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Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Buchcover von Stefan Hertmans’ Roman ‚Krieg und Terpentin‘ aus der Reihe Diogenes, kombiniert mit historischen Schwarz-Weiß-Fotografien von Soldaten im Ersten Weltkrieg und einem Zitat: ‚Der Zufall und der Tod spielen gemeinsam Schach.
Der autofiktionale Roman erzählt vom Großvater des Autors, seinen Erlebnissen an der Front während des Ersten Weltkrieges, aber auch von der mit dem Kriegsausbruch 1914 verlorenenen Welt von Gestern, ganz ohne romantische Verklärung. Cover Diogenes Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Fast zweihundert Seiten verstreichen, ehe der »Große Krieg« ausbricht. Der Großvater Stefan Hertmans’ muss ins Feld ziehen, wie man euphemistisch sagt; was er dort erlebt, schreibt er Jahrzehnte später nieder und gibt die Blätter an seinen Enkel weiter. Mit der Gabe ist ein Auftrag verbunden, so zumindest versteht es Autor Hermans, sich mit den Erinnerungen an das blutige Massenmorden auseinanderzusetzen. Krieg und Terpentin ist das Resultat dieser Auseinandersetzung, in der die Kriegserinnerungen den eisenharten Kern darstellen. Das Buch geht jedoch weit über die Kriegszeit hinaus, es ist auch eine Familien- und Generationengeschichte, eine Spurensuche mit verblüffenden Funden und vielen Sackgassen.

Im historischen Bewusstsein Deutschlands ist der Erste Weltkrieg im Schatten des monströsen Zweiten Weltkrieges verschwunden; Vernichtungskrieg, Holocaust und Selbstzerstörung verschlucken alles Vorangegangene. In Frankreich ist das anders, hier spielt – vielleicht auch durch die verheerende Niederlage der französischen Armee 1940 – der »Große Krieg« in der Erinnerung eine bedeutende Rolle. Und in Belgien? Auch nach der Lektüre von Krieg und Terpentin kann ich darauf keine Antwort geben. Aber in den Erinnerungen von Urbain Martien (und seines Enkels Stefan Hertmans) nimmt der Erste Weltkrieg eine zentrale Rolle ein, der Zweite Weltkrieg ist kaum mehr als eine Randerscheinung.

Meine Kindheit ist überwuchert von seinen Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg, immer und immer wieder dieser Krieg.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Das ist verblüffend für einen deutschen Leser, doch in gewisser Hinsicht folgerichtig. Mit dem Kriegsbeginn begann der rasante Absturz jener Welt von Gestern, wie die Zeit bis 1914 nach Stefan Zweig noch heute genannt wird. Diese Disruption war ein blutiges Beben und wischte eine bis dahin nur in Teilen angegriffene Gesellschaftsordnung mit brutaler Rasanz hinweg. Mit ihr verschwanden nicht nur verkrustete, rückständige und menschenverachtende Strukturen, sondern auch moralische und persönliche Hemmnisse. Der mechanisierte Krieg mit seinen ungeheuren Verlusten und Massen-Tötungsmitteln (Gas) machte bis dahin Undenkbares möglich, auf dem Schlachtfeld und im Zivilleben. Ohne diese Radikalisierung wären die ideologischen Massenmorde im Gewand des Bolschewismus, Nationalsozialismus und Maoismus schwerlich möglich gewesen. In diesem Sinne war der Erste Weltkrieg die Urkatastrophe.

Stefan Hertmans widmet der Zeit vor diesem Desaster mehr Raum als dem Krieg an sich. Er nähert sich dem Menschen Urbain Martien über seine persönlichen Erinnerungen an und greift von dort weit in die Vergangenheit zurück. Die Lebenslinien der Urgroßeltern bilden den zeitlich am weitesten zurückliegenden Stoff für Krieg und Terpentin. Mit ihnen tritt nicht nur der Großvater ins Leben, das Leben selbst wird anhand der Schicksale geschildert. Diese Welt ist jenseits der romantisierten Erinnerungen Stefan Zweigs oder auch in Joseph Roths Radetzkymarsch brutal und gnadenlos. Die an Krebs erkrankte Nachbarin verreckt langsam und qualvoll an ihrem Tumor, der weder behandelt noch schmerzlindernd mit Medikamenten begleitet wird. Die Arbeitsverhältnisse (einschließlich horrender Unfälle) sind geradezu absurd in ihrer Menschenfeindlichkeit, die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch.

