Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Wehrmacht (Seite 1 von 2)

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Die Wehrmacht zermalmte im Frühjahr 1940 ihre Gegner, was viele in Frankreich lebenden Exilanten in eine lebensbedrohliche Lage brachte und zur oft verzweifelten Flucht zwang. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die südfranzösische Stadt Marseille platzte im Sommer 1940 aus allen Nähten. Zu den 900.000 Bewohnern aus der Vorkriegszeit kam noch eine halbe Million Menschen hinzu, die man etwas despektierlich als Treibgut des Krieges bezeichnen könnte: Flüchtlinge aus vielen europäischen Ländern, britische Soldaten, Fremdenlegionäre, Angehörige der französischen Kolonialtruppen (Algerien, Indochina, Marokko), demobilisierte Franzosen.

Es war ein buntes Gewirr des Schreckens, denn das exotische Gemenge der Kleidung überdeckte nicht die pure Not der Gestrandeten, von denen die überwältigende Mehrheit vor allem eines wollte: raus aus Frankreich, weg vom Krieg. Die Wehrmacht hatte Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg innerhalb weniger Wochen überrollt und Millionen fliehende Menschen wie eine Bugwelle vor sich hergetrieben. Aus französischer Sicht hat Pierre Lemaitre diese Zeit in seinem brillanten Roman Der Spiegel unseres Schmerzes beschrieben.

Zu den Flüchtlingen gehörte eine recht kleine Schar deutschsprachiger Literaten, die nach 1933 aus Deutschland (später auch Österreich und der Tschechoslowakei) fliehen mussten, also schon die zweite oder dritte Flucht durchlitten. Ihnen widmet sich Uwe Wittstock in seinem Buch Marseille 1940, ohne dabei zu unterschlagen, dass es sich nur um die sprichwörtliche sichtbare Spitze des Eisbergs handelt: Die prominenten Literaten ließen Spuren in Form schriftlicher Zeugnisse, die überwältigende Mehrheit der vor dem Nazi-Terror Fliehenden nicht.

Vor den Augen Amerikas bricht eine Nation zusammen, die als Inbegriff der Zivilisation, Aufklärung, Eleganz und Lebensfreude gilt.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Es ist gut, dass Wittstock gleich zu Beginn deutlich macht, wem er sich – mangels überlieferter Materialien – zwangsläufig nicht widmen kann (hier sei auf den Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque verwiesen). Der Fokus auf literarische Prominenz kann das Bild durchaus verzerren, denn einige Literaten konnten immerhin auf ihre Bekanntheit, eine gewisse Vernetzung und Hilfe von außen hoffen. Die gewöhnliche Zeitgenossen hatten wenig Aussicht, die Aufmerksamkeit der First Lady in den USA, Eleanor Roosevelts, zu erhalten, wie etwa Lion Feuchtwanger.

Genutzt hat es ihm im gewissen Rahmen, doch die restriktiven Rahmenbedingungen für Fliehende ließen sich selbst in diesem Fall nicht außer Kraft setzten – in allen anderen Fällen auch nicht. Es sind Motive, die auch in der Gegenwart die so genannte Flüchtlingsdebatte beherrschen und schwer erträglich machen. Ganz vorn dabei: Bürokratie. Aber auch einander widersprechende Aktivitäten vor Ort, wenn Botschafts- und Konsulatsangehörige Anträge verschleppen, blockieren, während gleichzeitig andere als hilfreiche Wegbereiter auftreten.

Die Lage im Marseille 1940 war politisch und rechtlich kompliziert. Der größte Teil Frankreichs war von der Wehrmacht okkupiert, bis Ende 1942 blieb ein gewisses Gebiet unter der Kontrolle eines ultrakonservativen, rechten Regimes unter Petain. Von diesen hatten Fliehende, vor allem Kommunisten und Juden, wenig Gegenliebe zu erwarten, dank deutschen Drucks galt das für alle, die in Hitlers Deutschland als Staatsfeinde angesehen wurden. Vichy-Frankreich war bis Ende 1942 eine seltsame Zwischenwelt, nicht frei, aber eben auch noch nicht unter der direkten Zuchtrute des „Dritten Reichs“.

Da Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war und Spanien zwar neutral, aber durch das rechte Franco-Regime nur bedingt eine Fluchtoption, blieb vor allem Portugal als Ziel, das nur unter großen Schwierigkeiten und Gefahren zu erreichen war. Welche haarsträubenden, dramatischen und durchaus tragischen Schicksale diese geopolitische Zwangslage der in Südfrankreichs Metropole angespülten Flüchtlinge heraufbeschwor, schildert Marseille 1940 in einer mitreißenden Weise, die den Leser rasch gefangen nimmt.

Eine ganze Generation europäischer Kulturgrößen droht innerhalb der nächsten Wochen ermordet zu werden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Dazu trägt auch der besondere Montage-Stil bei, den Wittstock bereits in Februar 33 verwendet hat. Neben den stets wechselnden Perspektiven, die insgesamt aber die alles umstürzende Gewalt des „Blitzkrieges“ abbilden, werden einzelne Passagen eingestreut, die schlaglichtartig erhellen, welche Art Krieg von den deutschen bewaffneten Verbänden auch im Westen geführt wurde. Die Erschießung von dunkelhäutigen Soldaten der französischen Streitkräfte nach deren Kapitulation etwa, ein Kriegsverbrechen, das historisch im Schatten der millionenfachen Verbrechen im Osten steht. Durch diese Passagen wird die Lebensgefahr für die vielen Flüchtlinge unterstrichen – das “Dritte Reich“ exekutierte seine Ideologie gnadenlos.

„Blitzkrieg“ ist ein wichtiges Stichwort: Wenn wir Bilder vom Krieg sehen, ist es allzu oft Propaganda aus Goebbels Filmschmieden des “Dritten Reichs“. Éric Vuillard hat in seinem Buch Die Tagesordnung darauf hingewiesen, auch gibt es Dokumentationen, die offenbaren, dass in den deutschen Wochenschauen Aufnahmen gezeigt wurden, die vor den Ereignissen (wie dem Angriff auf Frankreich) gedreht wurden. Um Aktualität vorzuschützen, wurden diese in den Kinos mit den entsprechenden Worten umgedeutet; bis heute prägen sie aber unser Bild vom „Blitzkrieg“ im Westen, der mit dem tatsächlichen Krieg wenig zu tun hat.

Bücher wie Marseille 1940 sind auch deswegen so wertvoll, weil sie die sauberen Propaganda-Bilder Lügen strafen und den Blick auf eine ganz andere, brutalere, grausamere Wirklichkeit voller Verzweiflung, Todesnot und tiefer Abgründe freigeben. Das gilt auch für die Behandlung von Flüchtlingen in Frankreich, die dort interniert wurden. Der Zweite Weltkrieg war auch ein Krieg der Lager, in fast jedem Land (selbst den USA, wie David Gutersons Roman Schnee, der auf Zedern fällt am Beispiel japanischstämmiger Amerikaner zeigt) gab es sie.

Zwar sind sie in Frankreich keine Konzentrations- oder gar Vernichtungslager gewesen, doch die haarsträubenden hygienischen Verhältnisse, die unzureichende Versorgung und die bedrückende Unsicherheit machten aus ihnen kleine Höllen für die Insassen. Doch viele Verhaltensweisen der Gefangenen, aber auch des Wachpersonals sind seltsam vertraut aus der vielfältigen Lagerliteratur. Besonders musste ich an Hannah Arendt denken und ihren recht eigenmächtigen Umgang mit der Lage, aber auch an die Franzosen, die sich unter bestimmten Umständen ebenfalls in Internierungslagern wiederfanden.

Ihre Zusammenkünfte wirken dann wie bittere Parodien auf jene Künstlertreffs, die seinerzeit in Pariser Café du Dôme oder in Romanischen Café in Berlin stattfanden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Bemerkenswert ist ein Umstand, den man getrost als Grundkonstante des Fliehens und des Engagements für Flüchtlinge bezeichnen könnte: Illegalität. Man kennt dieses Wort aus zahllosen Politiker-Reden der Gegenwart. Eine der wichtigsten Personen in Marseille 1940, die ich bislang noch gar nicht erwähnt habe, hat im Kern eine Organisation initiiert und vor Ort geführt, die man getrost als illegale Fassadenfirma einer Fluchthilfe-Gesellschaft bezeichnen könnte. Historisch ist diese Form des Gesetzesbruch heroisch, doch wie würde Varian Fry wohl in der Gegenwart gesehen werden?

[Rezensionsexemplar]

Uwe Wittstock: Marseille 1940
Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck-Verlag 2024
Hardcover 351 Seiten
mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-406-81490-7

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg

Manchmal ist es auch wichtig, was nicht geschrieben steht – Jandls Briefe zeigen indirekt einen Menschen im Tarnkappenmodus, dessen Mission darin besteht, Zeit zu schinden. Cover Luchterhand-Literaturverlag, Bild mit Canva erstellt.

Zigaretten sind eine transnationale Währung. Lange vor den Krypto-Zahlungsmitteln wurde mit ihnen gehandelt, analog, direkt und vor allem dann, wenn gewöhnliche Geldmittel an ihr Ende kamen: entwertet oder wertlos, insbesondere in Zeiten von Krieg und Gefangenschaft. Es überrascht wenig, wie wichtig dem Dichter Ernst Jandl die Glimmstängel waren, ein Blick auf das Cover des Buches genügt; überraschend sind der Nachdruck und die Häufigkeit seiner Bitten in den wenigen, oft knappen Briefen, die in diesem Buch abgedruckt sind.

Es mag ein wenig seltsam klingen, aber das Drängen nach Zigaretten hat den Briefen Jandls etwas unmittelbar Vertrautes und Authentisches verliehen, so oft ist mir das bei meiner extensiven Lektüre von Briefen, Tagebüchern, Berichten, Erinnerungen, Romanen und Erzählungen aus Kriegszeiten begegnet. Und Bilder, natürlich, Soldaten, den Kopf von Mull umschlungen, das Gesicht blutig, erdgrau und gezeichnet von hoffnungsloser Verzweiflung, ziehen mit einer Intensität an der Zigarette, als handelte es sich um den rettenden Atemzug.

Wenn man also eintritt in das Kriegsleben des späteren Dichters, begleitet den Leser der blaue Dunst, nicht in der dramatischen Form, wie geschildert, aber so stetig wie ein treuer Hund. Jandl schildert nur in einem sehr kurzen Brief einige Eindrücke von der Front, doch haben diese Zeilen eine ungeheure Wucht, sie deuten bereits voraus, spiegeln die Fähigkeit wieder, ins (sprachliche) Detail zu schauen – das Wort »Frontschwein« bekommt für den Soldaten an der Front seine wahrhaftige Bedeutung.

Jetzt erst wird mir der Begriff vom »Frontschwein« klar.

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946

Diese konzentrierte Kürze zeichnet die Briefe aus. Die Stationen des 1943 eingezogenen Jandl bis zu seiner Gefangenschaft, zunächst in Frankreich, dann in England, hinterlassen trotzdem ein plastisches Bild. Der Krieg spielt bestenfalls eine Nebenrolle, dort, wo Jandl sich aufhält, findet er nicht statt. Er ist bei seinen Stationen fern der großen Schlachten, der Bombenangriffe, Verheerungen und Vernichtung.

Geschildert werden vorwiegend Kleinigkeiten aus dem Dienstalltag, Bitten um Kleidung, Rauchwerk, einen Koffer, Ankündigungen von Besuchen oder Berichten über dieselben, Wünsche und Hoffnungen, kurze Bemerkungen über den weiteren Gang der Dinge, wohin man versetzt werde und wann der Gang an die Front drohe – Dinge, die heute vor allem in e-Mails oder Messenger-Nachrichten verhandelt werden. Von den inneren Befindlichkeiten Jandls steht dort selten etwas.

Aus dem sehr informativen Vorwort und der Chronik, die wie ein Rahmen die Briefe einfassen, ist zu erfahren, dass Jandl versucht hat, nicht aufzufallen und das in einer spektakulär nüchternen Weise. Weder Innere Emigration noch Aufbegehren, sondern äußerliche Konformität, Anpassen an die Konventionen als Überlebensstrategie. Den Gang zur Front, vor allem zur höllischen Ostfront, vermeiden, aufschieben, hinauszögern – das war Jandls Art, den Krieg zu überleben. Der nachfolgende Satz bekommt so einen anderen Klang.

Nun ist es soweit: Ich bin Grenadier.

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946

Von einer Ausnahme abgesehen, spiegelt sich das in den Briefzeugnissen insofern wieder, dass Jandl diese Dinge konsequent ausklammert und nie erkennen lässt, in irgendeiner Form sich drücken oder den Fronteinsatz herauszögern zu wollen; das aber hat er getan, Zeit geschunden, Zeit gewonnen. In diesem Zusammenhang ist auch der Versuch zu sehen, Offizier zu werden, was letztlich fruchtlos blieb, aber kostbare Zeit verstreichen ließ.

Insbesondere die den Briefen nachgestellte Chronik ist in aufschlussreich, denn sie gibt preis, worum sich die Briefe  herumdrücken, die Ausweichmanöver Jandls, der gleich zweimal versuchte, sich durch Arztbesuche vor dem Fronteinsatz zu retten; er ist sogar ein hohes Risiko eingegangen, eine unerlaubte Entfernung von der – zur Front abrückenden – Truppe hätte ihm auch Standgericht eintragen können. Glück auch, dass ihm die Ostfront erspart blieb und er in den Westen kam, wo er überlaufen konnte.

So bekommen Äußerungen in seinen Briefen im Nachhinein einen Hinter-Sinn. Die Bemerkung, das Karabiner-Schießen oder der Unterricht hätten ihm gefallen, sind zunächst einmal durchaus wörtlich zu nehmen, ein wacher Geist nimmt alles mit, was ihm im eher dumpf-stumpfen Kasernenalltag angeboten wird, aber auch Teil der Taktik, Zeit zu gewinnen. Die Ausbildung zum Scharfschützen kostete wieder drei Wochen; Jandl ist wie jemand, der unter einem Tarnumhang des Mitmachens versucht, durchzukommen.

Heroisch mag das nicht sein, doch was heißt das schon? Im Nachhinein ist es leicht, von den Zeitgenossen der blutigen Jahre einen Mut einzufordern, wenn man nie in die Verlegenheit kommen wird, ihn selbst aufzubringen. Allein gegen das Propaganda-Gedröhn, das so viele erreicht und beeinflusst hat, die verheerende Wirklichkeit des Frontalltags aus den Zeitungen und Wochenschauen herauszufiltern und allem Sozialdruck zum Trotz sich treu zu bleiben, ist bemerkenswert.

Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Eine ganze Reihe von Briefen sind aus der Zeit von Jandls Kriegsgefangenschaft verfasst. Das mag angesichts des Buchtitels seltsam erscheinen, doch ist es sehr passend, denn Kriege enden nicht mit dem letzten Schuss, Waffenstillstand und Friedensschluss. Die Nachkriegsstille ist immer noch erfüllt vom Echo des Kriegsdonners. Im Falle Jandls macht sich das unter anderem darin bemerkbar, dass über Monate hinweg in Unsicherheit ist, wie seine Angehörigen den Untergang des Hitlerreiches erlebt haben. Erst im Februar 1946 erhält er in England Nachricht.

