Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Nationalsozialismus

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Vor Jahren, beim Fußball der Kinder, erzählte ein aus Rumänien Zugezogener, wie schockiert er gewesen sei, als er die ersten Tage in Düsseldorf verbracht habe. Dort habe man in den Straßen ausschließlich Deutsch gehört. In dem Ort, in dem er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, sei alles zu hören gewesen: Rumänisch, Ungarisch, Ukrainisch, Deutsch, Bulgarisch, Slowakisch und so weiter.

Die Worte waren wie das Echo einer vergangenen Welt . In Europa war es vor dem Zweiten und besonders vor dem Ersten Weltkrieg gar nicht so ungewöhnlich, dass mehrere Sprachen das Hörbild der Straßen großer und kleiner Städte, ja auch Dörfer prägten. Wer die Erinnerungen von Soma Morgenstern (In einer anderen Zeit) oder auch Stefan Zweigs (Die Welt von Gestern) gelesen hat, kennt andere Echos dieser Zeit.

Das jugoslawische Königreich wirkte bisweilen wie ein Umschlagplatz, auf dem keine Handelswaren, sondern politische Ideen, nationale Spinnereien, Abenteurer, Agenten und Flüchtlinge verladen wurden.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Split, in dem Alida Bremers Roman »Träume und Kulissen« spielt, ist auch so ein Echo, ein besonderes. Ich gestehe, dass ich erst einmal eine Karte konsultieren musste, um herauszufinden, wo dieser Ort überhaupt liegt. Dalmatien, eine historische Region, die bereits seit zweieinhalbtausend Jahren immer wieder im Fokus politischer Umwälzungen gelegen hat. Hier hat Bremer die Handlung ihres Romans angesiedelt.

Dessen erster Satz ist eine Irreführung, zugleich der eiserne Faden der Handlung, der genug kriminalistische Motive aufgreift und ausführt, dass man ihn auch als Krimi lesen könnte. Allerdings gehört „Träume und Kulissen“ zu jenen kriminalistisch angehauchten Geschichten, die ganz etwas anderes erzählen möchten. Split ist 1936 ein Tummelplatz unterschiedlicher Kräfte aus vielen Nationen und politischer Ideologien, mit widersprüchlichen Zielen, die Konflikte entfachen.

Irgendwann um die Mitte des Buches findet sich eine sehr stimmungsvolle Szene, die auf den ersten Blick idyllisch wirkt. Wer je eine Reise in die mediterrane Welt unternommen hat, kann das Geschilderte nachempfinden. Die Atmosphäre täuscht.

Zu dieser Stunde kehrten die Bauern von den Feldern zurück, ihre Frauen tischten Makkaroni oder Polenta mit heißem brudet auf, man schnitt dicke Scheiben von den Brotlaiben und füllte Wein in Glaskaraffen, während die Kinder noch durch die Gassen liefen, die Fischer sich vor ihren Barken versammelten, um den Himmel zu begutachten und sich über den Fischfang der bevorstehenden Nacht auszutauschen. Die Fensterläden, die tagsüber vor der Sonne schützten, wurden aufgerissen. Mit der Dunkelheit stieg vom Meer ein zarter Luftstrom auf.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Im gleichen Kapitel wird ein Gespräch geführt, das die antimoderne Strömung Mitte der 1930er Jahre schmerzhaft offenlegt: Rassismus, antimodernes Frauenbild, gerade der italienischen Faschisten, ideologisch Hand in Hand mit der katholischen Kirche, Kriegsträumerei, Imperialismus, um nur einige zu nennen.

Dieses Neben- und Gegeneinander vor politischen Ansichten, die so gar nichts mit dem »zarten Luftstrom« gemeinsam haben, sondern menschenverachtend und in einem atemberaubenden Maße rückwärtsgewandt sind, und Idylle gehört zu den großen Vorzügen des Romans.

Die Abgründe werden beim Namen genannt, wenn ausgerechnet jener Mann, der sich mit den neuen Ideologien nicht anfreunden will und auch die herabwürdigende Verachtung gegenüber den Frauen ablehnt, die Opfer des Abessinienkrieges als minderwertige Untermenschen ansieht. Sie verstünden ohnehin niemals Dante Alighieri – was also wollte Italien mit den »Negern«?

Spätestens an dieser Stelle verweht auch der letzte Hauch Idyll. Der Leser weiß, was die handelnden Figuren nicht wissen, einige von ihnen argwöhnen oder unken: Blutige Jahre, mit brutalsten Gewalttaten, hunderttausenden Toten liegen vor dem zerrissenen Land namens Jugoslawien. Und wie bei einem nur mühsam abgedichteten, nicht erloschenen Vulkan sollten fünfzig Jahre später die Gewalttaten noch einmal aufflammen.

