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Schlagwort: Nationalsozialismus (Seite 11 von 14)

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Eine hochinteressante autofiktionale Erzählung aus den Niederlanden über eine Familie, die tief verstrickt ist in den zweiten Weltkrieg – teileweise auf deutscher Seite wohlgemerkt. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

»Verhältnis« – ein wunderbares, vielschichtiges Wort. Es kann die Beziehung zwischen Menschen bezeichnen, im Plural dient es dazu, die allgemeinen Lebensumstände zu benennen, schließlich steckt noch das Verhalten darin, das mehr oder weniger dazu beiträgt, die Verhältnisse zu beeinflussen und umgekehrt. Außerdem wird es oft mit einer außerehelichen Liebschaft gleichgesetzt.

All das findet sich in diesem Buch von Alexander Münninghoff. Die Verhältnisse sind auf allen Ebenen verwickelt, verworren, atemberaubend wechselhaft und von der ersten bis zur letzten Seite spannend und vor allem dynamisch. Der Stammhalter hält den Leser bei der Stange, es ist ein Pageturner ohne Action, man kann sich nur schwer lösen.

»Schwarz und bedrohlich glänzend, auf der einen Seite ein schwarz-weiß-rotes Emblem und auf der anderen zwei grellweiße Blitze.«

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Ich werde erst gar nicht den Versuch unternehmen, so etwas wie eine inhaltliche Zusammenfassung zu bieten – das bliebe in allen denkbaren Fällen unzulänglich.

Schwerpunkt und Kern ist der Zweite Weltkrieg, denn dieses epochale Gemetzel auf dem europäischen Kontinent hat für die Familie des Autors dramatische Folgen. Sie ist im Baltikum, in Riga ansässig, dort reich geworden und Teil der gehobenen Gesellschaft. Deutsche, Schweden und Niederländer bilden die wirtschaftliche (und politische) Elite, die Letten sind das Fußvolk – wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse stark vergröbert zeichnet.

Dank des Hitler-Stalin-Paktes geraten die baltischen Staaten unter den Einfluss der brutalen Sowjetmacht, die 1940 mit militärischen und polizeilichen Mitteln die Eigenstaatlichkeit der baltischen Länder beendet und jeden, der nicht in ihr politisch-ideologisches Konzept passt, tötet, inhaftiert oder verschleppt. Eine traumatische Erfahrung, bis in unsere Tage wirkt das Echo in den wieder selbstständigen Staaten nach.

Für die Familie des Autors geht die Katastrophe glimpflich aus. Der »Alte Herr« Joannes, also der Großvater von Alexander (Bully), ist weit über die Landesgrenzen hinaus bestens vernetzt, wodurch er drei Tage vor dem Angriff der Wehrmacht auf Polen davon aus Berlin erfährt. Da er auch von Hitlers und Stalins Teufelspakt weiß, kann er Schlimmeres verhindern und die Seinen sowie einen Teil des Vermögens in Sicherheit bringen. Die Niederlande, aus der er ursprünglich ausgewandert ist, wird zur neuen (alten) Heimat auserkoren.

Sehr zum Verdruss von Frans: Der Sohn von Joannes und Vater von Alexander hasst die Niederlande, in die ihn der »Alte Herr« mit brachialen Methoden hineinzwingen will. Das geht gründlich schief, Frans wendet sich Deutschland zu, tritt der Waffen-SS bei, nimmt am Feldzug im Osten teil, wird mehrfach verwundet und ausgezeichnet und überlebt, weil er trotz seiner tief empfundenen Kameradschaft und Treue im Herbst 1944 schließlich desertiert.

»Das wahre Gesicht des Krieges, wie es sich mir in der halbdunklen Diele vor der Treppe in Hans’ Elternhaus zeigte, macht kopflos.«

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Sein Vater laviert zwischen den Fronten. Die SS-Mitgliedschaft seines Sohnes und dessen Kampf an der Ostfront nutzt er während der Besatzungszeit für gute Beziehungen zu den Deutschen, während er gleichzeitig mit dem britischen Geheimdienst und Widerständlern Kontakte unterhält, ja selbst tätig wird; das Geschäft läuft derweil trotz des Krieges weiter – nach dem Krieg nutzt er die schwarzuniformierte Vergangenheit Frans’, um diesen unter Druck zu setzen.

Damit ist nur eine von vielen, einander überlagernden, miteinander verwickelten und nicht enden wollenden Konfliktlinien in dieser Familie genannt, wenn auch eine wesentliche: Die Auseinandersetzung zwischen dem erfolgreichen und völlig skrupellosen bzw. gefühlskalt-egoistisch agierenden Tycoons und seinem Sohn um die gewünschte und passende Identität.

Während Frans durch seine Kollaboration in Schwierigkeiten gerät, wird Enkel Alexander zum Stammhalter erwählt und auf rabiate Weise in Position gebracht. Unnötig zu sagen, dass auch am Ende alles mehr oder weniger scheitert, die hochfliegenden Pläne zerschellen an den Verhältnissen im eingangs genannten Sinne. Es wird geliebt, gehasst, fremdgegangen, geprasst, in großer Not gelebt, geflohen, betrogen und intrigiert – ein turbulenter Strudel an Ereignissen, denen der Leser folgen darf.

»Bei uns wurde ein Deutsch der Höflichkeit und Sanftmut gesprochen, eine Sprache, von der man sich gut vorstellen kann, dass sie sich auch für tiefschürfende Gedanken und Poesie eignet, nicht nur für Kriegshetze und Propagandagedröhn. In meiner Erinnerung ist die deutsche Sprache, die auch meine erste war, ein zärtliches Säuseln, ein leises Flüstern, denn es kam ja aus dem Mund meiner Mutter.«

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter

Münninghoff zeichnet auch das Bild einer untergegangenen Welt. Eigentlich müsste man Welten sagen, denn der Zweite Weltkrieg hat davon eine ganze Reihe in den Abgrund gestürzt, aus dem sie nie wieder hervorkommen werden. Neben vielem anderen unterscheidet auch das einen Familienroman wie Der Stammhalter von TV-Serien-Schund, denn wie vor 1939 die unwiederbringlichen, heute unvorstellbaren europäischen Verflechtungen aussahen, wird hier auf wunderbare Weise erlebbar. Außerdem gilt für beinahe alle und alles in diesem Buch: »Doch es wurde nichts mehr gut.«

[Rezensionsexemplar]

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
C.H. Beck-Verlag 2023
Taschenbuch 334 Seiten
ISBN: 978-3-406-79624-1

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Eine großartige literarische Annäherung an den flämischen Kollaborateur Willem Verhulst und sein Leben. Ganz nebenbei mein erstes Buch eines in Belgien lebenden Autors. Cover Diogenes, Bild mit Canva erstellt.

Man stelle sich den Kauf eines Hauses vor, die Besichtigung in Gegenwart des Notars, dem das Anwesen gehört; während man von Raum zu Raum schreitet, werden die Erinnerungen an jene geschildert, die dort einmal gewohnt haben – eine Hitler-Büste auf dem Kaminsims? »Was für Leute haben denn hier gewohnt?« Die Frage beantwortet – Jahre später – ein Buch: ein Kollaborateur und Angehöriger der Waffen-SS.

So führt Autor Stefan Hertmans den Leser in seinen Roman Der Aufgang, um diesem Mann nachzuspüren: Willem Verhulst, eine schillernde Figur, in dem sich das Drama ganz Belgiens spiegelt. Früh auf einem Auge erblindet, was ihn zum Außenseiter macht, zugleich aber vor einem Fronteinsatz während des Ersten Weltkrieges bewahrt; in den Kriegsjahren beginnt seine Liaison mit Deutschland, die bis zum Ende seines Lebens im Jahr 1975 prägend sein wird.

