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Schlagwort: Nationalsozialismus (Seite 10 von 14)

Volker Kutscher: Lunapark

Berlin, 1934. Ein toter SA-Mann; Machtkampf zwischen SA und SS; »Röhm-Putsch«, es herrscht das Recht des Stärkeren. Mittendrin Gereon Rath, in einer selbst gestellten Falle. Aus diesem Gemenge kommt keiner unbeschädigt davon. Cover KiWi, Bild mit Canva erstellt.

Jenseits der Mitte des Romans hat Reinhard Heydrich seinen Auftritt und die Tonart der Erzählung ändert sich. Lunapark von Volker Kutscher rutscht wie die Gesellschaft des Deutschen Reiches 1934 und die Protagonisten immer tiefer hinein in die Dunkelheit eines zutiefst menschenverachtenden Regimes, das zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so einfach aus dem Sattel zu heben war.

Kommissar Gereon Rath wirkt äußerlich und in seinen Handlungsmustern wie gewohnt, Extratouren ohne Rücksicht auf die Vorgesetzten, Kommunikation und Rapport werden sporadisch erledigt, hinter einer Nebelwand geht der Ermittler sehr eigene Wege, die keineswegs nur mit dem Fall zu tun haben. Seine politische Haltung irrlichtert unverändert zwischen Leichtfertigkeit und Ahnungslosigkeit. Doch etwas hat sich  grundlegend gewandelt.

Der Tote, der die Handlung in Gang bringt, ist ein SA-Mann; ein Mord, der allein deswegen schon über das hinausragt, was die Kriminalpolizei gewöhnlich zu bearbeiten hat. Doch in diesem Fall liegt der Tote zu Füßen eines Graffitis, das unverkennbar die Handschrift von Kommunisten trägt, denn es ruft zum Widerstand gegen das Nazi-Regime auf.

Gräf und all die anderen hier im Raum waren nicht an der Wahrheit interessiert, sondern nur daran, Kommunisten zu jagen.

Volker Kutscher: Lunapark

So treffen sich am Tatort Kripo und Gestapo – in Person von Gereon Rath und Reinhold Gräf, dem ehemaligen Kollegen, der dem Ruf der Politischen Polizei gefolgt ist und dort Karriere machen will. Rath hat in Märzgefallene bereits Bekanntschaft mit der Staatspolizei gemacht, wie der Leser weiß er um die Machenschaften dieser Behörde, deren Zuchtrute die Angst ist.

Heinrich Himmler hat den regimeinternen Machtkampf gegen Herrmann Göring gewonnen und damit begonnen, die Polizei unter seine Kontrolle zu bekommen; so wird aus der Politischen Polizei die Gestapo und so kommt Heydrich in Berlin zu seinem Auftritt. Der Leser weiß ja schon: 1934 ist das Jahr des so genannten »Röhm-Putsches«, in dessen Verlauf die SA-Führung brutal ermordet wird und unliebsame Zeitgenossen ebenfalls sterben müssen.

Kutscher hat es wieder geschafft, einen historischen Meilenstein äußerst geschickt in die Handlung einzuflechten, wie schon Preußenschlag, Reichstagsbrand und Bücherverbrennung, ohne dass der Roman zu einer drögen Geschichtsstunde verkommt; die Spannung führt den Leser am Gängelband. Der Kniff: Kutscher verwischt ebenso gekonnt wie radikal die gewohnten Grenzziehungen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse.

»Rath fragte sich, wer noch alles an dieser katholisch-kommunistischen Verschwörung beteiligt sein mochte.«

Volker Kutscher: Lunapark

Lunapark geht dabei noch einen entscheidenden Schritt weiter als die vorangegangenen Teile der Romanreihe. Wer während des Lesens einmal innehält und versucht, die Handelnden, ihre Motive und Mittel nach moralischen Maßstäben zu ordnen, blickt auf ein unentwirrbares Knäuel; alles ist gründlich durcheinandergeraten. Der Versuch, nach dem Freund-Feind-Schema zu sortieren, verheddert sich hoffnungslos.

