algerienkrieg, zielt aber auf die Gegenwart Frankreichs. Bild mit Canva erstellt, Cover Luchterhand.

Nein, das ist kein Roman über den Krieg, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Alexis Jenni erzählt von der Gegenwart Frankreichs. Er legt tief in der Geschichte verborgene Wurzeln offen, die bis in die Zeit der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht zurückreichen, und über den Indochina-Krieg und den Algerienkrieg jenes Unheil heraufbeschworen haben, das trotz aktiver Verdrängung nicht verschwunden ist und die Gegenwart prägt.

Koloniale Kriege sind rassistische Kriege. Rassismus spielt eine wichtige Rolle in dem Roman. Jenni nimmt eine sehr pointierte Haltung zur Kategorie Rasse ein, denn er sagt, dass Rasse nur existiere, wenn man davon spreche. Sie sei keine Naturgegebenheit. Viele Motive, die das gegenwärtige Leben und die politische Diskussion prägen, werden in Die französische Kunst des Krieges aufgegriffen und durchdekliniert. Polizeikontrollen etwa, die bei der Auswahl der Kontrollierten auf deren Aussehen zurückgreifen.

In Kolonialkriegen zählt man nicht die Toten der Gegner, denn sie sind weder Tote noch Gegner: Sie sind ein Geländehindernis, das man überwindet, wie spitze Steine, Mangrovenwurzeln oder Mücken. Man zählt sie nicht, weil sie nicht zählen.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Durchdekliniert klingt trocken. Gemeint ist, dass Jenni sich herausnimmt, den Leser ins Detail zu verstricken. Den Schreibstil des Autors prägt eine beeindruckende Beobachtungsgabe, er seziert wie ein Wissenschaftler Dinge und rückt sie in ein neues Licht. Dabei geht er nicht gerade bürgerlich-rücksichtsvoll vor. Der Ich-Erzähler gehört in der bürgerlichen Sozialmoral zu den Versagern, Drückebergern, Arbeits- und Leistungsverweigerern.

In einem für mich sehr unangenehmen Kapitel stößt sich diese Person selbst aus dem wohlsituierten Gesellschaftskreis aus und beginnt einen Sinkflug in die untere soziale Schicht. Ein hübscher literarischer Kniff, denn nur durch das Verlassen der Blase beginnt das nötige Wahrnehmen. Auf seinem Weg kommt er in Kontakt mit einem ehemaligen französischen Offizier der Luftlandetruppen namens Victorien Salagnon. Dieser lehrt ihn die Kunst des Malens, im Gegenzug hört der  Ich-Erzähler die Geschichte des Soldatenlebens an, die Geschichte von zwanzig Jahren Krieg.

Zwanzig Jahre lang folgte ein Krieg auf den anderen, und jeder tilgte die Spuren des vorherigen, die Mörder des einen Krieges tauchten im folgenden unter.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die Französische Kunst des Krieges ist ein fesselnder Roman, der auch auf jene Leser ohne besondere Affinität zu (Kriegs-) Geschichte seinen Reiz ausübt, ihn wie ein Sog erfassen und mitreißen kann. Zumutungen sind Teil des Erzählens, wie jene Passagen, die entlang der Grenze zum Essay oder Bericht verfasst sind, emotionale, wütende Ausbrüche, aber auch detaillierte Beobachtungen und Verfremdungen, einige Male von atemberaubender Klarheit, manchmal auch verstörend.

Jenni hat seinen Roman als Wechselspiel inszeniert. Sieben Kapitel sind mit »Kommentar«, sechs mit  »Roman«  überschrieben. Dass an einer Stelle explizit auf Julius Caesars Commentarii de bello gallico verwiesen und dessen geniales Kommunikationsinstrument der literarischen Lüge, die er auf diese Weise in die Welt gesetzt hat, diskutiert wird, dürfte das kein Zufall sein. Der Autor will etwas mit seinem Werk, wenn auch das Gegenteil von dem, was Caesar (und de Gaulle) vorhatten: enthüllen statt bemänteln.

De Gaulle war der größte Lügner aller Zeiten, aber Romantiker sind nun einmal Lügner.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die sieben Kommentare widmen sich vor allem dem Leben und der Erfahrungswelt des Ich-Erzählers, seinen Eindrücken von der Gesellschaft und die Wahrnehmung und Einordnung der Ereignisse. Eine immer stärkere Rolle spielen Victorien Salagnon, seine Ehefrau, eine Algerien-Französin, und ehemalige Kriegskameraden, die den Krieg, die »koloniale Fäulnis« in die Gegenwart der französischen Republik getragen haben.

