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Schlagwort: Nationalsozialismus (Seite 9 von 13)

Fabrice Le Hénanff: Wannsee

Anlässlich der so genannten »Wannsee-Konferenz« am 20. Januar 1942 wurde die Tötung von mehreren Millionen Menschen in Todeslagern beschlossen. Cover Knesebeck, Bild mit Canva erstellt.

In der an Konferenzen nicht eben armen Geschichte Deutschlands nimmt die so genannte »Wannsee-Konferenz« vom 20. Januar 1942 einen ganz besonderen Platz ein; zumindest dürfte sie eine der folgenreichsten sein, denn bei dieser Zusammenkunft wurde nicht weniger als der Tod von rund elf Millionen Menschen beschlossen.

Diese Menschen stellten aus der Sicht des verbrecherischen Nazi-Regimes eine Gefahr dar, weil sie in den Augen der NS-Ideologie »Juden« waren. Ich formuliere bewusst so verwunden, um deutlich zu machen, dass diesen Menschen die Identität »Jude« aufgezwungen wurde, völlig unabhängig davon, ob sie sich als solche empfanden oder nicht; ob sie überhaupt jüdischen Glaubens sein wollten – oder nicht. Sie wurden auf diese eine, übergestülpte Identität reduziert.

An einer Stelle der Graphic Novel Wannsee von Fabrice Le Hénanff wird das deutlich, wenn in der Diskussion behandelt wird, wer denn überhaupt als Jude gelte. Die Antwort ist nicht eine Frage des Glaubens der Betroffenen, sondern dessen, was von den Nazis als »Rasse« bezeichnet wird. Die Nürnberger Gesetze hatten 1935 Vorarbeit geleistet, der Irrwitz des Rassenkatalogs, nach dem bestimmt wurde, wer als »Halb-« oder »Vierteljude« angesehen wurde, wird im Verlauf der Graphic Novel vollendet vorgeführt.

Das ist einer der Gründe, warum die Wannsee-Konferenz vielleicht die deutscheste aller deutschen Konferenzen war, zumindest hat sie den Grundstein gelegt für ein völlig wahnwitziges Unternehmen, nämlich die industriell organisierte Massentötung; in den eigens errichteten Vernichtungslagern wurden außer »Juden« auch andere Gruppen umgebracht.

Wannsee offenbart das bürokratische Vorspiel dieses in der Geschichte solitären Massenmordes. So klar dargestellt ist, auf welchen Weg sich das Reich im Januar 1942 begab, so verwaschen sind die Zeichnungen: Sie wirken, als würde man durch ein regennasses Fenster schauen. Das sorgt für Distanz, gleichzeitig verstärkt es die alptraumhafte Atmosphäre dieses Ereignisses, das von den maßgebenden Personen selbst verschleiert werden sollte.

Nach dem Sieg sollte niemand von dem Massenmord erfahren. Der britische Romancier Robert Harris hat das in seinem brillanten Dystopie-Thriller Vaterland umgesetzt und eine ungeheuer dramatische Geschichte um die Geheimhaltung der Wannsee-Konferenz in einem Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte, gesponnen.

Die reale militärische Lage hatte in Wirklichkeit bereits den Kipppunkt Richtung Niederlage überschritten. Vor Moskau war die Wehrmacht unter immensen Verlusten zurückgeschlagen worden, vor allem befanden sich die USA im Krieg, die entscheidende Macht in beiden großen Kriegen bis 1945. Das gibt dieser Zusammenkunft einen besonders grotesken Zug.

