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Schlagwort: Zweiter Weltkrieg (Seite 1 von 14)

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. 
Buchcover von ‚Die Stalinorgel‘ von Gert Ledig, veröffentlicht in der Bibliothek Suhrkamp, vor einem schwarz-weißen Hintergrund und dem Zitat ‚Es gibt keine Kompanie mehr.‘
Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Krieg ist von zynischer Grausamkeit. Schon im ersten Satz des Frontkriegsromans Die Stalinorgel von Gert Ledig schlägt sie dem Leser entgegen. Der Autor spielt mit der geläufigen Redewendung, jemand würde sich im Grabe herumdrehen. Eine Umschreibung für das Entsetzen der Toten gegenüber dem, was die Lebenden anstellen. Ein namenloser Obergefreiter an der Ostfront würde sich angesichts des Grauens wohl im Grabe umdrehen, wenn er könnte; er besitzt jedoch keines.

Kühl und knapp schildert Ledig, wie der Obergefreite der Wehrmacht in der Nähe eines Ortes namens Podrowa zu Tode kam; der Zufall ließ ihn in eine Salve jenes Raketenwerfers geraten, den die deutschen Soldaten »Stalinorgel« nannten. Eine Anspielung auf die alptraumartigen Töne, die beim Abfeuern einer Lage Raketengeschosse erzeugt wurden und die verheerende, psychologische Wirkung. Die Überreste des Obergefreiten hängen in einem »verstümmelten Baumstamm«, unter dem Leichnam windet sich ein Verwundeter mit Bauchverletzung. Die glücklichen, unverletzt gebliebenen Kameraden laufen weg.

Hilfe für den Verwundeten? Fehlanzeige. Es ist der erste, zarte Hinweis auf den kritischen Zustand einer Armee, die noch wenige Monate zuvor als unbesiegbar galt. Ledigs Tonfall ist ein Echo der zynischen Kriegsgrausamkeit, sie spiegelt die alltägliche Entmenschlichung, ein fast notweniger Zustand der Selbstdistanzierung, um das Grauen an der Front überhaupt auszuhalten. Der Autor verzichtet auf jeden moralischen oder gar pathetischen Kommentar, wie man ihn etwa bei den berühmten Frontkriegsromanen von Remarque oder Jünger findet. Bei Ledig schaut man dem Krieg unverhüllt ins Gesicht; für alles Weitere ist der Leser verantwortlich.

Die Geschichte des toten Obergefreiten ist noch nicht beendet. Eine Maschinengewehr-Garbe holt ihn vom Baum, der Tote ist nur noch ein halber Mann. Die Überreste werden von Panzerketten zermalmt, den Rotarmisten »blieb nicht einmal die Möglichkeit, seine Taschen zu durchsuchen«. Im Gefecht bleibt von Pietät nichts übrig, in diesem Fall auch nicht für uniformierte Leichenfledderer. Ein Schlachtflieger setzt der Leiche noch mit Sprengmunition zu, gibt ihr sozusagen den Rest.

Dann endlich hatte der Obergefreite Ruhe. Er roch vier Wochen süßlich.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Nicht einmal eineinhalb Seiten sind vergangen und der Leser schnappt schon nach Luft. Es ist nur der Auftakt in einem Prolog, wie soll es da fast zweihundert Seiten weitergehen?  Zunächst einmal setzt Ledig den ersten seiner vielen Kontrapunkte: Der tote Obergefreite wird zum bürokratischen Akt, nämlich der Todesmeldung an die übergeordneten Stellen und die Angehörigen. Wegen der hohen Verluste eine abstumpfende Tätigkeit, längst von Gleichgültigkeit überwältigt. Es zählt nur eines – Überleben, notfalls auf Kosten eines anderen.

Die Gedanken der Soldaten, vom einfachen Melder bis zum Hauptmann drehen sich darum, wie man der Hölle lebendig entkommen könne. Gott ist keine Hilfe, die Gebete, eigentlich Bitten um einen Deal, bei denen der Hilfesuchende ein Opfer anbietet, wenn er davonkäme. Einen Fuß etwa oder eine Hand erscheinen ein guter Preis. Aber Gott schweigt. Bliebe Selbstverstümmelung, die aber wie Desertion ein heikles Spiel mit dem Feuer ist;  schnell greifen die »Kettenhunde« der Feldpolizei zu, man steht vor dem Kriegsgericht.

Überlaufen zu den Sowjets? Die üble Behandlung deutscher Kriegsgefangener war mehr als bloße Propaganda, trotzdem trägt jeder einen »Passierschein« mit sich herum, der von der Roten Armee über deutschen Stellungen abgeworfen wurde, um die Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Ledig zeigt seinen Lesern diesen Schein wie die berühmte Waffe von Tschechow, von der es heißt, sie müsse später im  Verlauf der Handlung auch abgefeuert werden. Der Passierschein wird also in Die Stalinorgel einer Wirklichkeitsprobe unterzogen, weiter hinten im Romans.

Der Melder lief täglich mehrmals auf einer Art Trampelpfad um sein Leben.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Um die Moral der Truppe ist es im Spätsommer 1942 vor Leningrad schlecht bestellt. Wie brüchig sie ist, zeigt sich an unzähligen Dingen. Ein namenlos bleibender »Melder« durchläuft den Frontabschnitt, auf dem Ledig sein Drama inszeniert. Der Weg von der vordersten Linie zum Befehlsstand weiter hinten ist ein Alptraum, einschließlich Raketenwerferbeschuss, bei dem sich eine »Lähmung über die Front« legt, sich in die Seelen der Männer frisst.

Es sind die einfachen, alltäglichen, wenig dramatischen Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Frontschweine hießen die Soldaten in den vordersten Linien, nach dem Besuch eines Panzervernichtungsstrupps in einem höhlenartigen Unterstand, weiß man auch, warum. Verkotet und verlaust lässt der Melder die beiden Soldaten zurück, die darauf warten, dass man sie ablöst, ehe sich ein sowjetischer Panzer zeigt und sie versuchen müssen, die stählernen Ungetüme zu stoppen.

Ablösung ist das Zauberwort, das alle Soldaten bewegt. Bloß raus aus dem frontnahen Bereich, andere sollen ihren Kopf hinhalten. Wieder ein Bild für die zerbröckelnde Moral. Ledig schildert, dass Ersatzleute nicht etwa begrüßt, sondern gehasst werden. Man gibt den neuen die Hand und wünscht ihnen den Tod, denn ihre Anwesenheit bedeutet eine Verstärkung und verringert die Chance, dass die eigene Einheit vorn an der Front abgelöst wird. Die Erosion der Moral ist weit fortgeschritten.

Wie bei jeder Panik war die Ursache geringfügig.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Die Kern-Handlung des Romans, ein begrenzter Angriff der Roten Armee, entfaltet sich, kaum dass der Melder mit den Ersatzleuten zum vorderen Graben zurückgekehrt ist. Ledig wechselt die Perspektive, schildert die Attacke aus der Sicht von sowjetischen Offizieren. Mehrfach schwenkt die Sicht übergangslos von der sowjetischen zur deutschen Seite, was den Leser verwirrt; das Lesen wird unübersichtlich, wie die blutigen Kampfhandlungen, ein wirres Durcheinander ohne etwas, das man »Frontlinie« bezeichnen könnte.

Ledig verdichtet seinen Roman auf einen scharf begrenzten Raum, ganz vorn ist es nur ein Kompanieabschnitt. Was dort geschieht, hat jedoch Auswirkungen auf die gesamte Division. Ein kleiner Angriffs-Stoß der Roten Armee vervielfacht sich nach hinten und löst eine Panik aus. Mit starken Bildern, die mir seit dem ersten Lesen im Kopf herumgeistern, lässt der Autor den Leser teilhaben, wie eine sieggewohnte, kampferprobte, gefürchtete Armee zu einem kopflosen Hühnerhaufen wird.