Die mit »Roman« überschriebenen Teile erzählen vom Werdegang Salagnons, beginnend im Spätherbst 1943, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war. Zwar wendet sich Salagnon auf Weisung seines Onkels der Resistance zu, doch wird deutlich, dass eine Kriegsteilnahme an deutscher Seite durchaus nicht ausgeschlossen war. Die glorifizierte Resistance umflort ein frostiges Zwielicht. Nicht ohne Grund ist dieser Onkel, der wie ein Gespenst immer wieder auftaucht, am bitteren Ende Teilnehmer des missglückten Staatsstreichs gegen de Gaulle.

Salagnon nimmt an den Kämpfen gegen die Deutschen teil, wie alle Kriegsszenen in dem Roman sind sie von einer eigentümlichen Intensität bei gleichzeitiger Nüchternheit und Distanz geprägt. Heroisch ist wenig bis gar nichts an den Schilderungen, weder 1944/45 noch später, in Indochina oder Algerien. Konservativen Geistern dürften sich die Haare sträuben, Linken die Fußnägel krümmen, denn Jenni verlegt sich nicht auf dumpfbackiges Verteufeln; er seziert, diskutiert und lässt dem Leser Raum zum denken. 

Wir bemühten uns, in den heutigen Problemen die gestrigen zu sehen und sie so zu lösen, wie wir sie damals vergeblich zu lösen versucht haben.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

In einer für mich ganz besonders einprägsamen Szene trifft Salagnon auf einen deutschen Offizier. Zwei Meter trennen sie, und doch eine ganz Welt, denn zwischen ihnen ist Stacheldraht gespannt. Es handelt sich um eine Art prophetischen Stabwechsel zwischen der untergehenden Wehrmacht und den Franzosen – eine Vorausdeutung auf das Unheil, das naht. Das Trennende erweist sich als Augenwischerei.

Frankreich, 1940 in demütigender Weise besiegt, schlüpft wieder in die Rolle der Sieger- und Ordnungsmacht und führt zwei hoffnungslose, brutale, menschenverachtende Kriege in seinem Kolonialreich. Die Deutschen sind zumindest in Indochina mit von der Partie, im Rahmen der Fremdenlegion. Jenni räumt ihnen in seinem Roman etwas Raum ein, bedeutsamen, denn die im Vernichtungskrieg erlernten Terror-Taktiken kommen wieder zur Anwendung – und werden von den Franzosen adaptiert. Der Stabwechsel in der Praxis.

Nicht nur die Techniken, sondern auch die Einteilung der Menschen nach  Rassen, eine Kategorisierung, an der sich der Autor durch seine Personen über die gesamte Handlung hinweg abarbeitet. Der Rassismus ist die wichtigste Quelle von dem, was Jennis Protagonist die »koloniale Fäulnis« nennt, die wie Gülle in das politisch-soziale Erdreich des modernen Frankreich eingesickert ist und es zu vergiften droht.

An einer Stelle fragt der Ich-Erzähler Victorien Salagnon entsetzt, was denn schlimmer sein könne, als Folter. Dieser antwortet, die Menschen in »wir« und »sie« zu unterteilen. Das ist – aus meiner Sicht – eine konsequente Absage an identitäres Denken jeglicher Couleur, das immer damit verbunden ist, anderen eine Identität zuzuschreiben; meist Hand ind Hand mit der Reduktion auf eine (erfundene) Identität.

Die Rasse ist ein Furz der Gesellschaft.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die französische Kunst des Krieges ist ein Fingerzeig, ohne pädagogischen Imperativ, der in weiser Lehrermanier Lösungen bietet. So etwas haben Jennis Figuren nämlich nicht, auch nicht der Ich-Erzähler, dem im Laufe der Erzählung peu á peu die Augen geöffnet werden, der beginnt, sich Zusammenhänge des Begreifens zu konstruieren und seine eigenen, durchaus pointierten und radikalen Vorstellungen entwickelt.  Am Ende findet er sein kleines Glück im Privaten.