Manchmal ist auch wichtig, was nicht geäußert wird: Kritik. Widerstand gegen die Pläne kommt im Verlauf der Konferenz wenig auf, wenn, dann eher aus Kompetenz- und anderen Bedenken, die nichts mit einer Form des Mitgefühls mit den Opfer zu tun hat. Empathie haben die Konferenzteilnehmer nur mit den uniformierten Tätern, die in den Einsatzgruppen die blutige Tötungsarbeit hinter der vorrückenden Front verrichten und psychisch aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Graphic Novel Wannsee endet übrigens mit einem – irrtümlichen – Paukenschlag. Viele Teilnehmer der Konferenz werden kurz vorgestellt und ihr Werdegang dargelegt. Einer von ihnen, Dr. Georg Leibbrandt, gehört zu jenen, die nach dem Krieg eine neue politische Karriere durchliefen – er soll 1966 mit dem Bundesverdienstkreuz bedacht.

Das geht auf einen Irrtum zurück, der sich mittlerweile aufgeklärt hat, wie auch nachfolgender Tweet zeigt.

Fabrice Le Hénanff: Wannsee
Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
Knesebeck 2019
Gebunden, 88 Seiten
ISBN 978-3-95728-304-7

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Collage mit dem Zitat »Man wird es nie mehr los.« über einem historischen Schwarz-Weiß-Foto mit Opfern eines Massakers in Italien 1944.  SS-Soldaten sind auf einem Comic-Cover mit dem Titel 'Die Reise des Marcel Grob' von Philippe Collin und Sébastien Goethals abgebildet. Es zeigt einen jungen Franzosen, der mit 17 Jahren zur Waffen-SS eingezogen wurde. Das Buch ist im Splitter Verlag erschienen.
Eine Graphic Novel mit einem schwerwiegenden und schwierigen Thema, das Fragen aufwirft, die uns heute direkt betreffen. Cover Splitter Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ist jetzt die richtige Zeit für diese Graphic Novel? Im Osten Europas hat eine brutale Diktatur einen völlig enthemmten Angriffs- und Vernichtungskrieg losgebrochen, der erste, große vollumfängliche Krieg seit 1945 in Europa; Kriegsverbrechen werden verübt, die Invasion trägt die Züge eines Genozids, mit dem Ziel, die Ukraine in jeder Hinsicht auszulöschen.

Damit ist ein möglicher Zugang zu dieser Graphic Novel geöffnet, denn Die Reise des Marcel Grob beginnt in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Die Hauptfigur wird mitten hineingezogen in die Abgründe dieses weltumspannenden Krieges. Unweigerlich werden Fragen aufgeworfen. Kann man, darf man vergleichen? Das Massaker von Marzabotto, das in der Graphic Novel eine zentrale Rolle spielt, mit dem, was die russische Armee etwa in Butscha angerichtet hat?

Wie steht es mit der Schuld des Einzelnen, der vor Ort ist, Kriegsverbrechen ausführt oder ihnen als Teil der Tätergruppe beiwohnt? Gibt es mildernde Umstände, etwa die Drohung des eigenen Todes, durch ein Standgericht wegen Befehlsverweigerung? Heute und damals? Wie geht jemand mit der Schuld um, die ihn persönlich das gesamte Leben lang verfolgt?

Was hätten Sie an meiner Stelle getan? Versuchen Sie mir diese Frage zu beantworten.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen, auch wenn beide Worte im alltäglichen Sprachgebrauch synonym verwendet werden. Wer etwas vergleicht, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus; wer gleichsetzt, verwischt beides. Vergleichen muss also erlaubt sein, allein, um einen Versuch zu unternehmen, sich dem eigenen Standpunkt in der großen Tragödie unserer Tage anzunähern.

Die Graphic Novel von Philippe Collin & Sébastien Goethals bietet reichlich Möglichkeiten, über diese und andere Fragen nachzudenken. Die Geschichte selbst ist sehr spannend, die Zeichnungen sind großartig und auf eine authentisch wirkende Weise atmosphärisch;  Teile der Handlung spielen in Italien, die vertrauten Bilder (Lago di Garda) stehen in einem krassen Kontrast zu dem, was dort geschieht.

