Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

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Serhiy Zhadan: Internat

Ein großer Roman über die Zeit, als man im Westen noch von Minsk und eingefrorenem Konflikt schwadronierte. Für die Menschen vor Ort war es Krieg. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Der harmlos klingende Buchtitel täuscht. Mit dem Öffnen des Romans Internat von Serhij Zhadan verlässt der Leser seine friedliche Existenz in Mitteleuropa und tritt ein in eine acht lange Jahre weitgehend ignorierte Wirklichkeit im Osten der Ukraine. Auch wenn Orte und Namen, Personen und Uniformen im Ungefähren bleiben, weiß man bald, dass die Erzählung unweit der unruhigen Front zwischen den russischen Truppen mit ihren Verbündeten und den Ukrainern stattfindet.

Muss man erläutern, was seit 2014 im Osten der Ukraine vor sich geht? Ich hoffe, nicht.

Gleich zu Beginn des Romans macht der Leser Bekanntschaft mit Zhadans krautigem Humor sowie seiner Fähigkeit, sehr treffende Bilder zu malen. Manchmal geht das ein bisschen zu weit, die Erzählung trippelt in den ersten Passagen recht dicht entlang der Grenze sprachlicher Selbstverliebtheit. Angesichts der großen Stärken des Romans, ist das aber zu verschmerzen, zumal es auf den Anfang beschränkt bleibt. Im Verlauf entfaltet sich zunehmend ein bestaunenswertes sprachmächtiges Kunstwerk.

Aus der Ferne ähnelt das Krankenhaus einem Ozeanriesen, der ganz langsam, ohne Eile auf den Grund sinkt.

Serhij Zhadan: Internat

Mit der Hauptfigur, Pascha, begibt sich der Leser auf eine Tour durch den Wahnsinn des Frontgebietes in einem Krieg, der keiner sein soll. Es mutet etwas nach Dreißigjährigem Krieg an, denn Freund und Feind sind oft nicht recht zu unterscheiden, während die Hauptfigur versucht, sich zum titelgebenden Internat in der namenlosen Stadt durchzuschlagen. Die Begegnungen auf diesem Weg sind hanebüchen, grotesk, lebensgefährlich und kafkaesk.

Mal wird Pascha von einem wildfremden Mann, der sich als Journalist ausgibt, mitgenommen und gerät an einen Ort, an dem ihm finstere Milizionäre filzen und die Papiere kontrollieren – sie haben, wie alle Waffenträger in dem Gebiet, das Recht des Stärkeren und das tiefsitzende Misstrauen des Frontschweins auf ihrer Seite. Mal eilt der Protagonist mit einer Gruppe, geführt von einem Schlepper, durch die Frontlinie, gerät unter Feuer und irrt inmitten schwarzer Nacht durch die namenlose Stadt, wo sein Ziel liegt.

Pascha will seinen Neffen aus dem Internat holen, ein Vorhaben, das angesichts der Umstände mehr als heikel ist. Immer wieder macht er sich Vorwürfe, nicht schon früher auf die Idee gekommen und aufgebrochen zu sein, denn die Fronten sind in Bewegung geraten. Die eine Seite zieht sich zurück, die anderen rücken nach. Dabei kommt es zu gruseligen Gewaltakten, die nicht explizit beschrieben werden – wozu auch? Wenn Zhadan von dem spricht, was übrig bleibt, reicht es dem Leser vollauf.

Er musste erst hierher geraten, ins Zentrum der Hölle, um zu spüren, wie viel er besaß und wie viel er verloren hat.

Serhij Zhadan: Internat

Zhadan lässt den Leser an der Geschichte seiner Hauptfigur teilhaben. Pascha ist Lehrer, in weiten Rückblenden erfährt man einiges über seinen Weg bis zu diesem Tag, über seine Versuche, sich aus dem Krieg und den politischen Wirren herauszuhalten. Er unterrichtet „die Sprache“, ohne dass bis zum Ende klarwerden würde, ob es sich um Ukrainisch oder Russisch handelt. Die generelle Unschärfe, der sich der Autor bedient, verstärkt das Gefühl der Unwirklichkeit, ein großartiger Kniff des Zhadans, den dieser bis zum Ende konsequent exekutiert.

