Schriftsteller - Buchblogger

Autor: Alexander Preuße (Seite 16 von 60)

Andrzej Stasiuk: Grenzfahrt

Der Fluss spielt im brillanten Roman Grenzfahrt eine wichtige Rolle. Er trennte bis zum 22. Juni 1941 Wehrmacht und Rote Armee, ehe das apokalyptische Unternehmen »Barbarossa« seinen Anfang nahm. Cover Suhrkamp-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Keine eigene Geschichte, nur die der anderen. Der Russen, der Deutschen. Sie waren gekommen, hatten Schutt und Asche hinterlassen und waren wieder gegangen.

Andrzej Stasiuk: Grenzfahrt

Große Teile des Romans werden aus einer mittleren Perspektive erzählt. Zwar ist der Ort in Polen gelegen, doch könnte man das alles auch auf ganz Mittelosteuropa beziehen. Dazwischen. Hier die Deutschen, dort die Sowjets, Hammer und Amboss, alle anderen dazwischen. An einem Fluss, der die beiden Gebiete trennt. Die Gegend am Fluss präsentiert als geschichtsloser Raum, den die anderen, die Russen und Deutschen, gefüllt haben.

Die Geschehnisse spielen im Spätfrühling 1941, es ist Ende Mai, Anfang Juni, der nahende Vernichtungskrieg, die große Blutmühle des 20. Jahrhunderts liegt bereits schwer in der warmen und heißen Luft. Geschütze stehen von Tarnnetzen verborgen im Garten, Panzer, Opel Blitz, Motorräder und marschierende Infanterie wirbeln Staub auf, der große Aufmarsch ist im Gange. Auf der anderen Flussseite Bunker, Wachen, Patrouillen. Nachts erhellen Leuchtraketen den dunklen Himmel.

In diesem seltsamen Zwischenraum zu dieser Zwischenzeit vor dem hereinbrechenden Verhängnis tummeln sich die unterschiedlichsten Menschen, die sich unter gewöhnlichen Umständen nie getroffen hätten. Dörfler, Bauern, Hirten; Partisanen mit großen Reden und brutalem Verhalten; Schmuggler; Fliehende, oft Juden, die nach Osten wollen; Rückkehrer aus dem Osten, weil dort auch kein Ort zum Überleben ist.

Eine der Hauptpersonen ist der Fährmann, der in dunklen Nächten sein bereits vor dem Krieg betriebenes Geschäft fortführt. Er lässt sich für das große Risiko bezahlen, ist aber ein ehrlicher Mensch, betrügt seine menschliche Fracht nicht. Er arbeitet auf dem Fluss, dem Dazwischen, pendelt und gerät auch in anderer Hinsicht zwischen die Fronten. Eine lebensbedrohliche Lage für ihn, in einer Zeit, in der das einzelne Leben seinen Wert eingebüßt hat.

Er betrachtete die Spuren der Raupe und begriff nicht, warum die Deutschen gekommen waren und warum sie weiterziehen wollten.

Andrzej Stasiuk: Grenzfahrt

Erzählt wird in wechselnden Perspektiven. Die Sichtweisen sind zum Teil außergewöhnlich, wenn etwa jener hinterwäldlerische Dörfler staunend die Wehrmachts-Kolonnen betrachtet, völlig ahnungslos, woher die Deutschen kommen, was um alles in der Welt sie in seiner Heimat wollen und – ein noch größeres Rätsel – warum sich die Deutschen mit den Sowjets anlegen werden. Und ja, das fragt sich der Leser dann auch.

Stasiuk hat seinen Roman Grenzfahrt mit einer weiteren Zeitebene versehen, in der der Ich-Erzähler mit seinem Vater in ebenjener Gegend sich aufhält, Jahrzehnte später, wenn das große Vergessen alles in den Abgrund zieht, was damals dort geschehen ist. Die Spuren sind rar, das Bedürfnis des Ich-Erzählers, etwas über die Zeit zu erfahren, viel größer als die Neigung des Zeugen, davon zu berichten.

Eine magische Passage erzählt von einem Foto, das der Erzähler betrachtet. Ein „Bild aus jener Zeit“. Er beschreibt die Personen, die zu sehen sind, wohin sie schauen. Sie sehen Dinge, die man auf dem Foto nicht sieht, die aber trotzdem da sind. Der Ich-Erzähler weiß, dass vor dem Foto-Betrachter ein Fenster ist,  eine Tür, er kennt das Haus, hat früher aus dem Fenster geschaut. Trotzdem wusste der Ich-Erzähler lange nicht, was von der Landschaft, die er gesehen hat, noch verborgen ist.

Es kann sein, dass gut fünfzig Kilometer weiter schon die Feuer von Treblinka brennen.