Vor allem sind die Personen gelungen. Die Protagonisten sind so genannte Malgré-nous, zwangsverpflichtete Männer aus Elsass-Lothringen, die überwiegend unfreiwillig in den Krieg gezogen sind. Die verschiedenen Schattierungen ihrer Einstellung werden sehr überzeugend dargelegt, ebenfalls die jähe Desillusionierung, die selbst die Motivierten trifft.

Waffen-SS, das heißt, wir werden den Bolschewiken mal so richtig in den Arsch treten.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Die Reise des Marcel Grob wirkt ungeheuer authentisch. An den geschilderten Kriegshandlungen ist nichts Heroisches. Es ist den Autoren gelungen, diese aus Kriegsromanen bekannte Blindheit der Soldaten einzufangen, die irgendwohin marschieren, ohne eine Ahnung zu haben, was ihnen blüht. Sie bringen Tod und Verderben über Arglose und werden von Tod und Verderben gleichsam aus dem Nichts heimgesucht.

Die Hauptfiguren werden 1944 eingezogen, als der Krieg aus deutscher Sicht militärisch längst verloren war und das NS-Regime Millionen Soldaten und Zivilisten blindwütig in den Tod geschickt hat, um die unabwendbare Niederlage hinauszuzögern. Was heute so offensichtlich erscheint, war es für viele damals nicht. Rückblickend ist man immer klüger – erinnern Sie sich noch, was Sie im Februar 2022 über die Aussichten der ukrainischen Armee dachten?

Als die jungen Männer um Marcel Grob ihren Ausbildungsstandort erreichen, sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer; einige wissen nicht einmal, welches. Wie hätten sie die militärische Lage einschätzen können? Auch hier drängen sich dem Leser Fragen auf. Was wissen wir über den Krieg in der Ukraine? Was die russischen Soldaten? Vor allem: Welche Möglichkeiten, welche Handlungsoptionen stehen ihnen offen?

Die lassen uns krepieren, die Schweinehunde.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Bei aller Nähe zu den historisch überlieferten Wirklichkeiten handelt es sich um ein fiktionales Werk und als solches sollte es auch gelesen werden. Wenn etwa der Untersuchungsrichter den 83 Jahre alten Marcel Grob fragt, warum er nicht Selbstmord begangen hat, statt sich an dem Massaker zu beteiligen, wirkt das abstrus; bis sich auch die Umstände am Ende klären. Ein kleiner Paukenschlag

Zusätzliche Informationen ergänzen die Fiktion. Eine Karte informiert über den Weg, den Marcel Grob zurückgelegt hat, Informationen über die SS, die Waffen-SS, die militärische Formation, das Massaker und die strafrechtliche Verfolgung werden knapp abgehandelt. Einige Literaturempfehlungen runden das Zusatzmaterial ab.

Im Kern hält Die Reise des Marcel Grob auch eine Mahnung an die Gegenwart bereit: Viele Kriegsverbrecher oder (Mit-)Täter kamen nach dem Zweiten Weltkrieg davon, sie traten in alliierte Dienste (Wernher von Braun) oder wurden nach vergleichsweise kurzer Gefängnisstrafe wieder entlassen. Die Toten blieben tot.

Das führt zur letzten Frage. Russlands Krieg gegen die Ukraine wird nicht ewig währen. Wie wird es nach dem Ende des russländischen Vernichtungskrieges sein? Werden die Täter bestraft oder wird »vernünftig« gehandelt und geschont? Wer ein wenig zuhört, ahnt schon, wohin diese Reise gehen wird.

Die Reise des Marcel Grob
Szenario: Philippe Collin
Zeichnungen Sébastien Goethals
Aus dem Französischen von Harald Sachse
Splitter-Verlag 2019
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978-3-96219-320-1

Volker Kutscher: Lunapark

Berlin, 1934. Ein toter SA-Mann; Machtkampf zwischen SA und SS; »Röhm-Putsch«, es herrscht das Recht des Stärkeren. Mittendrin Gereon Rath, in einer selbst gestellten Falle. Aus diesem Gemenge kommt keiner unbeschädigt davon. Cover KiWi, Bild mit Canva erstellt.