Belgier, könnte ich schreiben, und hätte damit durchaus recht. Formal gesehen war Willem Verhulst Staatsbürger des kleinen Landes, das etwas arg zu kurz kommt, wenn die beiden großen Kriege verhandelt werden, mit denen Deutschland Europa überzogen hat. Frankreich, England, Russland, die Sowjetunion, die USA – aber Belgien? Oft kaum mehr als ein randständiges Durchmarschland in beiden Kriegen.

Schon im Ersten Weltkrieg machen sich Charakteristika des Zweiten bemerkbar: Zwangsarbeit, Gewalttaten gegenüber der Zivilbevölkerung, Kollaboration; und nach der Niederlage des Kaiserreiches Verfolgung und Flucht der Kollaborateure. Einer davon ist Willem Verhulst, der sich selbst eben nicht als Belgier, sondern als Flame sieht und auf ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung hofft. Schon vor 1918, wohlgemerkt.

Immer seltener hält er mit seinen Sympathien für ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung hinterm Berg.

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Nach dem Krieg folgt die Flucht in die Niederlande mit seiner todkranken, verheirateten Geliebten Elsa;  dort lernt er Mientje kennen, die er nach dem Tod Elsas ehelicht und betrügt. Ein notorischer Fremdgänger, der jedoch nicht nur seine Liebschaften, sondern auch seine politischen Ansichten und Aktivitäten vor seiner Frau geheimzuhalten sucht.

Oft steht der Leser gemeinsam mit Mientje vor verschlossener Tür, hinter der widersprüchliche Dinge verhandelt werden. Mal ist es ein jüdisches Ehepaar, das um Hilfe bittet; Willem kennt offenkundig die Frau näher, man ahnt, warum. Mal sind es Wehrmachtsoffiziere, mit denen sich Willem beim Einmarsch der Wehrmacht bespricht, seine Reisen ins Reich, seine Kontakte, Sympathien.

Hertmans nutzt diesen Kniff, um Dinge, die er nicht wissen kann, offenzulassen. Wie Willems Frau braucht der Leser ohnehin keine Details, denn aus den Taten des Kollaborateurs lässt sich genug herauslesen. Mientje ist sein Widerpart, was die politischen Ansichten anbelangt; die kluge, religiöse, pazifistisch eingestellte Frau, die wissbegierig und offen ist, kämpft gegen alles an, was sie an Willems Kollaboration erinnert.

Zuhause untersagt sie ihm das Tragen der Uniform; wirft einen SS-Dolch, den Willem ihrem gemeinsamen Sohn schenkt, mit dem auf der Klinge eingravierten Schriftzug, »Meine Ehre heißt Treue«, in das benachbarte Gewässer; verbrennt deutsche Zeitungen; hält gegenüber allen uniformierten Gästen und dem mit einer Hitler-Büste geschmückten Salon Distanz und nennt diesen Raum treffend »Totenzimmer«. Ändern kann sie damit selbstverständlich wenig.

Diese unschuldige Formulierung ist nur ein dünnes Vlies, das kaum das rohe Fleisch darunter verdeckt.

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Der Aufgang ist kein Roman im eigentlichen Sinne; er vereint fiktionale, berichtende, essayistische Elemente, angereichert mit Bildern ist er auch die Geschichte einer Spurensuche. Hertmans spricht mit den Angehörigen Willems, den Kindern, liest, was an Akten, Briefen, Tagebüchern und Büchern überliefert ist und reflektiert. Bemerkenswert ist, wie die Kindern bis ins hohe Alter Formulierungen verwenden, wenn es um die Karriere ihres Vaters geht, die seine (Un-)Taten verharmlosen.

Ab 1943 dreht der Wind. Willem ist Angriffen, Pöbleien, Spott und Drohungen ausgesetzt; zugleich steht er seitens der Deutschen unter massivem Druck, erleidet Nervenzusammenbrüche, schluckt Pervitin und ist noch diensteifriger. Trotz allem Engagements spürt er die Herablassung seitens der Besatzer, die in ihm und den Flamen letztlich doch nur zweitklassige »Westgermanen« sehen.

Ausgrenzung ist eine Wurzel für Willems Kollaboration, die Herablassung durch die französischsprechenden Bevölkerungsteile Belgiens, das Gefühl, »ein ›Neger‹ im eigenen Land« zu sein. Kurioserweise führte das zum Bruch mit dem Staat Belgien, während die bittere Erkenntnis, ein Flame sei »nie mehr als ein Ersatz- oder Westgermane« seine Loyalität gegenüber Deutschland nicht bricht.

Der Siegeszug stockte bald und die Hölle näherte sich unabwendbar.

Stefan Hertmans: Der Aufgang

Im September 1944 flieht Willem mit seiner Geliebten Griet Latomme nach Deutschland; Mientje bleibt in Gent, sie und die Kinder werden von »Widerständlern«, einer Rotte gewaltbereiter Männer, heimgesucht. Da der Kollaborateur in Deutschland weilt, ein Aufenthalt, über den Griet gespenstisch geschönte »Erinnerungen« überliefert, bekommen seine Familienangehörigen die aufgestaute Wut ab; Sohn Adri stirbt beinahe.

Was folgt – nun, Geschichte ist nicht gerecht; Gefängnis läutert nicht, sondern radikalisiert, und Menschen ändern sich nur dann, wenn sie einsichtig sind und es wirklich wollen.

Der Aufgang ist ein großartiges Buch, das die widersprüchliche Vielschichtigkeit der historischen Person und ihre Verflechtung mit der Lebenswirklichkeit auch durch die Struktur der Erzählung wiedergibt. Der Autor setzt sich mit der Person Willem Verhulst, aber auch mit der Spurensuche und auf beeindruckend offen-kritische Weise mit sich selbst auseinander. Am Ende bleibt aber – bei allem Verstehen – immer deutlich, wofür Verhulst sich hat einspannen lassen: ein menschenverachtendes Gewaltregime.

Ganz persönlich hat mir Der Aufgang auch deshalb so gut gefallen, weil ich wieder einige Antworten auf die Frage erhalten habe, warum Männer (und Frauen) in fremder Uniform kämpfen. Eine positive Rezension gibt es auch bei Buch-Haltung, die etwas anders akzentuiert ist und den Versuch einer Einordnung unternimmt.

[Rezensionsexemplar]

Stefan Hertmans: Der Aufgang
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Diogenes 2022
Hardcover, Leinen 480 Seiten
ISBN: 978-3-257-07188-7

Jason Lutes: Berlin

Eine epische Grafic Novel erzählt die Ereignisse der dem Abgrund entgegentaumelnden Weimarer Republik aus vielen, spannenden Perspektiven. Cover Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Volker Kutscher, Autor der von mir sehr geschätzten Romane um den Kriminalkommissar Gereon Rath, ist es zu verdanken, dass ich auf diesen Schatz aufmerksam geworden bin. Seine lobenden Worte auf dem Cover dieses wahrlich dicken Schinkens haben mich zu einem zweiten Blick bewogen, obwohl ich mit Grafic Novels bislang nicht so viel anfangen konnte.

»Ein opus magnum, eine Sinfonie der Großstadt, eine Comic-Sinfonie.« Kutschers Worte erweisen sich als wahr: Die Lebensumstände im Berlin der Jahre 1928 bis 1933 werden vielschichtig erzählt und ganz wundervoll ins Bild gesetzt. Die Darstellung wirkt karstig, garstig, schwarz-weiß und frei von allem Glamour.

Freunde von »Babylon Berlin« werden möglicherweise die Nase rümpfen, denn in Lutes Berlin gibt es keine Charlotte Ritter; die Figuren bilden ein breites, widersprüchliches Spektrum der Bevölkerung und sozialer Schichten ab, Jason Lutes hat es meisterhaft verstanden, in kargen Zeichnungen ihre Befindlichkeiten einzufangen.