Apropos Exekution. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft die Hauptfigur, sein Neffe oder irgendwelche Bewaffneten bzw. Zivilisten davon gesprochen haben, dass man ihn, Pascha, erschießen könne / müsse / solle. Angesichts der Umstände, der Toten, Verwundeten, der aggressiven Waffenträger, ist das keine leere Drohung, sondern eine ganz reale Möglichkeit, wie der Lebensweg der Hauptfigur jäh enden könnte. Wie ein schwärzlicher Nebel umwallt die stete Gefahr eines gewaltsamen Todes aus dem Nichts heraus die gesamte Handlung.

Noch einmal sei darauf verwiesen, dass der Inhalt des Romans auf die Zeit vor Putins Vernichtungskries in der Ukraine zurückgeht. Hier ist die Rede von dem, was im Westen Europas vielstimmig als stabiler Waffenstillstand bezeichnet wurde und von eifrigen salonlinken Briefeschreibern als wünschenswerter Zustand nach Friedensgesprächen bezeichnet wird. Frieden würden wohl nur ihre realitätsfernen Ideologenseelen gewinnen.

Er würde sich gerne hinsetzen und ausruhen, niemanden sehen, niemanden hören, alle diese Laute und Gerüche vergessen, den Bahnhof, den Bus, die kaputte Straße, die Mondlandschaften hinter dem Fenster, die unseligen Wanderer, die durch die Januarfelder stapfen, den schwarzen, zerschossenen Wald, die dunklen Häuser, die verängstigten Stimmen, die Fenster, hinter es kein Leben gibt, die Straßenkreuzungen, hinter denen überall der Tod auf dich lauern kann. Das alles hat sich in ihm festgesetzt wie Blei.

Serhij Zhadan: Internat

Die Personen in Zhadans Roman werden dagegen durch sehr reale, apokalyptische Verhältnisse getrieben, die an einen Endzeitfilm gemahnen. Unsicherheit, Hunger, Kälte und Furcht, vor allem aber Ohnmacht sind ihre ständigen Begleiter; sie rumpeln und grollen wie der ferne Artilleriedonner, klirren wie die Ketten der Panzer und knallen, knattern, bellen wie das Kleinwaffenfeuer, das durch die Straßen der Städte hallt.

Ein sehr eindrücklicher Roman des ukrainischen Schriftstellers, der dankenswerterweise mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Man wünscht dem Roman Internat viele Leser, keineswegs nur wegen des Krieges, aber auch. Große Leseempfehlung.

Serhij Zhadan: Internat
aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot
Suhrkamp 2018
Gebunden 300 Seiten
ISNB: 978-3-518-42805-4

Deutsche im Indochina-Krieg

Einige Impressionen zu diesem Thema. Man beachte die Fahrräder auf dem linken oberen Bild, sie waren im Indochina-Krieg Frankreichs kriegsentscheidend. Recht unten Soldaten der Waffen-SS, in der Mitte Fallschirmjäger in Indochina. Cover jeweiliger Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Tausende Deutsche haben in Indochina gegen den Vietminh gekämpft. Während der amerikanische Vietnamkrieg gut dokumentiert und vielfach in Romanen und Filmen erzählt worden ist, gibt es recht wenig über den französischen, gar nicht zu reden von der deutschen Beteiligung.

Als ich ein Kind war und in einem kleinen Dorf lebte, ging über einen Außenseiter das Gerücht um, er wäre »bei der SS« gewesen und in »Indochina«. Ich wusste bereits, welcher Landstrich sich hinter dem Namen Indochina verbirgt und wo der weiteste Vormarsch der Wehrmacht endete – es musste also Nonsens sein, was man sich erzählte.

Letztlich ist es ein einziger Satz in dem Roman Der stille Amerikaner von Graham Green  gewesen, der mich eines Besseren belehrte, mindestens zehn, vielleicht fünfzehn Jahre später. Der Erzähler ist in Indochina mit einem Boot an der Front unterwegs, man überquert ein Gewässer, jeden Augenblick in Gefahr, vom Vietminh attackiert zu werden. (In der hervorragenden Verfilmung mit Michael Caine bleibt dieses Motiv übrigens unerwähnt.)

»Ich hörte, wie hinter mir jemand mit feierlichem Ernst auf deutsch sagte »Gott sei dank«. Abgesehen vom Leutnant bestand fast die ganze Gruppe aus Deutschen.«

Graham Green: Der Stille Amerikaner

Es ist die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Frankreich versucht, seine zwischenzeitlich von den Japanern besetzten Kolonien in Asien zurückzuerobern. Der Indochina-Krieg, der erste oder – wenn man die japanische Besatzung miteinrechnet – der zweite, in jedem Fall die verhängnisvolle Ouvertüre zum amerikanisch Vietnam-Desaster. Er wurde von französischen Truppen, der Kolonialarmee und der Fremdenlegion ausgefochten. In deren Reihen kämpften tausende Deutsche.

Es war also möglicherweise keine Lüge, die mir aufgetischt worden ist. Es wäre durchaus denkbar, dass dieser Mann während des Zweiten Weltkrieges bei der Waffen SS gedient und sich nach Kriegsende in der Fremdenlegion Frankreichs verdingt hat. Über die genaueren Umstände weiß ich mittlerweile einiges, wenn die Informationen auch unbefriedigend und unzureichend sind.

Ein für mich faszinierender Umstand, dass Kriegsgegner plötzlich Seite an Seite kämpften, fern von Europa, fern von der Heimat. Seither habe ich immer wieder Bücher gelesen, um ein Bild von jenen zu bekommen, die in der Fremdenlegion gekämpft haben. L´ennemie util – der nützliche Feind (Bericht im Der Spiegel), wie ein französisches Buch zu diesem Thema heißt.

Das Engagement von Deutschen in der Fremdenlegion ist auch insofern interessant, weil während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS kämpften. Manche davon gehörten zu den letzten Verteidigern in Berlin 1945, es gehört zur Ironie von Geschichte, dass sie ausgerechnet am Belle-Alliance-Platz kämpften, jenem Ort, der an Napoleons finale Niederlage gedenkt.

Die Dokumentation ist auf Französisch, allerdings mit englischen Untertiteln.

Warum haben sie für den jeweils anderen gekämpft? Nicht nur die Franzosen für die Wehrmacht und die Deutschen für die Legion, sondern hunderttausende, ja Millionen  Europäer? Was motiviert jemanden dazu, eine »fremde« Uniform anzuziehen und mit der Waffe in der Hand ins  Feld zu ziehen?

Die Antworten sind vielfältig, absonderlich und klingen oft nach einer Ausrede – kann  man ernsthaft in der Wehrmacht gedient haben und behaupten, man  habe es für die Zukunft der eigenen Kinder getan? So hat es ein Veteran in der obigen Dokumentation geäußert. Vielleicht wollten einige auch schlicht etwas vom Kuchen abhaben, den die Wehrmacht erobert hatte; zu den Siegern gehören.

Sicher steckten in vielen Fällen auch ganz individuelle Gründe dahinter, etwa Abenteuerlust oder das Bedürfnis, aus engen Verhältnissen auszubrechen. Manchmal auch existenzielle, wenn etwa Ukrainer, Letten, Litauer usw. als Kriegsgefangene vor der Wahl standen, zu verhungern oder sich als Hiwi verdingen.

Und wie steht es mit den Deutschen in Indochina? Im Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es einen bezeichnenden Dialog.

»Aber was tun Sie eigentlich in Indochina?«
»Ich kämpfe wie Sie.«
»Aber Sie sind doch Deutscher.«
»Na und? Sie sind ebenso wenig Indochinese wie ich, soweit ich das beurteilen kann. Sie führen Krieg und ich führe Krieg. Kann man etwas anderes tun, wenn man nur das gelernt hat? […] Alle Leute, die ich in Deutschland kannte, sind  in einer Nacht umgekommen. Die Orte, in denen ich gelebt habe, sind in derselben Nacht ausradiert worden. […]«
»Sie wollen mir doch wohl  nicht  erzählen, Sie seien  ein unschuldiges Opfer des  Krieges. Die größten Sauereien haben  doch Sie begangen, oder etwa nicht?«
»Ich bin  kein  Opfer, Monsieur Salagnon. Deshalb bin ich in Indochina  und nicht Buchhalter in einem wiederaufgebauten Büro in Frankfurt. Ich habe vor, mein Leben als Sieger zu beenden.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des krieges

Ein wenig Remarque, jene Generation, die nichts anderes als das Kämpfen gelernt hat und nicht in ein ziviles Leben zurückkehren kann, allerdings im Schatten von Holocaust und Vernichtungskrieg. Mit dem Sieg wurde es nichts, am Ende standen eine vernichtende Niederlage bei Dien Bien Phu, Kriegsgefangenschaft und Tod.