Für den notorischen Lavierer Rath immer schwerer wird, sein (Über-)Lebenskonzept erfolgreich weiterzuführen. Das liegt auch daran, dass die Hauptfigur eine unlautere Vergangenheit hat, die ihn in diesem Roman einholt, selbstverständlich eng verknüpft mit dem »Fall«, der so auch für ihn eine ganz persönliche Ebene bekommt, dazu eine lebensbedrohliche, denn der Kommissar findet sich in einer Zwickmühle wieder.

Rath antwortete mit dem schlampigen Hitlergruß, den er sich in den vergangenen Monaten angewöhnt hatte, und nuschelte sein »Heil!«

Volker Kutscher: Lunapark

Als wäre das nicht genug, geht es auch in der Familie Raths kompliziert zu: Adoptivsohn Fritze möchte zur HJ, was auf erbitterten Widerstand von Charlotte stößt, die unliebsame Bekanntschaft mit den Methoden der Nazis, namentlich der SA macht. Bruchlinien tun sich auf, das Lavieren mündet in handfesten Lügen, die üble Folgen zeitigen können. Die familiären Tischszenen sind sehr authentisch und lassen den Leser – bei allem Drama – oft schmunzeln.

Das Schmunzeln vergeht jedoch, als der Thrill seinem Scheitelpunkt entgegenstrebt. Nicht allein die haarsträubende Showdown-Szene ist dafür verantwortlich, sondern das, was dem folgt: Aus Bruchlinien werden handbreite Risse, familiär, beruflich und persönlich. Der sechste Band der Reihe entwickelt seine Protagonisten so weiter, dass der Leser gern sofort zum nächsten Teil greifen möchte – ein Vorzug, wenn man spät zur Party kommt und fast alle bereits erschienen sind.

Groß ist Lunapark aber wie die Vorgängerbände wegen der Atmosphäre. Die Bedrückung, das Ducken, heimliche Spucken, lautlos und ängstlich, während andere sich dem Regime andienen, machen einen großen Teil dessen aus, was den Leser unter Spannung setzt. 1934 ist es für fast alles zu spät, das Kind liegt im Brunnen, Recht ist nur noch das des Stärkeren; wie ein Endzeitroman warnt Lunapark auch vor dem, was (wieder) kommen könnte.

Vor allem ist Lunapark aber ein handfester Kriminalroman mit vielen überraschenden Wendungen, sehr spannenden Szenen und Schockmomenten, Spiel und Gegenspiel und Gegengegenspiel, in dem viele von gegensätzlichen Interessen getriebene Akteure in der Arena einer Millionenstadt gegeneinander antreten, über der jener Schatten immer tiefer wird, der für immer mit dem Begriff Nationalsozialismus verbunden ist.

Weitere von mir besprochene Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Lunapark
KiWi 2018
TB 560 Seiten
ISBN: 978-3-462-05161-2

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Der Begriff »Innere Emigration« ist umstritten, im Falle des Tagebuchschreibers Hermann Stresau passt er meines Erachtens sehr gut. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Als Adolf Hitler Anfang 1933 die Macht in Deutschland übertragen wurde, begann für Herrmann Stresau eine Leidenszeit. Seine Anstellung als Bibliothekar verlor er, weil er sich weigerte, mit dem neuen Regime konform zu gehen und in eine der Formationen einzutreten, Partei, SA oder wenigstens einen jener Verbände, die zu Hitlers politischen Verbündeten zählten, etwa den »Stahlhelm«.

Stresau leidet daran, denn durch den Verlust seiner Anstellung verschwindet auch der regelmäßige Verdienst; finanziell befindet er sich in Turbulenzen, zumal persönliche Umstände, die in den ersten Monaten des Jahres 1933  auch in seinem Tagebuch breiten Raum einnehmen, die wirtschaftliche Lage verschlechtern; die Wohnung ist verloren, Stresau und seine Frau müssen Berlin verlassen.

