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Schlagwort: Atlas

Christian Grataloup: Geogeschichte

Buchcover von 'Geogeschichte: Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte' von Christian Grataloup, veröffentlicht bei C.H.Beck. Im Hintergrund ist ein mystischer Wald mit Nebel zu sehen. Über dem Bild steht das Zitat: 'Wir leben in Geisterwäldern´.
Mein Lieblingszitat aus dem Buch. Die passende Karte veranschaulicht, wie sehr sich das Gesicht unserer Welt verändert hat. Mensch und Baum standen schon immer in Konkurrenz. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer sich mit Geschichte befasst, stellt unvermeidlich irgendwann die Frage nach einem alternativen Verlauf der Entwicklung. Die Antwort fällt zwangsläufig spekulativ aus, denn so wenig sich die Zukunft in der Gegenwart vorhersagen lässt, so wenig lässt sich die »Zukunft von Gestern« prognostizieren. Zu komplex sind die Entwicklungen, wie Stig Förster in seiner voluminösen Deutschen Militärgeschichte betont. Zur Illustration dessen, was tatsächlich stattfand, und den Folgen, ist ein Gedankenexperiment jedoch gelegentlich hilfreich.

Ein Beispiel findet sich in Christian Grataloups Geogeschichte. Was wäre, wenn das Pferd in Amerika nicht um 30.000 vor Christus ausgestorben wäre? Oder etwas weiter gefasst: Was, wenn nicht alle domestizierten Großsäuger aus Europa, Afrika und Asien (Eufrasien) stammten? Das klingt wenig spektakulär, war für die historische Entwicklung gerade auch der Neuzeit von geradezu dramatischer Bedeutung.

Grataloup zeigt, dass die Abwesenheit von Zug- und Reittieren in den Amerikas tiefgreifende Folgen für die Entwicklung – oder ausbleibende Entwicklung der Regionen hatte. Die Landwirtschaft in Eufrasien war durch Zugtiere intensiviert worden, was eine Zunahme der Bevölkerung nach sich zog. Ohne Wasserbüffel kein intensiver Reisanbau; ohne Pferd und Ochsen kein intensiver Ackerbau; und das Rad wäre – wie in den Amerikas – zwar bekannt gewesen, aber ohne die Bedeutung geblieben, die es tatsächlich hatte.

Wie schnell und hoch effizient diese Großsäuger hätten in die bestehenden Lebensweisen integriert werden können, zeigt sich am Pferd. Als die spanischen Eroberer in Südamerika eintrafen, sorgte der Anblick der Berittenen (neben ihren Feuerwaffen und Rüstungen sowie der taktischen Organisation) für Schockwellen bei den Einheimischen, wie bei Camilla Townsend in Die fünfte Sonne nachgelesen werden kann. Später aber konnten indianische Gemeinschaften Nordamerikas verwilderte Pferde redomeszieren und sowohl für die Jagd als auch Kriegszüge verwenden. Die Frage nach einem alternativen Verlauf der Geschichte zeigt vor allem, was in der tatsächlichen fehlte.

Die  Polygenese der Agrargesellschaften ist unbestreitbar.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Unweigerlich wird die Sicht auf die Welt, auf die Gegenwart durch die Lektüre von Büchern wie Geogeschichte verändert. Das geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So gibt es auch hier Beispiele für den schamlosen Missbrauch von Wörtern wie »Völkermord«, wenn etwa der (wiederlegten) Ausrottung des Neandertalers durch den Homo Sapiens das Wort geredet und das als »erster Völkermord der Geschichte« eingestuft wird. Diese Form der Marktschreierei entwertet einen Begriff und richtet Schaden an.

Etwas weniger drastisch, dafür sehr wichtig ist die Frage nach dem Konzept des »Fortschritts«. Geschichte wird oft als lineare Abfolge von Verbesserung geschrieben, eine Art Kausalkette des Fortschritts. So wurde die Sesshaftigkeit des Menschen als eine Folge der Landwirtschaft angesehen. Grataloup zeigt, dass diese Betrachtungsweise hinkt. Auch Jäger- und Sammler waren bereits sesshaft, vor allem in Küstenbereichen.

