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Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Buchcover von ‚Delius – Die linke Hand des Papstes‘ von Friedrich Christian Delius vor dem Hintergrund der Kuppel und Brücke in Rom, mit der Frage: ‚Was hat das Oberhaupt der Katholiken in einer protestantischen Kirche zu suchen, mitten in Rom?‘
Die Novelle von Friedrich Christian Delius ist eine literarische Wutrede, ausgelöst durch eine überraschende Begegung des fiktiven Erzählers mit dem Papst in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Wunderbar als Reiselektüre geeignet, wenn man nicht bloß sehnsuchtsschwelgend durch Rom laufen möchte. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Die Pferde bleiben in Erinnerung.  Zugegeben, in meinem Fall waren es nebulöse Erinnerungen, obwohl ich Die linke Hand des Papstes schon zweimal gelesen habe. Einmal war das Buch mein Reisebegleiter in Rom, auch das ist schon einige Jahre her, die Erinnerungen an die Lektüre, die sich mit dem Erlebten verwob, ist verschwommen, aber präsent. Doch die Pferde sind mir als Motiv unvergessen geblieben. Pferde als Symbol abgründiger Korruption, in der Schreibgegenwart des Autors und der Vergangenheit der Spätantike.

Es ist ein weiter Bogen von Augustinus zu Gaddafi, von Honorius zu Berlusconi, den Friedrich Christian Delius seinen Lesern zumutet. Und es sind keineswegs die einzigen Zumutungen, insbesondere schwärmerischen Rom- und Italienverehrern rückt die Novelle mit Blicken hinter die Kulissen auf den sehnsuchtsvollen Touristenleib. Einen frühpensionierten Archäologen, der sich halblegal als Stadtführer verdingt, hat Delius zum Erzähler erkoren.

Der Deutsche ist mit einer Italienerin namens Flavia verheiratet, die transalpine Ehe verhilft dem Erzählten zu Glaubwürdigkeit. Der Name weist in die Antike zurück, zwei Kaisergeschlechter zählen zu den Flaviern, es ist also eine profunde Personifizierung der Historie. Delius verzahnt Erzählgegenwart und Vergangenheit auf allen Ebenen. Flavias zugespitzte Kommentare über die eigenen Landsleute kann sich ein Deutscher nicht leisten, nicht nach Meinung des Erzählers, der seinen Landsleuten die Untaten der Nazi-Schergen unter die Nase reibt. Als Italien 1943 die Nibelungentreue zum Reich aufgab und nicht bis »fünf nach Zwölf« kämpfen und untergehen wollte, brach über die Italiener das Morden herein. 

Alarich und Adolf und Kappler und Kesselring, den Florenz-Zerstörer und Partisanenschlächter, die schaffen wir nicht so leicht aus der Welt.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Das ist kein gutes Thema für Touristen, weiß der Touristenführer, also hält er sich zurück; er überlegt, wie er in seine Führungen derlei einfließen lassen könnte, ohne seine Kundschaft zu verschrecken. Es ist nicht das einzige, wenngleich das bedrückendste Thema für deutsche Leser.  Fast alle anderen Wut erzeugenden Aspekte sind hausgemacht italienisch oder katholisch-kirchlicher Natur mit langen Wurzeln in die Geschichte. Den prächtigen Fassaden Roms sieht man es nicht an.

Eine Schnittmenge zu den Nazi-Untaten gibt es, Benito Mussolini und seine Faschisten, die in ihren fürchterlichen Kriegen hunderttausende von Toten zu verantworten haben. Die Schlächtereien in Abessinien, in Albanien, der Angriffskrieg gegen Griechenland und die nachfolgende Besatzungsherrschaft. Das alles ruht halb vergessen im Schatten der monströsen deutschen Massenmorde, von Holocaust und Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg.

Die Kirche hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, nicht in Person von Papst Pius XII. und auch sonst nicht. Delius lässt seinen Erzähler von einem Onkel in Wehrmachtsuniform berichten, der diesem Papst die Hand im Jahr 1942 gedrückt habe. Eine zufällige Audienz, bei dem der Protestant in Uniform die Aufmerksamkeit des Papstes erregt, es kommt zu einem Gespräch, in dem der Stellvertreter Christi dem Deutschen zu seinem Führer gratuliert.

