Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Kurzrezension (Seite 8 von 12)

Katrin Eigendorf: Putins Krieg

Ein beeindruckendes Buch über die ersten Monate des russländischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Der Blick zurück lohnt sich aus vielen Gründen. Cover S.Fischer-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einer der großen Vorzüge dieses Buches liegt darin, dass vielfältige Mythen, die hierzulande von interessierten Kreisen mit bemerkenswert wirklichkeitsfremder Hartnäckigkeit gepflegt werden, zu Staub zerfallen. Möglich wird das dadurch, dass Autorin Katrin Eigendorf weiß, wovon sie spricht. Als erfahrene Korrespondentin und Russisch sprechende Journalistin, die 2015 begonnen hat, Ukrainisch zu lernen, kann sie dem angeblichen Sprachenstreit in der Ukraine rasch den Zahn ziehen. Es gibt ihn nicht, nur als scharfzähniges Gespenst der russischen Kreml-Propaganda.

Wer kennt sie nicht, jene Karten, die vorgeben, es gäbe eine Teilung in der Ukraine? Der Osten prorussisch und russischsprachig, der Westen prowestlich und ukrainischsprachig; leider wird oft genug der Kurzschluss gezogen, dass diejenigen, die sich als russischsprachig ansehen auch pro-russisch sind. Wer mit Kyjiw nicht einverstanden ist, empfindet noch lange keine Sehnsucht nach dem Kreml, gar nicht zu reden von einem Anschluss an Russland.

Diese Karte ist in vielerlei Hinsicht enorm problematisch. Sie suggeriert eine Wirklichkeit, die es so gar nicht gibt – über die reine Sprachfrage hinausgehend. Ein schönes Beispiel, dass Karten NIE etwas abbilden, sondern immer eine Haltung, ein Weltbild, eine Interpretation (oft Absicht) darstellen. Karte aus Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt.

Die Wirklichkeit ist vielschichtiger, oft beherrschen die Menschen beide Sprachen und wechseln hin und her; Zuhause wird ebenfalls nicht selten mehrsprachig kommuniziert. Erst der Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands hat das geändert. Das hätte man übrigens auch in Deutschland im Gespräch mit Menschen erfahren können, die aus der Ukraine stammen.

Katrin Eigendorf ist gelungen, den Kriegsbeginn und ihre Arbeit eindrucksvoll zu schildern und ihn gleichzeitig einzuordnen. Rückblicke auf die Zeit nach dem Euromaidan sind hilfreich, weil sie zeigen, wie zögerlich die russische Aggression als solche wahrgenommen wurde; es kommen wichtige Zeitgenossen mit großem analytischen Weitblick, wie Timothy Snyder, zu Wort. Offen und schonungslos wird von den Vorbehalten gesprochen, die Ukrainer gegen Deutschland und seine verhängnisvolle Rolle in der politischen Haltung gegenüber Russland.

Die Gegenüberstellungen und eingeflochtenen analytischen und erklärenden Passagen verleihen dem Text über den reinen Augenblick hinaus eine Tiefe, die ihm einen ganz besonderen Wert verleihen. Es geht nicht nur darum, was geschehen ist und wie es sich vor Ort auswirkt, sondern woher es kommt und wie es wahrgenommen wurde. Trotzdem wird zu jedem Zeitpunkt spürbar, dass es hier nicht um abstrakte Dinge geht, sondern Menschen aus ihrer Lebensbahn wirft – dank einer beeindruckend empathischen Darstellung.

Besonders beeindruckend sind die Passagen über die russischen Kriegsverbrechen. Ein Zivilisationsbruch und ein Wendepunkt im Krieg, denn er hat dem verlogenen Kremlherrn und seinen Helfern die Maske vom Gesicht gerissen. Über den Charakter seines Vernichtungskrieges gibt es seitdem keine berechtigten Zweifel mehr, von ganz hartnäckigen Wirklichkeitsleugnern einmal abgesehen, ist das im Westen Konsens.