Da ist der General, der im Schlafanzug den bereitstehenden Kübelwagen besteigt und sich in Sicherheit bringen lässt. Hinter ihm schwappt eine anschwellende Flutwelle panischer Krieger von der Front heran. Infanterie, Artillerie, Tross, Panzer, Lazarett, Küche, Nachschub – alles rennt vor einer Handvoll sowjetischer Panzer davon. Die kopflosen Soldaten werden niedergemäht oder trampeln einander zu Tode, während sie versuchen, das eigene Leben zu retten.

[Sie] stürzten sich sinnlos auf einen Zug ohne Lokomotive. Hunderte kämpften um einen Platz in Waggons die nicht zusammengekoppelt waren.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Es ist das stärkste Bild einer dem Untergang geweihten Armee, das ich kenne. Die Stalinorgel spielt im Sommer 1942, nicht etwa 1944. Der Südabschnitt der Ostfront erreichte Stalingrad und stieß in den Kaukasus vor. Die Wehrmacht galt immer noch als siegreiche Armee, die in diesem Jahr die Entscheidung erzwingen sollte. Gert Ledig, der selbst in dieser Zeit vor Leningrad kämpfte, nimmt in seinem Roman das Desaster der folgenden Jahre bereits vorweg. Wie soll eine Armee siegen, deren Soldaten um einen Platz in einem Zug ohne Lokomotive kämpfen?

Ledig treibt die Handlung auf die Spitze, indem er inmitten dieser lokalen Apokalypse einen bürokratischen Kontrapunkt setzt. Mit maliziöser Ironie lässt er einen Gerichtsoffizier auftreten, der einen Deserteur aburteilen soll, damit dieser als abschreckendes Beispiel für die Truppe hingerichtet werden kann. Eine groteske Versinnbildlichung des Wehrmachts-Terrors gegen die eigenen Soldaten, die bis Kriegsende zu Tausenden hingerichtet wurden.

Inmitten einer ganzen Division von Desertierenden führt der Gerichtsoffizier ein schauerliches Bürokratie-Spektakel auf, während die sowjetischen Angriffsspitzen bereits den Ort erreichen. Der Irrsinn dieses Krieges verdichtet sich in dem Vorgang  auf kaum zu ertragende Weise, wenn die Wirklichkeit die Befehle längst sinnlos gemacht hat und diese trotzdem ausgeführt werden. Hier streift Ledigs Erzählung auch die nach dem Krieg so oft bemühte Phrase vom »Befehlsnotstand«, den der Autor auf seine Weise kommentiert.

Kein Soldat darf einen Befehl verweigern, aber er kann ihn vergessen.

Gert Ledig: Die Stalinorgel

Gert Ledig hat seinen Roman eine wirksame Struktur gegeben, nicht nur durch diese Kontrastierungen oder die jähen Perspektivwechsel im Stil scharfer Filmschnitte. Durch Einschübe, die kursiv von der Erzählhandlung abgesetzt sind, erzählt er von der Vergangenheit, Gedanken oder fiebertrunkenen Assoziationen der Soldaten beider Seiten. Die entmenschlichte Distanz bricht auf, der Mensch wird hinter dem namenlosen Uniformierten sichtbar, was die Intensität von Szenen wie dem Sturmangriff sowjetischer Soldaten noch einmal verstärkt.

Schlachtszenen haben in vielen Romanen notgedrungen etwas Voyeuristisches und Mechanisches, manchmal klingen sie hölzern wie eine Gebrauchsanweisung, wenn geschildert wird, was geschieht. Die Stalinorgel von Gert Ledig zeigt einen gelungenen Ausweg, einen ebenso radikalen wie sein Luftkriegsroman Vergeltung. Für ein Publikum, das durch bauschig-sanfte Lesegewohnheiten des 21. Jahrhunderts sozialisiert wurde, mag das regelrecht verstörend sein. Für die Lebenswirklichkeiten unserer Tage jedoch ist Die Stalinorgel siebzig Jahre nach ihrem Entstehen passend. Auch in diesem Sinne hat Gert Ledig den besten Frontkriegsroman verfasst, den ich kenne.

Gert Ledig: Die Stalinorgel
Suhrkamp Verlag 2000
Gebunden 240 Seiten
ISBN: 3-518-22333-x

Robert Harris: Vaterland

Buchcover von ‚Vaterland‘ von Robert Harris vor dem Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz mit dem Schriftzug ‚Arbeit macht frei‘. Der Text auf dem Bild lautet: ‚Du kannst auf einem Massengrab nichts aufbauen.
Die Wehrmacht hat den Krieg gewonnen, Deutschland herrscht über Europa vom Rhein bis zum Ural. Hitlers 75. Geburtstag steht vor der Tür, im Großdeutschen Reich werden die Feierlichkeiten vorbereitet. Der Thriller setzt sieben Tage vor dem großen Ereignis ein, konfrontiert mit einem Toten aus den Spitzen der Partei kommt ein Kommissar einem gut gehüteten Geheimnis auf die Spur, das »sich selbst versiegelt« hat. Brillant. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einen guten Roman erkennt man nicht zuletzt daran, dass man ihn mehrfach lesen kann. Das gilt insbesondere für Thriller. Spannungsliteratur lebt von der Überraschung, die beim erneuten Lesen fehlt, wenn man nicht alles vergessen hat. Ist die Handlung noch präsent, müssen andere Qualitäten als Enthüllung und jähe Wendungen den Leser bei der Stange halten. Der Inhalt muss etwas zu bieten haben, das über die Ermittlungen hinaus geht.

Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass die meisten gegenwärtigen Romane des Thriller-Genres nicht gut genug sind, um ihre Leser für eine zweite Leserunde zu begeistern. Vaterland von Robert Harris hat diese Qualität. Vier- oder fünfmal habe ich das Buch mittlerweile gelesen, der Zustand meines Exemplars ist besorgniserregend. Harris’ Roman ist fast schon ein Klassiker. Er erschien 1992 und sorgte damals für erhebliches Aufsehen.

Die Hauptfigur ist ein SS-Sturmbannführer namens Xaver März. Das war bei Erscheinen spektakulär, denn März hebt sich dramatisch von den karikaturhaft gezeichneten SS-Leuten in der populären Literatur und insbesondere des amerikanischen Films ab. Er ist ein Sympathie-Träger, was Harris nicht zuletzt durch einen Kunstgriff ermöglicht: März kam als Kriminalbeamter nolens volens zur SS, als 1936 die Kripo in den »Schwarzen Orden« eingefügt wurde.

Harris macht aus ihm einen Fremdkörper in der SS, der –  durchaus klassisch im Thriller-Genre – von der Ideallinie abweicht und Stück für Stück dem Abgrund entgegentaumelt. Scheidung von der linientreuen Frau, Isolation, Flucht in die Arbeit, stagnierende Karriere – ein fallender schwarzer Engel, der auch noch die falschen Fragen stellt. Eine Fotografie, zufällig beim Renovieren hinter der Tapete gefunden, ist wie ein Leitstern für die Frage, wer das sei und welches Schicksal ihnen beschert gewesen wäre.