Die Deutschen in französischen Kriegsdiensten sind eine Art Echo auf die Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Wafen-SS, sie haben am Vernichtungskrieg mitgewirkt und – wie im Roman von Jenni zu lesen – ihre Erfahrungen in Indochina einfließen lassen: zum Beispiel bei brutalen Verhören. Die Franzosen haben davon gelernt, es adaptiert und selbst Hand angelegt, ihre eigene Version dieser »Kunst des Krieges« gepflegt.

Die Kunst des Krieges ändert sich nicht.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Was ist eigentlich Indochina? Eine historisch-geographische Bezeichnung, die nur noch in der Erinnerung existiert, wie etwa Burgund, überlagert von nachfolgenden Ereignissen. In dem genialen Spielfilm Apokalypse Now wurden jene Szenen herausgeschnitten, in denen der Protagonist auf seiner Flussreise in den Irrsinn auf eine Enklave trifft, umnebelt von der Zeit, in der noch Kolonialfranzosen ausharren. In der Redux-Version kann man sie sich ansehen.

Ihr Schicksal ist überlagert von jenem, das danach folgte, jener amerikanische Krieg in Vietnam, als Indochina nicht mehr war, als ein historisches Gespenst auf der Flucht aus der Erinnerung. Immerhin wird der französische Indochinakrieg in manchen ausführlichen Dokumentationen noch erwähnt, ein Vorspiel, das aus französisch-kolonialer Sicht eher ein Nachspiel gewesen ist. Oder im Rahmen der blutigen Dekolonisation ein Auftakt.

Ursprünglich auf arte.tv ausgestrahlt, die amerikanische Dokumentation über den Vietnam-Krieg. Der Indochina-Krieg Frankreichs wird auch thematisiert, mit Fokus auf der Unterstützung durch die USA.

Während es zahlreiche Bücher und Filme über den amerikanischen Vietnamkrieg gibt, sind die Erwähnungen des französischen rar, die deutsche Beteiligung daran noch rarer. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum mich der Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni so angesprochen hat, denn in diesem brillanten Roman ist das ein bemerkenswertes Motiv. Der Deutsche stirbt nach der Kesselschlacht von Dien Bien Phu in einem Gefangenenlager des Vietminh.

Jenni greift in seinem  Roman aber weiter aus, die erzählten Linien jenes Teils, der von der Vergangenheit berichtet, reichen bis in den Zweiten Weltkrieg, als Frankreich besetzt war; in Indochina war es wiederum der Besatzer, wie auch in Algerien, dem Schlussakt jenes zwanzig Jahre währenden Krieges, in den Frankreich verwickelt war, ehe es sich geschlagen, gedemütigt und mit Schuld beladen zurückgezogen hat.

Graham Green: Der stille Amerikaner. dtv 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-13129-2
Karl Marlantes: Matterhorn. Heyne Verlag 672 Seiten.
ISBN: 978-3-045-367657-2
Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Luchterhand HC 768 Seiten.
ISBN: 978-3 442-74770-2
Pierre Thoumelin: L´ennemi utile. Schneider. 2020
ISBN: 978-1-527-27103-6

Der stille Amerikaner. Regie Phillip Noyce. 2002
Apocalypse Now: Regie Francis Ford Coppola. 1979.
The Vietnam War. Regie Ken Burns und Lynn Novick. 2017.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Der preisgekrönte Roman des Franzosen Alexis Jenni führt uns mitten hinein in den Indochina- und Algerienkrieg, zielt aber auf die Gegenwart Frankreichs. Bild mit Canva erstellt, Cover Luchterhand.

Nein, das ist kein Roman über den Krieg, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Alexis Jenni erzählt von der Gegenwart Frankreichs. Er legt tief in der Geschichte verborgene Wurzeln offen, die bis in die Zeit der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht zurückreichen, und über den Indochina-Krieg und den Algerienkrieg jenes Unheil heraufbeschworen haben, das trotz aktiver Verdrängung nicht verschwunden ist und die Gegenwart prägt.