Ganz nebenbei ist der Roman auch ein Antikriegsroman, der wie kaum ein anderer deutlich macht, dass Kriege weit über die Waffenruhe hinaus nachwirken. Wie Alexis Jenni es ausdrückt: »Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges
aus dem Französischen von Uli Wittmann
Luchterhand 2012
Hardcover 768 Seiten
ISBN: 978-3442747702

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Auf der Seite des von mir sehr geschätzten Literaturblogs Kaffeehaussitzer findet sich ein bemerkenswerter Text über einen wahrlich traumhaften Moment, der in die Zeit zu Beginn der 1990er Jahre zurückführt. Der Fall der Berliner Mauer hatte den Eindruck erweckt, die historisch-politische Schwerkraft wäre aufgelöst (»Ende der Geschichte«). In meinem Fall war es der blutige Nordirland-Konflikt, der tatsächlich lösbar erschien – und mehrere Jahre später in einem Abkommen wirklich beigelegt wurde. Europa als Überwindung des Nationalismus – alles schien möglich.

Das Beispiel Nordirland zeigt aber auch: Die Geister kehren 25 Jahre später mit Macht zurück. Es ist zutiefst deprimierend und in gewisser Hinsicht auch das Zeichen des Scheiterns. Meines eigenen, denn ich habe mich damals naiv und selbstgewiss auf die automatischen Wirkkräfte Europas und der Demokratie verlassen; nicht lange, denn spätestens die Kriege im zerbrechenden Jugoslawien wirkten wie eine kalte Dusche. Schon damals wurde mir auf brutale Weise klar, dass jede Form von Pazifismus der beste Steigbügelhalter für den Krieg ist. Vielen gehen es jetzt die Augen auf, manche lassen sie trotz Putins Vernichtungskrieg lieber geschlossen.

Was ich damals nicht gesehen habe, ist eine Bedrohung ganz anderer Art. Die hat Nicolas Mathieu in seinem preisgekrönten Roman »Wie später ihre Kinder« als eine Art aktive Kulisse in seinem Coming of Age Roman verbaut: Deindustrialisierung, Niedergang, Prekarisierung, Radikalisierung der Dienstleistungsgesellschaft. Wer sich die jüngsten Wahlergebnisse in Frankreich anschaut und zusieht, wie die Republik zwischen den rechten und linken Demokratie- und Europafeinden langsam zerrieben wird, sieht die langfristigen Folgen von dieser Bedrohung.

So wuchsen die Familien wie Pflanzen auf einem Boden aus Wut.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Aktive Kulisse bedeutet, sie zeigt sich, sie mischt sich ein, tritt als Teil des Schauspiels in Erscheinung. Manchmal ist es nur ein kleiner Satz, manchmal eine wunderbar erzählte, sprachlich kunstvoll gewobene Darstellung der Verhältnisse; immer verknüpft mit dem aktuellen Geschehen, von dem ausgehend weite Schleifen in die Vergangenheit (der Person, des Ortes oder eines Vereins) greifen. Das ist keineswegs immer politisch oder sozial, oft dreht es sich um die Entwicklung einer Hauptfigur oder einer Beziehung zwischen zwei Personen.

Glücklicherweise lässt sich Mathieu in der Wahl seiner ungewöhnlichen Mittel nicht irrtieren. Soe lässt sich der Autor beispielsweise mitten in einer Sex-Szene erst einmal darüber aus, was die junge Frau dazu bringt, ausgerechnet mit diesem jungen Mann intim zu werden – was angesichts der bis dahin erzählten Verhältnisse eine Überraschung darstellt, zumal der Beischlaf an heiklem Ort und in einer obskuren, völlig unmöglichen (und doch irgendwie typischen) Situation stattfindet.

In seinem Handlungskern folgt Mathieus Roman dem Weg mehrerer Jugendlicher über die Schwelle ins Erwachsenenleben. Anthony, Stéph, Hacine sind die drei Protagonisten, doch auch andere wirken kräftig mit. Es geht um Drogen, Sex, wild wirbelnde Hormone, Partys, Saufen, aber auch Gewalt, Integration, Rassismus – und ab und zu gibt es Textstellen von ungeheurer Wucht, wenn es wie in der folgenden um einen musikalischen Kometen geht, der damals auf die Erde einschlug: Nirvana.

