Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: USA (Seite 6 von 13)

Boston Teran: Gärten der Trauer

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie einer Gruppe von Menschen, die eine Straße entlanggehen, kombiniert mit dem Zitat ‚Die Straße war ein Gewirr aus Schatten. Geschosse zischen über sie hinweg, und man hörte Gewehrfeuer.‘ Neben dem Buchcover von Boston Terans Roman ‚Gärten der Trauer‘, das eine Nahaufnahme von Ketten zeigt.
Der herausragende historische Thriller erzählt von einer geheimen Mission eines Special Agents im Osmanischen Reich, mitten im Ersten Weltkrieg. Spannend, dramatisch, atmosphärisch wie ein Abenteuerroman mit Szenen, die aus einem Western stammen könnten, widmet sich der Roman einem fürchterlichen Thema: dem Genozid an den Armeniern. Cover Elsinor, Bild mit Canva erstellt.

›Freiheit verlangt nach Widerstand.‹

Boston Teran: Gärten der Trauer

Wenn Heroen der fiktiven Geheimdienst-Welt wie James Bond oder Ethan Hunt zu ihren Missionen aufbrechen, wirken die dräuenden Gefahren nicht selten ein wenig konstruiert. So recht will man der Story nicht abnehmen, dass die ganze Welt bedroht ist und nur durch den Helden gerettet werden kann. Gleiches gilt für die Beweggründe der Gegenspieler, die mitunter etwas Banales und Vorgeschobenes haben. Schwülstige Pychospielchen übertünchen notdürftig den Mangel und am Ende, da ist alles gut.

Wenn Special Agent John Lourdes im Jahr 1915 aus den USA nach Europa aufbricht, ist gar nichts gut. Zu diesem Zeitpunkt tobte in der historischen Wirklichkeit ein Krieg, er war noch auf Europa beschränkt, weitete sich durch den Eintritt Italiens und des Osmanischen Reiches schon aus. Ein Brand auf Messers Schneide, der schließlich globale Ausmaße annehmen sollte und so lange loderte, dass die Verluste allzu gewaltig waren, um noch einen tragfähigen Frieden zu schließen.

Boston Teran hat den historischen Agenten-Thriller Gärten der Trauer in das Kriegsgeschehen eingeflochten. Konstruieren musste er weder Drama noch Drohung, dafür sorgten schon die Umstände. John Lourdes ist im Auftrag des State Departments unterwegs, sein Ziel ist das Osmanische Reich. Was er dort soll, bleibt zunächst einmal im Dunkeln. Schon bei seiner Ankunft wird er mit etwas konfrontiert, das die gesamte Handlung des Romans bestimmt: die Auslöschung der armenischen Bevölkerung durch die Türken.

Die Behandlung der armenischen Bevölkerung ist barbarisch und unmenschlich. John Lourdes wird Zeuge von ungeheurlichen Grausamkeiten, die im Roman schonungslos geschildert werden. Der Autor verzichtet auf jede Form von Weichzeichnung, aber auch darauf, die Armenier zu bloßen Opfern zu degradieren. Sie leisten Widerstand, wehren sich, wo immer sie können.

Franz Werfel hat in seinem großen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh dem heldenhaften Versuch einer Gruppe Armenier, dem Tod zu entgehen, ein literarisches Denkmal gesetzt. Gärten der Trauer leistet das auch, auf eine andere Weise, dem Thriller-Genre entsprechend ist der Roman rasant und hochspannend erzählt. Zugleich weist er weit über den Genozid an den Armeniern hinaus, indem er diese Untaten an den Anfang einer neuen, Menschen und Völker verschlingenden Barbarei stellt.

Obwohl er die Bedeutung dessen, was er am Kai mitangesehen hatte, nicht vollständig erfassen und bewerten konnte, ahnte John Lourdes, dass die brutale Unmenschlichkeit dieser Geschehnisse von einer ganz neuen Schändlichkeit zeugte, wie sie die Welt bislang nicht kannte.

Boston Teran: Gärten der Trauer

Im ersten Moment wirkt es etwas befremdlich, wenn nicht etwa ein türkischer, sondern ein deutscher Offizier in die Handlung eintritt und sich als Gegenspieler von John Lourdes entpuppt. Doch ist die Anwesenheit von Rittmeister Bodo Franke keineswegs weit hergeholt, denn deutsche Truppen kämpften tatsächlich im Osmanischen Reich. Franke kommandiert eine halb irreguläre Truppe aus freigelassenen Verbrechern, die an die SS-Sondereinheit Dirlewanger erinnert.