An dieser Stelle sei auch auf die Steppenreitervölker verwiesen, die nach der Sesshaftigkeit erschienen und nicht etwa eine Vorstufe der Agrargesellschaft waren. Mischa Meier weist in seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen nicht umsonst mehrfach auf die hochkomplexe Lebensform der Reiterkriegerverbände hin, was das Motiv des »Fortschritts« als recht einseitiges, zweifelhaftes Konzept erscheinen lässt.

War das Neolithikum eine Katastrophe?

Christian Grataloup: Geogeschichte

Schließlich wirft Grataloup auch die Frage auf, ob man überhaupt von einem Fortschritt sprechen könne. Hier stehen sich zwei Bewertungsansätze diametral entgegen. Galt die Sesshaftigkeit der permanenten Wanderschaft lange Zeit als überlegen, gibt es gegenteilige Auslegungen. Die Sesshaftigkeit habe Zwang statt Freiheit und Kriege gebracht, sei außerdem ein ökologischer Holzweg.

Wie so oft ist ein genauer, differenzierter Blick nötig. Die Jäger- und Sammlergemeinschaften wurden wie später die Sesshaften von tödlichen Krankheiten heimgesucht, die erst in der Moderne medizinisch behandelbar wurden (was ohne Sesshaftigkeit nicht geschehen wäre). Aber Seuchen, Epidemien oder Pandemien setzen Sesshaftigkeit voraus.

Und es geht noch weiter. Die Nahrungsmittelvielfalt schränkte sich ein, Karies kam auf. Die Arbeitsbelastung stieg, mit der Bevölkerungsexplosion erhöhte sich die Ressourcen-Entnahme und die Belastung für die Umwelt – lange vor der industriellen Revolution. Die Agrarrevolution war nicht rückgängig zu machen, ein „Degrowth“ hätte zu einem Massensterben geführt.

Gleichzeitig ist sich die Forschung bewusst, dass diese Dinge für die Regionen gelten, in denen intensive Landwirtschaft betrieben wurde. Sesshaftigkeit und Agrarwirtschaft war auch im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten möglich. Wie so oft ist es die Umsetzung eines „Fortschritts“, der über dessen Charakter entscheidet. Das ist zentral für die großen Debatten der Gegenwart, die vom Fortschritt in „disruptiver“ Gestalt geradezu berauscht zu sein scheint.

Gleichwohl bleibt das Wort „Zivilisation“ behaftet mit dem Geburtsmakel einer wissenschaftlich wie ethisch unhaltbaren Hierarchisierung […]

Christian Grataloup: Geogeschichte

Das Zitat zeigt, wie Grataloup versucht, sprachlich auf der Höhe der Zeit zu sein und diverse Stereotypen und mit Makeln behaftete Formulierung zu ersetzen oder – wie im Falle von »Zivilisation« – ihre Problematik offenzulegen. Seltsamerweise verwendet der Autor trotzdem eine sowjetische Formulierung »kleine Völker des russischen Nordens« für die indigene Bevölkerung am nördlichen Rand Asiens. Haben sie anders als die Bevölkerung Nordamerikas oder Afrikas keine angemessene Begrifflichkeit verdient?

Dieser »Norden« war und ist ebensowenig russisch wie Namibia deutsch, Algerien französisch, der Kongo belgisch oder Ghana englisch waren.  Es handelt sich um ein mit Feuer und Schwert kolonisiertes Gebiet, deren indigene Bevölkerung in ein imperial ausgreifendes Reich gezwungen wurde, das heute Russische Föderation heißt (ohne es zu sein). Auch Sibirien ist nicht »russisch«, wie Grataloup bedauerlicherweise formuliert, aus den gleichen Gründen.

Warum fehlt hier sonst anzutreffende sprachliche Sorgfalt? Zeigt sich hier der blinde Fleck gen Osten? Während die Seeimperien als solche bezeichnet und kritisiert werden, während Grataloup einen sprachlichen Eiertanz aufführt, um den Begriff »Afrika« zu entkolonisieren und – durchaus berechtigt – auf die Zweiteilung des Kontinents durch die Sahara verweist, wird »Russland« seiner kolonialen Historie entkleidet und ausgespart. Die aufwendigen Bemühungen um eine korrekte Sprache werden so konterkariert.

