Den Roman lese ich nicht zum ersten Mal, wie die Aufnahme zeigt.
Meine neue Lektüre führt in das Jahr 1964, die Vorbereitungen auf den 75. Geburtstag des »Führers« Aldolf Hitler laufen in der Zehnmillionenstadt Berlin wie im gesamten Großdeutschen Reich auf Hochtouren. Doch sorgen die Tode hochrangiger Funktionäre für Unruhe, die in einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod endet. Der Ermittler Xaver März entdeckt, dass die Tode Teil einer mörderischen Säuberung sind – ein beliebter Zeitvertreib in Diktaturen.
Der britische Autor Robert Harris führt mit seinem Thriller in eine alternative Vergangenheit, in der das Hitlerreich den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Romane dieser Art haben ihren ganz besonderen Reiz, neben Vaterland habe ich in der Vergangenheit einige dieses Sujets gelesen. Wie in jedem Genre gibt es Enttäuschungen, wie etwas Feindesland von C.J. Sansom, aber auch literarisch hochwertige Bücher wieDas Orakel vom Berge von Philipp K. Dick.
Das Besondere an Vaterland ist die Verschlingung der Ermittlungsarbeit eines Polizisten (hier in SS-Uniform) und eines Historikers. Denn es ist ein historisches Geheimnis in dieser Parallelwelt, die für die Tode verantwortlich ist. Harris ist es gelungen, die historische Forschung in die Form eines sehr spannenden, gekonnt getimten Thrillers zu gießen.
Zahlen sind eine hervorragende Grundlage für die Analyse. Ich bevorzuge die Herangehensweise von Ökonomen gegenüber moralisch argumentierenden Autoren. Man muss es aushalten, denn schön ist es nicht, was der »Spurwechsel« mit sich bringt, doch haben Illusionen und Wegsehen das Dilemma erst heraufbeschworden. Cover Quadriga-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Vielleicht hat die Ukraine der westlichen Welt den moralischen Kompass zurückgegeben, ihr gezeigt, dass selbst blutig erkämpfte Selbstbestimmung besser ist als Sklaverei oder Flucht.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Immer wieder muss man darauf hinweisen, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erst im Februar 2022 begonnen hat. Der offensichtliche Bruchpunkt ist die militärische Besetzung und Annektion der Krim 2014 gewesen, auch wenn Russland schon vorher aktiv in der ukrainischen Politik mitgewirkt hat, um die Entwicklung des Landes in seinem Sinne zu beeinflussen. Folgte man der Analyse in Marcus M. Keupps Spurwechsel, dann steht das alles in einem viel weiter in die Vergangenheit reichenden Sinnzusammenhang und greift weit über die Ukraine hinaus. Russlands Fundament ist imperial, das bestimmte seine Handlungsweisen in der Vergangenheit und bestimmt sie in Gegenwart und Zukunft.
In diesem Sinne spielt es keine Rolle, welches gesellschaftlich-politische Hülle Russland gerade vorzeigt. Die Sowjetunion war genauso imperial wie es das Zarenreich vor ihm gewesen war und Russland heute ist. Diese Feststellung ist dramatisch, wenn man die Folgen bedenkt: Verschwindet Putin, ändert sich nichts. Der Krieg geht weiter, denn es ist nicht nur Putins Krieg. Keupp weist darauf hin, dass auch ein Sieg der Ukraine den Krieg nicht beenden wird. Russland wird sich andere, leichtere Ziele suchen, wie etwa Georgien, Moldawien oder die Staaten in Zentralasien. Vielleicht aber auch das Baltikum, sollte man im Kreml zu der Ansicht gelangen, das Risiko wäre vertretbar.