Vor allem aber lässt die Wortwahl des Deutschen keinen Zweifel daran, dass alles in dunkle Zukunft des nahenden Verhängnisses verweist: Franke korrigiert das Wort »Ausrottung« durch »Umsiedlung«, jene verbale Verschleierung der Massentötungen im Vernichtungskrieg des Hitlerreiches. Das ist kein Zufall, an anderer Stelle ist von »Endlösung« die Rede. Der Genozid an den Armeniern ist Teil von etwas Größerem, des späteren Zivilisationsbruchs, der ausgerechnet von den hochkultivierten Deutschen begangen wurde.

›Reden können Sie ja gut‹, sagte Rittmeister Franke.
Miss Temple deutet auf eine Tisch, an dem zwei weitere deutsche Offiziere saßen, gemeinsam mit drei Angehörigen des türkischen Militärs, die der Geheimorganisation angehörten.
›Sie und diese Männer haben über die Ausrottung …‹
›… Umsiedlung der armenischen Volksgruppe innerhalb des osmanischen Staatsgebiets.‹
›Warum sind die Deutschen eigentlich hier? Zum Beaufsichtigen …?‹
›Um die Souveränität der osmanischen Regierung gegen internationale Agitatoren und ausländische Agressoren zu verteidigen.[…]‹

Boston Teran: Gärten der Trauer

Boston Teran hat seinem Roman den Charakter eines Agenten-Thrillers gegeben, Dynamik und Spannung wachsen, je weiter sich Special Agent John Lourdes in das Land hineinbegibt und in das Geschehen verwickelt wird. Angesichts des Krieges handelt es sich bei seinem Auftrag um eine verdeckte Geheimoperation. Diese dient erklärtermaßen nicht dem Ziel, die Armenier oder andere Völker zu befreien oder vor dem massenhaften Tod zu bewahren. Es geht um die Kontrolle über die reichhaltigen Ölvorkommen im Zweistromland (Basra) und am Kaspischen Meer (Baku).

Lourdes Auftrag und die geostrategischen Interessen der Auftraggeber kollidieren mit moralischen Erwägungen. Der Special-Agent steht vor der Wahl, seine Entscheidung geht auf seine eigene Herkunft zurück, wird aber auch durch die schockierenden Erlebnisse und Bekanntschaften mit Armeniern und ihren westlichen Unterstützern motiviert. Da wäre jene Aktivistin Alev Temple, die sich in exponierter Weise für die Verfolgten und Gejagten engagiert, vor allem dafür sorgt, dass die Vernichtung eines ganzen Volkes nicht im Nebel des Krieges verborgen bleibt.

Mit diesen Aspekten verweist der Roman auf eine Entwicklung, die bis in die Gegenwart reicht und vermutlich auch die Zukunft bestimmen wird. Moral und Interesse werden weiterhin kollidieren, die Versuche, Schandtaten zu verbergen, gibt es immer noch, auch wenn sie eine andere Gestalt angenommen haben. Aktivisten und Journalisten mit Mut und Courage können dagegen angehen oder sich zum Sprachrohr von Propaganda und Desinformation machen.

Doch weist Gärten der Trauer auch in die Vergangenheit. An einigen Stellen schimmert eine gewisse Zeitlosigkeit durch, außerdem werden die tiefen Wurzeln der Gegenwart sichtbar, wie das schöne Zitat zeigt. An einer anderen Stelle ist von »Straßen und Gassen dieser zeitlosen Welt« die Rede, ein Aquädukt bezeugt die schöpferische Hochkultur der Römer und als Lourdes den Tigris erreicht, ist ihm bewusst, an der Wiege der menschlichen Zivilisation zu stehen.

Seit den Tagen der Seleukiden und Parther kreuzten sich hier die Wege der Gewalt.

Boston Teran: Gärten der Trauer

Boston Teran ist das Kunststück geglückt, sein Thema in das Gewand eines hochspannenden, dramatischen, wendungsreichen Thrillers zu kleiden. Manchmal erinnern Szenen an Western, wenn etwa eine Befreiungsaktion unternommen wird. Die Atmosphäre gemahnt an einen Abenteuerroman mit Niveau. Wie es sich für einen Thriller gehört, mündet die Handlung in einen furiosen Showdown, der in diesem Fall sehr passend apokalyptische Züge trägt. Chapeau!