Andrzej Stasiuk: Grenzfahrt

Darüber wurde nicht gesprochen, nicht mit den Kindern. Der Erzähler hat seiner Großmutter zugesehen, wie sie ohne Licht in der Nacht die Kühe gemolken hat. Weiße Milch, ein ganzer Eimer voll aus dieser „tiefsten Finsternis“, die „tiefer als die Nacht selbst“ war. Wer denkt hier nicht an Celans berühmte Gedichtzeile aus der Todesfuge? Schwarze Milch der Frühe. Stasiuk hat seine Grenzfahrt auch zu einer Reise in poetische Bilder gemacht, die – passend zu dem, was in der Vergangenheit geschah – grundlegende Fragen der menschlichen Existenz berühren.

Heroisch ist nichts in diesem Roman. Das gilt auch für die Gruppe an Partisanen, die in der Gegend herumstreift und im Grunde genommen die Bevölkerung drangsaliert. Für den Kriegsverlauf hat das wirre Hin und Her keinerlei Bedeutung, manchmal wirkt die Gruppe wie Schuljungen, die Partisanen spielen. Sie zählen Wehrmachtsfahrzeuge und streiten sich, ob bestimmte Fahrzeuge Panzer sind oder nicht. Nie werden diese Informationen irgendwohin weitergeleitet.

Stasiuk lässt ihre Handlungen brutal, von großen, hohlen Worten umhallt und mit fürchterlichen Folgen erscheinen. Es gibt Tote, man hängt jemanden mit erschütternder scharfrichterlicher Inkompetenz. Ein ähnliches Fiasko ist auch der Versuch, ein Schwein zu töten. Im Grunde genommen sind alle Aktionen der Partisanen sinnlos, gefährlich nur für die Zivilbevölkerung. Eine Bande, Räuber, Marodeure statt heroischer Widerständler.

Der latente Antisemitismus schlägt immer wieder durch, was zwei jüdischen Flüchtlingen fast zum Verhängnis wird. Sie kommen aus der Stadt an den Fluss, in der Hoffnung, dem sicheren Tod im Herrschaftsraum der Deutschen zu entgehen, wenn sie auf die andere Seite, zu den Sowjets gelangen. Eine Illusion, wie so vieles in Grenzfahrt. Stattdessen kumuliert die Handlung in einer schrecklichen Missetat, während die letzten Minuten vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion verrinnen.

Große europäische Literatur.

Andrzej Stasiuk: Grenzfahrt
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Suhrkamp 2023
Gebunden, 368 Seiten
ISBN: 978-3-518-43126-9

Auf der Zielgeraden

Was für Aussichten! Doch welche »Mühlsteine« sind eigentlich gemeint? Und an wen richtet sich diese Auskunft mit drohendem Unterton? Antworten auf diese Fragen gibt es ab dem 20. September 2025 in »Verräter« – Piratenbrüder Band 6. Bild mit Canva erstellt.

Die intensivste Phase des Schreibens liegt hinter mir. Gemeint sind die letzten zwei, drei Wochen vor dem Einzug von Verräter – Piratenbrüder Band 6 ins Lektorat. Die Zielgerade auf dem Weg von der Rohfassung zum abgabefähigen Roman. Oft waren ganze Tage und Abende angefüllt mit Korrekturen, Überarbeitungen, Streichen und erneutem Schreiben von Absätzen, Seiten, manchmal auch ganzen Kapiteln. Notizen, digital oder Zettel oder in Notizbüchern, habe ich durchgesehen, verworfen oder eingepflegt. In den Nachtstunden, wenn der Schlaf unterbrochen war, drehte sich der Gedankenkreisel um ungeklärte Fragen, aufgeschobene Entscheidungen und ungelöste Rätsel.

In dieser Zeit gab es kaum Raum für andere Tätigkeiten. Selbst das Lesen fiel in den finalen Tagen schwer, die Gedanken kehrten so beharrlich zum Manuskript zurück, dass die Konzentration flüchtig war. Aus Erfahrung weiß ich, dass allzu fokussiertes Denken Blockaden auslosen kann. Die lassen sich durch etwas Abstand vermeiden oder schnell wieder lösen. Daher zwinge ich mich manchmal dazu, ein Buch zu lesen, obwohl mich doch alles danach drängt, weiter am Text zu arbeiten und ich immer wieder von der Lektüre abschweife. Ein Hörbuch ist auch hilfreich, um die irrlichternden Gedanken für einige Zeit beiseitezudrängen.

Dann war plötzlich das Ende da. Der Text war fertig für das Fegefeuer, auch bekannt unter dem Begriff Lektorat. Dahinter verbirgt sich ein radikaler Perspektivwechsel. Wochen- und monatelang war ich allein in meiner eigenen Schreibwelt unterwegs. Jetzt nimmt meine Lektorin den Text kritisch in Augenschein und – für mich eine durchaus überraschende Erfahrung – ich selbst ändere meinen Blick auf den Text. Es ist, als würde ich eine andere Brille aufsetzen, die nahe Schreib-Sicht durch eine fernere ersetzen.