Geschickt werden Ereignisse und Begebenheiten neben- und nacheinander montiert, Lutes verzichtet zum Glück auf jede Form moralinsaurer Belehrungen. Trotzdem bezieht »Berlin« klar Stellung gegen die brutalen, grobschlächtigen und in ihrem Wesenskern gar nicht so unähnlichen Gewaltextreme der Zeit.

Vor- und Nachwort geleiten den Leser, außerdem findet sich in der Gesamtausgabe noch ein sehr interessantes Interview mit dem Zeichner. Toll hat mir das Berlinern einiger Figuren gefallen und – soviel darf gesagt werden – es endet trotz der Machtübertragung an Hitler 1933 nicht alles in depressiver Schwärze.

[Ein Bibliotheksfund, daher unbezahlt]

Jason Lutes: Berlin
aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders
Berlinerisch von Lutz Göllner
Carlsen Verlag 2019
HC 610 Seiten
ISBN 978-3-551-76820-9

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

Der Putschversuch Adolf Hitlers am 08. / 09. November 1923 bildete den nach außen sichtbaren Teil einer umfassenden Rechtsverschwörung gegen die Republik. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal lassen sich die Dinge auf einen einfachen Nenner bringen. »Der Hitler-Putsch war keineswegs nur Hitlers Putsch.« Nach der Lektüre dieses wunderbaren Buches kann man dem nur nachdrücklich zustimmen. Wolfgang Niess legt in seinem spannenden und auch für Laien gut lesbaren Buch Der Hitlerputsch 1923 dar, was für eine umfangreiche, rechte Verschwörung die strauchelnden Republik von Weimar im vierten Jahr ihrer Existenz bedrohte.

Schule und Studium haben bei mir einen etwas anderen Eindruck hinterlassen. Kapp-Lüttwitz-Putsch und Hitler-Putsch sind für mich über lange Jahre eher Randerscheinungen gewesen, die man getrost vernachlässigen konnte. Mehr oder weniger dilettantische Versuche, die noch junge Demokratie auf rabiate Weise in eine Diktatur zu verwandeln. Auch der Mord an Persönlichkeiten wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau gehörten eher in die Rubrik folgenloses Aufbegehren Ewiggestriger.

Ein Irrtum.

Schon 1922 hatte sich eine umfangreiche Verschwörung formiert, die keineswegs aus einer kleinen Schar rückwärtsgewandter Allmachtsträumer bestand. Allein die Organisation Consul bzw. Wiking des Putschisten Herrmann Ehrhardt hätte zehntausende Kämpfer mobilisieren können, hinzu kamen die Alldeutschen, der Bund der Frontsoldaten und der Stahlhelm. In Bayern gab es einen ganzen Strauß an Wehrverbänden, national, monarchistisch, völkisch, nationalistisch und eben auch Hitlers Kampfverbände.

Den Überblick zu behalten, ist nicht einfach, allein wegen der vielfachen Umbenennung, Zusammenlegungen, Trennungen. Natürlich spielten Kriegsveteranen eine zentrale Rolle in allen diesen Verbänden, ebenso die zahllosen Freikorps, die nach dem Krieg eine halbreguläre Parallelarmee neben der Reichswehr bildeten. In den Kämpfen nach innen gegen tatsächliche und erfundene kommunistische Gegner, aber auch nach außen gegen die Rote Armee, Polen usw.

Von Hitler war im Oktober 1923 wenig zu hören. In dieser Zeit wurde das Spiel von anderen bestimmt.

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

Hitler hat in diesem rechten, antidemokratischen und gewalttägigen Mahlstrom keineswegs die erste Geige gespielt, auch wenn die Nationalsozialisten nach 1933 eifrig an diesem Bild arbeiteten, während die hauptsächlichen Verschwörerkreise und ihre Unterstützer in den Institutionen und der Gesellschaft nach 1923 versuchten, die eigene Verantwortung loszuwerden, indem sie diese auf Hitler abwältzten und sich wegduckten.