»Es würde mich nicht wundern, wenn wieder ein Krieg ausbrechen würde. Und ich könnte mir vorstellen, dass der neue Krieg noch schlimmer sein wird als der letzte.«

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Das Split dieser Erzählung ist nicht umsonst »Kulisse« mehrerer Filme, die von einem deutschen Filmteam gedreht werden sollen. Die Schatten von Hitlers Deutschland und Stalins UdSSR liegen auch auf diesem Landstrich, aus der Ferne treibt die ideologische Frontstellung die innere Spaltung voran, denn es gibt Anhänger des Ante Pavelić, des späteren faschistischen Führers Kroatiens, und solche des Josip Broz Tito, einem Revolutionär mit kommunistischen Neigungen. Das kommende Drama in zwei historischen Figuren konzentriert.

Doch die Deutschen kommen keineswegs nur als obskure Mitglieder von Filmteams, denen Spionage und subversive Tätigkeiten unterstellt werden. Es gibt auch jene, die fliehen; jene, die Schlepper brauchen, um eine Passage in die USA zu ergattern.

Hier schlägt der Roman eine Brücke in die Gegenwart, in der Flüchtlinge in vielen Teilen der Welt, gar nicht so weit weg vom ruhigen Zentraleuropa um eine Zukunft und ihr Überleben kämpfen. Wie wahrscheinlich zu jeder Zeit reagieren auch die Menschen im Roman zwiegespalten und widersprüchlich auf die »Reisenden«, wie das Zitat schön zeigt.

Es gibt Menschen, die davon träumten auszuwandern, und zugleich argwöhnisch die Reisenden beäugten, die in letzter Zeit durch die Gassen der Stadt schlichen.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Im Laufe der Handlung werden auch Antworten auf die kriminalistischen Fragen gefunden, die den Leser durch die überhitzten Tage begleiten. Eine Vielzahl von Personen ist mehr oder weniger in den Fall verwickelt, einige werden von den mit verschiedenen politischen Zielen verfolgenden Behörden hineingezogen. Im Laufe der Romanhandlung nehmen Lärm, Willkür und Gewalt in kleinem Rahmen das voraus, was noch folgen wird.

Insgesamt bleibt »Träume und Kulissen« seltsam unscharf, als läge die geschilderte Hitze auch über den Worten. Der Leser wird nicht an die Hand genommen und im Sinne des um sich greifenden betreuten Lesens durch das Buch geleitet, Perspektiv- und Ortswechsel, Sprünge, Handlungen ohne explizite Erläuterung oder Motivation machen das Lesen spannend; man kann das Buch auch als Krimi zum Schmökern lesen, sich des Essens und der Wärme erfreuen und warten, bis der Mörder enthüllt wird. Doch das Ende holt jeden Leser irgendwann ein.

Literarische Begegnung mit F.C. Delius

Ende Mai 2022 ist der Schriftsteller Friedrich Christian Delius verstorben. Im Netz gibt es so viele Nachrufe, dass ich keinen hinzufügen möchte, stattdessen will ich meine Begegnungen mit seiner Literatur schildern. Der Grund ist: Delius hat einige sehr interessante, unterhaltsame und vor allem inhaltlich gewinnbringende Romane und Erzählungen verfasst, die »Birnen von Ribbeck« einmal ausgenommen.

Ich war selbst ein wenig überrascht, wie viele Bücher ich von ihm gelesen habe. In meinem Regal nehmen sie nur einen vergleichsweise geringen Raum ein, denn ich besitze nur Taschenbücher, außerdem fallen die Werke zum Teil recht schmal aus. Das ist aber kein Nachteil, denn Delius hat etwas zu sagen, wofür er eben nicht episch ausholen muss.

Das gilt für mein Lieblingsbuch von ihm: »Die linke Hand des Papstes«. Es ist ein perfekter Reisebegleiter für einen Trip nach Rom. Dort habe ich es mit großen Vergnügen ein weiteres Mal gelesen, abends, wenn es frisch geworden war und ich davor in meiner kleinen Unterkunft Schutz gefunden hatte. Tagsüber habe ich die üblichen Stätten der Stadt besucht und bin immer wieder auf einen caffé al banco irgendwo eingekehrt. Merke: Ein mürrischer Barista zaubert bisweilen tollen caffé.