Es ist das Hin-und-Hergerissen-Sein zwischen dem Soldatensein aus Not und dem Künstlerdasein aus Neigung: Krieg und Terpentin.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Doch geht etwas verloren, wie sich am Großvater zeigt, der später immer etwas altmodisch wirkt, in einem positiven, wenngleich schwierigen Sinne. Mehrfach kommt es zu psychischen Krisen, Einweisungen in Kliniken und Behandlungen mit Elektroschocks. Traumatherapie gab es noch nicht, dabei wäre sie nötig gewesen, angesichts der Kriegserlebnisse und dem kaum weniger niederschmetternden privaten Tiefschlag während der mörderischen Spanischen Grippe 1919. Infolge der Kriegsversehrungen scheidet Urbain Martien früh aus dem Arbeitsleben aus und widmet sich dem Malen. Die Kunst spielt eine wesentliche Rolle in dessen Leben, brotlos, aber kreativ und produktiv. Hertmans Spurensuche kommt auch dank der Bilder zu überraschenden Erkenntnissen über seinen Großvater, die Gemälde sind wie Schlüssel zu den geheimen Kammern voller Schmerz und Trauer.

Ich war während der Lektüre verblüfft über die oft abfällig behandelten Kopien von berühmten Bildern. Schon bei Rebecca Struthers Uhrwerke werden Nachahmungen und Fälschungen von Uhren, Kunstwerken anderer Art, in einem helleren Licht gezeichnet. Auch im Leben von Wolfgang Herrndorf bildete die Nachahmung alter Meister einen wesentlichen Aspekt. Urbain Martien hat sie in seinem Sinne für die Bewältigung seiner ganz persönlichen Verheerungen verwendet. Kurioserweise ist kein einziges Kriegsbild unter seinen Werken, obwohl er in seinen Erinnerungen davon spricht, im Schützengraben gezeichnet zu haben. Hier mussten es Worte richten. Sie erinnern an das, was man bei Remarque und anderen Kriegsliteraten lesen kann, sind aber doch grundverschieden, denn hier schreibt ein Flame über seine Zeit in der belgischen Armee. Die erscheint in keinem guten Licht, wie sich nicht nur an der Behandlung der flämischen Soldaten durch die frankophonen Offiziere zeigt.

Logik des Schlachtfeldes. Der Zufall und der Tod spielen gemeinsam Schach.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin

Urbain Martien überlebt den Krieg, er wird mehrfach schwer verwundet und ausgezeichnet, anders als seine wallonischen Kameraden aber nicht zum Offizier befördert. Eine lebenslang nachwirkende Herabsetzung, nicht die einzige für die flämischen Soldaten. Seine Genesungsaufenthalte, unter anderem in England, sind verwaschene Flecke in der Biographie, aus dem unscharfen Bild schält sich die grotesk erscheinende Sehnsucht nach dem Graben und den Kameraden heraus. Der Krieg zerrüttet Mensch und Land. Hertmans bereist die Schlachtfelder, jene Orte, an denen sein Großvater gekämpft hat. Die Spuren sind verschwunden, es hat den Anschein, als ob die Gegenwart in einem ganz anderen Land angesiedelt wäre. Eine Scheinwelt, denn als der autofiktionale Roman 2013 erschien, konnte man noch wähnen, der Krieg wäre überwunden. Ein Jahr später machte Putins Russland den Irrtum offenkundig, was viele bis 2022 ignorierten. Der Krieg war nur verborgen, aber nie weg.

Stefan Hermans: Krieg und Terpentin
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Diogenes 2018
Taschenbuch 416 Seiten
ISBN: 978-3-257-24431-1

Qual der Titelwahl

Sessrumnir lautet der Arbeitstitel für meinen Wikinger-Roman. Damit ist in der nordischen Mythologie das Pendant zu Walhalla gemeint, das nicht unter Odins, sondern Freyas Kontrolle steht. Der richtige Roman-Titel steht mittlerweile fest, das Cover ist bereits beauftragt und irgendwann in den kommenden Wochen werde ich auch das Wort Sessrumnir in den Beiträgen ersetzen.