Auf der Terrasse wurde die Musik lauter gedreht. Alle hörten hin. Dieser Song, der auf MCs rauf und runter gespielt wurde – normalerweise wollte man dabei eine Gitarre in Stücke hauen oder die Schule in Brand stecken, aber jetzt wurden alle ganz still.
Er war noch neu, ein Song aus einer amerikanischen Stadt, genauso rostig wie Heillange, einer Dreckstadt am Ende der Welt, wo versiffte weiße Jungs in Karohemden billiges Bier soffen. Und dieser Song breitete sich wie ein Virus überall da aus, wo es schlaksige Jungprolls gab, verkorkste Kids, Krisenverlierer, Teeniemütter, kleine Gangster auf Mopeds, Kiffer und Sonderschüler.
In Berlin war eine Mauer gefallen und der einsetzende Frieden hatte etwas von einer Dampfwalze. In jeder Stadt auf dieser deindustrialisierten, gleichförmigen Welt, in jedem abgehängten Kaff hörte die Jugend, die keine Träume mehr hatte, jetzt diese Band aus Seattle namens Nirvana.
Sie ließen sich die Haare wachsen und versuchten, Melancholie in Wut zu verwandeln, Depressionen in Dezibel. Das Paradies war endgültig verloren, die Revolution würde nicht kommen. Ihnen blieb nur der Lärm. Anthony bewegte den Kopf im Takt der Musik. Dreißig andere machten es wie er.
Am Ende hatten sie Gänsehaut. Das war alles. Sie konnten nach Hause gehen.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Wenn ich eingangs gesagt habe, der Fall der Berliner Mauer hätte einen Augenblick der Schwerelosigkeit ausgelöst, dann gilt das rückblickend eben nicht für alle und nicht überall. Vielleicht nicht einmal für eine wie auch immer geartete Mehrheit. Eine Illusion, wie das Zitat wunderbar beschreibt. Für mich ein bittersüßer Moment, durch den Roman vorgeführt zu bekommen, wie sehr ich damals daneben gelegen habe, obwohl ich mir so viel auf die Lektüre guter überregionaler Zeitungen einbildete.

Mathieu wechselt in seinem Roman die Perspektiven und vermeidet eine Positionierung im Verschlichtungsweltbild von Gut und Böse. Der Leser folgt den Pfaden, die Antony, Stéph und Hacine beschreiten, und darf sich selbst um eine Haltung bemühen. Natürlich gilt die Sympathie des Autors den Abgehängten, jenen, die von dieser Dampfwalze nach dem Mauerfall einfach überrollt und plattgemacht wurden. Und trotzdem seziert er sie mit großer Detailversessenheit, ihre Schwächen, plötzlich aufkeimenden Stärken, denen jedoch enge Grenzen gesetzt sind. Nichts »wird« gut.

Die Krise war allerdings nicht mehr zeitlich begrenzt. Sie hatte einen Platz in der Ordnung der Dinge eingenommen. Sie war Schicksal. Sie war ihr Schicksal.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Der Titel des Romans hat auf mich wie ein Hinweis auf eine moderne Form der überkommenen, adeligen Stammbaumbildung gewirkt, die einer zeitweiligen (vielleicht auch nur eingebildeten) sozialen Mobilität in den Gesellschaften ein Ende setzt. Reich bleibt reich, arm bleibt arm. Erstere erlangen Status, Bildung und Macht, letztere sind davon ausgeschlossen. Das ist kein typisch französisches Phänomen, das hat alle westlichen Gesellschaften ergriffen, insbesondere die USA, aber auch Deutschland.

Und doch ist »Wie später ihre Kinder« in erster Linie ein Coming of Age-Roman, mit seinen zähfließenden, hastigen Wirrungen, den Kehrtwenden und Verletzungen, welche die Protagonisten einander zufügen, sprachlos, einsilbig und angefüllt mit einem Schwarm Hormonen, allzeit bereit, den Verstand zu unterjochen und mit tränenden Augen jauchzend und berstend vor Energie Richtung Abgrund zu galoppieren.

Das Leben würde weitergehen. Das war das Schlimmste.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Dieser Abgrund sieht allerdings etwas anders aus, als der Leser erwartet. Mathieu spielt mit Motiven und Andeutungen, die ab einem gewissen Punkt Erwartungen schüren, die nicht erfüllt werden. Bis zum Schluss liegt so eine Grundspannung in der Luft, auch wenn die Kulisse sich überraschend aufhellt. Der Autor legt zwischen die Teile seines Buchs Zeitsprünge, die Entwicklung der Figuren bleibt also nicht auf eine recht kurze Zeitspanne beschränkt, man folgt ihren Wegen über mehrere Jahre hinweg.

