Schriftsteller - Buchblogger

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der Roman wurde 2022 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und weithin gelobt. Für mich eher eine Enttäuschung. Cover Hanser, Bild mit Canva erstellt.

Die ersten achtzig Seiten war meine Lektüre von mehr oder weniger lautlosen Seufzern begleitet, ehe der preisgekrönte Roman seine Qualitäten entfaltet. Danach nimmt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Leser gefangen und hält ihn fest umschlungen, auch wenn der Inhalt von den Pageturner-Niederungen weit entfernt ist, möchte man unbedingt weiterlesen. Der letzte Romanteil ist bedauerlicherweise eine Enttäuschung und so bleibt ein zwiespältiger, tendenziell negativer Eindruck zurück.

Romane mit Ich-Perspektive oder Schriftstellern als Protagonisten bereiten mir immer Mühe, tritt beides in Kombination auf und drehen sich Gedanken und Gespräche der Handelnden um die Schreiberei, Literatur und den Buchmarkt, wird es zäh. Diese Dreifaltigkeit ist meine literarische Nemesis und in Moahamed Mbougar Sarrs Roman tritt sie dem Leser entgegen. Tatsächlich habe ich an manchen Stellen sogar erwogen, die Lektüre einzustellen.

Doch sind Sprache und Inhalt von Anbeginn an auf einem recht hohen Niveau, die Erzählung geht flott voran und touchiert bereits das, was nach rund einem Fünftel anhebt: Die Suche nach T.C. Elimane, dem verschollenen und von Rätseln umwirkten Schöpfer eines skandalträchtigen Romans. Der ist 1938 unter dem Titel Das Labyrinth des Unmenschlichen erschienen und wurde gefeiert und angefeindet, wie es zum – nun, ja: guten Ton der Literaturszene gehört.

Ich sage es dir noch einmal: Das Ganze ist nichts weiter als eine Komödie. Eine finstere Komödie.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der junge Schrifsteller Diégane, senegalesischer Herkunft wie Elimane und wohnhaft in Paris (wo auch sonst), gehört zu einer Generation von Schreibenden, die noch auf der Suche sind und sich dabei gern in worthülsige Debatten um „die Literatur“ und ihre Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Sinn, Unsinn und allerlei andere unlösbare, daher unendlich ergiebige Themen ergehen. Um es vorwegzunehmen: In ähnlich schwergängigem Gelände endet der Roman auch wieder.

Diégane ist mit dem geheimnisvollen Buch Elimanes in Berührung gekommen, obwohl es wegen Plagiatsvorwürfen vom Verlag zurückgezogen werden musste. Eigentlich gibt es keine Exemplare mehr, doch wird Diégane überraschenderweise mit einem beschenkt – ein zweischneidiges Schwert, denn die Schenkerin beneidet und bemitleidet den Beschenkten zugleich. Ominöse Prophezeiungen dieser Art haben immer etwas Stiefeliges, leider bleibt es nicht die letzte im Romanverlauf.

Elimanes Roman wohnt ein Zauber inne, der seine Leser in Bann schlägt. Zumindest die Schriftsteller-Peer von Diégane kann sich diesem nicht entziehen, auch die Hauptfigur nicht. Dergleichen Geniales etwas ist immer etwas problematisch in Romanen (oder Filmen), denn ausgedachte Genialität kann immer nur behauptet und nicht gezeigt oder erzählt werden. Passagen, die über die Brillanz des jeweiligen Werkes Auskunft geben sollen, wirken rasch aufgeblasen.

Ja, sagte ich, ja, in diesem Land will ich Bürgerin sein, diesem Königreich will ich Treue schwören, dem Königreich der Bibliothek.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Das kann man nicht von den Rezensionsschnipseln sagen, die Sarr in seinen Text einstreut. Das Feuilleton ist begeistert, neidisch, beleidigt, misstrauisch, vorwurfsvoll und rassistisch und auch vernichtend. Dem Autor ist es gelungen, diese Einschübe (und viele andere) organisch mit seiner Erzählung zu verweben, gleichzeitig den Fluss des Erzählens zu brechen – als handelte es sich um Steine in einem Strom.

Sarr spielt mit der Sprache und den Erzählperspektiven, der Leser darf sich immer wieder auf Neues einstellen, der gewohnte Gang des Erzählens wechselt, Perspektiven lösen sich auf, geschickt eingeflochten in die Handlung durch Erscheinungen und Assoziationen, wodurch die zeitlich und örtlich weit voneinander entfernt liegenden Ereignisse unmittelbar miteinander verknüpft werden. Als Leser ist man gut beraten, aufmerksam zu sein, sonst überhuscht man leicht jene kleinen Hinweise darauf, wer eigentlich spricht.

Inhaltlich hat mich ein Aspekt besonders beeindruckt. Die Geschichte, die mir in Studium und Lektüre so vertraut geworden ist, wird in diesem Roman aus einer ganz anderen Sichtweise geschildert, nämlich der mehrerer Senegalesen. Kolonialismus, kulturelle Assimilation und die Liebe zu einem Land, das als Beherrscher auftritt, für das der Beherrschte dennoch in den Krieg zieht. Einfach ist hier gar nichts, denn dieses Handlungsmotiv führt zu einem Kern von Die geheimste Erinnerung der Menschen.

»Mit Hilfe seiner afrikanischen Söhne und Brüder wird Frankreich den Krieg schnell gewinnen.«

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Die Spurensuche, die Sarr in bemerkenswert abwechslungsreicher Weise ausführt, ist spannend, trägt kriminalistische bzw. allgemeiner formuliert investigative Züge. Die Hauptfigur jagt einem Phantom nach, das nicht gefunden werden will; ihm begegnet man, wenn er es will. Leider dichtet Sarr seinem Elimane intellektuelle und körperliche Eigenschaften an, die man ihm ab einem gewissen Punkt nicht mehr abnehmen möchte.