Bei der Wahl des Titels musste ich eine Antwort auf zwei Fragen finden. Wie  schaffe ich den Spagat zwischen alten und neuen Lesern? Wie halte ich mir die Tür für einen zweiten Band offen?

Mit Sessrumnir will ich versuchen, neue Leser zu erreichen, die meine Piratenbrüder nicht angesprochen haben. Eine Besonderheit ist, dass die Handlung an Vinland – Piratenbrüder Band 4 anknüpft, ohne dass dieses Buch bekannt sein muss. Sessrumnir soll und muss eigenständig sein, es eine Art Sequel-Spin-Off.

Vinland –  Piratenbrüder Band 4 schildert die Fahrt der Wikinger um Eillir, Stígandr und Ryldr so weit, wie sie die Handlung der Piratenbrüder betrifft. Was nach ihren Abenteuer im Westen der Welt geschieht, verlangt nach einem eigenständigen Roman. Vielleicht auch zwei, wenn ich die Handlung nicht auf maximal 500 Seiten unterbringe.

Eine neue Buch-Serie will ich nicht beginnen, was eine ganz eigene Herausforderung darstellt, denn der historische Stoff ist reich, die Überlieferung karg. Es gibt eine Menge Leerstellen, in denen sich meine fiktionalen Figuren tummeln und in die Konflikte der historischen Persönlichkeiten einmischen können.

Ob die Antwort, die ich auf beide Fragen gefunden habe, funktioniert? Das entscheiden letztlich die Leser.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Jugoslawien war wohl der letzte Fluchtweg, der nach Kriegsausbruch und dem atemberaubenden Vormarsch der Wehrmacht für Verfolgte des NS-Regimes noch offenblieb. Im Gegensatz zu Frankreich oder anderen westlichen Staaten ist die Balkan-Route hierzulande in Vergessenheit geraten. Das ändert sich hoffentlich durch dieses lesenwerte Buch. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Bei Hitlers Machtübernahme lag der Balkan für viele Menschen „irgendwo das unten“.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Viele der Geschichten endeten mit dem Tod. Manche legten selbst Hand an sich, entflohen Not und Verzweiflung durch den Freitod, andere gerieten irgendwann in die Fänge der Nationalsozialisten oder ihrer Helfer und starben in den Vernichtungslagern. In diesen Fällen stand am Ende der Balkan-Odyssee das, wovor die Menschen nach 1933 flohen; die Vergeblichkeit ihrer Mühsal ist niederschmetternd.

Es spricht für das Buch von Marie-Janine Calic, sich nicht nur auf die gelungenen Fluchten zu fokussieren, so dramatisch diese auch verlaufen sein mögen. Scheitern gehört zur Flucht, die Autorin erspart den Lesern die schwarzen Stunden inmitten der allgemeinen Dunkelheit nicht. Sie bleibt auch dabei ihrem angenehmen Erzählduktus treu, verzichtet auf eine emotional überladene Sprache.

Ohnehin gehört der Stil zu den Stärken von Balkan-Odyssee. Den Lebenslinien folgt das Buch in einem Erzählton, der die nötige sachliche Distanz wahrt und vor allem die Zeitgenossen selbst zu Wort kommen lässt. Die Flüchtlinge der 1930er Jahre brachten ihre Lage und zwiespältigen Befindlichkeiten treffend zu Papier, oft bitter, ironisch, sarkastisch, bisweilen auch schonungslos niedergeschlagen. 

Und so verging andererseits auch keinen Tag, an dem die Exilanten in ihrer „eigenartigen Ferienstimmung“ nicht auch über die bedrohliche Zukunft debattierten.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Dem „Balkan“ begegnet man hierzulande oft noch immer mit der herablassenden Verachtung und Gleichgültigkeit, die Bismarck in seinem berühmten Diktum verewigte, die Region sei nicht die Knochen eines einzigen preußischen Landsturmmannes wert. Der Hochmut steht im Kontrast zu dem Verhalten der Einheimischen gegenüber den Flüchtlingen, die in vielfacher Hinsicht versuchten, Hilfe zu leisten.

