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Kategorie: Buchvorstellung (Seite 22 von 35)

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Eine großartige literarische Annäherung an den flämischen Kollaborateur Willem Verhulst und sein Leben. Ganz nebenbei mein erstes Buch eines in Belgien lebenden Autors. Cover Diogenes, Bild mit Canva erstellt.

Man stelle sich den Kauf eines Hauses vor, die Besichtigung in Gegenwart des Notars, dem das Anwesen gehört; während man von Raum zu Raum schreitet, werden die Erinnerungen an jene geschildert, die dort einmal gewohnt haben – eine Hitler-Büste auf dem Kaminsims? »Was für Leute haben denn hier gewohnt?« Die Frage beantwortet – Jahre später – ein Buch: ein Kollaborateur und Angehöriger der Waffen-SS.

So führt Autor Stefan Hertmans den Leser in seinen Roman Der Aufgang, um diesem Mann nachzuspüren: Willem Verhulst, eine schillernde Figur, in dem sich das Drama ganz Belgiens spiegelt. Früh auf einem Auge erblindet, was ihn zum Außenseiter macht, zugleich aber vor einem Fronteinsatz während des Ersten Weltkrieges bewahrt; in den Kriegsjahren beginnt seine Liaison mit Deutschland, die bis zum Ende seines Lebens im Jahr 1975 prägend sein wird.

Belgier, könnte ich schreiben, und hätte damit durchaus recht. Formal gesehen war Willem Verhulst Staatsbürger des kleinen Landes, das etwas arg zu kurz kommt, wenn die beiden großen Kriege verhandelt werden, mit denen Deutschland Europa überzogen hat. Frankreich, England, Russland, die Sowjetunion, die USA – aber Belgien? Oft kaum mehr als ein randständiges Durchmarschland in beiden Kriegen.

Schon im Ersten Weltkrieg machen sich Charakteristika des Zweiten bemerkbar: Zwangsarbeit, Gewalttaten gegenüber der Zivilbevölkerung, Kollaboration; und nach der Niederlage des Kaiserreiches Verfolgung und Flucht der Kollaborateure. Einer davon ist Willem Verhulst, der sich selbst eben nicht als Belgier, sondern als Flame sieht und auf ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung hofft. Schon vor 1918, wohlgemerkt.

Immer seltener hält er mit seinen Sympathien für ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung hinterm Berg.

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Nach dem Krieg folgt die Flucht in die Niederlande mit seiner todkranken, verheirateten Geliebten Elsa;  dort lernt er Mientje kennen, die er nach dem Tod Elsas ehelicht und betrügt. Ein notorischer Fremdgänger, der jedoch nicht nur seine Liebschaften, sondern auch seine politischen Ansichten und Aktivitäten vor seiner Frau geheimzuhalten sucht.

Oft steht der Leser gemeinsam mit Mientje vor verschlossener Tür, hinter der widersprüchliche Dinge verhandelt werden. Mal ist es ein jüdisches Ehepaar, das um Hilfe bittet; Willem kennt offenkundig die Frau näher, man ahnt, warum. Mal sind es Wehrmachtsoffiziere, mit denen sich Willem beim Einmarsch der Wehrmacht bespricht, seine Reisen ins Reich, seine Kontakte, Sympathien.

Hertmans nutzt diesen Kniff, um Dinge, die er nicht wissen kann, offenzulassen. Wie Willems Frau braucht der Leser ohnehin keine Details, denn aus den Taten des Kollaborateurs lässt sich genug herauslesen. Mientje ist sein Widerpart, was die politischen Ansichten anbelangt; die kluge, religiöse, pazifistisch eingestellte Frau, die wissbegierig und offen ist, kämpft gegen alles an, was sie an Willems Kollaboration erinnert.

Zuhause untersagt sie ihm das Tragen der Uniform; wirft einen SS-Dolch, den Willem ihrem gemeinsamen Sohn schenkt, mit dem auf der Klinge eingravierten Schriftzug, »Meine Ehre heißt Treue«, in das benachbarte Gewässer; verbrennt deutsche Zeitungen; hält gegenüber allen uniformierten Gästen und dem mit einer Hitler-Büste geschmückten Salon Distanz und nennt diesen Raum treffend »Totenzimmer«. Ändern kann sie damit selbstverständlich wenig.

