Sechs Romane und sechs Sachbücher bilden das Dutzend, das ich in diesem Jahr lesen möchte. Wie man sieht, habe ich sie bereits alle angeschafft, die Bücher gehören zum berüchtigten SUB, einer Art literarischer Speckgürtel, den man nur durch äußerste Disziplin verkleinern kann.
Wieder haben ich mir ein Dutzend ungelesene Bücher aus meinen Regalen herausgesucht, die ich in diesem Jahr lesen möchte. Wieder sind es sechs Romane und sechs Sachbücher. Thematisch liegt bei den Sachbüchern ein Fokus auf dem Zweiten Weltkrieg, dem sich vier Bücher zuordnen lassen; die beiden anderen befassen sich mit der Spätantike und der Wikinger-Zeit in England.
Bei den Romanen ist der Zweite Weltkrieg einmal vertreten, zwei Klassiker sind dabei, ein Prix-Goncourt-Gewinner, außerdem ein international hochgelobtes Buch aus dem Jahr 2001. Schließlich eine Neuerscheinung des vergangenen Jahres, dessen Autor als europäische Antwort auf den magischen Realismus südamerikanischer Autoren gelobt wird.
Zwei Bücher habe ich bereits begonnen. Meiers umfassende Darstellung der Völkerwanderungszeit gehörte zu meinen 12für2025, es war das einzige Buch aus der Liste, das ich nicht unterbringen konnte. Das zweite ist Theodoros, das unter dem Weihnachtsbaum lag.
Victor Gregg (mit Rick Stroud): Rifleman Ein britischer Soldat im Zweiten Weltkrieg, erlebt unter anderem das Inferno von Dresden 1945.
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet Gewinner des Prix Goncourt im Jahr 2010.
Thomas Williams: Viking Britain Teil meiner Recherche-Lektüre für mein aktuelles Romanprojekt Sessrumnir.
Steffen Kopetzky: Atom Auch die Deutschen werkelten an einer Atombombe.
W.G. Sebald:Austerlitz Hochgelobt und international bekannter Roman.
José Rizal: Noli me tangere Literatur von den Philippinen, der Autor wurde hingerichtet.
Mircea Cărtărescu:Theodoros Erzählt wird die bewegte Lebensgeschichte des Kaisers der Kaiser Afrikas.
Thomas Medicus: Melitta von Stauffenberg Biographie der Ingenieurin und Fliegerin.
Jean-Paul Picaper, Ludwig Norz:Kinder der Schande Das Schicksal von Kindern deutscher Besatzungs-Soldaten.
Ebba D. Drolshagen: Nicht ungeschoren davongekommen Das Schicksal von Frauen, die sich mit deutschen Besatzern einließen.
Mischa Meier:Geschichte der Völkerwanderung Der zweite Anlauf für dieses monumentale Geschichtswerk
Die Bücher wurden in fünf Sprachen verfasst, die beiden englischen werde ich auch im Original lesen.
Französisch (Original): Michel Houellebecq · Jean-Paul Picaper Deutsch (Original): Thomas Medicus · Ebba D. Drolshagen · Mischa Meier · W. G. Sebald · Steffen Kopetzky Englisch (Original): Herman Melville · Victor Gregg / Rick Stroud · Thomas Williams Spanisch (Original): José Rizal (Noli Me Tangere ist auf Spanisch geschrieben, trotz philippinischem Kontext) Rumänisch (Original): Mircea Cărtărescu
Vier Bücher, die ich bereits kenne, möchte ich im Jahr 2026 ein weiteres Mal lesen.
Bücher ein zweites, drittes, viertes Mal zu lesen ist eine besondere Angelegenheit. Man kennt grundsätzlich die Geschichte, erinnert dies und das, irrt sich überraschend häufig und entdeckt viele neue Dinge. Im vergangenen Jahr habe ich schon einmal ein Quartett ganz bewusst noch einmal gelesen, eine tolle Erfahrung, weil die Bücher großartig sind. Kein Wunder, dass sie Eingang in meine Besten für 2025 gefunden haben.