Sehr gut gefallen haben mir zudem die erzählenden Teile, die sich vom aktuellen Geschehen lösen und die Vergangenheit ausloten. Katrin Eigendorf hat – glücklicherweise – kein Problem damit, ihre eigene Sichtweise rückwirkend zu schildern: Sie hat, wie mehr oder weniger ganz Deutschland, den Blick zuvörderst auf Russland gerichtet und den ukrainischen Anteil etwa am Sieg über Nazideutschland unter den Tisch fallen lassen. Die Korrektur, die von der Autorin seit 2014 vollzogen wurde, ist offen dargelegt.

Das von Russland gepflegte Narrativ der Faschisten in der Ukraine wird beleuchtet, problematische Figuren wie Stephan Bandera eingeschlossen, doch wird das angemessen gewichtet angesichts der Millionen Opfer, die von der Ukraine im Vernichtungskrieg gegen Wehrmacht und SS zu erleiden hatte. Hier hätte ich mir gewünscht, dass auch ein Wort über die russischen Kollaborateure und vor allem das umfänglich Nazi-Problem in Russland gewünscht, um die Vorwürfe gegen Kyjiw, die immer wieder vorgetragen werden, als das hinzustellen, was sie sind: Propaganda.

Katrin Eigendorf: Putins Krieg
S.Fischer 2022
Gebunden 256 Seiten
ISBN: 978-3103971958

Robert Harris: Königsmörder

Ein atmosphärisch ungemein dichter, ausschweifender Roman, packend, dramatisch, aber fern aller romantisierenden Abenteuererzählung. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Nicht allzu oft haben Revolutionäre gekrönte Häupter rollen lassen. Karl I. (Charles I.) Stuart gehört zu jenen Ausnahmen. Zum Ende des englischen Bürgerkrieges wurde er getötet – man kann im Internet Bilder jenes Dokumentes betrachten, auf dem 59 Mitglieder des eigens eingerichteten High Courts das Todesurteil unterzeichnet haben. Der vierte trägt den Namen Edward Whalley, der vierzehnte heißt William Goffe: zwei der drei Hauptfiguren des Historischen Romans Königsmörder von Robert Harris.

Zu ihnen gesellt sich ein dritter Protagonist namens Richard Nayler, eine fiktive Figur, Gegenspieler und Nemesis von Whalley und Goffe, nachdem Oliver Cromwell gestorben und die Monarchie restauriert worden ist. Eine erbarmungslose Jagd auf die Königsmörder setzt ein, perfide wird ihnen Gnade versprochen, während ihnen ein grausamer Tod blüht. Die Zeit um 1660 ist von brutaler Erbarmungslosigkeit, was Hinrichtungen anbelangt.

Nayler gehört zu den eifrigen Jägern, er hat mit Whalley und Goffe ein besonderes Hühnchen zu rupfen, die Jagd auf sie trägt den Charakter eines privaten, fanatischen Rachefeldzuges. Die Handlung setzt ein, als die beiden Oberste in den Kolonien jenseits des Atlantiks eintreffen, während die meisten Verfolgten vor der Nachstellung durch die Getreuen der englischen Krone aufs europäische Festland geflohen sind, etwa in die Niederlande.

Harris hat eine ebenso spannende wie ausschweifende Geschichte verfasst, die zweierlei vermeidet. Einmal jede Form romantisierender Abenteuererzählung um die Flucht der beiden Oberste, ihr Elend wird fühlbar; zum zweiten die Verlockung, die Handlung zu einem auf purer Handlungsspannung fokussierten Thriller zu machen. Dazu hätte der Autor die historische Überlieferung ordentlich biegen müssen, außerdem ist der Roman – für meinen Geschmack –  packend.

Aber nicht nur das. Die flüchtigen Whalley und Goffe stehen in der Neuen Welt vor der Herausforderung, zu überleben. Sie können sich auf ein Netzwerk aus Puritanern stützen, die ihnen helfen; allerdings wirkt die Flucht bisweilen seltsam arglos, so geben sich die Fliehenden keinerlei Mühe, ihre wahre Identität zu verschleiern, sondern treten unter ihren richtigen Namen auch noch in der Öffentlichkeit auf.