Abgerundet wird der großartige Roman von einem sehr informativen Nachwort von Martin Compart, der auch die Klassiker-Reihe des Elsinor-Verlages mit seinen einordnenden Worten bereichert. Lange Passagen mit Äußerungen des Autors sind sehr aufschlussreich über die Motivation zur Auseinandersetzung mit diesem ungewöhnliche Thema im Rahmen eines Thrillers. Auch über Boston Teran selbst erfährt der Leser eine Menge, denn wer das eigentlich ist, liegt noch im Nebel des Pseudonyms verborgen.

[Rezensionsexemplar]

Boston Teran: Gärten der Trauer
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Herausgegeben von Martin Compart
Elsinor Verlag 2024
Klappenbroschur 244 Seiten
ISBN 978-3-942788-78-6

Tony Hillerman: Dunkle Winde

Im vierten Krimi um die Navajo-Police hat Jim Chee nicht nur mit den kulturellen Gräben zu den Weißen zu kämpfen, sondern auch mit denen zwischen Navajo und Hopi.

Die Suche nach dem Motiv einer Tat gehört zum Wesenskern der Kriminalliteratur. Wenn eine Antwort auf die Frage nach dem Warum gefunden wurde, ist oft auch der Täter enttarnt. Die kunstvolle Verschleierung des Motivs und dessen nicht minder kunstvolle Entschleierung durch den Ermittler ist eine der Herausforderungen für den Autor. In den Romanen um die Navajo-Police spielt das Verstehen über eine tiefe kulturelle Kluften hinweg eine entscheidende Rolle.

Der vierte Roman der Buchreihe von Tony Hillerman ist wie die Vorgänger geprägt vom Grenzgang zwischen „Weißen“ und „Indianern“, letztere vertreten durch Navajo und Hopi, die wiederum selbst von großen kulturellen Unterschieden geprägt sind. Jim Chee ist Navajo, seine Fälle führen ihn zu den Hopi, von denen er einige Dinge weiß, die er im Studium durch ein anthropologisches Seminar gelernt hat.

Ein hübscher Kniff, um dem Begriff des Unterschiede verwischenden Wortes „Indianer“ seine Grenzen aufzuzeigen. Eigentlich sollte das keine allzu überraschende Erkenntnis sein. „Europäer“ meint schließlich auch kulturell sehr unterschiedliche Menschen, deren kulturelles Selbstverständnis kaum weniger weit auseinandergeht als es bei Hopi, Navajo und „Weißen“ der Fall ist.

Für den Polizisten Jim Chee erschweren die Klüfte das Verständnis und die Suche nach dem Motiv für diverse Taten. Im Kriminalroman Dunkle Winde sind gleich mehrere Fälle ganz unterschiedlicher Art zu lösen. Erst nach und nach zeigen sich Verbindungen, die teilweise zufälliger Natur sind. Auch das verkompliziert die Suche nach Antworten.

»Das ist nun mal dein Job, den Richtigen finden und festzunehmen.«

Tony Hillerman: Dunkle Winde

Am Anfang steht die Entdeckung eines übel zugerichteten Toten, die Entdecker sind Hopi, unterwegs in ritueller Angelegenheit. Das führt dazu, dass sie zunächst über den Fund schweigen. Als die Leiche schließlich entdeckt wird, sind dank fleißiger Aasfresser nur noch die Knochen übrig. Die Identifizierung des Toten ist somit einstweilen unmöglich, ein ganz wesentlicher Faktor der nachfolgenden Ereignisse.

Jim Chee ist derweil mit einer recht banal wirkenden Angelegenheit befasst. Ein Windrad wird immer wieder sabotiert. Der Täter ist hartnäckig, denn er lässt sich von den immer besseren Sicherungsmaßnahmen nicht abschrecken. Chee soll herausfinden, wer für die Beschädigungen verantwortlich ist, und den Vandalismus beenden. Kleiner Spoiler: Die Gas- und Kohlelobby steckt nicht dahinter.

Das Windrad ist keineswegs das einzige in der Gegend, mehrere sollen jene Energie gewinnen, mit der Wasser aus Brunnen gepumpt werden soll. Das ist Teil von einer Umsiedlungsaktion, die für böses Blut sorgt. Hopi haben durchgesetzt, dass Navajo das Land verlassen müssen, auf dem sie zwar schon viele Jahrzehnte wohnen, doch die ursprünglichen Rechte der anderen verletzen. So sieht es jedenfalls ein Gerichtsbeschluss.

Ein mögliches Motiv läge auf der Hand, Rache wegen der als Ungerechtigkeit empfundenen Umsiedlung. Warum aber betreffen die Anschläge nur ein Windrad? Während Chee auf der Lauer liegt, nähert sich plötzlich ein Flugzeug, das versucht, in tiefer Dunkelheit zu landen. Die Sache geht schief, zurück bleiben ein Wrack und mehrere Tote. Wie der Leser bereits weiß, ist der Flieger in krimineller Absicht unterwegs, Schmuggel, Drogen liegen nahe.

»Die quetschen die Drogen regelrecht aus Ihnen raus, und wenn nichts rauskommt, quetschen sie trotzdem weiter.«

Tony Hillerman: Dunkle Winde

Damit wird der Navajo-Polizist in eine Ermittlung hineingezogen, die über seine Zuständigkeit hinausgeht. Bundesbehörden wie die DEA sind dafür verantwortlich und einer ihrer Vertreter erweist sich nicht nur als rassistisch geprägter Weißer, sondern auch als jene sattsam bekannte Gestalt, die es mit rechtlichen Grenzen bei der Ermittlungsarbeit nicht so genau nimmt, wenn es dem Erfolg dient.

Chee gerät selbst in Verdacht, aus dem Wrack wertvolle Ladung gestohlen oder versteckt zu haben. Er findet sich unversehens in einer Doppelrolle des Jägers und Gejagten wieder. Seinen hochmütigen Gegnern ist er in mancherlei Hinsicht überlegen, etwa bei der Suche und Auslegung von Spuren. Wie in den anderen Romanen hat Hillerman das ganz großartig in seine Erzählung gewoben, sehr glaubwürdig und ohne jede Spur von Super-Ermittler-Gedöns.

Die größte Schwierigkeit Chees liegt aber im Verständnis der anderen, der „Weißen“ und der „Hopi“. Immer wieder spürt er seine Grenzen und gesteht sich offen ein, dass er den jeweils anderen nicht versteht. Durch intensives Nachdenken und geschickte Kommunikation kommt er schließlich der Wahrheit auf die Spur, auch den Umständen jenes höchst seltsamen Diebstahls von Schmuck, der so gar nicht in das gängige Muster zu passen scheint.

Dunkle Winde ist ein wunderbarer Roman der Reihe um die Navajo-Police. Ich weiß sehr zu schätzen, dass Hillerman nicht versucht, den Leser zu belehren, während er seine Ermittler auf die Suche nach der Wahrheit schickt. Man berührt ein wenig die fremdartige Kultur der indianischen Gemeinschaften, lotet die tiefen Kluften und rassistischen Abgründe aus, die auch nach der Auflösung der Fälle bleiben. Der reduzierte, dynamische und bisweilen bissig-ironischen Erzählstil machen die Lektüre zu einem unterhaltsamen Genuss.

Weitere Bücher der Reihe um die Navajo-Police:
Tanzplatz der Toten
Blinde Augen
Zeugen der Nacht
Gesang an die Geister
Stunde der Skinwalker

Tony Hillerman: Dunkle Winde
Ein Fall für die Navajo-Police
Aus dem Englischen von Klaus Fröba
Nach dem Original durchgesehen und überarbeitet von Andreas Heckmann
Unionsverlag 2023
Taschenbuch 256 Seiten
ISBN: 978-3-293-20956-5

Tony Hillerman: Zeugen der Nacht

Erstmals ermittelt Jim Chee für die Navajo-Police. Das hat rechtliche und keine dramaturgischen Gründe. Joe Leaphorn kehrt in Band 6 zurück und arbeitet dann mit Chee zusammen.

Im Denken der Weißen, die in diese Sache verwickelt waren, spürte er keine solche Harmonie. Für alle Unternehmungen aber war Harmonie unerlässlich. Vor allem für die Jagd. Und hier hatte es sich von Anfang an um eine Jagd gehandelt.

Tony Hillerman: Zeugen der Nacht

Die Kriminalromane von Tony Hillerman sind großartig. Auch der dritte Teil der Reihe um die Navajo-Police hat jenen Charme, der durch die ungewöhnliche Umgebung der Handlung und einige unverwechselbare Zutaten entsteht: Spannung, Spott und eine gut verdauliche Prise Mystik der indianischen Gemeinschaften.

Hillerman hat die spezifischen Aspekte aus der Kultur einer bzw. mehrerer indianischer Gemeinschaften gekonnt in die Handlung seiner Romane eingeflochten; sie sind Teil des Falles, sie erklären Motive, Ursachen und auch den Verlauf der Tat, allerdings aus einer Perspektive, die für Leser, die nicht vertraut sind mit den kulturellen Eigenheiten der Indigenen, übersetzt werden müssen.