Das gilt in gewisser Hinsicht auch für China, bei dem von Tibet, Xinjang und der Unterdrückung nur am Rande Rede ist. Sprachliche Awareness darf aber nicht an den Grenzen der ehemals westlich kolonialisierten Gebieten enden. Ebensowenig darf der fortgesetzte kriegerische Expansionismus Russlands und Chinas übersehen oder gar die imperialistische Stoßrichtung mit einem Fragezeichen abgeschwächt werden. Vielmehr wäre die Frage zu stellen, ob das imperial Expansive nicht Teil der (politischen) Zivilisation Chinas und Russlands ist.

(Ex?)-Imperien.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Grataloup verwendet den Begriff »Welten«, um das Wort  Zivilisationen zu vermeiden. In seinen Augen existierte China »in einem räumlichen Rahmen, der variieren mochte, aber doch starke Konstanten aufweist». Andere, namentlich das Römische Reich, »zerfielen».  Hier kehrt Grataloup nicht nur den brutalen, bis in die Gegenwart andauernden expansiven Imperialismus Bejings unter den Teppich, sondern wird seiner eigenen Marschroute untreu.

Denn »Zivilisation« oder »Welt« soll ja eben nicht nur deckungsgleich mit einem beherrschten Terrritorium, einem »Reich«, »Imperium« oder »Staat« sein. Die  römische Welt wirkte über ihre Grenzen weit hinaus, der von Grataloup in überkommener Tradition attestierte »Untergang« bestand in einer gewaltsamen Teil-Transformation, bei der wesentliche Bestandteile der römischen »Welt« von den Eindringlingen übernommen wurden. Bestimmte zivilisatorische Elemente wirken bis heute grundlegend nach.

Vor allem aber ist »Rom« nicht einfach untergegangen. Der oströmische Teil bestand noch fast ein Jahrtausend weiter, wird von Grataloup in unseliger Tradition hinter dem Begriff »Byzanz« versteckt. Im Westen standen alle entstehenden Herrschaften in zivilisatorischer Tradition Roms, etwa das Heilige Römische Reich, das erst 1806 das Zeitliche segnete. Nimmt man die römisch-katholische Kirche (und die orthodoxe für Ostrom) mit ins Boot, wirkt heute in einem Drittel der Welt die römische Zivilisation fort. 

Insgesamt hat der Sklavenhandel, besonders der atlantische von 1720 bis 1830, Afrika in eine Situation gebracht, von der er sich nie wieder erholen würde.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Problematisch erscheint mir der Umgang mit dem Thema Sklavenhandel. Ausführlich schildert Grataloup den Transatlantikhandel mit versklavten Menschen aus Afrika. Am Rande wird auch der innerafrikanische Sklavenhandel nach Norden erwähnt, allerdings heruntergespielt: In der Antike habe der nur eine geringe Rolle gespielt, im Mittelalter habe dieser »zugenommen«. Erwähnt werden sollte, dass das Volumen der verschleppten Menschen Schätzungen zufolge wenigstens fast das Niveau des Atlantikhandels erreichte, wahrscheinlich aber sogar deutlich darüber lag.

Das allerdings würde die Erzählung Grataloups in zwei Punkten beeinträchtigen. Viele der versklavten Menschen wurden durch die Wüste nach Norden verschleppt, die in der Weltsicht der Geogeschichte Afrika in zwei Hälften trennt. Auf diesem Weg durch die Wüsten starb – wie bei den unmenschlichen Überfahrten nach Westen – ein großer Teil der Versklavten. Wohlgemerkt waren an diesem Handel lange Zeit keine Europäer beteiligt, auch nicht als Abnehmer, denn die Verschleppten gingen in die islamischen Reiche.

Die Folgen des Sklavenhandels waren zweifellos verheerend, gerade auch in demographischer Hinsicht. Wie steht es aber mit den gesellschaftlichen Folgen, vor allem wegen der Opfer, aber auch der afrikanischen Täter, den Profiteuren, der gesellschaftlichen MenschjagdInfrastruktur, die über mehrere Jahrhunderte existierte? Sklaverei setzt Gewaltmaßnahmen voraus; wer nur auf den Atlantikhandel schaut, gerät leicht in Versuchung, eine allzu klare Trennung zwischen europäischen Tätern und afrikanischen Opfern zu ziehen, zwischen Norden und Süden. Das entleerte Wort des »globalen Südens« findet folglich leider auch in Geogeschichte seinen Niederschlag.

Weshalb ist es Europa, das zum Hauptakteur bei der Ausweitung der Achse wird?

Christian Grataloup: Geogeschichte

Warum gerade Europa? Letztlich zeigt die Frage nach den Ursachen der globalen Expansion des westlichen Zipfels einer Landmasse, die Grataloup als »Achse« wahrnimmt, die Grenzen einer geogeschichtlichen Herangehensweise. Wenn man den Untertitel des Buches, den Einfluss der Geographie auf den Gang der Geschichte, als alleinige Ressource bei der Suche nach einer Antwort heranzieht, bleibt diese Frage offen. Grataloup verlässt dann auch das Metier und zieht andere Aspekte heran.

Ein Beispiel: Auf der Suche nach Sponsoren für seine Erkundungsreisen klapperten Kolumbus und seine Mitstreiter sämtliche westlichen Herrscherhäuser ab. Am anderen Ende der »Achse«, war für Zeng He undenkbar, nach der Verweigerung weiterer Mittel für Erkundungen in China etwa in Japan nachzufragen, ob man dort vielleicht Interesse hätte. Andere große Seefahrernationen, wie etwa die Osmanen, zeigten kein Interesse an Erkundungen. Warum? Mit Geographie haben die Antworten auf diese Frage herzlich wenig zu tun. Das schmälert den Wert der Geogeschichte keineswegs, im Gegenteil: Die Grenzen einer Herangehensweise zu kennen, ist wesentlich für den Leser.

Geogeschichte bietet ein Füllhorn an Fragen an die Welt und dem Leser zahlreiche Anlässe, über sie nachzudenken, weit über die tagespolitischen Aspekte hinaus. Die langen Linien der Entwicklung verdecken naturgemäß die Details und führen zu Vereinfachungen und Verzerrungen. Das ist der Preis, der gezahlt werden muss, wenn der Blick auf die übergreifenden Linien oder Achsen gerichtet wird. Umgekehrt verschwinden diese Entwicklungslinien im Dickicht der Fakten, wenn das Detail in den Vordergrund rückt. Geogeschichte bietet in diesem Sinne eine herausfordernde Lektüre mit erheblichem Erkenntnisgewinn.

Christian Grataloup: Geogeschichte
Die Macht der Geographie in der Weltgeschichte
Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer
47 schwarz-weiß und 31 farbigen Karten
C.H.Beck 2025
Gebunden
ISBN: 978 3 406 83726 5

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Grundsätzlich ein sehr lobenswerter Ansatz, die für alle Menschen bedeutsame Geopolitik in einem kurzen, informativen und durch viele gute Karten anschaulichen Buch darzustellen. Leider gibt es einige problematische Passagen. Cover C.H. Beck Verlag, Bild mit Canva erstellt.

So bestimmt die Geopolitik mehr und mehr unser tägliches Leben, von der Pandemie über den Krieg in der Ukraine bis hin zum beschleunigten Klimawandel, und eine Serie von Krisen führt zu der Feststellung, dass im 21. Jahrhundert niemand die übrige Welt ausblenden kann.

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Angesichts der dramatischen Umwälzungen in den frühen 2020er Jahren, allein in Europa in Form von Covid-19, dem genozidalen russischen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine und dem Terrorangriff der Hamas auf Israel direkt spürbar, ist ein Atlas mit geopolitischem Schwerpunkt grundsätzlich ein sehr begrüßenswertes Vorhaben. Das gilt noch mehr, wenn ein globaler Ansatz verfolgt wird, denn die genannten Disruptionen sind nur ein Teil weltweiter Veränderungen, die fortschreitende Erderhitzung allen anderen vorangehend. Ausblenden lässt sich das alles nur noch mit einiger Mühe.

Die Welt der Gegenwart von Émilie Aubry und Frank Tétart nimmt sich dankenswerterweise vieler Perspektiven an, die auch Leser von großen, überregionalen Tageszeitungen nicht immerverfolgen können. Alle fünf Erdteile werden in den Blick genommen, es ist tatsächlich positiv, dass zum Beispiel Schweden und Polen in Europa oder nicht ganz so oft im Fokus stehende Länder wie Äthiopien oder Australien mit ihren sehr spezifischen Problemen und Sichtweisen ins Bild rücken.

Ein wenig erinnert der Atlas dem »Weltspiegel« in schriftlicher Form. Die vielen übersichtlichen und multiperspektivisch, d.h. nicht nur aus der Sicht Europas gezeichneten Karten, werden von zusammenfassenden Info-Texten begleitet. Selbstverständlich führt diese Herangehensweise zu Verkürzungen und Verzerrungen, die unvermeidbar Analysetiefe vermissen lassen.

Es ist völlig unmöglich, einen Atlas in seiner Fülle an Informationen in einem Beitrag zu würdigen, ohne sich in Plattitüden und Leerformeln zu verlieren. Ausführlich widme ich mich in diesem Beitrag dem Kapitel über Russlands Krieg gegen die Ukraine, und zwar mit einem kritischen Tonfall. Viele dort genannte Aspekte sind in ihrer Darstellung fragwürdig, sie atmen an einigen Stellen das Propaganda-Gedröhn des Kreml, was bei etwas mehr (sprachlicher) Sorgfalt hätte vermieden werden können.

Sprache ist ein gutes Stichwort, denn Die Welt der Gegenwart setzt mittelbar »russischsprachig« mit »prorussisch« gleich. Die Trennung der Sprachen und politischen Ausrichtung in einen westlichen, ukrainischsprachigen und prowestlichen und einen östlichen, russischsprachigen und prorussischen Teil entspricht  dem Propaganda-Narrativ des Kreml und dem Bedürfnis nach einfachen Zuschreibungen, ist aber falsch.

Die russische Sprache gehört uns, wir geben sie Putin nicht her.
(Oleksiy Radynski)

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Man könnte es sich einfach machen und auf die vielen Millionen russischen Muttersprachler in der Ukraine verweisen, die gegen Russlands Invasion kämpfen oder Opfer von dessen Aggression werden. Aber auch in klugen Beiträgen ukrainischer Autoren (Alles ist teurer, als ukrainisches LebenAus dem Nebel des Krieges), russischprachiger ukrainischer Schriftsteller (Andrej KurkowTagebuch einer Invasion) oder den Büchern von westlichen Historikerinnen wie Gwendoly Sasse, die von »kontextabhängiger Bilingualität« sprechen, wird ein differenzierteres und wirklichkeitsnäheres Bild gezeichnet.

Richtig ist, dass der Kreml die angebliche Kombination aus russischsprachig und prorussisch nutzt, um Einfluss auf ehemalige Sowjetstaaten auszuüben, und zwar als vorgeschobene Rechtfertigung für eine aggressive Politik der Einmischung bis hin zur Annexion. Der folgen Deportationen, Filtrations- bzw. Folterlagern, in denen jene, die keine Russen sein wollen, mit Gewalt zu solchen gemacht werden, sowie die Ansiedlung von ethnischen Russen – alles in wohlbekannt stalinistischer Tradition.

Das alles verschwindet hinter der Begrifflichkeit, die in Die Welt der Gegenwart verwendet wird. Das gilt auch für den sorglosen Gebrauch von Begriffen wie »Ukrainekonflikt« bei gleichzeitiger Vermeidung der zutreffenden Begriffe wie Vernichtungskrieg und Angriffskrieg. Mit nebulösen Formulierungen wie der nachfolgenden wird der Eindruck erweckt, beide Seiten begingen im gleichen Maße Kriegsverbrechen.