Meine Lektorin ist nicht die erste Leserin. Die Rohfassung haben schon Testleser gelesen und ihre Anmerkungen gemacht, die mir viel Arbeit bescherten. Bei Verräter brauchte eine Testleserin mehrere Anläufe, um in die Geschichte hineinzukommen. Der Anfang war redundant, zu viel klang nach einer Wiederholung dessen, was ich am Ende von Totenschiff schon erzählt habe. Eine andere Rückmeldung war allzu überschwänglich, die Begründungen weckten meine Skepsis. Ein Lob als Kontraindikator – für mich ein Novum.

Beide Rückmeldungen waren sehr produktiv. Verräter hat einen neuen Beginn bekommen, schon auf der ersten Seite rutscht der Leser unmittelbar in die Geschichte mit ihren Rätseln und Wirrungen, er spürt drohendes Unheil. Bis das eintrifft, vergehen nur wenige Kapitel, in denen anders als in den Vorgängerbänden schon die Perspektive gewechselt wird. Erzählfäden aus dem Auftaktband Eine neue Welt greife ich wieder auf und bringe sie zu einem Ende. Verräter ist der vorletzte Teil der Buchserie, das tiefe (oft auch dramatische) Luftholen vor dem Finale Opfergang. Um den letzten Teil nicht zu überfrachten, enden schon jetzt einige Erzähllinien.

Verräter ist länger geworden. Allein vier Kapitel füllen eine Lücke in der Handlung und lassen meine Piratenbrüder an einem Seegefecht teilnehmen, einem Enterkampf in klassischer Piraten-Manier. In den ersten fünf Teilen gab es das nicht, was nicht zuletzt daran liegt, das Henry de Roche alias Elijah O’Stone alias Einauge das Piratendasein aufgegeben hat. Enterkämpfe verbieten sich daher – eigentlich. Aber Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Kaperer. Hier bot sich mir die Möglichkeit, weitere lose Erzählfäden abschließend in die Geschichte einzuweben.

Das Lektorat wird den Text verkürzen. Einige Absätze und Kapitel sind ganz heiße Streichkandidaten. Leider bedeutet das Herausstreichen auch immer den Abschied von liebgewonnenen Ideen. Gegen den Abschiedsschmerz helfen Tricks. Ich versuche, die mir wichtigen Aspekte irgendwo anders unterzubringen und streiche die dann erst in einem späteren Durchgang. Teile und streiche.

Kürzen ist immens wichtig und schadet dem Text selten. Bei der Überarbeitung von Chatou musste ich die Erfahrung machen, dass allzu sorgloses Streichen tatsächlich schädlich sein kann. Die korrigierte zweite Auflage hat das Problem beseitigt.

Manchmal ist ein Abschnitt nicht etwa zu lang, sondern nicht ausreichend ausgearbeitet. Er ist also zu kurz, obwohl er wie eine »Länge« wirkt. Nach der verbesserten Ausarbeitung ist der Abschnitt länger, wirkt aber beim Lesen kürzer. In Verräter gibt es wenigstens zwei solcher Stellen, ganze Kapitel, die potenzielle Streichkandidaten sind.

Ich weiß das. Meine Lektorin weiß das auch. Trotzdem werden wir diskutieren, denn ein Lektorat ist auch eine Art Fußballspiel, das immer nur einen Sieger (Spoiler: es ist nicht der Herr Schriftsteller) kennt. Wolfgang Herrndorf hat das so wunderbar formuliert:

Passig und Gärtner in meiner Küche zum Lektorat. Die beiden verbünden sich sofort gegen mich, schon nach kurzer Zeit führen sie mit 8:1 bei den Änderungen […]

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

So ist es.

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten

Auf die beiden Herren geht die Autorin in ihrem Buch auch ein, sie verbindet mehr als nur ein Handschlag. Cover Siedler Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Schon auf den ersten Seiten dieses Buches ist der Leser ein Stück klüger und orientierter. Anne Applebaum betont gleich zu Anfang von Achse der Autokraten, dass sich hartnäckig eine karikaturhafte Vorstellung vom Alleinherrscher an der Spitze eines autokratischen Staates hält. Putin, Ji, Lukaschenko, Erdogan, Trump – die Liste der gegenwärtigen Autokraten ist lang. Doch ein Autokrat allein macht keine Autokratie.

Autokratien sind Netzwerke mit kleptokratischem Geschäftsmodell, die sich auf einen vielschichtigen Apparat stützen: Armee, paramilitärische Verbände, Polizei und andere Sicherheitsorgane wie Geheimdienste, unterstützt von High-Tech- und IT-Experten, die sich um Propaganda und Desinformation kümmern. Die Netzwerke sind nicht auf ein Land beschränkt, sondern mit Netzwerken anderer Länder verbunden. Das können auch Netzwerke in Demokratien sein, es müssen nicht einmal antidemokratische Parteien wie AfD oder BSW, Teile von Union und SPD gehören eben auch dazu.