Selbstverständlich war der Balkan kein Bullerbü für die Fliehenden aus dem sich immer weiter ausdehnenden Hitler-Reich. Nur wenigen bot sich tatsächlich eine – oft nur zeitlich befristete – Lebensperspektive. Alle sahen sich mit jenen Problemen konfrontiert, mit denen Flüchtlinge auch in Frankreich, den Niederlanden und anderswo zu kämpfen hatten. Der nahende Krieg machte eine weitere Flucht nötig, die Möglichkeiten waren aber begrenzt und die Bereitschaft, Fliehende aufzunehmen, sank im Laufe der Zeit.

Auf offiziellem Wege mussten bürokratische Hürden genommen werden, allein die begrenzten Aufnahmezahlen und die monetären Voraussetzungen machten eine Flucht nach England oder in die USA für viele unmöglich. Manchmal half der Zufall weiter, in Gestalt eines mitleidigen Beamten, manchmal blieb nur noch der illegale Weg, etwa an Bord eines Frachtschiffes. Vieles wirkt vertraut, die Debatten über Flüchtlinge in der Gegenwart klingen oft wie Echos der Vergangenheit.

Bei Seezunge „Müllerin Art“, Poularden-Supreme, Schinken-Mousse und erlesenen Weinen würden sie beraten, wie man die humanitäre Not der Juden lindern könne.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Die Konferenz von Évian im Juli 1938 gehört zu den Ereignissen, die geradezu grotesk gegenwärtig wirken. In mondäner Umgebung führten die Vertreter potenzieller Aufnahmestaaten für jüdische Verfolgte aus dem so genannten „Dritten Reich“ einen diplomatischen Eiertanz auf, um zu verschleiern, dass die Flüchtlinge in der Mehrzahl unerwünscht und lästig waren. Offene Worte wie die des kanadischen Ministers für Einwanderung, waren selten. Die „Judenfrage“ solle der NS-Staat selbst beantworten; drei Jahre vor dem „Holocaust mit Kugeln“ und vier Jahre, bevor die Vernichtungslager auf Hochtouren liefen.

Vor diesem Hintergrund wirken jene Taten, die im rechtlich-bürokratischen Sinne eine Grenzüberschreitung darstellten, die Regeln missachteten oder gar brachen, als kleine, bescheidene Heldentaten. Retter in diesem Sinne waren und sind immer Rechtsbrecher. Am großen Verhängnis änderten sie nichts, aber das galt auch für die „großen“ Handlungen der Staatsvertreter, sei es in Évian, sei es in München im Herbst 1938, als durch Appeasement die Tür für Hitlers Vernichtungskrieg weit aufgestoßen wurde.

Ein Fluchtziel war Israel. Bis 1918 gehörte Palästina zum Osmanischen Reich, danach wurde es als Mandat von den Engländern verwaltet. Dort lebten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Araber und Juden, die zionistische Bewegung bemühte sich um jüdische Einwanderer. Die antijüdische Politik der Nationalsozialisten sorgte für eine erhebliche Zunahme der Einreisewilligen. Auch für Palästina gibt es ein Nebeneinander von legalen, zahlenmäßig begrenzten und illegalen Zuwanderer, die unter einem Vorwand einreisten und untertauchten.

Es war eine der letzten Möglichkeiten für die vom nationalsozialistischen Terror bedrohten und verfolgten Juden, dem „Dritten Reich“ zu entgehen. Allein bis 1936 sollen rund zehntausend von ihnen dort illegal Schutz gefunden haben. Es ist beklemmend zu sehen, wie gleichzeitig immer mehr Länder die Pforten für (jüdische) Verfolgte schlossen und der Terror zunahm. Waghalsige, lebensgefährliche, aber auch kreative Wege wurden genommen, um der Todesfalle noch zu entkommen.

Die zionistischen Organisationen standen unter gewaltigem Zeitdruck. Einerseits wollten sie selbst möglichst viele junge Leute retten, andererseits trieb Adolf Eichmann sie mit wachsender Ungeduld an.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941

Selbst nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges setzte sich die Fluchtbewegung fort. Calic schildert, wie sich die prekäre Lage der Juden im Reich und den von der Wehrmacht eroberten Gebieten rasant verschlechterte. Während Juden immer brutaler drangsaliert und getötet wurden, gab es inoffizielle Bemühungen auf deutscher Seite, die Auswanderung zu beschleunigen.