Zum Krieg gehört auch der Schock über die dramatischen Verbrechen, die während des Zweiten Weltkrieges begangen wurden. An einer Stelle in den Texten zu Jandl heißt es, der »Triumph, noch am Leben zu sein«, wäre später dem »schleichenden Gefühl von Schuld« gewichen. Das hat bei mir die Erinnerung an die Aussage eines Wehrmachtssoldaten geweckt, der selbst nie an Kriegsverbrechen teilhatte und trotzdem genau wusste, dass jede seiner (Kriegs-)Handlungen ein Mitmachen, ein Teilhaben an dem verbrecherischen Morden war, was ihn bis an sein Lebensende fürchterlich belastete. Wenn man von schweren Depressionen bei Jandl liest, liegt der Schluss nahe, dass bei ihm Ähnliches im Gang gewesen könnte.

[Rezensionsexemplar]

ernst jandl: Briefe aus dem Krieg 1943-1946
Hrsg. von Klaus Siblewski
Luchterhand Literaturverlag 2005
Gebunden 178 Seiten
ISBN: 978-3-630-87223-0

C. J. Sansom: Feindesland

Ein tolles Thema mit einer großartigen Perspektive und vielen interessanten Figuren; leider überwiegen am Ende doch die Schwächen dieser historischen Dystopie. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Genre lese ich selten, aber gern: eine historische Dystopie, in der das so genannte »Dritte Reich« den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hat. Diese Formulierung ist mit Bedacht gewählt, denn Hitler wollte zwar Krieg, aber nicht unbedingt einen Sieg im Sinne eines neuen Friedens. In seinen Wahnvorstellungen sollte der Deutsche im Osten an einer stetig fechtenden Front sich stählen (sehr verkürzt dargestellt).

Der Roman von C.J. Sansom, der hierzulande unter dem Titel Feindesland vermarktet wird (im Original ein treffenderes Dominion), greift das Motiv ebenso auf wie etwa der brillante Thriller Vaterland von Robert Harris. Die Ostfront ist statt eines Stahlbads zu einer schwärenden Wunde des Reiches geworden, das zwar ganz Europa besiegt, mit England einen Frieden geschlossen und sein rassistisches Vernichtungsprogramm fast ganz durchgeführt hat, aber unter dem Dauerkrieg ächzt.

Mit dem Reich darbt auch ganz Europa, beste Voraussetzungen für das Aufkeimen von Widerstand, zumindest in der Welt, die C.J. Sansom erdacht hat. Auch in England gärt es, Botschafter Erwin Rommel wird anlässlich eines Gedenktages attackiert. Das ist der Ausgangspunkt für eine im Kern spannende und abenteuerliche Geschichte, die bevölkert ist mit vielen sehr interessanten Figuren.

Diese tummeln sich in einem England, das seine eigenen rechten Vorstellungen ebenso verwirklicht hat und in der Ideenwelt eines eigenständigen, mit Nazi-Deutschland verbündeten Großbritannien lebt: Das Empire gibt es Anfang der 1950er Jahre noch, diese Konstruktion ist ein verdeckter Kommentar zu den wirtschaftlichen Ideen eines auf den eigenen Herrschaftsbereich (Dominion!) beschränkten Landes auch in der Brexit-Gegenwart.

Diese Perspektive ist gut gewählt und bietet einen Ausblick auf eine düstere Welt, in der sich die USA dem Isolationismus verpflichtet, Japan in China in einem endlosen Krieg verbissen hat und England seine Kolonien brutal ausbeutet. Auch die durchaus vielschichtigen politischen und diplomatischen Manöver, die Teil des aktiven, d.h. auf das Geschehen einwirkenden Kulissen zählen, sind ein klarer Pluspunkt, sie verleihen dem Roman einen großen Mehrwert. Vor allem aber wird die unfassbare Monstrosität sicht- und fühlbar, die sich hinter bürokratischen Wortschleiern á la „Generalplan Ost“ verbirgt.