Es geht um die Hand dieses Papstes namens Benedikt.

Das Buch über die linke Hand des Papstes reicht weit über Rom hinaus. Delius, der in dieser Stadt 1943 das Licht der Welt erblickte, hat mit Italien einige Rechnungen zu begleichen, die sich als Gegenpart der unerträglichen Schwärmerei gegenüber diesem Land lesen. Gesellschaftlich, politisch und religiös herrschen unappetitliche Zustände, die der Autor wunderbar boshaft und mit sehr spitzer Feder zu Papier bringt.

Besonders beeindruckt hat mich »Die Frau, für die ich den Computer erfand«. Was für ein Titel! Und was für eine Form! Delius nutzt die Szenerie eines Interviews bzw. Gesprächs, bei der nur der Befragte zu Wort kommt. Ja, so kann man einen ganzen Roman erzählen. Und was für einen. Konrad Zuse hat während des Zweiten Weltkrieges einen Computer gebaut, der tatsächlich funktionierte – 1945, in Göttingen, meiner Wahlheimat. Hier können Sie lange nach einem Hinweis darauf suchen, was sehr viel mehr über diese Stadt, die angeblich »Wissen schafft«, sagt als alle hübschen Fachwerkbauten.

Zuse hat auch gemalt. Seit Protrait von Bill Gates hat er diesem in den 1990er Jahren selbst übergeben.

Richtig gern gelesen habe ich auch »Die Flatterzunge«. Ein Musiker tourt mit seinem Orchester in Israel und unterzeichnet einen Getränkebeleg mit »Adolf Hitler«. Was nach dieser Entgleisung folgt, kann man sich denken, auch wenn die dem fiktionalen Text zugrundeliegende Handlung 1997, also lange vor den so genannten digitalen Scheiterhaufen namens Soziale Medien geschah. Was treibt jemanden zu so einer Tat? Delius gibt eine Art von Antwort.

Das erste Buch des Autors, was mir in die Hände fiel, war »Bildnis der Mutter als junge Frau«. Ein langer Innerer Monolog einer Einundzwanzigjährigen, die im Januar 1943 durch Rom geht, hochschwanger (Delius kam im Februar 1943 in Rom zur Welt), während ihr Mann in Afrika soldatiert. Es ist jene Zeit, als in Stalingrad eine ganze Armee verreckt und das große Sterben auch auf deutscher Seite beginnt; der befremdete Blick auf die scheinfriedliche Umwelt Roms aus einer Frau »in anderen Umständen« heraus ist berührend.

Im Januar 1943 waren Italien und das Deutsche Reich noch verbündet; in Rom war es ruhig. Ein dreiviertel Jahr später hatte sich alles gewandelt.

Ein ganz besonderer Reise-Roman ist »Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, bei der Delius seinen Protagonisten auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (»Spaziergang nach Syrakus«) nachvollziehen lässt. Aber: Die Hauptfigur lebt in der DDR, die sie illegal verlassen muss, um den Lebenstraum einer Reise nach Italien zu verwirklichen.

Besonders schön ist auch »Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde«. Es verknüpft einen der Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland, den WM-Sieg 1954, mit dem Befreiungsschlag eines Kindes, das sich aus dem erstickenden Überbau des heimischen Pastorvaters herauskämpft. Ein Fußballbuch? Nein.

Ein Gründungsmythos der Bundesrepublik; bei Delius Anlass für eine Lossagung.

Der Roman »Mein Jahr als Mörder« dreht sich um die mörderische Wut, die ein ungerechtes Urteil entflammen kann. Der Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse, der während des so genannten Dritten Reichs unter anderem Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt hatte, wird in der Bundesrepublik freigesprochen. Die Empörung lodert hell, ein Student entschließt sich zur Tat. Delius nimmt hier die Nachkriegsjustiz aufs Korn und berührt die uralte Frage nach »Gut« und »Böse«.

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Eric Vuillard mit seinem Buch „Die Tagesordnung“ ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang seines Buches bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

„Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer „Wahrheit“ in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter „Quellen“.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der „Blitzkrieg“ genannt wird.

„Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la „Blitzkrieg“ sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten „Anschluss“ geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von „Blitzkrieg“.

Der „Bluff“, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem Blitzkrieg wie 1940 konnte also gar keine Rede sein.

„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman „Munich“ wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung. Und es hat abermals funktioniert!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

„Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.“

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

„Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.“

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von „Das Boot“ zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk im engeren Sinne auch nicht. Es ist eine historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

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