Sarr scheut sich nicht, die Grenzen zwischen Realität und Mystik verschwimmen zu lassen, das funktioniert zumeist, weil er diese Übertritte auf erklärbaren Ursachen fußen lässt – etwa Drogen, Fieber und natürlich Träume. Weniger fundamentiert sind die Äußerungen derjenigen, die sich mit dem Buch und seinem Urheber befassen, Elimane Wirkung und die seiner Schrift, die seine Leser wie ein Zauberelexir in – man muss es leider so deutlich sagen – schwülstige Verzückung versetzt.

Das Ende erscheint mir schwach, der letzte Satz regelrecht banal. Das ist immens schade, denn auf dem langen Weg dahin touchiert Sarrs Erzählen eine ganze Reihe hochspannender Aspekte, etwa die Erlebnisse seines Freundes Musimbwa, der über ein immens beklemmendes und bedrückendes Kindheitserlebnis berichtet und lang langem Kampf mit sich selbst eine radikale Abkehr von der europäischen Literatur-Kultur hin zu einer eigenen Tradition vollzieht. Das bleibt aber bloße Episode, wie viele andere Dinge, etwa den – scheinbar obligatorischen – Nazi-Auftritt und eine Halbsatz-Jagd nach selbigen Schurken im Nachkriegssüdamerika.

So bleibt ein zwiespältiges Empfinden zurück, auch wenn ich Die geheimste Erinnerung der Menschen insgesamt für durchaus lesenswert halte. Der Roman hat unbestreitbar Stärken, ist ungewöhnlich vielfältig in Stil und Form, die nicht zu Fingerübungen verkommen, sondern mit dem Inhalt verwoben bleiben, der überwiegend mit einer schönen Sprache dargeboten wird. Trotzdem bleibt der Eindruck, einen schwächeren Preisträgerroman des Prix Goncourt gelesen zu haben.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen
aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hanser Verlag 2022
Hardcover 448 Seiten
ISBN: 978-3-446-27411-2

7 Kommentare

  1. Ingeborg

    Ich habe Elimanes Geschichte für mich von den zahlreichen Erzähler und Erzählerinnen im Roman, von der monströsen Philosophirerei über Literatur getrennt, wie ein frisch gekochtes Ei aus seiner nicht verzehrbaren Schale.
    Und diese Geschichte hat mich als Leserin erreicht und berührt. Sie hat es geschafft, mich in dieses fiktive afrikanische Dorf zu entführen und mich den unbekannten Menschen dort nahe zu bringen. Ihre Lebensmodelle , ihre Kraftquelle, nämlich die, sich Hellsehern, Wahrsagern, Menschen, die herausragend klüger und gebildeter scheinen oder wie in Elimanes Fall auch sind, ihnen zu vertrauen und sie zum ehrenden und achtenswerten Mitglied ihrer Dorfgemeinschaft zu machen.
    Die Geschichte einer senegalesischen Familie über Generationen hinweg hat Sarr spannend erzählt.

    • Alexander Preuße

      Es ist schön, dass du einen Zugang zu Sarrs Roman gefunden hast; seine geheimste Erinnerung ist ja auch bemerkenswert vielfältig. Es ist immer wieder spannend, wie unterschiedlich Leser einen Roman wahrnehmen.

      • Ingeborg

        Guten Morgen und herzlichen Dank für deine prompte Antwort.

        • Ingeborg

          ach und ich verrate dir noch etwas, dieses Buch hat mich zu einem Lesenachmittag im Freundinnenkreis animiert.
          Ich werde einen afrikanischen Kuchen backen, ich werde von Elimane und seiner Familie erzählen und Passagen aus dem Buch vorlesen und beenden werde ich das Treffen mit einem Essen aus der Tajine, dem afrikanischen Schmortopf.
          Meine Freundinnen werden dieses Buch nicht lesen, sie bevorzugen einen anderen Romanstil, aber sie werden mir zuhören, dass weiß ich, haben solche Lesenachmittage schon öfter gemacht.
          Ja, dieser Roman hat für mich eine nachhaltige Wirkung.
          Vielleicht musst du über mich lächeln….
          egal, ich denke, ich erzähl dir das jetzt einfach mal.
          herzlichen Gruß

          • Alexander Preuße

            Dabei wünsche ich viel Vergnügen. 🙂

  2. Petra

    Stimme dir da absolut zu. Es gibt Stärken, aber wenn es ein Buch weder schafft, dass man es gern liest (ohne so viel seufzen zu müssen, die ersten 80-100 Seiten ging es mir ganz genauso und ich hätte da eigentlich abbrechen müssen, aber zwischendurch war das Buch ja durchaus fesselnd) noch etwas Bereicherndes erzählt, dann ist es einfach nicht das richtige Buch. Manchmal passt es einfach nicht und es gibt ja genug begeisterte Stimmen. Ich bin aber froh, dass es nicht nur mir so gegangen ist. Viele Grüße!

    • Alexander Preuße

      Du hast völlig recht, gerade mit der Bemerkung, dass es manchmal einfach nicht passt. Als Blogger soll man das ruhig sagen können, auch wenn es sich nach einer Geisterfahrt anfühlt, weil so viele andere begeistert waren. Authentisch bleiben ist wichtig. Viele Grüße zurück!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

© 2024 Alexander Preuße

Theme von Anders NorénHoch ↑

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner