Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Vernichtungskrieg (Seite 6 von 7)

Sergej Gerassimow: Feuerpananorama

Die Eindrücke aus den ersten Kriegswochen sind bestürzend, Charkiw ist Frontstadt, hat früh Bekanntschaft mit russländischen Streubomben und Raketen gemacht und bot das titelgebende Feuerpanorama. Cover dtv, Bild mit Canva erstellt.

Erwachen im Krieg. Charkiw. Geräusche, die nichts anderem auf der Welt ähneln, Geräusche des Todes, des vorsätzlichen Mordes. „Ich habe es noch nie gehört, aber ich weiß, dass es das Atmen des nahenden Krieges ist.“ Man stelle sich vor, in einer Stadt, in der Nobelpreisträger gewohnt, studiert und gearbeitet haben, Anfang des 21. Jahrhunderts. Kann das überhaupt sein? Es kann. Es wirke wie ein Traum, aus dem man noch nicht aufgewacht sei; Angst – nein. Es herrscht das Gefühl von Unwirklichkeit.

Draußen Gefechtslärm. Artillerie. Panzer. Luftangriffe mit Flugzeugen und Raketen. Streubomben, die von der russländischen Armee gezielt über Wohngebieten eingesetzt werden. Man kann zusehen, wenn man in einem hohen Haus wohnt, aus dem Fenster heraus beobachten, wie der Krieg tobt. Eine ältere Dame, berichtet Gerassimov, hört dabei Heavy Metal, um das Dröhnen, Krachen des Krieges zu übertönen, der Versuch, zwischen sich und dem Gesehen Distanz zu bringen, es erträglich zu machen. Sie schläft in einer Gusseisen-Badewanne zum Schutz von Splittern und Schrapnells.

Das Kriegstagebuch Feuerpanorama von Sergej Gerassimov ist voll von derartigen Beobachtungen. Sie bringen den Krieg, seine Grausamkeiten und die Versuche, damit umgehen, nahe. Schlangen vor Geschäften werden nicht in Metern, sondern Wartezeit gemessen: »Die Schlange war nur dreißig Minuten lang.« Oft ist vorher klar, dass es nicht das Gesuchte gibt, doch reihen sich die Menschen ein. Warum?

Das ist die wohl am häufigsten gestellte Frage. Warum? Warum kann jemand absichtlich eine Geburtsklinik bombardieren? Warum das von Kindern überfüllte Theater in Mariopol zerstören? Viele der Antworten sind verstörend. Wenn etwa von »Putinophilen« die Rede ist, die sich die Realität zurechtbieten. Vor ihren Augen wird ihre Heimat, ihre Stadt (Charkiw) bombardiert – es wären Ukrainer, die das täten, papageien die Putinophilen nach. Was soll man da noch sagen?

Gerassimow schreibt noch in den ersten Kriegstagen, dass er die Menschen in Russland nicht hassen könne; er erinnert sich seiner Kindheit bei Kursk, einem Ort, dessen Umgebung ihm die schönsten Erinnerungen geschenkt habe. Tage später steigt er dann doch auf, der Hass, wie „schwarze Tinte“ vom Grund eines Sees. Ein passiver Hass auf einen russländischen Piloten, der Zivilisten bombardiert hat und abgeschossen wurde. Es könnte, gesteht er sich selbst ein, aktiver Hass werden, das Bedürfnis aufsteigen, diesem Piloten den Hals umzudrehen. Der Krieg verändert die Menschen.

Es ist das vierte Tagebuch (Im Schatten des Krieges, Als ich im Krieg erwachte) aus diesem Krieg – das zweite aus Charkiw – das ich gelesen habe. Ich konnte eine Menge Eindrücke durch die Augen des beobachtenden Autors sammeln, das Ausmaß der Zerstörungen in der Frontstadt, die hierzulande im Schatten von Kyjiw steht, der materiellen und ideellen Verluste, wird greifbar.