Man unterstützt sich mit Ausrüstung, Ausbildung, Informationen; man nennt Ziele und hilft bei der Durchführung von Kampagnen; Medien und Trollfarmen werden dafür eingesetzt. Oder man sorgt für einen positiven Leumund, leistet Hilfestellung bei der Umgehung oder Aufweichung von Sanktionen. Auch aus persönlichen Gründen, denn Autokraten und ihre demokratischen Satrapen sind oft superreiche Unternehmer. Es dürfte kein Zufall sein, dass superreich gewordene Entrepreneure nicht selten autokratische Affinitäten hegen.

Die modernen Autokraten bezeichnen sich als Kommunisten, Monarchisten, Nationalisten und Theokraten.

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten

Ideologie spielt anders als im 20. Jahrhundert für die Kooperation keine Rolle. Geld stinkt nicht, weder in der Geschäftswelt noch in der Welt der Autokraten. Machterhalt ist das primäre politische Ziel, die Untergrabung einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung wäre andernfalls vielleicht auch gar nicht nötig. So aber gilt der freie Westen den Autokraten als Quelle für unerwünschte Inspiration für Widerstand gegen die alleinige, unkontrollierte Herrschaft.

Applebaum schildert auf schnörkellose und direkte Weite unsere Gegenwart, es geschieht seit Jahren und es geschieht jetzt. Einige Beispiele, Belarus und Venezuela, deren jüngste Geschichte skizziert werden, sind aus den Medien vertraut, die Akteure sind es ebenfalls. Doch geht die Autorin noch einen Schritt weiter und sagt mit einer Klarheit, die in oft verdruckst formulierenden Medien fehlt: Ohne die gegenseitige Unterstützung der Autokratien würde der Widerstand der eigenen Bevölkerung wohl ausreichen, um die alleinigen Herrscher zu stürzen.

Das ist ein Muster, was auch für den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine greift. Allein wäre Russland vielleicht schon in die Knie gegangen. So löchrig die Sanktionen auch sein mögen, so zögerlich und unzureichend die militärische und wirtschaftliche Unterstützung für die Ukraine auch ist, ohne die Hilfe anderer Autokratien, wäre Russlands Position sehr viel schwächer. Der Westen hilft der Ukraine also nicht nur gegen Russland, sondern gegen eine Achse der Autokraten.

Wie die Oppositionellen in Venezuela oder Belarus mussten sie allmählich erkennen, dass sie in der Ukraine nicht nur gegen Russland kämpften. Sie kämpften gegen die Achse der Autokraten.

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten

Bedeutend ist die Erkenntnis, dass Autokratien nur mit Hilfe des Westens an die Macht gelangen und diese konsolidieren können. Es sind westliche Technologien und vor allem das lückenhafte Regelwerk, die den Antidemokraten helfen. Ohne die Finanzierungsmöglichkeiten, etwa durch Geldwäsche, wäre die Macht von Autokraten wesentlich beschränkter, als sie es heute ist. Viele lassen sich einspannen, viele – nicht alle! – bezahlen, um Autokraten zu helfen.

Es sind nicht nur die autoritären Parteien, deren ideologische Zuschreibung als rechts oder links in diesem Punkt mehr verschleiert als erhellt; es sind nicht nur die Zuträger in anderen Parteien, die Einflussnehmer oder -agenten; es sind nicht nur die Interessenvertreter in Verbänden und Lobbyisten, die im Dienste der Putins, Mullahs und Xis stehen, sondern auch Anwälte, Banker, Gewerkschafter und Technologie-Oligarchen, die (fast) legal ihrer Tätigkeit nachgehen.

Hier sieht Applebaum auch einen Ansatzpunkt für die Wende im Kampf gegen die heraufziehende autokratische Dunkelheit: Regulierung. Die Autorin macht sich und ihren Lesern keine Illusionen. Das ist eine brutale Bergaufschlacht, deren Ausgang völlig ungewiss ist. In den USA weht der Wind in die entgegengesetzte Richtung. Doch nicht nur dort ist der Widerstand gegen gesetzliche Regulierungen groß. Ein Beispiel wäre die Verwendung von Bargeld in Deutschland beim Immobilienkauf, eine offene Tür für Geldwäsche, deren Einschränkung von mächtigen und ruchlosen Zeitgenossen bekämpft wird.

Die moderne Auseinandersetzung zwischen autokratischen und demokratischen Gedanken und Praktiken ist keine direkte Fortsetzung dessen, was wir im 20. Jahrhundert erlebt haben.

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten

Zu den ganz besonders spannenden und ernüchternden Abschnitten gehört jener, der sich mit den Veränderungen autokratischer Herrschaft und Herrschaftssicherung befasst. Applebaum erklärt anhand mehrerer Beispiele, wie und was die Autokraten gelernt haben. Zumindest die Vorgänge in Hong-Kong dürften politisch Interessierte verfolgt haben. Die Aktivisten dort haben laut Applebaum sehr vieles richtig gemacht, vergangene Kampagnen studiert und an die lokale Lage angepasst. Sie haben auch gelernt – und sind krachend gescheitert.

Wenn man liest, wie es den Chinesen gelungen ist, die studentische Bewegung in Hong-Kong niederzuwerfen, wird es ungemütlich. Da ist zum einen der Anfang der 1990er Jahre vorherrschende Glaube, die demokratische Regierungsform werden sich quasi von allein durchsetzen. Das »Ende der Geschichte« (Fukuyama) hat sich als verhängnisvolle Illusion entpuppt, an der sich bis in die Gegenwart politische Parteien wie Teile der SPD klammern. Das Konzept »Handel durch Annäherung« oder später »Handel durch Wandel« ist mausetot, geistert aber als Wiedergänger durch die Berliner Korridore der Macht.

Das Beispiel Hong-Kong zeigt auch, wie sehr die Anhänger demokratischer Prinzipien die Lernfähigkeit der Autokraten und die Verlockung des Autoritären an sich unterschätzt haben. Die Autokraten sind überlegen. Sie nutzen die Möglichkeiten geschickter und ruchloser als westliche Demokraten. Ihre mediale Durchdringung Afrikas, des Mittleren Ostens, Südamerikas  zum Zwecke von Propaganda, Desinformation und Destabilisierung ist mächtiger als der naive Glaube, mit seriösen Nachrichten allein werde man bestehen.

In unseren alten Modellen ist kein Platz für die Einsicht, dass mansche Menschen Desinformationen wollen. Sie finden Gefallen an Verschwörungstheorien und haben wenig Interesse an zuverlässigen Nachrichten.

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten

Faktenchecks bringen nicht mehr viel, wenn eine Lüge in der Welt ist – was auch große, überregionale Medien, Tagezeitung und Öffentliche-Rechtliche-Medien nicht wahrhaben wollen. Sie lassen sich sogar ausnutzen, werden Plattformen, über die Propaganda in die Breite getragen und mit einem seriösen Anstrich versehen wird. Präventive Gegenkampagnen wären nötig, eine strategisch gezielte Medien-Öffentlichkeit (nicht gespiegelte Propaganda), die von den Menschen auch bezahlt und zur Kenntnis genommen werden kann, wären nötig.

Dem wirkungsvollsten Mittel, der Schmutzkampagne, wird man selbst damit nicht so einfach Herr. Es ist in Deutschland zu beobachten, wie selbst formal demokratische Politiker die Schmutzkampagne zur Bekämpfung des politischen Gegners benutzen, von den offen autoritären und antidemokratischen Parteien und Gruppierungen gar nicht zu reden. Eine Regulierung des wuchernden Lügen- und Desinformationsgeschwürs wird man allein deswegen nur sehr schwer durchsetzen können.

Applebaum weiß das auch. Daher klingt ihre Schrift auch sehr kämpferisch. Ähnliches kann man bei Über Freiheit von Timothy Snyder lesen. Beide beziehen sich übrigens auf Vláclav Havel und seinen Essay Versuch, in der Wahrheit zu leben. Da die Gegner seit Havels Zeit gelernt haben, müssen die Freunde von Freiheit, Wahrheit und Demokratie auch lernen und neue Strategien entwickeln. Eine Bergaufschlacht, die nicht endet und deren Ausgang völlig ungewiss ist.

[Rezensionsexemplar]

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten
Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Siedler Verlag 2024
Hardcover 208 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0176-9

Göttinger Literaturherbst 2024

Diesmal war ich beim Göttinger Literaturherbst per Digital-Ticket und nicht live dabei. Ich habe daher recht viele Veranstaltungen angeschaut und einige interessante Bücher kennengelernt. Bild mit Canva erstellt.

In diesem Jahr habe ich nicht wie 2023 im Vorfeld Karten für die Lesungen des Göttinger Literaturherbstes 2024 gekauft. Ich dachte, ich würde für jene, die mich interessieren, kurz vorher noch welche bekommen können. Das wäre in den meisten Fällen wohl auch so gewesen, doch leider war ich verhindert und konnte keine einzige Veranstaltung vor Ort besuchen.

Es gibt zum Glück das Digital-Ticket. Mit dem kann man bequem vom Sofa die Lesungen auf dem TV anschauen. Das ist kein Ersatz, die Atmosphäre vor Ort, insbesondere in der Aula am Wilhelmsplatz, dem Alten Rathaus oder dem Deutschen Theater, ist nicht zu ersetzen. Der große Vorteil des Online-Tickets ist jedoch, dass man tatsächlich alle Lesungen hören kann, die man hören will.

Nur zwei der vorgestellten Bücher kannte ich bereits, Die Welt in Aufruhr von Herfried Münkler sowie Herrndorf von Tobias Rüther.