In den Augen der Europäer ist dies die Rückkehr eines Territorialkrieges, eines »schmutzigen Krieges« samt Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.

Russland ist der einzige Aggressor in diesem Krieg, es allein zielt mit Terrorangriffen auf Zivilisten, zivile Infrastruktur und Energieversorgung, außerdem gehen gezielte Massentötungen, Folter, Deportationen von Zivilisten allein auf das Konto russischer Streitkräfte. Der Ukraine wird durch die fehlende Nennung von Ross und Reiter ein ähnliches Maß an Kriegsverbrechen unterstellt.

An anderer Stelle wird ein unzulässiger Zusammenhang zwischen den so genannten Minsker Abkommen und dem im Budapester Abkommen vom Westen und Russland (!) anlässlich der freiwilligen Abgabe der ukrainischen Atomwaffen garantierten Staatsgebiet der Ukraine und der »schwierigen Umsetzung« der des »Vertrages« hergestellt. Die »Kontrolle  ihrer Grenzen« wäre für den »ukrainischen Präsidenten Selinskyi (sic!) eine nicht verhandelbare Vorbedingung für eine Einigung«. Die Rolle von Täter (Russland hat ein ganzes Bündel bestehender Verträge gebrochen) und Opfer wird so vertauscht.

Leider wärmen die Autoren das längst widerlegte Motiv der Nato-Osterweiterung abermals auf. Mit der Aufnahme der baltischen Staaten stünde »von nun an die Nato an den russischen Grenzen und [ließ] das Gefühl der Einkreisung wiederaufleben«. Allein der Begriff der »Einkreisung« (vom »wieder« gar nicht zu reden) ist angesichts der Grenzen mit Kasachstan, der Mongolei und China unangebracht, ebenso, da Russland im Zuge der verheerenden Niederlagen in der Ukraine sämtliche Grenzen mit der Nato militärisch entblößt hat.

Ímmerhin verweisen die Autoren auf die verhängnisvollen Aktivitäten Russlands im Nahen Osten und Afrika, auch wird die Allianz unter Ungleichen mit China beleuchtet und es werden auch die zunehmend dramatischen Folgen für die wirtschaftliche und soziale Lage in Russland erwähnt. Gemeinsam mit den sehr informativen Karten entspricht das dem, was von einem modernen Atlas mit geopolitischem Schwerpunkt zu erwarten wäre, umso bedauerlicher erscheinen die problematischen Darstellungen im Zusammenhang mit der Ukraine.

Wie wichtig sprachliche Genauigkeit ist, zeigt sich auch am Beispiel des sogenannten »Sechstagekrieges«. Die im Buch gewählte Formulierung erweckt den Eindruck, Israel habe einen Angriffskrieg unternommen und dabei »seine heutige territoriale und geopolitische Stellung« erobert. Die vom ägyptischen Präsidenten vorher unternommenen Schritte, Sperrung einer wichtigen Seestraße für israelische Schiffe und Aufmarsch einer mächtigen Angriffsarmee an der Grenze Israels, bleiben unerwähnt.

Letztlich zeigt sich an diesem Beispiel auch, wo die generellen Erkenntnisgrenzen eines Buches wie Die Welt der Gegenwart sind. Wichtig wäre, diese explizit zu nennen und auf weiterführende Literatur oder Webseiten zu verweisen, die umfassender informieren.

[Rezensionsexemplar]

Émilie Aubry, Frank Tétart: Die Welt der Gegenwart.
Ein geopolitischer Atlas
Aus dem Französischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube
C.H.Beck / arteEDITIONS 2024
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-406-81404-4

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt

Ein ganz wunderbares Projekt ist dieser Atlas, trotz der kritischen Aspekte, die ich in meiner Besprechung vorbringe, möchte ich ihn nicht missen. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Was für ein wunderbarer Schmöker! Wer in seiner Schulzeit eine Karten-Phobie erworben hat, sollte dennoch einen Blick wagen. Es wird nicht bei einem bleiben, denn hunderte von Karten laden dazu ein, ausgedehnte Streifzüge durch die Geschichte zu unternehmen.

Die Zusammenstellung ist sehr vielfältig, Christian Grataloup folgt dabei dem Weg der Reduktion, damit die großen, langen Linien nicht von zu vielen Details verstellt werden. So entdeckt der Leser sehr interessante Karten, die einen ganz neuen Blick auf die Geschichte der Welt eröffnen, als handelte es sich um frisch eingefügte Fenster, welche die Sicht auf bislang unbekannte Landschaften freigeben. Neben altbekannten, vertrauten Karten gibt es enorm viel Neues zu entdecken.

Ein schönes Beispiel ist Afrika. Eine Darstellung befasst sich mit der »Sahara, bevor sie Wüste wurde«. Der Leser wird auf die Wandlung der Welt aufmerksam, etwa bei der Darstellung des Tschad-Sees, ihm wird bewusst, wie schnell sich ein ehemals feuchtes Gebiet in eine lebensfeindliche Trockenöde verwandeln kann.

Diesem umwelthistorischen Aspekt folgt eine weitere, die sich mit der Metallgewinnung in Afrika in der Zeit vor Christi Geburt befasst. Solche Karten haben einen hohen Wert, denn sie entreißen jene Gebiete, die lange aus europäischer Sicht »unkultiviert« galten, aus dem Schatten des Vorurteils zugunsten eines differenzierteren Bildes.

Neben solchen Fokus-Karten gibt es welche, die globale Zusammenhänge darstellen. Ein schönes Beispiel ist die Antike, etwa um 200 n. Chr. Gewöhnlich wird auf Karten zu dieser Zeit die größte Ausdehnung des abgebildet, man sieht noch die Germanenstämme oder das Parther-Reich im Osten – nicht aber China und die beide Welten miteinander verbindenden Linien. Diese Lücke schließt Grataloups Atlas.

Wunderbarer Lesebegleiter

Für mich als Leser bietet der Atlas noch eine ganz andere, unschätzbare Möglichkeit, nämlich als Lesebegleiter, der einen schnellen Blick auf eine Karte ermöglicht, die das Lesen erleichtern oder bereichern bzw. eine kurze Orientierung ermöglichen, ohne im Internet suchen zu müssen.

Zwei Beispiele: Éric Vuillards jüngster Roman Ein ehrenvoller Abgang schildert die Zustände in Indochina und die Schlacht um Cao Bang mit ihren verheerenden Folgen für die französischen Kolonialtruppen. Der Atlas von Christian Grataloup bietet eine wunderbare Karte zu diesem Thema, man erhält auf einen Blick einen Eindruck davon, worum es sich bei »Indochina« eigentlich handelt, wie die Machtverhältnisse im Jahr 1950 waren und wo Cao Bang eigentlich liegt.

Sicherlich kann man Vuillards Roman auch ohne genauere Kenntnis der Umstände lesen und verstehen, aber mit dieser vertieft sich das Lesen. Das gilt auch für den brillanten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland von Richard Flanagan, der die fürchterlichen Zustände in einem japanischen Kriegsgefangenenlager in Burma schildert. Dort wird eine Eisenbahn durch den Dschungel getrieben, man kann sich auf der Karte »Die Bahnlinie des Todes« auf einen Blick einen Eindruck über das Wo und Wie verschaffen.

Die Liste dieser Beispiele ließe sich problemlos fortsetzen. Natürlich hat ein Atlas im Gegensatz zum Internet Grenzen, dieser ist im Umfang limitiert, jenes zumindest theoretisch grenzenlos. Dafür folgt Die Geschichte der Welt einem klaren und transparent formulierten Konzept, nämlich die langen Linien der historischen Entwicklung der Menschheit darzulegen, ohne in historischen Details zu ersticken. Das Internet ist naturgemäß in dieser Hinsicht nicht aufgearbeitet und angesichts der wirren Überfülle verheddern sich Streifzüge rasch im dichten Informationsgestrüpp.

Einige kritische Anmerkungen

Allerdings darf man die Auswahl der Karten durchaus kritisch hinterfragen. Frankreich spielt in vielen Fällen eine völlig unangemessene prominente Rolle. So werden die Leser recht ausführlich über die Feldzüge Ludwigs XIV. informiert, während der komplette Dreißigjährige Krieg auf einer einzigen Karte abgefertigt wird. Die ist, bei allem nötigen Respekt, bar jeder Aussagekraft, sie verwirrt eher, als sie irgendetwas erklärt.

Der französische Akzent dieser Weltgeschichte ist in vielen Aspekten spürbar (z.B. bei den Indochina-Karten) und steht im Missverhältnis zu der tatsächlichen Relevanz. Zwar lässt sich die recht ausführliche Schilderung der Französischen Revolution sowie Napoleons durchaus rechtfertigen, nicht jedoch die vielen Karten zur (aus deutscher Sicht) westlichen Front im Ersten Weltkrieg.

Geradezu befremdlich ist eine Karte, die sich der französischen Widerstandsaktionen im Zweiten Weltkrieg annimmt. Einmal ist die tatsächliche Bedeutung von Partisanenbewegungen für den Kriegsverlauf generell fraglich, zweitens stellt sich die Frage, warum Frankreich und nicht etwa die Sowjetunion, Polen, die Ukraine oder die Balkanstaaten ausgewählt wurden, die bezüglich ihrer militärisch-politischen Bedeutung eher Beachtung verdienten.

Dieses Ungleichgewicht treibt Blüten bei jener Karte, die sich mit »Afrika im Zweiten Weltkrieg (1940 – 1945)« befasst, was allein wegen der genannten Zeitspanne befremdet, dann nach Mai 1943 befanden sich keine Achsenmächte mehr auf afrikanischem Boden; vor allem ist die große Karte auf Nordafrika beschränkt, die viel interessantere und weitgehend ignorierte personelle Beteiligung von Kolonialtruppen am Krieg bleibt ungenannt.

Grotesk ist, dass Grataloup zwei vernachlässigenswerte Operationen freifranzösischer Truppen eigens aufführt, darunter das Scharmützelchen bei Bir Hakeim. In einem Atlas, der sich mit großen weltgeschichtlichen Linien auseinandersetzt, hat das nun gar nichts zu suchen. Frankreich war nach 1940 militärisch zweitrangig und blieb es defacto bis zum Kriegsende; eine Karte, die über die Kollaboration in Europa während dieser Zeit informiert, wäre für die Nation vermutlich wenig schmeichelhaft.

Unangemessene Begrifflichkeit

Es verwundert, dass noch immer von „polnischen Teilungen“ die Rede ist; die »Teilungen Polens« wäre der korrekte Begriff, denn er unterstreicht, dass der vernichtete Staat das Opfer war. Es wäre zudem wünschenswert gewesen, in diesem Zusammenhang auf die vierte Teilung 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt zu verweisen, entweder durch eine Brechung der Zeitfolge oder einen Verweis auf die entsprechende Karte im Buch.

In Bezug auf die Krim wird eine haarsträubend tendenziöse Formulierung gebraucht. Die Karte ist allen Ernstes mit „Die russisch-ukrainische Krise“ überschrieben, in der Legende heißt es wörtlich „Neue russisch-ukrainische Grenze“. Der Hinweis im Text, dass der Annexion der Krim durch Russland eine „international nicht anerkannte Volksabstimmung“ vorangegangen sei, ist irreführend: Vorausgegangen war eine militärische Angriffsoperation und Besetzung der Krim und damit ein eklatanter Rechtsbruch.

Solche sprachlichen Regelungen trüben den sehr positiven Gesamteindruck des Atlas. Daher sei hier ein Hinweis gestattet: Karten bilden nie so etwas wie Wirklichkeit oder gar Wahrheit ab, sondern immer eine Interpretation, eine Weltsicht. Kritische Lektüre ist immer nötig – aber mündige Leser werden durch einen Atlas wie diesen auch dazu angeregt.

[Rezensionsexemplar]

Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt – Ein Atlas
Aus dem Französischen von Martin Bayer, Katja Hald, Anja Lerz, Reiner Pfleiderer und Albrecht Schreiber
C.H. Beck 2022
Gebunden 642 Seiten
ISBN: 978-3-406-77345-7

© 2026 Alexander Preuße

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