Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Buchvorstellung (Seite 34 von 35)

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Eine seltsam stille Dystopie, scharfzüngige und provokante Kritik am Hochschulsystem, ostentativ frauenfeindliche Haltung des Protagonisten. Cover Dumont, Bild mit Canva erstellt.

Michel Houllebecq lenkt in seinem Roman Unterwerfung den Blick des Lesers bewusst auf das Genital seiner Hauptfigur. Es muss ihm klargewesen sein, dass dieser Umstand zu heftigen Reaktionen führen würde. Und tatsächlich sind viele ablehnende Rückmeldungen gleichfalls darauf gerichtet und entsprechend in empörtem, ablehendem Tonfall vorgetragen.

Und dann sind da noch jene Zeitgenossen, die das Buch zwar nicht gelesen haben, vorauseilend jedoch Rassismus und Islamophobie wittern. »Ist dieses Buch rassistisch? Ich habe es nicht gelesen, aber die Beschreibung erscheint mir sehr islamophob.« (Im Deutschen bisweilen auch mit islamfeindlich synonym gebraucht.)

Est-ce livre raciste? Je l’ai pas lu, mais la description se sent très islamophobe!

Goodreads


Wenn noch etwas darüber hinaus mokiert wird, dann die philosophischen »Abschweifungen«, die als Sumpf empfunden werden, in denen der Leser stecken bliebe und vor Langeweile umkäme. Diese Empfindung lässt sich nachvollziehen. Allerdings wirkt dieser Umstand vom Autor bewusst konstruiert, denn der Protagonist äußert sich maniriert und selbstgefällig, mit der intellektuelle Spitzmündigkeit des Hochschullehrers.

Unter diesen inhaltlichen Schichten (und noch einigen anderen) liegen die Bomben versteckt, die im Laufe der – sich nicht gerade überstürzenden – Handlung peu á peu hochgehen. Tatsächlich nimmt Houellebecq so viele Ziele aufs Korn, dass es wundert, wie oberflächlich die Kritik an dem Buch bisweilen bleibt. Und nein: der von vielen beschworene kulturelle Clash zwischen Islam und Christentum steht eigentlich nicht im Zentrum.

Ostentative Frauenfeindlichkeit

Die Frauenfeindlichkeit der Hauptperson, des Professors François, ist derart offensiv dargestellt, dass man sie eher für ein provokatives Aushängeschild halten kann, dessen grelle Lichter das eigentliche Thema bei flüchtiger oder wutentbrannter Lektüre überstrahlen. Ohne Frage ist der Protagonist eine fürchterliche Figur, dessen emotionales und soziales Scheitern durch seinen bequemen Posten und Sex wattiert ist.

Houellebecqs Held weiß um die eigene Bedeutungslosigkeit, auch die seines Faches bzw. des gesamten geisteswissenschaftlichen Apparates, der – im Gegensatz zu anderen Fachtrichtungen – nach Ansicht François´ nur zum Selbsterhalt existiere. Starke Worte, die in diesem Segment bestimmt außerordentlich gern gehört bzw. gelesen werden.

Gutbezahlt bei geringem Arbeitsaufwand, den Job wie ein degenerierter Adeliger vor allem als Jagdgrund auf Studentinnen nutzend, die sich nach einem Semester turnusmäßig verabschieden: Die Geisteswissenschaften, die sich gern als Schild von Kultur, demokratischen Errungenschaften und Hort aufgeklärten Fortschritts empfinden, treten dem Leser in einer heruntergekommenen, sich selbst karikierenden Figur entgegen.

Der aber äußerst in seinem selbstgefälligen Tonfall ebenso scharfäugige wie unangenehme Beobachtungen:

Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderst Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden war. Der Intellektuelle in Frankreich musste nie verantwortlich sein; das lag nicht in seinem Wesen.