Rückblickend wirkt es bizarr, dass ausgerechnet Adolf Eichmann in Wien mit illegal operierenden zionistische Organisationen kooperierte, um mit deren Hilfe die Zahl der Juden im Reich zu verringern. Wenn man bedenkt, dass gleichzeitig immer höhere bürokratische Hürden aufgebaut wurden, um die Auswanderung der als jüdisch angesehenen Bevölkerung zu behindern, erscheint die Situation geradezu kafkaesk.

Für die Betroffenen bedeutete das eine zusätzliche Belastung. Wochen, Monate vergingen mit oft vergeblichen Versuchen, eine Ausreise in die Wege zu leiten. Wer das Glück hatte, tatsächlich auf einer der letzten Fluchtrouten zu gelangen, kam oft genug vom Regen in die Traufe. Auf überfüllten Donau-Schiffen drängten sich die Flüchtlinge monatelang unter erbärmlichen Bedingungen, um nach Palästina zu gelangen, was die Briten durch diplomatische Aktionen zu verhindern suchten.

Fliehende als Spielsteine im geopolitischen Spiel – auch das ist keine Erscheinung des 21. Jahrhunderts. Man sollte bei der Bewertung der Ereignisse nicht übersehen, dass in Palästina zu diesem Zeitpunkt bereits arabische und jüdische Milizen miteinander kämpften. Ein neuer, bis in die Gegenwart reichender Konflikt hob an, die britischen Mandatstruppen wurden immer stärker zum Ziel von Gewalt. Das politische Dilemma ist mit den Händen zu greifen, eine zufriedenstellende Lösung schwer vorstellbar, denn Großbritannien befand sich zu diesem Zeitpunkt eben auch in einem Krieg auf Leben und Tod mit dem Hitlerreich.

Ich bedanke mich beim C.H.Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933-1941
Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa
C.H.Beck 2025
Gebunden 386 Seiten
ISBN: 978-3-40683634-3

Zu Beginn ein hilfreicher Reinfall

Auf das Buch habe ich mich lange gefreut und es auch in mein Lesevorhaben 12für2025 aufgenommen. Leider entpuppte es sich als Enttäuschung. Hilfreich war es dennoch.

Die erste Lektüre, die sich mit Knut dem Großen und der Eroberung Englands befasst, ist ein Reinfall. Von der reinen Abfolge der Ereignisse abgesehen, bietet sie nicht viel Brauchbares. Historiographisch ist King Cnut von W.B. Bartlett ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten. Darstellung und Rückschlüsse reizen zum Kopfschütteln, der Umgang mit den Quellen ist keineswegs kritisch. Plattitüden im Stile von man dürfe es nicht wörtlich nehmen, aber auch nicht alles verwerfen, öffnen Willkür bei der Auswahl und Auslegung Tür und Tor.

Gruselig sind die Bewertungen und Gegenwartsbezüge. Einen Adeligen um die Jahrtausendwende ausgerechnet als „Quisling“, also Nazi-Statthalter, zu bezeichnen, ist unseriös und irreführend. Bartlett nimmt grundsätzlich eine unangemessene „nationale“ Position ein, ein Herrschaftsgebilde wie das angelsächsische um 1000 n. Chr. darf aber nicht einfach mit modernen Kategorien beschrieben und bewertet werden. Das gilt auch für die Handlungs- und Denkweisen der historischen Akteure.

Abstrus wird es, wenn Bartlett das berüchtigte St. Brice´s Massacre allen Ernstes als Beleg für einen „failed atempt of multiculturalism“ betrachtet. Man ahnt nicht nur die hinter diesen Worten lauernde Geisteshaltung, es ist grundsätzlich unseriös, moderne Weltanschauungen (wie Multikulturalismus) auf die Vergangenheit zu übertragen. Käme irgendjemand auf die Idee, Emma von der Normandie als Feministin zu bezeichnen oder zu dieser Zeit Spuren von Wokeness, Demokratie, Faschismus oder Kommunismus zu erspähen, wäre das ebenfalls absurd.