Koloniale Kriege sind rassistische Kriege. Rassismus spielt eine wichtige Rolle in dem Roman. Jenni nimmt eine sehr pointierte Haltung zur Kategorie Rasse ein, denn er sagt, dass Rasse nur existiere, wenn man davon spreche. Sie sei keine Naturgegebenheit. Viele Motive, die das gegenwärtige Leben und die politische Diskussion prägen, werden in Die französische Kunst des Krieges aufgegriffen und durchdekliniert. Polizeikontrollen etwa, die bei der Auswahl der Kontrollierten auf deren Aussehen zurückgreifen.

In Kolonialkriegen zählt man nicht die Toten der Gegner, denn sie sind weder Tote noch Gegner: Sie sind ein Geländehindernis, das man überwindet, wie spitze Steine, Mangrovenwurzeln oder Mücken. Man zählt sie nicht, weil sie nicht zählen.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Durchdekliniert klingt trocken. Gemeint ist, dass Jenni sich herausnimmt, den Leser ins Detail zu verstricken. Den Schreibstil des Autors prägt eine beeindruckende Beobachtungsgabe, er seziert wie ein Wissenschaftler Dinge und rückt sie in ein neues Licht. Dabei geht er nicht gerade bürgerlich-rücksichtsvoll vor. Der Ich-Erzähler gehört in der bürgerlichen Sozialmoral zu den Versagern, Drückebergern, Arbeits- und Leistungsverweigerern.

In einem für mich sehr unangenehmen Kapitel stößt sich diese Person selbst aus dem wohlsituierten Gesellschaftskreis aus und beginnt einen Sinkflug in die untere soziale Schicht. Ein hübscher literarischer Kniff, denn nur durch das Verlassen der Blase beginnt das nötige Wahrnehmen. Auf seinem Weg kommt er in Kontakt mit einem ehemaligen französischen Offizier der Luftlandetruppen namens Victorien Salagnon. Dieser lehrt ihn die Kunst des Malens, im Gegenzug hört der  Ich-Erzähler die Geschichte des Soldatenlebens an, die Geschichte von zwanzig Jahren Krieg.

Zwanzig Jahre lang folgte ein Krieg auf den anderen, und jeder tilgte die Spuren des vorherigen, die Mörder des einen Krieges tauchten im folgenden unter.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die Französische Kunst des Krieges ist ein fesselnder Roman, der auch auf jene Leser ohne besondere Affinität zu (Kriegs-) Geschichte seinen Reiz ausübt, ihn wie ein Sog erfassen und mitreißen kann. Zumutungen sind Teil des Erzählens, wie jene Passagen, die entlang der Grenze zum Essay oder Bericht verfasst sind, emotionale, wütende Ausbrüche, aber auch detaillierte Beobachtungen und Verfremdungen, einige Male von atemberaubender Klarheit, manchmal auch verstörend.

Jenni hat seinen Roman als Wechselspiel inszeniert. Sieben Kapitel sind mit »Kommentar«, sechs mit  »Roman«  überschrieben. Dass an einer Stelle explizit auf Julius Caesars Commentarii de bello gallico verwiesen und dessen geniales Kommunikationsinstrument der literarischen Lüge, die er auf diese Weise in die Welt gesetzt hat, diskutiert wird, dürfte das kein Zufall sein. Der Autor will etwas mit seinem Werk, wenn auch das Gegenteil von dem, was Caesar (und de Gaulle) vorhatten: enthüllen statt bemänteln.

De Gaulle war der größte Lügner aller Zeiten, aber Romantiker sind nun einmal Lügner.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die sieben Kommentare widmen sich vor allem dem Leben und der Erfahrungswelt des Ich-Erzählers, seinen Eindrücken von der Gesellschaft und die Wahrnehmung und Einordnung der Ereignisse. Eine immer stärkere Rolle spielen Victorien Salagnon, seine Ehefrau, eine Algerien-Französin, und ehemalige Kriegskameraden, die den Krieg, die »koloniale Fäulnis« in die Gegenwart der französischen Republik getragen haben.

Die mit »Roman« überschriebenen Teile erzählen vom Werdegang Salagnons, beginnend im Spätherbst 1943, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war. Zwar wendet sich Salagnon auf Weisung seines Onkels der Resistance zu, doch wird deutlich, dass eine Kriegsteilnahme an deutscher Seite durchaus nicht ausgeschlossen war. Die glorifizierte Resistance umflort ein frostiges Zwielicht. Nicht ohne Grund ist dieser Onkel, der wie ein Gespenst immer wieder auftaucht, am bitteren Ende Teilnehmer des missglückten Staatsstreichs gegen de Gaulle.