Michel Houellebecq: Unterwerfung


Das eigentlich Thema von Unterwerfung ist aber der extrem dünne Firnis der westlichen, säkularen, aufgeklärten, demokratischen Kultur, die so vielen so selbstverständlich erscheint und während weniger Monate wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt und sich regelrecht auflöst. Angesichts der schonungslos vorgeführten Schwäche ihrer selbsternannten Verteidiger erscheint das nicht abwegig.

Für einige Augenblicke glaubt der Leser, der Roman könnte in ein wildes, umstürzlerisches Chaos abgleiten, doch diese Dystopie bleibt seltsam still. Und stürzt doch alles um. Wirklich alles, einschließlich des Selbstverständnisses vieler Leser.

Michel Houellebecq: Unterwerfung
Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek
Dumont 2015
Hardcover 272 Seiten
ISBN: 978-3-8321-9795-7

John Truby: The Anatomy of Story

Ich hätte es ungern früher in die Hände bekommen. Es ist das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt. Anatomy of Story von John Truby hat meine Sicht auf Texte und mein Schreiben beeinflusst und verbessert. Es gibt eine Zeit vor und nach Truby, das merke ich an meinen eigenen Texten, aber auch an denen, die ich seitdem testgelesen, redigiert und lektoriert habe.

Zu den kuriosen Umständen gehört, wie ich auf Truby gestoßen bin: Ein Youtube-Video zum Thema Game of Thrones, in dem die Charakterentwicklung von John Snow in der letzten Staffel kritisch beleuchtet wurde. Der Ersteller hat Truby zitiert – und dessen Aussage hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Und mich dazu verleitet, seine Anatomy sofort zu kaufen.

Komplexität statt Schlichtheit

Zum Glück habe ich noch gut ein Jahr gewartet, ehe ich mich wirklich darangesetzt habe, es zu lesen, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Voraussetzungen erheblich günstiger, um den vollen Nutzen aus der Lektüre zu ziehen und seinen Nachteilen zu entgehen. Es ist einer jener Momente gewesen, in dem ich mich von Schillers Götterfunken berührt fühlte: von einem Aha-Erlebnis zum nächsten!

Machwerke zum Thema Schreiben gibt es zahlreiche. Die englische Schriftstellerin Hilary Mantel hat einmal – verhalten spöttisch, nehme ich an – gesagt, dass es nie verkehrt wäre, ein Buch darüber zu lesen, wie man etwas macht. Es schade selten. Ihre geniale Cromwell-Trilogie wäre aber niemals entstanden und erst recht nicht in der Form, die sie gewählt hat, wäre sie manchem wohlmeinenden Rat aus Schreibratgebern gefolgt.

But ironically, this intense spotlight on the hero, instead of defending him more clearly, only makes him seem like a one-note marketing tool.

John Truby: Anatomy of Story

Anatomy of Story von John Truby steht für das Gegenteil: Eine extrem dicht gewobene Darstellung von Bestandteilen einer guten Geschichte, die tatsächlich etwas vom analytischen und abstrakten Charakter eines medizinischen Werkes über die menschliche Anatomie hat. An dessen überbordende Komplexität reicht Trubys Buch – glücklicherweise – nicht heran.

Lesen und Schauen

Um wirklich etwas daraus mitnehmen zu können, sollte man sehr viele Bücher gelesen, viele (z.T. sehr alte) Filme gesehen und einige tausend Seiten geschrieben haben. Wer „Tootsie“ nicht kennt, wird aus diesem Buch signifikant weniger herausziehen können, als jemand, der diese brillante, vierzig Jahre alte Komödie kennt. „Casablanca„? „L.A. Confidential„? Anschauen! Dann lesen und nochmals anschauen.

Gilgamesch und Enkidu? Ein einziger, kleiner Hinweis in der Anatomy, aber wer das Epos kennengelernt, also sich durch seine sperrige Form hindurchgefochten und es für sich erschlossen hat, wird diesen kleinen Hinweis nicht einfach überlesen, sondern als Gewinn empfinden: das erste Buddy-Duo der literarischen Weltgeschichte!