Sergej Gerassimow: Feuerpananorama
Übersetzt von Andreas Breitenstein
dtv 2022
Hardcover 256 Seiten
ISBN: 978-3-423-28315-1

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine

Wer aus Bequemlichkeit den Begriff »Ukrainekrieg« verwendet, wird das nach der Lektüre dieses Buches infragestellen, wie vieles andere auch. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Der vollumfängliche Angriff Russlands ab dem 24. Februar 2022 gegen die Ukraine rückt erst mit Seite 98 dieses Buches in den Fokus. Damit berührt man schon einen wichtigen Punkt dieser Darstellung: Der Krieg lief bereits und trat da erst in seine dritte Phase ein. Die erste und zweite haben nach Einschätzung von Autorin Gwendolyn Sasse bereits im Jahr 2014 eingesetzt. Die Invasion mit Vernichtungsabsicht stellt also eine Eskalation dessen dar, was Russland schon seit Jahren praktizierte.

In ihrer sehr lesenswerten Schrift Der Krieg gegen die Ukraine klärt die Autorin sachlich, ausgewogen, wohlinformiert und fundiert über die Wurzeln dieses russländischen Kieges auf. Es mag umständlich erscheinen, auf den Begriff »Ukrainekrieg« zu verzichten, doch dafür gibt es gute Gründe: Das Wort ist ein Echo russländischer Propaganda, es assoziiert einen internen oder gar von der Ukraine ausgehenden Krieg, und verdeckt so die Wirklichkeit eines genozidalen Angriffs- und Vernichtungskrieges.

Sasse räumt en passant mit bei deutschen Sofapazifisten liebgewonnenen Unwahrheiten auf. Der unselige Sprachenstreit in der Ukraine wird durchleuchtet und schrumpft vom propagandistisch aufgeblasenen Scheinriesen zum Zwerg. In Deutschland mag es schwer nachvollziehbar sein, doch ist die sprachliche Realität in der Ukraine geprägt von einer »kontextabhängigen Bilingualität«. Manche sprechen tatsächlich nur die eine oder andere Sprache, andere wechseln zwischen Ukrainisch und Russisch abhängig davon, ob sie Zuhause oder anderswo sind; manchmal spricht eine Person Ukrainisch, die andere Russisch.

Ein Verständnisproblem besteht nur für begriffsstutzige und wirklichkeitsverschlichtende Deutsche. Schlimmer noch ist der Kurzschluss, ein Russisch sprechender Mensch sei auch pro-russisch eingestellt, was hanebüchener Nonsens ist. Die Identität ist nicht allein aus dem Sprachgebrauch abzuleiten – eine Binsenweisheit, die auch für Loyalität gilt. Ganz davon ab: Selbst wenn es gegenüber Kyjiw Vorbehalte oder Ablehnung gab, hieß das noch lange nicht, dass diejenigen automatisch für einen Anschluss an Russland wären.

Das Buch von Sasse räumt mit einer Reihe von Vorurteilen auf, auch was die vielbeschworene Nato-Ostererweiterung anbelangt. Das ist wohltuend in einer Welt, in der Medien auf Einschaltquoten schielen und handfeste Propagandisten in ihre Studios bitten. Überhaupt ist die Informationsdichte in dem kurzen Buch sehr hoch, es informiert über die Staatswerdung der Ukraine nach 1991, rückt absurde Formulierungen in rechte Licht. Die Krym war kein „Geschenk“ Chruschtschows an die Ukraine.

Naturgemäß ist das Ende des Krieges gegen die Ukraine offen. Trotzdem ist das Buch unbedingt lesenswert für alle, die sich noch einmal vor Augen führen wollen, was im Osten Europas gerade geschieht. Kriegszeiten sind immer auch Zeiten der Verunsicherung, doch da dieser Krieg eine lange Vorgeschichte hat und seit vielen Jahren auf niederschwelliger Ebene geführt wird, bietet die Lektüre auch eine Form der Sicherheit.

Besonders lobenswert ist, dass Sasse einen Ausblick auf die Folgen wagt. Monate nach der Niederschrift des Buches, als von einer umfangreichen Rückeroberung großer Gebiete durch die Ukrainer noch nicht die Rede sein konnte, geschweige denn von einer umfassenden Gegenoffensive, lesen sich die Punkte immer noch sehr stichhaltig und realitätsnah. Einige der Voraussagen haben sich mittlerweile bewahrheitet – ein weiteres Qualitätsmerkmal.

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine
C.H.Beck 2022
Softcover 128 Seiten
978-3-406-79305-9

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Collage mit dem Zitat »Man wird es nie mehr los.« über einem historischen Schwarz-Weiß-Foto mit Opfern eines Massakers in Italien 1944.  SS-Soldaten sind auf einem Comic-Cover mit dem Titel 'Die Reise des Marcel Grob' von Philippe Collin und Sébastien Goethals abgebildet. Es zeigt einen jungen Franzosen, der mit 17 Jahren zur Waffen-SS eingezogen wurde. Das Buch ist im Splitter Verlag erschienen.
Eine Graphic Novel mit einem schwerwiegenden und schwierigen Thema, das Fragen aufwirft, die uns heute direkt betreffen. Cover Splitter Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ist jetzt die richtige Zeit für diese Graphic Novel? Im Osten Europas hat eine brutale Diktatur einen völlig enthemmten Angriffs- und Vernichtungskrieg losgebrochen, der erste, große vollumfängliche Krieg seit 1945 in Europa; Kriegsverbrechen werden verübt, die Invasion trägt die Züge eines Genozids, mit dem Ziel, die Ukraine in jeder Hinsicht auszulöschen.

Damit ist ein möglicher Zugang zu dieser Graphic Novel geöffnet, denn Die Reise des Marcel Grob beginnt in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Die Hauptfigur wird mitten hineingezogen in die Abgründe dieses weltumspannenden Krieges. Unweigerlich werden Fragen aufgeworfen. Kann man, darf man vergleichen? Das Massaker von Marzabotto, das in der Graphic Novel eine zentrale Rolle spielt, mit dem, was die russische Armee etwa in Butscha angerichtet hat?

Wie steht es mit der Schuld des Einzelnen, der vor Ort ist, Kriegsverbrechen ausführt oder ihnen als Teil der Tätergruppe beiwohnt? Gibt es mildernde Umstände, etwa die Drohung des eigenen Todes, durch ein Standgericht wegen Befehlsverweigerung? Heute und damals? Wie geht jemand mit der Schuld um, die ihn persönlich das gesamte Leben lang verfolgt?

Was hätten Sie an meiner Stelle getan? Versuchen Sie mir diese Frage zu beantworten.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen, auch wenn beide Worte im alltäglichen Sprachgebrauch synonym verwendet werden. Wer etwas vergleicht, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus; wer gleichsetzt, verwischt beides. Vergleichen muss also erlaubt sein, allein, um einen Versuch zu unternehmen, sich dem eigenen Standpunkt in der großen Tragödie unserer Tage anzunähern.

Die Graphic Novel von Philippe Collin & Sébastien Goethals bietet reichlich Möglichkeiten, über diese und andere Fragen nachzudenken. Die Geschichte selbst ist sehr spannend, die Zeichnungen sind großartig und auf eine authentisch wirkende Weise atmosphärisch;  Teile der Handlung spielen in Italien, die vertrauten Bilder (Lago di Garda) stehen in einem krassen Kontrast zu dem, was dort geschieht.

Vor allem sind die Personen gelungen. Die Protagonisten sind so genannte Malgré-nous, zwangsverpflichtete Männer aus Elsass-Lothringen, die überwiegend unfreiwillig in den Krieg gezogen sind. Die verschiedenen Schattierungen ihrer Einstellung werden sehr überzeugend dargelegt, ebenfalls die jähe Desillusionierung, die selbst die Motivierten trifft.