Jenseits der Mitte des Romans hat Reinhard Heydrich seinen Auftritt und die Tonart der Erzählung ändert sich. Lunapark von Volker Kutscher rutscht wie die Gesellschaft des Deutschen Reiches 1934 und die Protagonisten immer tiefer hinein in die Dunkelheit eines zutiefst menschenverachtenden Regimes, das zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so einfach aus dem Sattel zu heben war.

Kommissar Gereon Rath wirkt äußerlich und in seinen Handlungsmustern wie gewohnt, Extratouren ohne Rücksicht auf die Vorgesetzten, Kommunikation und Rapport werden sporadisch erledigt, hinter einer Nebelwand geht der Ermittler sehr eigene Wege, die keineswegs nur mit dem Fall zu tun haben. Seine politische Haltung irrlichtert unverändert zwischen Leichtfertigkeit und Ahnungslosigkeit. Doch etwas hat sich  grundlegend gewandelt.

Der Tote, der die Handlung in Gang bringt, ist ein SA-Mann; ein Mord, der allein deswegen schon über das hinausragt, was die Kriminalpolizei gewöhnlich zu bearbeiten hat. Doch in diesem Fall liegt der Tote zu Füßen eines Graffitis, das unverkennbar die Handschrift von Kommunisten trägt, denn es ruft zum Widerstand gegen das Nazi-Regime auf.

Gräf und all die anderen hier im Raum waren nicht an der Wahrheit interessiert, sondern nur daran, Kommunisten zu jagen.

Volker Kutscher: Lunapark

So treffen sich am Tatort Kripo und Gestapo – in Person von Gereon Rath und Reinhold Gräf, dem ehemaligen Kollegen, der dem Ruf der Politischen Polizei gefolgt ist und dort Karriere machen will. Rath hat in Märzgefallene bereits Bekanntschaft mit der Staatspolizei gemacht, wie der Leser weiß er um die Machenschaften dieser Behörde, deren Zuchtrute die Angst ist.

Heinrich Himmler hat den regimeinternen Machtkampf gegen Herrmann Göring gewonnen und damit begonnen, die Polizei unter seine Kontrolle zu bekommen; so wird aus der Politischen Polizei die Gestapo und so kommt Heydrich in Berlin zu seinem Auftritt. Der Leser weiß ja schon: 1934 ist das Jahr des so genannten »Röhm-Putsches«, in dessen Verlauf die SA-Führung brutal ermordet wird und unliebsame Zeitgenossen ebenfalls sterben müssen.

Kutscher hat es wieder geschafft, einen historischen Meilenstein äußerst geschickt in die Handlung einzuflechten, wie schon Preußenschlag, Reichstagsbrand und Bücherverbrennung, ohne dass der Roman zu einer drögen Geschichtsstunde verkommt; die Spannung führt den Leser am Gängelband. Der Kniff: Kutscher verwischt ebenso gekonnt wie radikal die gewohnten Grenzziehungen zwischen Recht und Unrecht, Gut und Böse.

»Rath fragte sich, wer noch alles an dieser katholisch-kommunistischen Verschwörung beteiligt sein mochte.«

Volker Kutscher: Lunapark

Lunapark geht dabei noch einen entscheidenden Schritt weiter als die vorangegangenen Teile der Romanreihe. Wer während des Lesens einmal innehält und versucht, die Handelnden, ihre Motive und Mittel nach moralischen Maßstäben zu ordnen, blickt auf ein unentwirrbares Knäuel; alles ist gründlich durcheinandergeraten. Der Versuch, nach dem Freund-Feind-Schema zu sortieren, verheddert sich hoffnungslos.

Für den notorischen Lavierer Rath immer schwerer wird, sein (Über-)Lebenskonzept erfolgreich weiterzuführen. Das liegt auch daran, dass die Hauptfigur eine unlautere Vergangenheit hat, die ihn in diesem Roman einholt, selbstverständlich eng verknüpft mit dem »Fall«, der so auch für ihn eine ganz persönliche Ebene bekommt, dazu eine lebensbedrohliche, denn der Kommissar findet sich in einer Zwickmühle wieder.