Die Lesung der Biographie des viel zu früh gestorbenen und von mir sehr geschätzten Schriftstellers Wolfgang Herrndorf war mein persönliches Highlight: Gemeinsam mit Anneke Kim Sarnau las Autor Tobias Rüther aus der Biographie und den Werken Herrndorfs vor. Ein Wechselgesang durch Leben und Werk, der auf eine eindringliche Weise nahegeht. Sand und In Plüschgewittern habe ich ja schon vorgestellt, nun wird bald einmal Zeit für Tschick.

Sehr gelehrt ist das Buch Die Welt in Aufruhr von Herfried Münkler, es hält für den Leser Zumutungen bereit, wenn ausführliche Ausflüge in Geschichte und Ideenwelten unternommen werden. Nicht immer gelingt der Weg zurück in die Gegenwart, wie beispielsweise bei den Vorstellungen Machiavellis, die eine Blaupause für die EU sein könnten (laut Münkler). Aber: Nach der Lektüre ist klar, dass jene, die beispielsweise gern das Wort „komplex“ im Munde führen, um sich gegen Waffenlieferungen auszusprechen, oft genau das Gegenteil meinen, eine völlig unstatthafte Verschlichtung.

Besonders interessant war die Veranstaltung zu Muslimisch-jüdisches Abendbrot mit Meron Mendel und Saab-Nur Cheema. Mendel, von dem ich das sehr erhellende Über Israel reden vorgestellt habe, und Cheema sind ein interreligiöses Paar, wie man so schön sagt. Ihr Buch enthält jene Kolumnen, die sie für die FAZ verfassen. Wer das liest, spürt der zeitgeschichtlichen Entwicklung nach, den Bruch mit dem 07. Oktober eingeschlossen. Gemessen an der überwältigenden Monstrosität werden Dinge wie „Mikroaggressionen“ zu Petitessen. Die Einschätzung hat der Moderatorin sichtlich nicht geschmeckt – ein Augenblick, der ein großes Drama unserer Zeit offenbart.

Ein wenig holprig habe ich die Lesung von Anne Weber zu ihrem Roman Bannmeilen empfunden. Das Buch hingegen, das ich bereits in der Vorschau wahrgenommen habe, ist sogleich auf der Leseliste gelandet, denn die Passagen sind vielversprechend. Wanderungen durch die großen, oft übel beleumundeten und klischeebehaftet wahrgenommenen Vorstädte von Paris fördern viel Unvermutetes zutage, das in die Tiefen und Abgründe der französischen Geschichte führt. Schön zum Beispiel das Thema Kriegsdenkmäler: Der Große Krieg, Zweiter Weltkrieg, Indochina, Algerien – allen wird unkommentiert gleichermaßen gedacht? Warum das keine gute Idee ist, kann man auch bei Alexis Jenni, Die französische Kunst des Krieges nachlesen.

Das Foto illustriert, was Anne Weber meint. Ich habe die beeindruckende Skulptur mit ihrer fragwürdigen Inschrift in Straßburg aufgenommen.

Mit Literatur aus Italien kann ich nicht allzu viel anfangen. Der Name der Rose von Umberto Eco, Das periodische System von Primo Levi, Dantes Göttliche Komödie, Commandante von Veronesi/de Angelis und das war es auch schon, was ich an italienischer Literatur gelesen habe. Das könnte sich ändern. In Kalte Füße von Francesca Melandri werde ich sicher einmal bei Gelegenheit hineinlesen, möglicherweise auch in Malnata von Beatrice Salvioni.

Thomas Müntzer, der bekannte Anführer aus der Zeit der Bauernkriege, war nach Ansicht von Thomas Kaufmann gar nicht so bedeutend, wie  er überliefert wird. Er sieht in ihm eine Art Scheinriesen, wie Herrn Tur-Tur aus den Büchern von  Michael Ende, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Das war nicht die einzige bedenkenswerte Aussage Kaufmanns bei der Lesung, sein Buch Der Bauernkrieg eröffnet eine neue, durch unsere Gegenwart vertraute Sicht auf das Ereignis: Ein Fokus wird auf die Medien gelegt und ihre Bedeutung für den Aufstand allgemein, aber auch für die Schaffung „des“ Bauern. Selbstverständlich ist das Thema eng mit der Reformation verzahnt, entsprechend anregend war die Veranstaltung.

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

Manche Szenen in diesem fabelhaften Kriminalroman sind atmosphärisch sehr dicht und von großer Schönheit. Begeistert hat mich der Täter bzw. Urheber der Taten, in dem auch aufgeklärte Leser einen Skinwalker oder Gestaltwandler sehen können. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Es hatte mit einem Mord begonnen. Und es war nun eine Kettenreaktion daraus geworden, als habe ein Mord den nächsten nach sich gezogen.