Salagnon nimmt an den Kämpfen gegen die Deutschen teil, wie alle Kriegsszenen in dem Roman sind sie von einer eigentümlichen Intensität bei gleichzeitiger Nüchternheit und Distanz geprägt. Heroisch ist wenig bis gar nichts an den Schilderungen, weder 1944/45 noch später, in Indochina oder Algerien. Konservativen Geistern dürften sich die Haare sträuben, Linken die Fußnägel krümmen, denn Jenni verlegt sich nicht auf dumpfbackiges Verteufeln; er seziert, diskutiert und lässt dem Leser Raum zum denken. 

Wir bemühten uns, in den heutigen Problemen die gestrigen zu sehen und sie so zu lösen, wie wir sie damals vergeblich zu lösen versucht haben.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

In einer für mich ganz besonders einprägsamen Szene trifft Salagnon auf einen deutschen Offizier. Zwei Meter trennen sie, und doch eine ganz Welt, denn zwischen ihnen ist Stacheldraht gespannt. Es handelt sich um eine Art prophetischen Stabwechsel zwischen der untergehenden Wehrmacht und den Franzosen – eine Vorausdeutung auf das Unheil, das naht. Das Trennende erweist sich als Augenwischerei.

Frankreich, 1940 in demütigender Weise besiegt, schlüpft wieder in die Rolle der Sieger- und Ordnungsmacht und führt zwei hoffnungslose, brutale, menschenverachtende Kriege in seinem Kolonialreich. Die Deutschen sind zumindest in Indochina mit von der Partie, im Rahmen der Fremdenlegion. Jenni räumt ihnen in seinem Roman etwas Raum ein, bedeutsamen, denn die im Vernichtungskrieg erlernten Terror-Taktiken kommen wieder zur Anwendung – und werden von den Franzosen adaptiert. Der Stabwechsel in der Praxis.

Nicht nur die Techniken, sondern auch die Einteilung der Menschen nach  Rassen, eine Kategorisierung, an der sich der Autor durch seine Personen über die gesamte Handlung hinweg abarbeitet. Der Rassismus ist die wichtigste Quelle von dem, was Jennis Protagonist die »koloniale Fäulnis« nennt, die wie Gülle in das politisch-soziale Erdreich des modernen Frankreich eingesickert ist und es zu vergiften droht.

An einer Stelle fragt der Ich-Erzähler Victorien Salagnon entsetzt, was denn schlimmer sein könne, als Folter. Dieser antwortet, die Menschen in »wir« und »sie« zu unterteilen. Das ist – aus meiner Sicht – eine konsequente Absage an identitäres Denken jeglicher Couleur, das immer damit verbunden ist, anderen eine Identität zuzuschreiben; meist Hand ind Hand mit der Reduktion auf eine (erfundene) Identität.

Die Rasse ist ein Furz der Gesellschaft.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die französische Kunst des Krieges ist ein Fingerzeig, ohne pädagogischen Imperativ, der in weiser Lehrermanier Lösungen bietet. So etwas haben Jennis Figuren nämlich nicht, auch nicht der Ich-Erzähler, dem im Laufe der Erzählung peu á peu die Augen geöffnet werden, der beginnt, sich Zusammenhänge des Begreifens zu konstruieren und seine eigenen, durchaus pointierten und radikalen Vorstellungen entwickelt.  Am Ende findet er sein kleines Glück im Privaten.

Ganz nebenbei ist der Roman auch ein Antikriegsroman, der wie kaum ein anderer deutlich macht, dass Kriege weit über die Waffenruhe hinaus nachwirken. Wie Alexis Jenni es ausdrückt: »Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges
aus dem Französischen von Uli Wittmann
Luchterhand 2012
Hardcover 768 Seiten
ISBN: 978-3442747702

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Die große Uhr ist ein sehr spannender, unterhaltsamer Noir-Thriller aus den 1940er Jahren. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer zu einem Klassiker greift, erwartet Patina. Kenneth Fearings Die große Uhr hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Die Technologie der 1940er Jahre und die an die Zukunft geknüpften, einigermaßen ulkig anmutenden Erwartungen etwa; die Drinks und Rauchwaren immer und überall, vom anfangs aufscheindenden Frauenbild einmal ganz zu schweigen.