Entscheidend ist, dass Russland durch den Krieg nach innen stabiler ist, denn je. Die Wirtschaft steht zwar vor einem dramatischen Einbruch, wie Keupp deutlich macht, der en passant gleich mit einer Reihe von in westlichen Medien gepflegten ökonomischen Mythen aufräumt. So sind Kennzahlen, die normalerweise über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung informieren, im Falle Russlands wertlos. Abgesehen von der Frage, auf welcher Basis diese Zahlen beruhen, ist eine Kriegssituation eine dramatische Veränderung, die vertraute Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder das BIP entwerten. Die prekäre wirtschaftliche Lage lässt sich so nach außen propagandistisch bemänteln.
In einer Kriegssituation verliert das nominale BIP jede Aussagekraft.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Die Passagen, in denen Keupp die russländische Wirtschaftsentwicklung analysiert und ihre Folgen skizziert, gehören zu den ernüchternden Abschnitten. Mittel- und langfristig hat der mafiöse Petro-Staat nichts zu bieten, von den dramatischen technologischen Umwälzungen wie Künstlicher Intelligenz ist das Land abgehängt. Auf den Kriegsverlauf und die Systemstabilität des Landes hat das aber kurzfristig keine Auswirkungen, im Gegenteil. Putins Regime verfolgt die Fokussierung auf wirtschaftliche Autonomie (vom Westen) und Downsizing auf technologischer Ebene sowie beim Konsum, abgefedert durch Subventionen und ideologisch aufgeladene Propaganda. Wer dennoch aufmuckt, verschwindet im Lager oder stirbt; das über Jahrzehnte aufgebaute Repressionssystem funktioniert prächtig.
Der Krieg hält die Eliten zunächst einmal an der Macht, also könnte er weitergehen, bis alle Ressourcen ausgeschöpft wurden und der Staat in die Knie geht. Die Aussicht auf einen langwierigen Krieg ist selbstverständlich niederschmetternd in einer Welt, in der ohne ein aggressiv nach außen greifendes Russland genug Probleme zu lösen wären. Gleichzeitig entwertet der Zusammenhang von Machterhalt und Krieg jegliches Friedensgesäusel hierzulande, bei dem allein der Wunsch Vater des Gedankens ist. Bis zum Zusammenbruch wird allein in Moskau über die Fortsetzung des Krieges entschieden. Was in Deutschland gewünscht wird, interessiert nur insoweit, wie es für die eigene Politik instrumentalisiert werden kann. Der intellektuelle Spurwechsel steht in dieser Hinsicht hierzulande vielfach noch aus.
Die Ukraine hat den Europäern schmerzhaft die eigenen Lebenslügen aufgezeigt, ihnen vorgeführt, wie Appeasement letztlich immer endet.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Überhaupt schrumpft Deutschland mit seinen Befindlichkeiten auf Zwergenniveau, wenn Keupp seinen Streifzug durch Mittelasien unternimmt und den breiten Gürtel von Russland kolonisierter Gebiete behandelt. Deren Werdegang, die wirtschaftlichen Grundlagen und aktuelle geopolitische Optionen werden skizziert. Der Wandel wurde durch den Vernichtungskrieg Russlands dramatisch beschleunigt – Deutschland und Europa spielen dort – anders als bei der Ukraine, Moldawien, Georgien – nur eine kleine oder gar keine Rolle. Das Desaster in Afghanistan hat die Marginalisierung zweifellos beflügelt. So ist auch die Unterüberschrift des Buches zu verstehen: Eine neue Weltordnung bildet sich gerade im vollen Galopp heraus.
Gewinnbringend ist nicht nur der ökonomisch geprägte Analyse- und Erkläransatz von Spurwechsel, sondern auch die globale Ausrichtung. So werden auch die oft übergangenen Öl-Staaten am Golf unter die Lupe genommen, die trotz oder wegen ihres Reichtums in einer durchaus problematischen Lage sind. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch hier bereits im Gange befindliche Entwicklungen beschleunigt, grundlegende strategische und taktische Entscheidungen rücken näher. Wie überraschend und tiefgreifend diese sein können, haben die Ereignisse in Syrien gezeigt; wie wenig vorhersehbar die Folgen sind, allerdings auch.