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

Gute Romane müssen keine Spoiler fürchten. Ihre Qualität sorgt dafür, dass man sie nochmals lesen kann, auch wenn die reine Handlungsspannung durch die erste Lektüre verflogen ist. Das gilt selbstverständlich auch für Krimis. Hier sind eindeutig jene Kriminalromane im Vorteil, die mehr als einen Fall und seine Auflösung zu bieten haben. Ein schönes Beispiel ist die Buchreihe über die Navajo-Police von Tony Hillerman. Insofern wäre es kein Problem, wenn ich an dieser Stelle einiges verraten würden, was sich in Stunde der Skinwalker zuträgt.

In diesem Fall wäre mir das selbst unrecht, also versuche ich mich um allzu verräterische Formulierungen herumzudrücken. Nein, es geht mir nicht um die sehr spannende Auflösung der verwickelten Fälle, die im Zentrum der Ermittlungen stehen, sondern um den Anfang des sechsten Teils der Buchreihe. Schon im ersten Kapitel gibt es eine Überraschung und damit ist nicht die Katze gemeint, die nachts in den Wohnwagen von Jim Chee schlüpft.

Die Katze ist dem Navajo-Polizisten zugelaufen oder präziser: Sie lebt in der Nachbarschaft und betritt Chees Behausung nur, um Futter und Wasser zu bekommen. Mitten in der Nacht jedoch ist die Katze ein seltener Gast, was die Frage aufwirft, wodurch sie aufgeschreckt worden sein könnte. Hunde? Kojoten? Oder doch etwas anderes? 

Was lauerte dort draußen?

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

Die Gedanken Chees kreisen in dieser nacht noch um andere Dinge. Mary Landons Rückkehr steht bevor, der er mit großer Vorfreude entgegensieht. Weniger erfreulich ist allerdings die Aussicht auf den folgenden Tag, an dem Chee mit einem FBI-Mann namens Jay Kennedy zu einem Verdächtigen namens Roosevelt Bistie aufbrechen muss, der möglicherweise einen Mord begangen hat.

Diese Tat wird bei Joe Leaphorn mit einer Nadel markiert, braun mit weißem Kopf. Eine ausladende Karte ziert das Arbeitszimmer des Ermittlers, den die Leser aus den ersten beiden Bänden der Navajo-Police-Reihe kennen. Leaphorn hat eine unüberschaubare Anzahl an Fällen auf dieser Karte mit farblich verschiedenen Nadeln markiert und mit kryptischen Zeichen versieht, die ihm Auskunft darüber geben, was dort geschehen ist.

Die Karte bildet also in gewisser Hinsicht einen Teil des sozialen Lebens im Navajo-Reservat ab. Morde finden vor allem in dessen Randbereichen statt, wo es Berührungen zu der Welt der Weißen gibt. Gewalt im Reservat geschieht eher zufällig, oft im Zusammenhang mit Alkohol und Verzweiflung. Und doch gibt es drei Nadeln mit ungelösten Morden auf dieser Karte, einer davon ist jener, zu dem Jim Chee aufbricht, um einen Verdächtigen zu verhören.

Allen bei der Navajo-Police kannten Leaphorns Karte als Ausdruck seiner Verschrobenheit.

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

In Stunde der Skinwalker ermitteln Chee und Leaphorn erstmals gemeinsam. Ich war vor der Lektüre ausgesprochen gespannt, wie der Autor Tony Hillerman das Aufeinandertreffen der beiden bewerkstelligen würde. Wie es sich für einen guten Autor gehört, hat er die Annäherung sehr geschickt inszeniert.

Auch der sechste Teil ist von Mythos und Mystik der indianischen Gemeinschaften geprägt. Das zeigt allein der Titel, der von Skinwalkern spricht. Hexer mit gestaltwandlerischen Fähigkeiten, die man nicht mit denen Europas gleichsetzen sollte, treiben also ihr Unwesen. Die Navajo reden nicht gern über Hexer, das gilt auch für jene der indianischen Gemeinschaft, die eigentlich bereits mit einem Fuß oder mehr in der Welt der Weißen stehen.

Wer über derartigen (Aber-)Glauben mild-herablassend lächelt, sollte sich für einen Moment vor Augen führen, was in der »aufgeklärten« Welt mit Begriffen wie »schwarze Katze«, »Freitag der Dreizehnte« verbunden ist oder über Corona-Viren bzw. Impfungen kursiert. So kann man es ruhig wertfrei hinnehmen, wenn Leaphorn verstimmt ist über Scherze, die mit Hexerei in Verbindung stehen.

Streibs Frotzeleien störten Leaphorn nicht, Witze über Hexerei dagegen schon.

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

Zunächst geht es bei den Ermittlungen wenig übersinnlich, dafür rätselhaft zu. Da ist zum Beispiel der Verdächtige im Mordfall Irna Onesalt, auch Welfare Woman genannt. Nach Chees Einschätzung war sie »hart wie Sattelleder und fies wie eine Schlange«, eine einmalig unausstehliche Person. Jeder, der »je mit ihr zu tun gehabt hatte«, ist also verdächtig, den Mord begangen zu haben. Ein einleuchtendes Motiv gebe bei jedem. Schlimmer noch, dass die Mordwaffe so gängig im Reservat ist, dass faktisch jeder als Mörder infrage käme.

Doch zunächst rückt dank Chee Roosevelt Bistie im Falle eines gewissen Old Man Endocheeney in den Fokus. Gemeinsam mit FBI-Mann  Kennedy befragt Chee die Tochter des Verdächtigen, ein wundervolles Spielchen, denn die junge Dame tut, als spräche sie nur Navajo und kein Englisch. Die beiden Indianer führen über den Kopf des Weißen hinweg ein spezifisches und für den Leser amüsantes Gespräch.

Kurios wird es, als der Verdächtige Bistie aufkreuzt und sich ehrlich freut, dass Endocheeney tot ist. Er habe ihm eine »verpasst« und dabei getroffen, gibt er begeistert zu. Auf Chees Nachfrage behauptet er, Endocheeney erschossen zu haben. Dummerweise ist der Ermordete mit einem Messer getötet worden. Bistie verweigert jeden Kommentar zu seinem Motiv, aus dem er den »Mistkerl« umgebracht haben will. Das beharrliche Schweigen scheint wieder mit dem unangenehmen Thema »Skinwalker« verbunden zu sein.

›Hexerei?‹, fragte er. ›Ein Skinwalker?‹
Chee antwortete nicht. Leaphorn nippte am Kaffee. Chee zuckte die Achseln und sagte dann. ›Das wäre jedenfalls eine Erklärung dafür, warum Bistie nicht darüber reden will.‹

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

»Skinwalker« wie auch viele andere Aspekte der Mystik indianischer Gemeinschaften haben ganz reale Auswirkungen auf das Leben eines Navajo. Es sind diese Dinge, die Hillermans Roman so deutlich über einen reinen Krimi hinausheben. Sie sind ganz eng mit den Beweggründen für eine Tat verbunden, verschlüsseln diese und geben gleichzeitig zum Teil wenigstens die nötigen Hinweise zur Auflösung der Fälle.

Chee und Leaphorn sind aber auch in ihren persönlichen Verhältnissen mit Fragen konfrontiert, die immer wieder auf die Traditionen der Navajo zurückführen. Zwangslagen entstehen. Leaphorns Frau Emma leidet an Symptomen, die an Alzheimer erinnern. Sie verweigert den Gang zu einem Arzt der Weißen, mit Begründungen, die auf den ersten Blick ein wenig merkwürdig wirken.

Da Alzheimer zur Handlungszeit (wie auch in der Lesergegenwart des Jahres 2024) unheilbar ist, erscheint die Frage nach dem Sinn einer neurologischen Untersuchung durchaus berechtigt. Leaphorn fragt sich, ob es nicht doch besser wäre, einen traditionellen Sänger aufzusuchen. Sie brauche einen Gesang, sagt Emma, dann werde es ihr wieder besser gehen. Besser heißt nicht, was Schulmedizin mit »gesund« meint, dafür aber Lebensqualität. Sehr spannend ist auch, wie sich diese Angelegenheit letztlich auflöst.

Der Skinwalker war daran schuld. Warum er es getan hatte, lag im Dunkeln des Bösen verborgen. Darum musste der Skinwalker sterben.

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker

Eine Erzähllinie in Stunde der Skinwalker greift den Zusammenhang zwischen den »Hexern« und schwerwiegenden Erkrankungen auf. Hexer werden für die schwindende Gesundheit verantwortlich gemacht, ihr Tod ist das Mittel, um die Krankheit zu besiegen, auch wenn das aus rationaler Sicht eine Heilung weit außerhalb aller Möglichkeiten liegt, etwa bei einem schwerwiegenden Geburtsfehler. Für Verzweifelte kann die gewaltsame Beseitigung eines Hexers dennoch als der richtige Weg erscheinen.

Für den aufgeklärten belacani (Weißen) mag das seltsam erscheinen, auch Leaphorn hegt massive Vorbehalte gegen diese abergläubische Welt. Doch hat Hillerman auf eine brillante Weise nicht nur eine Brücke zwischen (Aber-)Glaube und Rationalität geschlagen, sondern einen Täter geschaffen, den auch ein der Aufklärung verhafteter Leser als Skinwalker, Gestaltwandler begreifen kann.

[Rezensionsexemplar]

Weitere Bücher der Reihe um die Navajo-Police:
Tanzplatz der Toten
Blinde Augen
Zeugen der Nacht
Dunkle Winde

[Rezensionsexemplar]

Tony Hillerman: Stunde der Skinwalker
Ein Fall für die Navajo-Police
Aus dem Englischen von Klaus Fröba
Nach dem Original durchgesehen und überarbeitet von Andras Hackmann
Unionsverlag 2024
Taschenbuch 256 Seiten
ISBN: 978-3-293-20958-9

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