Im Fremden schärft sich aber auch immer das Bild der eigenen Gegenwart, als blicke man in einen verzerrten Spiegel, der neben den Unterschieden eben auch Bekanntes wiederkennen lässt. Die Medienkritik, die Fearing übt, lässt sich in vielerlei Hinsicht auf die heutige Zeit übertragen, aber auch seine Sicht der problematischen Seiten einer kapitalistischen Gesellschaft.

Im Kern handelt es sich bei dem Roman aber um einen Noir-Thriller, Spannung gibt es eine Menge, nach einer recht ausführlichen Exposition. Man darf dankbar sein, dass Die große Uhr nicht jene im Übermaß anzutreffende Erzähl-Struktur eines kurzen, dramatischen Häppchens zu Beginn mit nachfolgendem Rückblick aufweist, sondern – klassisch – erzählt. Spannungsjunkies, die schon nach einer halben Seite ihren Kick brauchen, sollten vielleicht besser die Finger von dem Roman lassen.

Ich glaube nicht an eckige Pflöcke in runden Löchern. Der Preis ist zu hoch.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Zwielichtig ist es von Anbeginn an. Die Hauptfigur, George Stroud, lebt in scheinbar wohlsituierten Verhältnissen: Frau, Kind, Job als Chefredakteur einer True-Crime-Zeitschrift, ein eigenes Häuschen in Aussicht. Doch das Selbstgespräch vor dem Spiegel im zweiten Kapitel lässt Abgründe erahnen, die Strouds Leben belasten, privat und beruflich.

Nicht nur Tagträume bilden einen illusorischen Weg aus der als unerträglich empfundenen Realität, der Protagonist ist ein notorischer Fremdgänger. Sein sexuelles Begehren wird ausgerechnet von Pauline Delos geweckt, der Geliebten seines Chefs Earl Janoth, beide landen gemeinsam im Hotelbett und das Drama, das sich von der ersten Seite ankündigt, nimmt seinen Lauf.

Ein jäher Wendepunkt setzt Spiel und Gegenspiel in Gang, das den Leser bis zum Ende in Atem hält. Dank der gelungenen Exposition der Handlung befindet sich George Stroud in einer vertrackten Zwangslage, er muss ein Ermittlungsteam auf sich selbst ansetzen – es ist nicht nur für ihn unheimlich, sein Ego Stück für Stück enthüllt zu sehen. Die gesuchte Person, also er selbst, steht unter Mordverdacht, und so muss Stroud alles tun, um den Fortgang der Suche zu behindern.

(…) stand ich vor dem Janoth-Building, das wie eine unsterbliche Gottheit aus Stein inmitten eines Häuserwaldes aufragt.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Sein eigenes (Fehl-)Verhalten zwingt ihn zu diesem Doppelspiel, er will vermeiden, dass er sein Leben oder seine Familie verliert. Welchen Wert diese hat, angesichts seines Lebenswandels, bleibt offen; er könnte nur um die bequeme bürgerliche Fassade besorgt sein oder aber angesichts des drohenden Verlusts ihre tatsächliche Bedeutung für ihn erkannt haben.

In jedem Fall reicht die Motivation, sich dem lebensgefährlichen Drahtseilakt auszusetzen. Gefahr droht, denn in der vom Takt der »großen Uhr« beherrschten Welt ist ein Menschenleben weniger wert als der ungestörte, reibungslose Fortgang der Maschinen.

Fearing erzählt aus wechselnden Perspektiven, was den Romanfiguren eine gewisse Mehrschichtigkeit  verleiht. So ist der Unternehmer Janoth zwar ein kapitalistischer Geschäftsmann, zugleich aber darauf bedacht, Qualitätsjournalismus in seinen Blättern zu fördern. Durch die Perspektivwechsel kommen außerdem Spiel und Gegenspiel zur Geltung, während die Handlung auf ihr Finale  zustrebt.

Ich kannte das Riskio und den Preis.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Im Hintergrund aber tickt die »große Uhr«, ein Sinnbild für die nimmermüden, allmächtigen Mühlen der kapitalistischen Welt, in der die Menschen gezwungen sind, ihr Leben dem Takt der Uhr anzupassen und nicht – wie es in der amerikanischen Verfassung heißt – nach Glück zu streben. Die Uhr ist aber zugleich ein Symbol der Sterblichkeit, der Tod liegt über der Existenz wie ein mächtiger dunkler Schatten, eine ewige Winternacht. Noir par excellence!