Für den Schlussteil hat Mathieu das Jahr 1998 gewählt und zwar vor allem jenen Tag, an dem Frankreich das Halbfinale der Fußball-WM gegen Kroatien gewonnen und das Tor zum späteren WM-Titel aufgestoßen hat. Ein durchaus vertrautes Thema, wenn man mit dem »Wunder von Bern« etwas anzufangen weiß. Das ganze Lang im Rausch, es liegt ein Aufbruch in der Luft, manche wittern die große Wende, etwas werde bleiben, meinen die Optimisten. Wir wissen, was davon übrig blieb.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Der Erzähler sitzt im Gefängnis. Ein bekanntes Szenario, das mir zuletzt im herausragenden Roman von Steffen Kopetzky »Propaganda« begegnet ist. Und natürlich: »Die Blechtrommel« von Günter Grass. Ein spezieller Ort, der dem Erzähler einerseits eine gewisse Ruhe, weil Abgeschlossenheit von der Außenwelt verschafft; andererseits aber unruhestiftend, denn Gefängnisse sind geprägt von Gewalt, Aufruhr, schlechtem Essen und eben Straftätern.

Anders als Grass und Kopetzky lässt Jean-Paul Dubois in seinem preisgekrönten Roman »Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise« seinen Erzähler nicht schreiben, das wäre unmöglich. Während in der vergitterten Gegenwart die Zeit langsam voranschreitet und der Leser eingeführt wird in die Umstände, die erbärmlichen Verhältnisse innerhalb und extremen Wetterbedingungen außerhalb der Mauern, breitet sich in langen Schleifen und Rückblenden das Leben des Ich-Erzählers aus.

Zunächst ist völlig unklar, warum Paul Christian im Gefängnis sitzt, klar ist nur, dass es zu einem Gewaltausbruch gekommen ist. Seine Strafe sitzt er in einem kanadischen Gefängnis ab, in einer Region, in der es zum Jahreswechsel durchaus achtundzwanzig Grad unter Null sein kann. Ein Teil des Romans beschreibt, wie er das Dasein als Gefangener erlebt, gemeinsam mit einem Gewalttäter namens Patrick in einer Zelle, ohne Privatsphäre und einem Klo.

Die Haft zieht die Tage in die Länge, streckt die Nächte, dehnt die Stunden, verleiht der Zeit eine breiige, angeranzte Konsistenz. Jeder hier hat das Gefühl, sich in einem zähen Schlamm zu bewegen, aus dem er sich bei jedem Schritt herausziehen muss, mit aller Kraft darum kämpfend, nicht im Selbstekel stecken zu bleiben. Das Gefängnis begräbt uns bei lebendigem Leib. Die mit kurzen Strafen können Hoffnung haben, die anderen befinden sich bereits im Massengrab.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Nur ein Beispiel von der erzählerischen Kraft, über die Dubois verfügt. Aus meiner Sicht nimmt der Roman auch in dieser Hinsicht einen recht langen Anlauf, ehe sich der Autor aus dem ihm zu Verfügung stehenden Werkzeugkasten der Sprache bedient. Inhaltlich gerät das Leben der Handelnden zu diesem Zeitpunkt bereits ins Rutschen, das, was die »Röhren des Schicksals« enthalten und ausspeien, lenkt ihre Geschicke.

Paul stammt aus Frankreich. Sein Vater war ein protestantischer Pastor aus Dänemark, seine Mutter betrieb ein Programmkino in der französischen Provinz. Ein sehr ungewöhnliches Paar mit ebensolchen Berufen, deren Zusammenkommen und -bleiben ein Zufall ist. Die Ehe der Eltern, im Grunde ein Unding, zerbricht irgendwann auf ziemlich rabiate Weise, nachdem sie bereits jahrelang vor sich hin siechte.

Pauls Leben ist mehr als ein Vierteljahrhundert geprägt von einem unauffälligem Werdegang, der sich von den besonderen seiner Eltern abhebt. Eine Art Verwalter in einem Wohnkomplex mit vielen Wohneinheiten, in dessen Eingeweiden Paul für einen mehr oder weniger reibungslosen Ablauf der nötigen Dinge zu sorgen hat.

Das auf den ersten Blick kleine Leben kontrastiert mit der Gewalttat, über die der Leser erst lange nach dem Zellgenossen informiert wird. Bis dahin ist allerdings klar, dass Pauls Existenz eben doch nicht so konform ist, wie es zunächst scheint, sondern mit den Widrigkeiten der Welt, ihren Regeln, und schließlich den Zudringlichkeiten eines ganz speziellen Menschenschlags kollidiert.