Diese unschuldige Formulierung ist nur ein dünnes Vlies, das kaum das rohe Fleisch darunter verdeckt.

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Der Aufgang ist kein Roman im eigentlichen Sinne; er vereint fiktionale, berichtende, essayistische Elemente, angereichert mit Bildern ist er auch die Geschichte einer Spurensuche. Hertmans spricht mit den Angehörigen Willems, den Kindern, liest, was an Akten, Briefen, Tagebüchern und Büchern überliefert ist und reflektiert. Bemerkenswert ist, wie die Kindern bis ins hohe Alter Formulierungen verwenden, wenn es um die Karriere ihres Vaters geht, die seine (Un-)Taten verharmlosen.

Ab 1943 dreht der Wind. Willem ist Angriffen, Pöbleien, Spott und Drohungen ausgesetzt; zugleich steht er seitens der Deutschen unter massivem Druck, erleidet Nervenzusammenbrüche, schluckt Pervitin und ist noch diensteifriger. Trotz allem Engagements spürt er die Herablassung seitens der Besatzer, die in ihm und den Flamen letztlich doch nur zweitklassige »Westgermanen« sehen.

Ausgrenzung ist eine Wurzel für Willems Kollaboration, die Herablassung durch die französischsprechenden Bevölkerungsteile Belgiens, das Gefühl, »ein ›Neger‹ im eigenen Land« zu sein. Kurioserweise führte das zum Bruch mit dem Staat Belgien, während die bittere Erkenntnis, ein Flame sei »nie mehr als ein Ersatz- oder Westgermane« seine Loyalität gegenüber Deutschland nicht bricht.

Der Siegeszug stockte bald und die Hölle näherte sich unabwendbar.

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Im September 1944 flieht Willem mit seiner Geliebten Griet Latomme nach Deutschland; Mientje bleibt in Gent, sie und die Kinder werden von »Widerständlern«, einer Rotte gewaltbereiter Männer, heimgesucht. Da der Kollaborateur in Deutschland weilt, ein Aufenthalt, über den Griet gespenstisch geschönte »Erinnerungen« überliefert, bekommen seine Familienangehörigen die aufgestaute Wut ab; Sohn Adri stirbt beinahe.

Was folgt – nun, Geschichte ist nicht gerecht; Gefängnis läutert nicht, sondern radikalisiert, und Menschen ändern sich nur dann, wenn sie einsichtig sind und es wirklich wollen.

Der Aufgang ist ein großartiges Buch, das die widersprüchliche Vielschichtigkeit der historischen Person und ihre Verflechtung mit der Lebenswirklichkeit auch durch die Struktur der Erzählung wiedergibt. Der Autor setzt sich mit der Person Willem Verhulst, aber auch mit der Spurensuche und auf beeindruckend offen-kritische Weise mit sich selbst auseinander. Am Ende bleibt aber – bei allem Verstehen – immer deutlich, wofür Verhulst sich hat einspannen lassen: ein menschenverachtendes Gewaltregime.

Ganz persönlich hat mir Der Aufgang auch deshalb so gut gefallen, weil ich wieder einige Antworten auf die Frage erhalten habe, warum Männer (und Frauen) in fremder Uniform kämpfen. Eine positive Rezension gibt es auch bei Buch-Haltung, die etwas anders akzentuiert ist und den Versuch einer Einordnung unternimmt.

[Rezensionsexemplar]

Stefan Hertmans: Der Aufgang
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Diogenes 2022
Hardcover, Leinen 480 Seiten
ISBN: 978-3-257-07188-7

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt

Ein ganz wunderbares Projekt ist dieser Atlas, trotz der kritischen Aspekte, die ich in meiner Besprechung vorbringe, möchte ich ihn nicht missen. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Was für ein wunderbarer Schmöker! Wer in seiner Schulzeit eine Karten-Phobie erworben hat, sollte dennoch einen Blick wagen. Es wird nicht bei einem bleiben, denn hunderte von Karten laden dazu ein, ausgedehnte Streifzüge durch die Geschichte zu unternehmen.