Marcus Keupps Spurwechsel wirft ein Schlaglicht auf zentrale geopolitische Regionen der Gegenwart und Zukunft, ohne sich bei dem Versuch zu verheben, Entwicklungen prognostizieren zu wollen. Die Zukunft ist immer offen. Das macht das Buch auf vielschichtige Weise deutlich.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg Quadriga Verlag 2025 Gebunden, 306 Seiten ISBN: 978-3-86995-153-9
Die Lektüre war insgesamt gewinnbringend, allerdings muss man eine Menge aushalten. Der Autor kommt mit überbordendem Selbstbewusstsein daher, das dem Inhalt nicht gerecht werden will. Cover Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Als Autor über das Buch eines „Meisterlektors“ kritisch zu urteilen, hat etwas Anmaßendes. Das gilt insbesondere, wenn der Autor nur ein armer Selbstveröffentlicher ist, dem es nicht vergönnt war, einen Verlag für seine Manuskripte zu finden. Für „Meisterlektor“ Sol Stein ist das aber eines der wesentlichen Kriterien des Erfolgs, der (Verkaufs-)Erfolg ist der alleinige Leitstern seiner Arbeit. Schreiben, um möglichst vielen Lesern zu gefallen, sie mit „Spannung“ zu fesseln, ist wenig überraschend der Rote Faden durch sein Buch. Gefälligkeitsliteratur soll es sein.
Entsprechend sind die Textbeispiele von Stein ausgewählt, denen gemeinsam ist, dass sie oft von erschütternder Schlichtheit sind. Amerikanische Massenware, jene aufgeblasen wirkende, narzisstisch um sich selbst drehende Art des Erzählens, die oft konstruiert wirkt, künstlich. Dieses Urteil erlaube ich mir durch den Vergleich zu den Textbeispielen, die Michael Maar für sein vorzügliches Buch Die Schlange im Wolfspelz ausgewählt hat. Das Niveau der Textstellen ist dort fast immer großartig, bei Stein selten. Der „Meisterlektor“ greift auch auf seine eigenen Werke als Textfundus zurück, was bisweilen peinlich wirkt. Maar verzichtet zum Glück darauf; ebenso auf „Tipps“.
Sol Steins Selbstbewusstsein touchiert nicht selten die Grenze zur Hybris. Der Eindruck drängt sich auf, hier meine jemand, den Schlüssel für die Kunst des Schreibens tatsächlich in den Händen zu halten. Der Autor tritt oft belehrend wie ein weiser Schulmeister auf. Seine Ratschläge an den »unerfahrenen Autor« lesen sich oft wie Moses’ in Stein gemeißelte Gebote, die befolgt werden müssen. Doch gilt für Schreibtipps wie für Börsentipps: Man sollte ihnen niemals blind folgen. Zum einen gibt es von berufener Seite andere Ansichten zu diversen Punkten. James Wood vertritt in Die Kunst des Erzählens die Haltung, dass Figuren nicht zwangsweise »Tiefe« haben müssen.
Wer Über das Schreiben aufmerksam liest, findet immer wieder Fragwürdiges. Ein Beispiel, das sich mit dem Thema »Zeigen statt Erzählen« befasst, soll das verdeutlichen. Die Auslegung der Textstelle finde ich nicht recht nachvollziehbar.
Hinter dem Polarkreis ist die Farbe der Kälte Blau. Aber in der Tiefe der arktischen Gewässer ist die Farbe der Kälte Schwarz.
Sol Stein: Über das Schreiben
Stein sieht in diesen beiden Zeilen einen tollen Romanbeginn, dem ich nur zustimmen kann. Auch kann ich den Eindruck des Geheimnisvollen nachempfinden, fühle aber auch etwas Bedrohliches in dem Buchbeginn. Was ich nicht verstehe, ist Sol Steins Begründung dafür, wie diese Stelle funktioniert.
Wir sehen das Wasser vor uns. Und der Farbwechsel hat etwas Geheimnisvolles.
