

Rom. Bei meinem letzten Besuch in Italiens Hauptstadt hatte ich Die linke Hand des Papstes von Friedrich-Christian Delius im Gepäck. Gibt es einen besseren Ort, um dieses Buch zu lesen? Nein. Es war die zweite Lektüre und sie hat mir noch mehr Freude bereitet als der erste Durchgang. Gleich auf der ersten Seite sitzt man mit dem Erzähler in einer evangelischen Kirche, wenige Meter entfernt hat der Papst mit zwei Begleitern Platz genommen. Es handelt sich um die Christuskirche in der Via Sicilia, die ich selbstverständlich in Augenschein genommen habe.
Ein Reiseführer ist das Buch tatsächlich, in einem speziellen Sinne. Delius hat einen fiktionalisierten Rant geschrieben und in seinem typischen Stil insbesondere die doppel- und dreifachgesichtige italienische Politik unter Silvio Berlusconi sowie der katholischen Kirche aufs literarische Korn genommen. Unvergessen werden jedem Leser jene Pferde sein, ein Sinnbild des absurden Polit-Theaters, über das gut ein Jahrzehnt später keiner mehr richtig lachen mag.
In jener Zeit, die ein ganzes Zeitalter zurückzuliegen scheint, wurde das Fundament für die Großkatastrophe gelegt, die Europa zu zermalmen droht. Jenes Europa, das auf Werten basieren will, die von Geschöpfen wie Berlusconi und dem Schweif an Gefolgsleuten mit Füßen getreten wurden und noch immer werden. Ein ukrainischer Beobachter hat sinngemäß gesagt, Putin habe gelernt, dass viele westliche Politiker Werte sagen und Selbstbereicherung meinen. Leichtes Spiel für den imperialistischen Diktator.
Der zweite Roman, den ich zeitgleich lesen werde, führt mitten hinein in die letzte Katastrophe, die in ihrem Ausmaß die aktuelle – noch – weit übertraf, aber die Richtschnur setzte. Vernichtungskrieg. Stalinorgel von Gert Ledig ist der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Ja, besser noch als Im Westen nichts Neues von Erich-Maria Remarque oder In Stahlgewittern von Ernst Jünger. Moral und Pathos fehlen bei Ledig, man steht bloß im heulenden Toben der sowjetischen Raketenwerfer.
Sie heulen heute wieder, wenige Flugstunden von Berlin entfernt ist ein Gemetzel im Gange, das seit 1945 nicht mehr für möglich gehalten wurde. Ist das unsere Zukunft? Niemand kann diese voraussagen, rückblickend mag man im vielstimmigen Gewirr einige heraushören, die richtig lagen; doch in der Gegenwart ist das unmöglich. Die Zukunft ist offen, aber abhängig von »Pfaden«, die eine gewisse Richtung einschlagen. Tag für Tag wendet sich der unsere Pfad einem neuen Landkrieg entgegen. Fällt die Ukraine, wird dieser bald ausbrechen.
Mit Ledig zieht der Leser in das Jahr 1942, mitten hinein in die Kämpfe vor Leningrad. Wie in seinem brillanten Luftkriegsroman Vergeltung schildert der Roman den Frontalltag mit schonungsloser Offenheit, die schnörkellose, knapp gehaltene Sprache lässt keinen Raum für Milderung. Einige Sätze und Handlungsmotive haben sich mir eingeprägt, sie entfalteten bei der ersten Lektüre eine unwiderstehliche Wucht.
Beide Bücher sind Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen – 4 für 2025.




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