Die Zusammenstellung ist sehr vielfältig, Christian Grataloup folgt dabei dem Weg der Reduktion, damit die großen, langen Linien nicht von zu vielen Details verstellt werden. So entdeckt der Leser sehr interessante Karten, die einen ganz neuen Blick auf die Geschichte der Welt eröffnen, als handelte es sich um frisch eingefügte Fenster, welche die Sicht auf bislang unbekannte Landschaften freigeben. Neben altbekannten, vertrauten Karten gibt es enorm viel Neues zu entdecken.

Ein schönes Beispiel ist Afrika. Eine Darstellung befasst sich mit der »Sahara, bevor sie Wüste wurde«. Der Leser wird auf die Wandlung der Welt aufmerksam, etwa bei der Darstellung des Tschad-Sees, ihm wird bewusst, wie schnell sich ein ehemals feuchtes Gebiet in eine lebensfeindliche Trockenöde verwandeln kann.

Diesem umwelthistorischen Aspekt folgt eine weitere, die sich mit der Metallgewinnung in Afrika in der Zeit vor Christi Geburt befasst. Solche Karten haben einen hohen Wert, denn sie entreißen jene Gebiete, die lange aus europäischer Sicht »unkultiviert« galten, aus dem Schatten des Vorurteils zugunsten eines differenzierteren Bildes.

Neben solchen Fokus-Karten gibt es welche, die globale Zusammenhänge darstellen. Ein schönes Beispiel ist die Antike, etwa um 200 n. Chr. Gewöhnlich wird auf Karten zu dieser Zeit die größte Ausdehnung des abgebildet, man sieht noch die Germanenstämme oder das Parther-Reich im Osten – nicht aber China und die beide Welten miteinander verbindenden Linien. Diese Lücke schließt Grataloups Atlas.

Wunderbarer Lesebegleiter

Für mich als Leser bietet der Atlas noch eine ganz andere, unschätzbare Möglichkeit, nämlich als Lesebegleiter, der einen schnellen Blick auf eine Karte ermöglicht, die das Lesen erleichtern oder bereichern bzw. eine kurze Orientierung ermöglichen, ohne im Internet suchen zu müssen.

Zwei Beispiele: Éric Vuillards jüngster Roman Ein ehrenvoller Abgang schildert die Zustände in Indochina und die Schlacht um Cao Bang mit ihren verheerenden Folgen für die französischen Kolonialtruppen. Der Atlas von Christian Grataloup bietet eine wunderbare Karte zu diesem Thema, man erhält auf einen Blick einen Eindruck davon, worum es sich bei »Indochina« eigentlich handelt, wie die Machtverhältnisse im Jahr 1950 waren und wo Cao Bang eigentlich liegt.

Sicherlich kann man Vuillards Roman auch ohne genauere Kenntnis der Umstände lesen und verstehen, aber mit dieser vertieft sich das Lesen. Das gilt auch für den brillanten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland von Richard Flanagan, der die fürchterlichen Zustände in einem japanischen Kriegsgefangenenlager in Burma schildert. Dort wird eine Eisenbahn durch den Dschungel getrieben, man kann sich auf der Karte »Die Bahnlinie des Todes« auf einen Blick einen Eindruck über das Wo und Wie verschaffen.

Die Liste dieser Beispiele ließe sich problemlos fortsetzen. Natürlich hat ein Atlas im Gegensatz zum Internet Grenzen, dieser ist im Umfang limitiert, jenes zumindest theoretisch grenzenlos. Dafür folgt Die Geschichte der Welt einem klaren und transparent formulierten Konzept, nämlich die langen Linien der historischen Entwicklung der Menschheit darzulegen, ohne in historischen Details zu ersticken. Das Internet ist naturgemäß in dieser Hinsicht nicht aufgearbeitet und angesichts der wirren Überfülle verheddern sich Streifzüge rasch im dichten Informationsgestrüpp.