Sol Stein: Über das Schreiben
Welches Wasser? Im ersten Satz ist gar nicht von Wasser die Rede, im zweiten nur mittelbar, denn das Wasser ist in der Tiefe so wenig schwarz wie das an der Oberfläche. In beiden Sätzen geht es um das Licht und eine Empfindung (Kälte), also um etwas, das man nicht sehen kann. Die Empfindung soll verdeutlicht werden durch die bildhafte Übertragung auf die Farbe des Lichtes bzw. dessen Abwesenheit in der Tiefe der See. Man kann das Wasser in der absoluten Dunkelheit gar nicht sehen, es kann nicht »gezeigt« werden; es wird erzählt/behauptet. Der scharfe Kontrast zwischen beiden (Licht-)Welten erzeugt den Eindruck des Geheimnisvollen, sogar Bedrohlichen, denn Licht ist die Voraussetzung für Leben; seine Abwesenheit deutet auf den Tod hin.
Als Über das Schreiben 1995 erschien, war von KI noch nicht die Rede. Bei der Lektüre dreißig Jahre später drängt sich die Frage auf, ob Algorithmen, die entlang der Wahrscheinlichkeiten kalkulieren, die Anweisungen Steins nicht viel besser, also leserbefriedigender und erfolgreicher erfüllen können, als jeder Mensch. Aber wer ist eigentlich mit »Leser« gemeint? Mit Literatur im Sinne meines Leseinteresses – denn das bin ich ja auch: ein Leser – hat das alles nichts zu tun. Auch Sol Steins Unterstellungen, was »Leser« allgemein mögen oder nicht, sind im Wortsinne erstaunlich eingeschränkt. Man ist auf sehr schmaler Spur unterwegs in Sol Steins Lese-Welt.
Die meisten Bücher, die ich im Leben gelesen habe, wären in Steins Lektoren-Welt gar nicht erschienen. Das liegt auch daran, dass der „Meisterlektor“ eine Inhaltsorientierung von Autoren als problematisch betrachtet. Für ihn zählt weniger, was der Autor zu erzählen hat, sondern was sein »Leser« konsumieren will. Das allein ist kurios genug, vor allem aber sind fast alle Textbeispiele zu Steins „Handwerk“ in ihrer Wirkung auf den Leser abhängig vom Kontext. Den aber bestimmt oft genug insbesondere der Inhalt. Wenig überraschend würde sich die Wirkung fast aller Textbeispiele in Über das Schreiben abhängig vom Inhalt verändern, was den Gehalt der Aussagen Steins abschwächt.
Aber auch jene Aspekte, die ich kritisch sehe, regen zum Nachdenken an. Das hat bekanntlich noch niemandem geschadet und so habe ich das Buch mit Gewinn gelesen. Als Leser und Blogger kann ich nun treffender beschreiben, was mich an Büchern (us-amerikanischer Autoren) stört; jüngste Beispiel wärenBlue Skiesvon T.C. Boyle oder Das große Spiel von Richard Powers, aber auch Lincoln Highway von Amor Towels.
Für meine eigene Arbeit als Autor bietet Über das Schreiben Anregungen zum Nachdenken bei der Überarbeitung des Manuskriptes. Anregend ist etwa der Abschnitt über Rückblenden und die Vermeidung von gehäuftem Plusquamperfekt. Anregend ist auch die Drehbuch-Methode der Actors-Studios. Steins zutreffende Ansichten zu Liebesszenen sind (avant la lettre) vernichtend für jede Form von Romance-Büchern. In einem Punkt, der für das Schreiben von elemtarer Bedeutung ist, kann man Sol Stein unumwunden zustimmen:
Am Widerwillen, das einmal Geschriebene zu überarbeiten, erkennt man im allgemeinen den Amateur.