›Das waren Juden‹, hatte die Alte im Dachgeschoss  gesagt, ehe sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Robert Harris: Vaterland

In der Welt von Vaterland gibt es 1964 keine Juden mehr, sie sind »nach Osten evakuiert« worden. Fragen stellt man besser nicht, auch nicht als SS-Sturmbannführer. März wittert das Grauen, eine Leerstelle, die der Fahnder füllen will, füllen muss. So wie er auch nicht wegsehen kann, als ihn – ein Zufall! – zu einer Leiche am Wannsee (ja, der Wannsee) führt. Er will, er muss herausfinden, was es mit dem Mord an einem hochgestellten, wenngleich im Ruhestand weilenden Mitglied des Regimes auf sich hat; auch als Gestapo & Co. die Ermittlungen an sich reißen, hört er nicht auf.

Der Rote Faden einer Mordermittlung inmitten einer mörderischen Verschwörung ist fest verwoben mit dem Schwarzen Faden eines historischen Verbrechens, das in seiner industriell-bürokratischen Umsetzung in der Weltgeschichte einmalig ist. Beides hängt eng miteinander zusammen, beides enthüllt Xaver März Schritt für Schritt. Sein Weg führt ihn endgültig ins Abseits, was im Großdeutschen Reich des Jahres 1964 suizidalen Charakter hat. Das weiß der Leser und März weiß es auch – trotzdem ermittelt er, denn er kann nicht anders.

Harris ist mit dem Fahnder März nicht nur ein glaubwürdiger Charakter gelungen, er hat dessen Enthüllungsarbeit in eine faszinierende und fantastisch getimte Thriller-Struktur eingebettet. Sieben Tage, in denen eine neue Welt erschaffen wird, weil sich durch März der Lauf der Geschichte ändert. Der letzte Tag ist der 75. Geburtstag Adolf Hitlers, was viel mehr ist, als ein Aufmerksamkeit heischendes Detail. Der Feiertag wirkt entscheidend auf die Handlung ein, die auf diesen zusteuert. Nein, nein, kein Attentat; Vaterland ist kein Hollywood- oder Streaming-Gedöns. Harris kann und macht es besser.

Das letzte, was wir brauchen, ist ein Skandal, der die Parteiführung betrifft, vor allem jetzt vor Kennedys Besuch.

Robert Harris: Vaterland

Die Geburtstagsvorbereitungen begleitet die Sensation, dass der amerikanische Präsident Joseph P. Kennedy nach Berlin kommen will. Der Amerikaner will wiedergewählt werden und versucht, durch einen außenpolitischen Coup Punkte zu sammeln. Den Nazis steht offensichtlich das Wasser dicht genug am Hals, um an einer Entspannung auf der weltpolitischen Ebene interessiert zu sein. Harris bettet die Ermittlung im Mordfall und die Enthüllung des Holocaust in eine geschickt konstruierte weltpolitische Kulisse ein; während März, bald unterstützt von der amerikanischen Journalistin Charlotte Maguire, nach Antworten sucht, mahlen die Mühlsteine der Macht. Der Tote – die Toten sind kein Zufall.

1964 herrscht Großdeutschland über ein riesiges Gebiet vom Rhein bis zum Ural. Wie von Adolf Hitler angestrebt, wird dort noch immer gegen die verbleibenden Truppen der ehemaligen Sowjetunion gekämpft. Friede gibt es in dieser Welt nicht, im Osten schwelt der Krieg endlos vor sich hin wie eine schwärende Wunde. In den besetzten Gebieten gibt es Partisanen, auf dem Reichsgebiet Terrorangriffe. Millionen Menschen aus den Ostgebieten sind als billige Arbeitskräfte im Reich, um die Lücken zu füllen, die von den Eingezogenen gerissen werden. Krieg führen will keiner mehr.

Zwischen den USA, die gegen die Japaner siegreich blieben, und dem Großdeutschen Reich herrscht Kalter Krieg, Westeuropa ist in einer von Deutschland dominierten Europäischen Union gepfercht, ein typisch britisches Motiv, wie auch das Schweigen über das Schicksal der Kolonialreiche. Der Rest der Welt ist nämlich im Nebel jenseits der Erzähllinien verborgen. Doch auch so hat Harris eine globale Kulisse geschaffen, die für die Grundmotivation der Handelnden sorgt und den Thriller auf seinen Höhepunkt zutreibt.

Die Prinz-Albrecht-Straße war Deutschlands schwarzes Herz.

Robert Harris: Vaterland

Zwischen 1933 und 1945 hatten in den Prinz-Albrecht-Straße die Gestapo und die SS ihren Sitz, hier lag das Reichssicherheitshauptamt. Staatliche Bespitzelung, Verfolgung und Terror an einem Ort, der in der NS-Zeit als Synonym für den Schreckensapparat des Dritten Reiches galt. In Vaterland ist das noch immer so, niemand möchte dorthin gebracht werden, wo Menschen durch die Anwendung brutalster Gewalt zum Reden gebracht werden; auch nicht der Träger einer SS-Uniform. Harris winkt früh mit dem Zaunpfahl, wie alles in diesem Roman im Dienste der Handlung.

Das Thema einer Erzählung, die in einer Welt spielt, bei der die Geschichte einen anderen Verlauf nahm, war auch 1992s nicht neu; auch nicht, dass es sich um eine Welt handelt, in der die Armeen des Deutschen Reichs den Zweiten Weltkrieg für sich entschieden haben. Philipp K. Dick hat das Motiv herausragend in Das Orakel vom Berge verarbeitet, Otto Basil in Wenn das der Führer wüsste wäre ein weiteres Beispiel. Mit diesem verbindet Vaterland die Notwendigkeit, die Handlung mit einem Opfergang zu verknüpfen. Wenn das Unheil so weit fortgeschritten ist, wie in einer Welt, in der ein großdeutsches Reich existiert, ginge es nur im Trivialroman anders.

Zwei Warnungen gibt Harris seinen Lesern mit auf den Weg, ohne den didaktischen Zeigefinger zu heben. Ab einem gewissen Punkt ist Widerstand gegen ein diktatorisches Regime nur noch von außen (USA), durch organisierte Gewalthaufen im Verborgenen (Partisanen) und aus dem System selbst (Stauffenberg) möglich. Der Einzelne ist ausgeliefert, von Kometen wie Georg Elser (oder Sturmbannführer Xaver März) einmal abgesehen.

Das Geheimnis versiegelt sich selbst.

Robert Harris: Vaterland

Der Schlüssel für das Geheimnis, dem Xaver März auf der Spur ist, liegt in Dokumenten. Robert Harris hat die Fahndungen seines Polizisten in SS-Uniform mit der Spürarbeit des Historikers verknüpft. Die Dokumente aufzuspüren in den Gebirgen an Papier, das in Archiven schlummert und in der Welt von Vaterland auch gar nicht gefunden werden soll, ist essentieller Teil der Handlung. Das Papier offenbart die schrecklichen Worte, die März und Maguire ungläubig schweigen lassen.

Papier als Waffe, um eine ganze Welt aus den Angeln zu heben. Für den Leser ist das knisternde Wispern des Grauens aus dröge formulierten Bürokraten-Schreiben schrecklich. Auch wenn man alles längst weiß und oft gehört hat, zieht beklemmende Furcht herauf, Todesfabriken, deren Betriebsablauf in nüchternen Worten beschrieben werden, machen demütig. Die Notwendigkeit, derlei nicht im Schatten verschwinden zu lassen, den Mächtigen nicht zu erlauben, es zu versiegeln, drängt sich mit Wucht auf.

Das ist die zweite Warnung von Vaterland: Wenn es gelingt, ein historisches Verbrechen zu versiegeln, verschwindet es irgendwann ohne Konsequenz für die Täter und mit verheerenden Folgen für die Gegenwart und Zukunft, denn ungesühnte Verbrechen stoßen die Tür für neue, monströse Verbrechen weit auf. Die Nazis waren nicht weit davon entfernt, ihr Geheimnis zu versiegeln. China und Russland sind heute mindestens einen Schritt weiter und die USA hecheln eifrig hinterher.