Rath antwortete mit dem schlampigen Hitlergruß, den er sich in den vergangenen Monaten angewöhnt hatte, und nuschelte sein »Heil!«

Volker Kutscher: Lunapark

Als wäre das nicht genug, geht es auch in der Familie Raths kompliziert zu: Adoptivsohn Fritze möchte zur HJ, was auf erbitterten Widerstand von Charlotte stößt, die unliebsame Bekanntschaft mit den Methoden der Nazis, namentlich der SA macht. Bruchlinien tun sich auf, das Lavieren mündet in handfesten Lügen, die üble Folgen zeitigen können. Die familiären Tischszenen sind sehr authentisch und lassen den Leser – bei allem Drama – oft schmunzeln.

Das Schmunzeln vergeht jedoch, als der Thrill seinem Scheitelpunkt entgegenstrebt. Nicht allein die haarsträubende Showdown-Szene ist dafür verantwortlich, sondern das, was dem folgt: Aus Bruchlinien werden handbreite Risse, familiär, beruflich und persönlich. Der sechste Band der Reihe entwickelt seine Protagonisten so weiter, dass der Leser gern sofort zum nächsten Teil greifen möchte – ein Vorzug, wenn man spät zur Party kommt und fast alle bereits erschienen sind.

Groß ist Lunapark aber wie die Vorgängerbände wegen der Atmosphäre. Die Bedrückung, das Ducken, heimliche Spucken, lautlos und ängstlich, während andere sich dem Regime andienen, machen einen großen Teil dessen aus, was den Leser unter Spannung setzt. 1934 ist es für fast alles zu spät, das Kind liegt im Brunnen, Recht ist nur noch das des Stärkeren; wie ein Endzeitroman warnt Lunapark auch vor dem, was (wieder) kommen könnte.

Vor allem ist Lunapark aber ein handfester Kriminalroman mit vielen überraschenden Wendungen, sehr spannenden Szenen und Schockmomenten, Spiel und Gegenspiel und Gegengegenspiel, in dem viele von gegensätzlichen Interessen getriebene Akteure in der Arena einer Millionenstadt gegeneinander antreten, über der jener Schatten immer tiefer wird, der für immer mit dem Begriff Nationalsozialismus verbunden ist.

Weitere von mir besprochene Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.
Volker Kutscher: Transatlantik.

Volker Kutscher: Lunapark
KiWi 2018
TB 560 Seiten
ISBN: 978-3-462-05161-2

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Der Begriff »Innere Emigration« ist umstritten, im Falle des Tagebuchschreibers Hermann Stresau passt er meines Erachtens sehr gut. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Als Adolf Hitler Anfang 1933 die Macht in Deutschland übertragen wurde, begann für Herrmann Stresau eine Leidenszeit. Seine Anstellung als Bibliothekar verlor er, weil er sich weigerte, mit dem neuen Regime konform zu gehen und in eine der Formationen einzutreten, Partei, SA oder wenigstens einen jener Verbände, die zu Hitlers politischen Verbündeten zählten, etwa den »Stahlhelm«.

Stresau leidet daran, denn durch den Verlust seiner Anstellung verschwindet auch der regelmäßige Verdienst; finanziell befindet er sich in Turbulenzen, zumal persönliche Umstände, die in den ersten Monaten des Jahres 1933  auch in seinem Tagebuch breiten Raum einnehmen, die wirtschaftliche Lage verschlechtern; die Wohnung ist verloren, Stresau und seine Frau müssen Berlin verlassen.

Besonders bitter ist es für ihn, dass Opportunisten und Karrieristen bedenkenlos den Kotau vollziehen, sich den neuen Machthabern andienen und erfolgreich die Karriereleiter hinauffallen. Wie in vielen Autokratien zählt die Angepasstheit mehr als die Befähigung. Grollend verfolgt Stresau von seinem neuen Wohnort, weit außerhalb Berlins, wie sich der Wandel vollzieht.