Wie käme ein Papst zu einem Glückwunsch dieser Art? 1942 waren Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungert, Millionen Juden erschossen und die Gaskammern in den industriell arbeitenden Vernichtungslagern Realität. Wieso wirkt diese Geschichte nicht, dass man abwinken möchte? In den weiten Gedankenkreisen des Erzählers kommen Katholische Kirche und deren Oberhaupt nicht gut weg, Kreuzzüge gegen »Ketzer« aller Art, Verfolgung von Juden, »Hexen und Zigeunern«, die Scheiterhaufen. Eine »Terrorinstitution«, meint der Erzähler.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Auch kein gutes Thema für »Touristen, Anti-Touristen« und »aufgeklärte Bildungstouristen« in der »Ewigen Stadt«; die wollen »die Märchen«. Das Thema ist aber gut geeignet für eine Novelle, die in ihrer Sprache und Gedankenführung als  assoziative Wutrede daherkommt. Rant würde man heute vielleicht sagen, ausgeführt mit leichter Hand, sarkastisch, wortgewandt und bildstark. Den allgegenwärtigen Lärm der Stadt verspottet Delius als »große römische Jupitersinfonie«, die »kleine« werde sonntags gegeben, wenn es ruhiger sei. Vom grunzenden Pöbeln der so genannten »Wutbürger« ist Delius’ Buch noch weiter entfernt, als die Antike von der Gegenwart.

Den Anlass für diese Wutrede bietet eine ungewöhnliche Begegnung des Erzählers mit dem Papst. Genauer: dem deutschen Papst Benedikt XVI. in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Tatsächlich ist ein solcher Besuch für den 14. März 2010 verbürgt, Delius ersinnt für seine Novelle eine fiktive Begegnung seines Erzählers mit dem Papst rund ein Jahr später. Ist das die unerhörte Neuigkeit, die prägend für eine Novelle ist? Das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer protestantischen mitten in Rom? Nein, für den Novellen-Falken hat sich Delius eine im Wortsinne »unerhörte« Begebenheit ausgedacht, die hier nicht verraten wird.

Unerhört hätte aber etwas anderes sein können, das sich der Erzähler wünscht: eine Backpfeife des Papstes für Silvio Berlusconi. Ob sie, die Hände des Papstes, noch zu einer Ohrpfeife fähig wären, fragt sich der Erzähler. Für den Wunsch nach dieser wahrhaft unerhörte Begebenheit liefert die Erzählgegenwart einen passenden Anlass: Der Italien »regierende Diktatorenfreund« wurde vom »Öldiktator« aus Libyen, ehemals italienische Kolonie, besucht. Gaddafi brachte ein Zelt und Pferde mit, jene Pferde, von denen eingangs die Rede war.

[…] und  zum ersten und einzigen Mal etwas Mitleid hatte mit dem alten Mann, dem vor lauter Macht die Hände gebunden waren.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Was für ein Satz. Allein die Idee, dass einem Mächtigen wegen seiner Macht die Hände gebunden sein könnten, ist brillant. Doch ist es das Mitleid, das die Wucht der Worte entfaltet. Delius lässt seinen Erzähler recht früh in dem schmalen Buch dieses Mitleid empfinden, ich hätte es auch an den Anfang meiner Besprechung stellen können. Doch hier, nach dem über den deutschen Papst und seine Institution Gesagten, wird erst deutlich, welche Ausnahmestellung das Mitleid einnimmt, warum der Erzähler es nur ein einziges Mal empfinden kann.

Eine groteske Inszenierung, ein die katholische Kirche und ihr Oberhaupt verhöhnender Mummenschanz mitten in Rom. Gaddafi gibt eine Islamstunde. Die Belehrten sind einige hundert junge Models, bezahlt, um dem Salbadern zu lauschen. Europa solle sich zum Islam bekehren lassen, meint der Öldiktator. Man stelle sich Angela Merkel vor, die in Mekka derlei mit umgekehrten Vorzeichen sagt.

In Rom aber wird Gaddafi nicht gesteinigt oder auf andere Weise massakriert, es wird lächelnd abgewiegelt. Der bekennende »Kirchenfreund« und »Fernsehkönig«, Vorsteher einer »mafiafreundlichen Partei«, Putinanhänger und »Gotteslästerer« lässt es geschehen. Wäre das nicht wenigstens eine Ohrfeige, ausgeführt mit päpstlicher Hand wert? Wann immer es um Berlusconi geht, bricht die gezügelte Sprache des Erzählers auf, der auch vor dem handgreiflichen Wort »Hurensohn« nicht zurückschreckt.

Achtzig prächtige Zuchthengste, und wir schuldbeladen, Sündenklumpen bis in alle Ewigkeit.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Es geht um Geld, um Öl, um lukrative Geschäfte mit Gaddafi, um den fast schon naheliegenden Verdacht der Selbstbereicherung, die das Abwiegeln erklären. Korruption statt Werte, mit diesem Zusammenhang berührt Die linke Hand des Papstes die Achillesferse des demokratischen Westens. Berlusconi stellte eine Art Galionsfigur dar, deren verheerendes Wirken in die düstere Gegenwart unserer Tage reicht. Auch wenn die erzählte Zeit in der Novelle noch harmlos wirkt angesichts der alltäglichen Monstrosität des Alltags vierzehn Jahre später, zeigt sie doch die Grundlagen des Verhängnisses.

Doch reicht die Korruption weit zurück in die Vergangenheit. Gaddafis Pferde sind nicht die ersten, die von Libyen nach Italien kamen, um dort etwas zu bewirken. Kein Geringerer als der Heilige Augustinus, so weiß der Erzähler, habe mit einer Bestechung in Gestalt von achtzig Zuchthengsten an den weströmischen Kaiser dafür gesorgt, dass sein Gegenspieler Pelagius aus dem Feld geschlagen wurde. Mit Augustinus’ Sieg hätte die Erbsünde Einzug gehalten in das christliche Dogma.

Was für eine wundervolle Parallelität! Der »anständige Ketzer«, wie sich der Erzähler selbst sieht, der »weder mit der Blindheit der Knieenden noch mit dem Hochmut der Kirchenhasser« geschlagen sei, lässt es krachen. Augustinus’ Gott wolle Unterwerfung, nicht Seligkeit aller Menschen; Frauen gälten als minderwertig – dank eines gelungenen Bestechungsmanövers. Gern würde der Erzähler den neben ihm sitzenden Papst, den Fachmann in dieser Sache befragen, doch dazu kommt es nicht.

Auf diese Weise wird die Bahn bereitet für das unerhörte Ereignis, ein Schelmenstreich des Autors, der dem Papst eine spektakuläre, ungeheuerliche Rede andichtet, die wahrhaftig für Furore gesorgt hätte. Doch hatte die Wirklichkeit auch für den Autor eine handfeste Ungeheuerlichkeit parat. Drei Tage nach dem Versenden des Manuskriptes gab ebenjener Papst seinen Rücktritt bekannt, dem Delius’ Erzähler bei seinem Treffen in der Kirche Anzeichen einer gewissen  Schwäche attestierte. 

Der Roman ist das zweite Buch aus meinem Lesevorhaben Wiedergelesen – 4für2025

Friedrich Christian Delius:  Die linke Hand des Papstes
Rowohlt Verlag 2015
Taschenbuch 128 Seiten
ISBN: 978-3-499-26831-1

Dreimal Adolf Eichmann

Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht. Das Bild, das der ehemalige Angehörige der SS abgibt, unterscheidet sich sehr von der Person, die mir in Romanen bzw. Graphic Novels begegnet ist.

Dreimal ist mir Adolf Eichmann in Romanen bzw. Graphic Novel als handelnde Figur begegnet. Zuletzt bei Ritchie Girl von Andreas Pflüger, davor in der Graphic Novel Die drei Leben drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein und im Roman Das Verschwinden des Joseph Mengele von Olivier Guez bzw. in der Umsetzung als Graphic Novel.

Das Foto zeigt Eichmann in Jerusalem vor Gericht. Das ist jener Eichmann, von dem Hannah Arendt berichtet, jene Gestalt, die in der Regel mit der »Banalität des Bösen« in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich wirkt Eichmann eher wie ein Staubsaugervertreter oder Handelsreisender in Sachen Versicherung.

Ganz anders bei Guez, der über Eichmann (aus der Sicht von Josef Mengele) im argentinischen Exil berichtet. Ein Star, der Autogramme gibt und großsprecherisch auftritt, seinen »Rang« im so genannten »Dritten Reich« wie eine Monstranz vor sich herträgt und von einem Comeback in einem »Vierten Reich« schwadroniert. Mit dem Bild, das die »Banalität des Bösen« assoziiert, passt das nicht mehr ganz zusammen.

Das gilt noch mehr für jenen Eichmann, der bei Pflüger in Richie Girl dem Leser entgegentritt. Der Autor hat in einem Nachwort zu seinem Roman die Gestaltung dieser Figur noch einmal aufgegriffen und explizit auf Ahrendt verwiesen: Von deren Vorstellung wollte er »seinen« Eichmann abheben. Das ist gelungen, Pflügers Eichmann ist eine dämonische, selbstsichere und eiskalte Figur.