Sol Stein: Über das Schreiben
Sol Stein: Über das Schreiben Autorenhaus Verlag 2015 Hardcover 464 Seiten ISBN: 9-783-8-66711266
Nach der Lektüre fühlte ich mich, als wäre über mich eine Staffel Eurofighter im Tiefflug hinweggedonnert. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.
Zu Beginn seines Buches wählt Giuliano da Empoli das anschauliche Bild eines Epochenbruchs, der mehrere Jahrhunderte in Vergangenheit zurückliegt. Er schildert, wie die politische Elite des Aztekenreichs, Herrscher Moctezuma II. und seine Berater, auf die Kunde von der Ankunft der Spanier um Hernán Cortés reagierten. Zunächst betont da Empoli die Fremdheit der Ankömmlinge in der Wahrnehmungswelt der Azteken, ein zentrales Motiv. Es erschwert die Einschätzung, mit wem man es zu tun hat und welche Absichten die Fremden verfolgen.
Undurchdringliche Rüstungen, Feuerwaffen, Kampftaktik und Pferde ließen kaum einen Zweifel an deren technologischer Überlegenheit, dennoch wäre es laut da Empolis möglich gewesen, die wenigen Spanier in Meer zu werfen. Das Problem lag in der Einordnung der Fremden, die nur innehalb der eigenen Vorstellung, des Referenzrahmens geschehen konnte: Waren es Barbaren, Götter oder gar eine Verkörperung des eins vertriebenen Quetzalcóatl? Die Reaktion auf die Ankunft hing von der Beantwortung der Fragen ab. Angesichts der fehlenden Eindeutigkeit geschah – nichts.
In der Zwickmühle einander widersprechender Meinungen tat der Herrscher, was Politiker aller Zeiten in solchen Situationen tun: Er entschied, sich nicht zu entscheiden.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Das meint, Moctezuma entschied sich gegen den Krieg, um in das eigene Herrschaftsgebiet eindringenden Fremden zu vernichten, also gegen einen schmerzhaften und riskanten Schritt mit unwägbarem Ende. Stattdessen habe er Botschafter und Geschenke geschickt, ihnen jedoch den Zutritt zu seiner Hauptstatt verweigert. Am Ende dieser Zögerlichkeit habe er Krieg und Schande geerntet, »was in allen Zeiten aus dergleichen Zögerlichkeit hervorgeht.«
Diese Interpretation von Moctezumas Verhalten wird dem Aztekenherrscher möglicherweise nicht gerecht, folgt man neueren Forschungen, wie etwa Camilla Townsends Fünfte Sonne. Sie bestreitet die Vorherrschaft religiös motivierter gegenüber rationalen Einschätzungen, unterstreicht die technologische Unterlegenheit (»die Welt der Sumerer trifft auf die Renaissance«) bei gleichzeitiger Entschlossenheit der Eroberer und verweist auf die begrenzten Ressourcen des aztekischen Herrschaftsbereiches. Alles zusammengenommen machte einen militärischen Erfolg gegen die Spanier unwahrscheinlich. Trotzdem widerlegt das da Empolis Vergleich keineswegs, im Gegenteil.
Moderne Herrscher können sie nicht wie der von Da Empoli skizzierte Moctezuma auf Unwissen berufen. Sie wissen zum Beispiel in Bezug auf Wladimir Putin sehr genau, was auf sie zukommt; gleiches gilt für China. Auch die erodierende Wirkung der Sozialen Medien auf die Fundamente der Macht ist ihnen mittlerweile bekannt, sie ahnen, dass KI es nicht besser machen lässt. Trotzdem verweigern sie entschlossenes Handeln, obwohl sie – anders als der tragische Aztekenherrscher – eben nicht unterlegen sind bzw. im Falle der KI waren. Im Grunde genommen ist das Versagen also noch viel dramatischer als von Da Empoli für Moctezuma skizziert.