Wie man das trotz erbärmlicher Quellenlage besser machen kann, demonstriert etwa Mischa Meier mit seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen. Es gibt Parallelen zwischen Wikingern und Hunnen. Zum Beispiel den Versuch Roms (wie später der angelsächsischen Könige), die Raubzüge durch Geldzahlungen zu beenden. Die Bewertung Meiers ist ausgewogen, während Bartlett verurteilt und klagt, dass die historische Wirklichkeit nicht seinen Wunschvorstellungen entsprach. Er wünscht sich sogar einen Churchill herbei, um „Dünkirchen-Momente“ zu generieren.

Dabei gäbe es reichlich zu überlegen. Die Hunnen waren ein Reiterkrieger-Verband, die Wikinger etwas Ähnliches zur See. Schnelligkeit, Brutalität, fluide Zusammensetzung und Fluktuation waren beiden Raubgemeinschaften gemeinsam. Ihre Anführer hatten auch das Problem, dass zu einem gewissen Zeitpunkt Erfolge bei Raubzügen nicht mehr ausreichten, um die Gefolgschaft zufriedenzustellen und die Herrschaft zu sichern. Ein neues Konzept, nämlich die Landnahme oder -herrschaft wurde versucht – vergeblich bei Attila, teilweise erfolgreich bei den Wikingern, etwa bei Knut dem Großen.

Für meinen Wikinger-Roman ist King Cnut dennoch hilfreich. Es hat mir die Entwicklung der Eroberung Englands vor Augen geführt, viele handelnde Personen vorgestellt, einige überregionale Zusammenhänge aufgezeigt und Leerstellen offenbart, die ich mit fiktionalem Erzählstoff füllen kann.

W.B. Bartlett: King Cnut
And the Viking Conquest of England
Amberley Publishing 2016
Broschur 320 Seiten
ISBN: 978-1-44567714-9

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Zahlen sind eine hervorragende Grundlage für die Analyse. Ich bevorzuge die Herangehensweise von Ökonomen gegenüber moralisch argumentierenden Autoren. Man muss es aushalten, denn schön ist es nicht, was der »Spurwechsel« mit sich bringt, doch haben Illusionen und Wegsehen das Dilemma erst heraufbeschworden. Cover Quadriga-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vielleicht hat die Ukraine der westlichen Welt den moralischen Kompass zurückgegeben, ihr gezeigt, dass selbst blutig erkämpfte Selbstbestimmung besser ist als Sklaverei oder Flucht.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Immer wieder muss man darauf hinweisen, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erst im Februar 2022 begonnen hat. Der offensichtliche Bruchpunkt ist die militärische Besetzung und Annektion der Krim 2014 gewesen, auch wenn Russland schon vorher aktiv in der ukrainischen Politik mitgewirkt hat, um die Entwicklung des Landes in seinem Sinne zu beeinflussen. Folgte man der Analyse in Marcus M. Keupps Spurwechsel, dann steht das alles in einem viel weiter in die Vergangenheit reichenden Sinnzusammenhang und greift weit über die Ukraine hinaus. Russlands Fundament ist imperial, das bestimmte seine Handlungsweisen in der Vergangenheit und bestimmt sie in Gegenwart und Zukunft.

In diesem Sinne spielt es keine Rolle, welches gesellschaftlich-politische Hülle Russland gerade vorzeigt. Die Sowjetunion war genauso imperial wie es das Zarenreich vor ihm gewesen war und Russland heute ist. Diese Feststellung ist dramatisch, wenn man die Folgen bedenkt: Verschwindet Putin, ändert sich nichts. Der Krieg geht weiter, denn es ist nicht nur Putins Krieg. Keupp weist darauf hin, dass auch ein Sieg der Ukraine den Krieg nicht beenden wird. Russland wird sich andere, leichtere Ziele suchen, wie etwa Georgien, Moldawien oder die Staaten in Zentralasien. Vielleicht aber auch das Baltikum, sollte man im Kreml zu der Ansicht gelangen, das Risiko wäre vertretbar.

Entscheidend ist, dass Russland durch den Krieg nach innen stabiler ist, denn je. Die Wirtschaft steht zwar vor einem dramatischen Einbruch, wie Keupp deutlich macht, der en passant gleich mit einer Reihe von in westlichen Medien gepflegten ökonomischen Mythen aufräumt. So sind Kennzahlen, die normalerweise über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung informieren, im Falle Russlands wertlos. Abgesehen von der Frage, auf welcher Basis diese Zahlen beruhen, ist eine Kriegssituation eine dramatische Veränderung, die vertraute Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder das BIP entwerten. Die prekäre wirtschaftliche Lage lässt sich so nach außen propagandistisch bemänteln.