Besonders bitter ist es für ihn, dass Opportunisten und Karrieristen bedenkenlos den Kotau vollziehen, sich den neuen Machthabern andienen und erfolgreich die Karriereleiter hinauffallen. Wie in vielen Autokratien zählt die Angepasstheit mehr als die Befähigung. Grollend verfolgt Stresau von seinem neuen Wohnort, weit außerhalb Berlins, wie sich der Wandel vollzieht.

An diesem grotesken Dämon hängen Millionen.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Ein Opfer der Nazis, weil er seiner Überzeugung treu geblieben ist; ein Widerständler ist Stresau deswegen nicht, daher aus der Untertitel des Buches, der einen umstrittenen Begriff aufgreift: Innere Emigration. Ganz passend zur intellektuellen ist die räumliche Distanz des Tagebuchautors, der vieles an den Machthabern verabscheut: Propaganda, Großsprecherei und Größenwahn, Anti-Intellektualität, die Masse, das Geschrei, die Verlogenheit usw.

Stresau ist kein Linker, im Gegenteil, er verachtet viele linke Autoren (Kerr, Mann, Tucholsky) und weint ihnen, als diese Deutschland verlassen, keine Träne nach. Geboren in den USA, aufgewachsen in Deutschland meldet er sich 1914 freiwillig für den Krieg, er ist ein entschiedener Gegner des Versailler Vertrages, dessen Auflösung er begrüßt – nicht jedoch die Forcierung durch die Nazis, was – aus Stresaus Sicht – unnötige Kriegsrisiken heraufbeschwört.

Ein Konservativer, dessen Weltbild in vielerlei Hinsicht mit dem jener Kräfte übereinstimmt, die Hitler an die Macht verholfen haben. Mit der Weimarer Republik, der Demokratie, Wahlen und Parlamentarismus kann Stresau auch nicht viel anfangen, seine Äußerungen sind kritisch. Hier und da blitzen antijüdische Stereotype auf, wenn er dem Aussehen eines Menschen etwa etwas jüdisches andichtet; umgekehrt operiert er auch mit dem Begriff »arisch«, als er beispielweise zwei jüdische Kinder beschreibt.

In dieser Luft keimen die Miasmen des Krieges.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Man bekommt es also mit einer eher ungewöhnlichen, dadurch besonders interessanten Person zu tun. Leicht ist die Lektüre des Tagebuchs gerade in den ersten Monaten 1933 nicht, denn hier nehmen die persönlichen Umstände, Kämpfe und Niederlagen einen recht breiten Raum ein, ihnen widmet sich Stresau mit der gleichen Detailtreue, wie den politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen.

Gerade in diesem Sinne entfaltet das Buch seine große Wirkung: Stresau ist ein sehr guter Beobachter, trotz seiner Distanz zu den Ereignissen in Berlin, sieht und hört er eine Menge, etwa im Radio, analysiert es und bringt es treffend zu Papier. Die Äußerungen über das, was Deutschland unter einem Hitler-Regime blühen könnte, sind teilweise so treffend, dass man staunt. Schon sehr früh ahnt er, dass alles in einem Krieg endet.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto seltener werden die Einträge. In den letzten drei Jahren schreibt Stresau vor allem dann, wenn einschneidende Ereignisse auftreten: Spanischer Bürgerkrieg, Besetzung Österreichs, Sudetenkrise, Münchener Abkommen, Novemberprogrome, Hitler-Stalin-Pakt und schließlich der Kriegseintritt. Die Äußerungen sind von nüchterner, präziser Klarheit.

In Spanien ist der neue Weltkrieg im Gange, erst noch en miniature, man kann es ein Vorspiel nennen, eine Konzertprobe, um neue Instrumente auszuprobieren.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Die Barbarei dringt auch zum Refugium Stresaus vor, der von »Foltereien« spricht und lakonisch bemerkt, Todesurteile seien an der Tagesordnung. Als sie einen jüdischen Arzt kennenlernen, bemerkt er dessen unerhörten Optimismus; die Realität ist Stresau mehr als bewusst. Er und seine Frau drängen den Arzt immer wieder, auszuwandern, was dieser erst – im letzten Moment – vor den November-Pogromen 1938 auch tut.