Das übernimmt in Zeugen der Nacht Jim Chee, der an die Stelle von Joe Leaphorn, dem Ermittler der ersten beiden Teile der Reihe. Das hat rechtliche, nicht erzählerische Gründe, wenn ich mich recht erinnere. Zu einem späteren Zeitpunkt werden beide gemeinsam ermitteln, was bei mir große Vorfreude auslöst.

Aber die Art, wie die Weißen dachten, verstand Jim Chee nicht.

Tony Hillerman: Zeugen der Nacht

Chee beobachtet die „Weißen“. Das führt zu kuriosen Situationen, wenn er etwa eine »weiße« Frau kennenlernt, die ihn wiederum beobachtet. Beide sind voneinander durchaus persönlich angezogen, im „romantischen“ Sinne, doch auch voller Neugier gegenüber dem Fremden, Anderen. Diese eher unromantische, „anthropologische“ Anziehung hat Hillerman zu einer herrlichen Buddy-Erzähllinie verarbeitet.

Aus dem gegenseitigen Missverstehen ergibt sich eine Spannungsfeld. Wie immer hat das positive und negative Folgen. Chee stellt sich Fragen, auf die er so lange keine Antwort findet, bis ihm dank seiner Bekanntschaft mit einer Weißen eine Verständnis-Tür geöffnet wird, weil er einsichtig ist, um ab einem gewissen Punkt nachzufragen.

Das wirkt recht unspektakulär, ist jedoch ein ganz zentraler Aspekt bei der Aufklärung dieses Kriminalfalles (und darüber hinaus), weil dieser grenzüberschreitend zwischen zwei einander sehr fremden Kulturen stattfindet. Fast unmerklich kommt der Leser durch die Handlung auch in Berührung mit anderen Brennpunkt-Themen der US-Gesellschaft: Armut. Polizeigewalt. Drogen. Wirtschaftliche Ausbeutung. Wohlgemerkt: Der Roman ist Jahrzehnte alt.

Morgensonne fiel durch das Fenster hinter ihrem Schreibtisch und warf flammendes Licht auf ihr kurzes rotes Haar. Sie war jung und hatte diesen rosigen Teint, bei dessen Anblick Chee sich fragte, wieso die Weißen die Indianer Rothäute nannten.

Tony Hillerman: Zeugen der Nacht

Der Ermittlungsanlass, der die Geschichte in Gang setzt, ist auf den ersten Blick nebensächlich: ein eher unwichtiger Gegenstand wurde gestohlen. Aber dieser war seltsamerweise in einem Safe versteckt, dessen Lage nur wenigen bekannt war. Außerdem war der Dieb in seiner Auswahl wählerisch, denn es wurde nur diese eine Sache geklaut, obwohl er reichlich andere Dinge von Wert gab.

Chee muss schnell feststellen, dass eine Reihe von Menschen, einschließlich seines Vorgesetzten, überraschend großes Interesse an dem Diebstahl haben. Wie so oft in derartigen Fällen bricht der Schutzwall um ein längst vergangenes Geschehnis wieder auf und fordert seinen Tribut. Es gibt mehr und mehr Tote, manche sind schon lange tot, andere werden im Laufe der Ermittlungen aus dem Leben gerissen.

Auch der Ermittler gerät ins Fadenkreuz, was Hillerman zu sehr spannenden Passagen nutzt, während die Handlung vor allem durch das sich langsam entfaltende, sich aus dem Nebel mystischer Andeutungen und Rätsel herausschälende Geheimnis lebt. Der jähe Tempo- und Dynamikwechsel gehört zu den charakteristischen Merkmalen der Navajo-Police-Romane.

Ganz besonders gefallen hat mir die Gestaltung des Antagonisten, der Chee töten will. Ein Profi-Killer geht auf die Jagd. Der Attentäter geht mit einer schwärenden Wunde durchs Leben und wird auf diese Weise sehr menschlich, statt nur ein grob geschnitzter Bösewicht zu sein. Er ist – viel gefährlicher – ein verwundeter Mensch.

Weitere Bücher der Reihe um die Navajo-Police:
Tanzplatz der Toten
Blinde Augen
Dunkle Winde
Gesang an die Geister
Stunde der Skinwalker

Tony Hillerman: Zeugen der Nacht
Ein Fall für die Navajo-Police
Aus dem Englischen von Klaus Fröba
Unionsverlag 2022
Taschenbuch 256 Seiten
ISBN: 978-3-293-20955-8

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Grundsätzlich ein sehr lobenswerter Ansatz, die für alle Menschen bedeutsame Geopolitik in einem kurzen, informativen und durch viele gute Karten anschaulichen Buch darzustellen. Leider gibt es einige problematische Passagen. Cover C.H. Beck Verlag, Bild mit Canva erstellt.