Einige kritische Anmerkungen

Allerdings darf man die Auswahl der Karten durchaus kritisch hinterfragen. Frankreich spielt in vielen Fällen eine völlig unangemessene prominente Rolle. So werden die Leser recht ausführlich über die Feldzüge Ludwigs XIV. informiert, während der komplette Dreißigjährige Krieg auf einer einzigen Karte abgefertigt wird. Die ist, bei allem nötigen Respekt, bar jeder Aussagekraft, sie verwirrt eher, als sie irgendetwas erklärt.

Der französische Akzent dieser Weltgeschichte ist in vielen Aspekten spürbar (z.B. bei den Indochina-Karten) und steht im Missverhältnis zu der tatsächlichen Relevanz. Zwar lässt sich die recht ausführliche Schilderung der Französischen Revolution sowie Napoleons durchaus rechtfertigen, nicht jedoch die vielen Karten zur (aus deutscher Sicht) westlichen Front im Ersten Weltkrieg.

Geradezu befremdlich ist eine Karte, die sich der französischen Widerstandsaktionen im Zweiten Weltkrieg annimmt. Einmal ist die tatsächliche Bedeutung von Partisanenbewegungen für den Kriegsverlauf generell fraglich, zweitens stellt sich die Frage, warum Frankreich und nicht etwa die Sowjetunion, Polen, die Ukraine oder die Balkanstaaten ausgewählt wurden, die bezüglich ihrer militärisch-politischen Bedeutung eher Beachtung verdienten.

Dieses Ungleichgewicht treibt Blüten bei jener Karte, die sich mit »Afrika im Zweiten Weltkrieg (1940 – 1945)« befasst, was allein wegen der genannten Zeitspanne befremdet, dann nach Mai 1943 befanden sich keine Achsenmächte mehr auf afrikanischem Boden; vor allem ist die große Karte auf Nordafrika beschränkt, die viel interessantere und weitgehend ignorierte personelle Beteiligung von Kolonialtruppen am Krieg bleibt ungenannt.

Grotesk ist, dass Grataloup zwei vernachlässigenswerte Operationen freifranzösischer Truppen eigens aufführt, darunter das Scharmützelchen bei Bir Hakeim. In einem Atlas, der sich mit großen weltgeschichtlichen Linien auseinandersetzt, hat das nun gar nichts zu suchen. Frankreich war nach 1940 militärisch zweitrangig und blieb es defacto bis zum Kriegsende; eine Karte, die über die Kollaboration in Europa während dieser Zeit informiert, wäre für die Nation vermutlich wenig schmeichelhaft.

Unangemessene Begrifflichkeit

Es verwundert, dass noch immer von „polnischen Teilungen“ die Rede ist; die »Teilungen Polens« wäre der korrekte Begriff, denn er unterstreicht, dass der vernichtete Staat das Opfer war. Es wäre zudem wünschenswert gewesen, in diesem Zusammenhang auf die vierte Teilung 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt zu verweisen, entweder durch eine Brechung der Zeitfolge oder einen Verweis auf die entsprechende Karte im Buch.

In Bezug auf die Krim wird eine haarsträubend tendenziöse Formulierung gebraucht. Die Karte ist allen Ernstes mit „Die russisch-ukrainische Krise“ überschrieben, in der Legende heißt es wörtlich „Neue russisch-ukrainische Grenze“. Der Hinweis im Text, dass der Annexion der Krim durch Russland eine „international nicht anerkannte Volksabstimmung“ vorangegangen sei, ist irreführend: Vorausgegangen war eine militärische Angriffsoperation und Besetzung der Krim und damit ein eklatanter Rechtsbruch.

Solche sprachlichen Regelungen trüben den sehr positiven Gesamteindruck des Atlas. Daher sei hier ein Hinweis gestattet: Karten bilden nie so etwas wie Wirklichkeit oder gar Wahrheit ab, sondern immer eine Interpretation, eine Weltsicht. Kritische Lektüre ist immer nötig – aber mündige Leser werden durch einen Atlas wie diesen auch dazu angeregt.