Gleichzeitig erschöpft der lange Weg von 1933 den Autor, der immer weniger bereit ist, sich dem Schreiben des Tagebuchs auszusetzen. Um zu überleben widmet er sich Artikeln, Übersetzungen und eigenen Arbeiten, etwa über Joseph Conrad. Die Lektüre ist faszinierend, weil sie die – vielfach geschilderte Zeit – aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive zeigt, die tatsächlich sehr gut zu dem passt, was »Innere Emigration« bedeutet, ohne die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen.

[Rezensionsexemplar]

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt
Hrsg. von Peter Graf und Ulrich Faure
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 448 Seiten
ISBN: 978-3-608-98329-6

David Hewson: Garten der Engel

Venedig ist der Ort dramatischer Ereignisse im Herbst 1943, als die Deutschen die Macht im Norden Italiens an sich gerissen haben. Cover Folio Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Seit ich zwölf Jahre alt bin, beschäftigt mich der Krieg. Dabei steht »der Krieg« vor allem für den Zweiten Weltkrieg. Es ist ein – etwas seltsames – Vermächtnis, das mich bis an mein Lebensende beschäftigen wird, aber so etwas kann man sich nicht aussuchen. Garten der Engel von David Hewson dreht sich neben allem anderen auch um ein ungewolltes Vermächtnis, auf ganz verschiedenen Ebenen: persönlich, familiär, aber auch ein wenig historiographisch.

David Hewson ist das Kunststück geglückt, dieses Vermächtnis in eine sehr spannende, ja dramatische Geschichte einzuweben; kein zufällig gewähltes Verb, spielt doch das Weben eine wichtige Rolle in der Handlung. Der Ort ist ebenfalls klug gewählt. Venedig, vom Festland abgeschnitten, eine kleine, in sich geschlossene Welt für sich; zumindest können sich das ihre Bewohner einreden.

Es ist 1943, Italien hat nach drei Jahren – äußerst glücklosen Krieges – mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen und das Bündnis mit Deutschland verlassen. Praktisch ist das Land zweigeteilt, denn die amerikanischen und englischen Truppen kommen nur sehr langsam voran, der gesamte Norden ist in deutscher Hand.

Mussolinis Faschisten haben dort unter Nazifuchtel weiterhin das Sagen, es tobt ein blutiger Partisanenkampf im Land. Für jene, die laut Nazi-Ideologie als Juden gelten, brechen schwere Zeiten an, denn jetzt geraten auch sie ins Visier der deutschen Vernichtungskrieger, die Verfolgungen werden wie im übrigen Europa verschärft, Züge voller italienischer Juden rollen Richtung Konzentrationslager.

Wenn die Welt sich verdunkelt, bleibst du dann in deinem Versteck und wartest ab, bis es wieder hell wird? Oder versuchst du selbst, eine kleine Flamme zu entzünden?

David Hewson: Garten der Engel

Das alles schwappt nach Venedig, wo sich die Deutschen eingerichtet haben und auf Mussolinis treue Schwarze Brigaden und Kollaborateure stützen. Man schlägt sich durch, auch der just von alliierten Bomben zum Waisen gemachte Paolo Uccello müht sich, das ins Straucheln geratene Familienunternehmen, eine Seidenweberei, am Leben zu erhalten.

Eine ganze Reihe von Personen gerät durch das Auftauchen zweier jüdischer Partisanenflüchtlinge in eine Lage, Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen treffen zu müssen. Hewson ist es gelungen, die meisten dieser Personen vielschichtig zu gestalten, sie mit ihren Widersprüchen und Schwächen, hanebüchenen Ideen und Ansichten aufeinander loszulassen. Eine Ausnahme bilden die eher schablonenhaften deutschen Besatzern; daran ist nichts auszusetzen, um die geht es in diesem Roman nämlich nicht in erster Linie.