Diesmal habe ich mir vier thematisch sehr unterschiedliche Romane ausgesucht. Zwei dürften den Lesern recht bekannt sein, eines zumindest jenen, die gelegentlich in die spanischsprachige respektive kubanische Literatur eintauchen (oder meinen Blog regelmäßig besuchen) und eines, das wohl kaum jemand kennt oder gelesen hat.
Wolfgang Herrndorf: Tschick Mehrfach habe ich dieses schöne Buch gelesen, aber noch nicht besprochen! Das wird nachgeholt. Tschick ist nämlich viel mehr als eine Road-Novel. Beiträge: Tobias Rüther Herrndorf, Sand, In Plüschgewittern.
Hilary Mantel: Wölfe Der Roman um Thomas Cromwell gehört zu den drei besten, die ich kenne. Die Besprechung ist überfällig, die Zeit kann der geneigte Leser mit meinen Beiträgen zu den beiden anderen Top-Büchern überbrücken: Leonardo Padura Der Mann, der Hunde liebte und Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges.
Leonardo Padura: Ketzer Zwei der drei Teile des Romans sind allerfeinste Literatur, Padura scheuchte seine Leser durch drei Zeitebenen und berührt wesensähnliche Motive. Dabei erzählt er von der kubanischen Gegenwart, denn Häretiker setzen totalitäre Denkwirklichkeiten voraus. Der erste Teil befasst sich mit einem Thema, das die Graphic Novel Die Irrfahrt der St. Louisaufgreift. Wie passend.
Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste. Nie gehört, nicht wahr? Der Roman spielt in einer alternativen Welt, in der Hitlers Armeen den Krieg gewannen. Meine Lektüre liegt lange zurück, das Wiederlesen gehört zu meinem Leseschwerpunkt Zukunft von Gestern.
Der Blick in die Verlags-Vorschauen des Frühjahres 2026 unterschied sich von den Vorjahren beträchtlich. »Nur« 20 Bücher haben es auf meine Liste möglicher Rezensionsexemplare geschafft, ein Drittel / Viertel von der gewöhnlichen Anzahl. Zwei Bücher aus dem Verlag edition.fotoTAPETA sind hier nicht mit Cover abgebildet.
Die Bücher werde ich selbstverständlich nicht alle lesen, in erster Linie aus Zeitgründen, aber auch wegen thematischer Aspekte. So schätze ich den Autor Olivier Guez seit seinem Roman Das Verschwinden des Josef Mengele sehr, aber ob sein neues Werk tatsächlich den Weg zu mir findet, wage ich zu bezweifeln. Wie gesagt: Das Thema klingt interessant, doch das reicht wahrscheinlich nicht.
Das gilt für fast alle hier aufgeführten Bücher, die mich auf die eine oder andere Weise ansprechen. Vier Werke will ich jedoch lesen und besprechen:
Die Irrfahrt der St. Louis Die Abschottung der Welt Wer verliert gewinnt Eine Kultur des Trotzdem (ohne Bild)
Zum Quartett gehört ein Thriller-Klassiker mit dem TitelWer verliert gewinnt von Richard Hallas aus dem Elsinor-Verlag. Auf den unabhängigen Klein-Verlag bin ich vor genau drei Jahren aufmerksam geworden. Seitdem habe ich knapp ein Dutzend Bücher aus dem Programm gelesen und bin auf den großartigen Arthur Koestler und die Buch-Reihe um Klassiker der Thriller-Literatur aufmerksam geworden.
Der Essay Eine Kultur des Trotzdem von Volodymyr Jermolenko (kein Coverbild) setzt meine lockere Lesereise Ukraine Lesen fort. Europa hilft der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland, aber das ist keine einseitige Angelegenheit, denn die Ukraine hilft auch Europa, meint Autor Jermolenko. Die edition.fotoTAPETA ist noch ein kleiner Verlag, den ich sehr zu schätzen weiß, dank des Fokus auf (ost-)europäische Themen.
Mit Die Irrfahrt der St. Louis von Sara Delabella und Alessio Lo Manto bekommt meine Graphic-Novel-Sektion Zuwachs. Wie alle anderen von mir besprochen Graphic Novels dreht sich auch diese um ein ernstes Thema, der (verhinderten) Flucht von Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland.
Thematisch passend dazu ist der Band Die Abschottung der Welt von Susanne Heim. Das Buch aus der Historischen Biblithek der Gerda Henkel Stiftung befasst sich mit den dramatischen wie auch oft tragischen Umständen der jüdischen Bevölkerung im Angesicht der nationalsozialistischen Verfolgung.
Erwähnen möchte ich hier noch einen Roman, den ich bereits gelesen habe: Ketzer von Leonardo Padura. Im ersten der drei Abschnitte befasst sich der Autor mit der St. Louis. Auch in Havanna auf Kuba versuchte der Kapitän des Schiffes, seinen Passagieren die Möglichkeit eines Fluchtortes zu verschaffen. Vergeblich. Grund genug, den Roman noch einmal zu lesen, im Rahmen meines Leseprojektes Wiedergelesen 4für2026.
Zwei Sachbücher, zehn erzählende Werke haben es für das Jahr 2025 auf meine ganz subjektive Bestenliste geschafft. Bild mit Canva erstellt.
Wie jedes Jahr habe ich auch für 2025 eine kleine Auswahl an Büchern zusammengestellt, die mir besonders gefallen haben. Zwölf sind zusammengekommen, darunter zwei Sachbücher und zehn erzählende Werke.
Alle Bücher meines Leseprojektes Wiedergelesen 4 für 2025 sind vertreten. Eine Überraschung ist das allerdings nicht, habe ich mich doch bei der Auswahl daran orientiert, dass mir die Bücher in Erinnerung geblieben sind. Große Literatur in meinen Augen, kreiert von Robert Harris, Walter Kempowski, Friedrich Christian Delius und Gert Ledig.
Von meinem zweiten Leseprojekt Zwölf für 2025 haben es nur drei Bücher auf die Bestenliste geschafft: Philip K. Dick, Stefan Thome und Arthur Koestler. Der dicke Wälzer über DieVölkerwanderung von Mischa Meier wäre vielleicht auch vertreten, der Autor hat mit seinem Buch über Die Hunnen ein fabelhaftes Beispiel von gut und klar erzählter Historiographie gegeben.
Stefan Thomes Roman über den Opium-Krieg ist fantastisch, aus Zeitgründen habe ich keine Rezension verfasst, so auch für Virginia Woolfe und Leo Perutz. Das zweite Sachbuch neben Meiers Hunnen ist von Guiliano Da Empoli, sehr kurz und erschütternd. Zeitlich liegen beide weit auseinander, im Kern verbindet sie mehr, als uns lieb sein kann.
Gerd Ledig: Die Stalinorgel Der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Ostfront, Leningrad, Sommer 1942, die sieggewohnte Wehrmacht wankt bereits.
Walter Kempowski: Alles umsonst Ostpreußen in den ersten Monaten des Jahres 1945. Die Flucht vor der Roten Armee gerät zu einem taumelnden Fiasko.
Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke Ein Roman in Episoden, die zunächst nur in lockerem Zusammenhang zu stehen scheinen, aber tatsächlich eine Geschichte mit großem Tiefgang erzählen.
Robert Harris: Vaterland Ein Thriller in einer alternativen Welt, der Stück für Stück das Ungeheuerliche aufdeckt. In wenigen Tagen zerbricht eine eigentlich unzerstörbare Welt.
Arthur Koestler: Sonnenfinsternis Die berüchtigten Moskauer Prozesse werden in diesem schauerlich guten Roman am Beispiel eines ranghohen Bürokraten erzählt, der in Stalins Blutmühle gerät.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes Eine literarische Wutrede in Gestalt einer Novelle, mit einer wahrhaft unerhörten Begebenheit. Für die nächste Romreise vormerken.
Virginia Woolfe: Mrs. Dalloway O, das ist gut! Assoziatives Mäandern durch einen Tag, bis jener Punkt erreicht ist, an dem sich die existenzielle Frage des Todes aufdrängt.
Stefan Thome: Gott der Barbaren Was für ein toller historischer Roman! Noch mehr Ausrufezeichen gehören sich nicht, doch hätte es dieser Roman über den Opiumkrieg verdient.
Mischa Meier: Die Hunnen* Ein Meisterwerk der Historiographie. Das Thema wirkt abseitig, doch zeigt der Autor virtuos die Möglichkeiten und Grenzen von Geschichtsschreibung.
Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge In dieser alternativen Welt herrscht das Hitlerreich sogar über einen Teil der USA. Monströs im Weltenbau, mit überraschend viel Tiefgang erzählt.
Guliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere* Keine vergnügliche, dafür in vielfacher Hinsicht anregende, ernüchternde und auch niederschmetternde Lektüre. Unsere Welt stirbt. Jetzt.
Stefan Hertmans: Krieg und Terpentin Autofiktion vom Feinsten. Der belgisch-flämische Autor setzt sich mit den Erinnerungen seines Großvaters auseinander: Soldatenleben (Krieg) und Kunst (Terpentin).
*Rezensionsexemplar
Im kommenden Jahr werde ich wieder keine Not haben, gute Literatur zu lesen. Zwar sind die Verlagsvorschauen, die ich für 2026 gesichtet habe, eher mau, doch gibt es auch unter den Neuerscheinungen einige interessante Titel. Ganz sicher habe ich gute Literatur in meinen Regalen, gelesen oder ungelesen. Gegen Jahresende werde ich einen kleinen Ausblick geben, was ich zu lesen gedenke.
Die Novelle von Friedrich Christian Delius ist eine literarische Wutrede, ausgelöst durch eine überraschende Begegung des fiktiven Erzählers mit dem Papst in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Wunderbar als Reiselektüre geeignet, wenn man nicht bloß sehnsuchtsschwelgend durch Rom laufen möchte. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.
Die Pferde bleiben in Erinnerung. Zugegeben, in meinem Fall waren es nebulöse Erinnerungen, obwohl ich Die linke Hand des Papstes schon zweimal gelesen habe. Einmal war das Buch mein Reisebegleiter in Rom, auch das ist schon einige Jahre her, die Erinnerungen an die Lektüre, die sich mit dem Erlebten verwob, ist verschwommen, aber präsent. Doch die Pferde sind mir als Motiv unvergessen geblieben. Pferde als Symbol abgründiger Korruption, in der Schreibgegenwart des Autors und der Vergangenheit der Spätantike.
Es ist ein weiter Bogen von Augustinus zu Gaddafi, von Honorius zu Berlusconi, den Friedrich Christian Delius seinen Lesern zumutet. Und es sind keineswegs die einzigen Zumutungen, insbesondere schwärmerischen Rom- und Italienverehrern rückt die Novelle mit Blicken hinter die Kulissen auf den sehnsuchtsvollen Touristenleib. Einen frühpensionierten Archäologen, der sich halblegal als Stadtführer verdingt, hat Delius zum Erzähler erkoren.
Der Deutsche ist mit einer Italienerin namens Flavia verheiratet, die transalpine Ehe verhilft dem Erzählten zu Glaubwürdigkeit. Der Name weist in die Antike zurück, zwei Kaisergeschlechter zählen zu den Flaviern, es ist also eine profunde Personifizierung der Historie. Delius verzahnt Erzählgegenwart und Vergangenheit auf allen Ebenen. Flavias zugespitzte Kommentare über die eigenen Landsleute kann sich ein Deutscher nicht leisten, nicht nach Meinung des Erzählers, der seinen Landsleuten die Untaten der Nazi-Schergen unter die Nase reibt. Als Italien 1943 die Nibelungentreue zum Reich aufgab und nicht bis »fünf nach Zwölf« kämpfen und untergehen wollte, brach über die Italiener das Morden herein.
Alarich und Adolf und Kappler und Kesselring, den Florenz-Zerstörer und Partisanenschlächter, die schaffen wir nicht so leicht aus der Welt.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Das ist kein gutes Thema für Touristen, weiß der Touristenführer, also hält er sich zurück; er überlegt, wie er in seine Führungen derlei einfließen lassen könnte, ohne seine Kundschaft zu verschrecken. Es ist nicht das einzige, wenngleich das bedrückendste Thema für deutsche Leser. Fast alle anderen Wut erzeugenden Aspekte sind hausgemacht italienisch oder katholisch-kirchlicher Natur mit langen Wurzeln in die Geschichte. Den prächtigen Fassaden Roms sieht man es nicht an.
Eine Schnittmenge zu den Nazi-Untaten gibt es, Benito Mussolini und seine Faschisten, die in ihren fürchterlichen Kriegen hunderttausende von Toten zu verantworten haben. Die Schlächtereien in Abessinien, in Albanien, der Angriffskrieg gegen Griechenland und die nachfolgende Besatzungsherrschaft. Das alles ruht halb vergessen im Schatten der monströsen deutschen Massenmorde, von Holocaust und Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg.
Die Kirche hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, nicht in Person von Papst Pius XII. und auch sonst nicht. Delius lässt seinen Erzähler von einem Onkel in Wehrmachtsuniform berichten, der diesem Papst die Hand im Jahr 1942 gedrückt habe. Eine zufällige Audienz, bei dem der Protestant in Uniform die Aufmerksamkeit des Papstes erregt, es kommt zu einem Gespräch, in dem der Stellvertreter Christi dem Deutschen zu seinem Führer gratuliert.
Wie käme ein Papst zu einem Glückwunsch dieser Art? 1942 waren Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungert, Millionen Juden erschossen und die Gaskammern in den industriell arbeitenden Vernichtungslagern Realität. Wieso wirkt diese Geschichte nicht, dass man abwinken möchte? In den weiten Gedankenkreisen des Erzählers kommen Katholische Kirche und deren Oberhaupt nicht gut weg, Kreuzzüge gegen »Ketzer« aller Art, Verfolgung von Juden, »Hexen und Zigeunern«, die Scheiterhaufen. Eine »Terrorinstitution«, meint der Erzähler.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Auch kein gutes Thema für »Touristen, Anti-Touristen« und »aufgeklärte Bildungstouristen« in der »Ewigen Stadt«; die wollen »die Märchen«. Das Thema ist aber gut geeignet für eine Novelle, die in ihrer Sprache und Gedankenführung als assoziative Wutrede daherkommt. Rant würde man heute vielleicht sagen, ausgeführt mit leichter Hand, sarkastisch, wortgewandt und bildstark. Den allgegenwärtigen Lärm der Stadt verspottet Delius als »große römische Jupitersinfonie«, die »kleine« werde sonntags gegeben, wenn es ruhiger sei. Vom grunzenden Pöbeln der so genannten »Wutbürger« ist Delius’ Buch noch weiter entfernt, als die Antike von der Gegenwart.
Den Anlass für diese Wutrede bietet eine ungewöhnliche Begegnung des Erzählers mit dem Papst. Genauer: dem deutschen Papst Benedikt XVI. in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Tatsächlich ist ein solcher Besuch für den 14. März 2010 verbürgt, Delius ersinnt für seine Novelle eine fiktive Begegnung seines Erzählers mit dem Papst rund ein Jahr später. Ist das die unerhörte Neuigkeit, die prägend für eine Novelle ist? Das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer protestantischen mitten in Rom? Nein, für den Novellen-Falken hat sich Delius eine im Wortsinne »unerhörte« Begebenheit ausgedacht, die hier nicht verraten wird.
Unerhört hätte aber etwas anderes sein können, das sich der Erzähler wünscht: eine Backpfeife des Papstes für Silvio Berlusconi. Ob sie, die Hände des Papstes, noch zu einer Ohrpfeife fähig wären, fragt sich der Erzähler. Für den Wunsch nach dieser wahrhaft unerhörte Begebenheit liefert die Erzählgegenwart einen passenden Anlass: Der Italien »regierende Diktatorenfreund« wurde vom »Öldiktator« aus Libyen, ehemals italienische Kolonie, besucht. Gaddafi brachte ein Zelt und Pferde mit, jene Pferde, von denen eingangs die Rede war.
[…] und zum ersten und einzigen Mal etwas Mitleid hatte mit dem alten Mann, dem vor lauter Macht die Hände gebunden waren.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Was für ein Satz. Allein die Idee, dass einem Mächtigen wegen seiner Macht die Hände gebunden sein könnten, ist brillant. Doch ist es das Mitleid, das die Wucht der Worte entfaltet. Delius lässt seinen Erzähler recht früh in dem schmalen Buch dieses Mitleid empfinden, ich hätte es auch an den Anfang meiner Besprechung stellen können. Doch hier, nach dem über den deutschen Papst und seine Institution Gesagten, wird erst deutlich, welche Ausnahmestellung das Mitleid einnimmt, warum der Erzähler es nur ein einziges Mal empfinden kann.