Für Jäger Nayler ein gefundenes Fressen, das er nicht verschmäht, als er selbst nach einer recht ausgedehnten Irrsuche in England schließlich selbst nach Amerika übersetzt; zu den großen Vorzügen des Romans gehört, dass die Stolpersteine von Flucht und Jagd von Harris mit der gleichen Detailliebe geschildert werden. Doch kommen sich in einer unerhörten Szene Jäger und Gejagte sehr nahe, eine atemberaubende Szene, in der man selbst die Luft anhält.

Wirklich großartig ist der Roman durch die Atmosphäre, die einem alten, üppigen, von Figuren, Landschaften, Dorf- und Stadtszenen wimmelnden Gemälde ähnelt. Man wähnt sich in London, man wähnt sich in den der Unendlichkeit des amerikanischen Kontinents, auf hoher See und mitten drin, wenn die großen Heimsuchungen der Zeit über die Menschen hereinbrechen. Chapeau!

Robert Harris: Königsmörder
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne-Verlag 2022
Hardcover mit Schutzumschlag, 544 Seiten
ISBN: 978-3-453-27371-9

Leo Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages

Einen großen, internationalen Erfolg konnte der österreichische Schriftsteller mit seinem 1923 erschienen Roman erzielen. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Als ich vor einigen Jahren den Roman Der schwedische Reiter von Leo Perutz in meiner Göttinger Buchhandlung kaufte, erfuhr ich, dass der Autor eher selten gelesen wird. Das ist schade, denn Perutz schreibt wirklich gut. Das gilt auch für seinen Roman Der Meister des Jüngsten Tages. Der hält einige Überraschungen bereit, denn es handelt sich um einen Kriminalroman mit Spuren von Mystery.

Die Handlung spielt im Jahr 1909 in Wien, eine wunderbare (Erzähl-)Zeit und ein ebensolcher Ort. Zu Beginn versammelt man sich in besserer Gesellschaft, spielt Klavier-Kammermusik – Brahms hat unglaubliche Stücke geschrieben, die vor Energie, dramatischem Pathos und Leidenschaft zu bersten scheinen. Zu den großen Vorzügen der Gegenwart gehört die Möglichkeit, sich mit einem Klick die im Roman geschilderten Stücke einmal anzuhören.

Ein Todesfall geschieht, der nach einem Mord aussieht. Ein Verdächtiger ist schnell auserkoren, ein Motiv ist auch vorhanden, die anfänglich bereits spürbaren emotionalen Lasten, die der Ich-Erzähler mit sich herumträgt, wenden sich gegen ihn. Perutz hat eine sensationelle Erzählfigur geschaffen, die trotz der eigentlich nahen, persönlichen Erzählhaltung für den Leser schwer greifbar bleibt.

Das liegt unter anderem an den geradezu dramatischen Stimmungsschwankungen des Ich-Erzählers, außerdem lässt ihn Perutz angesichts des Todesfalles und der sich für ihn abzeichnenden Konsequenzen immer wieder abdriften, seine Gedanken weichen aus der Gegenwart in die Vergangenheit, Rechtfertigungen, Selbstanklagen, ja in einem Fall meint der Ich-Erzähler sich einer Sache zu erinnern, die er tatsächlich nicht erlebt haben kann.

Für den Leser (oder Hörer; die Hörbuchausgabe mit Peter Simonischek ist glänzend) macht das einen gehörigen Teil der Spannung aus. War er »es«? Oder nicht? Die Fragen werden zu treuen Begleitern, während das Buch in eine intensive Suche mündet, mit dem Ziel, die Umstände des Todes aufzuklären. Ganz nebenbei wird der Leser in die Vorkriegszeit Wiens eingeführt.

Der Stil von Perutz ist für viele Krimi-Leser des frühen 21. Jahrhunderts sicher gewöhnungsbedürftig. Der Roman ist 1923 entstanden und atmet noch die alte, kaiserlich-königliche Zeit, eine Art sprachliches Kolorit (was in der Hörbuchversion ganz besonders zum Tagen kommt). Wer nur Krimi-Massenware nach Schreibratgeber-Pausbogen mag, sollte Der Meister des Jüngsten Tages lieber meiden. Für alle anderen wartet mit diesem Klassiker ein kleiner Schatz.