In einer Kriegssituation verliert das nominale BIP jede Aussagekraft.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Die Passagen, in denen Keupp die russländische Wirtschaftsentwicklung analysiert und ihre Folgen skizziert, gehören zu den ernüchternden Abschnitten. Mittel- und langfristig hat der mafiöse Petro-Staat nichts zu bieten, von den dramatischen technologischen Umwälzungen wie Künstlicher Intelligenz ist das Land abgehängt. Auf den Kriegsverlauf und die Systemstabilität des Landes hat das aber kurzfristig keine Auswirkungen, im Gegenteil. Putins Regime verfolgt die Fokussierung auf wirtschaftliche Autonomie (vom Westen) und Downsizing auf technologischer Ebene sowie beim Konsum, abgefedert durch Subventionen und ideologisch aufgeladene Propaganda. Wer dennoch aufmuckt, verschwindet im Lager oder stirbt; das über Jahrzehnte aufgebaute Repressionssystem funktioniert prächtig.

Der Krieg hält die Eliten zunächst einmal an der Macht, also könnte er weitergehen, bis alle Ressourcen ausgeschöpft wurden und der Staat in die Knie geht. Die Aussicht auf einen langwierigen Krieg ist selbstverständlich niederschmetternd in einer Welt, in der ohne ein aggressiv nach außen greifendes Russland genug Probleme zu lösen wären. Gleichzeitig entwertet der Zusammenhang von Machterhalt und Krieg jegliches Friedensgesäusel hierzulande, bei dem allein der Wunsch Vater des Gedankens ist. Bis zum Zusammenbruch wird allein in Moskau über die Fortsetzung des Krieges entschieden. Was in Deutschland gewünscht wird, interessiert nur insoweit, wie es für die eigene Politik instrumentalisiert werden kann. Der intellektuelle Spurwechsel steht in dieser Hinsicht hierzulande vielfach noch aus.

Die Ukraine hat den Europäern schmerzhaft die eigenen Lebenslügen aufgezeigt, ihnen vorgeführt, wie Appeasement letztlich immer endet.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Überhaupt schrumpft Deutschland mit seinen Befindlichkeiten auf Zwergenniveau, wenn Keupp seinen Streifzug durch Mittelasien unternimmt und den breiten Gürtel von Russland kolonisierter Gebiete behandelt. Deren Werdegang, die wirtschaftlichen Grundlagen und aktuelle geopolitische Optionen werden skizziert. Der Wandel wurde durch den Vernichtungskrieg Russlands dramatisch beschleunigt – Deutschland und Europa spielen dort – anders als bei der Ukraine, Moldawien, Georgien – nur eine kleine oder gar keine Rolle. Das Desaster in Afghanistan hat die Marginalisierung zweifellos beflügelt. So ist auch die Unterüberschrift des Buches zu verstehen: Eine neue Weltordnung bildet sich gerade im vollen Galopp heraus.

Gewinnbringend ist nicht nur der ökonomisch geprägte Analyse- und Erkläransatz von Spurwechsel, sondern auch die globale Ausrichtung. So werden auch die oft übergangenen Öl-Staaten am Golf unter die Lupe genommen, die trotz oder wegen ihres Reichtums in einer durchaus problematischen Lage sind. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch hier bereits im Gange befindliche Entwicklungen beschleunigt, grundlegende strategische und taktische Entscheidungen rücken näher. Wie überraschend und tiefgreifend diese sein können, haben die Ereignisse in Syrien gezeigt; wie wenig vorhersehbar die Folgen sind, allerdings auch.

Marcus Keupps Spurwechsel wirft ein Schlaglicht auf zentrale geopolitische Regionen der Gegenwart und Zukunft, ohne sich bei dem Versuch zu verheben, Entwicklungen prognostizieren zu wollen. Die Zukunft ist immer offen. Das macht das Buch auf vielschichtige Weise deutlich.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg
Quadriga Verlag 2025
Gebunden, 306 Seiten
ISBN: 978-3-86995-153-9

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