Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Piratenbrüder

Der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu

Das Abenteuer beginnt im Oktober 2022 mit dem ersten Band meiner Heptalogie.

Wer wie ich 1968 geboren und in den siebziger und achtziger Jahren sozialisiert wurde, kennt das Phänomen des sonntäglichen Piraten– und Seefahrerfilms. Ganz unterschiedliche Streifen geistern durch mein löchriges Gedächtnis, vom klamaukischen Roten Korsar über Pippi Langstrumpfs Abenteuer bis hin zu Captain Horatio Hornblower als königlicher Admiral.

Angereichert wurde dieses Fundament durch Polanskis Komödie »Piraten«, die wunderbare Animationsversion von Stevensons Schatzinsel als »Schatzplanet« in ferner Zukunft bis hin zum Zombieschauermärchen um Captain Jack Sparrow.

Vorlagen und Anregungen gab es von dieser Seite eine ganze Menge. Die üblichen Clichés auch – die Frage war nur: Gibt es etwas, das noch nicht erzählt wurde? Zumindest in den Filmen und Büchern, an die ich mich erinnern kann, fehlt ein Motiv, das in anderen Genres außergewöhnlich beliebt ist: der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu.

Demnächst wird es eine Fortsetzung des wunderbaren Action-Klassikers »Heat« geben – in der Kinoversion wollte auch jemand sein Kriminellendasein ablegen; »Narcos« oder »Narcos Mexiko«, »4Blocks«, in den Kartell-Romanen von Don Winslow – überall ist das Motiv eines versuchten Ausstiegs Teil des Geschehens.

Aber Piraten?

Joshua hatte noch nie gehört, dass ein Pirat von sich aus aufhören wollte, Pirat zu sein. Sie wurden gejagt, gestellt, verurteilt und gehenkt. Aber aussteigen?

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt.

Einem meiner Protagonisten geht es ähnlich wie mir: Er hat noch von keinem Piraten gehört, der sein Handwerk freiwillig aufgeben wollte.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, mir vor dem Schreiben dieses Motiv ausgesucht zu haben. Ich plotte nicht, sondern schreibe ins Dunkel hinein. Am Anfang eines Satzes kenne ich nicht dessen Ende, oft nicht einmal die Mitte. Letztlich folgte ich einer spontanen Regung, als ich – zu welcher Gelegenheit wird nicht verraten – beschloss, jemanden diesen Pfad verfolgen zu lassen.

Während der Recherche in den vergangenen Jahren ist mir vor Augen geführt worden, wie kompliziert und vielschichte, von Grauzonen und Nebelbänken durchzogen dieses Thema wirklich ist. Hier soll jetzt aber eine andere Figur zu Wort kommen und eine naheliegende Frage stellen:

Und für welchen Piraten gilt das nicht, capitán? Welcher Pirat ist jemals dem Galgen entkommen und hat als gewöhnlicher Bürger seine Reichtümer genießen können?

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Opfergang

Die Antwort fällt ernüchternd aus. Ausgerechnet John Avery wird nachgesagt, dass es ihm gelungen sei, in Irland an Land zu gehen und unterzutauchen. Er kann für sich in Anspruch nehmen, den einträglichsten Beutezug unternommen zu haben, begleitet von unsäglichen Torturen, Vergewaltigungen, Überbordwerfen und Aussetzen seiner Opfer, die nicht direkt getötet wurden.

Untertauchen heißt aber, eine Form der Illegalität durch eine andere zu ersetzen. Von bürgerlichem Dasein, wie die Figur mit spanischem Akzent fragt, kann also keine Rede sein. Die Frage ist: Gibt es noch einen anderen Weg?

Warum »Piratenbrüder«?

Eine Zeitlang war »Piratenbrüder« der Arbeitstitel des ersten Buches meiner Abenteuerreihe. Wie viele andere Buchtitel habe ich ihn während des Schreibens gefunden. Ja, im Grunde stolpere ich in der Regel über den passenden Titel, während sich die Erzählung langsam entfaltet.

Der Begriff »Piratenbrüder« ist noch immer Bestandteil der Erzählung, keineswegs aus nostalgischen Gründen, wie gleich zu sehen sein wird. Auch wenn er längst nicht mehr als Titel für den Auftaktband taugt, zielt er doch auf ein ganz wesentliches Motiv der Romanreihe: die große Freundschaft zwischen Joshua und Jeremiah.