Waffen-SS, das heißt, wir werden den Bolschewiken mal so richtig in den Arsch treten.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Die Reise des Marcel Grob wirkt ungeheuer authentisch. An den geschilderten Kriegshandlungen ist nichts Heroisches. Es ist den Autoren gelungen, diese aus Kriegsromanen bekannte Blindheit der Soldaten einzufangen, die irgendwohin marschieren, ohne eine Ahnung zu haben, was ihnen blüht. Sie bringen Tod und Verderben über Arglose und werden von Tod und Verderben gleichsam aus dem Nichts heimgesucht.

Die Hauptfiguren werden 1944 eingezogen, als der Krieg aus deutscher Sicht militärisch längst verloren war und das NS-Regime Millionen Soldaten und Zivilisten blindwütig in den Tod geschickt hat, um die unabwendbare Niederlage hinauszuzögern. Was heute so offensichtlich erscheint, war es für viele damals nicht. Rückblickend ist man immer klüger – erinnern Sie sich noch, was Sie im Februar 2022 über die Aussichten der ukrainischen Armee dachten?

Als die jungen Männer um Marcel Grob ihren Ausbildungsstandort erreichen, sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer; einige wissen nicht einmal, welches. Wie hätten sie die militärische Lage einschätzen können? Auch hier drängen sich dem Leser Fragen auf. Was wissen wir über den Krieg in der Ukraine? Was die russischen Soldaten? Vor allem: Welche Möglichkeiten, welche Handlungsoptionen stehen ihnen offen?

Die lassen uns krepieren, die Schweinehunde.

Philippe Collin & Sébastien Goethals: Die Reise des Marcel Grob

Bei aller Nähe zu den historisch überlieferten Wirklichkeiten handelt es sich um ein fiktionales Werk und als solches sollte es auch gelesen werden. Wenn etwa der Untersuchungsrichter den 83 Jahre alten Marcel Grob fragt, warum er nicht Selbstmord begangen hat, statt sich an dem Massaker zu beteiligen, wirkt das abstrus; bis sich auch die Umstände am Ende klären. Ein kleiner Paukenschlag

Zusätzliche Informationen ergänzen die Fiktion. Eine Karte informiert über den Weg, den Marcel Grob zurückgelegt hat, Informationen über die SS, die Waffen-SS, die militärische Formation, das Massaker und die strafrechtliche Verfolgung werden knapp abgehandelt. Einige Literaturempfehlungen runden das Zusatzmaterial ab.

Im Kern hält Die Reise des Marcel Grob auch eine Mahnung an die Gegenwart bereit: Viele Kriegsverbrecher oder (Mit-)Täter kamen nach dem Zweiten Weltkrieg davon, sie traten in alliierte Dienste (Wernher von Braun) oder wurden nach vergleichsweise kurzer Gefängnisstrafe wieder entlassen. Die Toten blieben tot.

Das führt zur letzten Frage. Russlands Krieg gegen die Ukraine wird nicht ewig währen. Wie wird es nach dem Ende des russländischen Vernichtungskrieges sein? Werden die Täter bestraft oder wird »vernünftig« gehandelt und geschont? Wer ein wenig zuhört, ahnt schon, wohin diese Reise gehen wird.

Die Reise des Marcel Grob
Szenario: Philippe Collin
Zeichnungen Sébastien Goethals
Aus dem Französischen von Harald Sachse
Splitter-Verlag 2019
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978-3-96219-320-1

Katrin Eigendorf: Putins Krieg

Ein beeindruckendes Buch über die ersten Monate des russländischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Der Blick zurück lohnt sich aus vielen Gründen. Cover S.Fischer-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einer der großen Vorzüge dieses Buches liegt darin, dass vielfältige Mythen, die hierzulande von interessierten Kreisen mit bemerkenswert wirklichkeitsfremder Hartnäckigkeit gepflegt werden, zu Staub zerfallen. Möglich wird das dadurch, dass Autorin Katrin Eigendorf weiß, wovon sie spricht. Als erfahrene Korrespondentin und Russisch sprechende Journalistin, die 2015 begonnen hat, Ukrainisch zu lernen, kann sie dem angeblichen Sprachenstreit in der Ukraine rasch den Zahn ziehen. Es gibt ihn nicht, nur als scharfzähniges Gespenst der russischen Kreml-Propaganda.