So bestimmt die Geopolitik mehr und mehr unser tägliches Leben, von der Pandemie über den Krieg in der Ukraine bis hin zum beschleunigten Klimawandel, und eine Serie von Krisen führt zu der Feststellung, dass im 21. Jahrhundert niemand die übrige Welt ausblenden kann.

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Angesichts der dramatischen Umwälzungen in den frühen 2020er Jahren, allein in Europa in Form von Covid-19, dem genozidalen russischen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine und dem Terrorangriff der Hamas auf Israel direkt spürbar, ist ein Atlas mit geopolitischem Schwerpunkt grundsätzlich ein sehr begrüßenswertes Vorhaben. Das gilt noch mehr, wenn ein globaler Ansatz verfolgt wird, denn die genannten Disruptionen sind nur ein Teil weltweiter Veränderungen, die fortschreitende Erderhitzung allen anderen vorangehend. Ausblenden lässt sich das alles nur noch mit einiger Mühe.

Die Welt der Gegenwart von Émilie Aubry und Frank Tétart nimmt sich dankenswerterweise vieler Perspektiven an, die auch Leser von großen, überregionalen Tageszeitungen nicht immerverfolgen können. Alle fünf Erdteile werden in den Blick genommen, es ist tatsächlich positiv, dass zum Beispiel Schweden und Polen in Europa oder nicht ganz so oft im Fokus stehende Länder wie Äthiopien oder Australien mit ihren sehr spezifischen Problemen und Sichtweisen ins Bild rücken.

Ein wenig erinnert der Atlas dem »Weltspiegel« in schriftlicher Form. Die vielen übersichtlichen und multiperspektivisch, d.h. nicht nur aus der Sicht Europas gezeichneten Karten, werden von zusammenfassenden Info-Texten begleitet. Selbstverständlich führt diese Herangehensweise zu Verkürzungen und Verzerrungen, die unvermeidbar Analysetiefe vermissen lassen.

Es ist völlig unmöglich, einen Atlas in seiner Fülle an Informationen in einem Beitrag zu würdigen, ohne sich in Plattitüden und Leerformeln zu verlieren. Ausführlich widme ich mich in diesem Beitrag dem Kapitel über Russlands Krieg gegen die Ukraine, und zwar mit einem kritischen Tonfall. Viele dort genannte Aspekte sind in ihrer Darstellung fragwürdig, sie atmen an einigen Stellen das Propaganda-Gedröhn des Kreml, was bei etwas mehr (sprachlicher) Sorgfalt hätte vermieden werden können.

Sprache ist ein gutes Stichwort, denn Die Welt der Gegenwart setzt mittelbar »russischsprachig« mit »prorussisch« gleich. Die Trennung der Sprachen und politischen Ausrichtung in einen westlichen, ukrainischsprachigen und prowestlichen und einen östlichen, russischsprachigen und prorussischen Teil entspricht  dem Propaganda-Narrativ des Kreml und dem Bedürfnis nach einfachen Zuschreibungen, ist aber falsch.

Die russische Sprache gehört uns, wir geben sie Putin nicht her.
(Oleksiy Radynski)

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Man könnte es sich einfach machen und auf die vielen Millionen russischen Muttersprachler in der Ukraine verweisen, die gegen Russlands Invasion kämpfen oder Opfer von dessen Aggression werden. Aber auch in klugen Beiträgen ukrainischer Autoren (Alles ist teurer, als ukrainisches Leben, Aus dem Nebel des Krieges), russischprachiger ukrainischer Schriftsteller (Andrej Kurkow, Tagebuch einer Invasion) oder den Büchern von westlichen Historikerinnen wie Gwendoly Sasse, die von »kontextabhängiger Bilingualität« sprechen, wird ein differenzierteres und wirklichkeitsnäheres Bild gezeichnet.

Richtig ist, dass der Kreml die angebliche Kombination aus russischsprachig und prorussisch nutzt, um Einfluss auf ehemalige Sowjetstaaten auszuüben, und zwar als vorgeschobene Rechtfertigung für eine aggressive Politik der Einmischung bis hin zur Annexion. Der folgen Deportationen, Filtrations- bzw. Folterlagern, in denen jene, die keine Russen sein wollen, mit Gewalt zu solchen gemacht werden, sowie die Ansiedlung von ethnischen Russen – alles in wohlbekannt stalinistischer Tradition.