The strategy of using the buddy relationship as the foundation of the character web is as old as the story of Gilgamesh and his great friend Enkidu.

John Truby: Anatomy of Story

Eine Gefahr droht: Der Kreative wird zum Erfüllungsgehilfen

Es liegt in der Natur der Herangehensweise, dass eine Anatomie sehr strukturell, abstrakt und formal angelegt ist. Die Gefahr, die sich daraus für den Kreativen ergibt, liegt auf der Hand: Die einzelnen Schritte, die Truby für gutes Erzählen als essentiell hält, abarbeiten und ausfüllen wie eine Formular. Der Urheber als Erfüllungsgehilfe.

Truby selbst weist an vielen Stellen darauf hin, dass man das bitte zu unterlassen habe – doch die verlockende Sogwirkung struktureller Muster ist enorm. Ich war daher sehr froh, dass ich bereits 3.000 und mehr Seiten geschrieben hatte, bevor ich dieses Buch zu Lesen bekam. Das ist eine Art Schutz gewesen, ein dicker Panzer, der es erlaubte, die hilfreiche Wirkung der Anatomy zuzulassen, ohne in formales Schreiben abzugleiten.

Es gibt so viele Bücher, Filme und Serien, die an formalen Erfüllungswahn leiden, ja von ihm zerstört werden. Er bleibt eine vorhersehbare, für den Leser oder Zuschauer erschöpfende Abfolge von einander ähnelnden Erzähllinien angereichert mit absurden Twists. Wer sich an die von Truby vorgeschlagenen Schritte sklavisch hält, kann ebenfalls in diese Falle tappen und sollte sich besser wappnen.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Was für ein Glücksfall: Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz. Cover Klett-Cotta. Bild: Canva.

Reisen ist für gewöhnlich positiv belegt. In Corona-Zeiten hat sich daran (noch) nichts grundlegend geändert. Also könnte ein unbedarfter Leser mit Blick auf den Titel des Buches Der Reisende meinen, einen schönen Sommerroman zu erwerben. Am Strand oder auf Terrassen, in Cafés oder auf dem Hotelbalkon mit Blick auf den Comer See: ein schöner Zeitvertreib.

Doch das Reisen im Roman von Ulrich Alexander Boschwitz ist eine Zwangshandlung, eine Tortur. Die Hauptfigur, Otto Silbermann, fährt mit dem Zug kreuz und quer durch Deutschland – kurz nach den Novemberpogromen 1938. Der Sommer ist fern, das politische Klima im so genannten Dritten Reich bestenfalls neblig-trüb. Zwar ist ein Krieg durch das Münchner Abkommen vorerst abgewendet, den im Reich verbliebenen Juden wird aber die Luft zum Atmen genommen.

Otto Silbermann ist »Jude«.

Oder besser: Silbermann gilt als Jude, denn eigentlich will er keiner sein, wie er während seiner Irrfahrt einmal sehr offen bemerkt. Die Nationalsozialisten haben ihn zum Juden gemacht, ihm diese Identität aufgezwungen, in darauf reduziert. Das ist historisch selbstverständlich völlig korrekt und damit eine (sicherlich verhallende) Warnung für einen leichtfertigen Umgang mit identitärem Denken.

Mein Vater war Arzt, Freimaurer, Deutscher Bürger israelitischer Konfession. Der Finger Hitlers hat ihn auf seine jüdische Identität reduziert.

Alfred Grosser, Vorwort zu John von Dippel: Die Große Illusion

Boschwitz selbst ist frühzeitig aus dem Reich entwichen, zunächst nach Schweden, später nach England. Er hat geschafft, was für die Hauptfigur des Romans unmöglich wird. Der Leser wird unmittelbar mit dem Druck konfrontiert, den der Autor am eigenen Leib erfahren hat. Für die Zurückbleibenden wurde das Leben immer schwerer, denn die Behandlung der Deutschen, die in den Augen des NS-Regimes als Juden galten, verschärfte sich von Jahr zu Jahr.