Robert Harris: Vaterland
Aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs
Heyne Verlag 1994
Taschenbuch 384 Seiten
ISBN: 3-453-07205-7

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Buchcover von ‚Delius – Die linke Hand des Papstes‘ von Friedrich Christian Delius vor dem Hintergrund der Kuppel und Brücke in Rom, mit der Frage: ‚Was hat das Oberhaupt der Katholiken in einer protestantischen Kirche zu suchen, mitten in Rom?‘
Die Novelle von Friedrich Christian Delius ist eine literarische Wutrede, ausgelöst durch eine überraschende Begegung des fiktiven Erzählers mit dem Papst in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Wunderbar als Reiselektüre geeignet, wenn man nicht bloß sehnsuchtsschwelgend durch Rom laufen möchte. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Die Pferde bleiben in Erinnerung.  Zugegeben, in meinem Fall waren es nebulöse Erinnerungen, obwohl ich Die linke Hand des Papstes schon zweimal gelesen habe. Einmal war das Buch mein Reisebegleiter in Rom, auch das ist schon einige Jahre her, die Erinnerungen an die Lektüre, die sich mit dem Erlebten verwob, ist verschwommen, aber präsent. Doch die Pferde sind mir als Motiv unvergessen geblieben. Pferde als Symbol abgründiger Korruption, in der Schreibgegenwart des Autors und der Vergangenheit der Spätantike.

Es ist ein weiter Bogen von Augustinus zu Gaddafi, von Honorius zu Berlusconi, den Friedrich Christian Delius seinen Lesern zumutet. Und es sind keineswegs die einzigen Zumutungen, insbesondere schwärmerischen Rom- und Italienverehrern rückt die Novelle mit Blicken hinter die Kulissen auf den sehnsuchtsvollen Touristenleib. Einen frühpensionierten Archäologen, der sich halblegal als Stadtführer verdingt, hat Delius zum Erzähler erkoren.

Der Deutsche ist mit einer Italienerin namens Flavia verheiratet, die transalpine Ehe verhilft dem Erzählten zu Glaubwürdigkeit. Der Name weist in die Antike zurück, zwei Kaisergeschlechter zählen zu den Flaviern, es ist also eine profunde Personifizierung der Historie. Delius verzahnt Erzählgegenwart und Vergangenheit auf allen Ebenen. Flavias zugespitzte Kommentare über die eigenen Landsleute kann sich ein Deutscher nicht leisten, nicht nach Meinung des Erzählers, der seinen Landsleuten die Untaten der Nazi-Schergen unter die Nase reibt. Als Italien 1943 die Nibelungentreue zum Reich aufgab und nicht bis »fünf nach Zwölf« kämpfen und untergehen wollte, brach über die Italiener das Morden herein. 

Alarich und Adolf und Kappler und Kesselring, den Florenz-Zerstörer und Partisanenschlächter, die schaffen wir nicht so leicht aus der Welt.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Das ist kein gutes Thema für Touristen, weiß der Touristenführer, also hält er sich zurück; er überlegt, wie er in seine Führungen derlei einfließen lassen könnte, ohne seine Kundschaft zu verschrecken. Es ist nicht das einzige, wenngleich das bedrückendste Thema für deutsche Leser.  Fast alle anderen Wut erzeugenden Aspekte sind hausgemacht italienisch oder katholisch-kirchlicher Natur mit langen Wurzeln in die Geschichte. Den prächtigen Fassaden Roms sieht man es nicht an.

Eine Schnittmenge zu den Nazi-Untaten gibt es, Benito Mussolini und seine Faschisten, die in ihren fürchterlichen Kriegen hunderttausende von Toten zu verantworten haben. Die Schlächtereien in Abessinien, in Albanien, der Angriffskrieg gegen Griechenland und die nachfolgende Besatzungsherrschaft. Das alles ruht halb vergessen im Schatten der monströsen deutschen Massenmorde, von Holocaust und Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg.

Die Kirche hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, nicht in Person von Papst Pius XII. und auch sonst nicht. Delius lässt seinen Erzähler von einem Onkel in Wehrmachtsuniform berichten, der diesem Papst die Hand im Jahr 1942 gedrückt habe. Eine zufällige Audienz, bei dem der Protestant in Uniform die Aufmerksamkeit des Papstes erregt, es kommt zu einem Gespräch, in dem der Stellvertreter Christi dem Deutschen zu seinem Führer gratuliert.

Wie käme ein Papst zu einem Glückwunsch dieser Art? 1942 waren Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungert, Millionen Juden erschossen und die Gaskammern in den industriell arbeitenden Vernichtungslagern Realität. Wieso wirkt diese Geschichte nicht, dass man abwinken möchte? In den weiten Gedankenkreisen des Erzählers kommen Katholische Kirche und deren Oberhaupt nicht gut weg, Kreuzzüge gegen »Ketzer« aller Art, Verfolgung von Juden, »Hexen und Zigeunern«, die Scheiterhaufen. Eine »Terrorinstitution«, meint der Erzähler.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Auch kein gutes Thema für »Touristen, Anti-Touristen« und »aufgeklärte Bildungstouristen« in der »Ewigen Stadt«; die wollen »die Märchen«. Das Thema ist aber gut geeignet für eine Novelle, die in ihrer Sprache und Gedankenführung als  assoziative Wutrede daherkommt. Rant würde man heute vielleicht sagen, ausgeführt mit leichter Hand, sarkastisch, wortgewandt und bildstark. Den allgegenwärtigen Lärm der Stadt verspottet Delius als »große römische Jupitersinfonie«, die »kleine« werde sonntags gegeben, wenn es ruhiger sei. Vom grunzenden Pöbeln der so genannten »Wutbürger« ist Delius’ Buch noch weiter entfernt, als die Antike von der Gegenwart.

Den Anlass für diese Wutrede bietet eine ungewöhnliche Begegnung des Erzählers mit dem Papst. Genauer: dem deutschen Papst Benedikt XVI. in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Tatsächlich ist ein solcher Besuch für den 14. März 2010 verbürgt, Delius ersinnt für seine Novelle eine fiktive Begegnung seines Erzählers mit dem Papst rund ein Jahr später. Ist das die unerhörte Neuigkeit, die prägend für eine Novelle ist? Das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer protestantischen mitten in Rom? Nein, für den Novellen-Falken hat sich Delius eine im Wortsinne »unerhörte« Begebenheit ausgedacht, die hier nicht verraten wird.

Unerhört hätte aber etwas anderes sein können, das sich der Erzähler wünscht: eine Backpfeife des Papstes für Silvio Berlusconi. Ob sie, die Hände des Papstes, noch zu einer Ohrpfeife fähig wären, fragt sich der Erzähler. Für den Wunsch nach dieser wahrhaft unerhörte Begebenheit liefert die Erzählgegenwart einen passenden Anlass: Der Italien »regierende Diktatorenfreund« wurde vom »Öldiktator« aus Libyen, ehemals italienische Kolonie, besucht. Gaddafi brachte ein Zelt und Pferde mit, jene Pferde, von denen eingangs die Rede war.

[…] und  zum ersten und einzigen Mal etwas Mitleid hatte mit dem alten Mann, dem vor lauter Macht die Hände gebunden waren.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Was für ein Satz. Allein die Idee, dass einem Mächtigen wegen seiner Macht die Hände gebunden sein könnten, ist brillant. Doch ist es das Mitleid, das die Wucht der Worte entfaltet. Delius lässt seinen Erzähler recht früh in dem schmalen Buch dieses Mitleid empfinden, ich hätte es auch an den Anfang meiner Besprechung stellen können. Doch hier, nach dem über den deutschen Papst und seine Institution Gesagten, wird erst deutlich, welche Ausnahmestellung das Mitleid einnimmt, warum der Erzähler es nur ein einziges Mal empfinden kann.

Eine groteske Inszenierung, ein die katholische Kirche und ihr Oberhaupt verhöhnender Mummenschanz mitten in Rom. Gaddafi gibt eine Islamstunde. Die Belehrten sind einige hundert junge Models, bezahlt, um dem Salbadern zu lauschen. Europa solle sich zum Islam bekehren lassen, meint der Öldiktator. Man stelle sich Angela Merkel vor, die in Mekka derlei mit umgekehrten Vorzeichen sagt.

In Rom aber wird Gaddafi nicht gesteinigt oder auf andere Weise massakriert, es wird lächelnd abgewiegelt. Der bekennende »Kirchenfreund« und »Fernsehkönig«, Vorsteher einer »mafiafreundlichen Partei«, Putinanhänger und »Gotteslästerer« lässt es geschehen. Wäre das nicht wenigstens eine Ohrfeige, ausgeführt mit päpstlicher Hand wert? Wann immer es um Berlusconi geht, bricht die gezügelte Sprache des Erzählers auf, der auch vor dem handgreiflichen Wort »Hurensohn« nicht zurückschreckt.

Achtzig prächtige Zuchthengste, und wir schuldbeladen, Sündenklumpen bis in alle Ewigkeit.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Es geht um Geld, um Öl, um lukrative Geschäfte mit Gaddafi, um den fast schon naheliegenden Verdacht der Selbstbereicherung, die das Abwiegeln erklären. Korruption statt Werte, mit diesem Zusammenhang berührt Die linke Hand des Papstes die Achillesferse des demokratischen Westens. Berlusconi stellte eine Art Galionsfigur dar, deren verheerendes Wirken in die düstere Gegenwart unserer Tage reicht. Auch wenn die erzählte Zeit in der Novelle noch harmlos wirkt angesichts der alltäglichen Monstrosität des Alltags vierzehn Jahre später, zeigt sie doch die Grundlagen des Verhängnisses.

Doch reicht die Korruption weit zurück in die Vergangenheit. Gaddafis Pferde sind nicht die ersten, die von Libyen nach Italien kamen, um dort etwas zu bewirken. Kein Geringerer als der Heilige Augustinus, so weiß der Erzähler, habe mit einer Bestechung in Gestalt von achtzig Zuchthengsten an den weströmischen Kaiser dafür gesorgt, dass sein Gegenspieler Pelagius aus dem Feld geschlagen wurde. Mit Augustinus’ Sieg hätte die Erbsünde Einzug gehalten in das christliche Dogma.

Was für eine wundervolle Parallelität! Der »anständige Ketzer«, wie sich der Erzähler selbst sieht, der »weder mit der Blindheit der Knieenden noch mit dem Hochmut der Kirchenhasser« geschlagen sei, lässt es krachen. Augustinus’ Gott wolle Unterwerfung, nicht Seligkeit aller Menschen; Frauen gälten als minderwertig – dank eines gelungenen Bestechungsmanövers. Gern würde der Erzähler den neben ihm sitzenden Papst, den Fachmann in dieser Sache befragen, doch dazu kommt es nicht.

Auf diese Weise wird die Bahn bereitet für das unerhörte Ereignis, ein Schelmenstreich des Autors, der dem Papst eine spektakuläre, ungeheuerliche Rede andichtet, die wahrhaftig für Furore gesorgt hätte. Doch hatte die Wirklichkeit auch für den Autor eine handfeste Ungeheuerlichkeit parat. Drei Tage nach dem Versenden des Manuskriptes gab ebenjener Papst seinen Rücktritt bekannt, dem Delius’ Erzähler bei seinem Treffen in der Kirche Anzeichen einer gewissen  Schwäche attestierte. 

Der Roman ist das zweite Buch aus meinem Lesevorhaben Wiedergelesen – 4für2025

Friedrich Christian Delius:  Die linke Hand des Papstes
Rowohlt Verlag 2015
Taschenbuch 128 Seiten
ISBN: 978-3-499-26831-1

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Buchcover von Die übersehene Nation von Martin Schulze Wessel vor dem Hintergrund einer zerstörten Stadt. Das Zitat auf dem Bild lautet: ‚Ukrainer, die Juden halfen, riskierten ihr Leben.‘ Das Buch thematisiert die Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine seit dem 19. Jahrhundert.
Das Bild im Hintergrund zeigt die ukrainische Hauptstaddt Kyjiw während des Zweite Weltkrieges. Wird die Zukunft der Millionen-Metropole auch so aussehen? Noch halten sich die Schäden durch die russische Aggression in Grenzen, doch im Osten des Landes sind wie im deutschen Vernichtungskrieg Städte und Dörfer ausgelöscht worden. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen ist bemerkenswert kurz und hat zu Beginn recht karge Wurzeln. Wer sich überhaupt mit der Region befasste, wusste oft gar keinen Namen. Das lag auch daran, dass das Staatsgebiet der heutigen Ukraine vor 1914 zu Russland, Polen, Österreich-Ungarn gehörte; nach einem kurzlebigen ukrainischen Staat zwischen 1918 und 1921 war das Staatsgebiet wieder aufgeteilt, doch hatte sich viel verändert. Keineswegs nur zum Guten.

Die deutsch-ukrainischen Beziehungen waren und sind von Ignoranz geprägt. Das ist übrigens nicht verwunderlich. Wer in den 1970er und 80er Jahren aufwuchs, kannte die Sowjetunion als (auf Karten geographisch verzerrt dargestellten) Riesenklotz; dessen Zusammenbruch und Aufteilung nach 1991 ließ nicht nur die Ukraine aus dem Schatten der Geschichte hervortreten. Doch werden die „ehemaligen Sowjetrepubliken“ weiterhin als Objekte politisches Handelns und weniger als handelnde Subjekte wahrgenommen, also übersehen. Wer weiß schon adhoc, wo Tadschikistan liegt, geschweige denn, welche politischen Ambitionen dort gehegt werden?

Die geographische Zersplitterung der Sowjetunion nach 1991 ist ein treffendes Bild für die Freiheit. Sie ist kompliziert, anstrengend und für viele Menschen überfordernd, so dass der verschlichtende Blick („ehemalige Sowjetrepublik“) bevorzugt wird. Man schaut daher, aber auch aus kühlem Kalkül über das Detail hinweg. Im Extremfall wie Reinhold Heydrich, der in den Ukrainern „ein durchweg als kommunistisch eingestelltes und (…) außerordentlich rückständiges Volk“ sehen wollte, was mit der Wirklichkeit wenig zu tun hatte, aber vortrefflich in die Weltanschauung passte. Heydrich ist nur der Extremfall in einer langen Linie deutscher Zerrbilder der Ukraine, bis in unsere Gegenwart.

Die deutsch-ukrainischen Beziehungen sind aber für beide Seiten existenziell gewesen.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Diese Einschätzung von Martin Schulze Wessel steht im Kontrast zu der beharrlichen Ignoranz von deutscher Seite gegenüber der Ukraine. In Deutschland machte man sich den imperialen Blick Russlands auf die Ukraine zu eigen, noch Bismarck sprach von „Kleinrussland“, eine Fortsetzung des preußischen Blicks gen Osten. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begann man zu begreifen, dass es eine eigenständige Ukraine gab. Die sich zögerlich entfaltenden Beziehungen mit ihren tiefen Abgründen sind Gegenstand von Die übersehene Nation.