An diesem grotesken Dämon hängen Millionen.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Ein Opfer der Nazis, weil er seiner Überzeugung treu geblieben ist; ein Widerständler ist Stresau deswegen nicht, daher aus der Untertitel des Buches, der einen umstrittenen Begriff aufgreift: Innere Emigration. Ganz passend zur intellektuellen ist die räumliche Distanz des Tagebuchautors, der vieles an den Machthabern verabscheut: Propaganda, Großsprecherei und Größenwahn, Anti-Intellektualität, die Masse, das Geschrei, die Verlogenheit usw.

Stresau ist kein Linker, im Gegenteil, er verachtet viele linke Autoren (Kerr, Mann, Tucholsky) und weint ihnen, als diese Deutschland verlassen, keine Träne nach. Geboren in den USA, aufgewachsen in Deutschland meldet er sich 1914 freiwillig für den Krieg, er ist ein entschiedener Gegner des Versailler Vertrages, dessen Auflösung er begrüßt – nicht jedoch die Forcierung durch die Nazis, was – aus Stresaus Sicht – unnötige Kriegsrisiken heraufbeschwört.

Ein Konservativer, dessen Weltbild in vielerlei Hinsicht mit dem jener Kräfte übereinstimmt, die Hitler an die Macht verholfen haben. Mit der Weimarer Republik, der Demokratie, Wahlen und Parlamentarismus kann Stresau auch nicht viel anfangen, seine Äußerungen sind kritisch. Hier und da blitzen antijüdische Stereotype auf, wenn er dem Aussehen eines Menschen etwa etwas jüdisches andichtet; umgekehrt operiert er auch mit dem Begriff »arisch«, als er beispielweise zwei jüdische Kinder beschreibt.

In dieser Luft keimen die Miasmen des Krieges.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Man bekommt es also mit einer eher ungewöhnlichen, dadurch besonders interessanten Person zu tun. Leicht ist die Lektüre des Tagebuchs gerade in den ersten Monaten 1933 nicht, denn hier nehmen die persönlichen Umstände, Kämpfe und Niederlagen einen recht breiten Raum ein, ihnen widmet sich Stresau mit der gleichen Detailtreue, wie den politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen.

Gerade in diesem Sinne entfaltet das Buch seine große Wirkung: Stresau ist ein sehr guter Beobachter, trotz seiner Distanz zu den Ereignissen in Berlin, sieht und hört er eine Menge, etwa im Radio, analysiert es und bringt es treffend zu Papier. Die Äußerungen über das, was Deutschland unter einem Hitler-Regime blühen könnte, sind teilweise so treffend, dass man staunt. Schon sehr früh ahnt er, dass alles in einem Krieg endet.

Je weiter die Zeit voranschreitet, desto seltener werden die Einträge. In den letzten drei Jahren schreibt Stresau vor allem dann, wenn einschneidende Ereignisse auftreten: Spanischer Bürgerkrieg, Besetzung Österreichs, Sudetenkrise, Münchener Abkommen, Novemberprogrome, Hitler-Stalin-Pakt und schließlich der Kriegseintritt. Die Äußerungen sind von nüchterner, präziser Klarheit.

In Spanien ist der neue Weltkrieg im Gange, erst noch en miniature, man kann es ein Vorspiel nennen, eine Konzertprobe, um neue Instrumente auszuprobieren.

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt

Die Barbarei dringt auch zum Refugium Stresaus vor, der von »Foltereien« spricht und lakonisch bemerkt, Todesurteile seien an der Tagesordnung. Als sie einen jüdischen Arzt kennenlernen, bemerkt er dessen unerhörten Optimismus; die Realität ist Stresau mehr als bewusst. Er und seine Frau drängen den Arzt immer wieder, auszuwandern, was dieser erst – im letzten Moment – vor den November-Pogromen 1938 auch tut.