Dennoch umweht auch die Lebensgeschichte des Autors der Atem der Tragödie. Sein Roman wurde 1939 auf Englisch veröffentlicht, er selbst starb aber schon 1942 durch einen Torpedo, abgefeuert von einem deutschen U-Boot auf das Schiff, das ihn von Australien nach England zurückbringen sollte.

Boschwitz galt als enemy alien – als feindlicher Ausländer.

Wieder wurde ihm eine Identität übergestülpt, wieder wurde er darauf reduziert, wenngleich nur zeitweilig, denn er befand sich zum Zeitpunkt seines Todes auf dem Weg, sich im Rahmen der britischen Streitkräfte dem Kampf gegen den Nationalsozialismus anzuschließen.

Noch ein anderes biographisches Detail ist bemerkenswert. Boschwitz’ Vater fiel im Ersten Weltkrieg, als der Autor 1915 das Licht der Welt erblickte, war er bereits Halbwaise. Sein Vater gehört zu jenen Deutschen jüdischen Glaubens, die sich vor allem als Deutsche empfanden, der wohlhabende Kaufmann hatte auch eine Frau geehelicht, die nicht dem jüdischen Glauben anhing.

Um den Kreis zu schließen: Auch die Figur des Otto Silbermann ist sehr säkular. Er verfügt über ein »arisches« Äußeres, weshalb ihm der Aufenthalt in Deutschland oberflächlich erleichtert wird. Zum literarischen Spiel, das auf realistischen Fundamenten ruht, gehört die Abneigung und Zurückweisung jüdischer Schicksalsgenossen, die den Reisenden – Fliehenden als Juden entlarven.

Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet.

Ulrich alexander Boschwitz, Der Reisende

Mich hat das Buch restlos begeistert. Ich bin voller Bewunderung über die sprachliche Souveränität des Autors, die ein Echo der Fabulierkunst vor 1945 ist. Das Thema ist unangenehm, viele Begegnungen und Begebenheit sind es. In der Figur des Otto Silbermann spiegelt sich die Entwurzelung jener, die sich als Deutsche begriffen und von dem NS-Regime zu Juden gemacht wurden.

Der Roman fesselt den Leser, zieht in mitten hinein in die Welt der ausgehenden 1930er Jahre, als der Holocaust noch undenbar schient, er verstört und macht nachdenklich. Die Grenzen sind für Silbermann und seine Schicksalsgenossen schon gesperrt, ein Umstand der unsere Gegenwart und Zukunft ebenfalls bestimmt.

Der Stolperstein für den tragisch verstorbenen Autor.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende
Hrsg. von Peter Graf
Klett-Kotta 2021
TB 304 Seiten
ISBN: 978-3-608-98154-4

John le Carré: Der Nachtmanager

Die Romane von John le Carré vereinen Tiefgang mit Thriller und sprachlich hohem Niveau. So auch dieser. Cover List-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Romane von John le Carré haben (oft) kein Happy-End. Wenn ein totales Desaster vermieden worden ist, hat der Leser einen blutigen Sumpf aus Verschwörungen, Machtkämpfen und üblen Folgen für einzelne Beteiligte hinter sich. Keine Kleine Nacht-Musik, eher Gustav Mahler.

Es gibt für den Roman Der Nachtmanager eine ganze Reihe von Zugängen für interessierte Leser, aber auch Hindernisse, vor allem die hohe literarische Qualität. Die schlägt sich nicht nur in tollen sprachlichen Bildern und einem sehr solide geschmiedeten Plot nieder, sondern auch in mehreren Ebenen, auf denen sich die Erzählung entwickelt. Und – soviel darf man sagen, ohne zu spoilern – auch verwickelt.