[Rezensionsexemplar]

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas
Aus dem Französischen von Martin Bayer, Katja Hald, Anja Lerz, Reiner Pfleiderer und Albrecht Schreiber
C.H. Beck 2022
Gebunden 642 Seiten
ISBN: 978-3-406-77345-7

Djaimilia Pereira De Almeida: Seebeben

Der Krieg schlägt einen langen Schatten und lässt auch nach dem letzten Schuss diejenigen nicht ruhen, die ihn mitgemacht haben. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Der Krieg kommt kaum vor und bestimmt doch alles in dem Roman Seebeben von Djaimilia Pereira De Almeida. Er hat die Hauptfigur namens Boa Morte – »Guter Tod« – in eine Randexistenz verwandelt, hat ihn schuldbeladen ausgespuckt und ans Ufer Portugals geworfen, wo er für den Rest seiner Tage ein geduldetes, wirtschaftlich und psychisch prekäres Leben führt.

Nur ganz wenige Sätze über den Krieg streut die Autorin ein, doch das reicht, um die Last der Schuldgefühle zu ermessen, deren Bewältigung aussichtslos erscheint. Der Kamerad, der durch Boas Feigheit stirbt, die unerträgliche Gewissheit, als Schwarzer andere Schwarze im Namen einer europäischen Macht getötet zu haben; die schiere Zahl der Toten, das durch die eigenen Hände vergossene Blut.

Doch seine Schuld reicht noch viel tiefer. Boa Morte hegte den Traum, Portugiese zu sein; seine Frau bezichtigte ihn, einem Irrtum aufzusitzen. Seine Reaktion besteht in Gewalt, was ihn später dazu bringt, in sich ein Raubtier zu vermuten, eine Hyäne. Er wähnt diese eingesperrt, doch da ist es längst zu spät. Seine Frau ist weg, seine Tochter Aurora auch.

Dein Problem ist, dass du dich auf einem Irrweg befindest, Boa Morte, du wirst nie Portugiese sein, die Weißen haben dich benutzt, so wie sie unsere Landsleute benutzt haben.

Djaimilia Pereira De Almeida: Seebeben

Seebeben handelt davon, wie Boa Morte versucht, trotz des Grauens in jenem Land zu überleben, zu dem er gehören wollte, aber – wie von seiner Frau vorhergesagt – nicht dazugehören kann. Es ist nicht nur die Hautfarbe, es ist nicht nur die Undankbarkeit des Staates gegenüber seinen ehemaligen Kombattanten, die nach dem – verlorenen – Krieg nur noch eine Last sind, wie alle Soldaten in allen Ländern nach allen verlorenen Kriegen.

Die Zerstörungen in seinem Innern, zu dem sich körperliche Gebrechen gesellen, lassen ihn gestaltlos werden. Als ihn das Schiff am Kai abgesetzt hatte, besaß er nur die wenigen Lumpen am Leib, die um einen zerrütteten Körper flatterten; erst durch das Schreiben von Briefen an seine Tochter Aurora glaubt Boa, wieder an Gestalt zu gewinnen, eine Person zu sein, zu leben.

Das Schreiben ist auch eine Flucht vor dem Schlaf, den ihm ein nicht abreißendes Band von Kriegsbildern zur Hölle werden lassen. Ein großer Teil des Romans wird aus der Ich-Perspektive erzählt, wenn Boa seiner Tochter aus seinem Leben berichtet, dabei oft Faden und Form verliert. Boas Schilderungen gehen in freie Assoziationen über, die bei aller Düsternis manchmal auch eine lichte Heiterkeit ausstrahlen.

Vielen Äußerungen merkt man die schiere Verzweiflung der Hauptfigur an, wenn diese etwa postuliert, Heimat wäre jenes Land, in dem ein Mann seinen Boden bestelle und für das er töten würde. Boa, der in einem Garten mit anderen Lebensmittel anbaut und dabei ein gewisses Glück erlebt, errichtet mit solchen Worten eine Schein-Heimat, die eben keine ist. Manchmal bricht die Sehnsucht nach seinem Herkunftsland durch, Angola, eine Maniok-Region; jene typischen Kindheitserinnerungen im Alter.

Meine Freundin wirkt wie eine Frau aus einem anderen Jahrhundert, die vergessen hat zu sterben.

