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Schlagwort: Ukraine Lesen (Seite 3 von 5)

Dekoder (Hrsg.): »Das ist ein Ozean aus Wahnsinn«

Eine fabelhafte Sammlung von Beiträgen aus Belarus und Russland, die sich mit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine kritisch auseinandersetzen. Cover edition fotoTAPETA, Bild mit Canva erstellt.

Aus der Ferne erscheinen die Dinge immer einfacher, als sie in Wirklichkeit sind. Eine Binsenweisheit, die – wie so vieles andere – in Kriegszeiten aus dem Blick geraten kann. Vor allem, wenn es um jene Ferne geht, die nicht mehr so ohne Weiteres erreicht werden kann, weil man gut beraten ist, im Wortsinne jede Nachricht, jede offizielle Äußerung als Lüge zu betrachten.

Man darf dem Verlag edition fotoTAPETA dankbar sein, dass er Bücher wie »Das ist ein Ozean aus Wahnsinn« realisiert, denn die kritischen Stimmen zum Krieg aus Russland und Belarus sind wie ein kleines Fenster, das geöffnet wird und einen schmalen Spalt bietet, um Einblick zu erhalten in jene Lebenswelt, die in deutschen Medien oft nur in nichtssagenden, verallgemeinernden Sätzen Ausdruck finden.

Was heißt es eigentlich, wenn jemand Russland verlassen muss? Zunächst einmal bedeutet das, dass es sich um eine oder mehrere Personen handelt, die sich nicht aus Jux und Feriensehnsucht im Westen aufhalten, während sie gleichzeitig Putin unterstützen, was zurecht äußerst kritisch gesehen werden muss. Es sind Bewohner der Russischen Föderation, die unter dem Druck der Repressionen dieser Diktatur keine Zukunft haben.

Wir verstehen nicht, was mit uns geschieht, welche Epoche wir konkret haben.

Dekoder (Hrsg.): »Das ist ein Ozean aus Wahnsinn«

Es ist  bedrückend, die Auszüge des Tagebuchs von Xenia Luschenko zu lesen, in denen sie ihre Erschütterung über den Kriegsausbruch, die panische Angst um ihren Sohn, den sie ans Exil verliert, die zunehmende Isolation im Land angesichts der fliehenden Freunde und die brutale Machtdurchsetzung des Regimes an ihre Hochschule beschreibt. Die Zeitgenossen tun, als ob alles normal wäre oder geben sich opportunistisch: ein „Z“ ans Revers, kein Problem.

In diesem ganz vorzüglichen Sammelband kommen sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen aus Belarus und Russland zu Wort, die eine Facette, einen Ausschnitt dessen beschreiben, was sich hinter dem Wort „Krieg“ verbirgt. Manche Dinge ähneln sich, etwa das Gefühl der Scham, des schlechten Gewissens gegenüber den mit Zerstörung und Vernichtung überzogenen Ukrainern. Das war ganz besonders intensiv in Natalja Kljutscharjowas Tagebuch vom Ende der Welt zu spüren.

Etwas anders sieht der Blick in die Zukunft aus. Übereinstimmend ist die Sorge, dass es keine geben könnte, für die jeweilige Person, aber auch für das gesamte Land. Was genau damit gemeint ist, hängt vom Standpunkt und der Lebenssituation ab; die Künstlerin sieht eine andere Zukunft schwinden als der politisch gut vernetzte und aktive Journalist einer großen Zeitung.

Damit korrespondiert auf eine bemerkenswerte Weise der Verlust der Vergangenheit. Gewissheiten zerstäuben im Sturmwind des Angriffs- und Vernichtungskrieges, letztlich auch die Vergangenheit des so genannten „Großen Vaterländischen Krieges“, dem propagandistisch bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Erinnern an den Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands im Sommer 1941. Selbst das, was unter den Bergen an Lügen durchschimmert, verliert an Wert, wenn man selbst Teil eines verbrecherischen Krieges ist.

Vor allem ein Beitrag aus Belarus hat mir viel Stoff zum Nachdenken geschenkt. Für das Land, das für kurze Zeit mit so vielen Hoffnungen bedacht war, die – wie so unendlich viele zuvor – von der erbarmungslosen russländisch-imperialen Machtmaschine zermalmt wurden, ist Teil des Krieges: Aufmarschgebiet, Stützpunkt für die Luftangriffe auf zivile Ziele, Lieferant von Material an den Aggressor, wenn auch kein aktiver Kriegspartizipant.

Für Belarusen ist das eine immens schwierige Lage. Wer möchte es den Ukrainern verdenken, wenn sie mit dem Finger auf die Einwohner zeigen und Vorwürfe äußern. Wie soll man damit umgehen? Eigentlich hat das belarusische Volk sehr deutlich gezeigt, dass die Führung des Landes nicht Belarus ist, im Gegenteil, die Verantwortung liegt also beim Regime.

Trotzdem machen es sich belarusische Kommentatoren des Krieges nicht so leicht und wälzen alles auf die Herrschenden ab; die Scham gegenüber den Ukrainern ist spürbar, auch das verzweifelte Bemühen, eine halt- und tragbare Haltung zu dem Verhängnis zu finden. Man ahnt: ein vergebliches Unterfangen, Kriege nehmen keinerlei Rücksichten auf Befindlichkeiten, von absolut Niemandem.

Die Staatsmacht hat Boris Romantschenko den Krieg erklärt. Dieser alte Mann hat vier Konzentrationslager, darunter Buchenwald, überlebt. Im März 2022 ist eine russische Rakete in Charkiw eingeschlagen und hat ihn getötet. (Wladimir Metjolkin)

Dekoder (Hrsg.): »Das ist ein Ozean aus Wahnsinn«

Der für mich bewegendste Beitrag stammt von Wladimir Metjolkin, der als Journalist für die Studentenzeitschrift Doxa gearbeitet hat und angeklagt wurde. Anfang April 2022 wurde er verurteilt und hat in seinem Schlusswort bei der Gerichtsverhandlung über den Angriffskrieg Russland gegen die Ukraine gesprochen.

Metjolkins Mut ist für mich höchst beeindruckend, ebenso die Klarheit, mit der er den russländischen Angriffskrieg charakterisiert und darstellt. Er stellt das in Russland gepflegte Narrativ von der Befreier- und Siegernation im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland gegen jene Opfer in der Ukraine, die Veteranen des Zweiten Weltkrieges und Überlebende des Holocaust waren.

Er schildert klar, wie menschenverachtend die russländische Kriegführung auch gegenüber den eigenen Leuten ist, aber selbstverständlich auch gegen Zivilisten, Frauen, Kinder in der Ukraine. Die Propaganda wird als solche demaskiert, die horrenden Folgen für Russland ebenso klar benannt, wie das, was zu dem dramatischen Zivilisationsbruch führte: Putins Drang nach ewiger Macht und »imperialistisches Denken«. Mit diesem Mann gibt es nichts zu verhandeln.

[Rezensionsexemplar]

Dekoder (Hrsg.): »Das ist ein Ozean aus Wahnsinn«
Verschiedene Übersetzer
edition.fotoTAPETA_Flugschrift 2023
Broschiert 224 Seiten
ISBN: 978-3-949262-31-9

Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt

Wie erlebt jemand im Land des Aggressor den russländischen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine? Antworten gibt es in diesem Tagebuch. Cover Suhrkamp Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In Russland ist der Zweite Weltkrieg bis in die Gegenwart sehr präsent. Die russländische Version des Zweiten Weltkrieges, sollte man sagen, in der dieser erst im Juni 1941 beginnt, in der es keinen sowjetischen Angriffskrieg gegen Finnland, keine Annexion des Baltikums und Bessarabiens und erst recht keine Eroberung Ostpolens gibt, Hand in Hand mit den Nationalsozialisten.

Diese geschichtlichen Erzählungen dienen nur der Propaganda; aber natürlich gibt es auch die Erinnerungen Einzelner, mündlich, in Berichten, Tagebüchern, Briefen oder Romanen, die von den Kriegserlebnissen erzählen. Der erste Kriegstag nimmt dabei eine besondere Rolle ein, wenn die Welt aus den Angeln gehoben wird und alles umstürzt.

Das sollte man beachten, wenn man jenen Satz liest:

Ich hatte nie gedacht, dass es auch in meinem Leben einmal einen ersten Kriegstag geben würde.

Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt

Natalja Kljutscharjowa schreibt diesen Satz in ihrem Tagebuch vom Ende der Welt, angesichts der nicht abreißenden Kette an größeren und kleineren Kriegen rund um den Erdball, den nicht enden wollenden Bürgerkriegen und Kämpfen zwischen Kriegsherren und Machtgruppen in zerfallenden Staaten, wirkt er zunächst einmal etwas seltsam.