Eine groteske Inszenierung, ein die katholische Kirche und ihr Oberhaupt verhöhnender Mummenschanz mitten in Rom. Gaddafi gibt eine Islamstunde. Die Belehrten sind einige hundert junge Models, bezahlt, um dem Salbadern zu lauschen. Europa solle sich zum Islam bekehren lassen, meint der Öldiktator. Man stelle sich Angela Merkel vor, die in Mekka derlei mit umgekehrten Vorzeichen sagt.
In Rom aber wird Gaddafi nicht gesteinigt oder auf andere Weise massakriert, es wird lächelnd abgewiegelt. Der bekennende »Kirchenfreund« und »Fernsehkönig«, Vorsteher einer »mafiafreundlichen Partei«, Putinanhänger und »Gotteslästerer« lässt es geschehen. Wäre das nicht wenigstens eine Ohrfeige, ausgeführt mit päpstlicher Hand wert? Wann immer es um Berlusconi geht, bricht die gezügelte Sprache des Erzählers auf, der auch vor dem handgreiflichen Wort »Hurensohn« nicht zurückschreckt.
Achtzig prächtige Zuchthengste, und wir schuldbeladen, Sündenklumpen bis in alle Ewigkeit.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Es geht um Geld, um Öl, um lukrative Geschäfte mit Gaddafi, um den fast schon naheliegenden Verdacht der Selbstbereicherung, die das Abwiegeln erklären. Korruption statt Werte, mit diesem Zusammenhang berührt Die linke Hand des Papstes die Achillesferse des demokratischen Westens. Berlusconi stellte eine Art Galionsfigur dar, deren verheerendes Wirken in die düstere Gegenwart unserer Tage reicht. Auch wenn die erzählte Zeit in der Novelle noch harmlos wirkt angesichts der alltäglichen Monstrosität des Alltags vierzehn Jahre später, zeigt sie doch die Grundlagen des Verhängnisses.
Doch reicht die Korruption weit zurück in die Vergangenheit. Gaddafis Pferde sind nicht die ersten, die von Libyen nach Italien kamen, um dort etwas zu bewirken. Kein Geringerer als der Heilige Augustinus, so weiß der Erzähler, habe mit einer Bestechung in Gestalt von achtzig Zuchthengsten an den weströmischen Kaiser dafür gesorgt, dass sein Gegenspieler Pelagius aus dem Feld geschlagen wurde. Mit Augustinus’ Sieg hätte die Erbsünde Einzug gehalten in das christliche Dogma.
Was für eine wundervolle Parallelität! Der »anständige Ketzer«, wie sich der Erzähler selbst sieht, der »weder mit der Blindheit der Knieenden noch mit dem Hochmut der Kirchenhasser« geschlagen sei, lässt es krachen. Augustinus’ Gott wolle Unterwerfung, nicht Seligkeit aller Menschen; Frauen gälten als minderwertig – dank eines gelungenen Bestechungsmanövers. Gern würde der Erzähler den neben ihm sitzenden Papst, den Fachmann in dieser Sache befragen, doch dazu kommt es nicht.
Auf diese Weise wird die Bahn bereitet für das unerhörte Ereignis, ein Schelmenstreich des Autors, der dem Papst eine spektakuläre, ungeheuerliche Rede andichtet, die wahrhaftig für Furore gesorgt hätte. Doch hatte die Wirklichkeit auch für den Autor eine handfeste Ungeheuerlichkeit parat. Drei Tage nach dem Versenden des Manuskriptes gab ebenjener Papst seinen Rücktritt bekannt, dem Delius’ Erzähler bei seinem Treffen in der Kirche Anzeichen einer gewissen Schwäche attestierte.
Erzählungen sind in meiner Lektüre unterrepräsentiert. Das Buch habe ich mir nach der Lektüre von Die Schlange im Wolfspelz von Michael Maar gekauft, jetzt lese ich abends zumeist eine der kurzen Erzählungen von Undine Gruenter.
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Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.