Im Mittelpunkt steht zum Beispiel der Kollaborateur Luca Alberti, ein ehemaliger Polizist, der sprachkundig für die Deutschen in Venedig Ermittlungsarbeiten durchführt. Er versucht sich in der hohen Kunst des Lavierens, redet sich ein, nur das zu tun, was irgendjemand tun müsse und durch sein Handeln das eine oder andere Leben retten zu können. Alberti ist andererseits völlig illusionslos über sein Schicksal, sollte der Krieg für die Achsenmächte verlorengehen. Eine ganz wunderbar widersprüchliche Person.

Ich erledige eine Aufgabe, die irgendjemand erledigen muss.

David Hewson: Garten der Engel

Das gilt auch für viele andere Figuren, die in Garten der Engel ins Geschehen eingreifen und durch ihre Torheiten und klugen Entscheidungen einen Prozess in Gang setzen, der sich immer mehr beschleunigt und auf eine geradezu klassische Tat zuzusteuern scheint – doch Hewson hält für den Leser einige handfeste Überraschungen und Wendungen bereit; man kann das Buch irgendwann nur schwer aus den Händen legen.

Angesichts der zahlreichen, ansprechenden Personen fallen ausgerechnet die beiden Partisanen ab. Insbesondere die handlungsaktive Mika Artom hat bei mir für Stirnrunzeln gesorgt – ganz bewusst formuliere ich etwas gewunden, denn aus meiner langjährigen Beschäftigung mit diesem Krieg weiß ich, dass in dieser Zeit viele Menschen Dinge getan haben, die im Grunde undenkbar waren.

So verhält es sich vielleicht auch mit Mika, die wie ein menschlicher Katalysator für einen wesentlichen Teil der Handlungsdynamik verantwortlich ist. Wie sie geschildert wird, wäre sie – mit Vorbehalt – längst tot, umgebracht von den Deutschen, italienischen Faschisten oder aber den eigenen Leuten, für die sie aufgrund ihrer Querschlägerei eine immense Gefahr darstellt. Kurz hatte ich sogar die Befürchtung, Mika würde mir das Buch insgesamt verleiden – zum Glück unbegründet.

Hewson hat nämlich en passant mit dem Partisanenmythos ein wenig aufgeräumt. Partisanenkrieg wird oft immer noch verherrlicht, dabei handelt es sich um eine brutale, ja oft menschenverachtende asymmetrische Kriegführung, die ganz bewusst die Zivilbevölkerung in die Feuerlinie bringt. Für jeden getöteten Deutschen wird eine Handvoll Zivilisten erschossen – als abschreckende Terrormaßnahme. Auch einige handelnde Figuren fragen sich, ob das Agieren der Partisanen militärisch gerechtfertigt und moralisch gedeckt ist.

Es wird alles zu einer Geschichte. Einem Märchen. Gut und schlecht. Schwarz und Weiß. Nichts dazwischen. Dabei ist es das Dazwischen, auf das es ankommt.

David Hewson: Garten der Engel

Garten der Engel erzählt die Geschichte im Rahmen eines klassischen Sterbebett-Bekenntnisses. Fünf Teile umfasst das, was der verlöschende nonno Paolo seinem Enkel Nico mitgibt, fünf Manuskripte, die jene Ereignisse aus dem Jahr 1943 erzählen. Es ist – wie sich herausstellt – ein echtes Vermächtnis, über das Leser wie Enkel bis zum Ende nicht recht im Bilde sind. Die langsam sich anbahnende Auflösung vieler Fragen gehört wiederum zu den großen Stärken dieses ganz wunderbaren Romans.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

David Hewson: Garten der Engel 
Aus dem Englischen von Birgit Salzmann
Folio Verlag 2023
Hardcover 394 Seiten
ISBN: 978-3-85256-876-8

George Orwell: Reise durch Ruinen

Buchcover von George Orwells Werk 'Reise durch Ruinen' mit dem Untertitel 'Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945'. Das Cover zeigt eine zerstörte Stadtlandschaft mit Ruinen und im Hintergrund die Silhouette einer Kirche. Links im Bild ist der Name des Autors, George Orwell, sowie der Titel des Buches hervorgehoben. Unterhalb des Titels steht der Hinweis 'Kurzrezension'
Einen unmittelbaren Eindruck von den Verhältnissen im untergehenden Nazireich erhält der Leser aus den Reportagen des englischen Schriftstellers George Orwell. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die kurzen Texte, die in diesem schmalen Kompendium versammelt sind, haben es in sich. Neben vielen anderen Reportern, Schriftstellern und schreibenden Beobachtern machte sich auch Georg Orwell 1945 auf den Weg nach Deutschland. Der Krieg war noch nicht zuende, als er deutschen Boden betrat, voller offener Neugier – und schockiert, als er die Verwüstungen Kölns sah: Vom Ausmaß der Zerstörungen durch den Bombenkrieg war man auf den Inseln nicht informiert.

Die Unmittelbarkeit der Berichte, die Orwell für Zeitungen verfasst hat, sind ein großer Vorzug. Zwar bemüht sich der Brite um eine möglichst nüchterne Schilderung, reflektiert und analytisch, doch ist dem Ton anzumerken, wie sehr ihn die Eindrücke anfassen. Es sind nicht so sehr die Aspekte, die er in seinen Analysen richtig erkannt hat, sondern jene, bei denen er falsch lag, die ich mit großem Gewinn zur Kenntnis genommen habe. Sie geben einen Einblick in die Hoffnungen und Befürchtungen der Zeit.

Orwell war Teil jener Armeen, die Deutschland besetzten – die letzten Kriegsmonate waren ein apokalyptisches Gemetzel. In den Monaten Januar bis April starben Schätzungen zufolge mehr als eine Million deutscher Soldaten. Wer das im Hinterkopf hat, ist über den milden Tonfall mancher Berichte erstaunt: Die relative Ruhe auf dem Land, in dem das Leben weitergeht, als wäre der Krieg längst abgewickelt. Die Auflösung der Heeresgruppe C in Norditalien, als hunderttausende Landser zurück ins Reich strömten, wird genauso bildhaft geschildert wie die erschütternden Berichte über die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen.

Als Teil der Koalition der Sieger über ein Deutschland, das Europa unterworfen hat, schildert Orwell auch, wie anders sich die Franzosen im Vergleich zu den Engländern oder Amerikanern verhalten haben. Als Beispiel wählt er Stuttgart . Kritik und der Versuch, die französischen Handlungen unwillig mit der Besatzungszeit durch die Deutschen zu erklären, gehen Hand in Hand. Plünderungen, bewaffnete Auseinandersetzungen, wahllose Gefangennahme deutscher Zivilisten und mangelndes Engagement beim Aufbau einer Militärverwaltung bilden nur einen Teil der Kritikpunkte.

Dank des vorzüglichen und kenntnisreichen Nachworts von Volker Ullrich, der die Berichte ausführlich kommentiert und einordnet, zudem eine ganze Reihe weiterer interessanter Fakten und Aspekte nennt, weiß der Leser auch, was Orwell verschweigt: Es kam zu massenhaften Vergewaltigungen durch die in Stuttgart einrückenden französischen Verbände, mehr als eintausend Anzeigen wurden aufgegeben – die Dunkelziffer dürfte immens sein.

Ich kann dieses Buch nur empfehlen, denn es bietet über die unmittelbaren Eindrücke nach Kriegsende hinaus noch weitere tolle Beiträge. Orwell setzt ich zum Beispiel essayistisch mit der Person Hitlers auseinander, in dem er einen Monomanen sieht. Ganz besonders gelungen ist seine Besprechung eines Buches von Thomas Mann, die ein sehr schönes Beispiel für die Schreibkunst und das zugrundeliegende Verständnis George Orwells ist.

George Orwell: Reise durch Ruinen
Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
C.H. Beck 2021
Hardcover 111 Seiten
ISBN: 978-3-406-77699-1

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Autor Andreas Fischer ist ein ganz besonderes Buch gelungen, kein Roman im eigentlichen Sinne, aber ein großer Wurf aus meiner Sicht. Cover eschen4verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vier Wochen brauchte es nur, um von »Heil unserem herrlichen Führer« zu »Es ist grauenhaft.« zu gelangen. Zwei Zitate aus Feldpostbriefen, jene Schreiben, die von den Soldaten der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges an ihre Lieben daheim geschrieben wurden. Günther heißt der Urheber, der Anfang Dezember 1941 voller begeisterter Erwartung endlich Richtung Ostfront in Marsch gesetzt wird, um dort von der Kriegsrealität blitzartig ernüchtert zu werden. Zwei Tage später ist er schon tot.

Diese beiden Schreiben finden sich in der Mitte des grandiosen Buches Die Königin von Troisdorf, sie bilden das Gravitationszentrum des gesamten Themas, das Andreas Fischer aufarbeitet. Er hat sein Werk als Roman bezeichnet, tatsächlich finden sich auch fiktionale, erzählende Passagen inmitten der vielfältigen Erinnerungsimpressionen und Dokumenten wie Briefen und Postkarten; Fotos spielen im Text eine besondere Rolle, abgebildet sind keine – das geniale Cover-Motiv bleibt solitär.

Fischer lässt seine Passagen munter durch die Zeit springen, er wählt einen nüchternen, sachlichen Rahmen, indem er jeden Abschnitt mit Jahreszahl beginnt, oft gefolgt von einer Ortsangabe und einem oder mehreren kleinen Sätzen. Bei den Dokumenten geht der Autor noch einen Schritt weiter, beschreibt Papier, Form, Poststempel, Briefmarke, Schrift und gibt weitere Erläuterungen zu dem, was folgt. Schreiben als Sezieren.

1961.
Troisdorf.
Ich bin einige Wochen alt.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Diese Form ist eine brillante Entscheidung. Sie distanziert das Geschilderte und verhindert, dass Inhalt und Thema in einem überemotionalen, gefühlstriefenden Morast versinken. Der Leser wird auch genug durchgerüttelt, denn was Andreas Fischer zu berichten hat, führt in ein finsteres Tal, das er als Kind durchschreiten musste. Die Verlierer des Verwüstungskrieges haben ihre Wut an der nächsten Generation ausgelassen; und der übernächsten – unmittelbar oder mittelbar.

Der Vater des Autors ist selbst Soldat gewesen, er hat im Gegensatz zu dem zitierten Günther und dem eigenen Bruder Herbert das große Schlachten überlebt, obwohl es ihn am Ende sogar noch in den Strudel der Ardennenoffensive gerissen hat. Die Person, die abends von der Arbeit ausgelaugt am Küchentisch sitzt, raucht und säuft, den alten Ideologien, Verschwörungserzählungen und Feindbildern treu geblieben ist, lässt sich kaum in Einklang bringen mit dem, was an anderer Stelle über ihn zu lesen ist: charmant, wissbegierig, sprachgewandt, freundlich, offen. Frauentyp.

Was hat diesen krassen Wandel bewirkt? Was diese unsäglich Ehe initiiert? Vater Reinhold verhält sich höchst befremdlich und wechselhaft gegenüber Andreas, Mutter und Großmutter, die er »Hindenburg und Ludendorff« oder »Kaltmamsellen« nennt, sind ihm gegenüber von einer gleichbleibenden Kälte. Ein ungeliebtes, verachtetes, unerwünschtes Kind, einer »von seiner Sorte« reiche, heißt es. Es wirkt keineswegs übertrieben, wenn Andreas glaubt, in ihren Augen wäre er ein »Drecksack« und seine (Un-)Taten wären «Verbrechen«.

Jeder Protest, jedes Aufbegehren verhallt.
Hindenburg und Ludendorff kennen keine Gnade.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Wie kann man in einer solchen Umgebung aufwachsen? Wie überleben? Eine weitere, große Stärke des Buches liegt darin, dass es – auch dank der Form – nicht in eine rauschhafte Abrechnung oder gar einen rasenden Amoklauf des erinnerten Schmerzes abgleitet, sondern den Lichtblicken Raum gibt. Andreas hat seine Tante Hilde, und – vom haltlosen Jähzorn abgesehen – durchaus auch seinen Onkel Bruno, der ihn zwar einmal fürchterlich verprügelt, aber im Grunde auch respektiert.