Doch auf Russland bezogen, auf das durch die spezifisch russländischen Erinnerungen (ich weigere mich, das Kultur zu nennen) an den Zweiten Weltkrieg gefütterte Selbstbild und die darin beschworene Rolle als Opfer, heroischen Zentrum des Widerstands und letztlich auch des einzigen echten Siegers entfaltet dieser Satz seine ganze Wirkung: Russlands erster Kriegstag als verbrecherischer Aggressor.

Irgendwann später im Tagebuch findet sich eine Stelle, in der die Autorin das explizit so schreibt; man kann darüber ein wenig die Nase rümpfen, an Tschetschenien, Georgien, Syrien denken oder an die hybride Kriegführung gegen den Westen, doch unterscheidet sich der russländische Angriffskrieg gegen die Ukraine allein durch Umfang und Ziel, vor allem aber Offenheit von allen anderen. Es ist ein – verlogener, propagandistisch vernebelter Krieg, aber eben auch ein unübersehbarer.

Es ist also ein erster Kriegstag mit allen niederschmetternden Folgen, die nicht nur jene betreffen, die seinen direkten Auswirkungen ausgesetzt sind (wie zum Beispiel in der ukrainischen Frontstadt Charkiw bei Zhadan, Skalietska, Gerassimow), sondern auch fern von der Front, von allem Geschützdonner, dem Brüllen und Toben der Kampfhandlungen.

Ich dachte immer, jemand, der aus eigener Erfahrung weiß, was Krieg bedeutet, würde ihn nie unterstützen. Wie sich nun herausstellt, weiß ich sehr vieles nicht über die Menschen.

Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt

Die Reaktionen vieler Mitmenschen auf den Kriegsausbruch sind für Natalja Kljutscharjowa oft schwer erträglich, die eigene Ohnmacht ist noch schlimmer. Fragen umschwirren sie wie garstige Moskitos. Was hätte man tun können? Was kann man tun? Die Anti-Kriegsdemos sind auf eine niederschmetternde Weise geschildert, nach innen hatte das Putin-Regime seinen Angriffskrieg bestens vorbereitet.

Die Erschütterung angesichts des Unheils, die der Krieg heraufbeschwört, ist ein Motiv, das in vielen älteren Kriegstagebüchern auftritt; die Worte, die Hermann Stresau im September 1939 findet, klingen so vertraut; auch die Zerrissenheit, sich weder Sieg noch Niederlage wünschen zu können, das fürchterliche Unheil aber vorauszuahnen, ist spürbar.

Was das Tagebuch vom Ende der Welt besonders macht, ist die Offenheit, mit der Natalja Kljutscharjowa von ihrer Scham spricht, die sie empfindet, Teil Russlands zu sein. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Land, dem viele nachgeben (müssen) und das schlechte Gewissen, wenn der Druck etwas nachlässt. Sie wird zum Nachrichten-Junkie, als könnte ein dauerhafter Strom an Informationen etwas ändern, eine Ersatzhandlung, um die Hilflosigkeit zu überdecken.

Die Scham macht ein Häkchen: gut, alles okay, sie weint. Weinen ist erlaubt.

Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt

Wie sehr der Krieg das Leben zumindest Einzelner aus den Angeln hebt, sie tief verstört, wird deutlich als die Autorin schreibt, sie habe die Bedeutung der berühmten Worte, dass die Lebenden die Toten beneiden würden, begriffen. Babi Jar ist von einer russländischen Rakete getroffen worden. Jene Verstorbenen, die gegen die Nationalsozialisten gekämpft und geglaubt haben, sie stünden auf der Seite des Guten, ist es besser, das nicht erlebt zu haben.

Eine besondere Angst der Autorin gilt jenen, die aus dem Krieg zurückkehren und das, was sie gelernt haben, in der Heimat fortsetzen. Das geschieht bereits, Wagner-Söldner, ehemalige Verbrecher aus Gefängnissen, die ihren Dienst in der Ukraine überlebt haben, führen ihr Tun in Russland weiter.

Die Morde bei Butscha lassen sie fürchten, »der nie vertriebene Dämon von 1937« würde zurückkehren, eine finstere, apokalyptische Vision. Wie begegnet man derlei? Mit einem Zitat aus Dune von Frank Herbert: »Ich darf keine Angst haben. Angst tötet das Bewusstsein. Angst ist der kleine Tod.«

[Rezensionsexemplar]

Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Suhrkamp 2023
Broschur, 167 Seiten
ISBN: 978-3-518-12781-0

Yeva Skalietska: Ihr wisst nicht, was Krieg ist

Ein besonderes Tagebuch aus der Ukraine, in dem eine Zwölfjährige über ihre ersten Tage in Charkiw während des russländischen Angriffskrieges berichte. Cover Kaur, Bild mit Canva erstellt.