Wer kennt sie nicht, jene Karten, die vorgeben, es gäbe eine Teilung in der Ukraine? Der Osten prorussisch und russischsprachig, der Westen prowestlich und ukrainischsprachig; leider wird oft genug der Kurzschluss gezogen, dass diejenigen, die sich als russischsprachig ansehen auch pro-russisch sind. Wer mit Kyjiw nicht einverstanden ist, empfindet noch lange keine Sehnsucht nach dem Kreml, gar nicht zu reden von einem Anschluss an Russland.

Diese Karte ist in vielerlei Hinsicht enorm problematisch. Sie suggeriert eine Wirklichkeit, die es so gar nicht gibt – über die reine Sprachfrage hinausgehend. Ein schönes Beispiel, dass Karten NIE etwas abbilden, sondern immer eine Haltung, ein Weltbild, eine Interpretation (oft Absicht) darstellen. Karte aus Christian Grataloup: Die Geschichte der Welt.

Die Wirklichkeit ist vielschichtiger, oft beherrschen die Menschen beide Sprachen und wechseln hin und her; Zuhause wird ebenfalls nicht selten mehrsprachig kommuniziert. Erst der Angriffs- und Vernichtungskrieg Russlands hat das geändert. Das hätte man übrigens auch in Deutschland im Gespräch mit Menschen erfahren können, die aus der Ukraine stammen.

Katrin Eigendorf ist gelungen, den Kriegsbeginn und ihre Arbeit eindrucksvoll zu schildern und ihn gleichzeitig einzuordnen. Rückblicke auf die Zeit nach dem Euromaidan sind hilfreich, weil sie zeigen, wie zögerlich die russische Aggression als solche wahrgenommen wurde; es kommen wichtige Zeitgenossen mit großem analytischen Weitblick, wie Timothy Snyder, zu Wort. Offen und schonungslos wird von den Vorbehalten gesprochen, die Ukrainer gegen Deutschland und seine verhängnisvolle Rolle in der politischen Haltung gegenüber Russland.

Die Gegenüberstellungen und eingeflochtenen analytischen und erklärenden Passagen verleihen dem Text über den reinen Augenblick hinaus eine Tiefe, die ihm einen ganz besonderen Wert verleihen. Es geht nicht nur darum, was geschehen ist und wie es sich vor Ort auswirkt, sondern woher es kommt und wie es wahrgenommen wurde. Trotzdem wird zu jedem Zeitpunkt spürbar, dass es hier nicht um abstrakte Dinge geht, sondern Menschen aus ihrer Lebensbahn wirft – dank einer beeindruckend empathischen Darstellung.

Besonders beeindruckend sind die Passagen über die russischen Kriegsverbrechen. Ein Zivilisationsbruch und ein Wendepunkt im Krieg, denn er hat dem verlogenen Kremlherrn und seinen Helfern die Maske vom Gesicht gerissen. Über den Charakter seines Vernichtungskrieges gibt es seitdem keine berechtigten Zweifel mehr, von ganz hartnäckigen Wirklichkeitsleugnern einmal abgesehen, ist das im Westen Konsens.

Sehr gut gefallen haben mir zudem die erzählenden Teile, die sich vom aktuellen Geschehen lösen und die Vergangenheit ausloten. Katrin Eigendorf hat – glücklicherweise – kein Problem damit, ihre eigene Sichtweise rückwirkend zu schildern: Sie hat, wie mehr oder weniger ganz Deutschland, den Blick zuvörderst auf Russland gerichtet und den ukrainischen Anteil etwa am Sieg über Nazideutschland unter den Tisch fallen lassen. Die Korrektur, die von der Autorin seit 2014 vollzogen wurde, ist offen dargelegt.