Es gibt in der Kälte durchaus wärmende Momente, auch sein Vater hat einige positive Erinnerungen hinterlassen. Das väterliche Meisterstück bestand darin, seinem fünfzehn Jahre alten Sohn den Auszug in eine Art Schutzraum zu gestatten – mit seiner Hilfe baut sich dieser den Dachstuhl in jenem Haus aus, in dem das familieneigene, gut laufende Fotoatelier untergebracht ist. Dort verbringt er seine Tage, irgendwann auch die Nächte und entzieht sich dem kontrollierenden Zugriff von Oma und Mutter.

Vater Reinhold hat Andreas’ »Testament« gefunden, eine achtseitige Abrechnung, verfasst anlässlich aufkeimender Suizid-Gedanken, und aus diesem alarmierenden Fund eine bemerkenswerte Schlussfolgerung gezogen. Sie steht in Kontrast zu jenem alltäglichen Wüten, zum Beispiel als der Sohn in der Schule mit den Abgründen des Vernichtungskrieges konfrontiert wird: Reinhold leugnet die Fakten rundherum ab, diffamiert sie als alliierte Propaganda und stellt eine rechtsextreme Verschwörungserzählung dagegen.

Andreas hat das große Glück, dass er an eine vernünftige Lehrerin gerät, die ihn zunächst den Unsinn vortragen lässt, ehe sie ihm ruhig widerspricht; eine Bibliothekarin, die ihn mit der nötigen Literatur über den Holocaust versorgt, sodass er sich selbst ein Bild machen kann; einen Geistlichen, der ihm eine Erklärung dafür liefert, warum sein Vater eine Lüge der Wahrheit vorzieht. Am Ende steht eine eigene Meinung, die im Gegensatz zu dem väterlichen Nonsens steht. So geschieht Bildung, gedeihen Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit, das Pendant zum emotionalen Rettungsanker.

Der Hass meiner Oma auf mich durchzieht das ganze Haus vom Keller bis zum Dach wie ein bestialischer Gestank, dessen Quelle nicht zu orten ist. Ich bin zu klein, um Überlegungen anzustellen, wo die Ursache liegen könnte. Der Gestand ist völlig normal, ganz selbstverständlich gehört er zu meiner Welt wie das Geschäft meiner Eltern, das weiße Schulgebäude und Vaters Schnapsflasche im Kühlschrank.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf

Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind gestört und im Grunde kaputt. Andreas Fischer stellt viele Fragen, ohne unbedingt eine Antwort zu geben oder auch nur zu versuchen. Was für ein Glück, denn so bleibt es dem Leser überlassen, selbst nach welchen zu suchen – oder auch nur zu lesen. Dankbarerweise verzichtet der Autor auch auf die Niederungen jeder Gut/Böse-Verschlichtung, die Widersprüche sind klar und bleiben unaufgelöst.

Dieses Buch ist auch ein ganz wunderbares Beispiel dafür, wie ein Inhalt seine passende Form gefunden hat. Man kann fast dankbar sein, dass der Autor keinen Verlag gefunden hat, der ihn möglicherweise genötigt hätte, seine Lese-Kost zu einem gefälligen, leicht verschlingbaren Literaturbrei zu pürieren; der Inhalt verlangt geradezu nach einer sperrigen Form. So ist Die Königin von Troisdorf ein großer, geradezu royaler Wurf.

Wer eine Zweitmeinung zu dem Roman einholen möchte, den verweise ich gern auf die sehr gelungene, ausführliche und etwas anders fokussierte Buchbesprechung auf dem generell empfehlenswerten Blog: Horatio-Bücher.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf
eschen 4 verlag 2022
Hardcover 473 Seiten
ISBN: 978-3-00070-369-0

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