Am Dritten Tag des Krieges hat die zwölfjährige Yeva bereits gelernt, die Entfernung von Explosionen anhand des Knall-Lautes abzuschätzen. Da ist sie schon nicht mehr in ihrer Wohnung in Charkiw, sondern mit ihrer Oma bei einer Freundin untergekommen. Zum Glück, denn schon einige Tage später trifft ein russländisches Geschoss die alte Unterkunft, reißt ein Loch in die Hauswand, den Balkon ab und zerstört die Küche.

Dank Smartphone gibt es davon auch ein Foto – es ist in ihrem Tagebuch Ihr wisst nicht, was Krieg ist, abgebildet. Für Yeva ist der Verlust mehr als nur ein materieller, es fühlt sich an, als wäre ein Teil ihrer Kindheit und damit von ihr selbst zerstört worden. Noch später, als sie bereits auf der Flucht nach Westen sind, hört sie, dass vom Wohnblock noch mehr zerstört wurde.

Wenn die Medien davon berichten, dass die Frontstadt Charkiw immer mehr zur Geisterstadt werde, stecken solche Geschichten dahinter; viele davon erahnt der Leser von Yeva Skalietskas Tagebuch aus den Kurznachrichten, die sie mit ihren Mitschülern austauscht. Die Ängste, die Unsicherheit und Verzweiflung, aber auch die Erleichterung, herausgekommen und in Sicherheit zu sein, sind spürbar.

Panikattacken lernt Yeva auch kennen, in Charkiw unter dem Eindruck des russländischen Beschusses, aber auch ganz im Westen der Ukraine, als sie in Uschorod an der ukrainisch-ungarischen Grenze angekommen sind. Statt Freude überfallen sie Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ein Leben ist innerhalb weniger Tage völlig aus den Angeln gehoben worden. Die Intensität der Aufzeichnungen ist bedrückend, das Geschwafel selbst ernannter Pazifisten dagegen dosenhohl.

Yeva gelangt über Ungarn nach Irland, davon berichtet ein Teil ihres Tagebuches. Das ist übrigens sehr gelungen aufgemacht, drei schön gestaltete Karten informieren den Leser über den Fluchtweg Yevas, die Ukraine und Charkiw. Gerade auch junge Menschen können hier einen Einblick bekommen, wie es ist, wenn ein verbrecherischer Angriffskrieg den Frieden vertreibt. Das Vorwort von Marina Weisband ist sehr informativ – es spricht nichts dagegen, das Buch auch in der Schule zu lesen.

Yeva Skalietska: Ihr wisst nicht, was Krieg ist
Übersetzt von Dr. Alexandra Berlina
Knaur 2022
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978-3-426-28622-7

Dimitri Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

Ein kurzer Roman über die Abgründe von Migration und Famile. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Von einem, der auszog, ein Deutscher zu werden – und dazu dank teutonischer Bürokratie nach Kyjiw reisen muss, um eine Formalie zu erledigen. Unnötig zu erwähnen, dass es nicht bei der Formalie bleibt, ebenso unnötig zu erwähnen, dass es nicht bei dem einen sprichwörtlichen Klischee bleibt. Erfreulicherweise hat Autor Dimitrji Kapitelman eine ganze Reihe von Sprachneuschöpfungen ins literarische Feld geführt, um sich diesen Klischees angemessen anzunehmen und ihnen Leben einzuhauchen.

Der Leser folgt dem Ich-Erzähler in die Abgründe einer Migrations– und Familiengeschichte. Beide Motivkreise sind eng miteinander verwoben, beide sind fern jeglicher Verklärung und rührseliger Aufhübschung. Von einem Land ins andere überzusiedeln ist (über-)fordernder Kraftakt; Kapitelman spitzt das zu, in dem er sagt, die Katze habe sich am schnellsten in Deutschland integriert. Die Eltern des Erzählers fremdeln, übertünchen die Fremdheit mit Verklärung ihrer eigenen Herkunft.

Das ist ein Motiv, das aus anderen Migrations-Romanen bekannt ist. Nino Haratischwili etwa hat in ihrem Roman Die Katze und der General dieses Thema gekonnt auf den Punkt gebracht. Es lohnt sich für den Leser, auf die Zwischentöne zu hören – wer Migration verstehen will, kommt hier auf seine Kosten. Es ist kompliziert, einfache »Lösungen« sind und bleiben populistische Phrasendrescherei.

In der Ukraine erlebt der reisende Erzähler eine Reihe von Überraschungen, die hier nicht vorweggenommen werden. Der Krieg im Osten des Landes, in Deutschland und weiten Teilen Westeuropas lange Jahre als »Krise« verharmlost und vergessen, wetterleuchtet immer mal wieder am Erzählhorizont, Putins Angriffs- und Vernichtungskrieg ist noch fern. Angesichts dessen, was Kapitelman erzählt, ist man schon verblüfft, wie widerstandsfähig sich die Ukraine erwiesen hat. 

Auf den ersten Blick jedenfalls, denn Zwischentöne und Beiläufigkeiten lassen bereits erahnen, wie blind die Annahme gewesen ist, die Ukraine würde sich nicht wehren (können). Bei allen Missständen hat sich das Land, haben sich seine Menschen zu einer Zivilgesellschaft entwickelt, auch wenn sowjetische »Stillstandsarchitektur« und vieles andere Überkommene noch präsent sind. 

Dimitri Kapitelman: Eine Formalie in Kiew
dtv 2023
Taschenbuch 176 Seiten
ISBN 978-3-423-14842-9

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Bewegende und erhellende Impressionen aus der Zivilgesellschaft im Krieg. Cover Siedler-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Krieg ist Chaos. Geordnete Bahnen zerbrechen, das Leben gerät im Wortsinne aus den Fugen, Menschen werden in die Flucht getrieben, verlieren die Orientierung und irren auf der Suche nach einer neuen im sprichwörtlichen Nebel des Krieges. Vor den Fenstern ein Feuerpanorama statt des gewohnten Anblicks – nicht nur in Charkiw, der Frontstadt, die medial oft im Schatten Kyjivs steht.

Am Ende des bewegenden Buches von Daniel Schulz fühlt der Leser das Chaos. Ich höre keine Sirenen mehr ich wie ein Echo aus der Ferne, das jenes ungeheuerliche Durcheinander des Krieges wiederklingen lässt, den Russland gegen die Ukraine entfesselt hat – wie die berühmten Hunde des Krieges Shakespeares. Schulz liefert keine Analysen, einordnende Hintergrundinformationen, strukturiert und selbstverständlich immens hilfreich, wie es andere Bücher über den Krieg gegen die Ukraine tun; er lässt die Menschen vor Ort ausführlich zu Wort kommen, während er sie begleitet.

Ich höre keine Sirenen mehr bietet vor allem Impressionen, Nachklänge, wie nach einem Konzert- oder Kinobesuch; Stil und Inhalt, Perspektive und Erzählhaltung wechseln, dankenswerterweise scheut sich Schulz auch nicht, seine vielfältigen, sehr persönlichen Erfahrungen einfließen zu lassen und zu offenbaren, dass seine Reise in die Ukraine, in den russländischen Angriffs- und Vernichtungskriegs auch ein Versuch ist, eine persönliche unspezifische Angst loszuwerden.

Die russischen Raketen, die Sirenen des Luftalarms, das Sterben der ukrainischen Soldat:innen und Zivilist:innen, sie reißen Lücken ins Gewebe der Gewohnheiten.

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Es geht sehr menschlich zu in dem Buch, für das ein sehr treffender Untertitel gewählt worden ist: Krieg und Alltag schließen einander aus, weil Krieg den Alltag zerbricht. Doch schon wenige Monate nach dem Tag, an dem der vollumfängliche Vernichtungskrieg Russlands begonnen hat, ist Alltäglichkeit überlebensnotwendig. Hierzulande ist oft von Kriegsmüdigkeit die Rede, eine fremdschambehaftete Eigendiagnose angesichts der Leistungen und Belastungen der Menschen in der Ukraine.

Ein Alltag mit seinen Routinen ist essentiell, anders wäre die irgendwann einsetzende Erschöpfung nicht zu bewältigen. Wir reden hier nicht von den Soldaten, der regulären Armee, wir reden von Freiwilligen, ungezählten Frauen und jenen Männern, ohne die der Krieg für die Ukraine einen schlechteren Verlauf genommen hätte. Auf mehr als 1.700 Neugründungen nach der vollumfänglichen Invasion im Februar 2022 beziffert Schulz die Zahl solcher Gruppen von Freiwilligen.

So beginnt Schulz’ Reise in Krieg und Alltag mit einem Blick auf das, was man gewöhnliche Zivilgesellschaft nennt. Wie »Alltag« und »Krieg« scheinen sich »Zivil« und »Krieg« auszuschließen, betrachtet man einen Waffengang als Krise, ist es nur folgerichtig, dass dem zivilen Sektor eine wichtige Rolle, ja: die Hauptlast zukommt. Die Ukrainer nennen es „ukrainische Anarchie“, mit der die Hilfen organisiert werden – unter kreativer Zuhilfenahme aller modernen Kommunikationskanäle, was den Leser staunen lässt.

Küchentische, […] sind neben den vom Staat und von Nichtregierungsorganisationen geführten Zentren die anderen wichtigen Orte, an denen ukrainische Freiwillige Nachschub und Hilfe organisieren.

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Das Chaos, von dem ein aus Deutschland stammender freiwilliger Frontsoldat berichtet, mag aus der Sicht des Bundeswehr-Veteranen problematisch sein, beim Umgang mit allzu knappen Ressourcen notwendig und hilfreich. Die spezifisch bundesdeutschen Klagen über die Folgen des Krieges verblassen doch zu Phantomschmerzen, wenn Daniel Schulz ausführlich schildert, wie Kunst- und Kulturschaffende ihre Fähigkeiten in den Dienst der ukrainischen Kriegführung stellen und gleichzeitig versuchen, die fürchterlichen Folgen für die dortige Zivilbevölkerung abzufedern.

Die Helfer sind dabei keineswegs unkritisch gegenüber dem Staat und seinen Makeln, etwa der grassierenden Korruption. Eine Gleichschaltung findet auch im Krieg nicht statt, es wirkt mehr wie ein temporärer Waffenstillstand; spürbar ist, dass nach dem Ende des Krieges die Reformforderungen wieder erhoben werden. Ob und wie weit diese tragen und zu strukturellen Veränderungen führen werden?

Einige Dinge sind von Krieg zu Krieg doch gleich oder zumindest ähnlich. Luftalarm. Autor Schulz muss erstaunt feststellen, wie sehr diese ignoriert werden – ein Motiv, das aus Tagebüchern des Zweiten Weltkrieges oder Augenzeugen bekannt ist. Ein Gesprächspartner aus der Ukraine versucht eine Begründung und zieht Parallelen zum Auto: Es gebe Unfälle, Tote und Verletzte, jeder wisse das und fahre trotzdem.

»Der Krieg ist bei allem Leid, das er bringt, auch eine Chance, unsere Seelen zu retten.«

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr

Dann geht es doch noch ein wenig an die Front. Kriege werden immer auf der Basis der Erfahrungen aus dem vorangegangenen begonnen und bringen gewöhnlich massive Überraschungen. Im Ersten Weltkrieg waren es Maschinengewehre und Flugzeuge, in der Ukraine sind es Drohnen. Die Bedeutung dieser kleinen Flugobjekte für Aufklärung und Kampf ist schon im Waffengang zwischen Armenien und Aserbaidschan immens gewesen, jetzt ist sie ungleich größer.

Es ist interessant zu sehen, wie die Anfänge nach dem Maidan und der russländischen Invasion der Krim bzw. des Donbas ausgesehen habe, wie Initiativen am Militär vorbei und parallel dazu vorangetrieben wurden, etwa bei der Ausbildung zum Drohnenfliegen. Auch in diesem Bereich zeigt sich der unheilvolle Einfluss des Krieges, der alles verschlingt – moderne Technik und die Menschen, die Dinge tun (müssen), die sie eigentlich vermeiden wollten.

Wir sehen nur, was wir verstehen; daher ist es sehr positiv, dass Schulz einerseits innerhalb seines gewohnten Netzwerkes (Kulturelite) unterwegs ist, sich aber bewusst auch anderen Menschen und Verhältnissen widmet. Das führt ihn in manchen Kapiteln an den Rand der Sprachlosigkeit, etwa zu jenen kargen Eindrücken von einem Parkplatz bei Saporischschja. Aber auch zu Menschen wie den Freiwilligen Andriy, der für deutsches Sicherheitsnetz-Denken geradezu abenteuerlich mutig agiert – immer mit der Begleitmusik der Sirenen.

[Rezensionsexemplar]

Daniel Schulz: Ich höre keine Sirenen mehr
Siedler Verlag 2023
Hardcover 272 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0167-7

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