So oder so folgte der Ankunft der Spanier die Auslöschung der Azteken und anderer indigener Völker, die Versklavung von Millionen Menschen, die Ausbeutung südamerikanischer Silbervorkommen, womit endlose Kriege in Europa einschließlich der Abholzung ganzer Landstriche finanziert wurden. Darin liegt eine Botschaft von Die Stunde der Raubtiere, dass nämlich derartige Verheerungen auch durch die modernen Technologie-Konquistadoren verursacht werden. Wenn blöd läuft, eine globale Unterwerfung, vielleicht auch die Auslöschung der Menschheit.
Konfrontiert mit Blitz und Donner des Internets, der sozialen Netzwerke und der KI, unterwarfen sie [die Politiker A.P.] sich in der Hoffnung, ein wenig Feenstaub werde auch auf sie niedergehen.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Da Empoli spricht in seiner sehr persönlichen Analyse von »Degradierungsritualen«, denen er in den vergangenen Jahrzehnten beigewohnt habe. Was er dann in wenigen Sätzen skizziert, ist niederschmetternd, denn es zitiert Bilder, dem jeder Leser von TV-Bildschirmen, aus dem Internet oder der Tagezeitung kennt. Nur unterfüttert er sie mit einer Auslegung, die sich diametral von den Medien unterscheidet; er beruft sich auf seine Erfahrung als politisch Aktiver, Berater und Beobachter. Da alles steht auf den ersten zweieinhalb Seiten. Dem Leser kann dabei schon apokalyptisch zumute werden.
Das Gefühl verstärkt sich während der Lektüre von Die Stunde der Raubtiere. Immer wieder greift der Autor auf historische Motive zurück, vor allem den Untergang der Republik von Florenz, aber auch auf die von Niccoló Macchiavelli beschriebenen Borgia. An deren Handlungsweisen spiegelt er moderne Machtergreifungs- und sicherungsstrategien, etwa die des Mohamed Ben Salman, einer »Figur, die ummittelbar Macchiavellis Werk entstiegen ist.«
Eine besondere Rolle bei den historischen und modernen »Borgianern« spielt die Aktion, die rasche, zielgerichtete und vor allem überraschende Handlung. Das Ziel, so Da Empoli, liegt in der »Schockstarre«, die auf eine Aktion folge. Damit bekommt der Beginn des Buches, die Betonung der Handlungsunfähigkeit und –unwilligkeit moderner Politiker ein noch viel stärkeres Gewicht. Hier wird ein wichtiger Grund für die mit den Händen zu greifende Wehrlosigkeit des gewohnten Politikbetriebes genannt.
Das Zeitfenster, in dem ein Regulierungssystem noch hätte eingerichtet werden können, hat sich heute wieder geschlossen.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Die Einschätzung ist dramatisch. Das Kind liegt im Brunnen und ertrinkt. Damit geht Da Empoli noch über Anne Applebaum oder Timothy Snyder hinaus, die solche Regulierungen als Gegenmaßnahmen empfohlen haben. Dafür ist es zu spät, die Macht der global agierenden Konzerne und die Ruchlosigkeit ihrer Schöpfer und Lenker zu groß; sie brauchen sich längst nicht mehr hinter vorgeschützter Harmlosigkeit zu verstecken.
Die Kapitel, in denen sich das Buch mit den US-Demokraten befasst, werden vielen links-progressiven Lesern übel aufstoßen. Wer aus diesen Kreisen hört schon gern, dass für die Borgianer der »Wokismus ein gefundenes Fressen [ist], der ideale Brennstoff, um ihre Chaosmaschinerie am Laufen zu halten.«? Anhand eines dramatischen Treffens anlässlich von Obamas Abschied aus dem Weißen Haus im November 2017 zeigt Da Empoli, welche Steilvorlagen aus diesem Bereich für die Trumpisten gegeben wurden und bis in die Gegenwart gegeben werden.