Djaimilia Pereira De Almeida: Seebeben

Seine Gegenwart machen Jardel, eine ihm zugelaufene Flohschleuder, und seine »Freundin« Fatinha erträglich. Doch ist die junge Frau ganz ohne Krieg zerstört. Sie lebt auf der Straße, Alkohol hat ihren Geist und Körper zerrüttet und sie in einen Menschen verwandelt, der andere mit Ekel und Abscheu begegnen. Boa Morte kümmert sich; auch hier regiert die Tragik, denn seine Freundin lebt in einer anderen Welt.

Was mir an dem Roman besonders gut gefallen hat, ist die vielschichtige Gestaltung der Hauptfigur, ihre Selbstbeobachtungen. Neben den bereits geschilderten ist er sich darüber im Klaren, dass es keinen »Ex-Kombattanten« gibt, mit all jenen haarsträubenden Folgerungen, die sich aus dieser Erkenntnis ergeben. Trotz aller Aussichtslosigkeit beharrt er auf seinem Stolz; er fordert seine Tochter auf, »niemals, niemals, niemals Mitleid« mit ihrem Vater zu haben.

Seebeben ist ein kurzer, aber mächtiger Roman, der den Leser durchrüttelt und ihm noch einmal vor Augen führt, dass Kriege nicht enden, wenn die Waffen ruhen; für viele Teilnehmer wüten sie bis ans Lebensende und darüber hinaus, wenn die Schrecken an die nächste Generation vererbt werden.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Djaimilia Pereira de Almeida
aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
Unionsverlag 2023
Gebunden 160 Seiten
ISBN 978-3-293-00595-2

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

Der Putschversuch Adolf Hitlers am 08. / 09. November 1923 bildete den nach außen sichtbaren Teil einer umfassenden Rechtsverschwörung gegen die Republik. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal lassen sich die Dinge auf einen einfachen Nenner bringen. »Der Hitler-Putsch war keineswegs nur Hitlers Putsch.« Nach der Lektüre dieses wunderbaren Buches kann man dem nur nachdrücklich zustimmen. Wolfgang Niess legt in seinem spannenden und auch für Laien gut lesbaren Buch Der Hitlerputsch 1923 dar, was für eine umfangreiche, rechte Verschwörung die strauchelnden Republik von Weimar im vierten Jahr ihrer Existenz bedrohte.

Schule und Studium haben bei mir einen etwas anderen Eindruck hinterlassen. Kapp-Lüttwitz-Putsch und Hitler-Putsch sind für mich über lange Jahre eher Randerscheinungen gewesen, die man getrost vernachlässigen konnte. Mehr oder weniger dilettantische Versuche, die noch junge Demokratie auf rabiate Weise in eine Diktatur zu verwandeln. Auch der Mord an Persönlichkeiten wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau gehörten eher in die Rubrik folgenloses Aufbegehren Ewiggestriger.

Ein Irrtum.

Schon 1922 hatte sich eine umfangreiche Verschwörung formiert, die keineswegs aus einer kleinen Schar rückwärtsgewandter Allmachtsträumer bestand. Allein die Organisation Consul bzw. Wiking des Putschisten Herrmann Ehrhardt hätte zehntausende Kämpfer mobilisieren können, hinzu kamen die Alldeutschen, der Bund der Frontsoldaten und der Stahlhelm. In Bayern gab es einen ganzen Strauß an Wehrverbänden, national, monarchistisch, völkisch, nationalistisch und eben auch Hitlers Kampfverbände.

Den Überblick zu behalten, ist nicht einfach, allein wegen der vielfachen Umbenennung, Zusammenlegungen, Trennungen. Natürlich spielten Kriegsveteranen eine zentrale Rolle in allen diesen Verbänden, ebenso die zahllosen Freikorps, die nach dem Krieg eine halbreguläre Parallelarmee neben der Reichswehr bildeten. In den Kämpfen nach innen gegen tatsächliche und erfundene kommunistische Gegner, aber auch nach außen gegen die Rote Armee, Polen usw.

Von Hitler war im Oktober 1923 wenig zu hören. In dieser Zeit wurde das Spiel von anderen bestimmt.