Es gehört zu den großen Vorzügen des Buches, die gewaltige Masse des Umsturzeisberges, von dem Hitler bestenfalls die Spitze war, aufzuzeigen. »Auf nach Berlin!« war im Herbst 1923 keineswegs nur Hitlers Motto, es gab weitreichende Pläne, Auf- und Durchmarschabsichten, um »Mussolinis Marsch auf Rom« im Reich nachzuahmen.

Die Hetze gegen die demokratisch gewählte Regierung in Berlin, die mit der explodierenden Inflation und der Ruhrbesetzung zu kämpfen hatte und über Monate an einem Abgrund entlangtänzelte, war ungeheuerlich. Ausgerechnet jemanden wie Reichskanzler Stresemann als Teil einer »sozialistischen Judenregierung von Landesverrätern« zu diffamieren, ist infamer Hohn, allein dazu gedacht, brutalste Gewaltmaßnahmen zu rechtfertigen.

»Auf nach Berlin!«

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

In diesen Aspekten unterschieden sich die Verschwörer kaum, eher in der Frage, wie und unter welchen Bedingungen man den »Marsch auf Berlin!« wagen sollte. Hitler war in diesem Punkt der Ungestüme, der Spieler, der auch mit mäßigen Karten bei hohem Einsatz mitgehen wollte; aber nicht in allen Punkten dilettantisch vorging. Niess stellt einen interessanten Zusammenhang her.

Am 01. Mai 1923 erlitt Hitler schon einmal Schiffbruch mit dem Versuch, sich gegen die Landespolizei und Reichswehr zu stellen. Niess meint, dass er aus dieser Niederlage gelernt und bei seinem Putsch-Versuch im November darauf gesetzt habe, mit von Kahr (Staatskommissar), Gessler (Polizei) und von Lossow (VII. Reichswehrdivision) die für Gelingen oder Scheitern eines Umsturzes entscheidenden Institutionen hinter sich zu bringen.

Hitler wusste wohl genau, dass er gegen die Exekutivkräfte des Reichs chancenlos war, also versuchte er mit einem Manöver aus Gewaltandrohung, Überredung und euphorisierender Propagandarede im Bürgerbräukeller gegenüber den Verantwortlichen die Voraussetzungen für den Erfolg eines Marsches auf Berlin zu schaffen. Der improvisierte Marsch am 09. November diente primär Propagandazwecken und mündete gleichwohl in einem blutigen Fiasko, der Hitler beinahe das Leben gekostet hätte.

Halb Bayern wollte im November 1923, dass der Marsch nach Berlin angetreten wird. Das Schicksal der Republik hing tatsächlich an einem seidenen Faden.

Wolfgang Niess: Der Hitlerputsch 1923

Es ist in gewisser Hinsicht faszinierend, wie die rivalisierenden Kräfte um den richtigen Weg miteinander rangen, zu denen auch Reichswehrchef Seeckt und sein Streben nach einer nationalen Diktatur gehörten. In dieser für das Reich dramatischen Situation, in der kurioserweise die Inflation gerade erfolgreich überwunden wurde, wird der Leser von den sich überstürzenden Ereignissen regelrecht mitgerissen.

Der Hitlerputsch 1923 – Geschichte eines Hochverrats geht auch ausführlich auf die ungeheuerlichen Ereignisse nach dem Putsch ein. Die groteske Veranstaltung des Hitlerprozesses endete nicht etwa mit der Todesstrafe oder wenigstens der Ausweisung des hochverräterischen Österreichers (!), sondern mit einer Verurteilung zu milder Festungshaft. Die alles verschleiernde »Aufarbeitung«, die helfenden Hände für den Jahre in der Versenkung verschwindenden Hitler und sein Comeback nach 1928 erlebt der Leser mit einem Schaudern.

Ein kleines Fragezeichen habe ich hinter eine Sache gesetzt: Niess meint, Hitler hätte vor dem Leipziger Staatsgerichtshof statt vor einem bayerischen Gericht abgeurteilt werden müssen, was nach Meinung des Autors zu einer angemesseneren Verhandlung geführt hätte. Angesichts der grotesken Prozesse gegen die Mörder Rathenaus, die in Leipzig verhandelt wurden, darf das bezweifelt werden.