Dummerweise hülfe auch ein wenig mehr Klugheit möglicherweise nicht (mehr) weiter. Der für mich haarsträubendste Abschnitt befasst sich mit dem Putsch der Bolschewisten unter der Führung von Leo Trotzki im Herbst 1917. Alexander Kerenski, der die Macht in den Händen hielt, war laut Da Empoli weder schwach noch unfähig, obendrein entschlossen. Trotzdem fegten ihn eine Handvoll Bolschewisten hinweg, weil diese die überkommene Aufstands-Schlachtordnung umstürzten.
Der wahre Antizipationsroman über die KI ist Der Prozess von Kafka, in dem niemand versteht, was vor sich geht, weder der Angeklagte noch die Richter, die ihn anklagen, und doch nehmen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Lauf.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Das Zitat müsste vielleicht noch durch Kafkas Das Schloss erweitert werden, auf das sich Da Empoli auch bezieht. Am Ende führt der Autor noch vor, wie die Neue Welt unter der digitalen Fuchtel aussieht. Nicht aussehen könnte, denn »für einige ist das Schloss bereits da«, beispielsweise die Zusteller. Oder das Örtchen Lieusaint in Frankreich, das bereits spürt, wie es ist, unter der Optimierungs-Zuchtrute einer KI zu leben. Der Brückenschlag macht aus der bis dahin bildgewaltigen, aber eher abstrakten, literarisch unterfütterten Darstellung schlagartig Alltagsrealität. Der Leser fühlt sich, als wäre eine Staffel Eurofighter im Tiefflug über ihn hinweggedonnert.
Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar, das mir freundlicherweise vom Verlag C.H. Beck zur Verfügung gestellt wurde.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere Macht und Gewalt der neuen Fürsten Aus dem Französischen von Michaela Meßner C.H. Beck 2025 Klappenbroschur 128 Seiten ISBN: 978-3-406-83821-7
Den berühmtesten Film von Fritz Lang, Metropolis, habe ich noch nicht gesehen. Nach der Lektüre der Graphic Novel, die auch von der Entstehung des Werks erzählt, wäre die Gelegenheit wohl günstig. Cover Knesebeck, Bild mit Canva erstellt.
Am Ende überquert der berühmte Film-Regisseur Fritz Lang per Schiff den Atlantik und übersiedelt in die USA. Er lässt das nationalsozialistische Deutschland hinter sich, das sich 1934 so weit etabliert hat, dass ein schnelles Ende außer Sicht geraten ist. Lang folgt einem breiten Strom deutscher Emigranten, die seit der Machtübertragung an Adolf Hitler im Januar 1933 das Reich hinter sich gelassen haben. Wäre dieser Weg heute noch offen?
Mit dieser Frage habe ich die Graphic Novel von Arnaud Delalande und Éric Liberge verlassen. Historische Analogien sind ebenso brüchig wie verlockend, so führte der Weg über den Atlantik in eine USA, die von Charles Lindbergh regiert würden, wie es Philip Roth in seinem Roman Verschwörung gegen Amerika ausgemalt hat. Eine Dystopie, die jedoch recht schwachbrüstig gegenüber der harschen Realität wirkt. Nowhere to run. Diesmal.
Das Deutschland, das Lang hinter sich lässt, malt Delalande in kitschig-gruselige Bilder eines klösterlich-reinen Nazi-Deutschlands. Die Realität sah zu diesem Zeitpunkt schon anders aus, KZs, der Boykott jüdischer Geschäfte, Gleichschaltung von Presse und Kunst, brutale Gewalt, Uniformierung der Zeitgenossen und Massenaufmärsche. Der Film-Regisseur wird von alptraumhaften Visionen verfolgt, bei denen seine eigenen Film-Figuren fleißig mitwirken.
Wissen Sie, Herr Lang, wir entscheiden, wer Jude ist und wer nicht.
Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang
Fritz Lang braucht einige Zeit, bis er sich dazu durchringen kann, das Land zu verlassen. Auslöser ist Joseph Goebbels. Der Propaganda-Minister sieht in Lang einen Regisseur, der zur Ideologie des Regimes passen würde, obwohl dieser gemäß der Ideologie dank jüdischer Herkunft zu den Feinden des Reichs gehört. Doch wäre das für ein nützliches Instrument wie den Filmemacher kein Problem, die Nazi-Größen selbst entscheiden eigenmächtig, wer Jude sei und wer nicht.