Die große Uhr ist der dritte Band einer Krimi-Reihe des Elsinor-Verlages, die Klassiker der Genres neu auflegt. Herausgegeben wird sie von Martin Compart, der zu dem Roman ein ausführliches Nachwort mit vielen interessanten Informationen zu Autor und Werk sowie Denkanstößen verfasst hat, die der sehr fesselnden und unterhaltsamen Lektüre rückwirkend noch mehr Tiefe verleihen.

Ebenfalls in der Reihe erschienen & besprochen:
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik.
Richard Hallas: Wer verliert gewinnt.


[Rezensionsexemplar; daher Werbung].

Kenneth Fearing: Die große Uhr
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Klappenbroschur 200 Seiten
Elsinor-Verlag 2023
ISBN 978-3-942788-71-7

Bücher 2022

Mein Top-Ten der Bücher, die ich 2022 gelesen oder gehört habe. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt. Alles selbst gekauft.

Soll man? Ja. Also hier sind sie, die Top-Ten meines Lesejahres 2022.

Die beiden Romane von Padura und Jenni habe ich zum zweiten oder dritten Mal gelesen, sie bilden – gemeinsam mit Hilary Mantels Spiegel und Licht – das Best-of-Trio meines Leselebens. Weltliteratur allesamt, einmal Cuba, einmal Frankreich, einmal England. Sie wurden im 21. Jahrhundert geschrieben, gehen jedoch alle drei auf unterschiedlichen Pfaden tief in die Vergangenheit.

Mir ist es wichtig zu betonen, dass es bei der ZehnerAuswahl sowie dem preisgekrönten Top-Trio um eine sehr persönliche handelt. Ehrlich gesagt rechne ich nicht damit, dass jemand anderer in gleicher Weise angesprochen wird. Enttäuschungen sind immer vorprogrammiert, wenn man den Empfehlungen und Jubelrufen anderer folgt; das gehört zum Lesen dazu.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Wolgang Herrndorf: Sand

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Richard Flanagan: Der schmale Pfad ins Hinterland

Gerd Ledig: Vergeltung

Steffen Kopetzky: Propaganda

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Uwe Wittstock: Februar 33

Von allen Buchvorstellungen wurde jene über den französischen Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, Wie später ihre Kinder am häufigsten aufgerufen; recht dicht gefolgt von Steffen Kopetzkys Propaganda und einem Beitrag aus dem letzten Jahr über Ulrich Boschwitz’ Roman Der Reisende. Diese Zahlen sind natürlich relativ, denn die im Jahresverlauf veröffentlichten Buchvorstellungen haben es schwerer, Zugriffe zu generieren.

Bunte Lektüremischung in 2022

Auch in diesem Jahr ist es eine ziemlich bunte Mischung. Mehrere Klassiker habe ich mir gegönnt, ein Vorhaben, das ich weiter verfolgen werde, um Lücken zu schließen oder große Werke noch einmal zu lesen. Apropos Wiederlesen: Das ist ein zweiter Schwerpunkt in diesem Jahr gewesen, mein Regal ist voller guter Bücher, die es wert sind, wenigstens zweimal gelesen zu werden. Sieben waren es 2022, im kommenden Jahr folgen hoffentlich noch mehr.

Elf Bücher würde ich der Sachbuch-Rubrik zuordnen. Ich bin sehr froh darüber, dass diese Formulierung etwas schwammig ist, denn einige der Sachbücher sind sprachlich auf einem derart hohen Niveau, dass manch’ literarisches Werk erblasst. Außerdem gibt es noch jene Grenzgänger, wie die drei Bücher des französischen Autors Eric Vuillard, die sich einer genauen Zuordnung entziehen – ich habe sie der Sachbuch-Rubik zugeordnet. Im nächsten Jahr werden es – auch bedingt durch anstehende Recherchen – wahrscheinlich wieder mehr Sachbücher werden.

Die Mehrheit der Bücher ist auf deutsch verfasst, gefolgt von englischsprachigen Werken, die ich zumeist in der Übersetzung gelesen oder gehört habe. Einige französische und spanische Bücher runden das Bild ab, außerdem stammt ein Buch aus dem Niederländischen und ein weiteres aus dem Russischen.

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