Die Hauptfigur, Jonathan Pine, die zu Beginn als Nachtmanager eines gehobenen Hotels in das Leben des Lesers tritt, ist nicht immer im Blick, ganz im Gegenteil. Fern von Pine, geographisch, sozial und bezüglich der Macht, geraten Menschen und Apparate in Gang und beeinflussen zum Teil unheilvoll den Gang des Geschehens, das in einem lebensgefährlichen Geheimauftrag besteht.

Der Protagonist ist nur eine Wolke in der äußerst vielschichtigen Atmosphäre.

Wer so etwas mag, sich darauf einzulassen vermag, dass die Figur des Nachtmanagers zwar weit über das Hotelfach hinausragende Fähigkeiten verfügt, zugleich aber im Gegensatz zu James Bond & Co. sehr verletzlich ist und im Konzert der Stürme, Orkane und Zyklone manchmal ohnmächtig wie ein Nebelfetzen, kommt auf seine Kosten.

Für Thrill ist gesorgt, so viel sei versprochen, bis zur drittletzten Seite. Wenn der Leser die erreicht, hat er eine wilde Jagd durch so unendlich viele ganz unterschiedliche Landschaften (auch politische und moralische) hinter sich, dass sich ein Hauch von Verständnis bildet, warum die Dinge sind, wie sie sind – und sich nur sehr langsam ändern. Oder eben bleiben, wie sie sind.


In seinem Vorwort macht sich der Autor auf seine Weise über den Literaturbetrieb lustig:

In der überschaubaren Welt des Literaturbürokraten muss jeder Schriftsteller seine Schublade haben.

john le Carré: Der Nachtmanager, Vorwort.

Mittlerweile habe ich die Verfilmung des Buches angesehen. Sie ist großartig. Natürlich liegt der Fokus etwas anders, das Publikum hat weniger Zeit für die im Roman subtil ausgeführten Mechanismen der Macht. Entsprechend sind sie gröber, die Drahtzieher unzweifelhaft als intrigante, kalte Technokraten ohne Gewissen dargestellt.

Doch das wird alles überstrahlt von einer brillanten Schauspielleistung, insbesondere der beiden Kontrahenten. Mir ist beim Anschauen erst wieder bewusst geworden, wie geschickt Le Carré Paine und Roper zeichnet, sie haben Schattierungen, sind fern von einfältiger Schwarz-Weiß-Malerei.

Im Gegenteil: Der Nachtmanager, der Roper hasst und aus persönlichen Motiven (und eigenem Versagen) diesem an den Kragen will, mag ihn eben auch und ebenso seine Rolle, die dieser ihm zuweist.

Das ist wunderbar in Szene gesetzt. Die Besetzung ist insgesamt sehr gut gelungen, gerade auch die Helfer Ropers, sind großartig. Tom Hollander zuallererst, aber auch Alistair Petrie. Sie verkörpern ihre Rollen nahezu perfekt. Mit der Besetzung von Elizabeth Debicki als Jemima „Jed“ Marshall bin ich nicht recht warmgeworden.

Alles in allem ist Der Nachtmanager ein doppelter Glücksfall, als Buch und als Film.

John le Carré: Der Nachtmanager
List 2006
TB 560 Seiten
ISBN: 978-3548606293

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale

Ein Historischer Roman, der sich eines wichtigen Themas annimmt: Die Französische Revolution und ihr Abgleiten in den Terror, die Wieder-Versklavung der dunkelhäutige Bevölkerung in der Karibik. Zumutungen sind garantiert. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Dieser Roman hält für den Leser einige Zumutungen bereit. Nach einem sehr langen, recht trägen und ausschweifenden Beginn mündet die Erzählung schließlich in den Wirren der Französischen Revolution. Zunächst ganz klassisch im Mutterland, doch dann verlegt der Erzähler seinen Plot zurück in die Karibik, wo er seinen Anfang genommen hat. Alejo Carpentier bedient sich dabei des Lebens der historischen Figur Victor Hugues und mehrerer fiktiver Protagonisten.