Für Lang würde diese Form der Arbeit, das Abdrehen konformer Filmchen, die Selbstaufgabe bedeuten. Dessen Arbeitsweise ist von einer brutalen Kompromisslosigkeit gegenüber allen einschränkenden Rahmenbedingungen geprägt. Geld, der Umgang von Schauspielern und Statisten, Anpassung des Erzählten an das Kino und die Zuschauer – für Fritz Lang ist das alles zweitrangig hinter der Verwirklichung seiner filmischen Visionen.
Gerade die Arbeit am vielleicht berühmtesten Film, Metropolis, wird ausführlich geschildert. Ein Alptraum, in dem Lang selbst zu einer Art Regie-Diktator wird und das Projekt gegen alle Widerstände durchpeitscht, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Rücksichtsloses Vorgehen steht jedoch auch bei den Nationalsozialisten auf der Agenda, Goebbels sieht in Lang einen passenden Mann für die eigene Sache.
Wir haben unseren eigenen Fluch geschaffen und den Deutschlands.
Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang
Gewissensbisse plagen den Regisseur, der sich selbst und seiner kongenialen Drehbuchautorin und Frau Thea von Harbou eine Mitschuld am Aufkommen des Nationalsozialismus gibt. Kann Kunst das? Noch eine Frage, die nach der Lektüre der Graphic Novel nachwirkt. Thea von Harbou und Fritz Lang, das Liebes- und Arbeitspaar, entfremden und trennen sich, denn Thea ist dem Regime durchaus zugetan. Sie bleibt im Reich und setzt ihre Karriere dort fort.
Bei Wikipedia klingt das dann in der typisch verschwurbelten Erinnerungskultur-Sprache dann so: Sie sei neben Leni Rieffenstahl eine der »prägenden« aber »umstrittenen Frauen« des frühen deutschen Films. Zumindest prägend war sie, wie die lange Liste der von ihr verfassten Drehbücher zeigt. Sie teilt damit das Schicksal aller Drehbuchautoren, trotz ihrer immensen Bedeutung für den Film im Schatten zu stehen. Zu den Vorzügen der Graphic Novel gehört, sie ins Licht zu führen.
Besonders interessant ist auch der lange Weg Fritz Langs zum Film, der ihn durch die Blutmühle des Ersten Weltkrieges führte, in dem sich Lang durch große Tapferkeit mehrfach auszeichnete. Ein wiederkehrendes Motiv vieler Künstlerbiographien ist die Mischung aus Durchhaltewillen, Glück und hilfreicher Bekanntschaften, die für den Lebensweg bestimmend sind.
Mein Lieber Fritz, und warum nicht Malerei in bewegten Bildern? Der Film!
Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang
Am Ende hält die Graphic Novel, was das großartige Cover verspricht. Die parallele Montage von Politik und Film ist wunderbar gelungen, die Bilder von großer Wucht. Nicht zuletzt dadurch dürfte der Leser neugierig sein auf die Filme, die schon ein ganzes Jahrhundert alt sind. Metropolis spielt in einem fiktiven 2026. Nächstes Jahr also und einige Motive kommen merkwürdig vertraut vor.
Begegnungen mit Fritz Lang: Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich zumindest den Film Die Nibelungen im Fernsehen angeschaut. Der Regisseur ist mir zudem in zwei Büchern begegnet, einmal in Daniel Kehlmanns Lichtspiel und gerade erst bei Steffen SchroederDer ewige Tanz.
Arnaud Delalande / Éric Liberge: Fritz Lang Die Comic-Biographie aus dem Französischen von Anja Kootz Knesebeck 2023 Gebunden 112 Seiten ISBN: 978-3-95728-700-7
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Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.