Das alles verschwindet hinter der Begrifflichkeit, die in Die Welt der Gegenwart verwendet wird. Das gilt auch für den sorglosen Gebrauch von Begriffen wie »Ukrainekonflikt« bei gleichzeitiger Vermeidung der zutreffenden Begriffe wie Vernichtungskrieg und Angriffskrieg. Mit nebulösen Formulierungen wie der nachfolgenden wird der Eindruck erweckt, beide Seiten begingen im gleichen Maße Kriegsverbrechen.

In den Augen der Europäer ist dies die Rückkehr eines Territorialkrieges, eines »schmutzigen Krieges« samt Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Russland ist der einzige Aggressor in diesem Krieg, es allein zielt mit Terrorangriffen auf Zivilisten, zivile Infrastruktur und Energieversorgung, außerdem gehen gezielte Massentötungen, Folter, Deportationen von Zivilisten allein auf das Konto russischer Streitkräfte. Der Ukraine wird durch die fehlende Nennung von Ross und Reiter ein ähnliches Maß an Kriegsverbrechen unterstellt.

An anderer Stelle wird ein unzulässiger Zusammenhang zwischen den so genannten Minsker Abkommen und dem im Budapester Abkommen vom Westen und Russland (!) anlässlich der freiwilligen Abgabe der ukrainischen Atomwaffen garantierten Staatsgebiet der Ukraine und der »schwierigen Umsetzung« der des »Vertrages« hergestellt. Die »Kontrolle  ihrer Grenzen« wäre für den »ukrainischen Präsidenten Selinskyi (sic!) eine nicht verhandelbare Vorbedingung für eine Einigung«. Die Rolle von Täter (Russland hat ein ganzes Bündel bestehender Verträge gebrochen) und Opfer wird so vertauscht.

Leider wärmen die Autoren das längst widerlegte Motiv der Nato-Osterweiterung abermals auf. Mit der Aufnahme der baltischen Staaten stünde »von nun an die Nato an den russischen Grenzen und [ließ] das Gefühl der Einkreisung wiederaufleben«. Allein der Begriff der »Einkreisung« (vom »wieder« gar nicht zu reden) ist angesichts der Grenzen mit Kasachstan, der Mongolei und China unangebracht, ebenso, da Russland im Zuge der verheerenden Niederlagen in der Ukraine sämtliche Grenzen mit der Nato militärisch entblößt hat.

Ímmerhin verweisen die Autoren auf die verhängnisvollen Aktivitäten Russlands im Nahen Osten und Afrika, auch wird die Allianz unter Ungleichen mit China beleuchtet und es werden auch die zunehmend dramatischen Folgen für die wirtschaftliche und soziale Lage in Russland erwähnt. Gemeinsam mit den sehr informativen Karten entspricht das dem, was von einem modernen Atlas mit geopolitischem Schwerpunkt zu erwarten wäre, umso bedauerlicher erscheinen die problematischen Darstellungen im Zusammenhang mit der Ukraine.

Wie wichtig sprachliche Genauigkeit ist, zeigt sich auch am Beispiel des sogenannten »Sechstagekrieges«. Die im Buch gewählte Formulierung erweckt den Eindruck, Israel habe einen Angriffskrieg unternommen und dabei »seine heutige territoriale und geopolitische Stellung« erobert. Die vom ägyptischen Präsidenten vorher unternommenen Schritte, Sperrung einer wichtigen Seestraße für israelische Schiffe und Aufmarsch einer mächtigen Angriffsarmee an der Grenze Israels, bleiben unerwähnt.

Letztlich zeigt sich an diesem Beispiel auch, wo die generellen Erkenntnisgrenzen eines Buches wie Die Welt der Gegenwart sind. Wichtig wäre, diese explizit zu nennen und auf weiterführende Literatur oder Webseiten zu verweisen, die umfassender informieren.

[Rezensionsexemplar]

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.
Ein geopolitischer Atlas
Aus dem Französischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
C.H.Beck / arteEDITIONS 2024
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-406-81404-4

Andreas Pflüger: Ritchie Girl

Ein intensiv erzählter Roman über die Nachwehen des Zweiten Weltkrieges. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Bei der Lektüre des Roman Ritchie Girl von Andreas Pflüger hat mich manchmal erstaunt, wie sehr dieser Roman von der Gegenwart zu erzählen scheint. Seit Russland seinen genozidalem Vernichtungskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, gehen sie doch wieder um, die »Geister der Vergangenheit«, die gar nicht mehr so geisterhaft ihr blutiges Handwerk betreiben.