Gleichzeitig erschöpft der lange Weg von 1933 den Autor, der immer weniger bereit ist, sich dem Schreiben des Tagebuchs auszusetzen. Um zu überleben widmet er sich Artikeln, Übersetzungen und eigenen Arbeiten, etwa über Joseph Conrad. Die Lektüre ist faszinierend, weil sie die – vielfach geschilderte Zeit – aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive zeigt, die tatsächlich sehr gut zu dem passt, was »Innere Emigration« bedeutet, ohne die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen.

[Rezensionsexemplar]

Hermann Stresau: Von den Nazis trennt mich eine Welt
Hrsg. von Peter Graf und Ulrich Faure
Klett-Cotta 2021,
Gebunden 448 Seiten
ISBN: 978-3-608-98329-6

David Hewson: Garten der Engel

Venedig ist der Ort dramatischer Ereignisse im Herbst 1943, als die Deutschen die Macht im Norden Italiens an sich gerissen haben. Cover Folio Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Seit ich zwölf Jahre alt bin, beschäftigt mich der Krieg. Dabei steht »der Krieg« vor allem für den Zweiten Weltkrieg. Es ist ein – etwas seltsames – Vermächtnis, das mich bis an mein Lebensende beschäftigen wird, aber so etwas kann man sich nicht aussuchen. Garten der Engel von David Hewson dreht sich neben allem anderen auch um ein ungewolltes Vermächtnis, auf ganz verschiedenen Ebenen: persönlich, familiär, aber auch ein wenig historiographisch.

David Hewson ist das Kunststück geglückt, dieses Vermächtnis in eine sehr spannende, ja dramatische Geschichte einzuweben; kein zufällig gewähltes Verb, spielt doch das Weben eine wichtige Rolle in der Handlung. Der Ort ist ebenfalls klug gewählt. Venedig, vom Festland abgeschnitten, eine kleine, in sich geschlossene Welt für sich; zumindest können sich das ihre Bewohner einreden.

Es ist 1943, Italien hat nach drei Jahren – äußerst glücklosen Krieges – mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen und das Bündnis mit Deutschland verlassen. Praktisch ist das Land zweigeteilt, denn die amerikanischen und englischen Truppen kommen nur sehr langsam voran, der gesamte Norden ist in deutscher Hand.

Mussolinis Faschisten haben dort unter Nazifuchtel weiterhin das Sagen, es tobt ein blutiger Partisanenkampf im Land. Für jene, die laut Nazi-Ideologie als Juden gelten, brechen schwere Zeiten an, denn jetzt geraten auch sie ins Visier der deutschen Vernichtungskrieger, die Verfolgungen werden wie im übrigen Europa verschärft, Züge voller italienischer Juden rollen Richtung Konzentrationslager.

Wenn die Welt sich verdunkelt, bleibst du dann in deinem Versteck und wartest ab, bis es wieder hell wird? Oder versuchst du selbst, eine kleine Flamme zu entzünden?

David Hewson: Garten der Engel

Das alles schwappt nach Venedig, wo sich die Deutschen eingerichtet haben und auf Mussolinis treue Schwarze Brigaden und Kollaborateure stützen. Man schlägt sich durch, auch der just von alliierten Bomben zum Waisen gemachte Paolo Uccello müht sich, das ins Straucheln geratene Familienunternehmen, eine Seidenweberei, am Leben zu erhalten.

Eine ganze Reihe von Personen gerät durch das Auftauchen zweier jüdischer Partisanenflüchtlinge in eine Lage, Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen treffen zu müssen. Hewson ist es gelungen, die meisten dieser Personen vielschichtig zu gestalten, sie mit ihren Widersprüchen und Schwächen, hanebüchenen Ideen und Ansichten aufeinander loszulassen. Eine Ausnahme bilden die eher schablonenhaften deutschen Besatzern; daran ist nichts auszusetzen, um die geht es in diesem Roman nämlich nicht in erster Linie.

Im Mittelpunkt steht zum Beispiel der Kollaborateur Luca Alberti, ein ehemaliger Polizist, der sprachkundig für die Deutschen in Venedig Ermittlungsarbeiten durchführt. Er versucht sich in der hohen Kunst des Lavierens, redet sich ein, nur das zu tun, was irgendjemand tun müsse und durch sein Handeln das eine oder andere Leben retten zu können. Alberti ist andererseits völlig illusionslos über sein Schicksal, sollte der Krieg für die Achsenmächte verlorengehen. Eine ganz wunderbar widersprüchliche Person.

Ich erledige eine Aufgabe, die irgendjemand erledigen muss.

David Hewson: Garten der Engel

Das gilt auch für viele andere Figuren, die in Garten der Engel ins Geschehen eingreifen und durch ihre Torheiten und klugen Entscheidungen einen Prozess in Gang setzen, der sich immer mehr beschleunigt und auf eine geradezu klassische Tat zuzusteuern scheint – doch Hewson hält für den Leser einige handfeste Überraschungen und Wendungen bereit; man kann das Buch irgendwann nur schwer aus den Händen legen.

Angesichts der zahlreichen, ansprechenden Personen fallen ausgerechnet die beiden Partisanen ab. Insbesondere die handlungsaktive Mika Artom hat bei mir für Stirnrunzeln gesorgt – ganz bewusst formuliere ich etwas gewunden, denn aus meiner langjährigen Beschäftigung mit diesem Krieg weiß ich, dass in dieser Zeit viele Menschen Dinge getan haben, die im Grunde undenkbar waren.

So verhält es sich vielleicht auch mit Mika, die wie ein menschlicher Katalysator für einen wesentlichen Teil der Handlungsdynamik verantwortlich ist. Wie sie geschildert wird, wäre sie – mit Vorbehalt – längst tot, umgebracht von den Deutschen, italienischen Faschisten oder aber den eigenen Leuten, für die sie aufgrund ihrer Querschlägerei eine immense Gefahr darstellt. Kurz hatte ich sogar die Befürchtung, Mika würde mir das Buch insgesamt verleiden – zum Glück unbegründet.

Hewson hat nämlich en passant mit dem Partisanenmythos ein wenig aufgeräumt. Partisanenkrieg wird oft immer noch verherrlicht, dabei handelt es sich um eine brutale, ja oft menschenverachtende asymmetrische Kriegführung, die ganz bewusst die Zivilbevölkerung in die Feuerlinie bringt. Für jeden getöteten Deutschen wird eine Handvoll Zivilisten erschossen – als abschreckende Terrormaßnahme. Auch einige handelnde Figuren fragen sich, ob das Agieren der Partisanen militärisch gerechtfertigt und moralisch gedeckt ist.

Es wird alles zu einer Geschichte. Einem Märchen. Gut und schlecht. Schwarz und Weiß. Nichts dazwischen. Dabei ist es das Dazwischen, auf das es ankommt.

David Hewson: Garten der Engel

Garten der Engel erzählt die Geschichte im Rahmen eines klassischen Sterbebett-Bekenntnisses. Fünf Teile umfasst das, was der verlöschende nonno Paolo seinem Enkel Nico mitgibt, fünf Manuskripte, die jene Ereignisse aus dem Jahr 1943 erzählen. Es ist – wie sich herausstellt – ein echtes Vermächtnis, über das Leser wie Enkel bis zum Ende nicht recht im Bilde sind. Die langsam sich anbahnende Auflösung vieler Fragen gehört wiederum zu den großen Stärken dieses ganz wunderbaren Romans.

[Rezensionsexemplar, daher Werbung]

David Hewson: Garten der Engel 
Aus dem Englischen von Birgit Salzmann
Folio Verlag 2023
Hardcover 394 Seiten
ISBN: 978-3-85256-876-8

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