»Donnerwetter – ein richtiger Lord!«, entfuhr es George. »Ihr seht euch sehr ähnlich – wie zwei Brüder!« Dann fügte er mit feierlichem Ton hinzu: »Piratenbrüder!«
Er machte bei diesen Worten ein Gesicht, als wäre er der stolze Vater. Joshua und Jeremiah sahen sich an und begannen lauthals zu lachen, selbst Pete schmunzelte.
»Was?«, rief George gekränkt. »Ich meine es nur gut! Undankbares…«

Alexander Preuße: Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt

An diesem Punkt ist die Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten besiegelt. In der Kinderbuchvariante war es eine sehr treffende Beschreibung für die Freundschaft, jetzt wirkt das Wort ungewollt komisch.

Äußerlich mögen Joshua und Jeremiah in diesem Moment für die Person namens »George« sehr ähnlich erscheinen, was jedoch nur an ihrer Kleidung liegt. 

Das überdeckt für einen kurzen Augenblick die tiefe Kluft zwischen ihnen. Sie stammen aus sehr verschiedenen sozialen Schichten, ihre Wege, die sie bis zu diesem Punkt zurückgelegt haben, sind so weit voneinander entfernt, dass Spannungen unvermeidlich sind.

Von leiblichen »Brüdern« kann also gar keine Rede sein. Und das ist auch gut so. Denn meine Abenteuerreihe ist auch eine Buddy-Geschichte, für die es unerlässlich ist, dass beide sehr unterschiedliche Charaktere aufweisen und bis zum Ende auch eigenständig bleiben.

Eine Kleinigkeit noch am Ende: Gern hätte ich ein Pendant zu dem englischen Verb »to chuckle« zur Verfügung gehabt, denn das hätte in diesem Fall viel besser als »schmunzeln« gepasst, gar nicht zu reden von »in sich hinein lachen« oder »unterdrückt lachen«.

Am Anfang war – Bornholm

Bornholm 2006. Der Blick aufs Meer.

Bei den meisten meiner noch nicht realisierten Schreibprojekte könnte ich nicht sagen, wo und wann ich die Inspiration bekommen habe. Im Falle meiner Abenteuerreihe um Joshua und Jeremiah schon: Bornholm. Im Sommer 2006 haben wir dort mit unserem Nachwuchs Urlaub gemacht, im Norden dieser ganz wundervollen Insel, mit ihrem ungeheuer schönen Wanderweg von Allinge nach Hammershus.

Wir hatten ein Ferienhaus mit Blick aufs Meer. Wenige Monate später stand der Geburtstag meines ältesten Sohnes an, der Bücher geliebt hat. Also kam mir die Idee: Schreib ihm doch ein Büchlein. Piraten standen hoch im Kurs und das große Piratenschiff von Playmobil war als Geschenk geplant. Natürlich auch ein standesgemäß zugerichteter Kuchen!

Da ich einen Laptop mitgenommen hatte, saß ich nach zwei, drei Urlaubstagen abends am Tisch, den Blick hinaus auf die graue Ostsee, und habe mich gefragt: Was könnte man so erleben? Schreiben mit Blick aufs Meer ist eine wundervolle Angelegenheit – noch einmal, 2016, habe ich das in Frankreich, Bretagne, erleben dürfen.

Einige Dinge sind tatsächlich noch immer genau so, wie ich sie damals geschrieben habe. Spurenelemente im ersten und zweiten Band. Die Namen der beiden Hauptfiguren, Joshua und Jeremiah, zum Beispiel; der Name des Schiffs, mit dem Joshua von London aufbricht: Sturmvogel. Jener Seemann, der ihm im Hafen einige Dinge aus seiner eigenen Vergangenheit berichtet.

Und doch hat sich die Geschichte seitdem mit Siebenmeilenstiefeln von ihren Anfängen entfernt. Dazu werde ich in den nächsten Beiträgen etwas schreiben. Hier bleiben wir bei den Anfängen. Und aus diesen rührt der Name »Piratenbrüder« her.

Bornholm 2006. Die Ostsee kann auch Meer.

Beim Geburtstag einige Monate nach dem Bornholm-Urlaub wartete tatsächlich ein kleines, schwarz gebundenes Büchlein mit dem Titel »Piratenbrüder« mit der Auflage 1 auf seinen ersten Leser. Es war ein mitreißendes Erlebnis, es vorzulesen, für alle Beteiligten. Eine Erinnerung, warm wie Kaminfeuer. 

Der zweite Band ist unmittelbar danach entstanden, ehe sich eine mehrjährige Pause anschloss. Irgendwo (ich weiß natürlich ganz genau, wann und wo) im Roman hält Joshua inne und blickt kurz zurück – fassungslos über den Weg, den er bis zu diesem Punkt zurückgelegt hat. Und so geht es mir in diesem Moment auch ein wenig, wenn ich an die sieben Teile der Abenteuerreihe denke.

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