Weniger gelungen sind viele Kurzschlüsse in der Thriller-Handlung, allzu oft begreifen Figuren aller Seiten plötzlich etwas auf sehr kurzem Wege, wenn es gerade in den Handlungsverlauf passt; das mindert die Glaubwürdigkeit beträchtlich. Der Dynamik hätten eine konsequente Straffung gutgetan, viele Dialoge sind zu lang, redundant oder einfach unnötig. Manchmal flirren die Konturen der Figuren, wenn sie plötzlich aus der Rolle fallen oder in unangemessene Rührseligkeit ausbrechen – schade, denn die Persönlichkeiten sind grundsätzlich ansprechend.

Leider werden die Schattenseiten des Romans im Verlauf immer dichter, bis es zum Showdown kommt, schleppt sich die Handlung einige Zeit dahin wie ein Fußkranker, ehe der Leser ein groteskes Spektakel und ein fürchterlich naives Ende in Form eines Epilogs präsentiert bekommt. Das ist sehr schade, denn anfangs ist Feindesland ein großer Lesespaß, denn die Welt, die starr und dunkel zu sein scheint, gerät ganz erheblich ins Wanken.

Adolf Hitler ist schwerkrank, seine Umgebung scharrt mit den Füßen, den Machtkampf um die Nachfolge notfalls in einem selbstvernichtenden Bürgerkrieg auszufechten, eng verbunden mit der umstrittenen Frage, wie die Politik fortgeführt werden soll. Und über allem baumelt ein Alptraum namens Atombombe und eröffent eine vorzügliche Aussicht auf eine globale Selbstvernichtung.

C. J. Sansom: Feindesland
Aus dem Englischen von Christine Naegele
Heyne Verlag 2020
Taschenbuch 768 Seiten
ISBN: 978-3-453-43942-9

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine

Wer aus Bequemlichkeit den Begriff »Ukrainekrieg« verwendet, wird das nach der Lektüre dieses Buches infragestellen, wie vieles andere auch. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Der vollumfängliche Angriff Russlands ab dem 24. Februar 2022 gegen die Ukraine rückt erst mit Seite 98 dieses Buches in den Fokus. Damit berührt man schon einen wichtigen Punkt dieser Darstellung: Der Krieg lief bereits und trat da erst in seine dritte Phase ein. Die erste und zweite haben nach Einschätzung von Autorin Gwendolyn Sasse bereits im Jahr 2014 eingesetzt. Die Invasion mit Vernichtungsabsicht stellt also eine Eskalation dessen dar, was Russland schon seit Jahren praktizierte.

In ihrer sehr lesenswerten Schrift Der Krieg gegen die Ukraine klärt die Autorin sachlich, ausgewogen, wohlinformiert und fundiert über die Wurzeln dieses russländischen Kieges auf. Es mag umständlich erscheinen, auf den Begriff »Ukrainekrieg« zu verzichten, doch dafür gibt es gute Gründe: Das Wort ist ein Echo russländischer Propaganda, es assoziiert einen internen oder gar von der Ukraine ausgehenden Krieg, und verdeckt so die Wirklichkeit eines genozidalen Angriffs- und Vernichtungskrieges.

Sasse räumt en passant mit bei deutschen Sofapazifisten liebgewonnenen Unwahrheiten auf. Der unselige Sprachenstreit in der Ukraine wird durchleuchtet und schrumpft vom propagandistisch aufgeblasenen Scheinriesen zum Zwerg. In Deutschland mag es schwer nachvollziehbar sein, doch ist die sprachliche Realität in der Ukraine geprägt von einer »kontextabhängigen Bilingualität«. Manche sprechen tatsächlich nur die eine oder andere Sprache, andere wechseln zwischen Ukrainisch und Russisch abhängig davon, ob sie Zuhause oder anderswo sind; manchmal spricht eine Person Ukrainisch, die andere Russisch.

Ein Verständnisproblem besteht nur für begriffsstutzige und wirklichkeitsverschlichtende Deutsche. Schlimmer noch ist der Kurzschluss, ein Russisch sprechender Mensch sei auch pro-russisch eingestellt, was hanebüchener Nonsens ist. Die Identität ist nicht allein aus dem Sprachgebrauch abzuleiten – eine Binsenweisheit, die auch für Loyalität gilt. Ganz davon ab: Selbst wenn es gegenüber Kyjiw Vorbehalte oder Ablehnung gab, hieß das noch lange nicht, dass diejenigen automatisch für einen Anschluss an Russland wären.

Das Buch von Sasse räumt mit einer Reihe von Vorurteilen auf, auch was die vielbeschworene Nato-Ostererweiterung anbelangt. Das ist wohltuend in einer Welt, in der Medien auf Einschaltquoten schielen und handfeste Propagandisten in ihre Studios bitten. Überhaupt ist die Informationsdichte in dem kurzen Buch sehr hoch, es informiert über die Staatswerdung der Ukraine nach 1991, rückt absurde Formulierungen in rechte Licht. Die Krym war kein „Geschenk“ Chruschtschows an die Ukraine.

Naturgemäß ist das Ende des Krieges gegen die Ukraine offen. Trotzdem ist das Buch unbedingt lesenswert für alle, die sich noch einmal vor Augen führen wollen, was im Osten Europas gerade geschieht. Kriegszeiten sind immer auch Zeiten der Verunsicherung, doch da dieser Krieg eine lange Vorgeschichte hat und seit vielen Jahren auf niederschwelliger Ebene geführt wird, bietet die Lektüre auch eine Form der Sicherheit.

Besonders lobenswert ist, dass Sasse einen Ausblick auf die Folgen wagt. Monate nach der Niederschrift des Buches, als von einer umfangreichen Rückeroberung großer Gebiete durch die Ukrainer noch nicht die Rede sein konnte, geschweige denn von einer umfassenden Gegenoffensive, lesen sich die Punkte immer noch sehr stichhaltig und realitätsnah. Einige der Voraussagen haben sich mittlerweile bewahrheitet – ein weiteres Qualitätsmerkmal.

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine
C.H.Beck 2022
Softcover 128 Seiten
978-3-406-79305-9

Katrin Eigendorf: Putins Krieg

Ein beeindruckendes Buch über die ersten Monate des russländischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Der Blick zurück lohnt sich aus vielen Gründen. Cover S.Fischer-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einer der großen Vorzüge dieses Buches liegt darin, dass vielfältige Mythen, die hierzulande von interessierten Kreisen mit bemerkenswert wirklichkeitsfremder Hartnäckigkeit gepflegt werden, zu Staub zerfallen. Möglich wird das dadurch, dass Autorin Katrin Eigendorf weiß, wovon sie spricht. Als erfahrene Korrespondentin und Russisch sprechende Journalistin, die 2015 begonnen hat, Ukrainisch zu lernen, kann sie dem angeblichen Sprachenstreit in der Ukraine rasch den Zahn ziehen. Es gibt ihn nicht, nur als scharfzähniges Gespenst der russischen Kreml-Propaganda.

Wer kennt sie nicht, jene Karten, die vorgeben, es gäbe eine Teilung in der Ukraine? Der Osten prorussisch und russischsprachig, der Westen prowestlich und ukrainischsprachig; leider wird oft genug der Kurzschluss gezogen, dass diejenigen, die sich als russischsprachig ansehen auch pro-russisch sind. Wer mit Kyjiw nicht einverstanden ist, empfindet noch lange keine Sehnsucht nach dem Kreml, gar nicht zu reden von einem Anschluss an Russland.