Bei der Lektüre verfestigt sich der Eindruck einer Unstetigkeit und Widersprüchen geprägten Schieflage deutscherseits als Konstante der Ukraine-Politik bis in die Gegenwart. Es gab mehrere Strömungen in der deutschen Politik, doch schien sich immer die schlichteste, dem zeitspezifischen Eigennutz verpflichtete durchzusetzen, die in der Ukraine bestenfalls ein Mittel zum Erreichen der eigenen Ziele sah. Der Reichtum an Ressourcen war ein wesentliches Motiv deutscher Wahrnehmung, mit fatalen Folgen während des Zweiten Weltkrieges. Bis heute ist dieser Aspekt in der Weltpolitik lebendig, wie der gescheiterte Versuch der ukrainischen Führung zeigt, Donald Trump auf ihre Seite zu ziehen.  

Gewalt ist seit 1918 ein weiteres Motiv. Im letzten Kriegsjahr besetzten deutsche und österreich-ungarische Truppen die Ukraine, Belarus und die baltischen Staaten. Im Gegensatz zu den Verwüstungen auf den Schlachtfeldern im Westen verlief dieser Vormarsch glimpflich. Da kein tragfähiges Konzept für die Ukraine vorhanden war, zeigte sich die kaiserliche Politik jedoch sprunghaft, widersprüchlich und letztlich erfolglos. Der kurzlebige ukrainische Staat überlebte den Rückzug der deutschen Truppen nur kurz, im Bürgerkrieg folgte die erste Welle entgrenzender Gewalt. Betroffen davon waren auch die jüdischen Bewohner des Landes, die Opfer von Pogromen wurden.

Insgesamt gab es in der Ukraine nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches über 1000 Pogrome mit weit über 100.000 Opfern.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Der amerikanische Historiker Jeffrey Veidlinger hat diese Pogrome in Mitten im zivilisierten Europa behandelt und sieht darin einen Auftakt für den Holocaust. Mit seiner Kritik an der Arbeit Veidlingers berührt Schulze Wessel einen sensiblen Punkt: den Historikerstreit um die Thesen Ernst Noltes, denen im Kern völlig zurecht die „Relativierung der deutschen Verbrechen“ attestiert wird. Die Diagnose, Veidlinger bewege sich in ähnlichen Argumentationsbahnen wie die Verharmloser und Relativierer, deckt sich nicht mit meinem Leseeindruck. Ich meine, Veidlinger stellt zwei Dinge nebeneinander, die für kurze Zeit Hand in Hand gingen.

So entlastet Veidlinger weder Wehrmacht noch SS, noch stellt er den deutschen Vernichtungswillen infrage. Er bekräftigt die Verantwortung für den Holocaust „durch Kugeln“ durch die deutschen Einsatzgruppen und ergänzt sie durch einen zeitlich befristeten Vorgang, der an die Pogrome Anfang der 1920er Jahre erinnert. Die langfristigen Wurzeln des deutschen und ukrainischen Antijudaismus werden davon nicht gar nicht berüht. Vor allem gilt: Der Kampfbegriff des „jüdischen Bolschewismus“ war ein gern gesehenes Propaganda-Instrument, das die bestehende Verschwörungserzählung gegen die jüdische Bevölkerung erweiterte.

Der Hinweis auf Polen, wo der Vernichtungskrieg schon 1939 begann, unterstützt mit Blick auf die Ereignisse, die Jan T. Gross in Nachbarn am Beispiel von Jedwabne beschrieb, eher die Sichtweise eines Nebeneinanders von Vernichtungskrieg und „indigener Gewalt“ gegen die jüdische Bevölkerung in den ersten Kriegstagen 1941. Der Hinweis auf die Gewalttaten der Bolschewiki in der Ukraine Anfang der 1920er Jahre gegen die jüdische Bevölkerung widerlegt Veidlingers Ansatz auch nicht. Sachlich widerlegen die Untaten der Roten Armee gegen die jüdische Bevölkerung zwar das Verschwörungsraunen vom „jüdischen Bolschewismus“, doch liegt es in der Natur von Verschwörungs-Erzählungen, über alle Fakten hinwegzusehen. Flat-Earther oder Impfgegner seien meine Zeugen.

Die deutschen Diplomaten erkannten die genozidale Konsequenz des Holodomor.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Besonders interessant ist Schulze Wessels Hinweis auf den Lerneffekt, den man auf deutscher Seite durch den Holodomor gewann. Stalin ließ Anfang der 1930er Jahre Millionen Menschen in der Ukraine verhungern, indem er das Korn mit Gewalt nehmen und exportieren ließ, um an dringend benötigte Devisen zu kommen. Nach Schulze Wessel hätten die Deutschen aus diesem genozidalen Massenmord gelernt, dass sich mit entgrenzter Gewaltanwendung nationale Bestrebungen brechen ließen. Die Nationalsozialisten hätten diese Erkenntnis in ihre eigenen Eroberungs- und Herrschaftspläne integriert, die in den berüchtigten Generalplan-Ost einflossen. Das ist nicht nur eine für mich ganz neue Facette des Holodomor, sondern auch kurios, denn damit hätte der „Bolschewismus“ eine Art Handlungsanweisung für die bereits vorhandene nationalsozialistische Vernichtungspläne geliefert.

Wie das deutsche Vernichtungshandeln in den Jahren 1941 bis 1945 aussah, behandelt Die übersehene Nation in einem düsteren Kapitel. Nach der Lektüre von Die Schlafwandler und Auf Messers Schneide hege ich Zweifel, dass Deutschland 1914 nach der Weltmacht griff, auch wenn es griffig klingt, für das Jahr 1941 muss man das aber so formulieren. Der Weg zur Weltmacht führte über ein Massengrab, über dem das Banner des „Generalplans Ost“ flatterte, der den millionenfachen Tod der jüdischen und slawischen Bevölkerung einkalkulierte.

Eindrücklich schildert Schulze Wessel, wie die ukrainischen Nationalisten (OUN-B) um Stephan Bandera in ihrem Bestreben, den Krieg für die Wiederbelebung der Ukraine zu nutzen, einem Fehlschluss über die Ziele der deutschen politischen Führung aufsaßen. Die Nähe zum Totalitarismus der OUN-B wird beleuchtet, aber auch die gleichzeitige Distanz zum Nationalsozialismus wie auch zu Adolf Hitler. Das sind heute noch wichtige Aspekte, denn Bandera ist und bleibt ein Beelzebub der russischen Propaganda.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Ukrainer und ihr Land mit einem rein kolonialen Blick wahrgenommen wurden. Kolonialismus wird oft genug nur auf die so genannte Dritte Welt wahrgenommen, auf überseeische Gebiete westlicher Nationen; der nationalsozialistische Kolonialismus wird als solcher nicht benannt, wie auch der russische Kolonialismus in Moskaus Imperium bis heute einfach übergangen wird. Es ist sehr zu begrüßen, dass Schulze Wessel mit dem Zitat des General-Kommissars Erich Koch den kolonialen Blick deutscherseits auf den Punkt bringt: „Weiße Neger“ seien die Ukrainer.

Stellt man fest, dass Mitglieder der Hilfspolizei und der OUN am Holocaust „beteiligt“ waren, so ist es wichtig, die Art dieses Anteils genau zu betrachten.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Bis in die Gegenwart ist das Motiv der ukrainischen Beteiligung am Holocaust virulent. Schulze Wessel zeigt das an einem Youtube-Interview des Bloggers Thilo Jung und dem damaligen Botschafter Andrij Melnyk. Beide leisteten sich „eine starke Reduktion des Sachverhaltes und damit eine Verfälschung“; in der Öffentlichkeit wurde nur Melnyk skandalisiert, nicht aber die Behauptungen Jungs. Ein Beleg für den bis heute herrschenden schiefen Blick auf die Umstände des Vernichtungskrieges 1941 und den darin eingebetteten Holocaust.