Als Patrick den Grund für meine Inhaftierung erfuhr, interessierte er sich für meine Geschichte mit dem Wohlwollen eines Gildenbruders, der von den ersten ungeschickten Versuchen eines Lehrlings Kenntnis nimmt.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Recht früh wird deutlich, dass es sich um kein kapitales Schwerverbrechen handelt. Eigentlich würde er wegen guter Führung früher entlassen werden, eigentlich weiß Paul darum, wie er sich zu geben hat, um die nötige Empfehlung zu erhalten, eigentlich ist ihm klar, dass jeder im Knast darum weiß – nur tut er es nicht. Im Gegenteil. Die Gewalttat und der bockige Nonkonformismus im Gefängnis überraschen, das reißt eine Leerstelle auf, die im Handlungsverlauf langsam geschlossen wird.

Im Grunde genommen ist das gewöhnliche Leben Pauls in seinem Beruf von einem ungeheuren Druck geprägt. Pauls Job bereitet ihm oft schlaflose Nächte, die Herausforderung, ein 200.000 Liter fassendes Schwimmbad in der notwendige Balance zu halten, ist lange übermächtig. Und ja, ausgerechnet dieses Schwimmbad liefert den Anlass, für eine Handlung, die letztlich in der Gewalttat mündet, alles wird fein vorbereitet und angedeutet.

Bei seinem Lebenslauf lernt Paul eine Reihe seltsamer Orte und Menschen kennen. Ein so genannter »casuality adjuster«, eine Person, die darauf spezialisiert ist, für Versicherungen durch persönliche Nachforschungen oder Gespräche mit Hinterbliebenen die finanzielle Last zu verringern. Das Zitat beschreibt, wie dieser Mann seine eigene Tätigkeit sieht und gegenüber Paul offen beschreibt.

»Ich gehe einer schmutzigen Arbeit nach, mit schmutzigen Methoden inmitten von schmutzigen Leuten.«

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Es ist nicht die einzige Passage im Roman, an der Dubois massive Sozialkritik übt, aber eine der prägnantesten, was sicher daran liegt, dass der Autor die Form eines offenen, selbstanklagenden Geständnisses wählt. Dubois nimmt generell die Auswüchse des kapitalistischen Wirtschaftens in den Fokus, statt des mahnend und oft selbstgefällig in die Höhe gereckten Zeigefingers wählt er den Humor: lakonisch, ironisch oder einfach zum Schreien komisch.

Durch die beinahe gemächliche inhaltliche Zuspitzung wird die Kritik an den dunklen Schatten des Kapitalismus, der glücklicherweise keineswegs per se infrage gestellt wird, immer schärfer. Seine unmenschlichen Seiten geraten in den Mittelpunkt und Dubois bleibt zum Glück bei seiner sehr anschaulichen und unterhaltsamen Art, diese vorzubringen.

Als es beispielsweise um die aberwitzigen Summen geht, die von Bankern während der Finanzkrise vernichtet wurden, lässt er Pauls Mithäftling fragen, ob der ausrechnen könne, wieviel seiner geliebten Harley Davidsons man davon hätte kaufen können – wenn er ihm den Neupreis verriete.

Die Gewalttat, die den Ich-Erzähler ins Gefängnis gebracht hat, fällt überraschend heftig aus, gemessen an dem oft harmlosen, lakonischen, überlegt-zurückhaltenden Verhaltens- und Erzählweisen. Es ist, als wäre der Punkt erreicht, an dem der Wolf aus dem Menschen hervorbricht und seinen Peiniger traktiert. Insofern ist es auch eine Warnung an Politik und Gesellschaft, denn wenn dieser Punkt erst erreicht wird, fließt Blut.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Eric Vuillard mit seinem Buch “Die Tagesordnung” ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang seines Buches bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

“Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.”

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer „Wahrheit“ in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter “Quellen”.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der „Blitzkrieg“ genannt wird.

“Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.”

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la “Blitzkrieg” sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten “Anschluss” geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von „Blitzkrieg“.

Der „Bluff“, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem Blitzkrieg wie 1940 konnte also gar keine Rede sein.

“Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.”

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman „Munich“ wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung. Und es hat abermals funktioniert!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

“Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.”

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

“Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.”

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von “Das Boot” zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk im engeren Sinne auch nicht. Es ist eine historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

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