Das von Russland gepflegte Narrativ der Faschisten in der Ukraine wird beleuchtet, problematische Figuren wie Stephan Bandera eingeschlossen, doch wird das angemessen gewichtet angesichts der Millionen Opfer, die von der Ukraine im Vernichtungskrieg gegen Wehrmacht und SS zu erleiden hatte. Hier hätte ich mir gewünscht, dass auch ein Wort über die russischen Kollaborateure und vor allem das umfänglich Nazi-Problem in Russland gewünscht, um die Vorwürfe gegen Kyjiw, die immer wieder vorgetragen werden, als das hinzustellen, was sie sind: Propaganda.

Katrin Eigendorf: Putins Krieg
S.Fischer 2022
Gebunden 256 Seiten
ISBN: 978-3103971958

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Essays aus den Jahren 2014 bis 2022, die dem Leser die Ukraine unter dem Eindruck der russischen Aggression näherbringen. Cover Kiwi, Bild mit Canva erstellt.

Essays gehören nicht zu meinen Lieblingstexten. Könnte ich behaupten, denn in meinem Bücherregal steht kein einziges Buch mit Essays. Dennoch ist das die Unwahrheit oder sagen wir: die halbe, denn ich lese seit Jahrzehnten mit einiger Regelmäßigkeit Versuche über irgendetwas. Überregionale Tageszeitungen und Wochenblätter haben im Feuilleton, manchmal auch im Wirtschaftsteil essayistische Texte, die ich wirklich gern und oft mit Gewinn lese.

Aber als Buch?

Der Angriffs- und Vernichtungskrieg von Putins Russland gegen die Ukraine hat dieses Land in den Fokus gerückt. Da ich schon seit zwei Jahrzehnten der Meinung bin, dieser Staat gehöre – anders als Russland – zu Europa, in die EU und Nato, und die politische Entwicklung verfolgt habe, lag es nahe, zum Jahrestag des Großangriffs etwas zu lesen. Romane aus der Ukraine kenne ich ein paar, um etwas anderes kennenzulernen, habe ich zu diesem Essay-Band (und einem Kriegs- und Fluchttagebuch) gegriffen.

Frieden ist eine Vorahnung der Katastrophe, nichts mehr.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Der Essayband versammelt eine Reihe recht kurzer Beiträge aus den Jahren 2014 bis 2022. Sie sind sehr persönlich gehalten und bringen dem Leser die Ukraine und ihre Menschen nahe. Das ist keine besonders angenehme Lektüre, sie ist von Tragik umwittert. Mich erinnert das etwas an Irland und vor allem an Kurdistan, ein Volk, das einfach negiert und umgedeutet wird, um ihm die Berechtigung einer Nation zu nehmen.

Die Essays reichen oft in das zwanzigste Jahrhundert und weiter zurück; Russland hat seit jeher blutige Kriege und Vernichtungsfeldzüge geführt, den unendlichen Grausamkeiten des Holodomor folgte der deutsche Vernichtungskrieg, ein langer Partisanen-Kampf nach 1945 gegen die Sowjets und schließlich eine Republik, die formal unabhängig, strukturell und mental sowjetische war. Wen wundert es, dass die Essays wenig Sonnenlicht bieten?

»Das Schlimmste am Kommunismus war ebendieser Zwang (oder die besten Bedingungen dafür) gewissenlos, ehrlos zu sein. Wer das nicht konnte, büßte schwer.«

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus

Interessant ist, dass Nahebringen in diesem Fall eine verstärkte Fremdheit bedeutet. Die Lebenswelt und -wirklichkeit, die Maljartschuk in ihren Texten zum Leben erweckt, unterscheidet sich krass von dem, was man im gemütlich-demokratisch-freien Westen erlebt hat. Manche Sätze sind wie ein Beilschlag für antikapitalistische Träumer und (un-)heimliche Schwenker des Sowjetbanners.

Danach geht es weiter – man atmet aus.

Tanja Maljartschuk: Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus
Kiwi 2022
HC 176 Seiten
ISBN: 978-3-462-00462-5

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