Entscheidend ist, dass die Deutschen die „Tathoheit“ hatten, wie Schulze Wessel es nennt, und nicht etwa die Ukrainer. Das ist wesentlich, wenn man von einer ukrainischen Beteiligung am Holocaust spricht, denn der Anteil an den Untaten ist extrem ungleich verteilt. In der Ukraine verfolgten Wehrmacht und SS die Ermordung der jüdischen Bevölkerung als „Kernziel der deutschen Besatzung“, die Ukrainer waren – wie oben gezeigt – an einem eigenen Staat interessiert.

Bandera versuchte sich durch scharfe antijüdische Agitation und das Befeuern von Pogromen den Deutschen zu empfehlen; die Nationalsozialisten wollten die Ukrainer zu Komplizen machen, ohne an Zugeständnisse zu denken. Entsprechend sah die Reakton auf den Versuch aus, einen Staat Ukraine auszurufen. Bandera (OUN-B) und Melnyk (OUN-M), die Führer der Nationalisten, wurden kaltgestellt und im KZ inhaftiert. Die Kollaborateure unter den Ukrainern wurden oft zwangsrekrutiert und besaßen nur minimale Handlungsspielräume, während sie Beihilfe am Holocaust leisteten.

Ukrainer, die Juden halfen, riskierten ihr Leben.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Wie sehr die ukrainische Bevölkerung Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges wurde, skizziert Schulze Wessel in Abschnitten, die sich mit der Realität der Besatzungsherrschaft, dem brutalen Umgang mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, militärischer Kooperation und Widerstand beschäftigen. Den ukrainischen Hilfen für jüdische Mitbürger wird ebenfalls eine Passage gewidmet, so entsteht ein eindeutiges Bild: In der überwältigenden Mehrheit waren die Ukrainer Opfer, nicht Täter. Tragischerweise setzte sich nach dem Krieg der Leidensweg für viele Ukrainer fort. Sie fanden sich als „Verräter“ gebrandmarkt im Gulag wider, wenn sie nicht gleich getötet wurden.  

Für die gegenwärtige deutsche Politik gegenüber der Ukraine sind diese Einsichten von einer Wichtigkeit, die kaum überschätzt werden kann. Noch immer wird in weiten Kreisen vom Volk von Kollaborateuren geraunt, noch immer werden die Millionen Opfer übersehen, die Zerstörungen durch die Taktik der „verbrannten Erde“ seitens der Roten Armee 1941 und der Wehrmacht 1943/44 sowie die stalinistischen Gewalttaten, sei es der Holodomor, seien es die Deportationen, sei es der Bürgerkrieg. Überwehen wird die Traumatisierung der ukrainischen Augenzeugen deutschter Gewalttaten.

Aus diesen historischen Abgründen resultiert eine tiefe Verantwortung seitens Deutschlands gegenüber der Ukraine und ihrer Bevölkerung. Ist die demokratische Bundesrepublik, insbesondere in seiner vergrößerten Gestalt seit 1990 dieser Verantwortung gerecht geworden? Schulze Wessel zeichnet den Weg ins Desaster nach, das bereits Anfang der 1990er Jahre (!) durch Äußerungen der russischen Seite absehbar war, und in einen vollumfänglichen Vernichtungskrieg Russlands gegen die Ukraine führte. Die Invation 2014/2022 ist mit zunehmender Sicherheit nicht etwa das Ende dieses Weges, sondern der Anfang einer blutigen Renaissance des Landkrieges in Europa. Hätte es sich auch durch eine andere deutsche Politik verhindern lassen? Zumindest hätte man nicht Vorschub leisten sollen. 

Die machtpolitische Lösung der deutschen Frage hing mittelbar damit zusammen, das die ukrainische ungelöst blieb.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Die Ausführungen über die politischen Entscheidungen nach 2004 lassen gerade mit Blick auf die Gegenwart frösteln. Allerdings überzeugen die Einlassungen über die Gründe für die merkwürdig passive, inkonsequente, ja, geradezu janusköpfige Ukraine-Politik der Merkel-Regierung nicht in allen Punkten. Schulze Wessel arbeitet sich an den negativen Auswirkungen der Rückbesinnung auf den Ersten Weltkrieg unter besonderer Einflussnahme von Christopher Clarks Die Schlafwandler ab. Zu viele westliche Politiker, besonders in Deutschland, hätten sich von der Vorstellung beeindrucken lassen, man könne wie vor 1914 in einen großen Krieg hineinschlittern. Dabei betont Schulze Wessel, dass Clarks Erklär-Ansatz überholt sei.

Die verhängnisvolle Zögerlichkeit steht außer Frage, ebenfalls die allzu offene Furcht vor den russischen Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen. Doch wirkt der direkte und fast exklusive Bezug, insbesondere bei Angela Merkel, auf die Wirkung von Christopher Clarks Schlafwandler nicht recht nachvollziehbar. Zunächst einmal zeigt Clark die dramatischen Fehlurteile und -einschätzungen der handelnden Akteure im Sommer 1914 in ganz Europa auf und entlarvt die fehlende Wachheit der Eliten in dieser kritischen Situation, verbunden mit mangelnden Handlungsspielräumen.

Es war doch eher der Missbrauch des Titels »Schlafwandler« als enorm verkürzender Kampfbegriff, um die eigene Ohnmacht, den Handlungsunwillen und die jahrelangen Irrtümer bei der Einschätzung Putins zu bemänteln. Das eigentlich Problem lag in der falschen historischen Analogie. Treffender als der Rückgriff auf 1914 wäre das Münchener Abkommen von 1938 gewesen, denn in einem Punkt hat Schulze Wessel völlig recht. Es ist ein Aggressor mit imperialen Absichten am Werk, der nicht in der Ukraine anhalten wird. Dank Donald Trump kommt für Deutschland und Europa noch schlimmer. Neben vielen anderen klugen Gedanken und Einsichten gibt der Autor von Die übersehene Nation dem Leser eine ebenso düstere wie wahrscheinliche Zukunftsoption mit auf den Weg.

Überlegenen Mächten allein gegenüberzustehen – die Grunderfahrung der Polen seit dem 18. Jahrhundert, der Ostdeutschen, Ungarn und Tschechoslowaken im Kalten Krieg – droht heute auch den einst weltbeherrschenden Nationen Europas.

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation

Ich bedanke mich beim C.H.Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar

Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation
Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert
C.H.Beck 2025
Gebunden 288 Seiten
ISBN: 978-3-406-821745

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Jugoslawien war wohl der letzte Fluchtweg, der nach Kriegsausbruch und dem atemberaubenden Vormarsch der Wehrmacht für Verfolgte des NS-Regimes noch offenblieb. Im Gegensatz zu Frankreich oder anderen westlichen Staaten ist die Balkan-Route hierzulande in Vergessenheit geraten. Das ändert sich hoffentlich durch dieses lesenwerte Buch. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Bei Hitlers Machtübernahme lag der Balkan für viele Menschen „irgendwo das unten“.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Viele der Geschichten endeten mit dem Tod. Manche legten selbst Hand an sich, entflohen Not und Verzweiflung durch den Freitod, andere gerieten irgendwann in die Fänge der Nationalsozialisten oder ihrer Helfer und starben in den Vernichtungslagern. In diesen Fällen stand am Ende der Balkan-Odyssee das, wovor die Menschen nach 1933 flohen; die Vergeblichkeit ihrer Mühsal ist niederschmetternd.