Im Gegensatz zum Vernichtungskrieg der Wehrmacht findet dieser vor aller Augen statt, für jeden unübersehbar. Umso bitterer, dass »Wegschauen, Schulterzucken« wieder in Mode sind, ebenso die larmoyante Kriegsmüdigkeit, das Folgen von Lügen und Propaganda – aus vielerlei Gründen. Wer sich fragt, die »das« damals geschehen konnte, bekommt Antworten präsentiert, die sehr unbequem und ernüchternd sind.

Das wirkt zurück auf die Betrachtung der Nazi-Zeit und auch zu dem, was Pflüger in seinem Roman vor dem Leser mit hoher Erzählintensität ausbreitet. Die Geschichte entfaltet sich aus der Sicht einer US-Amerikanerin namens Paula Bloom, die gegen Kriegsende nach ihrer Zeit im Camp Ritchie nach Europa zurückkehrt. Sehr intensiv erfährt der Leser das Grauen des Krieges auf den ersten Seiten, der gruseligen Überfahrt folgen grausame Eindrücke hinter der nach Norden vorrückenden Front in Italien.

Paula hat eine ungewöhnliche Biographie. Sie ist die Tochter eines Amerikaners, der in Berlin während 1930er Jahre lebte und arbeitete. Für US-Firmen, die mit deutschen Unternehmen gute Geschäfte machten, auch mit den später berüchtigten IG Farben. Moral stand hinten an, wie heute, wenn Sanktionen gegenüber Russland umgangen werden und Hochtechnologie aus dem Westen dem Aggressor ermöglicht, Krieg zu führen.

In Italien macht Paula als Übersetzerin Bekanntschaft mit einem SS-Offizier und begegnet Georg wieder, einem deutschen Offizier, an den sie ihr Herz verloren hat. Eine wildbewegte Geschichte entspannt sich, denn noch vor der Kapitulation der Deutschen wetterleuchtet der Kalte Krieg am Horizont, neue Bündnisse entstehen, Feinde, auch hochbelastete Täter aus dem Vernichtungskrieg werden wieder interessant.

Die Widersprüchlichkeit gleichzeitiger Entwicklungen, der Nürnberger Prozess und der Rückgriff auf deutsches Personal, die oft zynisch erscheint, durchzieht den gesamten Roman wie ein Bittermandelaroma. Paula wird auf einen aus Österreich stammenden Juden angesetzt, der als Top-Spion der Nazis galt. Sie soll ihm auf den Zahn fühlen, herausfinden, ob dieser Johann Kupfer lügt oder ein wertvoller Geheimdienstmann sein könnte.

Die Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht verwickelt, eine einfache Haltung einzunehmen ist für die handelnden Personen unmöglich, wie Paula zu spüren bekommt. Ihre eigene Vergangenheit, das erstickende Gefühl von Schuld wegen ihres Vaters und einer jüdischen Freundin, aber auch ihre noch immer glimmenden Gefühle gegenüber Georg holen sie ein. Ganz nebenbei erzählt Ritchie Girl auch von dem starken Gefälle zwischen Männern und Frauen in dieser Zeit, der latente und strukturelle Rassismus der US-Streitkräfte wird auch nicht verschwiegen.

Der Roman ist sehr unterhaltsam und spannend zu lesen, man fliegt durch die Seiten, vor allem, wenn die Zeitgeschichte und die handelnden Personen bekannt sind. Denn das Personentableau ist üppig geraten, der Erzählstil wirkt manchmal etwas flüchtig und ruppig, was allerdings der Handlungsdynamik sehr zugute kommt.

Beindruckend und erschütternd sind und bleiben die fürchterlichen Wechselfälle des Lebens unter der Knute von SS, Wehrmacht und Kollaborateuren während des Krieges; ebenso das, was Entnazifizierung genannt wurde, aber in vielerlei Hinsicht nicht war. Mit dem Ende konnte ich hingegen nur wenig anfangen, einige Dinge, wie das Schicksal Georgs und Kupfers, wirken inkonsequent. Das ist gemessen am gesamten Roman letztlich eine Petitesse.

Andreas Pflüger: Ritchie Girl
Suhrkamp 2022
Taschenbuch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-518-47267-5

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Alexander Preuße

Theme von Anders Norén — Hoch ↑