Dieser kleine Einwand mindert den rundum positiven Eindruck des Buches keineswegs. Wolfgang Niess Buch über den Hitlerputsch 1923 ist sehr spannend, informativ und bestens geeignet, sich einhundert Jahre danach an die Republik am Abgrund zu erinnern, in dem sie knapp zehn Jahre später versank.

[Rezensionsexemplar]

Wolfgang Niess:Der Hitlerputsch 1923
C.H.Beck 2023
Gebunden 350 Seiten
mit 30 Abbildungen
ISBN: 978-3-406-79917-4

Volker Kutscher: Märzgefallene

Der fünfte Teil der Reihe um Kriminalkommissar Gereon Rath ist äußerst stimmungsvoll um einen sehr spannenden Fall gewoben. Cover KiWi, Bild mit Canva erstellt.

Gelesen – natürlich im März. Neunzig Jahre nach den Ereignissen, die den historischen Hintergrund für den fünften Mordfall bilden, den Kommissar Gereon Rath zu lösen hat; wann passt die Lektüre schon einmal so gut? Und wann ist ein Roman so gut informiert, versteht es, den Zeitgeist, braun und gewalttätig, so mitreißend einzufangen, ohne den Zeigefinger studienrätisch zu schwingen, sondern einen wirklich spannenden Kriminal-Thriller zu erschaffen?

Das Wort »Kulisse« wäre herabwürdigend, denn Volker Kutscher hat Märzgefallene so gestaltet, dass die historischen Ereignisse den Gang der Ermittlungen massiv beeinflussen. Rath und seine Verlobte, Charlotte Ritter, werden in den Mahlstrom der Ereignisse nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hineingezogen, der Brand des Reichstags, die Grausamkeiten der zur Hilfspolizei aufgewerteten SA und die Durchdringung der Behörden durch die neuen Machthaber.

Vom Zauber und Charme der Weimarer Republik ist nicht mehr viel geblieben. Hakenkreuzfahnen allüberall, Aufläufe, brutale Gewalttaten, während viele Bürger versuchen, ihren normalen Alltag inmitten des radikal antidemokratischen Umsturzes zu leben, andere den neuen Machthabern in devoter Haltung entgegenkommen, sich anpassen, Opportunisten. Standfestigkeit führt aufs Abschiebegleis oder zieht Schlimmeres nach sich.

Der geschönte Krieg, für die Familie daheim.

Volker Kutscher: Märzgefallene

In beklemmenden Szenen zeichnet Kutscher nach, wie aus den Vorbänden bekannte Figuren, etwa der bereits geschasste Polizeipräsident Bernhard Weiß, um ihr Leben bangen müssen, wenn der braune Mob heranwalzt und von der Schutzpolizei nicht gehindert die Privatwohnung stürmt. Mit den Hauptfiguren, vor allem Charlotte Ritter, fühlt man die Hilflosigkeit und Ohnmacht, mit Gereon Rath die Neigung, Wegzusehen, Abzuwiegeln und Weiterzuwurschteln.

Wer nicht entkommen kann, nimmt Schaden an Leib und Leben. Das bekommt auch die Unterwelt zu spüren, die in Gestalt von Johann Marlow auch in diesem Teil wieder mitmischt, was dem Autor vielfältige kreative Spielräume eröffnet, die dieser weidlich nutzt. Auf diesem Weg nimmt Kutscher nämlich den Leser mit hinab ins Inferno der SA-Gefängnisse, in denen schon ganz zu Beginn des so genannten »Dritten Reichs« tausende gebrochen, versehrt und getötet wurden, nach unsäglichen Qualen.

Rath muss in diesem tobenden Durcheinander mehrfach seinen geschmeidigen Umgang mit Recht, Ordnung und Regeln unter Beweis stellen, um nicht zwischen den Mühlsteinen zermahlen zu werden. Bei allen Auseinandersetzungen zwischen dem sich unpolitisch gebenden Rath und der engagierten und klarsichtigen Charlotte Ritter geben beide dem Drang zu Extratouren allzu gern nach, um der Ödnis des Dienstes zu entgehen und den Fall voranzutreiben.

Dieser berührt einen Todesfall ganz besonderer Art, der seine Wurzel – wie so oft bei Kutscher – in der noch weiter zurückliegenden Vergangenheit. Märzgefallene bezieht sich auch auf Ereignisse aus dem März 1917, als während einer Rückzugsoperation gewaltige Zerstörungen im Frontgebiet angerichtet wurden. Dabei soll es zu einer folgenschweren Tat gekommen sein, die einen Beteiligten sechszehn Jahre später zu der Veröffentlichung eines Romans animiert, mit dem Titel: Märzgefallene.

»Die Operation Alberich«, sagte Roddeck. »Ich war seinerzeit mittendrin. Wir haben das Gebiet evakuiert, Straßen vermint, Schienen zerstört und in den verlassenen Dörfern Sprengfallen gelegt, Brunnen vergiftet und was sonst noch alles nötig war.«

Volker Kutscher: Märzgefallene

Volker Kutscher ist es wiederum gelungen, einen schlüssig aufgebauten, vielschichtigen Fall zu konstruieren, die unvermeidlichen Twists bei der Aufdeckung der Motive und Hintergründe erscheinen folgerichtig und logisch. Vor allem sind sie spannend und verwickelt, so dass auch Leser gewöhnlicher Krimis auf ihre Kosten kommen.

Doch ist die Atmosphäre, die Kutscher in seinen Märzgefallenen zu schaffen versteht, der heimliche Star dieses Romans. Wenn der Showdown naht, der verwickelte und komplizierte Fall gelöst ist und Rath eine Idee entwickelt, das Ganze zu einem halbwegs verträglichen Ende zu führen, wütet zeitgleich die berüchtigte Bücherverbrennung. Das ist keinesfalls nur Kulisse, aber selbst als solche wäre sie einfach großartig.

Eine Besonderheit kostet der Autor auch im fünften Band seiner Reihe voll aus: Kommissar Gereon Rath ist nicht pflegeleicht oder gar stromlinienförmig. Er hat ein gutes Händchen, Motive und Zusammenhänge aufzudecken, aber auch, sich persönlich in Schwierigkeiten zu bringen. Er ist katholisch in dem Sinne, dass Paris eine Messe wert ist – etwa durch Gefälligkeiten für und von dem Unterweltboss Johann Marlow. Diese Kooperation macht Rath faktisch zu einem bestechlichen Beamten.

Rath nickte.

Volker Kutscher: Märzgefallene

Die Ambivalenz reicht darüber hinaus in den politischen Bereich, dem die Hauptfigur mit naiver Verharmlosung und einem gehörigen Konservativismus begegnet. Das führt zu massiven Spannungen mit Charlotte Ritter, die als hehre Verteidigerin von Demokratie gezeichnet ist, Ohnmacht empfindet, Ekel und Trauer, während sie versucht, den herabstürzenden Trümmern des zerbrechenden Systems auszuweichen.

Für mich als historisch interessierten Leser sind die Verbindungen zu anderen Büchern faszinierend. Wunderbar ergänzend zu den ersten fünf Teile der Reihe ist etwa Höhenrausch von Harald Jähner, wer das Buch kennt, für den gewinnt die Handlung noch einmal beträchtlich an Tiefe. Das gilt bei der Lektüre von Märzgefallene auch für Uwe Wittstocks, Februar 33: Während Gereon Rath noch glaubt, es könne sich alles zum Guten wenden, hat ein Brain Drain durch massenhafte Intellektuellen-Flucht schon stattgefunden.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Märzgefallene
Kiepenheuer&Witsch 2014
Gebunden 608 Seiten
ISBN: 978-3-462-04707-3

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