Leo Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages
dtv 2003
TB 208 Seiten
ISBN: 978-3-423-13112-4

Benedict Jacka: Das Ritual von London

Teil zwei der Buchreihe um den Magier Alex Verus; kurzweilige Unterhaltung in London, dem Schauplatz nicht nur dieses Urban-Fantasy-Romans. Cover blanvalet, Bild mit Canva erstellt.

Auch das zweite Abenteuer in der Buchreihe um Alex Verus ist voller turbulenter Ereignisse und Wendungen. Der Urban Fantasy-Roman um den magiefähigen Außenseiter in der Welt voller ambitionierter Zauberer unterhält den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Wer ein wenig aus der biestigen Realität abtauchen will und das Genre mag, ist hier an der richtigen Adresse.

Benedict Jacka hat in Das Ritual von London seine Figuren sehr geschickt gruppiert, die Antagonismen befeuern die Handlung und treiben sie voran. Zwar ist die Welt der Magiefähigen grundsätzlich von einem Dualismus zwischen Weiß- und Schwarzmagiern geprägt, doch ist das eine Verschlichtung aus Bequemlichkeit. Im Verlauf der Handlung bilden sich grenzübergreifende Zweckbündnisse, es gibt Verrat, Treue, Spiele und Gegenspiele.

Auch Weißmagier verfolgen ihre Interessen mit bemerkenswerter Härte und Erbarmungslosigkeit, der Autor spielt mit dem Freund-Feind-Motiv, indem er es von einem Nebel der Unsicherheit umgibt. Wem kann Alex Verus trauen? Der betörend schönen Meredith, die auch noch durch ihre magische Begabung andere umgarnen kann (Spoiler: »Idiot!«)? Wie steht es mit Belthas einem mächtigen Weißmagier, der Verus beauftragt, aber seine eigene Agenda verfolgt – ist auf die Lauterbarkeit seiner Motive Verlass?

Lange bleibt es unklar, wie diese Figuren zu dem Protagonisten wirklich stehen; doch das gilt auch für altbekannte Mitstreiter und Gegenspieler. Luna etwa, die von einem Fluch belegt ist, der jeden in ihrer Nähe in Lebensgefahr bringt (ein Leitmotiv der Reihe). Das macht sie angreifbar, gemeinsam mit der Ungeduld, diese Last endlich abzuschütteln, öffnet der Drang Tür und Tor für Entscheidungen, die haarsträubende Folgen zeitigen.

Denn es gibt noch mächtige und entsprechend gefährliche Artefakte und – verbotene – Rituale, die selbstverständlich auf viele einen unwiderstehlichen Reiz ausüben. In jeder erdachten wie wirklichen Welt sind Abkürzungen auf dem Weg zum Ziel gern gesehen, auch wenn der Mensch dafür ein erhebliches Risiko auf sich nehmen muss.

Alles verstrickt sich zu einem immer seltsameren und schwer zu durchschauenden Knäuel, Attentate, Verfolgungen, Flucht und die hektische Suche nach Antworten lassen so viel Zeit verstreichen, dass sich die Gefahr immer weiter verdichtet und die Erzählung in einem fulminanten Showdown mündet. Das Ritual von London ist vielversprechend für die folgenden Teile.

Weitere Teile der Reihe um Alex Verus, die ich besprochen habe:
Das Labyrinth von London.
Der Magier von London.

Der Wächter von London.

Aus dem Englischen von Michelle Gyo
Originaltitel: Cursed (Alex Verus 2)
Blanvalet 2019
Taschenbuch 384 Seiten
ISBN: 978-3-7341-6169-8

Aladin El-Mafaalani: Wozu Rassismus?

Zu den wirklich interessanten Ansichten des Autors zählt jene, dass gesellschaftliche Fortschritte fast immer mehr (!) Konflikte provozieren, sei es bei der Integration, sei es beim Umgang mit Rassismus. Cover Kiwi, Bild mit Canva erstellt.

Soziologie gilt manchem als die Kunst, einfache Dinge kompliziert auszudrücken. Glücklicherweise neigt Aladin El-Mafaalani dazu, seine Anliegen klar und zielgerichtet zu formulieren. Nur selten verirrt sich seine Sprache in ein schwer durchdringbares Gestrüpp soziologischer Wortakrobatik, insbesondere, wenn komplexe Gedanken in dem Englischen entlehnte Schlagworte gepresst werden.

Ein schönes Beispiel für die Klarheit ist der Hinweis auf die vor allem in den Sozialen Medien immer wieder geäußerte Behauptung: »Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße.« Mafaalani erläutert, dass dieses Postulat unangepasst von seinem Ursprung, den USA, auf Europa respektive Deutschland übertragen wurde; seiner Ansicht nach ist er jenseits des Atlantiks angebracht, in der Alten Welt nicht, zum Beispiel mit Blick auf den Rassismus, den Osteuropäer ausgesetzt sind.

Ob man angesichts dieses Postings ohne Weiteres sagen kann, dass es in den USA keinen Rassismus gegen Weiße gebe? Man braucht nicht immer den »Generalplan Ost«, manchmal reichen auch (unbedachte?) Äußerungen wie diese. Trotzdem ist die Urheberin nicht automatisch eine Rassistin, auch mit diesem – falschen – Kurzschluss befasst sich Mafaalani in seinem Buch. Vielleicht wird schon deutlich, wie komplex das Thema ist.

Der Autor bezieht in Wozu Rassismus? klar Stellung und fordert Widerspruch geradezu heraus. Das ist seiner eigenen Einschätzung nach nichts Schlechtes, denn die neue Offenheit der Gesellschaft ist laut El-Mafaalani damit verbunden, dass man alles sagen darf und – für manche unangenehm – mit Widerspruch und Kritik rechnen muss. Überhaupt ist das eine der wirklich interessanten Ansätze, nicht nur in diesem Buch: Streit als Indikator der Fortschritts, sei es bei der Integration (Das Integrationsparadox), sei es beim Thema Rassismus.

Differenzierte Kritik werde ich an dieser Stelle nicht üben, das würde den Rahmen sprengen. Tatsächlich gäbe es eine ganze Reihe von Kritikpunkten, etwa eine gewisse Leichtfertigkeit in der Bewertung von herandräuenden Konflikten (»es geht die Post ab«) oder die einseitige, wenn auch richtige Zuweisung von bewusst herbeigeführter Stimmungsverschärfung seitens konservativer Politiker.

Vor allem aber liegt mir das Thema identitäres Denken und Argumentieren schwer im Magen. Die Forderung nach einer konsequenten Vermeidung von Worten wie »Neger«, auch wenn über dieses Wort selbst und seine Verwendung geredet werden soll, halte ich für schlichtweg falsch. Selbstverständlich darf niemand als bzw. nichts mit »Neger« bezeichnet werden, ebenso selbstverständlich sind sämtliche Derivate zu vermeiden.

In Wozu Rassismus? erhält der Leser einen umfassenden Einblick in das, was ich akademischen Antirassismus und Rassismusforschung nennen würde. Der Autor stellt die Zusammenhänge komplex dar, bleibt dabei aber verständlich. Wie das in der nichtakademischen Praxis aussieht, bleibt dahingestellt. Wahrscheinlich werden die vielschichtigen Facetten des Rassismus, seine strukturellen und institutionellen Erscheinungsformen auf schlichte Formeln und Vorwürfe eingedampft.

Gefragt habe ich mich, wer eigentlich erreicht werden soll. Etwa die Anhänger von AfD, Freie Wählern und CDU/CSU? Schulen? Die kämpfen mit profaneren Dingen wie kaputten Toiletten, strukturellen Personalmangel und einem Lehrplan, der seit Jahrzehnten im 19. Jahrhundert feststeckt. Die Lösungsansätze, die El-Mafaalani skizziert, erinnern mich an die hochfliegenden pädagogischen Pläne aus den 1970er Jahren, die in der Wüste der Budgetknappheit jämmerlich verendet sind. Das wird so bleiben.

Wichtig ist mir, zu betonen, dass ich das Buch nicht etwa trotz der genannten Kritik für lesenswert halte, sondern auch wegen ihr.

Aladin El-Mafaalani: Wozu Rassismus?
Kiwi 2021
TB 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-00223-2

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