Bei der Lektüre von Thomas Meyers biographischem Abriss über Hannah Arendt musste ich wieder daran denken, wie unterschiedlich die Sicht auf einen Menschen sein kann. Im Falle Arendt hat ihr spezifischer Zugang zu dramatisch zu nennender Kritik und Anfeindungen geführt. Die Aufregung von damals glüht bis in die Gegenwart nach.

Bücher 2024

Die zehn Bücher, die mir im Jahr 2024 am besten gefallen haben. So viele Überraschungen! Nur Tolkien stand von Anfang an als Teil dieser Auswahl fest.

Bei einem Buch war ich mir sicher, dass es in die Auswahl der besten zehn für das Jahr 2024 kommen würde: The Lord of the Rings von J.R.R. Tolkien. Erstmals habe ich die englische Original-Version gelesen, die unglaublich schöne Prachtausgabe lag 2023 unter dem Weihnachtsbaum. Was für ein großartiger Fantasy-Roman! Auf Englisch ist das Leseerlebnis besonders intensiv.

Alle anderen Bücher sind Überraschungen. McCarthys phänomenale Dystopie Die Straße habe ich noch einmal gelesen, weil mir rein zufällig die brillante Umsetzung als Graphic Novel (Die Strasse)*in die Finger gefallen ist. Da konnte ich gar nicht anders, als auch den Roman wiederzulesen und beide parallel auf dem Blog vorstellen.

Shogun von James Clavell war auch so ein Zufall – die sehr gelungene Verfilmung hat mich dazu angeregt, endlich einmal den Roman zur Kenntnis zu nehmen. Bei Traven war es die Neuausgabe, noch ein Buch, das ich immer schon einmal lesen wollte und endlich gelesen habe.

Natürlich schwingt auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine in meiner Lektüre mit, zwei Sachbücher (Applebaum, Snyder) beziehen sich direkt darauf, Afflerbachs brillante Analyse des Ersten Weltkrieges liefert eine Menge Anschauungsmaterial, insbesondere jenen, die sich über Verhandlungen Gedanken machen.

Stasiuk und Teran sind zwei großartige Neuentdeckungen, Fall Bombe Fall von Kouwenaar ein ganz besonderes Kleinod.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide
Geschichte ist immer (!) offen, das gilt auch für Kriege; erst im Nachhinein schien der Erste Weltkrieg für die Mittelmächte von Anfang an verloren

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten*
Die Kooperation unter den Autokraten ist wesentlich für deren Stärke, wenn sie von demokratischen Kräften herausgefordert werden

James Clavell: Shogun
Wahrhaftig ein epischer Schmöker!

Gerrit Kouwenaar: Fall Bombe Fall*
Coming of Age unter dem Eindruck des hereinbrechenden Überfalls der Wehrmacht auf die Niederlande 1940, atmosphärisch sensationell umgesetzt

Cormac McCarthy: Die Straße
Die verstörende Dystopie war auch während der zweiten Lektüre für mich schwer erträglich, atmosphärisch dicht und unendlich dunkel

Timothy Snyder: Über Freiheit*
Der Begriff der Freiheit ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter ausgehöhlt und missbraucht worden, Snyder füllt ihn mit Sinn und neuem Leben

Andrzej Stasiuk: Grenzfahrt
Die Wochen vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion aus der Sicher derjenigen, die zwischen Hammer und Amboss geraten waren

Boston Teran: Gärten der Trauer*
Eine spektakuläre Agenten-Mission in den Alptraum des Genozids an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings
Die Lektüre der englischen Originalversion war ein Hochgenuss, das Fantasy-Epos ist und bleibt das beste, das ich aus dem Genre kenne

B.Traven: Das Totenschiff*
Eine abenteuerliche Reise in die Abgründe eines Gestrandeten im Maschinenraum des globalen Kapitalismus

Ich bin sehr gespannt, was das Lesejahr 2025 bringen wird. Die Vorschauen für das Frühjahr haben einige interessante Bücher auf meine Leseliste gespült, unter den ungelesenen Büchern in meinen Regalen wartet noch das eine oder andere Schätzchen und dann gibt es noch die vielen Dutzend bereits gelesener Prachtexemplare!

Auf ein gutes Lesejahr 2025!

Göttinger Literaturherbst 2024

Diesmal war ich beim Göttinger Literaturherbst per Digital-Ticket und nicht live dabei. Ich habe daher recht viele Veranstaltungen angeschaut und einige interessante Bücher kennengelernt. Bild mit Canva erstellt.

In diesem Jahr habe ich nicht wie 2023 im Vorfeld Karten für die Lesungen des Göttinger Literaturherbstes 2024 gekauft. Ich dachte, ich würde für jene, die mich interessieren, kurz vorher noch welche bekommen können. Das wäre in den meisten Fällen wohl auch so gewesen, doch leider war ich verhindert und konnte keine einzige Veranstaltung vor Ort besuchen.

Es gibt zum Glück das Digital-Ticket. Mit dem kann man bequem vom Sofa die Lesungen auf dem TV anschauen. Das ist kein Ersatz, die Atmosphäre vor Ort, insbesondere in der Aula am Wilhelmsplatz, dem Alten Rathaus oder dem Deutschen Theater, ist nicht zu ersetzen. Der große Vorteil des Online-Tickets ist jedoch, dass man tatsächlich alle Lesungen hören kann, die man hören will.

Nur zwei der vorgestellten Bücher kannte ich bereits, Die Welt in Aufruhr von Herfried Münkler sowie Herrndorf von Tobias Rüther.

Die Lesung der Biographie des viel zu früh gestorbenen und von mir sehr geschätzten Schriftstellers Wolfgang Herrndorf war mein persönliches Highlight: Gemeinsam mit Anneke Kim Sarnau las Autor Tobias Rüther aus der Biographie und den Werken Herrndorfs vor. Ein Wechselgesang durch Leben und Werk, der auf eine eindringliche Weise nahegeht. Sand und In Plüschgewittern habe ich ja schon vorgestellt, nun wird bald einmal Zeit für Tschick.

Sehr gelehrt ist das Buch Die Welt in Aufruhr von Herfried Münkler, es hält für den Leser Zumutungen bereit, wenn ausführliche Ausflüge in Geschichte und Ideenwelten unternommen werden. Nicht immer gelingt der Weg zurück in die Gegenwart, wie beispielsweise bei den Vorstellungen Machiavellis, die eine Blaupause für die EU sein könnten (laut Münkler). Aber: Nach der Lektüre ist klar, dass jene, die beispielsweise gern das Wort „komplex“ im Munde führen, um sich gegen Waffenlieferungen auszusprechen, oft genau das Gegenteil meinen, eine völlig unstatthafte Verschlichtung.

Besonders interessant war die Veranstaltung zu Muslimisch-jüdisches Abendbrot mit Meron Mendel und Saab-Nur Cheema. Mendel, von dem ich das sehr erhellende Über Israel reden vorgestellt habe, und Cheema sind ein interreligiöses Paar, wie man so schön sagt. Ihr Buch enthält jene Kolumnen, die sie für die FAZ verfassen. Wer das liest, spürt der zeitgeschichtlichen Entwicklung nach, den Bruch mit dem 07. Oktober eingeschlossen. Gemessen an der überwältigenden Monstrosität werden Dinge wie „Mikroaggressionen“ zu Petitessen. Die Einschätzung hat der Moderatorin sichtlich nicht geschmeckt – ein Augenblick, der ein großes Drama unserer Zeit offenbart.

Ein wenig holprig habe ich die Lesung von Anne Weber zu ihrem Roman Bannmeilen empfunden. Das Buch hingegen, das ich bereits in der Vorschau wahrgenommen habe, ist sogleich auf der Leseliste gelandet, denn die Passagen sind vielversprechend. Wanderungen durch die großen, oft übel beleumundeten und klischeebehaftet wahrgenommenen Vorstädte von Paris fördern viel Unvermutetes zutage, das in die Tiefen und Abgründe der französischen Geschichte führt. Schön zum Beispiel das Thema Kriegsdenkmäler: Der Große Krieg, Zweiter Weltkrieg, Indochina, Algerien – allen wird unkommentiert gleichermaßen gedacht? Warum das keine gute Idee ist, kann man auch bei Alexis Jenni, Die französische Kunst des Krieges nachlesen.

Das Foto illustriert, was Anne Weber meint. Ich habe die beeindruckende Skulptur mit ihrer fragwürdigen Inschrift in Straßburg aufgenommen.

Mit Literatur aus Italien kann ich nicht allzu viel anfangen. Der Name der Rose von Umberto Eco, Das periodische System von Primo Levi, Dantes Göttliche Komödie, Commandante von Veronesi/de Angelis und das war es auch schon, was ich an italienischer Literatur gelesen habe. Das könnte sich ändern. In Kalte Füße von Francesca Melandri werde ich sicher einmal bei Gelegenheit hineinlesen, möglicherweise auch in Malnata von Beatrice Salvioni.

Thomas Müntzer, der bekannte Anführer aus der Zeit der Bauernkriege, war nach Ansicht von Thomas Kaufmann gar nicht so bedeutend, wie  er überliefert wird. Er sieht in ihm eine Art Scheinriesen, wie Herrn Tur-Tur aus den Büchern von  Michael Ende, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Das war nicht die einzige bedenkenswerte Aussage Kaufmanns bei der Lesung, sein Buch Der Bauernkrieg eröffnet eine neue, durch unsere Gegenwart vertraute Sicht auf das Ereignis: Ein Fokus wird auf die Medien gelegt und ihre Bedeutung für den Aufstand allgemein, aber auch für die Schaffung „des“ Bauern. Selbstverständlich ist das Thema eng mit der Reformation verzahnt, entsprechend anregend war die Veranstaltung.

Buch-Kauf-Diät

Seit Jahresanfang habe ich mir eine Buch-Kauf-Diät verordnet. Aus Gründen.

Ich mag den Begriff »Stapel ungelesener Bücher« nicht. Er wird inflationär in den Sozialen Medien gebraucht, oft in einem merkwürdigen Ton, als handelte es sich um eine Last, wie eine übervolle Liste mit Aufgaben, die abgearbeitet werden müssen. Dem haftet etwas freudlos Bürokratisches an.

Aber natürlich habe auch ich eine ganze Menge ungelesener Bücher in meinen Regalen stehen, wer hat das nicht. Ich freue mich darauf, diese zu lesen, einige in diesem Jahr, einige im nächsten oder übernächsten. Ob dann alle noch ungelesenen Bücher ausgelesen sind? Wohl kaum.

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres habe ich viel weniger gelesen als noch 2023. Das war zu erwarten, denn neben dem Schreiben bleibt im Moment nicht viel Zeit für Lektüre und Bloggen. Das ist nicht tragisch, ich befinde mich nicht in einem Wettbewerb um einen möglichst hohen »Stapel gelesener Bücher«. Mir ist es wichtiger, mich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen.

Die Durchsicht der Verlagsprogramme, das Stöbern auf Blogs und SoMe-Plattformen macht immer wieder klar, dass ich sowieso nicht alles lesen kann, was ich interessant finde. Für diese Fälle gibt es Buchlisten. Sie sind ein wundervolles Ventil für akuten und chronischen Buchkaufdruck.

Zu Jahresbeginn habe ich mir allerdings tatsächlich eine Buch-Kauf-Diät auferlegt. Wie jede andere Diät ist die Selbstbeschränkung eher ein theoretisches Konzept, das relativ schnell mit der Wirklichkeit kollidiert und meist scheitert. Bislang funktioniert der Verzicht auf das Bücherkaufen überraschend gut.

Buchhandlungen und die Stadtbibliothek meide ich aktuell, außerdem bin ich bei Rezensionsexemplaren sehr zurückhaltend, wobei es ganz hilfreich ist, dass in den aktuelle Frühjahrs- und Herbstprogrammen bislang recht wenige »Muss«-Bücher zu finden waren.

Der wichtigste Grund ist aber ein anderer: Ich will meine begrenzte Zeit jenen Büchern widmen, die ich mir irgendwann aus gutem Grund gekauft habe. Wann immer ich am Regal entlanggehe, würde ich am liebsten gleich mit einem Dutzend Romane anfangen.

Bei den Sachbüchern kommt noch hinzu, dass ein Teil davon zu Recherche-Zwecken angeschafft wurde. Da ich mit meinen »Piratenbrüdern« bald fertig sein werde, steht die Entscheidung an, was als nächstes kommt: ein historischer Roman oder der Auftakt zu einer Fantasy-Buchreihe.

Auch für die Fantasy-Reihe brauche ich Literatur zur Anregung zu Themen aus dem Mittelalter, dem Römischen Reich oder über Reisen in lange vergangenen Zeiten.

Schließlich gibt es noch jene Bücher, die ich unbedingt noch einmal lesen und auf meinem Blog vorstellen möchte. In diesem Jahr war es bislang The Lord of the Rings, der unter dem Weihnachtsbaum lag und mir noch einmal vor Augen geführt hat, wie schön doch das Wiederlesen ist.

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