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

Hitler hat in diesem rechten, antidemokratischen und gewalttägigen Mahlstrom keineswegs die erste Geige gespielt, auch wenn die Nationalsozialisten nach 1933 eifrig an diesem Bild arbeiteten, während die hauptsächlichen Verschwörerkreise und ihre Unterstützer in den Institutionen und der Gesellschaft nach 1923 versuchten, die eigene Verantwortung loszuwerden, indem sie diese auf Hitler abwältzten und sich wegduckten.

Es gehört zu den großen Vorzügen des Buches, die gewaltige Masse des Umsturzeisberges, von dem Hitler bestenfalls die Spitze war, aufzuzeigen. »Auf nach Berlin!« war im Herbst 1923 keineswegs nur Hitlers Motto, es gab weitreichende Pläne, Auf- und Durchmarschabsichten, um »Mussolinis Marsch auf Rom« im Reich nachzuahmen.

Die Hetze gegen die demokratisch gewählte Regierung in Berlin, die mit der explodierenden Inflation und der Ruhrbesetzung zu kämpfen hatte und über Monate an einem Abgrund entlangtänzelte, war ungeheuerlich. Ausgerechnet jemanden wie Reichskanzler Stresemann als Teil einer »sozialistischen Judenregierung von Landesverrätern« zu diffamieren, ist infamer Hohn, allein dazu gedacht, brutalste Gewaltmaßnahmen zu rechtfertigen.

»Auf nach Berlin!«

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

In diesen Aspekten unterschieden sich die Verschwörer kaum, eher in der Frage, wie und unter welchen Bedingungen man den »Marsch auf Berlin!« wagen sollte. Hitler war in diesem Punkt der Ungestüme, der Spieler, der auch mit mäßigen Karten bei hohem Einsatz mitgehen wollte; aber nicht in allen Punkten dilettantisch vorging. Niess stellt einen interessanten Zusammenhang her.

Am 01. Mai 1923 erlitt Hitler schon einmal Schiffbruch mit dem Versuch, sich gegen die Landespolizei und Reichswehr zu stellen. Niess meint, dass er aus dieser Niederlage gelernt und bei seinem Putsch-Versuch im November darauf gesetzt habe, mit von Kahr (Staatskommissar), Gessler (Polizei) und von Lossow (VII. Reichswehrdivision) die für Gelingen oder Scheitern eines Umsturzes entscheidenden Institutionen hinter sich zu bringen.

Hitler wusste wohl genau, dass er gegen die Exekutivkräfte des Reichs chancenlos war, also versuchte er mit einem Manöver aus Gewaltandrohung, Überredung und euphorisierender Propagandarede im Bürgerbräukeller gegenüber den Verantwortlichen die Voraussetzungen für den Erfolg eines Marsches auf Berlin zu schaffen. Der improvisierte Marsch am 09. November diente primär Propagandazwecken und mündete gleichwohl in einem blutigen Fiasko, der Hitler beinahe das Leben gekostet hätte.

Halb Bayern wollte im November 1923, dass der Marsch nach Berlin angetreten wird. Das Schicksal der Republik hing tatsächlich an einem seidenen Faden.

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

Es ist in gewisser Hinsicht faszinierend, wie die rivalisierenden Kräfte um den richtigen Weg miteinander rangen, zu denen auch Reichswehrchef Seeckt und sein Streben nach einer nationalen Diktatur gehörten. In dieser für das Reich dramatischen Situation, in der kurioserweise die Inflation gerade erfolgreich überwunden wurde, wird der Leser von den sich überstürzenden Ereignissen regelrecht mitgerissen.

Der Hitlerputsch 1923 – Geschichte eines Hochverrats geht auch ausführlich auf die ungeheuerlichen Ereignisse nach dem Putsch ein. Die groteske Veranstaltung des Hitlerprozesses endete nicht etwa mit der Todesstrafe oder wenigstens der Ausweisung des hochverräterischen Österreichers (!), sondern mit einer Verurteilung zu milder Festungshaft. Die alles verschleiernde »Aufarbeitung«, die helfenden Hände für den Jahre in der Versenkung verschwindenden Hitler und sein Comeback nach 1928 erlebt der Leser mit einem Schaudern.