Dabei legt der Autor den Finger in eine der zahlreichen Wunden der Revolution: den Umgang mit den versklavten Afrikanern, die in der auf Europa fixierten Rezeption der Revolution keinen Platz haben. Schon zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buches war es allerhöchste Zeit, sich dem Thema zu widmen, denn trotz der anfänglichen Sklavenbefreiung durch die idealistischen Revolutionäre blieb im Alltag alles beim Alten, wie das Zitat zeigt.

Die Neger waren zu freien Bürgern erklärt worden, aber diejenigen, die man nicht zwangsweise als Soldaten oder Matrosen rekrutiert hatte, beugten von morgens bis abends wie eh und je den Rücken unter der Peitsche ihrer Aufseher, hinter denen sich dazu noch der unerbittliche Azimut der Guillotine abzeichnete.

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale

Explosion in der Kathedrale ist bereits 1962 erschienen und zwei Jahre später ins Deutsche übersetzt worden. Die Sensibilität für rassistisch belegte Begriffe hat sich im deutschsprachigen Raum erst mehr als zehn Jahre später langsam durchgesetzt.

Der heute verwerfliche Gebrauch des Begriffes „Neger“ gehört ebenfalls zu den Zumutungen für den modernen Leser, denn er wird in der Ausgabe, die ich gelesen habe, durchgehend verwendet. Im Spanischen heißt „negro“ einfach: Schwarz(er) und ist dem Vernehmen nach nicht so negativ konnotiert wie „Neger“.

Der Inhalt des Werks ist klar antirassistisch und sehr kritisch gegenüber des brutalen, menschenverachtenden Auswüchsen der Revolution. Außerdem ist er ein Fingerzeig in Richtung der europäischen Aufklärer, die in ihren einflussreichen und für die Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie so wichtigen Arbeiten das Schicksal der Sklaven weitgehend übergingen.

Robbespiere in der Karibik

Der Protagonist Victor Hugues macht in der Karibik freizügig Gebrauch von der Guillotine und verwandelt Guadeloupe in ein Terrorregime. Zugleich führt er den Kaperkrieg ein und tritt damit in die Fußstapfen der Piraten, die in der Karibik 80 Jahre zuvor gewütet hatten. Mit den hehren revolutionären Absichten hat das längst nichts mehr zu tun.

Der Mechanismus der Macht, die aus den Idealen menschenverachtende Unterdrückung werden lässt, wird vom Autor erbarmungslos vorexerziert. Carpentiers Kritik ist beißend. So lässt er seine Hauptfigur seine Schreckenstaten mit folgender Aussage rechtfertigen, eine Haltung, die nicht nur während der Französischen Revolution allzu gern als Relativierung brutalster Grausamkeiten missbraucht wurde.

Ich bin nicht grausam. Ich tue das, was ich tun muß. Das ist nicht dasselbe.

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale

Zu den Zumutungen an den Leser gehört die Sprache. Lange Passagen sind blumig, bildreich und völlig überladen, was den Lesefluss stört und teilweise fast zum Erliegen bringt. Kenntnisse zur Französischen Revolution sind hilfreich, hier wird vieles vorausgesetzt, was für das Verständnis wichtig ist.

Für mich allein aufgrund der Schilderung, wie es den Schwarzen in der Karibik zur Zeit der Französischen Revolution erging, absolut lesenswert, wenn man sich den Mühen unterziehen und den Zumutungen aussetzen will.

Bibliographische Daten zur aktuellen Ausgabe:

Alejo Carpentier: Explosion in der Kathedrale
Aus dem Spanischen von Hermann Stiehl
suhrkamp taschenbuch 5208 2012
Broschur, 332 Seiten, Print on demand
ISBN: 978-3-518-47208-8

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