Es spricht für das Buch von Marie-Janine Calic, sich nicht nur auf die gelungenen Fluchten zu fokussieren, so dramatisch diese auch verlaufen sein mögen. Scheitern gehört zur Flucht, die Autorin erspart den Lesern die schwarzen Stunden inmitten der allgemeinen Dunkelheit nicht. Sie bleibt auch dabei ihrem angenehmen Erzählduktus treu, verzichtet auf eine emotional überladene Sprache.

Ohnehin gehört der Stil zu den Stärken von Balkan-Odyssee. Den Lebenslinien folgt das Buch in einem Erzählton, der die nötige sachliche Distanz wahrt und vor allem die Zeitgenossen selbst zu Wort kommen lässt. Die Flüchtlinge der 1930er Jahre brachten ihre Lage und zwiespältigen Befindlichkeiten treffend zu Papier, oft bitter, ironisch, sarkastisch, bisweilen auch schonungslos niedergeschlagen. 

Und so verging andererseits auch keinen Tag, an dem die Exilanten in ihrer „eigenartigen Ferienstimmung“ nicht auch über die bedrohliche Zukunft debattierten.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Dem „Balkan“ begegnet man hierzulande oft noch immer mit der herablassenden Verachtung und Gleichgültigkeit, die Bismarck in seinem berühmten Diktum verewigte, die Region sei nicht die Knochen eines einzigen preußischen Landsturmmannes wert. Der Hochmut steht im Kontrast zu dem Verhalten der Einheimischen gegenüber den Flüchtlingen, die in vielfacher Hinsicht versuchten, Hilfe zu leisten.

Selbstverständlich war der Balkan kein Bullerbü für die Fliehenden aus dem sich immer weiter ausdehnenden Hitler-Reich. Nur wenigen bot sich tatsächlich eine – oft nur zeitlich befristete – Lebensperspektive. Alle sahen sich mit jenen Problemen konfrontiert, mit denen Flüchtlinge auch in Frankreich, den Niederlanden und anderswo zu kämpfen hatten. Der nahende Krieg machte eine weitere Flucht nötig, die Möglichkeiten waren aber begrenzt und die Bereitschaft, Fliehende aufzunehmen, sank im Laufe der Zeit.

Auf offiziellem Wege mussten bürokratische Hürden genommen werden, allein die begrenzten Aufnahmezahlen und die monetären Voraussetzungen machten eine Flucht nach England oder in die USA für viele unmöglich. Manchmal half der Zufall weiter, in Gestalt eines mitleidigen Beamten, manchmal blieb nur noch der illegale Weg, etwa an Bord eines Frachtschiffes. Vieles wirkt vertraut, die Debatten über Flüchtlinge in der Gegenwart klingen oft wie Echos der Vergangenheit.

Bei Seezunge „Müllerin Art“, Poularden-Supreme, Schinken-Mousse und erlesenen Weinen würden sie beraten, wie man die humanitäre Not der Juden lindern könne.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Die Konferenz von Évian im Juli 1938 gehört zu den Ereignissen, die geradezu grotesk gegenwärtig wirken. In mondäner Umgebung führten die Vertreter potenzieller Aufnahmestaaten für jüdische Verfolgte aus dem so genannten „Dritten Reich“ einen diplomatischen Eiertanz auf, um zu verschleiern, dass die Flüchtlinge in der Mehrzahl unerwünscht und lästig waren. Offene Worte wie die des kanadischen Ministers für Einwanderung, waren selten. Die „Judenfrage“ solle der NS-Staat selbst beantworten; drei Jahre vor dem „Holocaust mit Kugeln“ und vier Jahre, bevor die Vernichtungslager auf Hochtouren liefen.

Vor diesem Hintergrund wirken jene Taten, die im rechtlich-bürokratischen Sinne eine Grenzüberschreitung darstellten, die Regeln missachteten oder gar brachen, als kleine, bescheidene Heldentaten. Retter in diesem Sinne waren und sind immer Rechtsbrecher. Am großen Verhängnis änderten sie nichts, aber das galt auch für die „großen“ Handlungen der Staatsvertreter, sei es in Évian, sei es in München im Herbst 1938, als durch Appeasement die Tür für Hitlers Vernichtungskrieg weit aufgestoßen wurde.

Ein Fluchtziel war Israel. Bis 1918 gehörte Palästina zum Osmanischen Reich, danach wurde es als Mandat von den Engländern verwaltet. Dort lebten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Araber und Juden, die zionistische Bewegung bemühte sich um jüdische Einwanderer. Die antijüdische Politik der Nationalsozialisten sorgte für eine erhebliche Zunahme der Einreisewilligen. Auch für Palästina gibt es ein Nebeneinander von legalen, zahlenmäßig begrenzten und illegalen Zuwanderer, die unter einem Vorwand einreisten und untertauchten.

Es war eine der letzten Möglichkeiten für die vom nationalsozialistischen Terror bedrohten und verfolgten Juden, dem „Dritten Reich“ zu entgehen. Allein bis 1936 sollen rund zehntausend von ihnen dort illegal Schutz gefunden haben. Es ist beklemmend zu sehen, wie gleichzeitig immer mehr Länder die Pforten für (jüdische) Verfolgte schlossen und der Terror zunahm. Waghalsige, lebensgefährliche, aber auch kreative Wege wurden genommen, um der Todesfalle noch zu entkommen.

Die zionistischen Organisationen standen unter gewaltigem Zeitdruck. Einerseits wollten sie selbst möglichst viele junge Leute retten, andererseits trieb Adolf Eichmann sie mit wachsender Ungeduld an.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Selbst nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges setzte sich die Fluchtbewegung fort. Calic schildert, wie sich die prekäre Lage der Juden im Reich und den von der Wehrmacht eroberten Gebieten rasant verschlechterte. Während Juden immer brutaler drangsaliert und getötet wurden, gab es inoffizielle Bemühungen auf deutscher Seite, die Auswanderung zu beschleunigen.

Rückblickend wirkt es bizarr, dass ausgerechnet Adolf Eichmann in Wien mit illegal operierenden zionistische Organisationen kooperierte, um mit deren Hilfe die Zahl der Juden im Reich zu verringern. Wenn man bedenkt, dass gleichzeitig immer höhere bürokratische Hürden aufgebaut wurden, um die Auswanderung der als jüdisch angesehenen Bevölkerung zu behindern, erscheint die Situation geradezu kafkaesk.

Für die Betroffenen bedeutete das eine zusätzliche Belastung. Wochen, Monate vergingen mit oft vergeblichen Versuchen, eine Ausreise in die Wege zu leiten. Wer das Glück hatte, tatsächlich auf einer der letzten Fluchtrouten zu gelangen, kam oft genug vom Regen in die Traufe. Auf überfüllten Donau-Schiffen drängten sich die Flüchtlinge monatelang unter erbärmlichen Bedingungen, um nach Palästina zu gelangen, was die Briten durch diplomatische Aktionen zu verhindern suchten.

Fliehende als Spielsteine im geopolitischen Spiel – auch das ist keine Erscheinung des 21. Jahrhunderts. Man sollte bei der Bewertung der Ereignisse nicht übersehen, dass in Palästina zu diesem Zeitpunkt bereits arabische und jüdische Milizen miteinander kämpften. Ein neuer, bis in die Gegenwart reichender Konflikt hob an, die britischen Mandatstruppen wurden immer stärker zum Ziel von Gewalt. Das politische Dilemma ist mit den Händen zu greifen, eine zufriedenstellende Lösung schwer vorstellbar, denn Großbritannien befand sich zu diesem Zeitpunkt eben auch in einem Krieg auf Leben und Tod mit dem Hitlerreich.

Ich bedanke mich beim C.H.Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941
Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa
C.H.Beck 2025
Gebunden 386 Seiten
ISBN: 978-3-40683634-3

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