Ein kleines Fragezeichen habe ich hinter eine Sache gesetzt: Niess meint, Hitler hätte vor dem Leipziger Staatsgerichtshof statt vor einem bayerischen Gericht abgeurteilt werden müssen, was nach Meinung des Autors zu einer angemesseneren Verhandlung geführt hätte. Angesichts der grotesken Prozesse gegen die Mörder Rathenaus, die in Leipzig verhandelt wurden, darf das bezweifelt werden.

Dieser kleine Einwand mindert den rundum positiven Eindruck des Buches keineswegs. Wolfgang Niess Buch über den Hitlerputsch 1923 ist sehr spannend, informativ und bestens geeignet, sich einhundert Jahre danach an die Republik am Abgrund zu erinnern, in dem sie knapp zehn Jahre später versank.

[Rezensionsexemplar]

Wolfgang Niess:Der Hitlerputsch 1923
C.H.Beck 2023
Gebunden 350 Seiten
mit 30 Abbildungen
ISBN: 978-3-406-79917-4

Maxim Znak: Zekamerone

Buchcover von 'Zekamerone' von Maxim Znak mit orange-schwarzem Design; der Titel 'Zekamerone' und der Autor 'Maxim Znak' sind auf dem Cover hervorgehoben. Das Buch ist eine Kurzrezension der 'edition suhrkamp'.
Gefängnisliteratur gegen das Vergesen der mutigen Demokraten in Belarus: 100 Impressionen aus den Abgründen des politischen Strafsystems unter Lukashenka. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

In der Literatur kommt es manchmal vor, dass der Autor seinen Erzähler bzw. seine Erzählstimme in den Knast versetzt. Günter Grass’ Blechtrommel oder Max Frischs Stiller gehören in diese Kategorie, aber auch Jean-Paul Dubois mit Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Manchmal sitzt der Autor selbst im Gefängnis und schreibt von diesem Ort aus seine Werke. Peter-Paul Zahl wäre ein Beispiel, der sich unter anderem mit dem Hitler-Attentäter Johann Georg Elser befasst hat.

Noch etwas anders geartet liegt der Fall bei Maxim Znak. Zwar verbrachte auch Zahl seine Zeit keineswegs freiwillig hinter Gittern, doch konnte und durfte er schreiben und publizieren. Dem Belarussen Znak ist das verwehrt, hier ist das Schreiben aus dem Knast kein literarisches Mittel oder gar Attitüde, sondern bitterer Ernst. Er ist politischer Gefangener in einem diktatorischen System und sein Zekamerone ist nur realisiert worden, weil die Texte auf Zettelchen aus Gefängnis und Land geschmuggelt wurden.

Maxim Znak ist im Zivilberuf Anwalt und bekannt durch seine Verteidigung von Maria Kalesnikava. Er wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Zekamerone schildert eine ganze Reihe von Impressionen aus der Haft, die dem Leser einen Eindruck davon verschaffen, wie es in der Gefängniswelt von Belarus zugeht. Die kurzen Texte widmen sich alltäglichen Themen, sie zeigen, wie das Regime mit seinen Gegner umgeht, wie es sie drangsaliert, erniedrigt, mit bürokratischer Willkür erstickt und im Albtraum überfüllter Zellen in Unsicherheit vegetieren lässt.

Manchmal wird Znak heiter und bringt den Leser auch zum Lachen. Ein Raureif-Lachen ist es, denn aus den erbärmlichen Umständen der Gefangenschaft kann man sich nicht lösen. Soll man sich nicht. Kaufen und lesen sollte man dieses Büchlein aber, um wenigstens lesend hinter die Kulissen des belarussischen Regimes unter Diktator Lukaschenka zu schauen, wo jene sitzen, die wir im Westen nicht vergessen sollten, die mutigen Bürgerrechtler von Belarus.

Maxim Znak: Zekamerone
Geschichten aus dem Gefängnis
aus dem Russischen von Henriette Reisner und Volker Weichsel
mit einem Nachwort von Valzhyna Mort
Edition Suhrkamp 2023
Taschenbuch 242 Seiten
ISBN: 978-3-518-12804-6

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