Diese Karte ist in vielerlei Hinsicht enorm problematisch. Sie suggeriert eine Wirklichkeit, die es so gar nicht gibt – über die reine Sprachfrage hinausgehend. Ein schönes Beispiel, dass Karten NIE etwas abbilden, sondern immer eine Haltung, ein Weltbild, eine Interpretation (oft Absicht) darstellen. Karte aus Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt.

Die Wirklichkeit ist vielschichtiger, oft beherrschen die Menschen beide Sprachen und wechseln hin und her; Zuhause wird ebenfalls nicht selten mehrsprachig kommuniziert. Erst der Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands hat das geändert. Das hätte man übrigens auch in Deutschland im Gespräch mit Menschen erfahren können, die aus der Ukraine stammen.

Katrin Eigendorf ist gelungen, den Kriegsbeginn und ihre Arbeit eindrucksvoll zu schildern und ihn gleichzeitig einzuordnen. Rückblicke auf die Zeit nach dem Euromaidan sind hilfreich, weil sie zeigen, wie zögerlich die russische Aggression als solche wahrgenommen wurde; es kommen wichtige Zeitgenossen mit großem analytischen Weitblick, wie Timothy Snyder, zu Wort. Offen und schonungslos wird von den Vorbehalten gesprochen, die Ukrainer gegen Deutschland und seine verhängnisvolle Rolle in der politischen Haltung gegenüber Russland.

Die Gegenüberstellungen und eingeflochtenen analytischen und erklärenden Passagen verleihen dem Text über den reinen Augenblick hinaus eine Tiefe, die ihm einen ganz besonderen Wert verleihen. Es geht nicht nur darum, was geschehen ist und wie es sich vor Ort auswirkt, sondern woher es kommt und wie es wahrgenommen wurde. Trotzdem wird zu jedem Zeitpunkt spürbar, dass es hier nicht um abstrakte Dinge geht, sondern Menschen aus ihrer Lebensbahn wirft – dank einer beeindruckend empathischen Darstellung.

Besonders beeindruckend sind die Passagen über die russischen Kriegsverbrechen. Ein Zivilisationsbruch und ein Wendepunkt im Krieg, denn er hat dem verlogenen Kremlherrn und seinen Helfern die Maske vom Gesicht gerissen. Über den Charakter seines Vernichtungskrieges gibt es seitdem keine berechtigten Zweifel mehr, von ganz hartnäckigen Wirklichkeitsleugnern einmal abgesehen, ist das im Westen Konsens.

Sehr gut gefallen haben mir zudem die erzählenden Teile, die sich vom aktuellen Geschehen lösen und die Vergangenheit ausloten. Katrin Eigendorf hat – glücklicherweise – kein Problem damit, ihre eigene Sichtweise rückwirkend zu schildern: Sie hat, wie mehr oder weniger ganz Deutschland, den Blick zuvörderst auf Russland gerichtet und den ukrainischen Anteil etwa am Sieg über Nazideutschland unter den Tisch fallen lassen. Die Korrektur, die von der Autorin seit 2014 vollzogen wurde, ist offen dargelegt.

Das von Russland gepflegte Narrativ der Faschisten in der Ukraine wird beleuchtet, problematische Figuren wie Stephan Bandera eingeschlossen, doch wird das angemessen gewichtet angesichts der Millionen Opfer, die von der Ukraine im Vernichtungskrieg gegen Wehrmacht und SS zu erleiden hatte. Hier hätte ich mir gewünscht, dass auch ein Wort über die russischen Kollaborateure und vor allem das umfänglich Nazi-Problem in Russland gewünscht, um die Vorwürfe gegen Kyjiw, die immer wieder vorgetragen werden, als das hinzustellen, was sie sind: Propaganda.

Katrin Eigendorf: Putins Krieg
S.Fischer 2022
Gebunden 256 Seiten
ISBN: 978-3103971958

« Ältere Beiträge

© 2024 Alexander Preuße

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner